Der Marquis mit dem versteinerten Herzen

– oder –

 

Rückgabe möglich

Bis zu 14 Tage

Sicherheit

durch SSL-/TLS-Verschlüsselung

Aus Liebe hat sich Prudence einem Mann hingegeben, der sie schmählich verriet! Nur wenn sie schnellstens einen Ehemann findet, lässt sich ihr gesellschaftlicher Ruin noch abwenden. Zum Glück ist Ross Vincent, Marquis of Cranford, bereit, ihren Makel zu akzeptieren. Denn der Witwer hat selbst in seinem Leben innere wie äußere Narben davongetragen und sein Herz vor der Liebe verschlossen. Er sucht lediglich eine Frau, damit sein kleiner Sohn nicht ohne Mutter aufwachsen muss. Doch als Prudence mit Ross vor dem Traualtar steht, beginnt ihr Herz plötzlich schneller zu schlagen. Ist sie dazu verdammt, an der Seite eines Mannes zu leben, der ihre Gefühle niemals erwidern wird?


  • Erscheinungstag 06.06.2023
  • Bandnummer 630
  • ISBN / Artikelnummer 0811230630
  • Seitenanzahl 256

Leseprobe

1. KAPITEL

Little Gransdon House, Hertfordshire, 1. Mai 1815

Süßer Blumenduft hing noch in der warmen Luft des Treibhauses. Im Mondlicht schimmerte das Blattwerk der Pflanzen wie Perlmutt, und der ferne Klang der Musik aus dem Ballsaal wirkte zauberhaft wie in einem Traum. Und dann hörte die Musik auf – wie im Märchenland, wenn die geheimnisvolle Maske gelüftet wird –, und zurück blieb eine Stille, die nur noch vom Plätschern des Wassers in dem kleinen Brunnen unterbrochen wurde.

Prue setzte sich auf. Die Bank, die ihr vor wenigen Augenblicken noch weich erschienen war wie ein Polster aus Schwanendaunen, drückte hart und kalt gegen ihre Beine. Ihr war schwindelig, der starke Duft des Jasmins widerte sie nun an und sie kämpfte gegen die Übelkeit nach dem ungewohnten Glas Champagner. „Charles?“

Der Mann, der sie eben noch so zärtlich auf die Bank gebettet hatte, überprüfte gerade, ob sein Hemd wieder makellos glatt war. Er schaute auf. „Ja?“ Es klang ungeduldig. „Um Himmels willen, tu etwas für dein Aussehen. In welchem Zustand du bist!“ Er begann den Sitz seiner Hosenbeine mit großer Sorgfalt in Ordnung zu bringen.

Prue schaute an sich hinab und war entsetzt. Ihre Röcke waren bis zur Taille hochgezogen und bauschten sich an ihren Hüften. Ein Strumpf war ihr bis auf den Knöchel hinuntergerutscht. Ihre Brüste quollen aus dem Mieder ihres Abendkleides in schamloser Üppigkeit, und sie sah so aus, als hätte sie gerade … Nun ja, sie hatte.

Sie zog ihr Mieder hoch und zuckte zusammen, als sie ihre üppigen Kurven gewaltsam unter das enge Gewebe presste. Überall auf ihrer hellen Haut zeigten sich rote Flecken, die sich in Blutergüsse verwandeln würden. Prue unterdrückte mühsam einen Schluchzer.

„Oh, sei endlich still, du dummes Ding. Du wolltest es doch auch. Und jetzt heule nicht herum, dafür ist es zu spät.“ Er wandte sich ab – ein schlanker junger Mann, dessen Haar im Mondlicht golden schimmerte – doch sie hatte das selbstzufriedene Lächeln auf seinem gut aussehenden Gesicht bereits gesehen.

„Charles? Wohin gehst du?“

Er blickte zurück zu ihr, sein Lächeln wurde zum höhnischen Grinsen, und endlich fielen ihr die Schuppen aus Romantik und Verblendung von den Augen.

„Du hast mir gesagt, du liebst mich. Du sagtest …“

„Du bist ja wirklich so naiv, wie du aussiehst.“ Er stand an einer der blumenumrankten Säulen, zupfte ein paar Blüten ab und zertrat sie auf dem Fliesenboden. „Wer hätte gedacht, dass Miss Blaustrumpf Scott so töricht wäre? Man sagt dir nach, du seist intelligent. Wie konntest du auf die Idee kommen, der Sohn eines Adligen würde auf eine unscheinbare Miss Nobody hereinfallen, die keine anderen Vorzüge hat als ihre Titten? Ich wollte gern meine Hände darauf legen, aber es hat sich kaum gelohnt. Außer, dass es mir fünfzig Guineen eingebracht hat.“

„Du hast darauf gewettet, dass du mich verführen würdest?“ Zum Glück hielt die Wut sie aufrecht trotz ihrer zitternden Beine. Es schmerzte, wo er … wo er gewesen war. „Du bist ein Hundesohn, ein erbärmlicher Schurke, ein Feigling, und ich werde …“

„Was wirst du, kleine Miss Unbesonnenheit? Weinend zu Papa rennen? Das würde ich an deiner Stelle nicht tun, es sei denn, du willst, dass die gesamte Gesellschaft davon erfährt, dass du die Beine für jeden breitmachst.“ Er wandte sich zum Gehen. Über die Schulter zurückblickend sagte er nur noch: „Du sagst niemandem etwas, und meine Freunde und ich werden dein kleines Geheimnis bewahren. Fairer kann man doch wohl nicht sein als ich, oder?“

Im Haus des Duke of Aylsham, Grosvenor Square, London, 3. Mai 1815

„Ich werde diese miese kleine Kröte mit einer rostigen Schere kastrieren und seine schrumpeligen kleinen Eier mit einem stumpfen Löffel auskratzen. Und dann werde ich das Ganze in ranzigem Fett braten und ihn zwingen, alles zu essen.“ Melissa Taverner wirbelte herum und blieb vor dem kalten Kamin stehen, um Luft zu holen für die nächste Tirade.

„Hochverdient, aber in diesem Moment nicht besonders hilfreich“, stellte die Duchess of Aylsham fest. Sie lächelte Prue an, die neben ihr auf dem Sofa saß. Verity bewegte ein wenig ihre Füße auf dem Fußschemel und legte eine Hand auf den leicht gewölbten Bauch. „Die Rache wird warten müssen. Prue hat jetzt ein paar praktischere Probleme zu bewältigen. Hat er dich eigentlich verletzt, Liebes? Ich habe einen wundervollen Doktor, äußerst diskret und verständnisvoll. Es wäre vielleicht das Beste, du würdest ihn aufsuchen. Ich könnte ihn aber auch bitten hierherzukommen.“

Prue schüttelte den Kopf. „Ich danke dir, Verity, aber es ist nicht nötig. Ich bin danach auf direktem Weg auf mein Zimmer gegangen und habe mir ein heißes Bad bereiten lassen. Das hat geholfen. Ich bin immer noch etwas wund, aber ansonsten ist anscheinend alles in Ordnung.“ Sie lächelte verzagt. „Zumindest körperlich. Aber ich weiß nicht, was ich tun soll. Wie soll ich mich verhalten? Charles ist immer noch hier als Gast auf der Hausparty. Und dann fiel mir wieder ein, dass dein Brief am Morgen zugestellt worden war, also sagte ich am nächsten Tag – gestern – der Tante, dass du mich brauchtest wegen des Babys. Sie sagte, sie könne sehen, dass ich besorgt sei und nicht gut geschlafen habe, und dass ich ein gutes selbstloses Mädchen sei, weil ich meiner Freundin helfen wolle. Also lieh sie mir die Familienkutsche und sagte, sie werde meiner Mama schreiben und sie über meine geänderten Pläne informieren.“

„Wie lange hattest du eigentlich geplant, bei deiner Tante zu bleiben?“, fragte Lucy Lambert, die ruhigste von ihnen. „Wird Mrs. Scott Einwände haben, wenn du deine Pläne änderst?“

„Es war ein Aufenthalt von mehreren Monaten vorgesehen. Die Tante gibt immer mindestens drei Hauspartys, solange das Wetter anhaltend gut bleibt. Mama dachte, dass ich wahrscheinlich hier eher jemand Passenden für mich finde als zu Hause“, antwortete sie niedergeschlagen.

„Also, wenn ich deiner Mama schreibe und frage, ob du hier bei mir bleiben kannst, und wenn ich ihr verspreche, mit dir auszugehen und dich zu allen Partys, Picknicks und so weiter mitzunehmen, wird sie nichts dagegen haben, oder?“

„Du bist eine Duchess, Verity“, sagte Prue. Zum ersten Mal seit zwei Tagen empfand sie beinahe Heiterkeit. „Mama würde nichts einzuwenden haben, selbst wenn du zwei Köpfe hättest.“

„Sehr gut. Ich werde sie bitten, eine Weile ohne dich auszukommen und dich mir ‚auszuleihen‘. Ich schreibe ihr, dass es mir gut geht, aber dass ich weibliche Gesellschaft bitterlich vermisse. Und dass ich ihr verspreche, dich vielen hochgestellten Leuten vorzustellen.“

„Dann ist Prue hier geschützt und in Sicherheit vor diesem niederträchtigen Mann. Aber es hilft ihr nicht bei ihren anderen Problemen, oder?“ Melissa war immer noch streitlustig.

„Welche meinst du?“, fragte Lucy unschuldig.

„Ob ich schwanger geworden bin. Und selbst wenn nicht, was ich meinem zukünftigen Gatten dazu erzählen soll. Falls ich überhaupt jemals einen haben sollte“, sagte Prue. Darüber hatte sie bereits zwei Nächte nachgegrübelt.

„Wann ist deine nächste Regel fällig?“ Verity dachte immer praktisch.

„In zwei Wochen.“

„Es wird dir wie zwei Monate vorkommen“, meinte Melissa mit ihrem üblichen Mangel an Taktgefühl. „Wenn du schwanger wärst, was würdest du dann tun? Du würdest doch wohl nicht …“

„Nein, das würde ich nicht. Ich könnte es nicht.“ Sie hatte daran gedacht, und es hatte ihr große Angst gemacht. „Ich würde es Mama sagen, und sie würde mich vermutlich irgendwohin fortschicken. Und dann müssten wir eine freundliche Person finden, die sich um das Kind kümmert.“

„Sie wird nicht besonders mitfühlend reagieren, nicht wahr?“, fragte Verity. Sie kannte Prues Mama ziemlich gut.

„Nein“, gab Prue zu. Es war ihr Albtraum, dass ihre Mama ganz einfach das Baby wegschaffen und es bei irgendwelchen „geeigneten“ Pflegeeltern unterbringen würde. Dann würde Prue nie erfahren, was mit ihm geschehen war.

„Du könntest darauf bestehen, dass Charles Harlby dich heiratet“, schlug Lucy zaghaft vor.

„Ich würde lieber eine Viper heiraten. Oder eine Nacktschnecke. Wenn ich daran denke, dass ich glaubte, ich wäre verliebt in diese Kreatur …“ Prue schauderte. „Ich muss völlig von Sinnen gewesen sein.“

„Du bist ihm auf den Leim gegangen.“ Jane, Countess of Kendall, rieb geistesabwesend an einem Fleck Ölfarbe auf ihrem Handrücken. Sie ergriff zum ersten Mal das Wort, seit die Freundinnen sich hier versammelt hatten, um Prue zu trösten. „Er sieht sehr gut aus, das muss man zugeben. Und er hat eine äußerst einnehmende Art. Es ist garantiert nicht das erste Mal, dass er einer sittsamen jungen Frau so etwas angetan hat, da bin ich ganz sicher.“ Sie machte ein nachdenkliches Gesicht.

„Ich könnte Ivo bitten, dafür zu sorgen, dass es ihm sehr leidtut.“ Der genießerische Klang ihrer Stimme stand im Widerspruch zu Janes vornehmem Aussehen. „Ivo ist ein äußerst talentierter Kämpfer, und dieser abscheuliche Charles Harlby hat so etwas Ehrenhaftes wie ein Duell nicht verdient.“

„Wer ist das denn?“

„Der Sohn von Viscount Rolson. Und bitte erzähle niemandem davon, nicht einmal Ivo. Ich glaube, Charles wird es für sich behalten, wenn ich ihm keinen Ärger mache“, sagte Prue.

„Das ist Erpressung“, murrte Melissa.

„Das ist richtig. Aber im Moment können wir ihm nichts Wirkungsvolles antun“, sagte Verity mit fester Stimme. „Prue will ihn nicht heiraten – wer könnte es ihr verdenken? –, also müssen wir uns zunächst mit den unmittelbaren Herausforderungen befassen. Es besteht die Gefahr, dass sie schwanger sein könnte, und dass Harlby außerdem einen Skandal auslöst. Ich weiß, er versprach zu schweigen, aber ich traue ihm kein Stück über den Weg.“

„Wen würdest du denn gern heiraten, Prue? Welche Art von Mann?“

„Ich wollte bisher niemanden heiraten, bis ich auf Charles hereinfiel, und nun gefällt mir dieser Gedanke sogar noch weniger. Aber wahrscheinlich wird mir eines Tages nichts anderes übrig bleiben, weil Mama und Papa nie aufhören werden, mich zu bedrängen und Pläne zu schmieden. Es würde mir weniger ausmachen, wenn er nett und freundlich wäre und mich mit meinen Studien fortfahren lassen würde. Es dürfte ihn nicht stören, dass ich ein Blaustrumpf bin. Jemand mit einer großen Bibliothek“, fügte sie sehnsüchtig hinzu.

Sie schaute ihre Freundinnen der Reihe nach an. Alle waren ihretwegen besorgt und zermarterten sich das Hirn, um ihr zu helfen. Sie gab sich innerlich einen Ruck. Es war Zeit, sich eine positivere Einstellung zuzulegen. „Ich hätte gern einen Vater für mein Kind, falls ich eines in mir tragen sollte, und vermutlich werden die Daten umso glaubhafter sein, je früher ich heirate. Aber wer würde mich nehmen? Ich müsste ihm die Wahrheit beichten – ich könnte nicht lügen.“

„Wie stehst du denn zu Kindern?“, fragte Verity, ohne auf ihre Frage einzugehen.

„Ich … ich habe nichts gegen sie. Wollte sagen, ich mag sie. Ich hatte nur nie daran gedacht, einmal selbst welche zu haben. Vor Charles hatte ich gedacht, ich wäre einfach gern eine gelehrte alte Jungfer.“ Prue schaute auf von ihrer intensiven Betrachtung des Musters des Orientteppichs. „Ich glaube, Kinder wären interessant.“

Vielleicht finde ich es ja bald heraus.

„Und würdest du auf einem gut aussehenden Ehemann bestehen?“, hakte Verity nach. „Ich weiß, dass Harlby die Nacktschnecke besonders attraktiv ist.“

Jane legte das Skizzenbuch zur Seite, das sie anscheinend überall hin mitnahm, und schaute Verity intensiv an. „Hast du jemand Bestimmten im Auge?“

„Möglicherweise. Ich musste gerade an eine Begegnung denken, die ich vor ein paar Tagen hatte. Das hat mich auf eine Idee gebracht … Prue, würde es dir etwas ausmachen, wenn ich mit jemandem darüber spräche? Natürlich, ohne deinen Namen zu nennen. Doch ich würde deine Zwangslage erklären müssen. Und es ist natürlich nicht sicher, dass etwas dabei herauskommt.“

Prue bemühte sich, ihren Kummer beiseitezuschieben. Verity war immer voller Pläne, von denen einige den Schirmherrinnen von Almack’s Herzklabaster verursachen würden. Doch sie war die Gemahlin des perfekten, mustergültigen Duke of Aylsham und konnte jeder Kritik mit der Eleganz einer guten Eisläuferin auf einem zugefrorenen See ausweichen.

„Ich wäre dir sehr dankbar“, sagte sie. Vielleicht suchte ja irgendeine exzentrische Person einen Bibliothekar und hatte nichts gegen eine Frau in dieser Position einzuwenden, nicht einmal gegen eine schwangere Frau.

„Dann gehe ich gleich nach dem Mittagessen. Man soll das Eisen schmieden, solange es heiß ist.“ Sie stellte die Füße fest auf den Boden und setzte sich gerade hin. „So. Ich rufe euch alle als Zeuginnen an, dass ich lange genug geruht habe, um sogar den ängstlichsten aller werdenden Väter zufriedenzustellen. Bitte sorge dich nicht, Prue. Was auch immer geschieht, wir nehmen uns deiner an.“

„Ich weiß. Vielen Dank.“ Irgendwo fand Prue die Kraft für ein Lächeln. Ihre Freundinnen würden alles in ihrer Macht Stehende tun, um ihr zu helfen, dessen war sie ganz sicher. Sie wünschte nur, sie wäre nie so töricht gewesen, überhaupt auf Charles hereinzufallen.

Es war gut und schön, wenn die anderen sagten, sie sei unschuldig gewesen und nur nicht gewohnt an die jungen Männer in London und ihre Schmeicheleien. Aber sie hätte selbst erkennen müssen, was er war. Vielleicht hatte sie es ja sogar irgendwie geahnt, denn sie konnte den gemeinen kleinen Verdacht nicht loswerden, dass sie viel zu geschmeichelt gewesen war und die Vorstellung, dass jemand sie liebte, so sehr geliebt hatte, dass sie nicht auf ihre Instinkte gehört hatte. Wirklich töricht. Sie hätte bei ihren klassischen Studien bleiben sollen, bei ihren Büchern und Bibliotheken. Dort gab es nichts Gefährlicheres als Staub und gelegentlich ein paar Spinnen.

Ross Vincent lehnte an der Balustrade am Rande der Terrasse und beobachtete seinen Sohn. Unten auf dem kleinen Rasen gluckste Jon fröhlich und schüttelte seine Rassel für das Kindermädchen neben ihm auf der Decke. Sie gaben ein hübsches Bild ab in der Frühlingssonne, das rotwangige Kind und die ebenso rotwangige, dralle junge Frau mit der weißen Schürze und dem freundlichen Lächeln. Sie war das perfekte Kindermädchen für ein mutterloses Kind. Aber keine Mutter.

Die Gesellschaft würde nicht gerade verständnisvoll darauf reagieren, dass er kaum sechs Monate nach dem Tod seiner Gemahlin schon daran dachte, sich wieder zu verheiraten, aber Jon konnte schon sitzen und hatte begonnen zu brabbeln. Er erkannte Leute wieder und kannte jeden in seiner glücklichen kleinen Welt. Seine neuesten Wörter waren Dada, Mama und Gugu, obwohl er sie ohne Unterschied auf seinen Vater, die Kinderfrau und seinen Spielzeughund anwandte.

Jon brauchte eine Mutter, bevor er merkte, dass er keine hatte. Doch wie zum Teufel sollte ein Mann eine Ehefrau finden, wenn jeder, mit dem er darüber sprach – sofern er wohlerzogen und ehrbar war – entsetzt reagierte, weil er dies schon während der Trauerzeit tat? Und wie sollte er ihren Charakter beurteilen? Bei seinem ersten Versuch hatte er keine sehr gute Wahl getroffen. Lady Honoria Gracewell, Tochter des Earl of Falhaven, war hübsch und äußerlich perfekt gewesen, hatte gute Beziehungen und schien entzückt, einen Marquess zu heiraten, trotz seiner schockierenden Vergangenheit und seines Aussehens. Aber es hatte nicht gehalten, was es versprochen hatte.

Vielleicht gab es ja Hoffnung für ihn, wenn die exzentrische Duchess recht hatte. Warum in aller Welt hatte er so nachlässig sein können, auf der Soiree bei den Hendersons so viel von sich preiszugeben? Es sei denn, die Frau war eine Gedankenleserin. Sie hatte ihm anfangs nur leise ihr Beileid zum Tod seiner Frau ausgedrückt und war dann ohne weitere Umschweife dazu übergegangen, sich nach seinem Sohn zu erkundigen. Innerhalb von nur zehn Minuten – und nach drei Gläsern Champagner – hatte er ihr sein Herz ausgeschüttet und ihr von seinem dringenden Wunsch nach einer Mutter für Jon erzählt. Ausgerechnet Champagner, dachte er verbittert. Und das, obwohl er imstande war, jederzeit mit Rum eine Mannschaft von Freibeutern unter den Tisch zu trinken.

Dann stand die Duchess plötzlich gestern vor seiner Haustür, bildschön unter ihrem modischen Hut und mit Perlen, deren Glanz ihn blendete, und hatte verkündet, sie habe genau die richtige Frau für ihn. Vorausgesetzt, er akzeptiere die Möglichkeit, dass es ein zweites Kind geben könnte, das nicht von ihm war. Als er darauf nicht sofort antwortete, informierte sie ihn mit kühler Stimme, dass die fragliche Lady keine Schuld an der möglichen Schwangerschaft trage, da sie eine makellose Moral und einwandfreie Manieren habe, aber getäuscht und hintergangen worden sei.

Die Duchess of Aylsham ist wie eine Naturgewalt, dachte er, und es war ebenso wenig eine Schande, ihr nachzugeben wie einem Hurrikan oder dem Wechsel der Gezeiten. Nach einer Nacht mit Zeit zum Nachdenken kamen ihm jedoch Zweifel, ob er das Richtige getan hatte. Seine Fantasie gaukelte ihm ein Schreckensszenario nach dem anderen vor. Doch nun war es zu spät. Er hatte sein Wort gegeben, und die Freundin der Duchess würde jeden Augenblick hier eintreffen.

„Die junge Lady, auf die Sie warten, Mylord.“ Finedon, sein neuer Butler, stellte eine beträchtliche Verbesserung gegenüber dem früheren dar, den er zusammen mit dem Titel geerbt hatte. Hodges hatte sich nie von dem Schock erholt, dass der Enkel seines verstorbenen Herrn ein Freibeuter gewesen war, und zuckte jedes Mal zusammen, wenn Ross seine Stimme ein wenig über die Lautstärke einer gepflegten Unterhaltung erhob.

„Bringen Sie sie bitte zu mir.“ Er richtete sich gerade auf, drehte sich jedoch nicht ganz zu der Frau um, die über die Terrasse auf ihn zukam. Er wollte sie nicht erschrecken, bevor sie überhaupt die Chance hatte, den Mund zu öffnen. Das würde früh genug geschehen.

Keine Schönheit, war sein erster Gedanke. Aber das war er schließlich auch nicht. Ross fand ihr Gesicht offen und ansprechend, und sie war anscheinend eher gewohnt zu lächeln als missbilligend die Stirn zu runzeln. Als sie näher trat, sah er, dass sie blond war und blaue Augen hatte. Ihre Haltung war gelassen, obwohl sie ein Stück weit gehen musste, bis sie ihn erreicht hatte. Und sie hatte eine sehr schöne Figur unter ihrem bescheidenen, aber modischen Kleid. Zumindest hielt er es für modisch, aber mit Damenmode kannte er sich zugegebenermaßen nicht besonders gut aus.

Schlank bis auf den Busen, der wahrscheinlich von der Aufregung wogte, die sie in Gesicht und Haltung nicht zeigte. Ja, das war eindeutig das Schönste an ihr. Er hielt seine Fantasie vorerst zurück und wartete, bis sie vor ihm stand.

„Mylord.“ Ihr Knicks war absolut korrekt, ihre Stimme sanft und angenehm. Es gelang ihm, seinen Blick auf ihr Gesicht zu richten und nicht auf die üppigen, verwirrenden Kurven etwas tiefer.

„Madam.“

Dann drehte er sich ganz zu ihr um. Er sah, dass ihre Augen sich weiteten, und hörte den leisen Ton, der ihr entschlüpfte. Doch sie hielt stand.

Das hat er bewusst getan, um meine Reaktion zu sehen.

Seine Narben waren tief und entstellend. Als hätte etwas Wildes mit langen Krallen sein Gesicht zerfetzt von der Stirn über die rechte Augenbraue und Wange hinab bis zum Mundwinkel.

Der erste Anblick dieses Mannes machte sie nervös und ängstlich, einfach wegen seiner riesenhaften Größe. Er stand da wie ein Fels und schaute hinunter in den Garten, als sie in den Garten getreten war und ihn von Weitem gesehen hatte. Weit über sechs Fuß groß, mit breiten Schultern und ebensolchem Brustkorb. Er sah aus, als könnte er Bäume fällen und die Stämme wegtragen, ohne einen Schweißtropfen zu vergießen.

Dann sah sie, dass er kein schöner Mann war, aber das wirkte auf sie irgendwie beruhigend. Mittelbraunes Haar, unmodisch gebräunte Haut, eine unauffällige Nase, die nicht schöner wurde dadurch, dass sie wahrscheinlich ein- oder zweimal gebrochen worden war. Dichte Augenbrauen passten zu den markanten Wangenknochen und dem strengen, geraden Mund. Wenn Verity für sie einen kompletten Gegensatz zu Charles hatte finden wollen, hätte sie es nicht besser machen können.

Verity hatte Prue nur gesagt, er sei seit Kurzem verwitwet, mehr wusste sie nicht über ihn. Nun fragte sie sich, ob dieser Mann überhaupt lächeln konnte. Erst vor wenigen Monaten hatte er seine Gemahlin durch ein Fieber verloren, und vor seinem Gesicht schreckte jeder erschrocken zurück. Aus seinen braunen Augen schaute er sie direkt an – durchdringend, bewertend, einschätzend.

Aber nicht grausam, dachte Prue. Nicht unfreundlich, nur undurchdringlich. Und kalt.

Sie wusste, wie es war, wenn die Menschen einen anschauten und bewerteten aufgrund des Aussehens. Männer starrten auf ihren Busen und leckten sich sichtlich in Gedanken die Lippen. Egal, wie bescheiden Prue sich kleidete – Frauen vermuteten stets, sie würfe ihre Köder aus, und Männer nahmen sich das Recht, sie anzüglich anzugrinsen. Und dafür erwarteten sie auch noch, dass sie sich geschmeichelt fühlen müsste bei so viel Aufmerksamkeit. Wenn sie dann nicht erfreut reagierte, wurden sie unfreundlich, abweisend oder gar unhöflich. Doch eine üppige Figur war nichts im Vergleich zu dem, was dieser Mann zu ertragen hatte. Die Schmerzen mussten entsetzlich gewesen sein, dazu die Angst, das Augenlicht zu verlieren. Grauenvoll.

Wie kam ein Lord überhaupt zu solch einer Verletzung? fragte sie sich. Und welche Art von Lord war er eigentlich? Verity war äußerst diskret gewesen, und Prue hatte auch erst erfahren, dass er offenbar einen Titel hatte, als sein Butler sie ankündigte.

Vermutlich erwartete er von ihr, dass sie nun aufschrie oder zurückzuckte. Stattdessen faltete Prue gesittet die Hände vor dem Körper und wartete. Er schaute sie mit schmalen, misstrauischen Augen an, wodurch seine Miene sich von einem mürrischen zu einem geradezu finsteren Ausdruck wandelte. Sie schluckte, aber veränderte ihre aufrechte Haltung nicht, obwohl sie sich gern gesetzt hätte.

Vom Garten unter ihnen erklang glucksendes Lachen, und sein linker Mundwinkel hob sich ein wenig, während die rechte Seite des Mundes immer noch von der Narbe nach unten gezogen wurde.

Ihre Erleichterung, seinen durchdringenden Blick nicht mehr prüfend auf sich zu spüren, war beinahe körperlich. „Ist das Ihr Sohn?“

Sie schauten beide zu der Wiese hinunter, wo das Baby vor Lachen laut krähte. Es schlug vergnügt nach einem Spielzeug, das seine Kinderfrau ihm entgegenhielt.

„Ja. Jon.“

„Er klingt so glücklich.“ Prue winkte, bis der Kleine die Bewegung sah und mit beiden Händchen zurückwinkte. Dabei bekam die Kinderfrau einen Schlag am Kinn ab. „Es tut mir leid!“, rief Prue hinunter, und das Mädchen lächelte zurück.

„Sie haben eine gute Kinderfrau für ihn.“

„Was wissen Sie über solche Dinge?“

„Gar nichts. Aber ich erkenne ein fröhliches und freundliches Gesicht, wenn ich es sehe, und das Kind gedeiht und ist offensichtlich glücklich.“

Seine Lordschaft knurrte und wandte sich vom Rand der Terrasse ab. „Sie haben starke Nerven, Madam.“

„Ich heiße Prudence. Prue. Glauben Sie das, weil ich es wage, allein in das Haus eines alleinstehenden Mannes zu kommen?“

„Ich glaube es deswegen.“ Er berührte mit der rechten Hand seine Wange, und nun wäre sie beinahe doch zurückgezuckt. Sein Handrücken war bedeckt mit der schwarzen Zeichnung einer großen Klaue, deren Krallen sich über jeden einzelnen Finger erstreckten. Tattoo, so nannte man das. Tätowierung. Sie hatte darüber in den Schriften von Captain James Cook über die Südsee gelesen, aber noch nie selbst ein Tattoo gesehen.

„Es war ein Schock“, gestand sie. „Ich möchte lieber nicht darüber nachdenken, wie grauenvoll es gewesen sein muss, so eine Verletzung erleiden zu müssen. Wer hat Ihnen das angetan?“

„Ein Vogel. Ein Adler, den jemand für Angriffe dressiert hatte.“

„Große Güte, ich habe nicht gewusst, dass ein Mensch so etwas tun kann.“

„Er war Schwede – eher Pirat als Freibeuter. In seinem Land bringt man Steinadlern bei, Wild zu jagen.“

Sie konnte nur vermuten, wie stark ein Vogel sein musste, der das konnte. „Sie haben ihn getötet?“

„Warum sollte ich das tun? Er war nur eine Waffe.“ Er sah ihr tief in die Augen. „Ich tötete seinen Besitzer.“

Das Land hatte sich damals im Kriegszustand befunden. Vielleicht war er Soldat. Obwohl – welcher Franzose jagte mit Adlern? Sie hatte nicht vor, seine Erwartungen zu erfüllen und war nun doch noch ängstlich zurückzuweichen. „Und Sie bewiesen Ihren Respekt für diese Waffe mit einem Tattoo?“ Prue zeigte auf seine Hand.

„Es schien mir eine gute Ablenkung zu sein, während die Verletzung ausheilte. Einer meiner Männer beherrscht diese Kunst.“ Er entfernte sich von der Balustrade. „Würden Sie sich gern setzen, Miss Prudence? Wir haben Wichtigeres zu besprechen als meine Narben.“

Ein Tisch mit zwei Stühlen stand im Sonnenschein bereit. Prue folgte ihm und wunderte sich über seine Anspielung auf eine Mannschaft. Er war also Seemann? Ein Offizier in der Navy? Aber er war doch irgendein Lord.

Sie setzte sich auf den Stuhl, den er für sie festhielt, und wartete, bis er sich auf dem anderen niedergelassen hatte. Seine zerstörte Wange hielt er in ihre Richtung. Er wollte sie wohl testen, vermutete sie. Nun, sie hatte in der letzten Zeit Schlimmeres im Gesicht eines Mannes gesehen als wulstige Narben und Furchen aus weißem Narbengewebe. Sie hatte Verrat und Hohn und kleinlichen Triumph gesehen. Eine ehrliche Verletzung war eine saubere Angelegenheit im Vergleich dazu.

„Ich bin auf der Suche nach einer Ehefrau, damit mein Sohn nicht ohne Mutter aufwächst“, sagte er ohne Einleitung. „Und es muss geschehen, bevor ihm auffällt, dass ihm eine fehlt. Die Duchess sagte, Sie seien vielleicht interessiert.“

Prue fand seine offene Art zu reden nicht abstoßend. Zumindest würde sie bei diesem Mann wissen, woran sie war. „Würden Sie mir wohl bitte Ihren Namen nennen, Mylord? Wie Sie vermutlich erfahren haben, befinde ich mich in einer schwierigen Lage und habe nicht vor, etwas auszuplaudern.“

„Ross Vincent, Marquess of Cranford. Aha, wie ich sehe, ist es mir nun doch noch gelungen, Ihre bemerkenswerte Zurückhaltung zu erschüttern.“

„Sie sind ein Marquess?“ Er nickte, und sie begann zu überlegen. „Vor zwei Jahren … Ich erinnere mich, darüber in den Zeitungen gelesen zu haben. Der Freibeuter-Marquess? Der Aristokrat aus dem East End, so nannte wurden Sie genannt.“

Er nickte und wartete offenbar ab.

„Und Sie wollen mich heiraten?“

„Nicht unbedingt Sie“, sagte er mit kühler Stimme. „Aber ich glaube, Sie könnten passen.“

2. KAPITEL

Lord Cranford hatte mehr getan, als offenbar absichtlich ihre aufrechte Haltung zu erschüttern. Er hatte sie schockiert und indirekt kritisiert. Sie hatte große Lust, einfach umzukehren und auf demselben Weg zu gehen, auf dem sie gekommen war.

Doch sie wusste sehr genau, dass so eine rebellische Aktion nicht mehr bewirken würde, als ihr für einen kurzen Moment zu helfen, ihren Stolz zu bewahren. Was noch schlimmer war, sie würde die Rettungsleine wegwerfen, die Verity für sie aufgetrieben hatte. Somit wäre es unvernünftig, und sie hatte sich immer für vernünftig gehalten. Zumindest, wie sie sich reuevoll eingestehen musste, solange es nicht um glattzüngige, gut aussehende junge Gentlemen mit dem Anstand von Straßenkatern ging.

Dieser Mann war ganz sicher nicht glattzüngig, sah nicht gut aus und war auch nicht mehr ganz jung. Späte Zwanziger, frühe Dreißiger vielleicht? Und er suchte eine Ehefrau, damit sein Sohn eine Mutter hatte. Zumindest hatte er ein attraktives Motiv.

„Sie kennen mich nicht und wissen nichts über mich, außer dass ich keine Jungfrau mehr bin und möglicherweise ein Kind von einem anderen Mann erwarte.“

Er zuckte mit den Schultern. „Ich vertraue der Duchess. Ihre Vergangenheit geht mich nichts an, und ich habe bereits einen Erben. Sie könnten darauf vertrauen, dass ich Ihr Kind nicht anders behandeln würde als mein eigenes.“ Als sie ihn stirnrunzelnd ansah, um seine rätselhaften Worte zu entschlüsseln, schaute er finster zurück. „Ich will gewiss nicht wieder heiraten, nur um verheiratet zu sein. Wenn Sie befürchten, dass ich mit Ihnen ins Bett gehen will, machen Sie sich keine Sorgen. Und sehen Sie mich nicht mit diesem zimperlichen Blick an, Madam. Ich wäre Ihnen treu. An diesen … Dingen … habe ich wohl den Appetit verloren.“

„Und wenn Sie Ihren Appetit wiederfinden?“, erwiderte sie, denn seine Offenheit verunsicherte und verwirrte sie.

Für einen Augenblick dachte Prue, er würde über sie lachen. Doch er zog nur die dicken dunklen Brauen zusammen. „Ich stehe zu meinen Versprechen, und wenn ich etwas gelobe, dann halte ich es ein. Ich habe kein Interesse daran, mit einer Frau zu schlafen, die mich nicht will. Ihre Freundin, die Duchess, erzählte mir einiges über Sie. Dass Sie aus guter Adelsfamilie sind und ein Blaustrumpf, der den Kopf verloren hat wegen eines gerissenen Schurken und Lügners. Sie sind ihr eine treue Freundin. Die Duchess nannte Sie eine intelligente freundliche Frau, die eigensinnig ist auf eine stille Art und Weise. Letzteres glaube ich sofort.“ Er stand auf. „Gehen Sie zu meinem Sohn und finden Sie heraus, was Sie von ihm halten, und wie er auf Sie reagiert.“ Als sie sich nicht sofort bewegte, fügte er hinzu: „Oder Sie gehen jetzt, und wir vergessen, dass diese Begegnung je stattgefunden hat.“

„Das erscheint mir fair.“ Zumindest hielt er nicht mit seiner Meinung hinter dem Berg, dieser Freibeuter, der ein Marquess geworden war. Er folgte ihr nur bis zur Treppe, dann ließ er sie allein hinuntergehen zu der Kinderfrau und dem Kind auf der Decke.

Prue lächelte die junge Frau an. „Bitte, Sie brauchen nicht aufzustehen. Ich setze mich zu euch.“ Sie nahm auf der Decke Platz. „Dies ist Jon, nicht wahr? Und Sie sind …?“

„Maud, Madam.“

Das Baby winkte ihr mit seinem abgenuckelten Spielzeug zu und gluckste. Prue griff nach einem der feuchten Beine des gestrickten Hundes und zupfte sachte daran. Jon lachte und zog zurück.

„Das macht Spaß, nicht? Mal sehen, ob ich dich hochheben kann, ohne dich fallen zu lassen?“

Der Kleine fühlte sich erstaunlich fest und stabil an, er war stämmig und warm. Prue wiegte ihn ein wenig, als sie ihn sicher im Arm hielt, und streichelte mit einer Hand sein seidiges dunkles Haar. „Du hast die Augen deines Papas, stimmt’s?“ Und bei seinem Gewicht würde er eines Tages auch die Größe seines Papas haben. Ihre Worte brachten ihr erneut sein fröhliches Juchzen ein und ein breites Lächeln seines zahnlosen Mündchens.

Wie würde der Mann, der ihnen von oben zuschaute, wohl aussehen, wenn er einmal richtig lächelte? Würden seine dunklen Augen auch so warm aussehen wie die seines Sohnes? Eins war gewiss: Beim Lächeln würde er sehr viele Zähne zeigen. Große scharfe Zähne.

Jons Lächeln änderte sich zu einer konzentrierten Miene. Maud streckte die Arme nach ihm aus. „Ich glaube, Seine kleine Lordschaft braucht recht bald eine neue Windel, Madam. Soll ich ihn nehmen?“

„Ja, bitte.“ Prue legte ihn in die Arme der erfahrenen jungen Frau. „Tröpfeln“ war eine Sache, aber sie glaubte, noch etwas Zeit zu brauchen, bis sie sich mit den größeren „Geschäften“ befassen konnte. Doch trotz ihres instinktiven Zurückweichens gab sie seinen kompakten kleinen Körper nur ungern wieder her.

Maud stand auf. „Ich bringe ihn jetzt nach drinnen, Madam. Mach Winke-winke zu der netten Lady, Jon.“ Sie wedelte mit seinem Händchen, bis er begriff, und er lächelte Prue über die Schulter der jungen Frau strahlend an, während sie ihn fortbrachte.

Ein langer Schatten fiel über die Decke. „Nun?“ Der Marquess war die Treppe zu der Wiese hinabgestiegen, ohne dass sie es gemerkt hatte. Nun stand er da, riesig wie eine Eiche, und verdeckte die Sonne.

„Nun was?“, erwiderte Prue wenig elegant. „Er ist ein bezauberndes Kind. Freundlich und fröhlich. Er mochte mich anscheinend.“

Zu ihrer Überraschung setzte sich Lord Cranford neben sie auf die Decke und kreuzte die langen Beine im Schneidersitz. „Nun, wollen Sie mich heiraten?“

Seine Hose spannte sich über den muskulösen Schenkeln, und seine großen Füße in den Stiefeln nahmen fast den ganzen freien Platz ein. Plötzlich fiel ihr ein ungezogener Spruch ihrer Freundin Melissa über die Füße eines Mannes im Verhältnis zu anderen seiner Körperteile ein, und sie wurde rot.

„Ich weiß nicht. Ich hatte bisher noch nicht viel Zeit, darüber nachzudenken. Oder über Sie nachzudenken. Ähm … uns.“ Sie war verwirrt und ihr fehlten die Worte. Das kannte sie normalerweise nicht. Andererseits war es eine willkommene Abwechslung gegenüber dem blanken Elend, das sie seit Tagen im Griff hatte.

„Dann denken Sie über Folgendes nach. Ich benötige eine Ehefrau, die meinem Sohn eine gute Mutter ist und als meine Gastgeberin fungiert, wenn ich Gäste einlade. Sie sollte meinen Haushalt leiten können. Meine Haushalte“, korrigierte er sich. „Ich bezahle Ihnen einen großzügigen Zuschuss und werde das Kind, das Sie erwarten, wie mein eigenes behandeln. Und ich werde Ihnen treu sein.“

Also verhandelten sie bereits, oder? Auch sie konnte sich klar ausdrücken. „Ich brauche Zeit zum Studieren und eine Bibliothek zu meiner Verfügung. Und einen Zuschuss, von dem ich die Bibliothek nach meinen Wünschen erweitern kann. Ich möchte an Lesungen teilnehmen und Ausstellungen besuchen. Ich brauche die Freiheit, meine Freundinnen zu besuchen und zu mir einzuladen.“

Prue biss sich auf die Lippen und überlegte, wie sie die beiden Fragen ausdrücken sollte, die ihr besonders wichtig erschienen. Sie beschloss, einfach zu fragen. „Haben Sie eigentlich Ihre Frau geliebt?“

„Nein.“ Seine Antwort kam ohne Zögern. „Als ich wider alle Erwartungen den Titel erbte, wurde mir klar, dass ich eine Gattin und einen Erben brauchte. Honoria war geeignet und sehr erpicht darauf, eine Marchioness zu werden.“ Er machte eine wegwerfende Bewegung mit der Hand. „Wir hatten keine Gemeinsamkeiten und mieden uns die meiste Zeit. So hätte es für immer weitergehen können – ich wollte ihren Tod nicht, falls Sie das fragen wollten. Doch sie bestand darauf, eine Party in Vauxhall zu besuchen, obwohl es Gerüchte über Fälle von Cholera in der Gegend gab. Sie erkrankte daran.“ Seine Lippen wurden noch schmaler. „Die Seuche tötete sie.“

Sein Gesicht war vollkommen ausdruckslos. Bei jedem anderen Mann hätte sie es als Zeichen angesehen, dass er etwas zu verbergen hatte, aber bei diesem? Es war anscheinend sein normaler ruhiger Ausdruck.

„Arme Frau“, sagte sie und meinte es auch so. Aber eine Frage hatte sie noch … „Sind Sie immer noch Freibeuter?“

„Nein, bin ich nicht. Manchmal wünschte ich, ich wäre es noch.“ Er beobachtete ihre Reaktion, aber seine eigene Miene blieb unergründlich. „Sie wissen, was der Unterschied ist zwischen einem Freibeuter und einem Piraten, nehme ich an?“

„Natürlich. Als ich in der Zeitung über Sie las, fiel mir auf, dass ich es nicht genau wusste, darum habe ich recherchiert. Piraten sind die ‚Straßenräuber‘ des Meeres. Kriminelle. Freibeuter sind unabhängige Captains, die von ihrer Regierung einen Kaperbrief erhalten, der ihnen erlaubt, die Schiffe von Nationen anzugreifen und zu plündern, mit denen sie Krieg führen. In Ihrem Fall waren es die Franzosen und die von ihnen besetzten Länder. Ich kann mir vorstellen, dass es eine profitable Tätigkeit ist, wenn auch sehr gefährlich.“

„Es kann beides sein. Noch Fragen?“ Prue schüttelte den Kopf. „Denn ich habe auch drei. Was ist Ihr voller Name?“

„Prudence Scott aus Dorset. Wir gehören dem niederen Landadel an, falls Sie sich informieren wollen.“

„Wie alt sind Sie?“

„Dreiundzwanzig. Mein Vater, der große Angst hat, dass ich eine alte Jungfer werde, wäre überglücklich, wenn er hörte, dass ein Marquess mir einen Heiratsantrag gemacht hat.“

Mama wird vor Freude in Ohnmacht fallen.

„Und wer war der Mann, der dafür verantwortlich ist, dass Sie sich in dieser unangenehmen Lage befinden?“

„Warum wollen Sie das wissen?“ Die dunklen Augenbrauen zogen sich wieder zusammen, und sein Ausdruck zeigte sehr deutlich, welches seine Antwort sein würde: Gewalt. „Ich beantworte diese Frage nicht. Nicht, weil ich ihn schützen will, sondern weil ich ihn vergessen will. Und weil ich nicht will, dass Sie das tun, woran Sie gerade denken“, fügte sie sehr eilig hinzu.

„Sie können Gedanken lesen, Miss Scott?“

„Ich habe oft das Verhalten von Gentlemen beobachtet und weiß, dass für Ihr Geschlecht Gewalt manchmal eine angemessene Lösung für Probleme ist.“

„Nun gut. Wenn Sie keine weiteren Fragen oder Bedingungen mehr haben – wollen Sie mir die Ehre erweisen, meine Hand zu akzeptieren, Miss Scott? Habe ich Ihre Einwilligung, Ihren Vater zu kontaktieren?“

„Ja, ich will. Und Sie dürfen.“ Was dachte sie sich eigentlich dabei? Sonst tat sie nie etwas, ohne vorher gründlich nachzudenken, zu recherchieren und verschiedene Möglichkeiten und Alternativen zu erwägen. Außer, wie es aussah, bei Männern. Normalerweise verließ sie sich nicht auf Bauchgefühl, aber dieses Mal sagte es ihr, sie könne diesem mürrischen, gefährlich aussehenden Mann vertrauen. Ihr Bauchgefühl und ihr Vertrauen in Veritys Urteil. Und das blinde Vertrauen, dass der Vater dieses fröhlichen Kindes kein schlechter Mensch sein konnte. Dafür war er zu verzweifelt auf der Suche nach einer guten Mutter, die seinen Sohn liebte.

Jon zu lieben, war gewiss nicht schwierig. Den Marquess of Cranford zu lieben, würde vermutlich unmöglich sein. Andererseits wollte er ja ihre Liebe nicht, oder? Nicht mehr als sie seine wollte. Sicherheit und einen Rückzugsort, mehr erwartete sie nicht von ihm.

„Ich werde meinen Eltern heute Nachmittag noch schreiben.“ Sie kramte in ihrem Handtäschchen. „Hier ist ihre Adresse in Dorset.“

„Vielen Dank.“ Er schaute sich die kleine viereckige Pappkarte an. „Ich werde für mehrere Tage außerhalb von London sein. Sicherlich wird Mr. Scott meine Vorschläge für unsere Vereinbarung sehr sorgfältig prüfen.“

Das bezweifle ich stark. Er wird zu beschäftigt damit sein, einen Freudentanz aufzuführen, weil ich endlich unter der Haube bin.

Lord Cranford stand auf und streckte ihr die linke Hand entgegen, um ihr beim Aufstehen zu helfen. Ihre eigenen schmalen Finger – mit den unvermeidlichen Tintenflecken – verschwanden fast in seiner großen Hand. Und er zog sie mit solcher Leichtigkeit hoch, dass es ihr fast den Atem verschlug. Er war stark, fest und schlank trotz des massigen Eindrucks aufgrund seiner Größe.

Prue wollte ihre Hand wegziehen, aber er hielt sie fest. „Sie machen den Eindruck von bemerkenswerter Selbstbeherrschung, aber Ihr Herz schlägt so schnell wie das eines Kaninchens in der Falle.“

„Warum könnte das wohl sein, Mylord?“, gab sie zurück. „Ich habe gerade zugestimmt, einen vollkommen Fremden zu heiraten, zudem einen Freibeuter, der mir gerade vorgeführt hat, dass er stark genug ist, um mich in der Mitte durchzubrechen.“

Er streckte die rechte Hand aus und berührte ihre Wange. Seine langen Finger mit dem Krallen-Tattoo waren erstaunlich zart und feinfühlig auf ihrer Haut. „Ich misshandle keine Frauen, Prudence. Sie lieben mich nicht, Sie mögen mich nicht, aber Sie müssen niemals Angst vor mir haben.“

Er gab diese Erklärung ohne den geringsten Versuch ab, sie mit Charme zu betören oder zu etwas zu drängen. Aus irgendeinem Grund überzeugte es sie mehr, als sanfte Worte es je fertiggebracht hätten.

„Sehr gut. Sie werden mich im Haus der Duchess of Aylsham am Grosvenor Square finden. Dort wohne ich auf absehbare Zeit.“

„Die absehbare Zeit, Prudence, ist ungefähr eine Woche. Ich werde eine Sonderlizenz beantragen, damit wir heiraten können, sobald ich aus Dorset zurückkomme. Ich vermute, Ihre Eltern werden zur selben Zeit hierherfahren, also können wir hier heiraten.“

„Wir heiraten am Grosvenor Square“, sagte Prue entschlossen und hoffte, dass Verity einverstanden war. „Was Achtbarkeit angeht, übertrifft der perfekteste Duke von England den Freibeuter-Marquess, glaube ich.“

„Sehr gut. Ich werde meinen Sekretär instruieren, Ihren Zuschuss so schnell wie möglich anzuweisen, damit Sie sehr bald darauf zugreifen können.“

„Das ist sehr großzügig.“ Sie rückte ihre Haube zurecht. „Und was, wenn ich meine Meinung ändere?“

„Ich glaube nicht, dass Sie das tun werden, Prudence. Das wäre nicht … besonnen, oder? Und ich vermute mal, dass Sie immer besonnen sind. Oder fast immer.“ Lord Cranford winkelte einen Arm an. „Erlauben Sie mir, Sie nach draußen zu begleiten. Ihre Kutsche wartet dort auf Sie.“

Wenigstens hat er keinmal „prüde“ zu mir gesagt, wie Charles. Ein Mann, der diesem offensichtlichen Wortspiel mit meinem Namen widerstehen kann, hat etwas für sich.

Dieser Mann wird mein Gatte sein, dachte sie, als sie wie auf einer Woge der Unwirklichkeit durch die Hintertür in den Eingangsflur eines extrem sauberen, ansehnlichen Hauses getragen wurde.

Mein Gatte, mein Heim.

Er war Marquess und hatte wahrscheinlich noch mehr Häuser außer diesem am Hanover Square. Alles kam ihr noch so unwirklich vor. Vielleicht war sie im Gewächshaus in Ohnmacht gefallen und hatte sich den Kopf gestoßen. Und jeden Moment würde sie aufwachen von empörtem Geschrei und sich dem größten Skandal des Jahres ausgesetzt sehen.

„Ich sagte, ich werde ihn heiraten“, sagte Prue.

Verity nickte. Will, ihr Gemahl, legte die Fingerspitzen zusammen und betrachtete sie. Lucy murmelte etwas, Jane lächelte.

Melissa machte natürlich ein grimmiges Gesicht, seit Prue den Namen des betreffenden Mannes verraten hatte. „Bist du sicher? Der Mann hat kaum einen besseren Ruf als ein Pirat und ist dem Vernehmen nach in den Slums aufgewachsen.“

„Er drückt sich gut aus, seine Manieren sind an sich untadelig, und er macht auch einen intelligenten Eindruck.“

„Was meinst du mit an sich?“

„Seine Manieren sind konventionell, aber seine Art ist es nicht. Er ist fast erschreckend offen. Er bemüht sich auch nicht, seine Gefühle zu verbergen, um die Dinge besser aussehen zu lassen, und er hat keinen Versuch unternommen, mich charmant zu überreden oder dazu zu bringen, ihn zu mögen. Er tut dies nicht, um zu provozieren. Ich glaube, er hegt lediglich eine Abneigung gegen Heuchelei und Verstellung. Aber ich vertraue ihm wirklich, denn ich glaube, er ist aufrichtig, auch wenn der Umgang mit ihm nicht immer einfach sein dürfte.“

Prue sah Verity nicken. „Was weißt du über ihn, Will?“

Der Duke ließ die Hände sinken. „Man sagt, er sei ein mutiger Kämpfer, und – was ungewöhnlich ist für einen Freibeuter – loyal. Es gibt beispielsweise keinen Bericht, dass seine Schiffe jemals einen britischen Kauffahrer angegriffen hätten. Er hat den Ruf, ein harter, aber verschwiegener Mann zu sein. Auf jeden Fall gibt er sich keine Mühe, der Gesellschaft zu gefallen.“

„Wahrscheinlich deshalb, weil ihn alle wegen seiner Herkunft ganz schrecklich behandeln“, sagte Lucy mit ihrer sanften Stimme. „Ich las darüber, als er den Titel erbte, und Mama war sehr schockiert über das, was sie über ihn hörte. Aber das hat er dir bestimmt schon alles erzählt.“

„Nein, er sagte nichts, und ich wollte nicht gern danach fragen.“

„Nun …“ Lucy machte den Rücken gerade, als wollte sie einen Bericht abliefern. „Ich muss noch einmal überlegen. Sein Großvater hatte zwei Söhne: Peter, den älteren, und John, den Vater dieses Mannes. Peter heiratete und hatte zwei Söhne: George, den Erben, und Frederick. Beide waren verheiratet, aber nur George hatte Kinder – einen Jungen und ein Mädchen.“

„Vier Personen, plus sein eigener Vater, standen also zwischen Ross Vincent und dem Titel“, stellte Melissa fest.

Lucy nickte. „John, sein Vater, war sehr groß und ein begeisterter Faustkämpfer, am liebsten ohne Handschuhe, nur mit den nackten Fäusten. Und zwischen den Zeilen kann man lesen, dass er ständig Schwierigkeiten mit seinem Vater, dem alten Marquess hatte, weil er es mit ziemlich üblen Gesellen bei seinen Kämpfen zu tun hatte. Und dann verliebte er sich in die Tochter eines anderen Faustkämpfers und wollte sie heiraten.“

„Sein Vater war wahrscheinlich außer sich“, meinte Prue.

Autor

Louise Allen
Louise Allen lebt mit ihrem Mann – für sie das perfekte Vorbild für einen romantischen Helden – in einem Cottage im englischen Norfolk. Sie hat Geografie und Archäologie studiert, was ihr beim Schreiben ihrer historischen Liebesromane durchaus nützlich ist.
Mehr erfahren