Bianca Extra Band 161

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DAS VERSPRECHEN, DICH ZU LIEBEN von KAYLIE NEWELL

„Wenn wir mit dreißig noch Single sind, heiraten wir.“ Das haben Rylee und Shep sich damals aus Spaß versprochen. Jetzt sehen sie sich auf einer Party wieder. Beide dreißig, beide Single – und ehe Rylee sich's versieht, küsst Shep sie und verkündet ihre Verlobung …

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  • Erscheinungstag 02.05.2026
  • Bandnummer 161
  • ISBN / Artikelnummer 0802260161
  • Seitenanzahl 432

Leseprobe

Kaylie Newell, Mona Shroff, Stella Bagwell, Marie Ferrarella

BIANCA EXTRA BAND 161

Kaylie Newell

1. KAPITEL

Mit seinem Geschenk in der Hand blickte Shep Dalton sich um. Der Raum war voller Menschen. Wohin er auch blickte: Menschen. Mit Gläsern in der Hand, lachend, redend, beleuchtet von Lichterketten und zwei riesigen Discokugeln, die sie mit kleinen Lichtpunkten übersäten. Etwas übertrieben, aber das überraschte Shep nicht. Seine alte Klassenkameradin von der Highschool, Janet Halstead, das Geburtstagskind, war eine der Ersten in seinem Freundeskreis, die dreißig wurden, und sie war immer schon ein wenig extravagant gewesen. Riesige Discokugeln passten perfekt zu ihr.

Shep war bester Laune. Heute hatten sie auf der Ranch in Bronco die Rinder geimpft und entwurmt und er hatte sich wegen der Party früher aus dem Staub machen können.

Er rückte seinen Stetson zurecht und suchte nach dem Geschenketisch, um das Geschenk abzulegen und danach Janet und ihren Mann Frank zu begrüßen. Janet hatte er nicht gesehen, seit sie nach Wonderstone Ridge gezogen war. Frank war gut betucht und hatte viele Verbindungen, weshalb er für die Party das brandneue Aquarium von Wonderstone Ridge hatte mieten können. Das große Freizeitzentrum darum herum hatte sich jahrelang im Bau befunden und war noch gar nicht offiziell eröffnet, was diese Party hier umso besonderer machte. Seit Monaten konnten es die Bewohner des Countys kaum abwarten, es von innen zu sehen. Dank Janet war es heute so weit.

Er entdeckte den Geschenketisch schließlich nicht weit von einem deckenhohen Aquarium voller Tropenfische. Natürlich bog sich der Tisch fast unter den vielen Geschenken, und in der Mitte stand eine kunstvoll dekorierte dreistöckige Torte.

Entschuldigungen murmelnd bahnte er sich einen Weg durch eine Gruppe von Frauen Anfang dreißig, die Sektgläser in der Hand hielten.

„Das muss dir nicht leidtun, Cowboy“, sagte eine hübsche Brünette und zwinkerte ihm zu. „Mir tut’s auch nicht leid.“

Shep lächelte, blieb aber nicht stehen. Die Frau trug einen Verlobungsring mit einem riesigen Diamanten am Finger, den man schwer übersehen konnte.

Die meisten Gäste hier waren sowieso Pärchen. So war das vermutlich, wenn man auf die dreißig zuging: Heirat, Kinder, ein Haus mit einem weißen Lattenzaun, für das man astronomische Kreditraten zahlte. Vielleicht verallgemeinerte er zu sehr, aber ganz offensichtlich traf das auf die meisten anderen Gäste hier zu.

Plötzlich fühlte er sich zwischen all den glücklichen Pärchen völlig fehl am Platz.

„Shep Dalton? Bist du das?“

Er blickte auf und sah Janet auf sich zukommen. Sie trug ein silbernes Paillettenkleid, das glitzerte und funkelte und damit den Discokugeln Konkurrenz machte.

Strahlend lächelte er sie an. Er hatte Janet immer gemocht und freute sich, sie zu sehen. Laut ihrer Facebook-Bilder hatte sie drei Kinder und war glücklich verheiratet.

„Ich hatte gehofft, dass du kommst“, sagte sie und stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihn auf die Wange zu küssen. „Aber ich weiß, wie schwer es ist, dich von der Ranch loszueisen.“

„Herzlichen Glückwunsch, Janet“, erwiderte er. „Wie könnte ich deinen dreißigsten Geburtstag verpassen?“

„Es ist so lange her, dass wir uns gesehen haben.“ Sie rieb ihm ihren Lippenstift von der Wange. „So attraktiv wie eh und je, wie ich sehe. Aber immer noch nicht verheiratet?“

Unwillkürlich wurde er rot. Nicht schon wieder. Warum waren alle so erpicht darauf, dass er unter die Haube kam? Janet klang wie seine Mutter, die es gar nicht abwarten konnte, und auch seine Brüder lagen ihm ständig damit in den Ohren.

Aber er hatte vor vielen Jahren einem Mädchen etwas versprochen. Einem Mädchen, an das er sich nur zu gut erinnerte.

Er räusperte sich. „Das ist eine tolle Party. Du hattest schon immer ein Händchen dafür.“

Sie lachte und blickte sich um. „Ja, ganz schön viele Leute, was? Die meisten sind Geschäftsfreunde von Frank, die ich gar nicht so gut kenne. Für ihn ist das eine Möglichkeit, Beziehungen zu knüpfen. Aber es sind auch einige von unserer Highschool hier, was mich sehr freut.“

„Ach ja?“ Er nahm sich ein Glas Sekt von dem Tablett, das ein Kellner vorbeitrug. Sekt war gar nicht so sein Ding, aber wenn er nun schon mal hier war … Er nahm einen Schluck und fragte: „Wer ist denn aus unserer Klasse da?“

„Meine ganze Cheerleader-Truppe. Und Anna Delgado aus der Theater-AG – erinnerst du dich an sie? Sie ist zur selben Zeit aus Tenacity weggezogen wie ich, lebt jetzt im Norden und hat gerade ein Kind bekommen.“ Janet tippte sich mit ihrem manikürten Fingernagel an die Lippen. „Wer noch? Ach ja! Rylee Parker! Das wird dich freuen, oder? Ihr zwei habt ja immer zusammengesteckt.“

Shep hatte noch einen Schluck Sekt getrunken, doch als er Rylees Namen hörte, bekam er ihn kaum hinunter.

„Rylee ist hier?“, brachte er hervor.

„Vorhin stand sie da drüben bei dem Aquarium mit den Medusen.“ Janet blickte zu ihm auf. „Es hat mich immer überrascht, dass ihr zwei kein Paar geworden seid. Ihr habt gut zusammengepasst.“

Sheps Magen zog sich zusammen. Niemand in seiner kleinen Heimatstadt Tenacity hatte gewusst, was er damals für Rylee empfunden hatte. Am allerwenigsten Rylee selbst. Aber Janet hatte in einem recht: Sie waren wirklich unzertrennlich gewesen. Wobei sie keine besonders spektakulären Sachen gemacht hatten. Das Aufregendste war gewesen, dass sie einmal die Schule geschwänzt hatten, um im Fluss schwimmen zu gehen. Und dazu hatte er Rylee schon überreden müssen. Sie war damals ein wenig schüchtern, eine erstklassige Schülerin und ziemlich angepasst. Daran hatte auch Shep mit seinen manchmal verrückten Ideen nichts ändern können.

Als er jetzt an sie dachte, musste er lächeln. Er zwinkerte Janet zu.

„Was nicht ist, kann ja noch werden.“

Sie hob die Augenbrauen. „Waass? Wie meinst du …“

Doch als eine ältere Frau hinter ihr auftauchte und ihr auf die Schulter tippte, konnte sie ihren Satz nicht beenden.

„Janet, Liebes, der Caterer wollte etwas wegen der Krabben wissen. Ich wusste nicht, was ich ihm sagen sollte.“

„Oh, danke, Linda. Ich komme.“

Sie drehte sich wieder zu Shep um und legte einen Finger auf seine Brust. „Glaub ja nicht, dass dieses Gespräch schon beendet ist.“

Er nickte nur und blickte ihr nach, wie sie sich auf den Weg machte, um den Caterer zu suchen.

Stirnrunzelnd blickte er dann auf das Glas in seiner Hand. Heute würde er also Rylee wiedersehen. Rylee mit den rotbraunen Haaren und den wunderschönen blauen Augen. Er sah sie noch wie damals vor sich, am Ufer des Flusses, mit Wassertropfen auf ihren nackten Schultern, die wie Diamanten glitzerten. Er hatte sich damals hauptsächlich als ihr Beschützer gesehen. Er war ihrer nicht würdig. Und sie war auch viel zu gut für jeden anderen Jungen, den er kannte.

Nein, Sekt würde da nicht helfen. Er stellte das halb volle Glas einem vorbeilaufenden Kellner aufs Tablett. Er brauchte ein Bier.

Rylee nahm einen Schluck Sekt und zog die Nase kraus. Sie hasste Sekt. Davon bekam sie immer Sodbrennen. Aber auch in allen anderen Aspekten fühlte sie sich auf Partys wie diesen nicht besonders wohl.

Nein, das stimmte nicht. Sie hatte sich früher auf solchen Partys nicht wohlgefühlt. Seitdem war sie zu einer selbstbewussten, fähigen, erfolgreichen Frau mit einem Masterabschluss geworden, die vor Kurzem zur Marketingdirektorin des Bronco Convention Centers ernannt worden war.

Sie schluckte. Wenn sie sich das oft genug vorsagte, würde sie es vielleicht glauben. Tatsächlich hatte sie viel von ihrem schüchternen Wesen abgelegt, aber manchmal blitzte es zu den unpassendsten Momenten doch wieder auf. So wie jetzt.

Unbequem, aber nicht zu ändern.

Sie betrachtete die bunten Fische in dem Aquarium und atmete tief durch. Sie würde bleiben, bis Janet ihre Torte anschnitt, und sich dann auf den Heimweg machen. Bis auf ein paar ehemalige Mitschülerinnen von der Highschool kannte sie hier niemanden, und in ihrem Eisfach zu Hause wartete eine Packung Ben & Jerrys After Eight Eis auf sie, die ihr definitiv mehr gab als dieser teure Sekt.

Sie trank noch einen Schluck und versuchte, nicht darüber nachzudenken, dass eine Party zu verlassen, um allein zu Hause Eis zu essen, genau das war, was ein schüchterner, introvertierter Mensch tun würde.

„Na, wenn das nicht meine alte Schwimmkumpanin ist …“

Überrascht drehte Rylee sich um, als sie die tiefe Stimme hinter sich hörte.

Und dann stand sie einfach nur da und wusste nicht, was sie sagen sollte. Ihr Herz schlug schneller, während sie den attraktiven Cowboy in dem rot karierten Hemd anstarrte, der vor ihr stand. Er lächelte sie an, und in seinen Augen war dieses vertraute, schelmische Funkeln.

Shep Dalton …

Sie konnte es kaum glauben. Es war so lange her, dass sie ihn gesehen hatte, dass sie blinzeln musste, um sich davon zu überzeugen, dass sie nicht nur tagträumte. Natürlich hätte sie wissen können, dass er hier sein würde – er war auch mit Janet befreundet gewesen. Sie wusste zwar, dass er inzwischen wie sie in Bronco wohnte, aber das war noch nicht lange so. Sein Vater hatte an den Spielautomaten in Las Vegas Glück gehabt und von dem Gewinn eine große Ranch in den Bergen oberhalb Broncos gekauft. Entweder war Shep nicht oft in der Stadt oder sie hatten sich wirklich immer verpasst, jedenfalls waren sie sich dort nie über den Weg gelaufen.

Rylee lächelte ihn an, während sich angenehme Wärme in ihr ausbreitete. Es musste daran liegen, wie er sie anblickte. Genau wie damals auf der Highschool – als wäre sie anders als alle anderen Mädchen. Er hatte es immer geschafft, dass sie sich wie etwas Besonderes fühlte.

Und das, obwohl er sich überhaupt nicht für sie interessierte. Da war sich Rylee immer ganz sicher gewesen. Er war ein lebhafter Abenteurer und sie das schüchterne Mauerblümchen. Was hätte er mit ihr schon anfangen wollen?

„Shep?“, brachte sie heraus.

„Ganz genau der.“

Er trat auf sie zu und umarmte sie herzhaft, dann hob er sie komplett hoch, bis sie atemlos lachte.

Als er sie wieder abstellte, schob er sich den cremefarbenen Stetson aus der Stirn und lächelte auf sie hinunter.

„Das ist ja ewig her, Rylee“, sagte er. „Ich hätte dich vermutlich gar nicht erkannt, wenn Janet mir nicht verraten hätte, wo ich dich finde.“

Sie berührte ihr Haar. „Sehe ich so anders aus?“

„Nur ein wenig reifer. Das ist alles. Aber immer noch bildhübsch.“

Sie wurde rot. „Und du bist immer noch ein Charmeur.“

Genau deshalb war sie damals auch bis über beide Ohren in ihn verliebt gewesen.

Er lehnte sich an die Wand und steckte eine Hand in die Tasche seiner Jeans. Sein Hemd spannte über den breiten Schultern und es war nicht sehr schwer, sich vorzustellen, wie er ohne es aussehen würde. Shep war ein Rancher, dementsprechend gut war er in Form. Die vielen Stunden körperlicher Arbeit im Freien erzielten bessere Ergebnisse als das beste Fitnessstudio.

Plötzlich wurde Rylees Mund trocken und sie trat von einem Fuß auf den anderen. Zu dem verführerischen Anblick kam noch sein ebenso verführerischer männlicher Duft nach Leder und Moschus. So männlich.

„Los, erzähl mir alles“, fordert er. „Was machst du so dieser Tage? Wir haben uns nicht mehr gesehen, seit du Tenacity verlassen hast, um aufs College zu gehen. Und die ganze Zeit über musste ich allein im Fluss schwimmen.“

Sie lächelte wieder. „Ich glaube nicht eine Sekunde lang, dass du ohne mich einsam warst.“

„Vielleicht, vielleicht auch nicht. Aber du warst immer meine Lieblingsschwimmpartnerin. Keine konnte dir das Wasser reichen, nachdem du weg warst.“

Rylee lehnte sich ebenfalls an die Wand und beobachtete ihn. Es war nicht schwer, Shep Dalton bei irgendetwas zuzuschauen, selbst, wenn er nur an einer Wand lehnte. Der Mann sah einfach umwerfend aus. Und er hatte sich kaum verändert seit dem Tag, an dem sie sich von ihm verabschiedet hatte, weil sie wegzog. Er hatte nur ein paar kleine Fältchen in den Augenwinkeln, die sie sehr sexy fand, und sein Gesicht war von der vielen Arbeit im Freien gebräunt.

„Ich habe gehört, dass du nach Bronco gezogen bist“, sagte sie. „Ich wollte dich immer mal anrufen, aber du weißt ja, wie es ist – Arbeit, das Leben … Ich habe immer so viel zu tun.“

„Was machst du denn beruflich?“

„Chuck Carter hat mich vor Kurzem zur Marketingdirektorin des Bronco Convention Centers ernannt.“

Shep hob die Augenbrauen. „Wow, das ist beeindruckend.“

„Na ja, da Geoff Burris und die Hawkinsschwestern so große Rodeostars sind, gibt es viel Publicity-Arbeit. Und du? Arbeitest du noch auf der Ranch?“

Er nickte. „Jawohl, und ich bin der Einzige von meinen Brüdern, der noch nicht verheiratet oder verlobt ist. Sehr zum Kummer meiner Mutter.“

„Sie will dich verkuppeln?“

„Sie versuchen alle, mich zu verkuppeln. Ständig. Ich meine, bin ich komisch oder ist das hier so eine Art Gesetz, dass man mit dreißig verheiratet sein muss?“

Bei seinen Worten schlug ihr Herz wieder schneller. Es mochte zwölf Jahre her sein, dass sie ihren Schulfreund und großen Schwarm das letzte Mal gesehen hatte, aber sie erinnerte sich an ihr gegenseitiges Versprechen, als wäre es gestern gewesen: Wenn wir nicht verheiratet sind, wenn wir dreißig werden …

Etwas abwesend trank sie noch einen Schluck Sekt. Entweder war sie davon leicht beschwipst oder von Shep.

Er lächelte sie an. „Du erinnerst dich dran, oder?“

„Woran?“

„Du weißt genau, was ich meine.“

„Ich habe keine Ahnung.“

„Lügnerin.“

Unwillkürlich musste sie lachen. „Shep, das ist sehr lange her.“

„Schon möglich, aber ich bin nicht verheiratet. Und du hast auch keinen Mann an deiner Seite erwähnt.“

„Soll heißen?“

„Versprochen ist versprochen und wird auch nicht gebrochen.“

Hastig trank sie noch einen Schluck. Sie war auf jeden Fall beschwipst. „Lass uns von etwas anderem reden.“

„Was schlägst du vor?“

Hilflos blickte sie sich um auf der Suche nach einem Gesprächsthema, das nichts mit ihrem Versprechen zu tun hatte, dass sie einander heiraten würden, wenn sie dreißig wurden. Denn immerhin war sie jetzt neunundzwanzig. Und neun Monate.

Vermutlich wollte sie deshalb nicht darüber reden, weil es ein empfindliches Thema war. Als sie sich dieses Versprechen gegeben hatten, hatte Shep es vermutlich spaßig gemeint, aber sie nicht. Damals hatte der Gedanke, ihn zu heiraten, sie mit reinem Glück erfüllt.

„Janet wird vermutlich gleich ihre Torte anschneiden“, sagte sie. „Und ihre Geschenke auspacken. Ich habe ihr eine Espressomaschine gekauft.“

Er nickte amüsiert und sie konnte es ihm kaum verübeln. Es war nicht der eleganteste Themenwechsel aller Zeiten.

„Was hast du ihr geschenkt?“, fragte sie.

„Eine Halskette.“

„Eine Halskette?“ Ach du lieber Himmel. Da konnte ihre Espressomaschine kaum mithalten. „Was für eine Halskette?“

„Ein Perlencollier. Es hat mich an eine Kette erinnert, die Janet damals oft getragen hat. Ich habe sie in einem Antiquitätengeschäft in Bronco gesehen.“

Rylee nickte nachdenklich. Irgendetwas daran erinnerte sie an etwas, aber sie kam nicht drauf. Ein Perlencollier … Und dann fiel es ihr wieder ein. Der Bürgermeister hatte seiner Frau auf der großen Party zu ihrem dreißigsten Hochzeitstag im Januar ein Perlencollier geschenkt, das noch am selben Abend auf mysteriöse Weise verschwunden war. An den Tagen danach hatte er in der Lokalpresse einen Aufruf gestartet, in dem er um die Rückgabe des Colliers bat. Das Foto des Colliers hatte sie sogar noch auf ihrem Handy.

Sie fischte das Handy aus ihrer Tasche und suchte das Foto, während Shep ihr neugierig zusah.

„Erinnerst du dich an das Collier, das der Bürgermeister vor ein paar Monaten seiner Frau geschenkt hat und das verloren ging? Er hatte in der Zeitung und im Radio um Mithilfe gebeten.“

„Ja, ganz dunkel. Wieso?“

Sie hatte das Foto gefunden und hielt es ihm hin. „Sieht das Collier, das du für Janet gekauft hast, eventuell so ähnlich aus?“

Die Perlen hatten einen zierlichen Goldverschluss, auf dem eine Rose eingeprägt war. Eine individuelle Note, die es von anderen Colliers unterschied, die einem aber nur auffiel, wenn man danach suchte.

Stirnrunzelnd betrachtete Shep das vergrößerte Bild. „Tatsächlich sieht es exakt genauso aus.“

„Ach du liebe Güte. Wenn es das ist, das verloren ging, könnte es jemand gestohlen und dem Antiquitätenhändler angedreht haben.“

„Na toll.“ Shep wandte sich um, um zum Geschenketisch zu blicken. „Es ist dasselbe, da bin ich mir ganz sicher. Und ich habe es gerade auf den Geschenketisch gelegt. Wir sollten es zurückholen, bevor es jemand bemerkt. Ich kann ihr doch kein gestohlenes Collier schenken.“

Rylees Puls beschleunigte sich. „Die arme Janet. Wir müssen also ihr Geschenk zurückstehlen?“

„Bevor irgendjemand etwas merkt. Machst du mit?“

Sheps Augen funkelten. Diesen Ausdruck kannte sie. Das war genau die Art von Spaß, den sie damals gehabt hatten: Sie hatten sich spontan zu kleinen, harmlosen Mutproben herausgefordert. Und sich dann hinterher halb totgelacht.

„Na komm“, sagte er. „Der Bürgermeister wird begeistert sein.“

„Seine Frau bestimmt auch.“

„Janet aber eher nicht.“

„Aber was sie nicht weiß, macht sie nicht heiß, also …“

„Meine Rede“, sagte Shep. „Sind wir bereit, Komplizin?“

Rylee blickte sich rasch um und fühlte sich wieder wie mit siebzehn. Offenbar war das die Wirkung, die Shep auf sie hatte: dass sie sich wieder wie eine Teenagerin vorkam. Mit all den wilden Gefühlsstürmen, die damit einhergingen.

Er streckte den Arm aus und nahm ihre Hand. Ihr wurde heiß und ihr Herz begann wie wild zu klopfen. Sein Griff war warm und fest, und so wie damals fühlte sie sich sofort sicher. All ihre Unsicherheiten verschwanden. Sie waren immer schon ein unschlagbares Team gewesen. Sie und Shep gegen den Rest der Welt.

„Halt dich dicht bei mir“, sagte er. „Ich sorge dafür, dass es niemand sieht.“

2. KAPITEL

Shep führte Rylee durch den vollen Raum und hielt sie dabei fest an der Hand. Es fühlte sich gut an, wieder ihre Hand zu halten. Ein vertrautes und ganz natürliches Gefühl. Er dachte daran, wie er vor vielen Jahren ihre Hand gehalten hatte, als sie gemeinsam von ihrem Lieblingsfelsen in eine Badebucht sprangen, die nur sie beide kannten. Damals hatte er Rylee zu fast allem überreden können. Aber er hatte sie natürlich nie in Gefahr gebracht. Dafür war sie ihm viel zu wichtig.

Er blickte sich über die Schulter um, um ihren Anblick zu genießen. In ihren dunklen Jeans und einem pinken Glitzerpullover sah sie einfach hinreißend aus. Unfassbar, dass sie in den letzten zwölf Jahren noch hübscher geworden war. Das hatte er ihr vorhin schon ein, zwei Mal sagen wollen, hatte es dann aber beide Male doch nicht getan.

Was war nur los mit ihm? Normalerweise war er bei Frauen nicht so hin und weg. Eigentlich war es genau umgekehrt – wie ihm zumindest zu Ohren gekommen war. Aber bei Rylee war das was anderes. Sie war immer schon etwas Besonderes gewesen.

Dennoch musste er sich jetzt ja nicht gleich zum Narren machen und rumschwärmen, wie toll es war, sie wiederzusehen.

Stattdessen drückte er ihre Hand, während sie sich einen Weg zum Geschenketisch bahnten. Nicht zu fassen, dass das Collier, das er Janet gekauft hatte, Hehlerware war. Das wäre als Geschenk wirklich nicht gut gekommen. Zum Glück hatte Rylee rechtzeitig etwas gesagt.

Sie drückte sich an ihn und er spürte ihre Wärme im Rücken.

„Wer von uns beiden schnappt es sich?“, fragte sie ihn über die laute Musik hinweg. „Du oder ich?“

Er drehte sich zu ihr um und beugte sich zu ihr. Dabei stieg ihm ihr Parfüm in die Nase, ein blumiger, süßer Duft.

„Wahrscheinlich besser ich, weil ich weiß, wie es aussieht“, erwidert er. „Und du stehst Schmiere?“

„Ja. Aber wir brauchen eine Ausrede, falls uns jemand sieht.“

„Dann sagen wir einfach, dass ich vergessen habe, die Karte zu unterschreiben“, sagte er. „Das ist doch glaubhaft, oder?“

„Wenn man sehr schusselig ist …“

Sie lachte, als ob ihr die Sache Spaß machte. Was nicht so abwegig war, denn er hatte ebenfalls riesigen Spaß. Er strich mit dem Daumen über ihren Handrücken, der sich weich wie Seide anfühlte.

„Bereit?“, fragte er. „Ich zähle darauf, dass die Lichteffekte der Discokugeln alle ablenken.“

Wieder lachte sie. Er hatte recht gehabt. Sie hatte Spaß. Sein Magen begann zu kribbeln.

„Bereit“, sagte sie.

„Na dann. Gib mir Deckung.“

Er ging zum Geschenketisch und hoffte, dass er nicht auffiel. Wenn irgendjemand tatsächlich sah, dass er das Geschenk vom Tisch nahm, würde er eine Erklärung abgeben müssen, und die Sache würde peinlich werden.

Er blickte zu Rylee hinüber, die ihm ein Daumen-hoch-Zeichen gab. Offenbar war die Luft rein. Jetzt oder nie.

Der Geschenketisch war voller als bei seiner Ankunft, aber er entdeckte die kleine Schachtel, die er dort abgelegt hatte, zwischen ein paar grellbunten Geschenktüten. Vielleicht würde die Sache leichter werden als gedacht. Er musste nur am Tisch vorbeigehen und dabei unauffällig die Schachtel an sich nehmen.

Langsam ging er auf den Tisch zu und atmete tief durch. Doch als er noch einmal zu Rylee hinüberblickte, schüttelte sie plötzlich den Kopf.

„Sind das nicht unglaublich viele Geschenke?“

Shep drehte sich um und sah einen älteren Mann, der ein Weinglas in der Hand hatte und ein wenig schwankte. Die Lichter der Discokugeln reflektierten auf seiner Glatze.

Shep schenkte ihm ein breites Lächeln. Vielleicht ein wenig zu breit. Fast hätte er sich ertappen lassen.

„Ja, oder?“, erwiderte er. Er spürte Rylees Blick auf sich. „Das sind wirklich viele Geschenke.“

„Und das Schlimmste ist“, sagte der Mann hicksend, „dass meine Frau jetzt nächstes Jahr auch so eine Party will. Aber wer kann es sich schon leisten, ein ganzes Aquarium zu mieten?“

Er schüttelte traurig den Kopf, als hätte er nur darauf gewartet, sich bei jemandem auszuweinen.

Shep nickte höflich und atmete auf, als der Mann endlich weiterzog.

Wieder blickte er zu Rylee hinüber, die jetzt wieder den Daumen hob. Diesmal durfte er nicht zu lange zögern. Er trat zum Tisch, griff nach dem Geschenk und hielt es hinter seinen Rücken. Vermutlich sah er dabei furchtbar schuldig aus, aber egal. Hauptsache, er hatte es zurück.

Rylee winkte ihn breit grinsend heran.

„Kannst du es in deine Handtasche stecken?“, bat er, als er sie erreicht hatte. „Sonst müsste ich es in meine hintere Jeanstasche stecken, und das geht einfach nicht.“

Sie lachte. „Kein Problem. Ich bringe es nächste Woche gleich dem Bürgermeister. Er wird überglücklich sein.“

„Mission erfüllt, Partnerin.“

„Wir sind ganz gute Partner, was?“

„Absolut.“

„Das erinnert mich daran, als wir Kinder waren …“ Sie sprach nicht weiter und blickte weg, als wäre sie plötzlich verlegen.

„Was ist los?“

„Nichts. Es kommen nur alte Erinnerungen hoch. Es war nicht immer leicht, in Tenacity aufzuwachsen.“

Shep runzelte die Stirn. Das war die Untertreibung des Jahrhunderts. Tenacity war keine wohlhabende Stadt. Hier wohnten hart arbeitende Menschen, zum größten Teil Rancher, die gerade so ein Auskommen fanden.

Sheps Leben war nicht leicht gewesen. Die Ehe seiner Eltern bröckelte, sein Vater ging fremd … Rylee hatte auch keine sehr glückliche Kindheit gehabt. Sie war kein Wunschkind gewesen und hatte drei viel ältere Brüder, deshalb hatte sie sich in ihrer Familie oft einsam gefühlt. Mit ihrer Mom hatte sie sich ganz gut verstanden, aber ihr Vater war sehr streng und stur und es war nicht leicht gewesen, mit ihm auszukommen.

Als Kinder waren sie Nachbarn gewesen und hatten sich gut miteinander verstanden, weil sie so viel gemeinsam hatten. Zum Beispiel, dass sie Tenacity so schnell wie möglich verlassen wollten, sobald sie es konnten.

Nach der Highschool waren sie beide aufs College gegangen – er aufs örtliche, sie in Kalifornien. Genau wie die Highschool hatte sie die Uni vermutlich mit Bestnoten abgeschlossen.

Und so stand sie nun vor ihm – erwachsen, wunderschön, erfolgreich. Sie hatte etwas aus sich gemacht, genau, wie er es vorhergesehen hatte. Weil er sie so gut kannte, sah er aber immer noch Spuren des Mädchens, das sie gewesen war: ein wenig schüchtern, ein wenig traurig.

Es war nicht leicht, die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Er selbst hatte das auch jahrelang versucht. Doch für die Einwohner von Bronco waren sie „Neureiche“. Und so behandelte man sie auch. Sie waren nicht gerade mit offenen Armen empfangen worden.

Dieser unschuldige, verletzliche Ausdruck auf Rylees Gesicht ging Shep ans Herz. Am liebsten hätte er sie in seine Arme gezogen. Vor allem aber wollte er sie küssen.

Aus ihren großen dunklen Augen blickte sie zu ihm auf. Lag es am Alkohol? Aber so viel hatte er nicht getrunken. Nein, da war definitiv mehr zwischen ihnen. Ein Funke. Ein Knistern. Verlangen.

Rylee senkte den Blick, aber nicht sehr weit. Sie blickte auf seinen Mund.

Und bevor er weiter darüber nachdenken konnte, beugte er sich zu ihr hinunter und küsste sie.

Rylee hatte das Gefühl, ihre Knie würden nachgeben. Oder ihr Herz stehenbleiben. Sie konnte es kaum fassen, dass Shep sie küsste. Und dass sie den Kuss erwiderte. Gierig.

Gedanken wie der, dass Leute sie sehen könnten (was sie natürlich konnten, schließlich standen sie mitten in einem Raum voller Partygäste), klopften kurz an und verabschiedeten sich dann wieder. In dem Augenblick war ihr alles egal. Sie wollte sich einfach nur enger an Shep schmiegen. Sie wollte, dass er sie noch länger und leidenschaftlicher küsste.

Er schlang einen starken Arm um ihre Taille und zog sie tatsächlich enger an sich. Sein Körper war warm, seine Muskeln fest. Seine Lippen waren weich, aber beharrlich. Sein männlicher Duft nach Leder und Moschus, der ihr vorhin schon in die Nase gestiegen war, benebelte ihre Sinne. Sie hatte sich als Teenagerin oft vorgestellt, Shep zu küssen, aber niemals in ihren wildesten Träumen hätte sie sich vorgestellt, dass es so umwerfend sein würde. Dass er so umwerfend sein würde.

Wie aus weiter Ferne hörte sie Applaus. Und Pfeifen.

Verwirrt öffnete sie die Augen.

Shep beendete den Kuss gemächlich, dann gab er sie frei und blickte sich um.

Die anderen Gäste hatten um sie einen Halbkreis gebildet und lächelten ihnen zu. Offenbar freuten sie sich, ein junges, verliebtes Pärchen zu sehen. Oder was sie für ein junges, verliebtes Pärchen hielten.

Rylee hob eine Hand an ihre kribbelnden Lippen und wurde rot.

Shep räusperte sich und zwinkerte den Zuschauern zu. „Ich wollte nur meine frischgebackene Verlobte küssen.“

Entgeistert starrte Rylee ihn an, während ein Chor aus Aaaahs und Ooohs zu hören war.

„Was machst du denn?“, flüsterte sie.

Er beugte sich zu ihr. „Ich habe Spaß. Jeder hier scheint verheiratet oder in einer Beziehung zu sein. Warum sollten wir da als Singles auftreten?“

„Niemand wird glauben, dass wir wirklich verlobt sind, Shep.“

„Wieso nicht?“

„Zum einen, weil ich gar nicht dein Typ bin. Das ist doch klar.“

„Ist es nicht eher umgekehrt?“

Überrascht riss sie die Augen auf. Bevor sie etwas sagen konnte, trat eine Frau auf sie zu und klopfte ihr auf die Schultern.

„Na dann, herzlichen Glückwunsch, ihr zwei“, sagte sie.

Shep strahlte sie an. „Danke schön.“

„Ähm, ja, danke“, brachte Rylee hervor.

Shep hatte ein paar wilde Ideen gehabt, als sie Kinder waren, aber das hier schlug alles um Längen. Verlobt?

Doch selbst das konnte nicht das warme, wohlige Gefühl vertreiben, das sich in ihrem Körper ausbreitete, als Shep die Hand auf ihren unteren Rücken legte. Beschützend. Ein wenig besitzergreifend vielleicht, aber welche Frau im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte hätte etwas dagegen gehabt, zu Shep Dalton zu gehören?

Als sie wieder allein waren, wandte sich Rylee ihm zu. Unter seinem Cowboyhut lag sein Gesicht im Schatten. Er sah aus wie ein legendärer Held in einem alten Western.

„Was genau hast du dir dabei vorgestellt?“, fragte sie und stemmte die Hände in die Hüften.

„Tut mir leid, ich hätte fragen sollen, bevor ich dich geküsst habe. Das wäre ritterlicher gewesen.“

„Na ja, ich habe dich ja zurückgeküsst. Aber das meine ich gar nicht.“

Er lächelte, wobei zwei längliche Grübchen auf seinen Wangen erschienen.

„Shep …“

„Na gut“, sagte er. „Ich gebe zu, ich habe mich mitreißen lassen. Diese Party, die ganzen Leute hier … All unsere Freunde und Verwandten heiraten, und es gibt einfach so viel Druck von allen Seiten. Aber ganz ehrlich, was kann schon passieren? Wir tun einfach für eine Nacht so, als ob, und sehen dann endlich mal, was daran so besonders sein soll.“

Sie schüttelte den Kopf, doch schon bei seinem verschmitzten, draufgängerischen Gesichtsausdruck, den sie so gut kannte, ahnte sie, dass er all ihre vernünftigen Argumente vom Tisch fegen würde.

„Bist du nicht zumindest ein ganz kleines bisschen in Versuchung, mitzuspielen?“, fragte er.

Ihm musste klar sein, dass sie das durchaus war. Ihr war das Herz fast zersprungen vor Glück, als diese nette Dame ihnen vorhin gratuliert hatte. Und als bei ihrem Kuss alle geklatscht hatten? Das hatte sich auch toll angefühlt. Glück. Stolz. Aufregung.

Die ganze Palette. Sie war sehr in Versuchung, so zu tun, als wäre sie Sheps Verlobte. Zumindest ein paar harmlose Stunden lang.

„Ein bisschen vielleicht“, gab sie mit gesenktem Blick zu.

Er legte einen Finger unter ihr Kinn, bis sie ihn wieder anblickte.

„Ein bisschen?“

„Na schön, mehr als ein bisschen.“

„Du hast Spaß, oder?“

Sie erwiderte sein Lächeln. Sie hatten immer viel Spaß gehabt, wenn sie zusammen waren. Ob sie auf Bäume kletterten, im Fluss schwammen, Fahrradtouren unternahmen. Manchmal hatten sie wegen ihrer Aktionen auch Ärger bekommen, aber das war so viel besser, als einsam zu sein. Mit Shep hatte sie sich lebendig und besonders gefühlt. Abenteuerfreudig und so unternehmungslustig, wie er es war. Er hatte immer auf sie abgefärbt, und das war jetzt immer noch so.

Was sie nicht störte, wenn sie es genau bedachte. Es gab Schlimmeres, als sich lebendig und besonders zu fühlen.

„Ich hab Spaß“, bestätigte sie, weil es stimmte.

„Ich glaube, ich hatte mehr Sekt, als ich dachte“, bemerkte Rylee und berührte ihre Schläfe.

Sie standen in der kleinen Lobby eines Motels und warteten darauf, dass die Rezeptionistin Sheps Kreditkarte durchzog.

„Ich weiß“, sagte er. „Geht mir auch so. Es ist auf jeden Fall besser, wenn wir hier übernachten. Weder du noch ich können in diesem Zustand nach Bronco zurückfahren.“

Das stimmte natürlich, aber Shep hatte auch sonst überhaupt nichts dagegen, den Rest der Nacht mit Rylee zu verbringen. Auch wenn sie das allerletzte freie Zimmer überhaupt bekommen hatten, das nur ein Bett hatte, was bedeutete, dass er auf dem Sofa schlafen würde.

Das war völlig in Ordnung. Er wollte einfach nur noch nicht, dass die Nacht mit Rylee vorüber war. So zu tun, als wären sie verlobt, war noch spaßiger gewesen, als er vermutet hatte. Sie hatten den Rest des Abends getanzt, gelacht und ständig hatte ihnen jemand gratuliert. Natürlich hatten sie auch noch ein bisschen was getrunken, weshalb sie jetzt hier im Mountain-Summit-Motel standen, das dem neuen Aquarium genau gegenüberlag.

Zum Glück, denn Shep war definitiv zu beschwipst, um noch zu fahren.

Er lächelte die Rezeptionistin an, die sein Lächeln erwiderte, ihm die Schlüsselkarte überreichte und ihnen erklärte, wo die Eiswürfelmaschine stand.

„Dann haben Sie eine gute Nacht“, sagte sie.

Shep nickte und folgte Rylee nach draußen in die noch kühle Aprilnacht. Über ihnen funkelten Sterne. Auf der nahen Schnellstraße am Stadtrand brummten LKW vorbei, doch am Horizont sah er die majestätischen Berge, wo die Nacht nur von den Lauten der Natur erfüllt war.

Rylee blickte zum Sternenhimmel auf.

„Unglaublich, wie viele das sind“, sagte sie.

Auch er blickte nach oben. „Ich weiß. Da fühlt man sich gleich ganz klein, oder?“

„Absolut.“

„Hast du Montana vermisst?“, fragte er, als er sich ihr wieder zuwandte. „Als du aufs College gegangen bist?“

Sie lächelte. „Kalifornien ist toll und ich werde immer gern daran zurückdenken, aber ja, ich habe Montana vermisst.“

„Ich wollte auch lange weg“, sagte er nach kurzem Schweigen. „Aber nachdem Dad die Ranch in Bronco gekauft hatte, hat er meine Brüder und mich dazu überredet, dort mitzuarbeiten. Wir wollten nicht. Aber meine Mom hatte gerade einen Herzinfarkt überlebt, und wir wollten, dass sie glücklich ist.“

Stirnrunzelnd blickte Rylee ihn an. „Oh nein. Geht es ihr wieder gut?“

„Ja, jetzt schon, aber eine Weile sah es nicht so rosig aus. Es hat uns allen zu denken gegeben. Vor allem meinem Dad. Du weißt ja, dass ihre Ehe nicht toll war.“

„Ja, ich erinnere mich.“

„Aber sie haben es hingekriegt. Ich denke, es hat uns geholfen, wieder eine Familie zu werden. Dalton’s Grange hat unsere Familienbande gestärkt.“

„Das klingt doch gut.“

Er zuckte die Achseln. „Na ja, wie man’s nimmt. Ich werde vermutlich für den Rest meines Lebens Rancher sein, und das ist in Ordnung. Es liegt mir im Blut. Aber manchmal fragte ich mich, wie es wäre, wenn ich wegginge. So wie du damals.“

„Aber ich bin zurückgekommen.“

„Stimmt.“

Den überdachten Weg zu ihrem Zimmer am Ende des lang gestreckten Komplexes legten sie in kameradschaftlichem Schweigen zurück, und Shep musste an sich halten, um nicht den Arm um sie zu legen. Obwohl er sie heute vor allen Leuten geküsst hatte und sie den Rest des Abends ein verlobtes Pärchen gespielt hatten, waren sie nicht wirklich zusammen.

Außerdem gab es einen Grund, warum Shep nicht wie seine Brüder längst schon verheiratet war. Er hatte Beziehungen nie ernst genommen. Wenn man das, was er hatte, überhaupt Beziehungen nennen konnte. Es waren eher Affären. Affären mit immer demselben Typ Frau – hübsche Frauen, die mehr daran interessiert waren, sich einen wohlhabenden Cowboy zu angeln, als an allem anderen.

Dafür verlangten sie aber auch nicht mehr von ihm, als dass er bei den Dates charmant und im Bett einfallsreich war. Bisher hatte er sich nie in eine von ihnen verliebt, weil es da einfach nichts zu verlieben gab.

Aber jetzt, wo er neben Rylee herging, hatte er plötzlich Verlangen nach mehr.

Dabei konnte er nicht mal genau sagen, was dieses Mehr beinhaltete, aber das Gefühl war definitiv da. Das Verlangen nach etwas, das diese Leere in ihm füllen würde.

Doch was zwischen ihm und Rylee da gerade lief – was immer es auch war –, war zart und empfindlich, und er wollte es nicht zerstören, indem er sie wieder küsste oder ihr in irgendeiner Weise Unbehagen bereitete. Weshalb er seine Hände bei sich behielt. Und seine Lippen.

„Ich glaube, wir sind da“, sagte er und deutete auf die letzte Tür rechts.

Er zog die Schlüsselkarte aus seiner hinteren Jeanstasche und öffnete die Tür, dann schaltete er das Licht ein und blickte sich um. Der Raum war klein, sauber und einfach eingerichtet. Und wie die Rezeptionistin gesagt hatte, gab es nur ein Bett. Ein mittelgroßes Doppelbett, über dem der Druck eines Bergsees hing.

Rylee blickte ihn an.

„Ist schon gut“, sagte er. „Ich nehme die Couch.“

„Die ist doch viel zu klein, da kannst du dich ja nicht mal ausstrecken.“

„Ich habe schon auf kürzeren geschlafen.“

„Shep …“

„Die Couch gehört mir.“

Sie warf ihre Handtasche aufs Bett. „Du bist also ein Gentleman.“

„Erzähl es nicht weiter.“

„Ich bin todmüde“, sagte sie und unterdrückte ein Gähnen.

„Ich auch. Ich habe schon lange nicht mehr so viel getanzt.“

„Ich habe noch nie so viel getanzt. Aber wir hatten Spaß, oder?“

„Wir hatten Spaß.“

Sie lächelten sich an. Einen Moment lang hielten sie schweigend Blickkontakt. Sheps Brust wurde eng, als sein Blick zu ihrem Mund wanderte. Ihre Lippen luden zum Küssen geradezu ein, und er musste wegschauen, bevor er etwas sagte oder tat, das ihm später peinlich sein würde.

Er war immer noch beschwipst und traute seinem Urteilsvermögen nicht.

„Ich weiß ja nicht, ob wir über diesen Kuss noch reden werden“, sagte sie, ließ sich aufs Bett sinken und streifte die Schuhe ab. „Aber das sollten wir vermutlich, oder?“

Er ging zur Couch und wippte ein paar Mal auf ihr auf und ab, um zu testen, wie weich sie war. Sie hatte Kuhlen, aber er würde es überleben.

Das größte Problem würde sein, nicht daran zu denken, dass Rylee ohne ihre Jeans in dem Bett direkt gegenüber lag. Als er sich ihre langen, schlanken Beine nackt unter den frischen Laken vorstellte, wurde ihm ganz heiß.

Seufzend nahm er den Stetson ab und legte ihn auf den Tisch. Es würde eine lange Nacht werden.

„Ehrlich gesagt, bereue ich es nicht“, sagte er.

„Dass du mich geküsst hast?“

„Auf keinen Fall. Warum sollte ich?“

„Na ja …“ Sie runzelte nachdenklich die Stirn. „Was ist mit den Komplikationen?“

„Welche Komplikationen?“

„Gefühle … du weißt schon.“

„Ich kann mir vorstellen, dass so etwas passieren kann. Aber im Moment habe ich nur ein Gefühl: Ich mache mir Sorgen, dass ich es wieder tue.“

Sie lächelte.

Er zog die Stiefel aus und legte sich auf die Couch. Seine Beine hingen am einen Ende über. Den Kopf auf einen Arm gestützt, blickte er auf seine baumelnden Füße. Sie legte sich aufs Bett, knautschte das Kissen unter ihre Wange und drehte sich so, dass sie ihn sehen konnte.

Dabei sah sie so atemberaubend aus, dass er es plötzlich gar nicht fassen konnte, dass sie wirklich Single war. Die Männer mussten bei einer Frau wie Rylee doch Schlange stehen. Wieso war sie immer noch zu haben und tat so, als wäre sie mit ihm verlobt?

„Was ist los?“, fragte sie. „Woran denkst du?“

„Ich habe mich gerade gefragt, warum du noch nicht verheiratet bist. Oder verlobt. Außer mit mir, meine ich.“

Sie zog die Nase kraus. „Oh. Na ja, das war ich mal. Lange her. Nicht verheiratet, aber verlobt. Er hat kurz vor der Hochzeit Schluss gemacht. In der Liebe hatte ich also nicht gerade viel Glück.“

„Das tut mir leid“, sagte er. „Das war bestimmt nicht leicht.“

„Nein. Und ich habe lange gebraucht, um darüber hinwegzukommen. Und jetzt habe ich ein Vertrauensproblem, das ich versuche, wieder loszuwerden. Du kennst das ja bestimmt.“

Nein, das kannte er nicht, da er noch nie eine feste Beziehung mit jemandem gehabt hatte. Früher hatte er sich eingeredet, dass er einfach kein Interesse daran hatte, und das hatte vielleicht auch gestimmt, als er noch jünger gewesen war. Aber so langsam musste er zugeben, dass es auch was mit Angst zu tun hatte. Angst davor, genau wie sein Vater zu sein, der die längste Zeit seiner Ehe ein furchtbar schlechter Partner gewesen war.

„Wie steht’s mit dir?“, fragte sie. „Warst du schon mal fast verheiratet?“

Er schüttelte den Kopf. „Nö. Ich glaube, ich bin kein Heiratsmaterial.“

„Das bezweifle ich. Dir ist nur noch nicht die Richtige begegnet. Aber das wird passieren, und wenn es passiert, wirst du es wissen.“

„Ja, man soll niemals nie sagen. Immerhin hat sich heute mein Beziehungsstatus innerhalb von zwei Minuten von Single auf verlobt geändert.“

„Oh mein Gott“, sagte sie und legte eine Hand über ihre Augen. „Das hatte ich schon wieder ganz vergessen. Wie konnte ich das nur vergessen?“

„Das dürfte am Sekt liegen.“

Sie rückte ihr Kissen zurecht. „Und was passiert, wenn die Leute in Bronco davon hören? Meine Eltern und deine Eltern? Wenn es sich rumspricht, dass wir verlobt sind? Du kennst doch Bronco, das wird sich auf jeden Fall rumsprechen.“

Er dachte darüber nach. Tatsächlich war es das allererste Mal, dass er heute Nacht darüber nachdachte. So war er nun mal. Er handelte erst und überlegte später. Dummerweise hatte er aber diesmal Rylee mit hineingezogen.

„Vielleicht auch nicht. Wonderstone Ridge liegt ja nicht gerade direkt neben Bronco.“

„Und was ist mit Janet?“

„Sie hat mit ihrem eigenen Leben genug zu tun, denke ich. Vielleicht ist sie neugierig … Na schön, sie ist auf jeden Fall neugierig, aber wir haben sie ja nach der ganzen Verlobungsnummer gar nicht mehr gesehen. Und genau wie wir war sie ein kleines bisschen betrunken. Bis morgen hat sie bestimmt alles vergessen.“

Das war ziemlich unwahrscheinlich, aber er wollte nicht, dass Rylee sich Sorgen machte. Natürlich verbreiteten sich Neuigkeiten wie ein Lauffeuer in Gemeinden wie Bronco und Wonderstone Ridge. Es war so sicher wie das Amen in der Kirche, dass diese Neuigkeit ebenso die Runde machen würde. Er würde zugeben müssen, dass es ein Witz gewesen war, aber seine arme Mutter würde es wahrscheinlich schon vorher erfahren. Und sie war so verzweifelt darauf erpicht, dass er heiratete, dass sie bestimmt völlig hingerissen sein würde.

Tief in Gedanken nagte Rylee an ihrer Unterlippe, was seine Willenskraft nicht gerade stärkte. Es war schon schwierig genug gewesen, sie sich nicht halb nackt vorzustellen – und jetzt das.

„Ich gehe mal duschen“, sagte er unvermittelt.

Kalt duschen. „Oder willst du zuerst ins Bad?“

„Nein, schon gut. Ich wasche mich, wenn du fertig bist.“

Er setzte sich auf und bewegte den Kopf hin und her, bis sein Nacken knackte.

Oh ja, es würde eine sehr lange Nacht werden.

3. KAPITEL

Rylee bekam kein Auge zu. Sie starrte an die Decke des Motelzimmers und lauschte auf Sheps leises Atmen.

Als er aus dem Bad gekommen war, hatte er nur Jeans und sonst nichts getragen. Sie hatte ihn etwas zu lange angestarrte und dann schnell den Kopf ins Kissen gedreht, als wäre sie müde.

Er hatte sich stöhnend auf der Couch ausgestreckt, und nach ein paar Minuten war sie aufgestanden und selbst ins Bad gegangen. Aber das Bild von ihm mit nacktem Oberkörper bekam sie einfach nicht aus dem Kopf.

Er hatte immer schon umwerfend ausgesehen. Auf der Highschool waren alle Mädchen in ihn verknallt gewesen – genau wie sie. Zwar war er jetzt Rancher, aber er erinnerte sie mehr an die Männer, die sie in Kalifornien gesehen hatte – die mit der gebräunten Haut und den zerzausten blonden Haaren, die immer so aussahen, als kämen sie gerade vom Surfen oder vom Strand.

Aber keiner von denen konnte mit Shep mithalten – oder mit seinem wohldefinierten Sixpack. Mit seinen breiten Schultern und beeindruckenden Bizeps. Oder mit diesem selbstsicheren Lächeln, bei dem sie immer schwach wurde.

Sie wälzte sich ein weiteres Mal im Bett herum, während ihr Herz heftig schlug. Als er vorhin den Stetson abgenommen hatte, wäre sie am liebsten zu ihm gelaufen und hätte ihm mit den Händen das Haar zerzaust, wo der Hut einen Ring hinterlassen hatte. Es war so verführerisch gewesen, dass sie die Fingernägel in die Handflächen gebohrt hatte, um zu widerstehen.

Als er seufzte, fragte sie sich ein wenig schuldbewusst, ob die Couch so unbequem war, wie sie ausgesehen hatte. Vorhin hatten seine Füße unterhalb der Knie über die Seitenlehne gehangen, jetzt musste er sich zusammengerollt haben. Aber wie sollte er so schlafen?

Sie konnte hören, wie er immer wieder das Gewicht verlagerte, um eine bequeme Haltung zu finden. Die Couch knarzte unter seinem Gewicht, und schließlich setzte Rylee sich auf.

„Shep“, sagte sie. „Das kann auf keinen Fall bequem sein auf diesem Ding.“

„Ist schon gut, ich muss nur die richtige Position finden.“

„Es gibt keine richtige Position auf einer zu kurzen Couch“, erwiderte sie. „Warum schläfst du nicht einfach bei mir im Bett?“

Als er nicht gleich eine Antwort gab, wurde sie rot. Dachte er, sie wollte ihn verführen? Es hatte wirklich wie ein Aufreißspruch geklungen. Als wolle sie ihn ins Bett bekommen. Was sie ja auch wollte, nur nicht … ach, egal.

„Nur wenn du willst“, setzte sie eilig hinzu. „Du musst natürlich nicht. Ich dachte nur, dass du hier vielleicht besser schlafen kannst.“

„Na ja, es wäre wohl bequemer. Schlafen würde ich vermutlich trotzdem nicht.“

Rylee spürte ihre Halsschlagader pochen. Das hier sah ihr so gar nicht ähnlich. Sie wusste noch genau, wie sie damals fast zu schüchtern gewesen war, sich ihm im Badeanzug zu zeigen. Und jetzt lud sie ihren Jugendschwarm zu sich ins Bett ein. Sie hatte zwar nicht vorgehabt, ihn zu vernaschen, aber das konnte er ja nicht wissen.

„Bist du sicher?“, fragte er.

Sie nickte heftig, dann wurde ihr klar, dass er das im Halbdunkel nicht sehen konnte.

„Ganz sicher“, sagte sie und bemühte sich, ihre Stimme beiläufig klingen zu lassen, was gar nicht so einfach war. „Wir werden uns benehmen.“

Nach kurzem Zögern stand er auf und kam zum Bett. Selbst als Silhouette wirkte sein Körperbau imposant.

Als er die Decke zurückschlug und sich neben Rylee legte, stieg ihr sofort sein Duft in die Nase. Diese erotische männliche Note brachte ihren Magen zum Kribbeln.

Er knuffte das Kissen zurecht und legte sich auf die Seite, sodass er sie anschauen konnte. Es war zu dunkel, um es wirklich zu sehen, aber sie nahm an, dass er wieder dieses verwegene Funkeln in den Augen hatte.

„Danke“, sagte er. „Ich konnte meine Beine schon nicht mehr spüren.“

Sie lachte und schob die Bettdecke ein wenig nach unten. Ihr war definitiv heißer als vorhin.

„Ich habe mich schon gewundert, dass du es so lange ausgehalten hast. Die Couch ist winzig und du bist nicht gerade klein.“

„Ich weiß. Nach der Highschool habe ich noch mal einen richtigen Schuss getan. Weshalb meine Brüder jetzt zu mir aufschauen müssen, was ich toll finde.“

„Wie geht’s deinen Brüdern? Außer, dass sie alle verheiratet sind?“

„Ganz gut. Dale ist auch noch nicht verheiratet, aber verlobt. Er wird dann Stiefvater. Mila ist acht und ein tolles Kind. Morgan hat auch schon eine Tochter. Sie ist drei.“

Rylee konnte kaum glauben, dass die Schuljungen, an die sie sich so gut erinnerte, jetzt Familienväter waren. Aber schließlich waren sie und Shep ja auch schon dreißig, was auch nur schwer zu fassen war. Es kam ihr wie gestern vor, dass sie die Schule geschwänzt hatten, um im Fluss zu schwimmen.

„Wie geht es deinen Brüdern?“, fragte er.

Sie schluckte schwer. Ihre Familie war immer noch ein wunder Punkt für sie.

„Es geht ihnen ganz gut“, sagte sie leise. „Sie sind weggezogen. Wir telefonieren manchmal, aber ich sehe sie nicht oft, was ich traurig finde. Aber mit meinem Vater unter einem Dach zu leben war einfach nicht möglich für sie. Du weißt ja, wie er ist.“

Shep nickte ernst. „Oh ja, ich erinnere mich. Es reichte nicht, wenn ihr gut in etwas wart, ihr musstet die Besten sein. Und er hat erwartet, dass deine Brüder die Ranch übernehmen, ob sie das wollten oder nicht. Dann sind deine Eltern jetzt ganz allein auf der Ranch?“

„Ja. Ich kriege sie auch nicht dazu, mich mal zu besuchen, dabei ist es ja keine Weltreise. Ich versuche, so oft ich kann, hinzufahren, aber das reicht natürlich nicht. Das macht mir ganz schön zu schaffen, aber ich musste einfach weg, als ich die Gelegenheit dazu hatte.“

Shep seufzte. „Das kann ich verstehen. Tenacity bietet einem nicht gerade viele Chancen. Aber es wohnen ehrliche, aufrechte Menschen dort. Ich vermisse es manchmal.“

Rylee nickte nachdenklich. „Von Tenacity nach Bronco“, sagte sie. „Und nicht nur Bronco Valley, sondern Bronco Heights. Das ist eine ziemliche Umstellung, oder?“

„Das kannst du laut sagen. Die Daltons sehen jetzt mal, wie die oberen Zehntausend leben.“

„Ich würde deine Ranch gern irgendwann mal sehen …“

„Aber klar doch! Reitest du noch?“

„Nicht so oft, wie ich möchte.“

„Na, das können wir ändern. Ich habe einen wunderschönen Appaloosa, auf dem du einfach fantastisch aussehen würdest.“

Danach schwiegen sie und blickten sich nur an. Dann streckte Shep ohne Vorwarnung plötzlich die Hand aus und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Seine Berührung war so zart und leicht, dass ihr fast das Herz stehenblieb.

„Ich habe dich vermisst, Rylee“, sagte er leise. „Es tut mir leid, dass ich mich nie bei dir gemeldet habe.“

Sie schluckte schwer. Seine Fingerspitzen hinterließen eine kribbelnde Spur auf ihrer Haut. Sie konnte immer noch nicht fassen, dass sie hier wirklich neben ihm lag. Wenn ihr irgendjemand am Morgen erzählt hätte, dass der Abend so enden würde, hätte sie ihn ausgelacht.

„Ich habe dich auch vermisst“, erwiderte sie. „Du warst mein bester Freund. Ich weiß nicht, was ich ohne dich all die Jahre gemacht hätte.“

„Wollen wir uns etwas versprechen?“

„Oh je, das habe ich doch schon mal gehört.“

Er lächelte. „Das hier hat nichts mit Heiraten zu tun. Oder so zu tun, als würden wir heiraten.“

„Na gut, dann schieß los.“

„Dass wir in Kontakt bleiben. Egal was passiert. In Ordnung?“

Jetzt lächelte sie auch. Es war ihr auch fast unmöglich, nicht zu lächeln, wenn er ihr so nahe war. Er hatte einfach diese Wirkung auf sie.

„Ich verspreche es“, sagte sie leise und ernst. „Pfadfinderehrenwort.“

Rylee saß Shep in dem Diner gegenüber und öffnete die Karte. Durch die Fenster schien die Frühlingssonne, die sich gut auf ihren Schultern anfühlte. Viel geschlafen hatte sie letzte Nacht nicht. Sie unterdrückte ein Gähnen.

„Magst du immer noch Waffeln?“, fragte Shep.

Offenbar konnte er so wie früher immer noch ihre Gedanken lesen. Was etwas beunruhigend war, da sie in den letzten sechzehn Stunden an nichts anderes als ihn gedacht hatte.

„Ich liebe Waffeln“, betonte sie. „Aber leider sind sie nicht gut für die Figur. Ich versuche, weniger Zucker zu essen.“

„Das klingt aber nicht nach Spaß. Außerdem ist deine Figur perfekt so, wie sie ist.“

Sie lächelte und senkte den Blick. Das klang, als fände er sie sexy oder schön. Wobei sie wusste, dass beides nicht zutraf. Sie sah absolut durchschnittlich aus, aber das hatte sie nie gestört. Es gab so viel mehr im Leben als das Aussehen. Wobei sie zugeben musste, dass es ganz nett war, sich mal schön zu fühlen. Daran konnte sie sich glatt gewöhnen – was ihr etwas Sorge bereitete.

„Und was isst du so zum Frühstück?“

„Ich nehme das Käseomelett mit Schinken.“ Er tätschelte seinen Waschbrettbauch. „Ich werde heute ein paar Kalorien brauchen.“

„Was hast du denn vor?“

„Dasselbe wie gestern – die Kälber werden geimpft. Meine Brüder sind bestimmt ziemlich sauer, dass ich mich gestern so früh verdrückt habe.“

„Und dass du gestern Nacht nicht nach Hause gekommen bist.“

„Das geht sie nichts an. Aber sie sind bestimmt trotzdem neugierig. Ich werde ständig ausgefragt.“

Rylees Handy klingelte in ihrer Handtasche, und sie schaute aufs Display. Eine Nachricht von ihrer besten Freundin, Gabrielle Hammond.

Verflixt. Sie hatte vergessen, ihr von der Party zu berichten, und sie vergaß sonst nie, Gabby zu texten. Vermutlich hatte sie sich Sorgen gemacht, dass Rylee irgendwo in einem Graben gelandet war.

„Ist alles in Ordnung?“, fragte Shep.

„Ja, nur eine Nachricht von meiner Freundin Gabby. Ich hätte mich letzte Nacht melden sollen, dass ich gut nach Hause gekommen bin.“

„Oh weh.“

„Ja. Kann ich da sc...

Autor

Mona Shroff
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