Bianca Extra Band 163

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  • Erscheinungstag 27.06.2026
  • Bandnummer 163
  • ISBN / Artikelnummer 0802260163
  • Seitenanzahl 432

Leseprobe

Kathy Douglass, Gina Wilkins, Stella Bagwell, Jules Bennett

BIANCA EXTRA BAND 163

Kathy Douglass

1. KAPITEL

„Los jetzt, Beeilung, sonst kommen wir zu spät.“

Molly hob einen Stiefel auf und reichte ihn ihrem Bruder, dann baute sie sich vor ihm auf, bis er ihn angezogen hatte.

„Du musst mir nicht zuschauen“, brummte Pete, während er seinen Fuß in den Stiefel steckte, dann drehte er sich zu seinem Vater um, der gerade Ben half, die Stiefel anzuziehen.

„Dad, sag Molly, dass sie mich nicht immer herumkommandieren soll.“

Jake McCreery seufzte und blickte zu seinen beiden ältesten Kindern hinüber. Molly war zehn und übernahm oft die Mutterrolle für seine beiden Söhne Pete und Ben, die acht und sechs Jahre alt waren. Normalerweise machte sich Pete nichts daraus, doch heute war es ihm wohl zu viel.

In solchen Momenten vermisste Jake seine verstorbene Frau Maggie besonders. Sie war bei Bens Geburt gestorben, und Was würde Maggie tun? war zu seinem Mantra geworden. Vermutlich hätte sie genau die richtigen Worte gefunden, damit alle zufrieden waren. Aber so musste er eben allein damit fertig werden.

„Molly, dein Bruder schafft das auch allein. Hast du denn alles, was du brauchst?“

Molly warf Pete einen letzten entnervten Blick zu und sagte dann zu Jake: „Ich will einfach nicht zu spät zum Pony Club kommen!“

„Das verstehe ich.“

„Alle unsere Freunde gehen auch hin.“

Jake nickte. Obwohl sie selber mehr als genug Pferde hatten, hatte er die Kinder für den Pony Club angemeldet. Es würde ihnen guttun, mit anderen Kindern zusammenzukommen – besonders Molly. Sie beschäftigte sich oft mit Dingen, die eher auf Erwachsene ausgerichtet waren und bei denen sie mit Frauen im Alter ihrer Mutter umgeben war. So war sie zum Beispiel bei Broncos Valentinsbackwettbewerb die jüngste Teilnehmerin gewesen. Natürlich war Jake unglaublich stolz auf sie gewesen, aber er wollte auch, dass sie mehr Zeit mit anderen Kinder verbrachte, denn sie benahm sich im Allgemeinen viel erwachsener als ihre Klassenkameradinnen.

„Ja, genau“, stimmte Pete ihr zu, der viel zu gutmütig war, um jemandem lange böse zu sein. „Außerdem werden auch Rodeostars da sein. Mit ihren Siegestrophäen.“

„Und ihren Pferden“, warf Ben ein. Er grinste breit und zeigte dabei die Zahnlücke, die er seit ein paar Tagen hatte.

„Na dann los.“

Jake verfrachtete seine kleine Schar ins Auto und fuhr zum Bronco Convention Center.

Bronco in Montana bestand aus zwei Stadtteilen: Bronco Heights, wo die schwerreichen Rancher ihre riesigen Anwesen hatten, und Bronco Valley, wo sich die meisten Geschäfte befanden und die Mittelklasse wohnte. Jakes Ranch lag etwa fünfundvierzig Minuten außerhalb, sodass er weder mit den einen noch den anderen viel zu tun hatte. Meist kam er in die Stadt, um mit den Kindern bei DJ’s Deluxe Barbecue zu essen oder bei Bronco Burgers einen Milchshake zu trinken.

Auf dem Rücksitz schnatterten die Kinder aufgeregt darüber, was sie beim Pony Club alles machen würden. Offenbar hatten sie ziemlich hohe Erwartungen. Jake hoffte inständig, dass sie nicht enttäuscht werden würden.

Als sie ankamen, suchte er einen Parkplatz und achtete darauf, dass keine anderen fahrenden Autos in der Nähe waren, während seine Kinder ausstiegen. Seit Maggies Tod machte sein Beschützerinstinkt Überstunden, weil er solche Angst hatte, noch einen geliebten Menschen zu verlieren. Ben war sein drittes Kind, er hatte also davor schon etwas Erfahrung im Vatersein sammeln können. Beulen und Schürfwunden, Fieberschübe und Zahnen hatte er schon zwei Mal erlebt, sodass er wusste, was ihn erwartete. Aber bei den ersten beiden Kindern war er nie allein gewesen.

Zum Glück waren die letzten sechs Jahre ohne größere Katastrophen verlaufen, sodass er sich nach und nach entspannt hatte und nicht immer mit dem Schlimmsten rechnete. Jetzt war eine Beule nur noch eine Beule, wegen der man nicht sofort in die Notaufnahme fahren musste.

Auch seine Trauer hatte sich verändert. Sie war zu einem stillen Vermissen geworden, das sich durch sein Leben zog und vermutlich nie aufhören würde. Maggie war das Beste in seinem Leben gewesen und er haderte mit dem Schicksal, weil sie ihre Kinder nicht aufwachsen sehen konnte. Dass sie bei Geburtstagen und anderen Meilensteinen nicht dabei war, brach im jedes Mal wieder das Herz. Aber er hatte sich der Trauer nie vollkommen hingegeben, denn schließlich hatte er drei Kinder, die ihn brauchten.

Auf dem Parkplatz standen viele Mittelklassewagen, ein Zeichen dafür, dass der Pony Club wohl bei den Stadtkindern gut ankam, aber auch etliche SUVs. Er sah zwei Kinder einer benachbarten Ranch auf den Eingang zulaufen. Offenbar waren seine drei heute auch nicht die einzigen Ranchkinder.

Als sie das Convention Center betraten, hörten sie schon weitem Pferde wiehern. Die Kinder rannten los, und er eilte ihnen nach. Als er die große Arena erreichte, sah er allerdings nur noch Pete und Ben, die vor dem Rodeostar Ross Burris standen, auf ihn einredeten und aufgeregt auf seine Pferde zeigten. Seine Tochter konnte er nirgends entdecken.

Etwas panisch blickte er sich um, bis er sie endlich sah: Sie stand bei zwei kleinen Mädchen in Rodeokleidung und hatte, anders als die Jungs, keinen Blick für die Pferde.

Da seine Jungs in guten Händen waren, schlenderte er zu Molly hinüber. Sie lächelte und winkte ihm aufgeregt zu.

„Das sind Lucy und Gianna“, sagte sie, als er ankam. „Sie sind eineiige Zwillinge.“

Jake kannte die beiden Kinder nicht. Vielleicht waren sie neu in der Stadt?

„Hallo Lucy. Hallo Gianna.“

Er blickte jedes der Mädchen an, als er das sagte, und hoffte, dass er richtig geraten hatte.

Die Mädchen kicherten, also vermutlich nicht. Sie trugen beide Rodeokostüme, eins war jedoch blau, das andere lila.

„Sie reden anders als wir“, berichtete Molly erstaunt und beeindruckt. „Sie benutzen dieselben Wörter, aber sie klingen ganz anders.“

„Na so was“, bemerkte er und blickte die beiden Mädchen an. Diese erwiderten seinen Blick, rückten dann aber dichter zusammen, sodass er einen Schritt zurücktrat. Er wollte sie nicht in Verlegenheit bringen oder verunsichern.

„Das nennt man einen Akzent. Da wo sie herkommen, sprechen alle so wie sie und du bist diejenige mit dem Akzent.“

Bei dem Klang der weiblichen Stimme, die ebenfalls mit einem leichten Akzent sprach, drehte Jake sich um – und hielt den Atem an. Frauen wurden ja oft als atemberaubend beschrieben. Er selbst hatte dieses Wort noch nie benutzt, weil er es für übertrieben hielt. Jetzt wusste er, was gemeint war. Der Anblick dieser Frau hatte ihm tatsächlich kurz dem Atem verschlagen.

Auch sie trug ein Rodeokostüm. Die Jeans saß perfekt und betonte ihre schlanken Beine und wohlgerundeten Hüften. Unter ihrer mit Fransen besetzten Bluse zeichneten sich straffe Brüste ab und um die schlanke Taille trug sie einen Gürtel mit einer Rodeoschnalle.

Er hätte ihrer sinnlichen Stimme stundenlang zuhören können, aber er wollte ein Gespräch mit ihr führen, also musste er wohl etwas sagen. Also streckte er die Hand aus und lächelte.

„Ich bin Jake McCreery, Mollys Vater.“

„Freut mich, Sie kennenzulernen“, erwiderte die Frau und schüttelte seine Hand. „Ich bin Elizabeth Hawkins.“

Ihre braune Haut war weich und er spürte ein leichtes Kribbeln, als ihre Hände sich berührten. Es war schon eine Weile her, dass er sich körperlich zu einer Frau hingezogen gefühlt hatte, und er hatte gedacht, dieser Teil von ihm wäre mit Maggie gestorben. In den letzten Jahren hatte es auch keine Begegnungen gegeben, die ihn vom Gegenteil überzeugt hätten. Auf Drängen seiner Freunde hin hatte er ab und zu ein Date gehabt, aber es war nie mehr daraus geworden, da er nie auch nur einen Hauch der Anziehung gespürt hatte, die er für Maggie empfunden hatte.

Aber vielleicht war er dann einfach mit den falschen Frauen ausgegangen, denn jetzt, wo er vor Elizabeth Hawkins stand, ließ sein Körper ihn deutlich spüren, dass er gar nicht so tot war, wie er gedacht hatte.

Er blickte verstohlen auf ihre Hände hinunter und sah keinen Ehering.

„Hawkins? Das ist im Rodeo ein berühmter Name, vor allem hier in Bronco. Sind Sie mit den Hawkins-Schwestern verwandt?“

Sie nickte, wobei ihr gewelltes schwarzes Haar ihre Schultern streifte.

„Ja, und ich bin eine von ihnen. Meine Schwestern sind gerade hergezogen, nachdem sie in Südamerika auf Tour waren. Und die Hawkins-Schwestern hier sind meine Cousinen.“

„Offenbar liegt ihnen allen das Rodeo im Blut.“

Sie lachte. „Das kann man wohl nicht gerade sagen.“

„Ihre Schwestern und Cousinen sind Rodeoreiterinnen und Sie auch. Ist das kein Beweis dafür?“

„Na ja, man könnte sagen, es liegt in unserer Familie, aber nicht so sehr im Blut.“

„Den Unterschied verstehe ich nicht.“

„Meine Schwestern und ich und viele meiner Cousinen sind adoptiert. Wir gehören zur selben Familie, aber wir sind nicht blutsverwandt.“

„Familienbande werden durch Liebe geknüpft, nicht durch Genetik.“

„Das haben Sie schön gesagt.“

Ihr warmes Lächeln ging ihm direkt ins Herz und er lächelte ebenfalls.

„Mami, wann geht der Club denn endlich los?“

Elizabeth blickte auf ihre Armbanduhr und tippte dem kleinen Mädchen auf die Nase.

„In zehn Minuten, Gianna. Seid ihr beide bereit?“

Ah, Gianna trug also das blaue Kostüm, also hatte er sich vorhin vertan. Er merkte sich die Farben, damit ihm der Fehler nicht noch einmal unterlief.

„Bereit“, sagte Gianna.

„Bereit“, echote Lucy und machte einen kleinen Sprung, um das Wort zu unterstreichen.

„Brauchen Sie Unterstützung?“, fragte Jake.

Er war selbst überrascht über seine Frage. Zum einen war er nur als Aufsichtsperson für seine eigenen Kinder hier, zum anderen hatten die Organisatoren sicher alles unter Kontrolle.

Elizabeth schüttelte den Kopf. „Danke für das nette Angebot, aber wir haben alles im Griff. Ross Burris und ich werden den Kindern vom Rodeoleben erzählen, dann zeigen wir ihnen, wie man richtig auf ein Pferd aufsteigt, und führen jeden eine Runde durch die Arena. Danach erklären wir ihnen, wie man Pferde putzt und füttert.“

„Das klingt gut. Für die Stadtkinder ist das bestimmt eine ganz neue Erfahrung.“

„Ah, Molly ist wohl kein Stadtkind?“

„Nein. Ich habe eine Ranch außerhalb der Stadt. Wir halten selber Pferde, aber meine Kinder – Molly, Pete und Ben – wollten unbedingt herkommen.“

Sie nickte. „Etwas mit Pferden zu machen ist immer etwas Besonderes, selbst, wenn man selbst welche hat.“

Jake lachte. „Meinen Jungs ging es eher darum, Rodeostars kennenzulernen.“

Auch Elisabeth lachte. „Das betrifft wohl vor allem Ross Burris. Ich lebe in Australien, keins Ihrer Kinder wird mich kennen – was völlig in Ordnung ist.“

„Ah, daher also der Akzent. Aber er ist sehr schwach, nicht so stark wie bei Ihren Töchtern.“

„Ich bin in den USA aufgewachsen und erst vor zehn Jahren nach Australien gezogen. Vermutlich habe ich mir den Akzent mit der Zeit angewöhnt.“

„Wie lange sind Sie in der Stadt?“

„Das weiß ich ehrlich gesagt noch nicht. Auf jeden Fall noch ein paar Wochen. Ich besuche meine Familie. Meine Schwester wohnt bei ihrem Verlobten und hat uns ihre Blockhütte überlassen. Das ist so viel hübscher als in einem Hotel und wir müssen uns nicht festlegen.“

Unerklärlicherweise fühlte Jake sich nach Elizabeths Antwort vage enttäuscht. Er hatte sie doch gerade erst kennengelernt, wieso also war es ihm wichtig, wie lange sie blieb? Und warum wünschte er sich, sie würde länger bleiben als ein paar Wochen?

Die Antwort war nicht schwer zu finden: Bei all seinen Dates hatte er niemals auch nur einen Anflug des Interesses gespürt, das er für Elizabeth empfand. Aber dann war es vermutlich besser, dass sie nur zu Besuch war. Denn dann musste er sich keine Sorgen darum machen, dass mehr daraus werden könnte, denn dafür hatte er gar keine Zeit.

„Dann wünsche ich Ihnen einen schönen Aufenthalt hier.“

„Bis jetzt gefällt es meinen Töchtern und mir sehr gut. Es ist wunderbar, die Familie wiederzusehen.“

„Das glaube ich gern. Danke, dass meine Tochter hier bei ihren beiden sein durfte. Sie ist das einzige Mädchen in der Familie. Vermutlich hat sie manchmal genug davon, sich nur mit ihren Brüdern abzugeben.“

Er wusste nicht genau, warum er das gesagt hatte. Normalerweise sprach er nicht mit Fremden über sich oder seine Familie. Aber irgendetwas an Elizabeth verleitete ihn dazu, ihr sein Vertrauen zu schenken.

„Molly ist ein liebes Mädchen.“ Sie blickte auf die Uhr und seufzte. „Ich muss mit dem Club beginnen und meine beiden einfangen. Sie sind von Molly offenbar auch sehr beeindruckt.“

Sie blickte zu den drei Kindern hinüber, die sich angeregt unterhielten.

„Das freut mich. Sie ist eine kleine Glucke und genießt es sicherlich, mal zwei kleine Mädchen um sich zu haben. Aber jetzt nehme ich sie mit und wir suchen unsere Jungs.“

Er lächelte Elizabeth warm an. „Es hat mich sehr gefreut, Sie kennenzulernen.“

„Geht mir auch so.“

Nachdem sich Molly von den Zwillingen verabschiedet hatte, gingen sie zu den Jungs, die, zusammen mit einer Traube von anderen Kindern, noch immer an Ross Burris’ Lippen hingen. Ross war einer der berühmten Burris-Brüder und hatte im Rodeo viele Trophäen geholt.

Ross bedeutete den Kindern, sich hinzusetzen, und begann mit seinem Vortrag.

Molly setzte sich zu ihren Brüdern und Jake hielt sich im Hintergrund. Seit einiger Zeit waren Molly und Pete gern für sich und konnten es nicht leiden, wenn er immer um sie herum war und auf sie aufpasste, also hielt er etwas Abstand. Außerdem sollten sie ja auch selbstständig werden und Selbstvertrauen entwickeln.

Der kindgerechte Vortrag interessierte ihn nur halb, und seine Gedanken wanderten zurück zu Elizabeth. Dann ertappte er sich dabei, dass es nicht nur seine Gedanken gewesen waren – er blickte auch zu ihr hinüber. Sie sprach gerade mit einer Gruppe kleinerer Kinder und erlaubte ihnen, die Zügel ihres Pferdes zu halten und es zu streicheln. Ihre Zwillinge waren an ihrer Seite und zeigten mehreren kleinen, sehr beeindruckten Mädchen die Details ihrer Kostüme.

Jake konnte den Blick nicht von ihr abwenden. Allein sie anzusehen, brachte sein Blut in Wallung. Ihre klugen braunen Augen, ihre hohen Wangenknochen, ihre vollen Lippen, die zum Küssen einluden – sie war einfach eine Schönheit.

„Habt ihr noch Fragen?“

Ross Burris’ kam zum Ende seines Vortrags und Jake wandte ihm wieder seine Aufmerksamkeit zu.

Ein kleines Mädchen hob die Hand. „Sind Sie verheiratet?“

Ross lächelte, obwohl die Frage vermutlich nicht zu denen gehörte, die er erwartet hatte. Der Rodeoreiter blickte zu einer attraktiven Frau hinüber, die auf den Zuschauerrängen saß und sich Notizen machte.

„Ja, das bin ich. Meine Frau Celeste sitzt dort drüben.“

Das kleine Mädchen nickte langsam. „Ach, schade.“

„Mein Daddy ist nicht verheiratet“, verkündete Ben plötzlich unaufgefordert. „Meine Mami ist schon lange tot und Daddy wird nie wieder heiraten. Ich und Pete und Molly brauchen keine Mutter. Uns geht es auch so gut. Wir vier sind eine Familie, und das ist auch gut so.“

Jakes Herz zog sich zusammen, als sein Jüngster die Worte wiedergab, die er sein ganzes Leben lang gehört hatte. Als Pete und Molly zustimmend nickten, fragte sich Jake, ob es ein Fehler gewesen war, ihnen einzureden, dass sie zu viert eine komplette Familie waren. Er hatte versucht, sich und seine Kinder vor der Trauer und dem Schmerz zu bewahren – aber vielleicht war es nicht richtig gewesen, ihnen immer wieder zu sagen, dass sie niemand anderen brauchten?

Und konnte er das je wieder rückgängig machen?

2. KAPITEL

„Wir sind bereit für den Pony Club, Mami“, sagte Gianna fröhlich strahlend früh am nächsten Morgen.

Es hatte ein paar Tage gedauert, bis die Mädchen sich an den sechzehnstündigen Zeitunterschied gewöhnt hatten, aber jetzt wachten sie wieder wie in Australien bei Sonnenaufgang auf. Elizabeth hatte etwas länger gebraucht, sich umzustellen, war aber jetzt auch wieder im Takt.

Früher waren Arlo und sie noch früher als die Mädchen aufgestanden, um gemeinsam auf der Veranda zu sitzen, eine Tasse Kaffee zu trinken und den Sonnenaufgang zu genießen, bevor sie sich in ihre geschäftigen Tage stürzten. Nach Arlos Tod hatte Elizabeth versucht, dieses Ritual aufrechtzuerhalten, aber die Morgendämmerung war zu still, zu einsam. Jetzt stellte sie den Wecker so, dass sie gerade genug Zeit hatte, zu duschen und sich anzuziehen, bevor die Zwillinge sich rührten.

Sie stellte zwei Schüsseln auf den Tisch und betrachtete ihre Mädchen. Sie trugen auch heute wieder Rodeokostüme, diesmal in Grün und Pink. Zwar hatte sie ihnen gestern Shorts und T-Shirts herausgelegt, doch die hatten sie wohl ignoriert.

„Ach ja?“, fragte sie.

„Jaaaa!“

Gianna und Lucy setzten sich an den Tisch.

Elizabeth stellte ihnen zwei Teller mit Vegemite-Toasts neben die Schüsseln mit australischen Frühstücksflocken. Sie hatte einen ganzen Koffer ihrer australischen Lieblingslebensmittel mit in die Staaten gebracht und war sehr froh darüber. Ihre Schwester Faith hatte ihnen einmal ein typisch amerikanisches Frühstück zubereitet, und die Mädchen waren nicht begeistert gewesen. Ein Blick auf die Maisgrütze und den gebratenen Speck hatte gereicht und sie hatten die Näschen gerümpft.

Elizabeth konnte es ihnen nachfühlen. Ihr waren einige australische Gerichte auch sehr seltsam vorgekommen, als sie dort angekommen war. Falls sie und die Mädchen beschlossen, wieder in die USA zu ziehen, würde sie ihnen die Eingewöhnung so gut wie möglich erleichtern. Zum Glück waren ihre Freunde und ihre Schwester Carly in Australien bereit, ihnen jederzeit Carepakete mit australischen Spezialitäten zu schicken.

„Ich habe euch aber doch gesagt, dass der Pony Club nur an einem Tag stattfindet, wisst ihr noch?“

„Wir wollen aber wieder hingehen. Wir wollen wieder mit Molly spielen“, sagte Gianna.

„Wir mögen Molly“, bemerkte Lucy, bevor sie von ihrem Toast abbiss.

„Ich mag Molly auch“, erwiderte Elizabeth. „Aber sie ist heute gar nicht im Convention Center, weil heute kein Pony Club ist.“

„Und wo ist sie dann?“, fragte Gianna.

„Vermutlich zu Hause. Es sind Ferien.“

„Dann ruf sie an und sag ihr, dass wir wieder mit ihr spielen wollen“, sagte Lucy, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.

Und für sie war es das vermutlich auch. Die Zwillinge waren in einer Rodeogemeinschaft aufgewachsen, wo es ganz einfach war, seine Freunde zum Spielen zu treffen. Die Kinder hatten auch nie eine Kita gesehen – irgendjemand der Community hatte immer Zeit, auf sie aufzupassen, wenn Elizabeth Termine hatte.

Jetzt hatten sie hier endlich eine neue Freundin gefunden, und Elizabeth wollte das gern unterstützen. Es war ihr wichtig, dass ihre Töchter sich in Bronco zu Hause fühlten, solange sie hier die Familie besuchten.

Leider hatte sie keine Ahnung, wie sie Molly erreichen sollte. Ihr Vater hatte sich ihr schließlich nur mit Namen vorgestellt und ihr nicht gleich seine Telefonnummer gegeben.

Sie dachte an die Liste mit Namen, Adressen und Telefonnummern, auf der die Eltern ihre Kinder für den Club angemeldet hatten. Jake McCreerys Nummer war dort bestimmt auch zu finden. War es übergriffig, seine Nummer dort herauszusuchen und ihn anzurufen, damit sich ihre Töchter zum Spielen verabreden konnten?

Als sie an Jake dachte, sah sie ihn sofort wieder vor sich, und ihr Herzschlag beschleunigte sich. Er sah so gut aus! Fast eins neunzig groß und kräftig, mit dunklen Haaren und warmen braunen Augen – und sein T-Shirt hatte über seinen breiten Schultern gespannt, während seine Jeans seine langen, muskulösen Beine betonte. Sein Anblick hatte ein sehnsuchtsvolles Ziehen in ihr ausgelöst, dass sie seit Arlos Tod vor zwei Jahren nicht mehr empfunden hatte.

Seit sie Arlo vor über neun Jahren das erste Mal gesehen hatte, hatte sie sich zu keinem anderen Mann mehr hingezogen gefühlt. Es war Liebe auf den ersten Blick gewesen.

Und jetzt empfand sie eine ähnliche Anziehung bei Jake. Die Reaktion gefiel ihr nicht, aber ihr war auch klar, dass sie sich nur schwerlich kontrollieren ließ.

Die kurze Unterhaltung mit Jake war angenehm gewesen und sie hätte sie gern ausgedehnt, hatte aber keine Zeit gehabt. Und vielleicht war das auch besser so. Ihr Leben war gerade im Schwebezustand. Sie kämpfte mit der Entscheidung, was für ihre kleine Familie besser war: in die USA zu ziehen, wo inzwischen fast all ihre Schwestern und ihre Cousinen wohnten, oder zurückzukehren nach Australien, wo Arlos Familie lebte und sie außerdem Teil einer großen Rodeogemeinschaft war?

Im Moment wusste sie nur, dass sie für die nächsten Wochen in Bronco sein würde, und es war auf keinen Fall klug, irgendetwas anzufangen, was abrupt beendet werden würde, wenn sie beschloss, doch in Australien zu bleiben.

Über sich selbst erstaunt schüttelte sie den Kopf. Wer hatte denn etwas von einer Beziehung gesagt? Sie hatten gerade mal ein paar Minuten miteinander gesprochen. Das war gewiss nicht genug Zeit, um jemanden kennenzulernen. Außerdem hatte er überhaupt nicht angedeutet, dass er an ihr interessiert war. Vermutlich hatte er nur die Zeit bis zum Beginn des Vortrags überbrücken wollen.

„Warum nicht?“, fragte Gianna.

„Warum was nicht?“

„Du hast den Kopf geschüttelt! Warum können wir Molly nicht anrufen?“

Elizabeth unterdrückte ein Lachen. Das kam dabei heraus, wenn man stumme Selbstgespräche führte.

„Ich denke, wir können sie schon anrufen, nur etwas später. Im Moment schläft sie vermutlich noch. Also lasst uns erst mal fertig frühstücken.“

„Und dann rufst du sie an?“, fragte Lucy.

Gianna war die Sprecherin der beiden, aber Lucy immer diejenige, die sich absicherte. Vermutlich würde sie Absprachen schriftlich verlangen, wenn sie älter wurde.

„Ja.“

Zufrieden mit Elizabeths Antwort wandten sich die beiden Mädchen wieder ihrem Frühstück zu und unterhielten sich dabei miteinander.

Es freute Elizabeth immer zu sehen, dass die beiden so gut miteinander auskamen. In der Kindheit der Zwillinge sah sie viele Parallelen zu ihrer eigenen. Auch sie war in einer Familie von Rodeoreitern aufgewachsen und ihre Schwestern waren ihre besten Freundinnen gewesen. Nach Arlos Tod war ihr gar nicht bewusst gewesen, wie sehr sie ihre Familie vermisste, bis ihre Schwester Tori sie besucht hatte. Als sie sie zur Begrüßung umarmt hatte, hatten sie beide geweint. Später hatte sie versucht, Elizabeth zu überreden, wieder in die Staaten zu ziehen. Daraus war die Idee eines verlängerten Besuchs entstanden, bei dem Elizabeth entscheiden wollte, ob sie und die Mädchen für eine so große Veränderung bereit waren.

Als die Mädchen fertig waren, stellten sie ihre leeren Schüsseln in die Spüle.

„Gut gemacht“, sagte Elizabeth.

Die Mädchen strahlten. „Rufst du jetzt Molly an?“

„Ja.“

Elizabeth suchte Jakes Nummer aus der Anmeldeliste heraus und griff nach ihrem Handy, dann setzte sie sich damit auf die oberste Verandatreppe. Die Mädchen holten ihre Puppen und folgten ihr, setzten sich in die weißen Schaukelstühle und warteten darauf, dass sie anrief.

Elizabeth wählte Jakes Nummer und stellte dann fest, dass sie Herzklopfen hatte, während sie wartete, ob er abnehmen würde.

Mach dich doch nicht lächerlich, ermahnte sie sich und atmete tief durch, damit sie nicht wie ein atemloser Teenager klang, wenn er abnahm.

Beim dritten Klingeln hörte sie ein tiefes „Hallo?“.

Es verursachte Elizabeth eine wohlige Gänsehaut.

Sie ignorierte diese völlig übertriebene körperliche Reaktion und sagte freundlich: „Hallo, hier ist Elizabeth Hawkins. Ich hoffe, ich habe Sie nicht geweckt.“

Sein Lachen klang fröhlich. „Sie machen Witze, oder? Ich habe drei Kinder. Wenn Schule ist, brauche ich ewig, um sie aus dem Bett zu bekommen, aber in den Ferien sind sie bei Sonnenaufgang wach.“

„Woran das wohl liegen könnte …“, erwiderte sie trocken.

„Wenn Sie das herausfinden, bekommen Sie einen Nobelpreis. Aber da ich ja auch noch eine Ranch habe, ist es auch egal. Ich habe zwar einen Vorarbeiter, der sich um die Tagesaufgaben und die Arbeiter kümmert, aber wir gehen jeden Morgen die anstehenden Aufgaben durch.“

„Ich habe Ihre Telefonnummer vom Anmeldebogen für den Pony Club“, gestand sie. „Ich hoffe, das war in Ordnung.“

„Ja, kein Problem.“

„Wunderbar. Sie können mich gern Ihren Kontakten hinzufügen.“

Wieso war ihr das denn jetzt herausgerutscht? Es war ja wohl ziemlich aufdringlich, anzunehmen, dass er weiterhin mit ihr zu tun haben wollte.

„Mache ich.“

„Ich sollte Ihnen vielleicht sagen, warum ich anrufe, damit Sie zurück an Ihre Arbeit können.“

„Ach, es war nicht nur, weil Sie gern meine Stimme hören wollten?“ Sein Tonfall war warm und freundlich. „Ich hatte gehofft, Sie rufen an, um mir den Tag zu versüßen.“

Sie lachte und lehnte sich gegen das Geländer. Es war so angenehm, mit Jake zu plaudern!

„Das auch. Aber eigentlich wollte ich Sie fragen, ob ich mir Molly für ein paar Stunden die Woche ausleihen darf, um meine Zwillinge zu beschäftigen. Die Mädchen hatten gestern wirklich Spaß mit ihr. Natürlich würde ich sie dafür bezahlen.“

„Ich werde sie fragen, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie Nein sagt. Sie erzählt mir ständig, dass sie kein Kind mehr ist, also wird sie vermutlich begeistert sein, wenn sie einen Ferienjob hat. Außerdem mag sie Ihre beiden wirklich sehr. Sie hat auf dem Heimweg die ganze Zeit von ihnen erzählt.“

„Meine auch. Und heute Morgen haben sie als Erstes nach ihr gefragt. Offenbar ist Molly ihre neue beste Freundin.“

„Ich frage sie und rufe Sie wieder an. Wann passt es Ihnen?“

Es gefiel Elizabeth, dass er Molly die Entscheidung selbst treffen ließ.

„Wann Sie wollen. Ich habe mein Handy immer bei mir.“

„Super, dann bis bald.“

Sie legte auf und wandte sich dann Gianna und Lucy zu, die sie erwartungsvoll anblickten.

„Kommt Molly zum Spielen?“

„Ich habe mit ihrem Dad gesprochen und er fragt sie und ruft dann zurück.“

Die Mädchen brachen in Jubel aus.

„Es ist aber noch nicht sicher“, warnte Elizabeth.

Zehnjährige suchten sich normalerweise keine Fünfjährigen als Spielkameraden aus. Vielleicht wollte Molly keinen Ferienjob.

„Doch, sie kommt“, sagte Gianna. „Sie mag uns.“

Elizabeth lächelte über ihr Selbstvertrauen. Und obwohl es keine Rolle spielte, hoffte sie, dass Jake sie auch mochte.

Jake blickte noch eine Weile aufs Display, nachdem er aufgelegt hatte. Er hatte am Vortag ganz schön oft an Elizabeth gedacht – zum letzten Mal beim Einschlafen. Und heute Morgen war er mit dem Gedanken an sie aufgewacht. Das war gleichermaßen beunruhigend und aufregend.

Er fühlte sich zu ihr hingezogen. Damit hatte er nicht gerechnet und er war auch nicht begeistert darüber. Natürlich wollte er nicht den Rest seines Lebens allein verbringen – aber wenn er sich entschloss, jemandem sein Herz zu schenken, dann vielleicht nicht gerade jemandem, der in vier Wochen wieder nach Australien abreiste. Das wäre schlichtweg dumm.

Das Beste – und Klügste – was er machen konnte, war also, auf Abstand zu gehen, damit aus der Anziehung nicht mehr wurde. Sonst bestand das Risiko, verletzt zu werden, wenn ihr Aufenthalt hier vorüber war.

Aber so dachten Feiglinge. Wollte er wirklich jemand sein, der niemals ein Risiko einging? Sicherheit war langweilig. Man konnte viele schöne Dinge verpassen, wenn man so lebte. Er war am Boden zerstört gewesen, als Maggie starb, aber selbst wenn er vorher gewusst hätte, dass das passieren würde, hätte er sich immer wieder für sie entschieden.

Er lachte leise über sich selbst. Vielleicht war er gerade ein klein wenig voreilig? Zwischen ihm und Elizabeth lief ja gar nichts, und sie hatte auch nicht angedeutet, dass sie daran interessiert war. Sie hatte lediglich gefragt, ob Molly ihr mit den Zwillingen helfen könnte. Das war alles. Und in seiner Fantasie schritten sie praktisch schon zum Traualtar.

„Was ist so lustig?“, fragte Pete.

Sein Sohn war nicht gerade leise, aber Jake hatte ihn nicht kommen gehört.

„Nichts.“

„Aber du hast gelacht. Wenn du einen Witz kennst, dann erzähl ihn mir. Ich will auch lachen.“

„Ach, du möchtest lachen?“

Jake schnappte sich seinen Sohn und warf ihn spielerisch aufs Sofa. Pete liebte es, durchgekitzelt zu werden, und er machte ihm die Freude. Pete kreischte vor Lachen und versuchte dann, Jake zu kitzeln.

„Ich will auch mitspielen!“ Ben kam angerannt und sprang auf Jakes Rücken. „Ich will auch gekitzelt werden!“

„Wenn du es sagst …“

Jake hob Ben auf die Couch und streckte dann die Hände nach ihm aus, wobei er mit den Fingern wackelte. Ben kicherte erwartungsvoll und quietschte vor Freude, als Jake ihn mit der einen und Pete mit der anderen Hand durchkitzelte.

Diese spontanen Momente waren etwas, das Jake liebte. Nach Maggies Tod hatte er versucht, Spaßzeiten einzuplanen, aber das hatte sich gezwungen angefühlt. Es waren diese ungeplanten Momente der Nähe und Unbeschwertheit, die zu der Verbindung mit seinen Kindern führten, die er sich wünschte. Sie machten trotzdem Ausflüge oder Spieleabende, aber am glücklichsten war er in Augenblicken wie diesen.

Maggie war das Herz der Familie gewesen. Nach ihrem Tod hatten Pete und Molly erwartet, dass er alles wieder in Ordnung brachte. Aber er wusste, dass nichts je wieder sein würde, wie es gewesen war, und niemand sie ersetzen konnte.

Wenn er jemals wieder heiraten würde – oder auch nur eine ernsthafte Beziehung einging –, dann nur mit einer Frau, die wie Maggie etwas ganz besonders war. Und da es solche Frauen nur sehr selten ab, rechnete er nicht damit, dieses Glück zwei Mal im Leben zu haben.

„Halt seine Beine fest, Ben!“, schrie Pete und versuchte, Jakes Arme zu greifen.

„Mach ich!“, rief Ben und gab sich die allergrößte Mühe.

Wie immer wehrte sich Jake nur halbherzig und ließ sich nach einer Weile „besiegen“. Am Ende lagen sie alle laut lachend auf dem Fußboden.

„Ich gebe auf!“, keuchte er. „Ihr habt gewonnen!“

Pete und Ben jubelten und klatschten sich ab.

„Wir sind die Gewinner!“, rief Ben.

„Du solltest wirklich nicht versuchen, uns beim Kitzeln zu besiegen, Dad“, sagte Pete. „Wir gewinnen immer.“

„Ich weiß, aber ich gebe nicht auf. Nächstes Mal gewinne ich.“

„Was ist denn hier los?“, fragte Molly von der Tür her.

Sie trug ein pinkes T-Shirt und Jeansshorts. Früher hatte sie bei diesen Kitzelattacken mitgemacht, aber seit ein paar Monaten hielt sie sich zurück. Stattdessen interessierte sie sich jetzt für Schmuck. Sie hatte ihn gefragt, ob sie sich Ohrlöcher stechen lassen durfte, aber er hatte Nein gesagt.

Sie hatte behauptet, dass alle Mädchen in der fünften Klasse jetzt Ohrringe trugen. Ob das stimmte, wusste er nicht, aber er hatte ihr gesagt, dass sie nicht alles nachmachen musste, was andere taten. Der Blick, mit dem sie ihn danach bedacht hatte, war vernichtend gewesen. Offenbar hatte er das Falsche gesagt.

Irgendwann würde er es ihr erlauben müssen, aber noch nicht jetzt. Sie war zu jung. Was würde Maggie tun? hatte ihm auch nicht geholfen. Maggie und er hatten nie darüber gesprochen, was das richtige Alter war, um Ohrringe zu tragen.

„Wir kitzeln Dad durch“, erklärte Pete. „Willst du mitmachen?“

Molly runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf. „Nee. Das ist nur was für Jungs.“

Wieder einmal stiegen Schuldgefühle in Jake auf. Mollys Interessen veränderten sich und er musste ihr zeigen, dass er sie verstand. Das Problem war nur: Er verstand sie nicht. Nicht wirklich. Er war eben auch ein Junge, und egal, wie sehr er es versuchte, seine Vorstellungskraft reichte nur ein Stück weit.

In diesem Moment jedoch hatte er etwas, um sie fröhlicher zu stimmen.

„Erinnerst du dich an die Zwillinge vom Pony Club?“

Sie warf ihm einen Blick zu, der besagte: Denkst du, ich hätte Gedächtnisprobleme?

„Ja, klar. Das war erst gestern?“

Er ignorierte ihre schnippische Art. „Ich habe vorhin mit ihrer Mutter gesprochen. Sie hat gesagt, dass die beiden dich sehr mögen, und deshalb möchte sie wissen, ob du interessiert wärst, ihr ein paar Mal die Woche mit den Mädchen zu helfen. Sie will dich auch dafür bezahlen.“

Molly begann zu strahlen. „Du meinst, wie ein richtiger Job?“

„Ja. Ich habe ihr gesagt, dass ich dich frage.“

„Ja! Ja, klar will ich! Ich mag Lucy und Gianna auch sehr. Sie sind erst fünf, aber sie sind wirklich lustig.“

„Dann rufe ich sie an und sage es ihr.“

„Sag ihr, dass ich jeden Tag kommen kann.“

„So oft braucht sie vermutlich keine Hilfe.“

Doch Molly hatte die Arme um sich geschlungen und tanzte durchs Wohnzimmer, also hatte sie seine letzte Bemerkung vermutlich gar nicht gehört. Er würde die Details später mit Elizabeth klären. Bei dem Gedanken, wieder mit ihr zu telefonieren, wäre er auch am liebsten durchs Wohnzimmer getanzt. Stattdessen lächelte er.

„Rufst du sie gleich an?“, fragte Molly, als sie wieder bei ihm angekommen war.

„Mache ich.“

Jake wählte die letzte Nummer, und Molly streckte die Hand aus. „Vielleicht sollte ich mit ihr reden, es ist ja mein Job.“

Jake nickte und schluckte seine Enttäuschung hinunter. Er hätte gern wieder Elizabeths Stimme gehört.

Molly nahm das Handy. „Hallo. Hier ist Molly McCreery. Mein Vater hat gesagt, dass Sie gern meine Hilfe mit Lucy und Gianna hätten.“

Sie warf Jake und ihren Brüdern einen ausdrucksvollen Blick zu, der besagte: Raus mit euch. Als sie sich nicht schnell genug in Bewegung setzten, drehte sie ihnen den Rücken zu und ging zum Fenster.

„Kommt, Jungs“, sagte Jake, legte die Arme um die Schultern der beiden und führte sie hinaus. „Eure Schwester möchte etwas Privatsphäre.“

„Wir wollen eh nicht wissen, was sie sagt“, erklärte Pete beleidigt.

„Genau. Wollen wir nicht wissen“, bestätigte Ben.

Dennoch bewegten sie sich im Schneckentempo.

„Einen Augenblick bitte“, hörte er Molly sagen, dann folgte ein weiterer ausdrucksvoller Blick in ihre Richtung.

Obwohl er sich wie die Jungs etwas ausgeschlossen fühlte, war Jake stolz darauf, wie professionell sie telefonierte. Er selbst hatte schon oft dasselbe gesagt und denselben Blick angewandt. Das war das zweite Mal in zwei Tagen, dass seine Kinder ihn zitierten.

„Ein bisschen schneller“, sagte er und schob die Jungs zur Tür.

Pete und Ben gehorchten, und als sie in der Küche angekommen waren, hatten sie das Interesse an Mollys Gespräch verloren und rannten zum Spielen in den Garten.

Jake war dabei, die Küche aufzuräumen, als Molly hereinkam und ihm das Handy reichte.

„Elizabeth möchte mit dir sprechen.“

„Gern.“

Seine Handflächen fühlten sich plötzlich etwas feucht an und er rieb sie an seiner Jeans. Das war lächerlich. Er war doch kein Teenager mehr, er war achtunddreißig und dreifacher Vater! Dennoch atmete er tief durch, damit seine Stimme ruhig klang.

„Hier ist Jake.“

„Hallo. Danke, dass ich mit Molly reden durfte. Sie ist so ein liebes Mädchen und sehr professionell.“

„Ja, das ist sie.“

„Sie hat mein Angebot angenommen. Meine Mädchen denken, es ist eine Verabredung zum Spielen, und irgendwie ist es das ja auch, aber ich habe das vor Molly nicht erwähnt. Ich werde die ganze Zeit im Haus sein, Sie müssen sich also keine Sorgen machen.“

„Wann soll sie denn anfangen?“

„Wie wäre es morgen? Ich denke, so lange kann ich die Mädchen hinhalten.“

Sie lachte leise und bei dem Klang wurde ihm warm ums Herz.

„Klingt gut.“

Sie erklärte ihm, wie er zur Blockhütte kam. Die Gegend kannte er.

Elizabeth bestand darauf, Molly den Mindestlohn zu zahlen.

„Schließlich wollen wir ihr nicht beibringen, sich unter Wert zu verkaufen.“

Er mochte es, wie Elizabeth „wir“ sagte. Als ob sie ein Team wären. Er war jetzt seit sechs Jahren alleinerziehender Vater. Allein die Vorstellung, eine Partnerin zu haben, war eine Erleichterung.

„Wann fahren wir?“, fragte Molly, sobald er aufgelegt hatte.

„Morgen gegen elf. Wir bringen die Jungs zuerst zum Karate und fahren dann zu Elizabeths Hütte. Passt dir das?“

Sie grinste. „Das wird so toll! Jetzt muss ich mir überlegen, was ich anziehe.“

„Wieso das denn? Du wirst mit den Zwillingen spielen. Ich glaube nicht, dass du dich dafür schick machen musst.“

Molly warf ihm den Blick zu, den er in letzter Zeit öfter erntete und der ihm zeigte, dass er einfach überhaupt nichts verstand. Er hasste dieses Gefühl, aber er musste zugeben, dass sie vermutlich recht hatte. Je älter seine Tochter wurde, desto weniger konnte er nachvollziehen, was in ihr vorging. Aber er wollte auf keinen Fall zu einem dieser klischeehaften Väter werden, den nichts mehr mit seiner Tochter verband. In ihr steckte immer noch seine kleine Molly. Er musste sich einfach mehr Mühe geben.

„Brauchst du Hilfe?“, fragte er.

„Dad“, sagte sie in dem leicht tadelnden Tonfall, den er inzwischen gut kannte. „Ich weiß, was ich tue.“

„Natürlich.“

Er war ein wenig enttäuscht, dass er nicht gebraucht wurde, aber dann siegte seine Vorfreude. Morgen würde er Elizabeth wiedersehen.

3. KAPITEL

Elizabeth drehte sich vor dem großen Wandspiegel hin und her, um sicherzustellen, dass sie von allen Seiten gut aussah. Als sie merkte, was sie da tat, lachte sie über sich selbst und ging ins Wohnzimmer, wo die Zwillinge spielten. Das hier war kein Date. Sie würde ja nicht mal das Haus verlassen. Sie hatte lediglich ein zehnjähriges Mädchen zu Gast. Dass dieses Mädchen von ihrem attraktiven Vater vorbeigebracht wurde, spielte dabei keine Rolle. Außerdem würde Jake sie vermutlich nicht mal richtig anschauen. Er erweckte nicht den Eindruck, als wäre er an Romantik interessiert. Angesichts ihrer derzeitigen Lage war sie es auch nicht.

Doch als Jake ihr erzählt hatte, dass Molly das einzige Mädchen in der Familie war, hatte sie sofort Mitgefühl für die Kleine gehabt. Als eine von fünf Schwestern konnte sich Elizabeth gar nicht vorstellen, nicht ständig jemanden um sich zu haben, mit dem man Geheimnisse teilen oder über Mode oder Jungs reden konnte. Natürlich konnte sie Molly die Schwester nicht ersetzen, aber immerhin hatte sie zwei kleine Mädchen zum Spielen anzubieten. Gianna und Lucy hatten in Bronco bisher noch keine Freundinnen gefunden und waren sofort von Molly begeistert gewesen, von daher war es ideal für alle.

Als es klopfte, sprangen die beiden auf und rannten zur Tür.

„Das ist bestimmt Molly“, verkündete Gianna und zupfte aufgeregt an Elizabeths Shorts.

„Ich weiß“, erwiderte Elizabeth, öffnete die Tür und trat zur Seite.

Drei kleine Mädchen brachen in Jubel aus, als hätten sie sich jahrelang nicht gesehen. Gianna und Lucy nahmen Molly bei der Hand und zogen sie ins Haus. Sie folgte ihnen bereitwillig.

Elizabeth und Jake tauschten ein amüsiertes Lächeln, doch als ihre Blicke sich trafen, begann Elizabeths Magen zu kribbeln. Was war das nun wieder? Das war das zweite Mal, dass sie wie eine Teenagerin auf Jake reagierte. Arlo war ihr Ein und Alles gewesen, deshalb schockierte sie diese Reaktion. Das aufgeregte Plappern der Mädchen riss sie aus ihrer Schockstarre und sie erinnerte sich an ihre Manieren.

„Möchtest du auf eine Tasse Kaffee reinkommen?“, fragte sie Jake, der noch immer vor der Tür stand.

„Würde ich gern, aber das geht nicht. Ich habe die Jungs zum Karatetraining gebracht, bevor ich herkam. Jetzt muss ich wieder los, damit ich rechtzeitig da bin, wenn sie fertig sind.“

Elizabeth behielt ihr Lächeln bei, obwohl sie enttäuscht war. Sie hatte gehofft, ein wenig Zeit mit einem Erwachsenen verbringen zu können. Nein, das war nicht ganz richtig. Sie hatte gehofft, ein wenig Zeit mit Jake verbringen zu können. Sie hatte sich darauf gefreut, ihn besser kennenzulernen. Die Verabredung der Mädchen zum Spielen war dafür die perfekte, unverfängliche Gelegenheit.

„Natürlich. Vielleicht ein andermal.“

Jake blickte auf die Uhr und dann wieder zu ihr. „Ein paar Minuten habe ich noch Zeit. Und eine Tasse Kaffee klingt gut.“

„Dann komm rein, ich koche uns welchen.“

Sie gingen ins Wohnzimmer, wo Molly sich schon ganz wie zu Hause fühlte und einer Puppe die Haare bürstete. Gianna und Lucy hatten ihre Lieblingspuppen aus Australien mitgebracht, und die Familie hatte ihnen weitere geschenkt. Das ganze Sofa war von ihnen besetzt.

„Wir sind in der Küche“, sagte Elizabeth.

„Ist gut, wir kommen klar“, erwiderte Molly.

„Das sehe ich.“

Die Zwillinge hatten nicht mal hochgeschaut. Offenbar war ihre Anwesenheit nicht länger nötig.

„Setz dich“, sagte Elizabeth mit einer Geste zum Küchentisch, dann begann sie, den Kaffee zu mahlen.

„Danke. Auch dafür, dass Molly heute kommen durfte. Als sie kleiner war, wollte sie immer mit mir und ihren Brüdern spielen. Fast über Nacht will sie jetzt mit uns nichts mehr zu tun haben.“

„Nimm es nicht persönlich. Das ist schon die Vorpubertät. Es ist ganz natürlich, dass sie eigene Interessen entwickelt.“

„Ich habe sie heute gefragt, ob sie ihre Puppe mitbringen will, und glaub mir, der Blick, den ich dafür geerntet habe …“ Er schüttelte den Kopf. „Aber jetzt sitzt sie da und spielt mit Puppen. Ich verstehe es einfach nicht!“

„Na ja, sie ist kein kleines Mädchen mehr, aber auch noch kein Teenager. Außerdem ist sie als meine Unterstützung hier. Sie beschäftigt die Zwillinge, indem sie mit ihnen spielt – mit ihren Puppen. Das ist ein feiner Unterschied.“

„Wenn du es sagst …“

„Jedenfalls muss sie kein Spielzeug mitbringen, wir haben mehr als genug. Meine ganze Familie tut alles, damit wir in Bronco bleiben, und sie glauben anscheinend, wenn sie die Mädchen mit Spielzeug bestechen, werden sie bleiben wollen.“

„Ich dachte, du wärst im Urlaub hier. Denkst du darüber nach, ganz nach Bronco zu ziehen?“

Elizabeth zuckte die Achseln, gab das Pulver in den Kaffeebereiter und stellte ihn auf den Herd.

„Keine Ahnung, ehrlich gesagt. Ich stehe an einem Wendepunkt in meinem Leben, also ist alles möglich. Ich will das Beste für meine Mädchen, und ich bin noch nicht sicher, ob das die Rückkehr nach Australien ist oder ein Umzug nach Bronco.“

Jake nickte.

„Gestern haben die Mädchen zum ersten Mal nicht gefragt, wann wir wieder nach Hause fahren. Für sie bedeutet Urlaub Strand und Meer, nicht das hier.“

„Leider gibt es in Montana nicht viele Strände.“

„Ist mir aufgefallen.“

Sie füllte zwei Becher und reichte einen Jake. „Milch und Zucker?“

„Nein, schwarz, danke.“

Elizabeth unterdrückte ein Schaudern und gab großzügig Milch und Zucker in ihre Tasse, dann setzte sie sich Jake gegenüber an den Tisch.

„Dein Sohn erwähnte gestern bei Ross’ Vortrag, dass du Witwer bist.“

Er nickte langsam. „Ja, seit sechs Jahren.“

„Das tut mir leid.“

„Danke.“

Elizabeth blickte auf ihre Hände hinunter, atmete tief durch und sagte dann: „Mein Mann Arlo ist vor zwei Jahren gestorben.“

„Das tut mir leid.“

„Wird es je besser?“

„Die Trauer und der Schmerz?“

Sie nickte nur, da ihr die Stimme versagte.

Nachdenklich trank er einen Schluck Kaffee.

„Das ist eine gute Frage“, sagte er dann. „Ich weiß nicht, ob der Schmerz nachlässt oder ob man mit der Zeit einfach lernt, damit zu leben. Aber ich habe drei Kinder, ich kann mich nicht der Trauer hingeben. Nach Maggies Tod musste das Leben so gut es ging weitergehen.“

Nach einem weiteren Schluck runzelte er die Stirn und sprach weiter.

„Tut mir leid, das ist wohl nicht sehr hilfreich und auch nicht das, was du hören wolltest. Ich kann nur sagen, dass man einfach weitermachen muss, einen Tag nach dem anderen.“

„Ja, das beschreibt sehr gut, wie es mir geht. Abends bin ich immer dankbar, wenn ich wieder einen Tag überstanden habe. Mein Umfeld scheint darauf zu warten, dass ich wieder heirate – angeblich um der Zwillinge willen. Aber mir kommt es eher wie Eigennutz vor. Wenn ich wieder heirate, ist das ein Zeichen, dass ich nicht mehr trauere, und dann müssen sich die Leute keine Sorgen mehr um mich machen. Sie scheinen nicht zu glauben, dass meine Mädchen und ich eine komplette Familie sind. Eine andere als zu der Zeit, als mein Mann noch lebte, und nicht die Familie, von der ich geträumt habe, aber eine Familie. Uns geht’s gut.“

Jake nickte und grinste dann. „Ich werde dich nicht mit den Horrorgeschichten von den Frauen langweilen, die zwei Monate nach Maggies Tod bei mir vor der Tür standen, um sich als nächste Mrs. McCreery anzubieten.“

„Ach du liebe Güte. Das ist mir zum Glück nicht passiert. Bei mir sind die Männer eher auf Abstand gegangen, als hätten sie Angst vor meiner Trauer.“

Eine Weile saßen sie schweigend da, aber es war ein angenehmes Schweigen, das ihnen beiden die Gelegenheit gab, mit der Trauer fertig zu werden, die das Thema in ihren wieder wachgerufen hatte. Aber Elizabeth wollte Jake auch besser kennenlernen, also musste sie irgendwann auch wieder etwas sagen.

„Nachdem wir jetzt festgestellt haben, dass es bis zum nächsten Strand recht weit ist – verrätst du mir, was man hier macht, wenn man Spaß haben will?“

Jake lächelte. Offenbar war auch er über den Themenwechsel erleichtert. „Fragst du Jake, den Mann, oder Jake, den alleinerziehenden Vater? Denn die Antworten unterscheiden sich doch sehr.“

„Beide.“

„Na ja, ich bin Rancher, also habe ich immer was zu tun, aber wenn ich mit den Kindern etwas unternehme, dann meistens draußen. Wir übernachten gern mit Schlafsäcken unter freiem Himmel und beobachten die Sterne. Und sie lieben es, Würstchen über einem offenen Feuer zu grillen. Besonders Ben, der ist ja erst sechs. Seit Kurzem darf er seine Würstchen selbst ins Feuer halten, und er ist begeistert.“

„Das kann ich mir vorstellen.“

„Er versucht immer, Pete alles nachzumachen, weil er auch ein großer Junge sein will.“

Elizabeth nickte. „Das Gefühl kenne ich.“

Er lachte leise, und Elizabeths Blick fiel auf seine breite Brust. Sie hätte gern mit den Fingern darübergestrichen und die Muskeln gespürt.

„Ich bin natürlich stolz auf ihn, aber es ist auch schade, dass sie so schnell groß werden. Ich vermisse die Babyjahre, was verrückt ist, denn ohne Maggie war es eine harte Zeit.“ Er schüttelte den Kopf.

„Aber völlig verständlich“, erwiderte sie. „Meine Mädchen waren drei, als wir ihren Vater verloren haben. Wir hatten viel Hilfe von Arlos Familie und Freunden, aber trotzdem war es schwer. Jetzt werden die beiden langsam unabhängiger, was gut ist, und trotzdem vermisse ich die Zeiten, wo sie so klein waren.“ Sie seufzte. „Und was macht Jake der Mann, wenn er Spaß haben will?“

„Du meinst, wenn ich einen Babysitter finde?“

„Ja. Wie sieht ein schöner Abend in einer perfekten Welt für dich aus?“

„Ich esse gern gut.“

„Und was anderes als Steak und Kartoffeln?“

„Auch wenn mich das für einen Rancher untypisch macht, ja. Ich liebe alle Arten von Essen. Wann immer es geht, probiere ich neue Restaurants aus, die authentische Küche aus anderen Kulturen anbieten.“

„Hast du Vorlieben oder irgendwas, was du gar nicht magst?“

„Nö, ich probiere alles. Ich will doch keine Delikatesse verpassen, nur weil sie nicht so aussieht, wie ich es gewohnt bin.“

Elizabeth lächelte. „Das gefällt mir.“

Jakes Armbanduhr piepste und er seufzte und trank seine Tasse aus, dann stand er auf und stellte sie in die Spüle.

„Ich muss los, ich will nicht zu spät kommen. Danke für den Kaffee.“

Die Zeit war nur so verflogen. Auch Elizabeth stand auf. „Vielen Dank für die nette Gesellschaft.“

Im Wohnzimmer saß Molly zwischen den Zwillingen in einem Sessel und erzählte ihnen eine Geschichte über eine Prinzessin und ihr Lieblingspony. Gianna und Lucy hingen an ihren Lippen und blickten nicht mal auf, als die Erwachsenen reinkamen.

„Holst du jetzt Ben und Pete ab?“, fragte Molly ihren Vater.

„Ja.“

„Okay, tschüss.“

Sie lächelte und fuhr mit ihrer Geschichte fort.

Jake blinzelte verletzt.

Elizabeth fühlte mit ihm. Wenn es ihm schon schwerfiel, zuzusehen, wie sein jüngster Sohn selbstständiger wurde, war das bei seiner einzigen Tochter bestimmt noch schlimmer für ihn.

„Sie kommt zurecht“, bemerkte sie.

„Ich weiß. Das ist auch nicht das erste Mal, dass ich sie irgendwo zum Spielen lasse. Keine Ahnung, warum sich das so anders anfühlt.“

„Weil es anders ist. Sie ist bei der Arbeit.“ Elizabeth lächelte breit. „Deine Tochter hat einen Job. Sie wird erwachsen.“

Er lachte. „Und ich bin kindisch. Um welche Zeit soll ich sie abholen?“

„Wann immer es passt. Ich habe heute nichts vor.“

Sie brachte ihn zur Tür und war dann unsicher, was sie tun sollte. Er schien ebenso unschlüssig zu sein, was lächerlich war. Das hier war kein Date gewesen, also mussten sie nicht darüber nachdenken, ob sie sich küssen sollten. Warum war sie also enttäuscht, als er einfach die Treppe hinuntereilte, in sein Auto sprang und davonfuhr?

Jake versuchte, sich auf die Straße zu konzentrieren, doch seine Gedanken schweiften immer wieder zu Elizabeth ab. Sie hatte Jeansshorts getragen und eine Bluse, die sie vor dem Bauch geknotet hatte, und selbst dieser Freizeitdress hatte an ihr glamourös gewirkt. Sie war einfach zu attraktiv, deshalb hatte er sich vorher vorgenommen, auf Distanz zu bleiben. Eigentlich hatte er Molly nur abliefern und dann gleich wieder fahren wollen, doch sie hatte so enttäuscht ausgesehen, als er ihre Einladung zum Kaffee abgelehnt hatte, also hatte er sich umentschieden.

Und er bereute es nicht. Es machte einfach Spaß, sich mit ihr zu unterhalten, und er war froh zu hören, dass sie vielleicht doch in Bronco bleiben würde. Aber natürlich konnte sie auch morgen nach Australien zurückkehren.

Er schaffte es pünktlich zum Ende des Trainings, und als er mit den Jungs wieder im Auto saß, fragte Pete: „Wann holen wir Molly ab?“

„Gute Frage. Wie wäre es jetzt gleich?“

Elizabeth hatte erwähnt, dass sie Molly für ein paar Stunden in der Woche buchen wollte, und er nahm an, dass diese nicht alle an einem Tag sein sollten. Außerdem war es Mollys erster Arbeitstag und er wollte nicht, dass ihr langweilig wurde. Was lächerlich war, denn sie liebte es, sich um jüngere Kinder zu kümmern, und war vermutlich im siebten Himmel.

Er hatte ihr oft genug gesagt, dass sie nicht ständig auf ihre jüngeren Brüder aufpassen musste und sie hatte nur genickt und es trotzdem getan.

Während die Jungs sich auf der Fahrt über ihre Lieblingskaratehelden unterhielten, genoss Jake die Landschaft, durch die er fuhr. Elizabeths Blockhütte – oder besser gesagt die ihrer Schwester – lag ähnlich weit draußen wie seine Ranch und der Weg dorthin war idyllisch. Obwohl er schon sein ganzes Leben in Bronco wohnte, konnte sich Jake an der Schönheit der Natur nie sattsehen.

Als er vor der Blockhütte parkte, sprangen die Jungs aus dem Auto, bevor er den Motor ausgestellt hatte.

„Hier ist es ja toll“, sagte Pete. „Und es gibt coole Tiere. Schau mal, eine Kröte.“

Jake war überrascht. Kröten waren hier selten.

„Können wir sie mit nach Hause nehmen?“, fragte Ben.

„Nein, auf keinen Fall.“

Wenn es nach den Jungs ging, hätten sie auf der Ranch einen halben Zoo.

„Warum nicht?“

Autor

Gina Wilkins

Die vielfach ausgezeichnete Bestsellerautorin Gina Wilkins (auch Gina Ferris Wilkins) hat über 50 Romances geschrieben, die in 20 Sprachen übersetzt und in 100 Ländern verkauft werden! Gina stammt aus Arkansas, wo sie Zeit ihres Leben gewohnt hat. Sie verkaufte 1987 ihr erstes Manuskript an den Verlag Harlequin und schreibt seitdem...

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