Bis mir dein Herz gehört

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Warum versteht Santiago nicht, was ich in einer Ehe brauche? Er hat mir einen Antrag gemacht, weil zwischen uns das Verlangen heißer als ein Inferno brennt. Dabei ist das für mich nicht das Wichtigste für eine Heirat. Ich will Sicherheit, eine Liebe für immer! Aber die Fähigkeit, ehrlich zu lieben, kann Santiago sich selbst als Milliardär nicht kaufen. Und deshalb sollte meine Antwort Nein lauten! Wenn ich nicht dieses kleine, süße Geheimnis hätte, das mich zögern lässt. Soll ich Ja sagen, obwohl das für mich verhängnisvoll sein könnte?


  • Erscheinungstag 01.09.2026
  • Bandnummer 2768
  • ISBN / Artikelnummer 9783751542074
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Jackie Ashenden

Bis mir dein Herz gehört

PROLOG

SANTIAGO

Ich stehe an der Bar auf einer weiteren Spendengala, diesmal in der Turbine Hall der Londoner Tate Modern Gallery of Modern Art. Die Halle ist gefüllt mit Wirtschaftsbossen, Politikern, Reichen und Berühmten. Heute Abend wird hier Geld für Computer an Schulen gesammelt, deshalb ist die Veranstaltung auf die Tech-Branche zugeschnitten.

Als CEO von VZ Industries, einem sehr erfolgreichen Forschungs- und Entwicklungsunternehmen, müsste das hier mein ideales Jagdrevier für Investoren sein. Doch ich bin unruhig und habe keine Lust, hier zu sein. Small Talk liegt mir nicht. Mein magerer Vorrat an Gesprächsthemen ist bereits nach einer halben Stunde erschöpft. Einige Leute warten nur darauf, mich anzusprechen – aus dem Augenwinkel sehe ich, wie sie zögern –, aber ich habe schon eine beträchtliche Summe gespendet und bin damit durch für heute.

Doch dann sehe ich sie.

Sie steht am anderen Ende der Bar. Eine Flut aus prachtvollem blondem Haar fällt über ihre Schultern. Sie trägt ein trägerloses Kleid aus rosafarbener Seide. Ihr Gesicht ist makellos mit geschwungenen goldenen Brauen, einem entschlossenen kleinen Kinn und einem sinnlichen Mund. Sie wirkt nervös, während sie auf ihren Drink wartet, und spielt unruhig mit ihrer Clutch. Der Barkeeper schiebt ihr ein Glas Champagner zu. Sie greift danach und nimmt einen kleinen Schluck.

Sie muss gemerkt haben, dass ich sie anstarre, denn im selben Moment blickt sie auf und sieht mich mit mitternachtsblauen Augen an. Schlagartig liegt ein elektrisches Knistern in der Luft. An ihren geweiteten Pupillen erkenne ich, dass sie es ebenfalls spürt. Einen Moment lang schauen wir uns nur an, und alle anderen Gäste dieser sinnlosen Gala verschwinden, es gibt nur noch sie und mich, gefangen in einer intensiven Anziehung, gegen die wir beide machtlos sind.

Ein Hauch von Rot überzieht ihr wunderhübsches Gesicht, und noch bevor ich es mir anders überlegen kann, gehe ich auf sie zu. Sie ist schöner und faszinierender als alle Frauen, die ich kenne – obwohl ich schon viele attraktive und beeindruckende Frauen hatte. Sie ist anders, und ich weiß nicht, warum. Die Anziehung ist wie eine Urgewalt. So intensiv habe ich das noch nie erlebt.

Sie errötet noch stärker, während ich näher komme. Sie hält meinen Blick fest und beginnt zu lächeln. In ihren Augen sehe ich, dass ich willkommen bin und sie dieses immer heftiger werdende Verlangen teilt. Ihre Wangen haben fast denselben Rosaton wie ihr Kleid, was das Blau ihrer Augen noch tiefer wirken lässt. Sie sieht nicht weg. Wir sind wie zwei Sterne, die durch ihre Anziehungskraft aneinander gebunden sind und sich umkreisen, ohne voneinander loszukommen.

Ich will mich gerade vorstellen, da taucht ein Mann neben ihr auf. Er legt den Arm um ihre Taille und zieht sie an sich. Ihr Lächeln erlischt, der Glanz in ihren Augen schwindet, und sie senkt den Blick.

Ich kenne ihn. Ich habe seine dunklen Augen und seine breiten Schultern. Mein Haar ist noch schwarz, seines ist schon grau. Er grinst mich hämisch an, weil er weiß, dass er diese Runde in unserem ewigen Kampf gewonnen hat. Er hat gesehen, wie ich auf sie reagiert habe, und wusste sofort, was das bedeutet. Er wusste, was ich will. Jetzt genießt er seinen Sieg.

Diese schöne Frau gehört offensichtlich zu ihm. Er macht das mehr als deutlich, indem er sie noch fester an sich zieht. Mir bleibt nur ihr letzter, brennender Blick, bevor sie sich von meinem Vater zurück in die Menge führen lässt.

1. KAPITEL

BEATRIX

Die kleine kastilische Kirche ist zum Bersten gefüllt. Der europäische Hochadel, Reiche und Prominente drängen sich hier, um sich von Antonio Veracruz zu verabschieden, dem zehnten Herzog von Riego – und meinem Ehemann.

Ich stehe in einer winzigen Nische, die ich erst vor wenigen Augenblicken entdeckt habe. Ich brauche einen Moment, um durchzuatmen und meinen schwarzen Witwenschleier zu richten. Er ist Fassade, verbirgt meine trockenen Augen. Ich frage mich, warum ich mir die Mühe überhaupt mache. Niemand glaubt, dass ich wirklich um Antonio trauere.

Ich weiß, was der spanische und europäische Adel von mir hält. Die Gerüchte über mich füllen Klatschspalten, Internetforen und soziale Netzwerke. Man nennt mich Goldgräberin oder Sugarbaby, Escort oder Kurtisane. Ich hätte einen armen, alten Mann um den Finger gewickelt und ihn ausgenommen. Es gibt Schlagzeilen über die „schwarze Witwe“ und Berichte, ich hätte ihn vergiftet, um ans Veracruz-Erbe zu kommen.

Leider haben sie recht. Nicht damit, dass ich ihn vergiftet hätte – tatsächlich ist er an einem schweren Herzinfarkt gestorben. Aber mit der anderen Sache: Ich bin eine Goldgräberin. Und Antonio wusste das.

Außerdem war er alles andere als ein „armer, alter Mann“.

Wir haben uns über eine Agentur kennengelernt. Kein Escort-Service oder etwas Anstößiges. Es ging um Gesellschaft. Wer sich dort anmeldet, wird streng geprüft und unterschreibt etliche Verschwiegenheitserklärungen.

Kaum war meine Anmeldung durch, kam eine Nachricht von Antonio. Er hätte mein Profil gesehen und wolle mich als Begleitung für eine Benefizgala in London.

Hand aufs Herz: Ich habe „spanischer Herzog“ gelesen und sofort zugesagt. Wenn man nichts hat außer seinem Aussehen, kann man nicht wählerisch sein. Man tut, was zum Überleben nötig ist.

Ich zog mein einziges schönes Kleid an und fuhr in das Nobelhotel, in dem er untergekommen war. Wir trafen uns an der Bar, und er gab mir einen Drink aus. Wir unterhielten uns. Ich hatte mich über Weinbau belesen, weil das seine Leidenschaft war. Wir verstanden uns gut. Ich begleitete ihn zur Gala und danach in den Urlaub nach Griechenland.

Kurz darauf haben wir geheiratet. Liebe spielte keine Rolle. Antonio wollte jemanden, dem er vertraute und der sich nach seinem Tod um seinen Besitz kümmert. Er war einsam und wollte im Alter nicht allein sein. Ich war bereit, ihm Gesellschaft zu leisten, solange meine Zukunft abgesichert war. Es war eine Abmachung, von der wir beide profitierten.

Ich wäre damit zufrieden gewesen.

Aber nicht Antonios Sohn.

Ich lehne mich gegen den kalten Stein der Nische, schließe die Augen und versuche, ruhig zu atmen. Das gemurmelte Beileid ist schwer zu ertragen. Keiner meint es ehrlich. Alle hassen mich. Aber Hass bin ich gewohnt und habe gelernt, mich dagegen zu wappnen. Wer in Pflegefamilien aufwächst und vernachlässigt wird, lernt das. Entweder man legt sich einen Schutzpanzer zu oder man geht unter.

Genau diesen Schutzpanzer brauche ich heute. Nicht nur wegen der Leute in der Kirche, die mich verachten, sondern vor allem deshalb, weswegen ich mich hier in der Nische verstecke.

Santiago Veracruz ist hier, Antonios einziger Sohn!

Und er hasst mich.

Ich hatte gehofft, er würde nicht kommen, aber meine Gebete wurden nicht erhört. Ich weiß nicht, was er hier will. Er und sein Vater haben über ein Jahr lang nicht miteinander gesprochen und lebten zuvor noch viel länger ohne jeden Kontakt. Vielleicht will er sichergehen, dass sein Vater tot ist. Oder er will mich feindselig anstarren, so wie bei unserem letzten Treffen. Wahrscheinlich geht es ums Testament. Antonio hat Santiago enterbt und ihm nichts als einen wertlosen Titel hinterlassen.

Ich weiß nicht, warum Santiago mich so hasst. Es hat wohl mit der unschönen Scheidung seiner Eltern zu tun und damit, dass Antonio mich geheiratet hat. Ich wollte mit diesem Familiendrama eigentlich nichts zu tun haben. Das Verhältnis zwischen den beiden ging mich nichts an. Aber ich hatte keine Wahl. Santiago hat mich dort hineingezogen.

Das alles wäre allerdings halb so wild, wenn er nicht auch auf dieser Gala in London gewesen wäre, auf die ich Antonio begleitete. Wenn wir uns an der Bar nicht in die Augen geschaut hätten. Wenn nicht diese Anziehung zwischen uns geherrscht hätte und er nicht mit seiner gefährlichen, raubtierhaften Eleganz auf mich zugekommen wäre …

Ich beiße die Zähne zusammen und versuche, diese Gedanken abzuschütteln. Ich darf nicht an Santiago denken, der Gottesdienst beginnt gleich. Ich muss meinen Schutzpanzer aufbauen und sichergehen, dass ich keine Schwäche zeige, denn die kann ich mir nicht leisten. Santiago wird jede Schwachstelle nutzen, um mir wehzutun. Ja, ich habe Schlimmeres überstanden, aber solange Antonio lebte, war ich geschützt. Jetzt ist dieser Schutz weg. Ich bin auf mich gestellt.

Letztlich war ich immer auf mich gestellt.

„Ah, da bist du ja“, sagt eine tiefe, dunkle Männerstimme mit kalter Verachtung. „Übst du für die Rolle der trauernden Witwe?“

Ich öffne die Augen. Durch die schwarze Spitze meines Schleiers sehe ich Santiago Veracruz im Eingang der Nische, komplett in Schwarz.

Natürlich hat er mich gefunden. Mit seinen über eins neunzig versperrt er mir komplett den Weg. Der maßgeschneiderte Anzug betont seine breiten Schultern und die kräftigen Oberschenkel. Sein Gesicht erinnert an einen gefallenen Engel – schön und grausam zugleich, mit markanten Wangenknochen, einer geraden Nase und einem harten Mund. Seine tiefschwarzen Augen haben dichte Wimpern, um die ihn jede Frau beneidet. Sein Blick ist aber weder sanft noch freundlich. Er sieht mich an, als wäre ich Dreck.

Ich schlucke. Seine Präsenz und sein Hass sind fast greifbar. Ich habe ihn seit dem Vorfall vor einem Jahr nicht mehr gesehen. Er tauchte kurz nach der Hochzeit auf dem Anwesen auf, um uns seine Aufwartung zu machen, zumindest behauptete Antonio das.

Ich verstand nicht, was sie sagten, aber ich beobachtete vom Fenster aus, wie Antonio und Santiago sich in der Einfahrt der Hacienda auf Spanisch anschrien. Als Santiago schließlich aufbrach, bemerkte er mich. Sein Blick traf mich wie ein schwarzer, hasserfüllter Pfeil direkt ins Herz.

Nein, ich ahne, warum er mich so hasst. Nach der Gala, während ich mit Antonio in Griechenland war, schickte er mir eine Nachricht. Er hatte nachgeforscht, wer ich bin, und meine E-Mail-Adresse herausgefunden. Die Nachricht war kurz und knapp: Er wolle ein Treffen. Obwohl ein Teil von mir nichts lieber getan hätte, als zu sehen, ob dieses Knistern von der Bar noch da war, warnte mich mein Überlebensinstinkt. Santiago Veracruz hätte mich ruinieren oder mich von sich abhängig machen können. Das durfte ich nicht zulassen. Die einzige Macht, die ich besitze, ist die über mich selbst. Diese intensive Anziehung an dem Abend fühlte sich wie eine Bedrohung für meine Unabhängigkeit an. Um das Leben zu führen, das ich geplant hatte, muss ich ihn meiden wie die Pest.

Nur kann ich ihm in diesem Moment nicht ausweichen. Doch auch wenn Antonio mich nicht mehr verteidigen kann, lasse ich mich von der Abscheu dieses Mannes nicht verletzen. Egal, wie er mich ansieht. Ich weiß, wie ich mich schütze. Das habe ich nicht vergessen.

Ich stoße mich von der Wand ab, richte mich auf. Ich ziehe innerlich meine kalte Maske an, die mir bei Männern früher oft geholfen hat. Bei einer Eiskönigin halten sie für gewöhnlich Abstand.

„Santiago“, sage ich kühl. „Ich habe nicht mit dir gerechnet.“

„Warum nicht?“ Er sieht mich spöttisch an. „Ich bin Antonios einziges Kind.“

„Und was willst du hier? Sicher nicht dein Beileid bekunden.“

„Nein.“ In seinem Blick liegt ein dunkles Funkeln. „Ich spreche mein Beileid nur Menschen aus, die wirklich trauern. Nicht denen, die eine Show abziehen.“

Hilflose Wut steigt in mir auf. Normalerweise habe ich mich im Griff, aber heute ist kein normaler Tag. Ich habe Antonio nicht geliebt und er mich nicht, aber sein Tod nimmt mich mit. Ich habe keine Kraft für Santiagos hämische Kommentare.

„Interessant, dass du dir über Trauer Gedanken machst“, fahre ich ihn an. „Dafür, dass du deinen Vater zuletzt vor einem Jahr gesehen und ihn nur angeschrien hast.“

Santiago verzieht keine Miene. „Wie fühlt es sich an, wenn einen jeder in der Kirche für eine Mörderin hält?“

Er trifft einen wunden Punkt, und ich will zurückschlagen. Ich kann nicht anders, auch wenn ich mich damit verrate. „Wie rührend. Ich wusste nicht, dass dir meine Gefühle wichtig sind.“

Er lacht kurz und hart auf. „Sind sie nicht.“

„Warum bist du dann hier? Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich glauben, du willst deinen Vater in meinem Bett ersetzen.“

Die Worte sind unüberlegt. Kaum ausgesprochen, bereue ich sie. Ich hätte dieses Knistern nicht erwähnen dürfen, das nach anderthalb Jahren immer noch zwischen uns herrscht. Ich habe diesen Abend in London nicht vergessen. So ein Gefühl hatte ich nie wieder, erst recht nicht bei Antonio. Gegen diese Spannung kann ich nichts tun. Aber ich darf ihr nie nachgeben.

Santiago funkelt mich wütend an und macht einen Schritt auf mich zu. „Das hättest du wohl gern.“ Sein spanischer Akzent lässt die Drohung wie Musik klingen. „Nein, Stiefmutter. Ich bin wegen etwas anderem hier.“

Stiefmutter? Ernsthaft? Technisch gesehen stimmt das zwar, aber ich bin fünfundzwanzig und damit gute zehn Jahre jünger als er. Und wie er das Wort ausspricht – voller Verachtung. Man hört den Hohn in jeder Silbe.

Bei seinen Worten wird mein Mund trocken. Der Geruch von kaltem Stein und Weihrauch vermischt sich mit seinem warmen, würzigen Duft. Ich kann an nichts anderes denken als an den Abend an der Bar, als er so nah bei mir stand. Als mir sein Geruch den Kopf verdrehte und ich bereute, mit jemand anderem dort zu sein. Dass dieser Jemand sein Vater war, wusste ich damals nicht.

Ich schlucke und sehe durch die schwarze Spitze meines Schleiers zu ihm auf. Ich weiß natürlich, warum er hier ist. „Es geht um dein Erbe, oder?“

„Scharfsinnig.“

„Dein Vater hat mir alles hinterlassen, wie du weißt.“

Er macht noch einen Schritt auf mich zu. Ich weiche zurück, um Distanz zu wahren. Er überragt mich, seine Präsenz füllt die Nische aus.

„Ich weiß“, sagt er leise. „Mi padre war da sehr deutlich.“

Mein Herz rast. Ich hasse es, wie ich auf ihn reagiere. Ich hasse es, dass mein Körper sofort in Alarmbereitschaft versetzt wird, genau wie damals. Ich spüre dieses verzweifelte Verlangen. Selbst vor einem Jahr, als ich ihn nur durchs Fenster sah, war es so. Vor allem aber hasse ich das Gefühl, keine Kontrolle mehr über mich zu haben, sobald er in der Nähe ist. Es ist gefährlich, Dinge zu wollen, die man nie haben kann – und nicht haben sollte.

„Und?“ Ich bin froh über den Schleier, der meine erhitzten Wangen verbirgt. „Es gibt nichts zu besprechen, Santiago.“

„Mr. Veracruz, wenn ich bitten darf.“ Sein Blick durchbohrt mich. „Du hast kein Recht darauf, mich beim Vornamen zu nennen.“

Ich spüre meinen Herzschlag in meinem Kopf. „Die Trauerfeier beginnt gleich.“ Ich hoffe, dass meine Stimme so hart und klanglos wirkt wie seine. „Was auch immer du sagen willst …“

„Was ich zu sagen habe“, unterbricht er mich, tritt fest in die Nische und drängt mich gegen die Steinwand, „sage ich hier und jetzt. Mein verdammter Vater und seine Trauerfeier sind mir scheißegal.“

Im Rücken habe ich den kalten Stein, vor mir spüre ich seine Wärme. Er strahlt Hitze aus, obwohl sein Blick eiskalt ist.

Dann hebt er die Hand und klappt meinen Schleier hoch. „Dacht ich’s mir doch. Keine Tränen.“

Am liebsten würde ich den Schleier sofort wieder herunterziehen, aber ich zeige ihm nicht, wie sehr er mich aus der Fassung bringt.

Stattdessen sehe ich ihm fest in die Augen. „Ich finde es traurig, dass er tot ist“, sage ich. Bei ihm hat es keinen Sinn, so zu tun, als ob. „Aber Antonio und ich haben uns nicht geliebt. Es war eine Abmachung und …“

„Wenn es dir ums Geld ging, hättest du meins haben können“, knurrt er plötzlich. Er stützt beide Hände links und rechts von meinem Kopf gegen die Wand. In seinem Blick lodert Zorn. „Aber das wolltest du nicht, oder?“

Ich zittere, aber nicht vor Angst. Ich fürchte mich nur vor dieser Spannung zwischen uns, diesem Sog, den ich nie vergessen konnte, egal, wie sehr ich es versucht habe. Am Ende habe ich mich nicht für Santiago entschieden, sondern für seinen Vater.

Wenn er noch einen Millimeter näher kommt, verliere ich die Kontrolle. Genau darum habe ich ihn nicht gewählt. Antonio war die sicherere Wahl.

„Nein“, sage ich heiser. „Wollte ich nicht. Ich wollte deinen Vater, nicht dich. Verschwinde.“ Ich lege meine Hände an seinen Oberkörper und versuche, ihn wegzuschieben. Aber er rührt sich nicht.

Dann brennt plötzlich die Luft zwischen uns.

2. KAPITEL

SANTIAGO

Sie legt ihre kleinen Hände auf meine Brust. Die Hitze ihrer Handflächen dringt durch meine Kleidung wie eine Kugel durch Fleisch. Ein besitzergreifendes, überwältigendes Verlangen überrollt mich.

Ich wollte sie von dem Moment an, als ich sie vor anderthalb Jahren auf der Gala in London sah. Ich wusste nicht, dass mein Vater auch dort war – sonst wäre ich nicht hingegangen. Ich wusste auch nicht, dass sie seine Begleitung war. Ich wusste nur eins: Als wir uns in die Augen sahen, gehörte sie mir.

Dann tauchte mein Vater auf und legte den Arm um ihre Taille. Er wusste, dass ich sie wollte, und sie wusste es auch. Aber sie hat ihr Verlangen nach mir feige versteckt.

Ich habe meine Hausaufgaben gemacht. Ich fand heraus, wer und was sie ist, und nahm die Agentur für Sugarbabys unter die Lupe. Ich habe kein Problem mit Frauen, die ihr Aussehen für ein Einkommen nutzen und dazu stehen. Das ist ehrlich, und Ehrlichkeit ist mir wichtig.

Aber Beatrix Morgan ist nicht ehrlich. Ich weiß das, weil ich nach unserer Begegnung in London die Agentur kontaktierte und sie um ein Treffen bat. Wir hätten eine für beide Seiten vorteilhafte Abmachung treffen können. Doch sie lehnte ab und behauptete, dass sie meinen Vater vorziehe. Vielleicht hätte ich ihr sogar geglaubt, wenn dieser Augenblick an der Bar nicht gewesen wäre. Wenn ich nicht in ihre blauen Augen gesehen und das Feuer bemerkt hätte, das in ihr genauso brannte wie in mir. Dieser Moment war real. Mir zu sagen, dass sie mich nicht wollte, macht sie zur Lügnerin. Und ich verachte Lügner.

Besonders Lügner wie mein Vater. Er musste unbedingt eine protzige Riesenhochzeit feiern. Pure Provokation. Ich stehe über seinen Sticheleien. Aber ich konnte ihm nicht verzeihen, was er meiner Mutter Catalina damit angetan hat. Es ging ihr gerade besser. Sie war in einer sündhaft teuren Schweizer Privatklinik, und ich war überzeugt, dass sie es schafft. Ich hatte ein Haus in ihrer Lieblingsstadt Paris gekauft und gehofft, sie würde gesund genug sein, um zu mir zu ziehen.

Dann kam die Schickeria-Hochzeit meines Vaters mit dieser hübschen kleinen Lügnerin, vierzig Jahre jünger als er. Meine Mutter sah die Berichte in der Presse, und das trieb sie zurück in den Alkoholismus. Das konnte ich ihm nicht verzeihen. Genauso wenig wie dieser blonden Goldgräberin. Beatrix. Ein Mädchen von einer Escort-Agentur, die meinen Vater geheiratet und mein Erbe gestohlen hat.

Nicht, dass ich auf das Geld angewiesen wäre. Ich habe genug. VZ Industries ist das größte Forschungs- und Entwicklungsunternehmen Europas. Aktuell expandiere ich in Raumfahrttechnik und liefere Technologien für die NASA und private Raumfahrtfirmen. Es ist ein spannendes Feld. Ich will an die Spitze. Doch das ist gerade unwichtig. Ich bin ein Mann, der Wert auf Präzision legt, auf Details und die Fähigkeit, sowohl das große Ganze als auch die Kleinigkeiten zu sehen. Meine Selbstbeherrschung steht über allem. Trotzdem kann ich nur an das Gefühl von Beatrix’ Handflächen auf meiner Brust denken. Wie sie meine Wut in etwas Glühendes, Forderndes verwandelte, das ich nicht kontrollieren kann.

Ich bin nur aus Pflichtgefühl zur Beerdigung gekommen, nicht weil ich um Antonio trauere. Jahrelang habe ich versucht, Brücken zu ihm zu bauen, aber er hat jede einzelne niedergebrannt. Deshalb empfinde ich jetzt nur diffuse Enttäuschung. Und ich hatte garantiert nicht vor, mit der Frau zu sprechen, die er geheiratet hat.

Doch dann sah ich sie in die Nische verschwinden. Egal, wie sehr ich mich gegen den Drang wehrte: Wie ein Proton, das unaufhaltsam von einem Elektron angezogen wird, trieb es mich zu ihr. Und kaum war ich dort, wurde aus der Nähe eine heftige chemische Reaktion. Ich hatte sie gegen die Wand gedrängt, bevor ich mich stoppen konnte.

Ich bin wütend und angewidert von dieser Lust, die ich nicht in den Griff bekomme. Davon, dass ich meinen Blick nicht von ihrem lösen kann. Ihre Augen sind tiefblau, ihre Haut hell und glatt wie Sahne. Dieser perfekte Mund verfolgt mich bis in meine Träume. Ihr enges schwarzes Kleid betont jede ihrer üppigen Kurven. Ich weiß nicht, warum sie diese Wirkung auf mich hat. Sie ist schön, ja. Aber wie ich mir nach ihrer Absage sagte: Schönheit bekomme ich überall. Es gibt keinen logischen Grund für dieses intensive Verlangen.

Ich bin über mich selbst und mein Verhalten entsetzt. Sie ist meine Stiefmutter. Eine Frau, die mein Vater hatte. Ich würde mich nie dazu herablassen, mich mit seinen Hinterlassenschaften zu begnügen.

Aber jetzt sieht sie zu mir auf, und hinter ihrer aufgesetzten Kälte sehe ich die Hitze in ihren Augen. Das Blau ist dunkler, fast violett. Sie will mich, und wir wissen es beide. Das treibt mein Verlangen auf die Spitze und macht mich noch wütender. Auf mich selbst und auf sie.

Es ist unbegreiflich, wie mein Körper reagiert. Meine Muskeln spannen sich an, ich werde hart, das Blut rauscht in meinen Adern. Ich hatte etliche Frauen, doch keine wollte ich je so verzweifelt wie sie. Aber sie hat Antonio gewählt, nicht mich. Sie hat sich für einen rachsüchtigen, verbitterten und egoistischen alten Mann entschieden, der nie eine Frau befriedigen konnte – erst recht keine, die so jung und attraktiv ist.

Ich würde die Entscheidung einer Frau nie anfechten, egal, wie sehr sie mir missfällt. Was mich so rasend macht, ist ihre Lüge.

Sie ist feige. Ich sollte mich wegschieben lassen, statt hierzustehen und die Hitze ihrer Handflächen auf meiner Brust und ihren zarten, weiblichen Duft zu genießen. Doch ich kann nicht. Dann begreife ich plötzlich, warum.

Ein Teil von mir will die Wahrheit aus ihr herauskriegen. Ich packe ihren Kiefer. Ihre Haut ist seidenweich unter meinen Fingern. Ich drehe ihr Gesicht von einer Seite zur anderen, betrachte die klaren Linien ihrer Wangenknochen und ihre geschwungenen blonden Brauen. Ihre gerade Nase. Ihren verdammt hübschen Mund. Ich bin Wissenschaftler. Ich muss herausfinden, was an ihr mich so unersättlich macht.

„Wenn du mit ihm im Bett warst“, presse ich hervor, „musstest du ihm was vorspielen?“

Sie zittert, doch sie versucht nicht, mich wegzustoßen oder sich aus meinem Griff zu befreien. Ihre kühle Fassade schmilzt aber – ich sehe das blaue Glitzern in ihren Augen.

„Nein“, sagt sie mit ihrer rauen, leisen Stimme, immer noch trotzig. „Er hat mich vollkommen befriedigt.“

Noch eine Lüge. Ich bin nur Zentimeter von ihrer Wärme entfernt. Unser Verlangen hält uns beide fest. „Hast du dich deshalb für ihn entschieden?“ Ein Teil von mir tobt, dass ich mich von dieser Eifersucht so beherrschen lasse. „Weil er dich zum Höhepunkt gebracht hat?“ 

„Was geht dich das an? Hör auf, mich so grob anzupacken.“

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