Cold Creek - Ein Ort voller Liebe (4-teilige Serie)

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Im kleinen Örtchen Cold Creek geht es alles andere als kühl zu - im Gegenteil: Hier sprühen die Funken an allen Ecken, es wird sich verliebt, eine Happy End folgt dem nächsten! Tauchen Sie mit unserer 4-teiligen Miniserie ein in eine idyllische Welt, in der sich die spannendsten Liebesgeschichten ereignen.

Die Schöne im Schnee
Erschrocken beobachtet Brant, wie der Wagen von der schneeverwehten Straße abkommt und über die Böschung rast. Als er die zarte Fahrerin aus der Gefahr birgt, wird er das Gefühl nicht los, dass er sie schon mal gesehen hat. Dabei ist er gerade erst von einem langen Auslandseinsatz zurück. Und dann trifft Brant fast der Schlag: Ihr schönes Gesicht kennt er aus der Zeitung - sie ist das berüchtigte Partygirl Mimi Van Hoyt! Dass sie sich jetzt "Maura" nennt, ändert nichts daran, dass sie überhaupt nicht in seine selbstgewählte Einsamkeit passt und - einfach bezaubernd ist …

Die Nacht, in der er zurückkehrte
Was war das? Atemlos lauscht Easton. Ein Geräusch in dem großen, stillen Haus hat sie aus einem wundervollen Traum gerissen. Natürlich ging es darin mal wieder um Cisco, in den sie sich als Teenager verliebte, mit dem sie eine zärtliche Nacht verbrachte, der sie verließ … Da ist das Geräusch schon wieder! Vorsichtig schleicht sie die Treppe hinunter - und steht unvermittelt dem Mann aus ihrem Traum gegenüber. Cisco ist zurück! Und er hat ein entzückendes Baby auf dem Arm, das Easton schmerzlich klar macht, was hätte sein können. Ist es wirklich zu spät?

Schöne, rätselhafte Becca
Nie im Leben ist diese Rebecca Parsons eine Kellnerin! Keine Kaffeetasse ist vor ihr sicher, und sie vergisst alle Bestellungen. Bei Trace Bowman, Polizeichef von Cold Creek, schrillen die Alarmglocken. Und wer ist das schweigsame, junge Mädchen, das bei ihr ist? Ihre Tochter? Das größte Rätsel sind für Trace aber Beccas wunderschöne, traurige Augen. Wenn sie ihm einen intensiven Blick zuwirft, der Sehnsucht und tiefe Verlassenheit verrät, fühlt er sich nicht länger wie ein Mann des Gesetzes. Sondern nur noch wie ein Mann, der sie beschützen und lieben will …

Brennende Herzen, brennende Küsse
Gar so hitzig hatte sich Laura ihre Rückkehr nach Pine Gulch nicht vorgestellt! Kaum angekommen, legt ihr Sohn im betagten Familien-Gasthof Feuer - und Retter in der Not ist ausgerechnet der verführerische Taft Bowman, den Laura vor zehn Jahren schweren Herzens verlassen hat … Schon bald flackert die nie ganz erloschene Liebe wieder auf, heller denn je. Auch die Kinder sind begeistert von dem tapferen Feuerwehr-Captain, vor allem die süße Maya, die mit dem Down Syndrom zur Welt kam. Aber kann die junge Witwe ihre Familie dem Mann anvertrauen, der sie damals so enttäuscht hat?


  • Erscheinungstag 10.11.2014
  • ISBN / Artikelnummer 9783733787479
  • Seitenanzahl 576
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Cover

Raeanne Thayne

Cold Creek - Ein Ort voller Liebe (4-teilige Serie)

Raeanne Thayne

Die Schöne im Schnee

IMPRESSUM

BIANCA erscheint in der Harlequin Enterprises GmbH

Cora-Logo Redaktion und Verlag:
Postfach 301161, 20304 Hamburg
Telefon: 040/60 09 09-361
Fax: 040/60 09 09-469
E-Mail: info@cora.de

© 2010 by RaeAnne Thayne
Originaltitel: „A Cold Creek Secret“
erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto
in der Reihe: SPECIAL EDITION
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe BIANCA
Band 1904 - 2013 by Harlequin Enterprises GmbH, Hamburg
Übersetzung: Marc Tannous

Fotos: mediaphotos / Getty Images

Veröffentlicht im ePub Format in 10/2013 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

eBook-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733730543

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BACCARA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, MYSTERY, TIFFANY

 

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1. KAPITEL

Brant Western war schon an vielen exotischen Schauplätzen gewesen.

Nie jedoch hatte er vergessen, wie sich in Idaho die Kälte eines Februarabends mit eisigen Klauen in der Lunge festkrallen konnte.

Innerhalb der letzten Stunde hatte sich der am Nachmittag noch leichte Schneefall zu einem heftigen Schneegestöber verdichtet.

Die Unwetterfront, vor der die Wetterdienste seit seiner Rückkehr vor zwei Tagen gewarnt hatten, bewegte sich unaufhaltsam auf Wyoming zu. Dabei durchquerte sie auch diesen winzigen Landstrich im östlichen Idaho.

Die eisigen Flocken trafen sein ungeschütztes Gesicht mit der Kraft der Sandstürme, die er vom Militärstützpunkt Al Asad im Irak kannte. Auf irgendeine Weise fanden sie zielgenau jede unbedeckte Stelle seines Körpers und krochen sogar in den Kragen seines gefütterten Ranchermantels.

Dies war eine jener Nächte, in denen man es sich mit einem guten Buch und einer Tasse heißer Schokolade vor dem Feuer gemütlich machte.

Ein reizvoller Gedanke, der ihn schon durch unzählige Feuergefechte und endlose Nächte unter dem afghanischen und irakischen Himmel begleitet hatte.

Später, mahnte er sich zur Geduld. Wenn die wenigen Rinder der Western Sky Ranch gefüttert und die Pferde sicher in ihren Ställen untergebracht waren. Danach konnte er es sich mit dem Thriller, den er am Flughafen gekauft hatte, endlich vor dem Kamin gemütlich machen.

„Komm schon, Tag. Wir sind fast fertig. Danach geht’s nach Hause.“

Sein Pferd, ein kräftiger Wallach, wieherte, als habe er jedes Wort verstanden, und setzte seinen Trott auf dem Trampelpfad fort, der im zunehmenden Schneefall kaum noch zu erkennen war.

Brad wusste, dass dies ein Wahnsinnstrip war. Die hundert Kühe und ihre Kälber gehörten noch nicht einmal ihm, sondern einem Nachbarn der Western Sky. Dieser hatte das Land von ihm gepachtet, während Brant im Einsatz gewesen war.

Carson McRaven sorgte sich gut um sein Vieh. Wäre es anders gewesen, hätte Brant dem Pachtvertrag niemals zugestimmt. Da die Herde jedoch momentan auf seinem Land untergebracht war, fühlte er sich für sie verantwortlich.

Manchmal kann einem dieses Verantwortungsgefühl ganz schön auf die Nerven gehen, dachte er, als er die Heizanlage der Wassertränken überprüfte.

Dann ritt er in die Richtung zurück, in der das Haus lag.

Er und Tag hatten kaum mehr als ein Dutzend Yards hinter sich gebracht, als er das Licht zweier Scheinwerfer bemerkte, das sich schwach durch das Schneegestöber bohrte. Viel zu schnell für die momentanen Wetterbedingungen hielt es genau auf die Ranch zu.

Das verschwommene Halblicht ließ ihn blinzeln.

Wer war dämlich oder verrückt genug, sich bei diesem Unwetter mit dem Auto auf die Straße zu wagen?

Die einzig logische Antwort lautete Easton, aber mit ihr hatte er erst vor einer halben Stunde telefoniert. Sie hatte ihm erklärt, dass sie noch immer Kopfschmerzen von der Hochzeit hatte, auf der sie am Abend zuvor gemeinsam gewesen waren. Und dass sie früh zu Bett gehen wollte.

Brant machte sich Sorgen um sie. Seit ihre Tante – seine Pflegemutter – vor einigen Monaten an Krebs gestorben war, war Easton nicht mehr dieselbe.

Aber eigentlich hatte sie sich davor auch schon verändert. Seit dem Tod von Guff Winder war sie nicht mehr das süße, lustige Mädchen, das er fast sein gesamtes Leben gekannt und geliebt hatte.

Doch auch wenn Easton vielleicht nicht mehr sie selbst war, so hatte sie dennoch genügend Verstand, um sich während eines solchen Sturms in der Winder Ranch zu verbarrikadieren.

Und hätte sie sich doch nach draußen gewagt, wäre sie klug genug, ihre Fahrweise den Wetterbedingungen anzupassen. Schließlich hatten er und seine Stiefbrüder ihr das eingetrichtert, als sie ihr Fahrstunden gegeben hatten.

Wenn also nicht Easton in diesem heftigen Schneesturm auf die Ranch zugerast kam, wer was es dann?

Zweifellos jemand, der sich verfahren hatte. Manchmal war es schwer, sich auf diesen abgelegenen Canyon-Straßen zurechtzufinden. Und abgelegene Orts- und Hinweisschilder wurden leicht vom Schnee verweht.

Seufzend trieb Brant sein Pferd zur Straße, um dem verirrten Reisenden den Weg weisen zu können.

Plötzlich geriet das Fahrzeug ins Schleudern.

Schon als der Fahrer zu schnell in die Kurve fuhr, sah Brant es kommen. Er gab Tag die Sporen und betete, dass er sich irrte. Doch nur einen Moment später übersteuerte der Fahrer den Wagen.

Brant sah, wie der Wagen fast in Zeitlupe auf den Fahrbahnrand zu schlitterte. Und dahinter führte ein anderthalb Meter tiefer Abhang geradewegs in den Cold Creek River.

Als der Wagen aus seinem Blickfeld verschwand, zog Brant an den Zügeln, drückte die Sporen fest in die Flanken des Pferds und ritt eilig auf den Abhang zu.

Am Flussbett konnte er in der anbrechenden Dunkelheit gerade noch erkennen, dass das Fahrzeug nicht völlig versunken war – viel fehlte jedoch nicht. Der SUV war auf einem Granitfelsen in der Mitte des Flussbettes gelandet. Die Schnauze war eingedrückt, und die Hinterreifen berührten noch das Ufer.

Fluchend stieg Brant vom Pferd.

Im Februar war der Fluss nicht sehr tief; und die Strömung war nicht stark genug, um einen SUV mit sich zu reißen.

Aus dem Fahrzeuginnern war ein schwaches Stöhnen zu hören. Und noch ein anderes, ganz eigenartiges Geräusch. Es klang, als würde ein kleines Lamm blöken.

„Halten Sie durch!“, rief er. „Ich hole Sie da raus!“

Es dauerte einige Minuten, bis er sich einen Überblick verschafft hatte, wie er das Problem am besten angehen konnte.

Inzwischen war die Nacht endgültig hereingebrochen, und das Schneegestöber nahm weiter zu. Dazu kam der eisige Wind.

Doch selbst das konnte ihn nicht auf den Gefrierschock vorbereiten, der ihn ereilte, als er bis zu den Knien durch den Fluss watete und das Wasser durch seine Schuhe und die gefütterten Jeans drang.

Wieder war dieses Stöhnen zu stöhnen. Und dieses Mal konnte er das Geräusch, das er zunächst für das Blöken eines Lamms gehalten hatte, genauer einordnen. Es war ein Hund. Dem Geräusch nach ein ziemlich kleiner. Und er kläffte wie verrückt.

„Halten Sie durch!“, rief Brant erneut. „In einer Minute habe ich Sie rausgeholt.“

Er watete weiter durch das Wasser, erreichte schließlich das Fahrzeug und riss die Tür auf.

Der Fahrer war eine Frau, vielleicht Mitte zwanzig. Ihre dunklen Locken bildeten einen deutlichen Kontrast zu ihren blassen, zarten Gesichtszügen.

Mit jeder Sekunde würde ihre Körpertemperatur weiter sinken.

Brant war klar, dass er sie aus dem SUV befreien und aus dem Wasser herausziehen musste, bevor er sich ein Bild über ihren Zustand machen konnte. Auch wenn es jedem Grundsatz der Erste-Hilfe-Ausbildung widersprach, die er als Army Ranger bekommen hatte.

Bevor das Ausmaß der Verletzungen bekannt war, durfte ein Unfallopfer normalerweise nicht bewegt werden.

„Kalt“, murmelte sie.

„Ich weiß. Tut mir leid.“

Dass sie nicht stöhnte oder weinte, während er sie aus dem Wagen befreite, sah er als gutes Zeichen. Wenn sie sich etwas gebrochen hätte, wäre sie nicht in der Lage gewesen, ihre Schmerzen zu verbergen.

Sie gab keinen Ton von sich, sondern krallte nur ihre Hände in seine Jacke. Sie zitterte am ganzen Körper. Aufgrund des Schocks und der Kälte, wie er annahm.

Sie war nicht besonders schwer, fünfzig Kilo schätzungsweise.

Sie durch das eiskalte Wasser zu tragen, beanspruchte dennoch sämtliche Energiereserven.

Als sie das Ufer erreichten und Brant sie die leichte Böschung hinauftrug, atmete er schwer. Ihm kam es vor, als habe er jedes Gefühl in den Beinen verloren.

Durch seine Erfahrungen mit Kriegsverletzungen hatte er gelernt, dass man einen Verletzten am besten beruhigte, indem man ihm möglichst viele Informationen über das Geschehen entlockte. Auf diese Weise fühlte er sich nicht völlig hilflos und ausgeliefert. „Ich reite jetzt mit Ihnen zu mir nach Hause, okay?“

Sie nickte und beschwerte sich auch nicht, als er sie auf Tags Rücken hievte, wo sie sich gleich an das Sattelhorn klammerte.

„Halten Sie sich gut fest. Ich setze mich jetzt hinter Sie und bringe Sie ins Warme.“

Seine eisverkrusteten, nassen Stiefel kamen ihm genauso schwer wie die Frau vor. Er musste seine gesamte Kraft aufbringen, um sie vom Boden zu heben.

Als er den ersten Fuß in den Steigbügel gehievt hatte und gerade das zweite Bein nachziehen wollte, begann die Frau zu stöhnen.

„Simone. Meine Simone. Können Sie sie bitte auch retten?“

Brant schloss die Augen. Simone musste der Hund sein. Im Tosen des Windes war das Kläffen nicht mehr zu hören, und er hatte sich so sehr auf die Frau konzentriert, dass er den Hund ganz vergessen hatte.

„Können Sie eine Minute aushalten?“, fragte er. Beim Gedanken, erneut durch das eiskalte Wasser zu waten, wurde ihm ganz anders.

„Ja. Oh, bitte.“

Er rief sich ins Gedächtnis, dass er schon Schlimmeres als ein bisschen kaltes Wasser überlebt hatte. Viel, viel Schlimmeres.

Der Rückweg zum Fahrzeug dauerte eine Minute. Auf dem Rücksitz fand Brant mindestens ein halbes Dutzend Gepäckstücke und einen winzigen, rosafarbenen Transportkäfig. Der Hund kläffte und knurrte.

„Willst du lieber hierbleiben?“, knurrte Brant zurück. „Ich hätte damit kein Problem.“

Der Hund verstummte. Unter anderen Umständen hätte Brant angesichts dieses prompten Gehorsams vielleicht gelächelt. „Dachte ich’s mir doch. Komm, wir holen dich da raus.“

Während er sich überlegte, wie er das am besten anstellte, wurde ihm klar, dass es kaum möglich war, den sperrigen Transportbehälter zu tragen und gleichzeitig die Frau im Sattel festzuhalten. Aus diesem Grund öffnete er den Riegel des Behälters. Sogleich sprang ein kleines weißes Fellknäuel in seine Arme.

Da er nicht wusste, was er anderes tun sollte, zog er den Reisverschluss seines Mantels zur Hälfte nach unten, schob den kleinen Hund durch die Öffnung und schloss den Mantel wieder. Dabei kam er sich ziemlich albern vor und war froh, dass keiner seiner Männer mitbekam, wie er wegen eines zweieinhalb Kilo schweren Tieres eine Unterkühlung riskierte.

Als Brant sich zurück durch die Fluten gekämpft hatte, stellte er zu seiner Erleichterung fest, dass die Frau noch immer auf Tags Rücken saß. Allerdings wirkte sie dabei etwas unbeholfen.

Sie trug einen schrecklich unpassenden pinkfarbenen Parka mit einer pelzgefütterten Kapuze, der besser auf eine schicke Après-Ski-Party in Jackson Hole gepasst hätte als in die bittere Kälte eines Blizzards in Idaho. Brant wurde jetzt endgültig klar, dass er sie so schnell wie möglich zur Ranch bringen musste.

„Geht es ihr gut?“, fragte die Frau.

Und was ist mit mir? Schließlich war er derjenige mit Frostbeulen an den Füßen. Um ihr dennoch eine Antwort zu geben, öffnete er den Reißverschluss seines Mantels, aus dem kurz darauf der weiße Hundekopf herausragte.

Die Frau seufzte erleichtert, und ihre zarten Gesichtszüge entspannten sich etwas.

Brant reichte ihr den Hund.

Während er sich hinter ihr auf den Sattel schwang, sah er noch, wie ihr der kleine Hund übers Gesicht leckte – ein Gesicht, das ihm auf seltsame Weise bekannt vorkam.

Ihm blieb jedoch keine Zeit, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Stattdessen gab er dem Pferd die Sporen und war heilfroh, dass er sich mit Tag eines der stärksten und ausdauerndsten Pferde der Western Sky Ranch ausgesucht hatte. „Wir bringen Sie ins Warme. Im Kamin brennt bereits ein Feuer. Sie müssen nur noch ein paar Minuten durchhalten, okay?“

Sie nickte und lehnte sich an ihn. Aus Angst, sie könne den Halt verlieren, legte er beide Arme um sie.

„Vielen Dank“, murmelte sie so leise, dass er sie im Tosen des grimmigen Windes kaum verstand.

Um den Sturm abzuwehren, zog er sie so nah wie möglich an sich heran. „Ich bin Brant“, sagte er nach einer Weile. „Wie heißen Sie?“

Als sie sich halb zu ihm umdrehte, bemerkte er eine gewisse Verwirrung in ihrem Blick. „Wo sind wir hier?“, fragte sie anstelle einer Antwort.

Brant beschloss, sie nicht zu sehr zu bedrängen. Zweifellos litt sie noch immer unter dem Schock, dass sie ihren SUV in einen Fluss gesetzt hatte. „Auf meiner Ranch im östlichen Idaho. Die Western Sky. Das Haus befindet sich gleich hinter dem Hügel dort vorne.“

Sie nickte schwach und er spürte, wie sie kraftlos gegen ihn sank.

„Können Sie mich noch hören?“, fragte er besorgt.

Als sie nicht antwortete, schlang er die Arme noch fester um sie.

Reaktionsschnell schnappte er sich den Hund, bevor die Frau ihn in ihrer Bewusstlosigkeit losgelassen hätte. Für so ein kleines Tier wäre ein Sturz aus dieser Höhe mit Sicherheit tödlich gewesen.

Während er die Frau fester umschlang und Tag dazu anhielt, schneller zu galoppieren, gelang es ihm, den Hund an sich zu reißen und ihn wieder unter seinen Mantel zu stopfen.

Es war ein unangenehmer Ritt – kalt, anstrengend und nervenaufreibend.

Brant sah die Lichter der Ranch erst, als sie das Gebäude erreichten. Für ihn war das der tollste Anblick, der sich ihm jemals geboten hatte.

Er trieb das Pferd bis zum Fuß der Verandatreppe und stieg vorsichtig ab. Dabei hielt er die Frau mit einer Hand weiter fest, sodass sie nicht zu Boden taumeln konnte.

„Tut mir echt leid, Tag“, murmelte er und nahm die ohnmächtige Frau hoch. „Du warst toll. Leider musst du noch ein paar Minuten in der Kälte ausharren, während ich mich um unseren Gast kümmere. Danach bringe ich dich in den warmen Stall. Heute hast du dir eine Extraportion Hafer verdient.“

Das Pferd antwortete mit einem Wiehern, und Brant eilte die Stufen hinauf ins Haus. Schnell trug er die Frau ins Wohnzimmer. Wie versprochen, brannte im Kamin bereits das Feuer, das er vor seinem Ausritt entzündet hatte.

Sie rührte sich nicht, als er sie auf das Sofa legte.

Während er sich über sie beugte, um ihren Parka zu öffnen und sich ihre Verletzungen anzusehen, schlüpfte der Hund unter seinem Mantel hervor, landete neben seinem bewusstlosen Frauchen und begann, die Schnittwunde über ihrem Auge zu lecken. Etwas Blut sickerte daraus hervor.

Eine raue Hundezunge genügte offenbar, um die Frau zumindest ansatzweise wiederzubeleben. „Simone?“, murmelte sie und schlang die Arme um den Hund, der es sich zufrieden bequem machte.

Der heftige Schneesturm hatte sie völlig durchweicht. Brant wusste, dass sie sich erst dann aufwärmen konnte, wenn er sie von den nassen Sachen befreite. Danach musste er sie nach möglichen Knochenbrüchen untersuchen.

„Ich hole Ihnen erst einmal etwas Trockenes zum Anziehen. Bin gleich zurück.“

Erneut schlug sie die Augen auf und nickte. Und wieder überkam Brant das seltsame Gefühl, sie zu kennen.

Aus der näheren Umgebung kam sie allerdings nicht, dessen war sich fast sicher. Andererseits hatte er in den vergangenen fünfzehn Jahren nie mehr als ein paar Wochen am Stück in Pine Gulch verbracht.

Während seiner Aufenthalte schlief er in einem der beiden Schlafzimmer im Erdgeschoss. Hastig zog er einen Pulli aus seinem Seesack. Dazu eine kurze Jogginghose. Dann ging er zurück ins Wohnzimmer.

„Ich ziehe Ihnen jetzt den Parka aus, damit ich Sie mir genauer ansehen und feststellen kann, ob Sie sich etwas gebrochen haben.“

Sie gab keine Antwort, und er fragte sich, ob sie eingeschlafen oder erneut in Ohnmacht gefallen war.

Einen Moment lang spielte er mit dem Gedanken, den Rettungsdienst von Pine Gulch anzurufen. Eigentlich wollte er das in einer so stürmischen Nacht wie dieser vermeiden, wenn es nicht absolut notwendig war.

Außerdem hatte er eine Grundausbildung in Erster Hilfe. Wenn das nicht reichte, konnte er immer noch mit ihr in die Stadt fahren.

Doch zuerst musste er sich ihre Verletzungen ansehen.

Normalerweise hätte er lieber einen Selbstmordattentäter mit bloßen Zähnen entwaffnet, als eine halb bewusstlose Frau auszuziehen. Momentan hatte er jedoch keine Wahl. Er tat nur das, was getan werden musste.

Trotzdem kam er sich komisch vor, als er ihr zunächst die ziemlich nutzlos erscheinenden rosa Stiefel von den Füßen zog. Dann nahm er den Hund und setzte ihn auf dem Boden ab. Dieser nahm sofort seine Pflichten als Wachhund auf und begann, im Zimmer herumzuschnüffeln.

Brant öffnete derweil den Reißverschluss ihres Parkas. Während sie ihre Arme aus den Ärmeln befreite, gab er sich die größte Mühe, ihre sanften Rundungen zu ignorieren.

Kein ganz leichtes Unterfangen. Zuletzt war er vor seinem letzten Einsatz mit einer Frau zusammen gewesen.

Er rief sich ins Gedächtnis, dass er hier nur als Rettungssanitäter tätig war. Ganz unbeteiligt und unpersönlich.

Erleichtert stellte er fest, dass ihr Hemd unter dem Parka fast trocken geblieben war. Ihre Jeans waren allerdings völlig durchweicht und mussten so schnell wie möglich ausgezogen werden. „Ma’am, Sie müssen die Jeans ausziehen. Brauchen Sie meine Hilfe, oder schaffen Sie das allein?“

„Hilfe“, murmelte sie.

Natürlich. Seufzend öffnete er den Druckknopf und den Reißverschluss ihrer Jeans. Seine Hände strichen dabei unterhalb des blauen Bündchens über ihre Hüfte.

Er wusste nicht, ob seine Finger so kalt waren oder sie die Berührung erschreckt hatte. Jedenfalls blinzelte sie einige Male und zuckte mit einem leisen Aufschrei zusammen.

Der kleine Hund unterbrach seine Untersuchung des Zimmers und eilte kläffend herbei, um sich schützend vor seinem Frauchen aufzubauen. Dabei fletschte er die Zähne, als könne er Brant von seinem Vorhaben abhalten.

„Sie müssen sich etwas Trockenes anziehen.“ Er sprach dabei im selben ruhigen Tonfall, den er auch bei verwundeten Soldaten auf dem Schlachtfeld anwandte. „Ich tue Ihnen nicht weh, versprochen! Sie sind hier vollkommen sicher.“

Sie nickte, ohne ganz die Augen zu öffnen.

Als er sie jetzt bei Licht betrachtete, zuckte eine kurze Erinnerung durch seinen Kopf. Er sah sie in einem kaum vorhandenen, verführerisch roten Kleid. Sie schüttelte ihre dunklen Locken und sah ihn aus halb geöffneten Augen mit ihrem Schlafzimmerblick an.

Verrückt. Er konnte schwören, der Frau noch nie in seinem Leben begegnet zu sein.

Er zog ihre Jeans aus und verachtete sich selbst für das leise erwachende Interesse, mit dem sein Blick auf ihr hochgeschnittenes, pinkfarbenes Seidenhöschen fiel.

Er schluckte schwer. „Ich … sehe bloß nach, ob Sie sich etwas gebrochen haben. Danach können Sie die Hose anziehen, die ich hier habe. Okay?“

Sie nickte und beobachtete aus halb geschlossenen Augen misstrauisch, wie er ihr Bein abtastete und dabei so tat, als sei sie nur einer seiner Kameraden. Allerdings hatten Soldaten normalerweise weder solche samtweiche Haut noch sinnliche Kurven. Und hochgeschnittene rosa Seidenhöschen trugen sie auch nicht.

„Soweit ich feststellen kann, ist nichts gebrochen“, sagte er schließlich und war sichtlich erleichtert, als er ihr endlich die verwaschenen, voluminösen Shorts anziehen und ihre aufreizende Haut damit verhüllen konnte.

„Sind Sie Arzt?“, murmelte sie undeutlich.

„Nein. Ich bin beim Militär, Ma’am. Major Brant Western, Kompanie A, 1. Bataillon, 75. Ranger Regiment.“

Sie schien ihn kaum zu verstehen, dennoch nickte sie und schloss wieder die Augen, während er die Sofadecke über ihr ausbreitete.

Ohne medizinische Erfahrung hätte ihn ihr Dämmerzustand wahrscheinlich alarmiert. Er hatte jedoch genügend Soldaten gesehen, die nach einem plötzlichen Schock genauso reagiert hatten. Es war so, als würde der Geist eine kurze Auszeit nehmen, um das Geschehene zu verarbeiten.

Jetzt würde er sich erst einmal um Tag kümmern, und wenn sie dann noch immer so neben der Spur war, würde er Jake Dalton um Rat fragen, den einzigen Hausarzt im Ort.

„Ma’am.“ Er sprach laut und monoton, was damit belohnt wurde, dass sich ihre Augen wieder ein kleines Stück öffneten. Es interessierte ihn, welche Farbe sie wohl hatten. „Ich muss mein Pferd in den Stall bringen und noch mehr Brennholz holen – für den Fall, dass der Strom ausfällt. Ich habe das Gefühl, dass uns eine ungemütliche Nacht bevorsteht. Sie und Ihr Wattebausch ruhen sich jetzt einfach hier aus und wärmen sich auf, ja?“

Nach einer gefühlten unendlich langen Pause nickte sie und schloss wieder die Augen.

Irgendwoher kannte Brant sie. Dass er nicht wusste, woher, ärgerte ihn. Nicht zuletzt deshalb, weil er immer stolz auf sein gutes Gedächtnis gewesen war.

Er beobachtete, wie der Hund sie umkreiste und sich dann auf ihre Füße legte.

Wer immer diese Frau war – wenn sie sich in einer solchen Nacht nach auf die Straße wagte, hatte sie nicht mehr Verstand als dieser Hund.

Wahrscheinlich machte sich bereits jemand Sorgen um sie. Brant musste sich erst um Tag kümmern. Dann würde er herausfinden, ob es jemanden gab, den er verständigen musste.

Er setzte sich den Stetson wieder auf und wagte sich erneut in die Klauen des Sturms.

Schnell versorgte er Tag, und dann nahm er so viel Feuerholz, wie er nur tragen konnte, und ging damit zurück ins Haus.

Allerdings hatte er das Gefühl, dass er in dieser Nacht noch einige Male Nachschub holen musste, und war dankbar, dass seine Mieterin und Hausverwalterin Gwen Bianca so gewissenhaft war und für den Winter gut vorgesorgt hatte.

Was hätte er ohne sie nur getan? Plötzlich quälte ihn eine weitere Sorge.

Seit sie ihm erzählt hatte, dass sie ein Haus in der Nähe von Jackson Hole kaufen wollte, wo sie regelmäßig ihre Töpferarbeiten ausstellte, überlegte er, was er in Zukunft tun sollte.

Zurück im Haus, sah er nach seinem unerwarteten Besuch und fand die Frau immer noch schlafend vor. Allerdings zitterte sie nicht mehr, und als er ihre Stirn berührte, deutete nichts auf ein Fieber hin.

Der Hund begrüßte ihn mit einem leisen Kläffen, ohne dabei seinen Platz auf den Füßen der Frau zu verlassen.

Brant nahm Hut und Mantel ab, hängte beides im Windfang auf und ging ins Wohnzimmer zurück. Als er ihre Stirn berührt hatte, war sie offenbar aufgewacht. Vielleicht hatte sie auch das Kläffen des Hundes geweckt. Jedenfalls saß sie jetzt aufrecht und hatte die Augen geöffnet.

Sie waren von einem sinnlich-zarten Grün. Jener Farbe, von der er während der harschen und trostlosen afghanischen Winter geträumt hatte. Die Farbe von Frühlingswiesen, die die Berge bedeckten. Von Hoffnung, von Vegetation und von Leben.

Sie lächelte schwach – und da klappte ihm der Kiefer nach unten. Er wusste plötzlich, woher er sie kannte.

Auch das noch!

Die Frau auf seiner Couch, der er seine unvorteilhafteste Jogginghose übergestreift hatte … die ihren Wagen in unmittelbarer Nähe seines Hauses in den Cold Creek gefahren hatte … deren rosafarbene Höschen er schuldbewusst begutachtet hatte …

Diese Frau war, verdammt noch mal, niemand anders als Mimi Van Hoyt!

Ein Mann starrte sie an.

Nein, nicht irgendein Mann. Er war groß, vielleicht einsfünfundachtzig, hatte kurze, dunkle Haare und blaue Augen, starke Muskeln und einen breiten, kräftigen Kiefer, der Entschlossenheit ausstrahlte.

Genau der Typ von Mann, der sie am nervösesten machte. Der nicht aussah, als könne man sie mit einem aufreizenden Lächeln und einem verspielt-schüchternen Blick um den kleinen Finger wickeln.

Er starrte sie an, als seien ihr gerade Hörner aus dem Schädel gewachsen.

Sie stutzte und fühlte sich unter seinen prüfenden Blicken etwas unwohl, auch wenn sie nicht genau wusste, weshalb.

Ihr Blick wanderte über ihre Umgebung, und sie bemerkte, dass sie auf einem rot karierten Sofa saß. Dieses befand sich in einem Zimmer mit einer eher altmodischen, beigen Blumentapete und einem Wirrwarr aus wild zusammengewürfelten Möbeln.

Sie konnte sich nicht erinnern, schon einmal hier gewesen zu sein.

Auch hatte sie keine klare Erinnerung daran, wie sie hierhergekommen war. Nur das unbestimmte Gefühl, dass ihr Leben auf irgendeine Weise ziemlich aus der Spur geraten war. Dass jemand ihr helfen musste, die Dinge wieder ins Lot zu bringen.

Deshalb war sie losgefahren, immer weiter, im heftiger werdenden Schneegestöber. Und dann erinnerte sie sich nur noch an einen kurzen Moment der Furcht.

Wieder richtete sie ihren Blick auf den Mann und stellte dabei fest, dass er auf seine Art außerordentlich attraktiv war.

War er derjenige, den sie aufsuchen wollte?

Sie blinzelte und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen.

„Wie geht es Ihnen? Soweit ich feststellen konnte, haben Sie nichts gebrochen. Und der Airbag hat Sie beim Sturz in den Creek wahrscheinlich davor bewahrt, sich den Kopf zu stoßen.“

Creek. Sie schloss die Augen und erinnerte sich daran, wie sie das Lenkrad umklammert hatte. Wie sie gleichzeitig den inneren Drang verspürte, jemanden zu erreichen, der ihr helfen konnte.

Baby.

Das Baby!

Leise stöhnend legte sie die Hände auf ihren Unterleib.

„Ganz ruhig. Haben Sie Bauchschmerzen? Das könnte vom Airbag herrühren. Es ist nicht ungewöhnlich, dass man sich ein, zwei Rippen quetscht, wenn eins dieser Dinger aufgeht. Möchten Sie, dass ich Sie in die Klinik fahre?“

Sie schlang die Arme um sich. Da sie nicht wusste, was sie sonst tun sollte, musste sie ihren Instinkten vertrauen. „Keine Klinik. Ich will nicht zum Arzt.“

Brant hob eine seiner dunklen Augenbrauen und meinte achselzuckend: „Wie Sie meinen. Wenn Sie aber anfangen, unzusammenhängend zu quatschen, rufe ich den Arzt in Pine Gulch an. Ganz gleich, was Sie sagen.“

„Meinetwegen.“ Dem Baby ging es bestimmt gut. Sie weigerte sich, etwas anderes auch nur in Betracht zu ziehen. „Wo bin ich?“

„Auf meiner Ranch. Der Western Sky. Ich habe mich bereits vorgestellt, aber ich tu es noch einmal: Brant Western.“

Simone, die normalerweise jedem Träger eines Y-Chromosoms misstraute, sprang zu Mimis Überraschung vom Sofa auf, um an seinen Stiefeln zu schnuppern.

Er hob den Hund auf und hielt ihn fest. Selbst der Wattebausch auf seinem Arm tat seiner unverschämten Männlichkeit keinen Abbruch.

Western Sky. Gwen. Das war ihr Ziel gewesen. Gwen fand nämlich für jedes Problem eine Lösung. Davon war sie überzeugt.

Nein, dieses Problem war selbst für Gwen eine Nummer zu groß.

„Mein Name ist Maura Howard.“ Intuitiv benutzte sie das Pseudonym, mit dem sie aus Sicherheitsgründen für gewöhnlich auf Reisen auftrat.

„Sind Sie sicher?“

Was für eine seltsame Frage, dachte sie. Im Moment interessierte sie jedoch mehr, wo sie gerade war, und weniger, wo sie gerade sein wollte.

Sie war schon einmal in Gwens Hütte gewesen, an dieses Zimmer konnte sie sich jedoch nicht erinnern. „Das ist nicht Gwens Haus.“

Plötzlich blitzte ein verstehender Ausdruck in seinen Augen auf. Augen, die so blau waren wie der Ozean vor ihrem Strandhaus in Malibu. „Sie kennen Gwen Bianca?“

Sie nickte. „Ich muss sie anrufen und ihr sagen, dass ich hier bin.“

„Das wird nichts nützen. Gwen ist gerade nicht in der Gegend.“

Sie stutzte. „Wissen Sie, wo sie sich aufhält?“

„Nicht auf der Ranch. Nicht mal im Lande. Sie ist zu einer Galerieeröffnung nach Mailand gereist.“

Oh nein. Mimi schloss die Augen. Wie konnte sie nur so dumm und kurzsichtig sein und einfach annehmen, dass Gwen nur darauf wartete, ihr helfen zu können.

Das war mal wieder typisch für sie.

Kein Wunder, dass sie bei jeder Gelegenheit lieber als Maura Howard auftrat.

„Nun, Maura.“ War es Einbildung, oder zog er ihren Namen auf unnatürliche Weise in die Länge? „Ich fürchte, ich kann Sie heute Nacht nirgends mehr hinlassen. Selbst wenn ich es schaffen würde, ihr Auto in der Dunkelheit und im Schnee aus dem Fluss zu ziehen, wäre es zu gefährlich, auf den vereisten Straßen zu fahren. Ich fürchte, Sie sitzen fürs Erste hier fest.“

Was für ein Schlamassel!

Am liebsten wäre sie zurück in die Kissen des bequemen Sofas gesunken und hätte die Augen geschlossen. Aber solange ihr Gastgeber sie mit seinen tiefblauen Augen beobachtete, war das kaum möglich.

Auch wenn Brant Western noch so verwegen und gefährlich aussah, hatte sie doch das seltsame Gefühl, bei ihm sicher zu sein.

Andererseits hatte ihre Menschenkenntnis sie in den vergangenen sechsundzwanzig Jahren gerade bei Männern häufig im Stich gelassen.

Doch Simone mochte ihn, und das war schon mal einiges wert.

Als habe er ihre Blicke gespürt, setzte er den Hund ab. Simone wirkte einen Moment lang geknickt, doch dann sprang sie auf Mimis Schoß zurück.

„Gwen wusste anscheinend nicht, dass Sie kommen.“

„Nein. Ich hätte vorher anrufen sollen.“ Sie unterdrückte ihre Panik.

Seit jenem fatalen Moment gestern im Büro ihres Gynäkologen kämpfte sie dagegen an.

In dieser neuesten Lebenskrise war Gwen die logische Zuflucht. Schon während Mimis Internatsaufenthalten und nach diversen Trennungen hatte ihr die Lieblingsexfrau ihres Vaters immer wieder moralischen Beistand geleistet.

Die letzten vierundzwanzig Stunden hatte sie an nichts anderes gedacht als daran, Gwen aufzusuchen und sich von ihrer praktischen Vernunft und ihrem unerschütterlichem Vertrauen trösten zu lassen.

Doch Gwen war nicht da. Ausgerechnet jetzt, wo Mimi sie am dringendsten gebraucht hätte, hielt sie sich in Mailand auf. Auch wenn es vielleicht lächerlich war – ihr kam es so vor, als würde ihre Welt in ihren Fundamenten erschüttert.

Erst hatte sie ihr Auto in den Fluss gefahren, und jetzt das. Es war einfach zu viel.

Sie schniefte und versuchte tapfer, ihre Tränen zu unterdrücken. Doch es war schon zu spät. Von Panik überwältigt, begann sie zu weinen.

Simone leckte ihre Tränen ab.

Mimi drückte den Hund noch fester an sich und vergrub das Gesicht in seinem Fell.

Sie glaubte, nacktes Entsetzen im Blick ihres Gastgebers zu erkennen. Vage erinnerte sie sich daran, dass er laut Gwen ein Armeeoffizier war.

Major Brant Western, Kompanie A, 1. Bataillon, 75. Ranger-Regiment.

Eigentlich hätte sie angenommen, dass man diesen Rang nur mit einem gewissen Maß an Selbstbewusstsein und Führungsstärke erreichte. Doch ihre Tränen schienen Major Western regelrecht in Panik zu versetzen.

„Hey, was ist denn? Weinen Sie nicht … Maura. Alles okay. Morgen sieht alles schon wieder ganz anders aus. Versprochen. Das ist doch nicht das Ende der Welt. Sie sind trocken und in Sicherheit. Ich habe sogar ein Gästezimmer, in dem Sie heute übernachten können. Wir säubern den Schnitt über Ihrem Auge und verbinden ihn.“

Sie wischte sich die Tränen mit ihrem Ärmel ab. Einen Moment später reichte er ihr ein Taschentuch, das sie dankbar entgegennahm.

„Ich kann nicht hierbleiben“, sagte sie, nachdem sie sich etwas beruhigt hatte. „Ich kenne Sie doch gar nicht. Ein paar Meilen von hier bin ich an einer Pension vorbeigekommen. Hope Springs, oder so ähnlich. Ich sehe nach, ob es da noch ein freies Zimmer gibt.“

„Und wie wollen Sie da hinkommen?“, gab er zurück.

„Wie meinen Sie das?“

„Ihr SUV ist jetzt Schrott, und in Pine Gulch wimmelt es nicht gerade von Taxiunternehmen. Und bei dem Sturm sind die Straßen nicht sicher. Der Schnee liegt schon jetzt zentimeterhoch. Und bis wir dort sind, soll laut Wetterbericht noch dreimal so viel fallen. Ich verspreche Ihnen, dass Sie hier absolut sicher sind. Das Gästezimmer hat sogar ein Schloss an der Tür.“

Sie hatte allerdings das Gefühl, dass ihn eine abgeschlossene Tür nicht aufhalten würde. Vermutlich konnte sich dieser Mann überallhin Zutritt verschaffen – sei es zu einem verschlossenen Zimmer oder zum Herzen einer Frau.

„Haben Sie schon gegessen?“

„Ich habe keinen Hunger.“

Das war die Wahrheit. Allein die Vorstellung von Essen ließ ihren Magen rotieren. Ironischerweise war sie seit über zehn Wochen schwanger, ohne auch nur ein einziges Symptom wahrgenommen zu haben. Nicht der geringste Hinweis, der ihr einen Tipp gegeben hätte.

Und nur einen Tag, nachdem sie von ihrer Schwangerschaft erfahren hatte, setzte die morgendliche Übelkeit ein, gepaart mit einer tiefgehenden Erschöpfung.

Sie hatte das Gefühl, eine Woche am Stück schlafen zu können, wenn man ihr die Gelegenheit dazu gab.

„Ich kann Ihnen doch nicht zur Last fallen.“

Er zuckte mit den Achseln. „Ich bin für Sie zweimal durch einen gefrorenen Fluss gewatet. Jede weitere Unannehmlichkeit fällt da kaum ins Gewicht. Ich hole nur eben ein sauberes Laken, und dann kümmern wir uns um Ihre Schnittwunde. Danach sind Sie bettfertig.“

Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Hatte Sie eine andere Wahl? Wohin sollte sie sonst gehen?

Nachdem er das Zimmer verlassen hatte, schmiegte sie sich ins Sofa, drückte Simone fester an sich und genoss die wohltuende Wärme des Feuers.

Wenn sie darüber nachdachte, war das vielleicht sogar die perfekte Lösung für sie. Zumindest, wenn sie an ihre entsetzliche Zukunft dachte.

Niemand wusste, wo sie war. Nicht ihr Vater, dem das ohnehin egal war. Und auch nicht Marco, den das noch weniger kümmerte. Erst recht nicht die Paparazzi, die sich nur um Einschaltquoten und Auflagen scherten.

Die Welt jenseits dieser Mauern war ein furchterregender Ort. Für den Moment hatte sie Zuflucht vor dem Sturm da draußen gefunden. Und einen Mann, der überaus fähig erschien, sie vor allem zu beschützen.

Sie brauchte nur etwas Abstand, um alles in Ordnung zu bringen – und dafür war dieser Ort genauso geeignet wie jeder andere.

Ihr kam nur ein mögliches Problem in den Sinn: Wenn der Schneesturm vorbei war, musste sie alles tun, um Brant davon abzuhalten, einen Abschleppwagen zu holen. Aus Erfahrung wusste sie, dass Lastwagenfahrer, Tankwarte und Restaurantbedienungen die Ersten waren, die nach dem Hörer griffen und die Presse verständigten.

Sie sah die Schlagzeilen schon vor sich: Mimis „Ausrutscher“ mit attraktivem Rancher.

Das konnte sie jetzt wirklich nicht gebrauchen. Sie benötigte nur ein paar Tage Ruhe und Erholung.

So wie der Blizzard vor dem Haus, würden auch der Mediensturm und der drohende Skandal hoffentlich bald an ihr vorbeiziehen.

Sie musste nur noch einen Weg finden, die Zeit bis dahin sicher und geborgen zu überstehen.

2. KAPITEL

Als Brant ins Wohnzimmer zurückkehrte, blickte Maura Howard – alias Boulevardprinzessin Mimi Van Hoyt – gerade ins Feuer. Ihr Gesicht war blass und angespannt.

Bei einem Irak-Einsatz in Tikrit war einer ihrer entsetzlichen Versuche, im Filmbusiness Fuß zu fassen, im Gemeinschaftsraum gezeigt worden.

Die innere Unruhe, die sie nun zur Schau stellte, konnte demnach nur echt sein. Ihre Schauspielkünste hatten denen des Brüllaffen entsprochen, mit dem sie sich ein paar Szenen geteilt hatte.

Solange sie nicht wieder anfing zu weinen, konnte er damit umgehen. Peinlich berührt musste er zugeben, dass er mit einem Dutzend bewaffneter Aufständischer besser umgehen konnte als mit einer weinenden Frau.

„Morgen früh sieht alles ganz anders aus“, versprach er ihr. „Sobald der Sturm vorbeigezogen ist, kann ich einen Abschleppwagen holen. Ich bin sicher, dass sie ihren Wagen in der Stadt wieder flottkriegen. Danach können Sie weiterfahren.“

Sie verknotete die Hände im Schoß und wandte sich von Brant ab. Auf den Fotos, die er von ihr gesehen hatte, war immer ein etwas harter, zynischer Ausdruck in ihrem Blick gewesen. Doch davon war nun nichts mehr zu sehen.

„Ich kann mir im Moment keinen Abschleppwagen leisten.“

Hätte sie diese Worte nicht mit solch einer Aufrichtigkeit vorgetragen, hätte er angesichts dieser offensichtlichen Lüge auf der Stelle losgeprustet.

Jeder auf diesem Planeten, der schon einmal ein Boulevardblatt in der Hand gehabt hatte, wusste, dass ihr Vater Werner Van Hoyt war – Immobilienmogul, Hollywoodproduzent und Multimilliardär. In erster Linie war sie Tochter von Beruf, und ihr ganzes Leben drehte sich nur darum, auf die angesagtesten Partys zu gehen und sich rund um die Uhr mit anderen reichen Szenegängern und Nichtstuern in den exklusivsten Klubs sehen zu lassen.

Hielt sie ihn denn für einen totalen Idioten? Herrgott, der SUV, um den es hier ging, war ein luxuriöser Mercedes! Andererseits ging es ihn nichts an, wenn Mimi sich für jemand anders ausgeben wollte. „Die Autovermietung sollte sich um die Details kümmern. Wahrscheinlich schickt man Ihnen sogar einen Ersatzwagen. Abgesehen davon akzeptiert Wylie aus der Werkstatt bestimmt auch Kreditkarten oder bietet Ihnen eine Finanzierung an. Sobald der Schneefall nachlässt, können wir jedenfalls die Brücke überqueren. Sie sollten sich nur noch das Gesicht waschen, bevor Sie zu Bett gehen.“

Die Frustration in ihrem Blick verriet, dass sie sich mit keiner dieser Optionen so richtig anfreunden konnte.

Er hatte das Gefühl, dass sie in ihrem bisherigen Leben ziemlich verwöhnt worden war. Wahrscheinlich würde es ihr ganz guttun, wenn sie hin und wieder nicht ihren Willen bekam.

Brant musste sich auf die Lippe beißen, um nicht zu lächeln. Und das war wahrlich eine Überraschung, denn seit dem entsetzlichen Nachmittag vor drei Wochen in diesem abgelegenen Dorf in der Provinz Paktika hatte er nicht mehr viel zu lachen gehabt.

Eigentlich sogar noch länger, wenn er darüber nachdachte. Schon seit Jos Tod im Herbst kam ihm sein Leben leer und düster vor.

Doch irgendwie war es Mimi gelungen, ihn daran zu erinnern, dass einem das Leben manchmal einen regelrechten Tritt in den Hintern verpassen konnte.

Er musste ihr zugutehalten, dass sie nicht einmal zuckte, als er die kleine Schnittwunde über ihrem Auge säuberte und sie mit einem Pflaster versorgte.

„Es ist nur eine kleine Wunde. Sie werden später keine Narbe zurückbehalten.“

„Vielen Dank.“ Sie gähnte hinter vorgehaltener Hand. „Tut mir leid, ich bin seit Stunden unterwegs, und es war ein wirklich … anstrengender Tag.“

„Machen Sie sich keine Gedanken. Ihr Zimmer befindet sich dort hinten. Nichts Besonderes, aber mit eigenem Bad.“

„Es ist mir sehr unangenehm, aber wo wir gerade von Badezimmern sprechen … Simone müsste wahrscheinlich mal vor die Tür.“

„Ich gehe mit ihr Gassi und passe auf, dass sie nicht im Schnee versinkt.“

„Danke für … alles“, murmelte sie. „Nicht viele Menschen würden eine Fremde und auch noch ihren Hund bei sich aufnehmen. Und das mitten in einem Blizzard.“

„Da, wo Sie herkommen vielleicht nicht. Hier in Cold Creek hätte das wahrscheinlich jeder getan.“

„Dann muss es ein herrlicher Ort sein.“

„Nicht während eines Februar-Blizzards.“

Sie wehrte sich nicht, als Brant ihren Ellbogen umfasste, um sie den Gang hinunterzuführen. Gleichzeitig versuchte er, all die Eindrücke zu verarbeiten. Den Duft ihres blumig-zitronigen, zweifellos sehr teuren Parfüms. Wie die Ärmel ihres seidenen Rollkragenpullis ihre Finger umschmiegten. Die Tatsache, dass sie kleiner war, als er angenommen hatte. Sie reichte ihm gerade bis zu den Schultern.

Wie der Rest des Hauses war auch die Suite schon etwas heruntergekommen. Die Möbel waren recht altertümlich, und die Tapete löste sich an einigen Stellen von der Wand.

Allerdings gab es ein bequemes Doppelbett, einen elektrischen Kamin, den er anmachte, bevor er das Bett bezog, und eine große Badewanne mit Krallenpfoten im Badezimmer.

Abgesehen von seinen Aufenthalten zwischen den Einsätzen hatte das Hauptgebäude in den letzten beiden Jahren die meiste Zeit leer gestanden. Seit er Cold Creek vor über zwölf Jahren verlassen hatte, um zur Armee zu gehen, hatte er das Haus sporadisch vermietet.

Gwen Bianca wohnte mietfrei in der kleinen Hütte, die auf dem Grundstück stand. Im Gegenzug kümmerte sie sich darum, dass die Holzvorräte immer nachgefüllt wurden und das Dach nicht einstürzte.

Seine letzten beiden Mieter waren vor sechs Monaten ausgezogen. Seitdem hatte er sich noch nicht um Nachmieter bemüht. Die Miete deckte ohnehin nur die Reparaturarbeiten und die Grundsteuer ab.

Nachdem Gwen nun verkündet hatte, dass sie von hier wegziehen würde, wusste er nicht, was er mit der Western Sky anfangen sollte. „Es ist zwar bescheiden, aber warm und gemütlich.“

„Ich komm schon klar. Vielen Dank noch mal für Ihre Gastfreundschaft.“

„Ich weiß nicht, ob das eine Warnung oder eine Entschuldigung ist, aber ich werde in der Nacht hin und wieder nach Ihnen sehen.“

„Haben Sie Angst, dass ich mit Ihrem Plasmafernseher abhaue?“

Wieder unterdrückte er ein Lächeln. „Tun Sie sich keinen Zwang an, wenn Sie glauben, dass Sie zu Fuß in diesem Sturm weit kommen. Aber Spaß beiseite. Möglicherweise haben Sie eine Gehirnerschütterung. Ich möchte kein Risiko eingehen.“

Sie setzte sich auf die Bettkante und wirkte dabei etwas erschrocken. „Ich weiß Ihre … Gewissenhaftigkeit wirklich zu schätzen, bin mir allerdings sicher, dass ich keine Gehirnverletzung habe. Der Airbag hat mich geschützt.“

„Sie haben ganz vergessen zu erwähnen, dass Sie Neurologin sind.“

Sie stutzte. „Das bin ich nicht.“

„Was sind Sie dann?“, fragte er neugierig. Wie würde sie darauf wohl antworten? Millionenerbin? Ziellose Society-Dame? Miese Schauspielerin?

Nach einer langen Pause zwang sie sich zu einem Lächeln. „Ich arbeite in Los Angeles für eine Wohltätigkeitsorganisation.“

Gut gekontert, dachte er. Das konnte sogar stimmen. Schließlich verfügte sie über ausreichend Geld, um die halbe Welt zu retten.

„Nun, falls diese Organisation nicht auf Selbstdiagnosen im Bereich traumatischer Gehirnverletzungen spezialisiert ist, gehe ich lieber auf Nummer sicher und bleibe bei meinem Vorhaben.“

„Jetzt sagen Sie nicht, dass Sie Neurologe sind.“

„Nein. Nur ein Army-Ranger, der in seiner Laufbahn ein paar Schläge zu viel auf den Kopf bekommen hat. Ich werde jede Stunde nach Ihnen sehen, um mich zu vergewissern, dass Ihr Geisteszustand unverändert ist.“

„Woran würden Sie denn überhaupt merken, ob sich mein Geisteszustand verändert hat? Sie haben mich doch gerade erst kennengelernt.“

Jetzt musste er zu seiner Überraschung laut auflachen. „Stimmt auch wieder. Ich lege Ihnen eins meiner T-Shirts aufs Bett. Das können Sie als Nachthemd benutzen. Und Ihren kleinen Kläffer bringe ich zurück, nachdem ich mit ihr draußen war. Komm schon, Winzling.“

Der kleine Hund bellte freudig auf.

Draußen heulte noch immer der Sturm, doch Brant fand eine Stelle auf dem Boden, die durch das schwarze Vordach einigermaßen geschützt war. Dort konnte Simone vorsichtig ihr Geschäft verrichten.

Zu seiner Erleichterung hatte die Hündin auch keine Lust, sich länger als nötig im Sturm aufzuhalten.

Brant hob sie hoch und trug sie ins Haus, wo er ihre Pfoten mit einem alten Handtuch abtrocknete.

Als er leise an die Tür des Gästezimmers klopfte, kam keine Antwort. Nach einem kurzen Moment öffnete er die Tür.

Mimi schlief bereits. Er setzte den Hund neben ihr auf dem Bett ab. Wenn sie mitten in der Nacht in einer fremden Umgebung erwachte, würde etwas Vertrautes sie vielleicht trösten.

Im schwachen Licht aus dem Gang konnte er gerade noch ihre hohen Wangenknochen und den sinnlichen, zum Küssen geschaffenen Mund ausmachen.

In natura war sie sogar noch hübscher. So ziemlich das Bezauberndste, das er in seinem Leben gesehen hatte.

Ihre Schönheit ließ ihn die Geister, die ihn verfolgten, vergessen. Wenn auch nur für einen kurzen Moment.

Aber für einen Mann, der sich in einer Woche zum Kriegsdienst zurückmelden musste, war das verdammt verführerisch.

Schon während der Nacht war Mimi mehrere Male vom Heulen des Windes und von ihrem Gastgeber geweckt worden, der unbedingt ihren Geisteszustand überprüfen musste.

Gegen sechs wachte sie dann auf, als Simone ihr das Gesicht leckte.

Sie stöhnte, als sie ihr Bewusstsein wiedererlangte und überall am Körper Schmerzen verspürte.

Am schlimmsten waren das Stechen der Schnittwunde an ihrer Stirn und das dumpfe Hämmern der Kopfschmerzen im Innern ihres Schädels.

Ihre Schulter schmerzte ebenfalls, doch das kam vermutlich mehr vom Stress der letzten beiden Tage als von einer sichtbaren Verletzung.

Sie richtete ihre Aufmerksamkeit auf den kleinen Bichon Frisé, den sie über alles verehrte. „Musst du mal raus?“

Doch statt vom Bett aufzuspringen und zur Tür zu hetzen, wie sie es normalerweise getan hätte, gähnte Simone einfach nur, streckte alle Viere von sich und schloss die Augen.

„Offenbar nicht.“ Mimi wunderte sich. Sie konnte nur hoffen, dass der Hund sich nicht irgendwo in diesem fremden Haus erleichtert hatte.

Im schwachen Licht des anbrechenden Morgens sah sie sich im Schlafzimmer um, konnte jedoch nirgends offensichtliche Spuren eines Missgeschicks erkennen.

Was sie stattdessen entdeckte, war ihr gesamtes Gepäck. Alle fünf Koffer und Taschen und sogar Simones Transportbox.

Der Anblick erstaunte sie und sandte ein merkwürdiges Kribbeln durch ihren Körper. Aus irgendeinem Grund hatte Major Western sich mitten in diesem heftigen Blizzard noch die Mühe gemacht, jedes einzelne Gepäckstück einzusammeln.

In der Nacht hatten sich ihre verschwommenen Erinnerungsfetzen allmählich zu einem Ganzen vereint. Jetzt erinnerte sie sich lebhaft daran, wie er durch den zugefrorenen See gewatet war, um nach dem Unfall zu ihr zu gelangen.

Um das Gepäck aus dem SUV zu bergen, hätte er sich erneut ins eiskalte Wasser wagen müssen. Sie konnte kaum glauben, dass er das tatsächlich für sie getan hatte. Doch der Beweis lag vor ihr.

Nein. Bestimmt gab es einen Haken. Brant erschien ihr einfach viel zu gut, um wahr zu sein.

Mimi war oft von Männern enttäuscht worden und konnte nicht glauben, dass jemand ihretwegen diese Mühe auf sich nahm.

Sie legte sich eine Hand auf den Bauch und auf das kleine Geheimnis, das dort heranwuchs. „Alles in Ordnung, Kindchen?“, murmelte sie.

Nach ihrem Arzttermin hatte sie ein halbes Dutzend Schwangerschaftsratgeber gekauft, es aber auf dem Flug hierher nicht gewagt, auch nur eines von ihnen zu lesen – aus Angst, irgendjemand könne sie trotz ihrer Verkleidung erkennen und die nächstbeste Boulevardzeitung über ihre Reiselektüre informieren.

Stattdessen hatte sie sich mit einer Schwangerschafts-App auf ihrem Handy begnügt und hinter den Gläsern ihrer Sonnenbrille jedes einzelne Wort verschlungen.

Sie war jetzt in der 11. Schwangerschaftswoche, aber sie hatte erst vor zwei Tagen erfahren, dass ihre kurze, aber intensive Affäre mit Marco Mendez Folgen gehabt hatte.

Schon in wenigen Tagen würde Marco eine andere Frau heiraten. Und nicht irgendeine Frau, sondern Jessalyn St. Claire, zurzeit Hollywoods beliebteste Hauptdarstellerin. Lieblich und niedlich und von allen bewundert.

Marco und Jessalyn.

„Messalyn“, wie die Presse das Paar getauft hatte. Zwei gut aussehende, talentierte Menschen, die offensichtlich ineinander verliebt waren.

Eine geradezu göttliche Verbindung – oder eine, die von ihren jeweiligen Managern initiiert worden war. Mimi war sich da nicht ganz sicher.

Sie wusste nur, dass Jessalyn ausflippen würde, wenn herauskam, dass sie von Marco Mendez ein Baby erwartete. Schon deshalb, weil der Zeitpunkt ihrer Schwangerschaft eines verriet: dass sie die Affäre noch mehrere Monate lang fortgeführt hatten, nachdem Marco auf den Grammy Awards um Jossalyns Hand angehalten hatte.

Mimi fragte sich, wieso sie gar nicht so verzweifelt war, wie sie befürchtet hatte. Zwei Monate lang hatte sie darauf gewartet, dass Marco die Scheinverlobung lösen und Mimi öffentlich seine Liebe erklären würde, wie er es ihr unter vier Augen immer wieder versprochen hatte.

Die Verkündung blieb aus. Jetzt kam sie sich vor wie eine Idiotin, weil sie je daran geglaubt hatte.

Und was noch schlimmer war: Nach der überraschenden Entdeckung ihrer Schwangerschaft hatte sie all ihren Mut und ihren noch verbliebenen Stolz zusammengenommen, und sich mit ihm an einem geheimen Ort getroffen.

Doch Marco hatte völlig anders als erwartet reagiert.

Insgeheim hatte sie gehofft, dass Marco sie in seine Arme nehmen und ihr erklären würde, dass er die Hochzeit nun absagen würde. Dass er sie liebte und den Rest seines Lebens mit ihr und dem gemeinsamen Kind verbringen wollte.

Sie war wirklich dumm und naiv.

Stattdessen erbleichte er und forderte sie auf, sich einen Termin in einer Abtreibungsklinik geben zu lassen.

Nachdem sie ihm zögernd klargemacht hatte, dass sie das Kind behalten wollte, war er regelrecht ausgerastet. Nie hätte sie gedacht, dass Marco gewalttätig werden konnte – bis sie ihn mit hervorquellenden Adern und Schaum vor dem Mund sah. In diesem exklusiven, abgelegenen Haus in Topanga County, das er für solche kleinen Techtelmechtel unterhielt.

Und dann beschimpfte er sie und nannte sie Flittchen und Schlimmeres.

Als er fertig war, kam sie sich so erbärmlich und schäbig vor, wie er sie bezeichnet hatte.

Trotz allem machte sie ihm unmissverständlich klar, dass es allein ihre Entscheidung war, ob sie das Kind behalten wollte oder nicht.

Und wenn Marco sie anfasste oder auf irgendeine Weise bedrohte, würde sie ihrem Vater Bescheid sagen. Einem Mann, der Karrieren zerstören konnte, noch bevor er auch nur einen Schluck seiner morgendlichen Sojamilch getrunken hatte.

Sie legte eine Hand auf den Bauch. „Tut mir leid, dass ich mir einen solchen Idioten als Daddy für dich ausgesucht habe“, flüsterte sie.

Sie liebte dieses Baby schon jetzt. Wenigstens hatte sie ihre Affäre geheim halten können.

Vielleicht kursierten hier und da ein paar Gerüchte. Doch sie nahm an, dass sie die ganze Sache gut überstehen konnte, wenn sie sich für einige Tage von allen Kameras fernhielt und einen ausgedehnten Ausflug in eine ruhigere Gegend unternahm. Zumindest so lange, bis die Hochzeit vorbei war.

Sie hatte keinen Zweifel, dass sie für eine ausreichende Bezahlung jemanden fand, der die Vaterschaft anerkennen würde.

Oder sie verschwand einfach für den Rest ihres Lebens in der Versenkung. An irgendeinen abgelegenen Ort auf der Welt, an dem man noch nie etwas von Mimi Van Hoyt oder ihren verrückten Eskapaden gehört hatte.

Borneo wäre ganz nett. Sie konnte auch bei einem friedlichen Eingeborenenstamm am Amazonas Zuflucht finden.

Ein Besuch bei Gwen, zumindest, bis die Hochzeit vorbei war, hätte wenigstens ihr kurzfristiges Problem gelöst. Leider hatte sie vorher nicht angerufen.

Aber warum konnte sie denn nicht trotzdem hierbleiben?

Der Gedanke war verführerisch. Auch ohne Gwen bot die Ranch noch immer alle Vorteile, die Mimi auf die Idee gebracht hatten, an einem verschneiten Februarnachmittag zu ihrer Stiefmutter zu fliegen.

Die Ranch lag abgeschieden und von einer verrückten Promihochzeit so weit entfernt, wie man es sich nur vorstellen konnte.

Dann dachte sie wieder an ihren Gastgeber, der inmitten eines Blizzards durch einen Fluss watete, um ihr Gepäck zu bergen. Er schien ein anständiger Mann zu sein, auch wenn er vielleicht an einem gewissen Heldenkomplex litt.

Vielleicht konnte sie Major Western ja überzeugen, dass sie noch ein paar Tage hierbleiben durfte.

Bisher hatte sie noch nie ein Problem damit gehabt, bei Männern ihren Willen durchzusetzen – nur bei ihrem Vater nicht.

Allerdings hatte sie das Gefühl, dass Brant Western nicht so leicht zu knacken sein würde.

Später …

Als Mimi wieder erwachte, fiel gedämpftes Tageslicht durch die Vorhänge. Und eine viel zu männliche Gestalt stand neben ihrem Bett.

„Guten Morgen“, murmelte sie verschlafen.

Einen Moment lang blitzte irgendetwas in seinen Augen auf.

Vielleicht wird es doch nicht so schwer werden wie befürchtet, dachte Mimi und verkniff sich ein Lächeln. Etwas enttäuscht war sie allerdings schon, dass er keine größere Herausforderung darstellte.

„Guten Morgen.“ Seine Stimme klang etwas angespannter, als Mimi sie in Erinnerung hatte. Außerdem glaubte sie, in seinen Augen eine gewisse Müdigkeit auszumachen. Weil er die ganze Nacht über sie gewacht hatte? Oder aus einem ganz anderen Grund?

„Tut mir leid, Sie zu wecken, aber ich habe schon seit einigen Stunden nicht mehr nach Ihnen gesehen. Ich wollte nur feststellen, ob der Hund noch mal raus muss.“

„Haben Sie sie letzte Nacht noch mal rausgebracht?“

Er nickte. „Sie ist nicht gerade wild auf den Schnee.“

„Ja, das weiß ich. In Chamonix ist sie einmal in einer Schneewehe versunken. Das war für uns beide ein Schock.“

Sie biss sich auf die Lippen. Das hätte sie besser nicht erzählt. Maura Howard war keine Frau, die in einem exklusiven Skiort in den Schweizer Alpen abstieg. Doch Brant schien keinen Verdacht zu schöpfen.

„Ich kümmere mich jetzt um die Pferde. Davor gehe ich noch mal mit ihr nach draußen und passe auf, dass ich sie im Schnee nicht verliere. Was machen Ihre Kopfschmerzen?“

„Besser. Ich bin noch etwas zittrig, aber ich werde es überleben. Stürmt es noch immer?“

Als sie sich im Bett aufsetzte, nickte er angespannt und schien den Blick auf einen irgendeinen Punkt in weiter Ferne zu richten. So, als würde er gerade in irgendeiner Parade strammstehen. „Der Schnee liegt bereits einen halben Meter hoch, und es schneit immer weiter.“ Er schwieg nachdenklich. „Gut möglich, dass Sie noch ein bis zwei weitere Tage hier festsitzen. So lange dauert es mindestens, bis die Räumfahrzeuge zu uns durchgedrungen sind.“

„Oh nein!“

Mimi war zwar heimlich erleichtert, aber da Brant wahrscheinlich davon ausging, dass die Nachricht ein Schock für sie war, setzte sie ihr ganzes, offensichtlich nicht vorhandenes Schauspieltalent ein.

Sie merkte, wie sich seine Pupillen weiteten – obwohl er so tat, als würde er sie gar nicht beachten. Dann trug sie sogar noch etwas dicker auf. „Es tut mir leid, dass ich Ihnen noch länger zur Last fallen muss, Major Western.“

„Hier bin ich einfach nur Brant.“

„Brant.“ Der Name passte zu ihm.

„Vielen Dank, dass Sie mein Gepäck geholt haben. Das war sehr freundlich von Ihnen.“

„Keine Ursache. Ich dachte, dass Sie sich vielleicht wohler fühlen, wenn Sie Ihre eigenen Sachen bei sich haben. Vor allem, wo es so aussieht, als müssten Sie eine weitere Nacht hierbleiben.“

„Ich komme mir schrecklich dumm vor. Hätte ich doch nur Gwen angerufen, bevor ich einfach so bei Ihnen hereinschneie. Dann hätten Sie mich jetzt nicht am Hals.“

„Das war in der Tat ziemlich dumm von Ihnen“, bestätigte er. „Nicht auszudenken, wenn Sie an einer abgelegeneren Stelle in den Fluss gerutscht wären. Wahrscheinlich hätten Sie während des Sturms die ganze Nacht lang in Ihrem Auto festgesessen und wären erfroren, bevor Sie jemand gefunden hätte.“

Diese Offenheit tat weh, und beinahe hätte Mimi ihn wütend angefunkelt. Doch im letzten Moment fiel ihr ein, dass sie ja noch seine Hilfe benötigte.

Vielleicht aber auch nicht. Sie brauchte einen Ort, wo sie bleiben konnte. Das bedeutete nicht zwangsläufig, dass sie bei ihm bleiben musste. „Ich hasse es, Ihnen zur Last fallen zu müssen“, sagte sie, als ihr plötzlich eine Idee kam. Erstaunlich, dass sie daran nicht schon früher gedacht hatte. „Wir könnten Gwen anrufen und fragen, ob ich in ihrem Haus bleiben kann, wo sie doch nicht da ist?“

„Tolle Idee“, entgegnete er mit einer Begeisterung, die schon fast demütigend für sie war. „Da gibt es nur ein Problem. Gwens Ofen ist am Tag ihrer Abreise ausgefallen. Ich habe eine Firma beauftragt, ihn auszutauschen, aber die kommt erst Ende der Woche dazu. Bei dem Sturm könnte es sich sogar bis Ende nächster Woche hinziehen. Bewohnte Häuser haben bei diesem Wetter Vorrang, deshalb fürchte ich, dass Sie hier festsitzen, bis der Sturm sich verzieht.“

Mimi bemühte sich, angesichts dieser Nachricht angemessen bestürzt zu wirken. Wenigstens hatte sie nun noch etwas Zeit, um sich zu überlegen, wie sie Brant überreden konnte, dass er sie länger hierbleiben ließ.

Vier Stunden später überdachte Mimi ihre Strategie noch einmal. Sie fürchtete, an Langeweile zu sterben, wenn sie bis nach Marcos Hochzeit hierbleiben musste.

Sie musste immer Action um sich herum haben und war ungern allein. Am liebsten verbrachte sie ihre Zeit mit Freundinnen, ging shoppen oder besuchte ihr Lieblingsspa.

Zugegeben, sie hatte die letzten sechsundzwanzig Jahre ziemlich oberflächlich gelebt. Ja, sie hatte eben gern ihren Spaß und konnte sich nicht gut selbst beschäftigen.

Auf der Western Sky stellte sie das vor eine ganz besondere Herausforderung.

Major Western hatte nur wenige Bücher – die meisten waren in der Nähe seines Stützpunktes in Georgia eingelagert, wie er ihr erzählt hatte – und auch die Auswahl an DVDs war beschränkt.

Das Satellitenfernsehen ging natürlich auch nicht, weil sich zu viel Schnee in der Schüssel abgelagert hatte und den Receiver blockierte. Zumindest hatte ihr Gastgeber das so erklärt.

Da er selten hier war, hatte das Haus auch keinen Internetanschluss.

Unter Umständen hätte sie ein paar SMS oder sogar eine E-Mail in ihr Smartphone tippen können, doch sie hatte sich ganz bewusst entschieden, es ausgeschaltet zu lassen.

Hier war sie Maura Howard und kein Partygirl. Ihre Glaubwürdigkeit würde leiden, wenn sie zu viel Kontakt mit der Außenwelt unterhielt.

Ihr Gastgeber war die meiste Zeit des Tages damit beschäftigt, die Geschäftsunterlagen der Ranch durchzusehen oder die Viehtränken aufzufüllen.

Sie hatte das Gefühl, dass er ihr aus dem Weg ging, auch wenn sie nicht genau wusste, weshalb.

Damit leistete ihr nur noch Simone Gesellschaft.

Um die Mittagszeit streckte Brant den Kopf in die Küche, um Mimi zu sagen, dass sie sich zum Mittagessen einfach bedienen sollte. Er selbst hatte in Gwens Hütte mit zugefrorenen Leitungen zu kämpfen, da die Heizung nicht funktionierte.

Mimi begnügte sich mit einer Dose Tomatensuppe, die eigentlich recht lecker war. Nachdem sie ihren Teller abgewaschen und abgetrocknet hatte – erstaunt, dass es in Amerika noch ein Haus ohne Spülmaschine gab –, stellte sie ihn in das etwas schäbige Regal neben der Spüle zurück. In diesem Moment kam ihr ein Geistesblitz.

Ja, auf diese Weise konnte sie Brant davon überzeugen, sie bleiben zu lassen.

Eine brillante Idee, wenn sie ihrem Urteil vertrauen konnte.

Nicht schlecht für ein so oberflächliches Mädchen, dachte sie, als sie wenig später den Inhalt jedes einzelnen Regalfachs unter die Lupe nahm.

Über Mimi Van Hoyt existierte ein gut gehütetes Geheimnis, das auch die Presse bisher nicht ausgegraben hatte. Für die wäre es wahrscheinlich ein Festtag gewesen, wenn sie herausgefunden hätten, dass Mimi bei Langeweile oder bei Stress gern das Haus putzte.

Zwischen ihren Internatsaufenthalten hatte Gert, der langjährige Haushälter ihres Vaters, ihr kleinere Aufgaben übertragen. Einen Schrank auszuwischen, eine Schublade aufzuräumen, das Silber zu polieren.

Ihr Vater hätte das wahrscheinlich untersagt, hätte er je davon erfahren, doch sie und Gert konnten Geheimnisse vor Werner Van Hoyt bewahren.

Mimi hatte nie verstanden, warum ihr das solchen Spaß machte. Sie hatte es immer als geheimes Laster gesehen, das ihr sogar ein wenig peinlich gewesen war – bis einer ihrer Therapeuten angemerkt hatte, dass die Zeit, die sie mit Gert verbrachte, zu den größten Konstanten in ihrem Leben gehörte. Der Hausputz war vielleicht ihre Art, ein bisschen Ordnung in das Chaos bringen, das die vielen Ehen und Scheidungen ihres Vaters in ihren Alltag brachten.

Hier, in Major Westerns Haus, ist es einfach ein Zeitvertreib, dachte sie, während sie an einem besonders hartnäckigen Fleck rubbelte.

„Was machen Sie denn da?“

Mimi riss erschrocken den Kopf herum. Major Western stand in der Küchentür und musterte sie mit einer undurchsichtigen Mischung aus Erstaunen und Entsetzen.

Ihr überaus „kompetenter“ Wachhund Simone wachte von Brants Stimme auf und sprang von seinem Platz auf dem halbrunden Läufer neben der Spüle auf.

Zur Begrüßung kläffte sie eifrig, während Mimi bis in die Haarspitzen errötete.

„Tut mir leid … Mir war langweilig.“

Er sah sie skeptisch an. „Langweilig. Und deshalb beschließen Sie einfach, meine Küchenschränke auszuwischen?“

„Irgendjemand muss es doch tun. Sie glauben nicht, wie verdreckt die waren.“

Kaum waren ihr diese Worte entwichen, zuckte sie auch schon erschrocken zusammen. Das war nun nicht gerade die taktvollste Bemerkung, die man einem Mann gegenüber machen konnte, vom dem sie sich einige Tage Obdach erhoffte.

„Ich bin mir sicher, dass Ihr Armee-Job Sie völlig einnimmt“, fügte sie schnell hinzu. „Da kann ich mir kaum vorstellen, wie schwer es ist, ein solches Haus sauber zu halten, wenn man so selten hier ist.“

Während er die Küche betrat und seine Wintersachen auszog, wirkte er sowohl zerknirscht als auch peinlich berührt. „Die letzten Jahre habe ich es immer mal wieder vermietet. Und Mieter halten ein Haus nicht gerade in Schuss. Nach meiner Rückkehr aus Afghanistan werde ich eine Firma damit beauftragen, alles gründlich zu reinigen, bevor ich es zum Verkauf anbiete.“

Mimi hielt mitten im Schrubben inne. Er war er in Afghanistan gewesen? Und er wollte ein so wunderschönes Haus verkaufen. „Warum sollten Sie das tun? Jetzt sehe ich zwar nur Schnee, aber ich nehme an, dass die Aussicht normalerweise herrlich ist. Zumindest schwärmt Gwen immer davon, wie viel Inspiration für ihre Arbeit sie hier findet.“

Brant knöpfte seinen durchweichten Mantel auf.

Mimi versuchte zu ignorieren, wie sich die Muskeln an seiner Brust bewegten, als er seine Arme aus den Ärmeln befreite.

„Es wird höchste Zeit.“ Er schwieg einige Sekunden lang. „Ich verbringe hier nur ein paar Wochen im Jahr, und es ist schwer, sich aus der Entfernung um das Haus zu kümmern. Selbst wenn Ihre Freundin Gwen in dieser Zeit darauf aufpasst. Wie dem auch sei – Gwen zieht ebenfalls von hier weg. Sie hat mir erzählt, dass sie ein Haus nahe Jackson Hole kaufen möchte. Für mich war das der letzte Tropfen. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie schwer es wäre, einen Ersatz für sie zu finden. Von den allgemeinen Renovierungsarbeiten, wie etwa dem Streichen des Stalls, ganz zu schweigen.“

Diese gute Gelegenheit konnte Mimi unmöglich verstreichen lassen. „Das passt doch ausgezeichnet. Ich helfe Ihnen.“

Brant zog seine Winterstiefel aus und hob erneut eine Augenbraue. „Sie wollen den Stall streichen? Ich fürchte, das ist gar nicht so leicht, bei all dem Schnee.“

Sie stutzte. „Nicht den Stall. Hier.“ Sie deutete mit dem seifigen Handtuch im Zimmer herum. „Das ganze Haus sollte mal gründlich geschrubbt werden, wie Sie ja selbst schon gesagt haben.“

Er starrte sie an. „Nur, damit ich das richtig verstehe: Sie wollen freiwillig mein Haus putzen?“

Sie legte das Handtuch zurück und lehnte sich an die oberste Stufe der Leiter, um ihn anzusehen. „Klar, warum denn nicht?“

„Mir fallen da ein paar sehr triftige Gründe ein.“

Sie musterte ihn kurz, konnte jedoch nichts aus seiner Miene herauslesen. „Die Wahrheit ist, dass ich für ein paar Tage eine Unterkunft brauche.“

„Warum?“

„Das ist eine lange und langweilige Geschichte.“

„Aus irgendeinem Grund bezweifle ich das.“

„Vertrauen Sie mir“, drängte sie. „Ich brauche wirklich eine Unterkunft, Major Western. Und ich verspreche Ihnen, dass Sie mit meiner Arbeit so zufrieden sein werden, dass Sie das Haus am Ende vielleicht gar nicht mehr verkaufen wollen.“

Brant seufzte. „Ein paar Tage. Na schön. Warum eigentlich nicht? Solange Sie hier keine größeren Änderungen vornehmen. Wischen Sie einfach nur ein bisschen durch und bringen Sie die Zimmer etwas auf Vordermann. Mehr nicht.“

„Sie werden es nicht bereuen. Versprochen.“

Er schüttelte den Kopf und holte eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank. Sein offener, ehrlicher Gesichtsausdruck verriet, dass er es schon jetzt bereute.

Sie ignorierte den leichten Stich unter ihrem Herzen und redete sich ein, dass ihr das egal war.

Ob er wollte, dass sie blieb, oder nicht – Major Western Brant war zu anständig, um sie jetzt noch vor die Tür zu setzen. Schließlich hatte er bereits sein Versprechen gegeben.

3. KAPITEL

Was treibt sie für ein Spiel?

Das war eine Frage, die Brant beschäftigte. Er wurde aus Mimi Van Hoyt nicht schlau.

Selbst jetzt, als sie einige Stunden nach ihrer sonderbaren Unterhaltung am abgewetzten Küchentisch saßen und ein improvisiertes Abendessen aus Eintopf und Pfirsichen zu sich nahmen, verstand er nicht, was in ihr vorging, und was sie wirklich wollte.

Diese Frau konnte doch morgens nicht ihre Zeitung hereinholen, ohne dass ein Pulk von Fotografen jeden ihrer Schritte dokumentierte. Entweder hielt sie ihn für blind oder für dumm, dass sie glaubte, er würde nicht wissen, wer sie war.

Doch derselbe Liebling der Presse, der sonst nie ohne Designerklamotten vor die Tür trat, hatte den ganzen Nachmittag damit verbracht, jeden Winkel und jede Ritze seiner Küche zu säubern – und das hatte sie auch noch gut gemacht.

„Möchten Sie noch etwas von dem Eintopf?“, fragte sie, als sei sie die Gastgeberin einer schicken Dinnerparty.

„Ich habe genug, danke.“

Obwohl sie exklusivere Mahlzeiten gewohnt sein musste, hatte sie bei ihrem eigenen Teller ganze Arbeit geleistet. Hausarbeit machte offenbar hungrig.

„Gehört Ihnen die Ranch schon lange?“, unterbrach sie das angenehme Schweigen zwischen ihnen. „Entschuldigen Sie, ich kann mir den Namen nicht merken.“

„Western Sky. Ja, sie ist seit Generationen in Familienbesitz. Mein Ururgroßvater kaufte das Land und baute das Haus am Ende des 19. Jahrhunderts.“

„Dann sind Sie hier also aufgewachsen?“

Er dachte an seine schlimme Kindheit zurück. An den Schmerz und all die Unsicherheit. Und an die Winders, die ihn gerettet und ihm ein richtiges Zuhause gegeben hatten. Es wäre jedoch zu kompliziert gewesen, das Ganze zu erklären. „Die meiste Zeit“, gab er zurück und hoffte, dass sie es dabei beließ.

„Wie können Sie ein Haus verkaufen, das Ihrer Familie seit Generationen gehört?“

Er zuckte die Achseln. „Ich weiß nicht, ob ich es verkaufen will.“

„Dann tun Sie es nicht. Das Haus ist vielleicht schon ein bisschen heruntergekommen, aber es stürzt noch nicht über Ihnen zusammen.“

„Jedenfalls noch nicht.“

„In ein paar Jahren gehen Sie in Pension. Dann brauchen Sie eine Wohnung oder ein Haus.“

Ja, das hatte er immer vorgehabt. Doch nachdem er im Einsatz schon mehrmals knapp dem Tode entronnen war, hatte er allmählich eingesehen, dass er vielleicht nicht lange genug leben würde, um sich zur Ruhe zu setzen. Er hatte wirklich keine Todessehnsucht, aber er war Realist.

„Gibt es denn keine Verwandten, die etwas mit der Ranch anfangen könnten, um sie im Familienbesitz zu halten?“

„Nein, nur mich. Ich … hatte einen jüngeren Bruder. Er starb jedoch, als wir noch Kinder waren.“

Kaum hörte er seine eigenen Worte, wollte er sie auch schon wieder zurücknehmen. Er sprach nie über Curtis oder seinen Tod. Niemals.

„Das tut mir leid“, murmelte sie. Ihre moosgrünen Augen strahlten ein Mitgefühl aus, das er nicht sehen wollte. „Was ist passiert?“

„Er ertrank im Fluss, als ich elf war.“

„Derselbe Fluss, in den ich gestürzt bin?“

Brant nickte. „Jetzt ist er nicht besonders tief, deshalb ist es vielleicht schwer zu glauben. Während der Schneeschmelze im späten Frühling und frühen Sommer ist es etwas ganz anderes. Erinnern Sie sich, wie Ihr SUV anderthalb Meter in die Tiefe stürzte? Während der Schmelze ist das alles ein reißender Fluss. Obwohl wir als Kinder im Frühling nicht in der Nähe spielen durften, haben wir Steine ins Wasser geworfen. Curtis wagte sich zu weit nach vorne, und das Ufer brach unter ihm weg. Ich rannte flussabwärts nach und versuchte, ihn rauszuziehen. Aber er rauschte an mir vorbei, und ich bekam ihn nicht mehr zu fassen.“

„Sie hätten ebenfalls umkommen können.“

Das wäre auch besser gewesen. Zumindest hatte ihm das seine Mutter im angetrunkenen Zustand an den Kopf geworfen. „Besser du als mein süßes Baby“, hatte sie in diesem emotionslosen Tonfall gesagt, der umso niederschmetternder war.

Gern hätte Brant geglaubt, dass sie es nicht so meinte. Curtis war immer der lustige, kluge und liebenswertere der beiden Brüder gewesen. Brant dagegen war groß, unbeholfen und viel zu ernst für ein Kind.

Nach dem Tod von Curtis artete das zuvor schon angespannte Familienleben ins reinste Elend aus. Die Ranch versank im Chaos, seine Eltern stritten die ganze Zeit, und beide fingen mit dem Trinken an.

Die Kämpfe und das Geschrei waren eine Sache. Doch dann ließ seine Mutter sie auch noch sitzen, und sein Vater richtete all seine Trauer und seine Wut gegen Brant.

Dieses Leben wäre wohl für immer so weitergegangen. Irgendwann wäre er dann groß genug, um zurückzuschlagen, oder sein Vater würde ihn vorher bringen. Aber vorher schritten Guff und Jo Winder ein.

Brant trank einen Schluck und dachte zurück an die Ereignisse, die sein Leben verändert hatten.

Er hatte zuvor schon die Aufmerksamkeit der Winders bemerkt, wenn er mit seinem Vater in der Stadt gewesen war. Einmal hatte Guff sogar etwas zu J. D. gesagt, als sein Vater ihm im Laden für Farmbedarf wegen irgendetwas aufs Dach gestiegen war. Doch diese Einmischung hatte Brant zu Hause nur noch stärkere Prügel beschert.

Eines Tages war Guff schließlich auf die Western Sky Ranch gekommen, um einige Milchkälber abzuholen. Bei seiner Ankunft war J. D. gerade einmal wieder übel betrunken. Brant hatte versucht, seine blauen Flecken zu verbergen, aber als er dabei half, eines der Kälber auf den Viehtransporter der Winders zu wuchten, rutschte sein T-Shirt nach oben.

Guff warf nur einen Blick auf die Schrammen, die kreuz und quer über seinen Rücken verliefen. Brant würde nie die plötzlich aufflammende Wut in seinem Blick vergessen. All die Jahre hatte er gelernt, vor derartig heftigem Zorn zurückzuweichen. Doch statt auf ihn loszugehen, schnappte sich Guff eine Mistgabel und drückte J. D. gegen die Wand.

„Du Hurensohn!“, sagte er mit tiefer, furchteinflößender Stimme. „Einen deiner Söhne hast du durch einen schrecklichen Unfall verloren. Wie willst du weiterleben, wenn du den anderen durch deine eigene Hand verlierst?“

J. D. tobte und schrie, doch Guff hielt die Mistgabel weiter auf ihn gerichtet, während er sich zu Brant umdrehte. „Du weißt doch, dass meine Frau und ich einen Verwandten bei uns aufgenommen haben, einen Jungen in deinem Alter. Ich glaube, er geht sogar mit dir zur Schule. Quinn Southerland. Wir haben auf der Winder Ranch jede Menge Platz. Und ich schwöre auf die Seele deines Bruders, dass dort nie jemand die Hand gegen dich erheben wird. Würdest du gern mitkommen und für eine Weile bei uns bleiben?“

Brant war genauso verwirrt und schockiert wie sein Vater. Einerseits wollte er die Western Sky auf jeden Fall verlassen und so weit weglaufen, wie er nur konnte. Andererseits kannte er seine Pflichten.

„Ich bleibe besser bei meinem Dad, Sir. Er hat doch sonst niemanden.“

Guff sah ihn mit Tränen in den Augen lange an. Dann ließ er die Mistgabel sinken.

Während sein Vater an der Wand des Stalls hinabsank und verwirrt und schockiert sitzen blieb, nahm Guff den Jungen in die Arme. In diesem Moment wurde Brant klar, dass es zwei Jahre her war, seit ihn jemand berührte hatte, ohne ihn dabei zu bedrohen.

„Du bist ein guter Sohn, mein Junge“, hatte Guff gesagt. „Ich weiß, dass du deinen Dad liebst, aber im Moment musst du ihn und dich beschützen. Wenn ich verspreche, dass dein Dad die Hilfe erhält, die er braucht – kommst du dann mit?“

Am Ende hatte Brant eingewilligt, auch wenn es die schwerste Entscheidung in seinem jungen Leben gewesen war. Viel schwerer als das Militärtraining oder sein erster Kampfeinsatz.

Die ersten beiden Monate auf der Winder-Ranch hatte er Schuldgefühle gehabt, war aber zuversichtlich gewesen, Weihnachten wieder bei seinem Vater zu sein. Guff hatte Wort gehalten und seinem Dad eine Entziehungskur bezahlt. Außerdem hatte er J. D. klargemacht, dass er sechs Monate am Stück nüchtern sein musste, bevor sie ihm seinen Sohn wieder anvertrauten.

J. D. hatte gerade mal einen Monat durchgehalten. Dann hatte er sich eine Flasche Jack Daniels gekauft und sie fast ausgetrunken. Anschließend war er zu seinem gefährlichsten Bullen ins Viehgehege geklettert, der ihn zermalmt hatte.

„Das tut mir leid.“

Er riss sich von seinen Erinnerungen los und stellte fest, dass Mimi ihn mit ihren grünen Augen voll Mitgefühl ansah. Es dauerte einen Moment, bis er begriff, dass sie noch immer vom Tod seines Bruders sprach, der alles verändert hatte.

„Danke. Um Ihre Frage zu beantworten: Ich bin der Letzte in meiner Familie. Und da ich höchstens drei bis fünf Wochen im Jahr hier bin, wäre es ziemlich blödsinnig, das Haus zu behalten.“

Sie schien anderer Meinung zu sein, was er seltsam fand.

Nach einer Weile zuckte sie mit den Schultern. „Es sollte nicht schwer zu verkaufen sein. Nicht, wenn Sie das Gerümpel ausmisten und einige Zimmer neu streichen.“

„Zu viel Arbeit will ich nicht investieren“, sagte er und aß den Rest seiner Pfirsiche. „Die Einzigen, die sich heutzutage ein so großes Grundstück leisten können, sind Hollywoodstars, die das Haus wahrscheinlich abreißen und ein neues bauen. Das ist mit mehreren Häusern in der Gegend passiert.“

Wie erwartet ignorierte sie die Hollywoodanspielung. Was hätte sie auch sagen sollen, ohne ihre wahre Identität zu lüften?

„Das weiß man nie so genau. Das Haus hat genau den rustikalen Charme, den manche Menschen suchen. Mit etwas Anstrengung können Sie die alte Bude wieder vorzeigbar herrichten. Eine kleine Investition könnte dabei helfen, einen anständigen Preis für das Haus und das Grundstück herauszuschlagen.“

Brant starrte sie an. „Ich dachte, Sie arbeiten für eine Wohltätigkeitsorganisation. Einen kurzen Moment lang haben Sie sich wie eine Immobilienmaklerin angehört.“

Sie errötete. „Nein, ich sehe nur zu viele Werbesendungen im Fernsehen. Sie wissen schon … Wie man mit Immobilien ein Vermögen machen kann.“

„Ist das ein Traum von Ihnen?“, hakte er nach und versuchte, dabei möglichst beiläufig zu klingen. „Ein Vermögen zu verdienen?“

„Natürlich.“ Sie lächelte verhalten. „Wer hätte nicht gern ein Vermögen?“

Ihre Worte klangen zwar scherzhaft, doch er hatte das Gefühl, dass ein Hauch von Verbitterung darin mitschwang. Vielleicht bestand das Leben eines Society-Girls doch nicht nur aus Partys und Privatflugzeugen.

„Wie dem auch sei … im Moment brauche ich kein Vermögen“, sagte sie. Brant wusste, dass das weit untertrieben war. „Nur eine Unterkunft für ein paar Tage. Und etwas zu tun, solange ich hier bin. Ich bin sehr dankbar, dass Sie mir beides geben.“

Oh ja. Wenn all das hier vorbei war, hatte er ganz schön was zu erzählen.

Schon am nächsten Tag war Mimi der Meinung, dass es auf lange Sicht vielleicht einfacher wäre, sich nackt auszuziehen und vor den Paparazzi einen Stepptanz aufzuführen, anstatt die Aufgabe zu bewältigen, die sie sich selbst gesetzt hatte.

Sie hustete, als sie die altmodische Baumwollgardine im Gästeschlafzimmer abnahm und ihr dabei eine Staubwolke entgegenkam.

Simone nieste und schüttelte den Kopf. Das ehemals blütenweiße Schoßhündchen hatte nun die Farbe einer vergilbten alten Zeitung.

„Du brauchst ein ordentliches Bad“, sagte Mimi. „Und ich auch.“

Sie knüllte die schmuddelige Gardine zu einem Bündel zusammen und wollte sie gerade hinunter in den Abstellraum neben der Küche bringen, als sie hörte, wie die Eingangstür geöffnet wurde.

„Hey, Brant?“, rief eine weibliche Stimme. „Weißt du, dass ein Mercedes in deinem Fluss liegt?“

Verdammt. Mimi schlang die Arme noch fester um die Vorhänge. Sie hatte ihr Bestes getan, um sich vor der Außenwelt zu verstecken. Aber dass Brant irgendwann mal Besuch bekam, war wohl unvermeidlich.

Ihr Herz klopfte, als sie sich gegen die Wand drückte, sodass sie vom Fuß der Treppe aus nicht zu sehen war.

Was sollte sie nur tun? Einfach nicht rühren und hoffen, dass die Frau wieder verschwand?

Oder sollte sie das Risiko eingehen und versuchen, sich so herauszuwinden, dass die Besucherin nicht als Erstes die Klatschpresse informierte?

Einen Moment später nahm Simone ihr die Entscheidung ab. Bevor Mimi sie aufhalten konnte, rannte die kleine Hundedame aus dem Schlafzimmer und die Treppe hinunter. Dabei kläffte sie die ganze Zeit.

„Ja, hallo“, hörte Mimi die Frau überrascht sagen. „Zu wem gehörst du denn? Zu Brant? Was geht hier eigentlich vor? Wem gehört denn der Wagen? Und wem der Hund …“

Mimi holte tief Luft. Dann ließ sie die Gardine zu Boden fallen und ging bis zum oberen Treppenabsatz. „Mir!“, rief sie nach unten. „Ich bin gestern Nacht im Sturm von der Straße abgekommen. Leider hatte ich noch keine Gelegenheit, einen Abschleppwagen zu holen. Und dieser kleine Quälgeist ist Simone.“

Die Frau war schlank und blond und trug eine leuchtend rote Skihose sowie einen dazu passenden Parka mit marineblauen Streifen. Sie sah den Hund an, dann wieder Mimi, und ihr Kiefer klappte nach unten. „Sie sind …“

„… furchtbar verdreckt“, sagte Mimi schnell. „Ich weiß. Ich habe gerade eines der Zimmer im ersten Stock geputzt. Ich fürchte, dabei habe ich mich in ein paar Spinnweben verfangen.“

Sie ging die Treppe hinunter und streckte die Hand aus. „Maura Howard“, sagte sie bestimmt.

Jetzt schloss die andere Frau endlich den Mund, doch ihre blauen Augen sahen Mimi weiter misstrauisch an. „Ich bin Easton. Easton Springhill. Meine Ranch liegt ein Stück weit den Canyon hinunter.“ Sie kniff die Augen zusammen und neigte den Kopf. „Es klingt wahrscheinlich verrückt, aber hat Ihnen schon mal jemand gesagt, wie sehr Sie dieser komischen Frau aus der Klatschpresse ähneln? Mimi irgendwas? Die mit den ganzen Männerbekanntschaften.“

Mimi rang sich ein Lächeln ab, was gar nicht so leicht war. „Das höre ich ständig. Es ist ein Fluch, glauben Sie mir. Die ist wirklich unmöglich, oder?“

Easton Springhill kicherte leise. „Ich finde sie toll.“

„Ja, wirklich?“

„Klar. Sie bringt mich immer zum Lachen. Egal, wie mies mein Tag war – ich kann mich immer damit trösten, nicht so dumm wie sie zu sein.“

Mimi musste all ihre Willenskraft aufbringen, um ihr Lächeln nicht zu verlieren. Doch eigentlich konnte sie nicht einmal böse sein. Sie war zwar nicht dumm, aber viele ihrer Entscheidungen waren es sicher gewesen. „Wie sind Sie hierhergekommen? Hat es aufgehört zu schneien?“

„Es scheint etwas nachzulassen. Die Straßen sind immer noch dicht, aber mit meinem Schneemobil ist das kein Problem. Ich dachte mir, ich sehe lieber nach, ob Brant mit dem Notwendigsten versorgt ist. Er vergisst manchmal, die Speisekammer aufzufüllen. Deshalb habe ich ein paar Aufläufe aus meiner Gefriertruhe mitgebracht. Dazu Grundnahrungsmittel. Brot, Milch und so.“

„Das ist sehr umsichtig von Ihnen“, murmelte Mimi und fragte sich, in welcher Beziehung sie wohl zueinander standen. Sie musste jedenfalls ziemlich eng sein, wenn diese Frau sich nicht davor scheute, Brants Haus ohne anzuklopfen zu betreten.

Easton starrte Mimi weiter mit diesem leicht verblüfften Gesichtsausdruck an. „Erstaunlich. Die Ähnlichkeit, meine ich.“

„Sogar mit dem Schmutz im Gesicht vom Schrubben der Wände?“

Indem sie ihre Aufmerksamkeit auf ihre nicht gerade gepflegte Erscheinung lenkte, schien sie Easton zu überzeugen, dass sie unmöglich Mimi Van Hoyt sein konnte.

„Es geht mich ja nichts an“, sagte die andere Frau, „aber waren Sie auf dem Weg zu Brant, als Sie den Unfall hatten? Vermutlich schon. Was sonst hätten Sie auf dem Land der Western Sky zu suchen gehabt?“

„Eigentlich wollte ich Gwen Bianca besuchen. Die Hausverwalterin. Ich bin auf gut Glück losgefahren, ohne vorher anzurufen. Sonst hätte ich erfahren, dass sie gar nicht im Land ist.“

„Stimmt, Gwen hat eine Ausstellung in Mailand. Sie arbeitet schon seit Monaten daran und hat sich sehr darauf gefreut.“

Ihre ehemalige Stiefmutter hatte ihr das wahrscheinlich bei einem ihrer gelegentlichen Telefonate erzählt. Und Mimi hatte es sich nicht gemerkt, weil sie mal wieder viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt war.

Sie seufzte. Schluss mit der Vergangenheit. Jetzt blätterte sie eine neue Seite auf.

„Gwen wird untröstlich sein, Sie verpasst zu haben“, sagte Easton.

„Nicht so sehr wie ich, das können Sie mir glauben.“

„Brant hat Ihnen also eine Unterkunft angeboten, bis Gwen zurückkommt? Das sieht ihm ähnlich.“ Easton lächelte, doch in der nächsten Sekunde wurde sie wieder ernst. „Tut mir leid, ich stehe heute etwas auf der Leitung. Wenn Sie ein Gast von Brant sind, warum sind Sie dann schmutzig vom Schrubben?“

„Ich wollte mich für seine Großzügigkeit bedanken, deshalb habe ich ihm angeboten, ihm ein wenig zur Hand zu gehen.“

Easton lachte leise. „Und eine Minute lang habe ich wirklich gedacht, Sie seien Mimi Van Hoyt. Ist das nicht komisch?“

Mimi zwang sich zu einem Lächeln. „Zum Totlachen. Die ist nicht gerade der häusliche Typ.“

Bevor Easton antworten konnte, öffnete sich eine Tür hinter ihnen, und Brant trat in den Eingangsbereich.

Die unverhohlene Freude auf seinem Gesicht beim Anblick der anderen Frau beantwortete die Frage, ob die beiden eine innige Beziehung hatten.

„Hey, East! Ich dachte doch, ich hätte ein Schneemobil gehört.“

„An einen Army-Ranger kann man sich nicht anschleichen, oder?“

„Jedenfalls nicht auf einem 600 PS starken Polaris.“

Jetzt grinste er herausfordernd, und Mimi starrte ihn an. Sie hatte ihn zuvor schon gut aussehend gefunden – aber mehr nicht. Doch dies war ein Lächeln, das eine Frau um den Verstand bringen konnte.

„Ich … mache dann mal das Schlafzimmer im ersten Stock fertig“, sagte Mimi, doch Easton hielt sie am Arm fest.

„Einen Moment, Maura. Brant, wie kommst du dazu, einen Gast deine Wände schrubben zu lassen? Gwen oder ich können doch jemanden damit beauftragen, so wie immer.“

„Er zwingt mich ja nicht dazu“, protestierte Mimi. Der tadelnde Tonfall missfiel ihr. „Ich habe ihm angeboten, das Haus verkaufsfertig herzurichten.“

Ihre Worte lenkten Eastons Aufmerksamkeit auf ein anderes Thema. „Du denkst also wirklich daran, zu verkaufen?“, fragte sie beunruhigt.

Brant sah aus, als wäre er jetzt lieber woanders. „Du weißt, dass es das Beste ist, East. Das Haus fällt auseinander. Ich kann mich nicht darum kümmern, wenn ich nur einmal im Jahr hier bin. Ich weiß es zwar zu schätzen, wie hart du und Gwen arbeitet, um mir zu helfen, aber Gwen zieht weg, und du hast mit der Winder Ranch genug zu tun.“

Easton presste die Lippen zu einem dünnen Strich zusammen, als würde sie gleich anfangen zu weinen. „Ich hasse es, wie sich alles verändert. Wenn du die Western Sky verkaufst, hast du gar keinen Grund mehr, zurückzukommen.“

Mimi fühlte sich jetzt endgültig wie das fünfte Rad am Wagen und sah sehnsüchtig die Treppe hinauf. Hätte es eine Möglichkeit gegeben, die beiden allein zu lassen, ohne die Situation noch peinlicher werden zu lassen, dann hätte sie es getan.

Brant nahm die Frau mitsamt ihrem Parka tröstend in die Arme und küsste sie liebevoll auf die Nasenspitze, was Mimis Inneres in Aufruhr versetzte. „Sei doch nicht albern“, gab er zurück. „Du weißt, dass ich dafür immer zurückkommen würde.“

Easton wirkte nicht gerade besänftigt, allerdings sah sie auch nicht so aus, als wolle sie das Thema in Anwesenheit von „Maura“ weiter vertiefen. „Ich gehe dann mal besser, solange es noch hell ist. Und du solltest das Essen in den Kühlschrank stellen.“

Er zog leicht an der Vorderseite ihrer Mütze. „Pass auf dich auf.“

„Das ist sonst immer mein Text, Major“, sagte sie mit traurigem Lächeln. „Wir sehen uns noch mal, bevor du abreist.“

„Abgemacht.“

Als sie sich zu Mimi umdrehte, wurde ihr Lächeln breiter. „Sie müssen für Kost und Logis doch nicht arbeiten. Ich habe jede Menge Platz. Bis Gwen zurück ist, können Sie gern bei mir unterkommen. Ich bin sowieso ganz allein und hätte nichts gegen ein wenig Gesellschaft.“

Eigentlich war das die beste Lösung, doch aus Gründen, über die Mimi gar nicht genauer nachdenken wollte, scheute sie sich, das Angebot anzunehmen. „Das ist sehr großzügig von Ihnen, aber mir macht es wirklich nichts aus, zu arbeiten.“

Easton wirkte zweifelnd und sah Mimi noch einmal prüfend an. Sie konnte förmlich hören, woran die andere Frau dachte.

Mimi konnte nur hoffen, dass sie Brant gegenüber nichts sagte. Am Ende fand er noch heraus, dass sein Gast nicht die Frau war, die sie zu sein vorgab.

Zu ihrer Erleichterung lächelte Easton jedoch nur. „Lassen Sie es mich wissen, falls Sie Ihre Meinung noch ändern. Mit dem Polaris bin ich in fünfzehn Minuten hier.“

„Vielen Dank.“

„Ruf mich an, wenn du zu Hause bist, damit ich weiß, dass du in Sicherheit bist.“

Easton verdrehte die Augen. „Dreihundertfünfundsechzig Tage im Jahr komme ich allein klar, Brant.“

„Aber wenn ich hier bin, nehme ich mir das Recht heraus, mir Sorgen zu machen.“

„Das ist nur fair, wo ich mir jede Minute der restlichen dreihundertfünfundsechzig Tage Sorgen um dich mache.“

Zwischen den beiden herrscht mehr als nur gegenseitige Sympathie, dachte Mimi, als die Frau ging. Ein tiefes, emotionales Band.

Diese Erkenntnis deprimierte sie, aus Gründen, die sie selbst nicht verstand.

Easton verschwand in einem Wirbel aus Schnee, Wind und dem Dröhnen ihres leistungsstarken Schneemobils.

Als Brant die Tür hinter ihr schloss, musste er unwillkürlich an das Mädchen denken, das sie früher einmal gewesen war. Blonde Zöpfe, Sommersprossen und ein strahlendes Lächeln. Sie war Brant, Quinn und Cisco um die Ranch herum gefolgt.

Ihre Pflegemutter hatte sie „Die vier Winde“ genannt. Und wie vier Winde hatten sie sich schließlich in alle Himmelsrichtungen verteilt: Quinn Southerland nach Seattle, wo er eine Reederei leitete. Cisco Del Norte nach Lateinamerika, wo er von einem Restaurant zum anderen tingelte – was auch immer er dort genau tat. Und Brant in die Armee und auf fünf Nahosteinsätze in sieben Jahren.

Nur Easton war geblieben. Sie leitete die Winder Ranch seit Jahren – das hatte sie schon vor Jos Tod im Oktober getan.

Sosehr er Jo vermisste, so wusste er doch, dass Easton es noch viel schwerer hatte. Sie war ein Teenager gewesen, als ihre Eltern bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen waren. Danach war sie von ihrem Onkel und ihrer Tante aufgezogen worden.

Tante Jo war für Easton mehr als nur eine zweite Mutter gewesen. Sie war ihre Freundin, ihre Vertraute und Brant wusste, dass Easton sich ohne sie schrecklich einsam fühlte.

„Sie ist bezaubernd.“ Er wandte sich Mimi zu, die neben ihm stand. „Das ist sie wirklich. Und wie immer hat sie recht, mich zu tadeln. Sie sollten nicht für ihr Essen putzen. Sie sind Gast hier, und ich bin kein guter Gastgeber, wenn ich Ihnen erlaube, meine Wände zu schrubben und meine Toilette zu putzen.“

„Ach, lassen Sie’s gut sein, Major. Darüber hatten wir doch schon gesprochen.“

„Trotzdem ist es irgendwie nicht richtig.“

„Wollen Sie damit sagen, ich soll das großzügige Angebot Ihrer Freundin annehmen und bei ihr übernachten?“

Eigentlich sollte er Ja sagen. Er wusste, dass es das Richtige war. Doch als er Mimi anbieten wollte, sie auf dem Schneemobil der Western Sky zur Winder Ranch zu fahren, schienen die Worte in seiner Kehle stecken zu bleiben. Entgegen seiner besseren Einsicht wollte er nicht, dass sie schon ging. „Das ist Ihre Entscheidung. In jedem Fall müssen Sie wirklich nicht das Haus putzen. East hat recht. Ich kann jemanden einstellen, der das macht.“

„Das haben Sie doch“, erwiderte sie nachdrücklich. „Mich. Wir hatten eine Abmachung, und aus der lasse ich Sie nicht wieder raus. Wenn Sie sicher sind, dass Sie die Ranch verkaufen wollen, dann helfe ich Ihnen, sie für den Verkauf herzurichten. Und jetzt putze ich das Schlafzimmer fertig.“

Er nickte und versuchte, ihr nicht zu offensichtlich hinterherzusehen, während sie die Treppe hinaufging. Ihr kleiner Wattebausch blieb ihr dicht auf den Fersen.

Mehr als alles auf der Welt wünschte er sich in diesem Moment, dass sie wirklich Maura Howard und nicht Mimi Van Hoyt war.

Maura Howard schien eine nette Frau zu sein. Eine, die er gern näher kennengelernt hätte. Eine, der es egal war, dass er ein grober Armeeoffizier mit einer heruntergekommenen Farm voller schlechter Erinnerungen war.

Wäre es nicht schön, wenn sie nur eine ganz normale Frau war, die für eine unbekannte Wohltätigkeitsorganisation arbeitete? Eine, die lieber während eines Blizzards im Bett kuschelte, statt auf einer Filmpremiere über den roten Teppich zu stolzieren?

Er fühlte sich unglaublich hingezogen zu Maura Howard oder Mimi Van Hoyt – oder wer immer sie auch war.

Gern hätte er sich selbst eingeredet, dass das eine ganz normale Reaktion auf eine hübsche Frau war. Aber je mehr Zeit er mit ihr verbrachte, desto mehr fürchtete er, dass er wesentlich mehr für sie empfand.

Er seufzte und ging in die Küche. Es spielte keine Rolle, wie sehr er sich zu ihr hingezogen fühlte. Maura Howard war während ihres unwirklichen gemeinsamen Erlebnisses vielleicht freundlich zu ihm. Solange er kein Filmstar oder ein europäischer Prinz oder irgendein Jetset-Playboy war, würde ihm Mimi Van Hoyt keine Träne nachweinen.

Vielleicht hätte er seinen Schwur, sie erst einmal in Ruhe zu lassen, auch eingehalten, hätte er sie nicht weinen gehört.

Eine Stunde später stand Brant vor dem Gästezimmer und lauschte dem leisen Schluchzen auf der anderen Seite der Tür.

Er stieß einen leisen Fluch aus, ohne zu wissen, ob er ihr galt oder eher sich selbst.

Weinende Frauen waren seine große Schwäche. Das war schon immer so gewesen. Vielleicht, weil seine Mutter so selten geweint hatte.

Er konnte sich noch gut daran erinnern, wie Easton zum ersten Mal geweint hatte. Er war zwölf gewesen und Easton neun. Ein kleiner Wildfang mit blonden Zöpfen. Sie hatte mit ihren Eltern auf der Ranch gelebt, auf der ihr Vater als Vorarbeiter tätig war.

Eines der Kätzchen des Stalls war von einem Hilfsarbeiter mit dem Traktor überrollt worden. Alle hatten es gesehen, waren jedoch zu weit entfernt gewesen, um den Unfall verhindern zu können.

Easton war aufgelöst gewesen, und Brant hatte damals fast panisch versucht, die Situation geradezubiegen – auch wenn ihm klar war, dass er diese Tragödie nicht verhindern konnte.

Seit damals hatte sich nichts geändert. Den Drang, die Dinge ins Lot zu bringen, verspürte er noch immer, auch wenn er jetzt am liebsten so getan hätte, als würde er sie nicht hören.

„Mi… Maura?“ Er korrigierte sich gerade noch rechtzeitig, bevor er ihren richtigen Namen benutzte. „Alles in Ordnung bei Ihnen?“

Das leise Schluchzen verstummte. „Ja. Alles in Ordnung.“

Sonst sagte sie nichts. Brant seufzte und wünschte sich inständig, er könne einfach weitergehen und sie in ihrem offensichtlichen Leid allein lassen. „Sind Sie sicher?“

„Ja.“

„Ich könnte nämlich schwören, ich hätte da drinnen jemanden weinen gehört.“

„Ich … habe nur gesummt.“

Sie musste ihn für ziemlich beschränkt halten. „Gesummt? Stimmt das denn auch?“

Nach einer weiteren Pause öffnete sie die Tür einen Spaltbreit. Ihre Nase war leicht gerötet, die Augen geschwollen.

Er hatte den Eindruck, dass Mimi von anderen Frauen aus vielerlei Gründen gehasst wurde. Unter anderem wegen dieser unterschwelligen Signale, die sie zerbrechlich und schutzbedürftig und dabei unglaublich liebreizend wirken ließen.

Dann warf sie ihm einen Blick zu, der diesen Eindruck abrupt zerstörte. „Ja, ich habe gesummt. Was kümmert Sie das?“

Er hob die Hände in einer kapitulierenden Geste. „Sie haben recht. Von mir aus können Sie sich gern in den Schlaf summen. Lassen Sie mich nur diese Träne wegwischen, die eigentlich gar keine ist.“ Er trat vor und berührte mit dem Daumen die Haut neben ihrer Nase.

Ihre Augen weiteten sich bei dieser Berührung, und ihre Blicke begegneten sich.

Ihre Haut war wärmer und weicher als alles, was Brant in seinem Leben berührt hatte. Er wünschte sich nichts lieber, als eine Hand unter ihr Kinn zu legen und ihr Gesicht zu streicheln.

Mimi starrte ihn einen endlos langen Moment an, und er hätte schwören können, dabei ein Funkeln in ihren Augen zu sehen, das zeigte, dass sie seine Gefühle erwiderte. Ihre dunklen Pupillen weiteten sich, bis das Schwarze fast das Grün überlagerte.

Er beugte sich vor, nur ein wenig, und sie hielt den Atem an.

Bevor ihre Lippen sich trafen, traf ihn die Realität wie eine Rakete. Wenn er sie küsste, würde das den Hunger in seinem Innern nur noch intensiver und schmerzhafter machen. Und ihn nur noch bewusster spüren lassen, was ihm entging.

Brant senkte die Hand und wich langsam und widerwillig zurück. Er glaubte, Enttäuschung in ihrem Blick zu erkennen, doch dann trat sie zur Seite und senkte den Blick. „Tut mir leid, dass ich Sie gestört habe. Kommt nicht wieder vor. Versprochen.“

„Heißt das, dass Sie fertig sind, oder dass Sie Ihr … Summen künftig für sich behalten?“

Sie antwortete nicht, sondern schien lediglich den Türgriff fester zu umklammern. „Gute Nacht, Brant.“

Als sie seinen Namen mit dieser kehligen Stimme aussprach, lief eine Hitzewelle durch seinen Körper. Für einen endlos langen Moment sah er sie an. Wie sie dastand, in ihrem blassgrünen Nachthemd, das ihre Augen noch lebendiger wirken ließ.

Noch immer wollte er sie küssen, und das mit einer Inbrunst, die ihn erschreckte. Er hatte jedoch schon vor sehr langer Zeit gelernt, dass nicht alles, was er wollte, auch zwangsläufig gut für ihn war.

4. KAPITEL

„Sind Sie sicher, dass jetzt alles in Ordnung ist? Kein … Summen mehr?“

Mimi starrte Brant an. Er war so groß und imposant. Einen verrückten Moment lang wollte sie sich an seine kräftige Brust werfen und alles aus sich herausweinen. All die falschen Entscheidungen, die sie letztendlich hierhergeführt hatten.

Sie war selbst entsetzt darüber, dass sie zusammengebrochen war – und das auch noch vor ihm.

Es mussten die Hormone sein. Eigentlich hatte sie gar nicht weinen wollen, aber kurz zuvor war eine Vorschau für eine dieser Sendungen mit Nachrichten aus der Unterhaltungsbranche gekommen. Darin wurde ein Exklusivbericht über das fünfzigtausend Dollar teure Vera-Wang-Kleid angekündigt, das Jessalyn in wenigen Tagen zur Hochzeit tragen würde.

Wahrscheinlich wäre ihr das egal gewesen, doch kurz darauf waren zwei kitschige Werbespots gekommen, die Väter auf rührende Weise mit ihren Kindern gezeigt hatten. Diese hatten ihr noch einmal deutlich gemacht, worauf ihr eigenes Kind verzichten musste.

Selbst da hätte sie die Tränen vielleicht noch zurückhalten können. Nachdem sie jedoch ein Bad genommen und sich ihr Nachthemd übergezogen hatte, war ihr Blick auf den winzigen, kaum sichtbaren Babybauch im Spiegel gefallen. Und da war sie wie aus heiterem Himmel von einer Mischung aus heller Freude und nacktem Entsetzten übermannt worden.

Sie rief sich in Erinnerung, dass sie nichts für ihre Emotionen konnte. Es lag nur an den Hormonen. Sie waren der Grund dafür, dass sich in letzter Zeit in den unpassendsten Momenten Tränen ankündigten.

Eigentlich hatte sie nie viel geweint, nachdem sie schon früh festgestellt hatte, dass Tränen auf Werner Van Hoyt überhaupt keine Wirkung hatten. Er sah dabei immer nur mit leicht gelangweiltem Blick an seiner Adlernase hinunter und fragte, ob sie bald fertig sei.

Ganz anders Brant Western – ein Mann, den sie kaum kannte. Er hörte sie nur weinen, und schon stand er besorgt vor ihrer Schlafzimmertür. Anstatt sie zu ignorieren und einfach weiterzugehen, wie es die meisten normalen Männer wohl tun würden, klopfte er, um zu fragen, ob es ihr gut ging.

Sicherlich hätte es ihr gutgetan, ihre Sorgen mit jemandem zu teilen, doch die Wahrheit konnte sie ihm natürlich nicht sagen.

Sie kannte den Mann ja so gut wie gar nicht. Wie konnte sie damit herausplatzen, dass sie eine Affäre mit einem Grammy-Gewinner hatte, der in wenigen Tagen vor den Traualtar trat? Dass sie schwanger von besagter Affäre war und vorhatte, das Kind zu behalten und selbst großzuziehen – gegen die entschiedenen Einwände ihres Vaters?

Und wenn sie nur einen Teil davon preisgab, stand zu befürchten, dass sie auch den Rest ausplauderte. Ihre wahre Identität, Marco, all die dämlichen Entscheidungen, die sie schließlich hierhergeführt hatten. Und dann würde Major Brant sie verachten, und das konnte sie ihm nicht einmal verdenken.

Als er so liebevoll ihre Wange berührt hatte, um die Träne wegzuwischen, die sie zu leugnen versuchte, glaubte sie, einen Funken männlichen Interesses in seinen Augen zu entdecken.

Doch das war natürlich unmöglich. Er und seine wunderschöne Easton liebten einander, und Mimi hatte sich selbst hoch und heilig geschworen, sich nie wieder mit dem Mann einer anderen Frau einzulassen.

Diese Erfahrung hatte sie bereits bei Marco gemacht. Und das wollte sie nicht wiederholen, ganz gleich, wie verlockend es auch war. „Mir geht’s gut. Gute Nacht, Major.“

Entschlossen drückte sie die Tür hinter sich zu und lehnte sich dagegen. So gern sie es getan hätte, sie durfte Brant nicht alles beichten. Sie war jetzt auf sich allein gestellt und konnte sich auf niemand anderen verlassen.

Nicht auf ihren Vater, und erst recht nicht auf nichtsnutzige Promis, die ihre Verlobten mit anderen nichtsnutzigen Promis betrogen. Und ganz sicher nicht auf fremde Soldaten, die sie mit ihren ruhigen, blauen Augen beobachteten. Und ihr anboten, sich an ihrer nur allzu verlockenden Schulter auszuweinen.

Autor

Rae Anne Thayne
RaeAnne Thayne hat als Redakteurin bei einer Tageszeitung gearbeitet, bevor sie anfing, sich ganz dem Schreiben ihrer berührenden Geschichten zu widmen. Inspiration findet sie in der Schönheit der Berge im Norden Utahs, wo sie mit ihrem Ehemann und ihren drei Kindern lebt.
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