Deep Desire - Ungezähmtes Feuer

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Zwei sinnliche Romane von Bestsellerautorin Maya Banks: An Geld und schönen Frauen mangelt es den vier befreundeten Millionären nicht! Doch noch sind sie nicht der Richtigen begegnet …

Habe ich dich schonmal geküsst?:
Wie konnte er ein solch feurige Frau vergessen? Nach einem Unfall hat der millionenschwere Unternehmer Rafael de Luca sein Gedächtnis verloren. Als Bryony vor ihm steht, ihn voller Wut anfunkelt und behauptet, er habe ihr die Welt versprochen, sieht er nur eine Möglichkeit, um sich zu erinnern: Sie müssen ihre sinnliche Affäre wiederholen, Berührung für Berührung …

Unvergesslich wie deine Leidenschaft:
Ryan in einem schäbigen Diner?! Schockiert starrt Kelly den sexy Millionär an. Dass Ryan sie für eine skrupellose Femme fatale hält und sie fallen ließ, kann Kelly ihm nicht verzeihen. Gerne würde sie ihn rausschmeißen lassen! Doch zu spät, er hat ihren Babybauch bereits gesehen. Und obwohl er denkt, nicht der Vater zu sein, soll sie ihn begleiten. Warum besteht er darauf, für sie zu sorgen und sie mit in seine Luxuswelt zu nehmen?


  • Erscheinungstag 01.06.2015
  • ISBN / Artikelnummer 9783956494208
  • Seitenanzahl 300
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Maya Banks

Deep Desire –
Ungezähmtes Feuer

Habe ich dich schon einmal geküsst?

Seite 7

image

Unvergesslich wie deine Leidenschaft

Seite 163

MIRA® TASCHENBUCH

MIRA® TASCHENBÜCHER
erscheinen in der HarperCollins Germany GmbH,
Valentinskamp 24, 20354 Hamburg
Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright dieses eBooks © 2015 by MIRA Taschenbuch
in der HarperCollins Germany GmbH

Titel der nordamerikanischen Originalausgaben:
Enticed By His Forgottten Lover
Copyright © 2011 by Maya Banks
erschienen bei: Harlequin Books, Toronto

Wanted By Her Lost Love
Copyright © 2011 by Maya Banks
erschienen bei: Harlequin Books, Toronto

Published by arrangement with
Harlequin Enterprises II B.V./S.àr.l

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner gmbh, Köln
Covergestaltung: pecher und soiron, Köln
Redaktion: Mareike Müller
Titelabbildung: Thinkstock/Getty Images, München
Autorenfoto: © Ben Riley Johnson, Jr /Harlequin Enterprises S.A., Schweiz
ISBN eBook 978-3-95649-420-8

www.mira-taschenbuch.de
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eBook-Herstellung und Auslieferung:
readbox publishing, Dortmund
www.readbox.net

Maya Banks

Habe ich dich
schon einmal geküsst?

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Gabriele Ramm

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1. KAPITEL

Rafael de Luca hatte sich schon in schlimmeren Situationen befunden. Er konnte damit umgehen und würde sich von diesen Leuten hier nicht ins Schwitzen bringen lassen. Sie würden nie erfahren, dass er keinerlei Erinnerungen an irgendeinen von ihnen besaß.

Er sah sich im überfüllten Saal um und nippte an dem geschmacklosen Wein, um die Tatsache zu überspielen, dass er sich unsicher fühlte. Nur aufgrund seiner starken Willenskraft hatte er so lange durchgehalten. In seinem Kopf hämmerte der Schmerz so gnadenlos, dass es schwierig war, den Wein hinunterzuschlucken, ohne dass sein Magen ihn gleich wieder hinaufbeförderte.

„Rafe, du kannst jetzt verschwinden“, murmelte Devon Carter neben ihm. „Du hast lange genug durchgehalten. Niemand vermutet irgendetwas.“

Rafael drehte sich zu seinen drei Freunden um. Devon, Ryan Beardsley und Cameron Hollingsworth gaben ihm sozusagen Rückendeckung. Und das schon, seit sie zusammen das College besucht hatten und entschlossen gewesen waren, Karriere zu machen.

Sie waren zu ihm geeilt, als er im Krankenhaus gelegen und sich an nichts hatte erinnern können. Sie hatten ihn nicht verhätschelt, sondern ihn behandelt wie immer, und dafür war er ihnen äußerst dankbar.

„Ich hab mir sagen lassen, dass ich nie eine Party vorzeitig verlasse“, sagte Rafael und führte noch einmal das Glas zum Mund. Als ihm jedoch das Aroma des Weins in die Nase stieg, senkte er es wieder.

Cameron, von seinen Freunden nur Cam genannt, lächelte verächtlich. „Wen interessiert, was du normalerweise tust? Es ist deine Party. Sag ihnen, sie sollen sich zum …“

Ryan hob die Hand. „Es sind wichtige Geschäftspartner, Cam. Wir wollen ihr Geld, vergiss das nicht.“

Devon beugte sich hastig vor und flüsterte: „Der Mann, der jetzt auf uns zukommt, ist Quenton Ramsey der Dritte. Seine Frau heißt Marcy. Er ist einer derjenigen, die in den Moon Island Deal investieren.“

Rafael nickte, machte einen Schritt aus dem Schutz seiner Freunde und lächelte das sich nähernde Paar an. Es stand eine Menge auf dem Spiel, und von daher war es wichtig, dass die Investoren nicht nervös wurden. Rafael und seine Geschäftspartner hatten einen fantastischen Ort für ihren Hotelkomplex gefunden – eine winzige Insel vor der Küste von Texas, direkt gegenüber der Bucht von Galveston. Das Land gehörte ihm. Jetzt mussten sie dort nur noch das Hotel errichten und ihre Investoren bei Laune halten.

„Quenton, Marcy, wie schön, Sie beide wiederzusehen. Sie sehen bezaubernd aus, Marcy. Quenton kann sich wirklich glücklich schätzen.“

Die ältere Frau errötete erfreut, während Rafael ihre Hand nahm und sie an seine Lippen führte.

Er nickte höflich und heuchelte Interesse, doch sein Nacken kribbelte erneut, und er musste den Drang unterdrücken, ihn zu massieren. Er hielt den Kopf gesenkt, als würde er jedem Wort der beiden lauschen, doch gleichzeitig ließ er den Blick hastig durch den Saal schweifen auf der Suche nach der Ursache für sein Unbehagen.

Anfangs strich sein Blick über sie hinweg, doch abrupt richtete er seine Aufmerksamkeit zurück auf die Frau, die am anderen Ende des Saals stand und ihn grimmig ansah. Wenn Blicke töten könnten, dachte er und musterte sie abschätzend. Sie ließ sich davon nicht beeindrucken, sondern starrte ihn weiter an.

Rafael konnte nicht einmal sagen, warum sie ihn so in den Bann zog. Normalerweise stand er auf große, langbeinige Blondinen. Und wenn sie dazu noch blaue Augen und weiche helle Haut besaßen, war er meist verloren.

Diese Frau war klein, trotz ihrer hohen Absätze, und ihr Teint eher südländisch. Dichte schwarze Locken fielen ihr bis auf die Schultern, auch ihre Augen waren dunkel.

Sie musterte ihn, als hätte sie bereits ein Urteil über ihn gefällt und ihn für schuldig befunden. Er dagegen hatte sie noch nie gesehen. Oder vielleicht doch?

Erneut verfluchte Rafael die Lücke in seinem Gedächtnis. Er erinnerte sich an nichts, was in den Wochen vor seinem Unfall vor vier Monaten geschehen war. Und auch die Erinnerungen an die Zeit davor waren nicht vollständig. Es war alles so … willkürlich. Selektive Amnesie. So ein Quatsch. Abgesehen von hysterischen Frauen in schlechten Seifenopern bekam kein Mensch Amnesie – hatte er bisher zumindest geglaubt. Sein Arzt vermutete, dass es einen psychologischen Grund für die fehlenden Teilchen seines Gedächtnisses geben könnte. Rafael hatte das weit von sich gewiesen. Er war nicht verrückt. Wer zum Teufel wollte schon sein Gedächtnis verlieren?

Er erinnerte sich sehr gut an Devon, Cam und Ryan und an alles, was sie während der letzten zehn Jahre erlebt hatten. An die Jahre im College. Ihre Erfolge im Geschäftsleben. Er erkannte auch die meisten Menschen, die für ihn arbeiteten. Allerdings nicht alle, und das bereitete ihm im Büro ziemlich viel Stress. Vor allem, da er dabei war, den Vertrag für den Bau des Resorts unter Dach und Fach zu bringen, der ihm und seinen Partnern Millionen einbringen würde.

Jetzt erkannte er die Hälfte seiner Investoren nicht, und dabei konnte er es sich in diesem Stadium wirklich nicht leisten, einen von ihnen zu verlieren.

Die Frau starrte ihn immer noch an, aber sie machte keine Anstalten, sich ihm zu nähern. Je länger sie sich ansahen, desto kälter wurde ihr Blick.

„Entschuldigen Sie mich bitte“, murmelte er den Ramseys zu. Mit einem freundlichen Lächeln löste er sich aus der Gruppe, die sich um ihn herum gebildet hatte, und bahnte sich einen Weg zu der mysteriösen Frau.

Sein Sicherheitsteam folgte ihm in kurzem Abstand, doch Rafael ignorierte die Männer. Sie klebten an seinen Fersen, nicht, weil man um seine Sicherheit fürchtete, sondern weil seine Partner Angst hatten, dass sein Gedächtnisverlust bekannt werden könnte. Die Sicherheitsleute waren ein ungewohntes Ärgernis, doch sie hielten andere auf Abstand, was ihm im Augenblick nur recht war.

Die Frau blickte ihm mit stolz erhobenem Kopf entgegen, und der Trotz, der sich in ihrer Miene spiegelte, faszinierte ihn.

Einen Moment lang stand er schweigend vor ihr und betrachtete die zarten Linien ihres Gesichts, während er überlegte, ob dies wirklich ihre erste Begegnung war. Doch an solch eine Frau würde er sich erinnern, oder?

„Entschuldigen Sie, kennen wir uns?“, fragte er betont einschmeichelnd.

Vermutlich würde sie kichern und eine Begegnung leugnen. Oder sie würde frech lügen und ihn davon überzeugen wollen, dass sie eine wunderbare Nacht zusammen verbracht hatten. Was definitiv nicht sein konnte, da sie absolut nicht sein Typ war.

Sein Blick wanderte über ihren üppigen Busen, der von der Empiretaille ihres schwarzen Cocktailkleides noch betont wurde.

Sie verhielt sich jedoch nicht so, wie er es erwartet hatte. Als er ihr wieder ins Gesicht schaute, funkelte sie ihn wütend an.

„Ob wir uns kennen?“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, doch Rafael kam jedes Wort wie ein Peitschenhieb vor. „Du elender Mistkerl!“

Er hatte den Schock über ihre Schimpftirade noch nicht verdaut, da verpasste die Frau ihm einen rechten Haken. Rafael taumelte rückwärts und hielt sich die Nase.

„Verdammt …“

Ehe er sie fragen konnte, ob sie wohl den Verstand verloren hatte, trat einer der Sicherheitsleute zwischen ihn und die Frau, und in dem Durcheinander traf er sie versehentlich so, dass sie ins Straucheln geriet. Sie stolperte und fiel auf ein Knie, wobei sie instinktiv die Hände auf den Bauch legte.

Erst jetzt bemerkte Rafael, was der weite Rock verborgen hatte: die sanfte Wölbung eines Babybauchs.

Sein Leibwächter wollte die Frau gerade unsanft wieder auf die Füße ziehen, als Rafael dazwischen ging.

„Nein!“, rief er. „Sie ist schwanger. Tun Sie ihr nicht weh!“

Der Bodyguard trat zurück und sah Rafael überrascht an. Die Frau kam hastig auf die Füße und rannte dann den Flur entlang, wobei ihre spitzen Absätze auf dem Marmorboden klapperten.

Rafael starrte ihr hinterher, zu überrascht, um irgendetwas tun oder sagen zu können. Bevor sie sich abgewandt hatte, hatte er der Frau noch einmal in die Augen geschaut. Sie hatte nicht mehr wütend ausgesehen, sondern verletzt und den Tränen nahe. Irgendwie hatte er dieser Frau wehgetan, und er wollte verdammt sein, wenn er wusste, wodurch.

Der stechende Schmerz in seinem Kopf war vergessen, als er den Flur entlang hinter ihr hereilte. Er stürmte aus der Hotellobby, und als er die Stufen erreichte, die hinunter auf die geschäftige Straße führten, entdeckte er zwei Schuhe im Mondlicht glitzern.

Er bückte sich und hob die mit Strasssteinen verzierten Riemchensandalen auf. Eine schwangere Frau sollte nicht solche hohen Absätze tragen, dachte er stirnrunzelnd. Wenn sie nun gestolpert und gefallen wäre? Warum war sie überhaupt davongelaufen? Ganz offensichtlich hatte sie ihn zur Rede stellen wollen, nur um dann bei erster Gelegenheit zu fliehen.

„Verdammt, was geht hier vor, Rafe?“, wollte Cam wissen.

Nicht nur Cam, sondern sein gesamtes Sicherheitsteam sowie Ryan und Devon waren ihm hinaus in die kühle Herbstnacht gefolgt. Jetzt scharten sie sich um ihn und musterten ihn besorgt.

Frustriert stieß er den Atem aus und drückte Ramon, dem Chef seiner Sicherheitsabteilung, die Sandalen in die Hand.

„Sehen Sie zu, dass Sie die Frau finden, die diese Schuhe getragen hat.“

„Was soll ich mit ihr machen, wenn ich sie gefunden habe?“, fragte Ramon mit ruhiger Stimme und ließ bei Rafael keinen Zweifel aufkommen, dass er auch diese Aufgabe wie immer schnell, diskret und zuverlässig erledigen würde.

„Gar nichts. Erstatten Sie mir einfach Bericht. Ich kümmere mich um alles Weitere.“

Mit diesen Worten erntete er nur weiteres Stirnrunzeln.

„Das gefällt mir nicht, Rafe“, meinte Ryan. „Das sieht alles zu sehr nach einem abgekarteten Spiel aus. Es ist durchaus möglich, dass dein Gedächtnisverlust schon bis zur Presse durchgesickert ist, ohne dass sie es bis jetzt an die große Glocke gehängt haben. Eine Frau könnte dich auf tausend Arten manipulieren und die Sache gegen dich verwenden.“

„Ja, das könnte sie“, erwiderte Rafael ruhig. „Allerdings hat die Frau irgendetwas an sich, was mich beunruhigt.“

Cam hob eine Augenbraue. „Kennst du sie?“

Rafael schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht. Noch nicht. Aber ich finde es heraus.“

Bryony Morgan trat aus der Dusche, schlang sich ein Handtuch um den Kopf und zog dann ihren Bademantel an. Nicht einmal eine warme Dusche hatte ihren rasenden Puls beruhigen können. So sehr sie es auch versuchte, aber sie kam nicht über die unbändige Wut hinweg.

Kennen wir uns?

Rafaels Frage erklang wie eine Endlosschleife immer wieder in ihrem Kopf, bis sie nur noch den Wunsch verspürte, auf irgendetwas einzuschlagen. Vorzugsweise auf ihn.

Wie hatte sie nur so dumm sein können? Eigentlich neigte sie nicht dazu, den Kopf wegen eines gut aussehenden Mannes zu verlieren. Meist war sie immun, sogar wenn jemand mit Charme und Humor punkten konnte.

Aber von dem Moment an, als Rafael de Luca auf ihre Insel gekommen war, hatte sie nur noch Augen für ihn gehabt. Sie hatte gar nicht erst versucht, dagegen anzukämpfen oder ihm zu widerstehen, denn er verkörperte alles, was sie sich immer gewünscht hatte. Er war die Vollkommenheit in Person in den seriösen Anzügen, die er trug. Oh, aber es war ihr schnell gelungen, ihn daraus zu befreien. Als er schließlich abgereist war, hatte ihn nicht einmal mehr sein Pilot erkannt.

Aus dem ernsten, nervösen Geschäftsmann war ein entspannter und gut erholter Urlauber geworden.

Der verliebt gewesen war.

Bryony schloss die Augen, als der Schmerz sie unvermittelt wieder traf.

Offenbar war er doch nicht verliebt gewesen. Er kam. Er sah. Er siegte. Sie war einfach nur so unglaublich naiv und selbst zu verliebt gewesen, um seine wahren Motive zu begreifen.

Doch das hieß ja noch lange nicht, dass er mit seinen Lügen und seinem Betrug durchkommen würde. Es war ihr egal, was sie tun musste, aber er würde das Land, das sie ihm verkauft hatte, nicht mit einem riesigen Schickimickihotel bebauen und die gesamte Insel in einen Spielplatz für den gelangweilten reichen Jetset verwandeln.

Sie hatte all ihren Mut zusammennehmen müssen, um heute Abend in seine Party zu platzen, aber nachdem sie von dem Anlass erfahren hatte – eine Zusammenkunft der potenziellen Investoren für das Projekt, mit dem er plante, ihre Insel zu ruinieren –, war sie entschlossen gewesen, ihn zur Rede zu stellen. Direkt dort, inmitten der Investoren. Sollte er es doch wagen, sie anzulügen, wenn alle im Saal von seinen Plänen wussten.

Womit sie nicht gerechnet hatte, war, dass er es leugnen würde, sie jemals getroffen zu haben. Aber besser hätte er sie ja gar nicht zum Bauerntölpel abstempeln können. Oder als weltverbessernde Ökofanatikerin, die sich gegen den Fortschritt stemmte.

Es haute sie fast um, wie sehr sie sich in ihm getäuscht hatte. Seufzend schüttelte sie den Kopf. Sie musste sich endlich wieder beruhigen, sonst würde ihr Blutdruck noch weiter in die Höhe schießen.

Wo blieb denn der Zimmerservice? Sie war halb verhungert. Entschuldigend rieb sie sich den Bauch und versuchte ganz bewusst, all die aufgestaute Wut und den Stress loszulassen. Es konnte nicht gut für das Baby sein, wenn die Mutter ständig so auf der Zinne war.

Sie biss die Zähne zusammen, bevor sie merkte, dass sie sich schon wieder verspannte. Noch einmal zwang sie sich loszulassen, ehe sie sich der mühevollen Aufgabe widmete, die Haare durchzubürsten und trocken zu föhnen.

Gerade als sie fertig war, klopfte es an der Tür.

„Endlich etwas zu essen“, murmelte sie und stellte den Föhn ab.

Sie eilte zur Tür und riss sie auf. Aber im Flur standen weder ein Wagen mit Essen noch ein Hotelangestellter, sondern Rafael. In den Händen hielt er ihre Schuhe.

Hastig machte Bryony einen Schritt zurück und versuchte, die Tür wieder zuzuschlagen, doch Rafael schob blitzschnell einen Fuß dazwischen.

Unbeugsam wie immer bahnte er sich einen Weg ins Zimmer und baute sich vor ihr auf. Bryony hasste es, wie klein und verletzlich sie sich in seiner Gegenwart fühlte. Oh, sie hatte es nicht immer gehasst. Im Gegenteil, sie hatte es genossen, wie geborgen und geliebt sie sich gefühlt hatte, wenn sie ihren viel kleineren Körper an seinen geschmiegt hatte.

„Verschwinde oder ich rufe den Hotelsicherheitsdienst“, zischte sie ihn an.

„Tu das“, erwiderte er gelassen. „Doch da mir dieses Hotel gehört, könnte es schwierig werden, mich hinauswerfen zu lassen.“

Bryony kniff die Augen zusammen. Mist, wieso musste sie sich ausgerechnet eins von seinen Hotels aussuchen?

„Dann rufe ich eben die Polizei. Es ist mir egal, wer du bist. Du kannst nicht einfach in mein Hotelzimmer eindringen.“

„Ich bin hergekommen, um dir deine Schuhe zurückzubringen. Bin ich deshalb ein Verbrecher?“

„Ach, komm schon, Rafael! Hör auf, diese dummen Spielchen zu spielen. Das ist unter deiner Würde. Oder sollte es zumindest sein. Ich verstehe schon. Glaub mir – ich verstehe! Ich hab’s schon verstanden, als du auf der Party direkt durch mich hindurchgesehen hast. Obwohl ich sagen muss, dein ,Kennen wir uns?‘ war einfach unbezahlbar. Man könnte auch sagen, damit hast du den Vogel abgeschossen.“

Es kostete sie große Kraft, nicht noch einmal zuzuschlagen, und offenbar merkte Rafael das, denn er wich zurück.

Sie ging auf ihn zu, nicht willens, ihm die Kontrolle über die Situation zu überlassen. „Weißt du was? Ich habe dich nie für einen Feigling gehalten. Du hast mich ausgetrickst. Das ist mir schon klar. Ich war ein großer Dummkopf. Aber dass du dich vor der unausweichlichen Konfrontation drücken würdest, wie du es getan hast, macht mich ganz krank.“

Sie bohrte einen Finger in seine Brust und ignorierte den erstaunten Ausdruck auf seinem Gesicht. „Außerdem kommst du mit deinen Plänen für mein Land nicht davon. Und wenn es mich den letzten Cent kostet, aber ich werde dich bekämpfen. Wir hatten eine mündliche Vereinbarung, und an die wirst du dich halten.“

Er blinzelte und sah aus, als wollte er etwas sagen.

Bryony verschränkte die Arme vor der Brust. „Was ist? Hast du etwa gedacht, du würdest mich nie wiedersehen? Dass ich mich irgendwo verstecken und schmollen würde, weil ich herausgefunden habe, dass du mich gar nicht liebst und nur mit mir geschlafen hast, damit ich dir das Land verkaufe? Dann irrst du dich aber gewaltig.“

Rafael reagierte, als hätte sie ihn erneut geschlagen. Sein Gesicht wurde ganz blass, und der Blick, den er ihr zuwarf, war eisig. Wenn sie nicht so wütend wäre, bekäme sie es jetzt wahrscheinlich mit der Angst zu tun. Aber Mamaw sagte immer, die Vernunft ist das Erste, was schwindet, wenn man wütend ist. Leider hatte sie recht.

„Willst du damit andeuten, dass wir miteinander geschlafen haben?“, fragte er mit gefährlich leiser Stimme, die ihr – wieder – Angst einflößen sollte. Aber inzwischen war sie über die Angst hinaus. „Ich kenne nicht einmal deinen Namen.“

Warum tat es so weh? Ihr war doch schon seit Langem bewusst, warum Rafael sie auserkoren hatte. Warum er sie verführt und ihr all die Lügen aufgetischt hatte. Sie konnte ihm nicht allein die Schuld zuschieben. Sie war viel zu leicht zu erobern gewesen.

Trotzdem, dass er jetzt vor ihr stand und vehement leugnete, auch nur ihren Namen zu kennen, versetzte ihr einen Stich ins Herz, der wohl niemals verheilen würde.

„Du solltest gehen“, brachte sie mühsam heraus. Wenn er jetzt nicht ging, würde sie die Beherrschung verlieren.

Er zog die Brauen zusammen und neigte den Kopf, um Bryony ausgiebig zu mustern. Sehr zu ihrem Entsetzen streckte er dann die Hand aus und wischte mit dem Daumen eine Träne aus ihrem Augenwinkel.

„Du bist durcheinander.“

Heilige Muttergottes, dieser Mann war wirklich ein Idiot. Sie konnte nur hoffen, dass ihr Kind ihren Verstand und nicht seinen erbte. Fast hätte sie laut aufgelacht, doch heraus kam nur ein unterdrücktes Schluchzen. Es war ja wohl sinnlos, darauf zu hoffen, dass ihr armes Baby auch nur einen Funken Verstand geerbt hatte, wenn es so offensichtlich war, dass beide Eltern schwachsinnig waren.

„Verschwinde!“

Stattdessen umschloss er ihr Kinn und hob es ein wenig an, sodass er ihr in die Augen schauen konnte. Mit einer überraschend zärtlichen Geste wischte er ihr die Tränen von der Wange.

„Wir können nicht miteinander geschlafen haben. Abgesehen von der Tatsache, dass du nicht mein Typ bist, kann ich mir nicht vorstellen, dass ich solch ein Ereignis vergessen haben könnte.“

Ihr klappte der Mund auf, und die Tränen versiegten abrupt. Sie befreite sich aus seinem Griff und gab es auf, den Mann aus ihrem Zimmer zu bekommen. Sollte er doch bleiben. Sie würde gehen.

Sie zog den Aufschlag ihres Bademantels weiter zusammen und stapfte um Rafael herum. Sie kam bis in den Flur, als sich seine Hand um ihr Handgelenk schloss.

Genug war genug. Sie öffnete die Lippen, um laut aufzuschreien, doch er riss sie an seinen harten Körper und legte ihr eine Hand auf den Mund.

„Verdammt, ich tue dir nicht weh“, zischte er.

Er drängte sie zurück ins Hotelzimmer, schlug die Tür zu und verschloss sie. Dann drehte er sich um und funkelte Bryony wütend an.

„Du hast mir schon wehgetan“, brachte sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Seine Miene wurde wieder weicher, und Verwirrung zeichnete sich darauf ab.

„Offensichtlich hast du das Gefühl, dass ich dir in irgendeiner Weise unrecht getan habe. Ich würde mich ja entschuldigen, aber dafür müsste ich mich an dich erinnern und an das, was ich dir angeblich getan habe, um Wiedergutmachung leisten zu können.“

„Wiedergutmachung?“ Fassungslos sah sie ihn an, verwirrt angesichts des Unterschieds zwischen dem Rafael de Luca, in den sie sich verliebt hatte, und dem Mann, der jetzt vor ihr stand. Sie riss den Bademantel auseinander, sodass ihr runder Bauch unter dem dünnen Satinnachthemd zu erkennen war. „Du bringst mich dazu, mich in dich zu verlieben. Du verführst mich. Du erzählst mir, dass du mich liebst und dir eine gemeinsame Zukunft mit mir wünschst. Du bringst mich dazu, meine Unterschrift unter Papiere zu setzen, mit denen ich dir das Land verkaufe, das seit einem Jahrhundert im Familienbesitz ist. Du tischst mir Lügen über unsere Beziehung auf und über deine Pläne bezüglich des Baulandes. Aber das reicht dir noch nicht. Nein, du musst mich zu allem Überfluss auch noch schwängern!“

Er wurde kreidebleich und zusehends wütender. Er machte einen Schritt auf Bryony zu, und zum ersten Mal bekam sie es jetzt doch mit der Angst zu tun. Sie wich zurück und stützte sich am Fernsehtisch ab.

„Willst du damit sagen, dass wir miteinander geschlafen haben und dass ich der Vater deines Kindes bin?“

Sie starrte ihn an. „Willst du etwa behaupten, dass wir es nicht getan haben? Dass ich mir die Wochen, die wir zusammen verbracht haben, nur eingebildet habe? Willst du etwa leugnen, dass du mich verlassen hast, ohne dich je wieder zu melden?“ Ihre Stimme triefte vor Sarkasmus, aber leider war auch ihr Schmerz nicht zu überhören, und das ärgerte sie. Es war hart genug, dass er sie verraten hatte. Jetzt wollte sie nicht noch weiter gedemütigt werden.

Rafael zuckte zusammen und schloss die Augen. Langsam machte er einen Schritt von ihr fort, und einen Moment lang hoffte sie, dass er endlich das tat, worum sie ihn schon die ganze Zeit gebeten hatte, nämlich gehen.

„Ich erinnere mich nicht an dich“, sagte er rau. „Ich habe keine Erinnerungen an all das. An dich. An uns. An das.“ Er deutete auf ihren Bauch.

Etwas an seiner Stimme ließ Bryony innehalten. Beschützend legte sie die Arme über ihren Bauch und schluckte.

„Du erinnerst dich nicht.“

Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar und fluchte leise. „Ich hatte einen … Unfall. Vor einigen Monaten. Ich erinnere mich nicht an dich. Wenn das, was du sagst, die Wahrheit ist, dann haben wir uns während der Zeit getroffen, die in meinem Kopf ein schwarzes Loch ist.“

2. KAPITEL

Rafael sah, wie sämtliche Farbe aus ihrem Gesicht wich und sie ins Schwanken geriet. Fluchend streckte er die Hände nach ihr aus, und dieses Mal wehrte sie sich nicht dagegen. Widerstandslos ließ sie sich von ihm zum Bett führen.

„Setz dich, bevor du mir umkippst“, forderte er sie auf. Mit gequältem Gesichtsausdruck schaute sie zu ihm auf. „Du erwartest von mir, dass ich dir glaube, dass du unter Amnesie leidest? Mit etwas Besserem kannst du nicht aufwarten?“

Er zuckte zusammen, denn auch er fand den Gedanken an Amnesie absurd. Wenn all das, was sie gesagt hatte, der Wahrheit entsprach und ihre Rollen vertauscht wären, hätte er sie aus dem Zimmer gejagt.

„Ich frage das jetzt nicht, um dich noch wütender zu machen, aber kannst du mir sagen, wie du heißt? Ich fühle mich in der Hinsicht etwas benachteiligt.“

Sie seufzte und strich sich mit der Hand abwesend durch das dichte dunkle Haar. „Du meinst es wirklich ernst.“

Als er nur ungeduldig schnaubte, fuhr sie leise fort: „Ich heiße Bryony Morgan.“

Sie senkte den Kopf, und die schwarzen Locken fielen nach vorn und verhüllten ihr Profil. Rafael konnte nicht widerstehen und strich mit dem Finger über ihre Wange, um ihr das Haar hinters Ohr zu streichen.

„Okay, Bryony, wie es scheint, haben wir beide eine Menge zu bereden. Ich habe, wie du dir vielleicht vorstellen kannst, viele Fragen.“

Sie hob den Kopf. „Amnesie. Beharrst du wirklich weiterhin darauf, mir diesen Unsinn auftischen zu wollen?“

Rafael versuchte, daran zu denken, wie skeptisch er an ihrer Stelle wäre, doch die Tatsache, dass sie ihm überhaupt nicht glaubte, ärgerte ihn. Er war es nicht gewohnt, dass jemand sein Wort infrage stellte.

„Glaubst du, mir hat es gefallen, auf einer öffentlichen Veranstaltung von einer Frau geschlagen zu werden und zu erfahren, dass sie angeblich mit meinem Kind schwanger ist, obwohl es meines Wissens das erste Mal ist, dass wir uns treffen? Versetz dich doch mal in meine Lage. Wenn ein Mann, den du noch nie gesehen hast oder an den du dich nicht erinnern kannst, auf dich zukäme und dir die Dinge erzählen würde, die du mir erzählt hast, meinst du nicht, dass du auch ein bisschen misstrauisch wärst? Vermutlich hättest du schon längst die Polizei gerufen!“

„Das ist verrückt“, murmelte sie.

„Pass auf, ich kann das mit meinem Unfall beweisen. Ich kann dir die medizinischen Berichte zeigen. Ich erinnere mich nicht an dich, Bryony. Es tut mir leid, wenn das schmerzhaft ist, aber es ist eine Tatsache. Ich habe nur dein Wort, dass wir uns mal etwas bedeutet haben.“

Sie verzog den Mund. „Ja, wir dürfen ja nicht vergessen, dass ich nicht dein Typ bin.“

Autsch. Natürlich hatte sie sich diese Bemerkung gemerkt.

„Ich möchte, dass du mir alles erzählst, von Anfang an. Sag mir, wann und wo wir uns kennengelernt haben. Vielleicht löst irgendetwas von dem, was du sagst, mein Erinnerungsvermögen wieder aus.“

Es klopfte an der Tür. „Erwartest du um diese Uhrzeit noch Besuch?“, fragte er grimmig.

Bryony stand auf. „Das ist der Zimmerservice. Ich bin halb verhungert, weil ich den ganzen Tag lang nichts gegessen habe.“

„Das kann nicht gut für das Baby sein.“

Ihr Blick verriet, dass sie auf diese Bemerkung hätte verzichten können. Sie ließ den Kellner herein, unterschrieb die Rechnung und bedankte sich mit einem halbherzigen Lächeln bei dem Mann, als er das Zimmer wieder verließ.

Anschließend schob sie den Wagen mit dem Essen zum Bett. „Tut mir leid, mit Gesellschaft hatte ich nicht gerechnet. Ich habe nur Essen für eine Person bestellt.“

Er hob eine Augenbraue, als sie anfing, die Deckel von den Gerichten zu heben. Es war genügend Essen da, um eine kleine Armee zu versorgen.

„Setz dich, entspann dich und iss. Unterdessen können wir reden.“

Während sie es sich gemütlich machte und nach einem Teller griff, musterte Rafael das Gesicht der Frau, die er vergessen hatte.

Sie war hübsch, das konnte er nicht leugnen. Nicht die Art von Frau, von der er sich normalerweise angezogen fühlte. Für seinen Geschmack war sie viel zu unverblümt. Er mochte es lieber, wenn Frauen nett waren und – jedenfalls behaupteten das seine engsten Freunde – unterwürfig.

Verdammt, das klang so, als wäre er ein Mistkerl. Aber er konnte nicht abstreiten, dass er seine Frauen lieber ein bisschen fügsam mochte. Er fand es faszinierend, dass er sich angeblich Hals über Kopf in Bryony Morgan verliebt haben sollte, die das genaue Gegenteil von all den Frauen war, mit denen er sich in den letzten Jahren eingelassen hatte.

Okay, dass er sich zu ihr hingezogen fühlte, war möglich. Und er konnte sich auch vorstellen, mit ihr ins Bett zu gehen. Aber sich verlieben? Innerhalb von wenigen Wochen?

Lächerlich.

Doch sie war eine Frau, und Frauen neigten dazu, emotional zu reagieren. Vermutlich hatte sie wirklich geglaubt, er wäre in sie verliebt. Ihr Schmerz und ihre Empörung wirkten jedenfalls nicht gespielt.

Und dann war da noch die nicht unerhebliche Tatsache, dass sie mit seinem Kind schwanger war. Es wäre verrückt, nicht auf einem Vaterschaftstest zu bestehen. Es war ja auch denkbar, dass sie sich das alles nur ausgedacht hatte, nachdem sie von seinem Gedächtnisverlust erfahren hatte.

Am liebsten hätte er sofort seinen Anwalt angerufen, um zu erfahren, wessen Unterschrift auf dem Vertrag stand, den er vor seinem Unfall abgeschlossen hatte. Er hatte die Papiere seitdem nicht mehr gesehen, denn sobald er einen Deal abgeschlossen hatte, bestand für ihn kein Grund mehr, sich um die Einzelheiten zu kümmern … dafür hatte er seine Leute.

Verdammt, das war alles ein unglaubliches Durcheinander. Aber morgen früh würde er als Erstes Erkundigungen einziehen.

„Was denkst du?“, fragte Bryony direkt. „Das ist alles ein ziemlicher Sch…“

„Wem sagst du das“, murmelte sie. „Allerdings weiß ich nicht, warum es aus deiner Sicht so schlecht sein soll. Du bist reich wie Krösus. Du bist nicht schwanger, und du hast nicht dein Land verkauft, das seit Generationen in der Familie war, und zwar an einen Mann, der es zerstören will, um eine Touristenfalle darauf zu bauen.“

Der Schmerz in ihrer Stimme verursachte ein merkwürdiges Gefühl in Rafaels Innerem. Es kam ihm fast so vor, als nagten Schuldgefühle an ihm, aber weshalb sollte er sich schuldig fühlen? Das war doch alles nicht seine Schuld.

„Wie haben wir uns kennengelernt?“, fragte er. „Ich muss alles wissen.“

Sie spielte mit der Gabel und verzog das Gesicht.

„Als ich dich zum ersten Mal sah, hattest du einen spießigen Anzug an, Schuhe, die mehr kosten als mein Haus, und zu allem Überfluss hattest du noch eine Sonnenbrille auf. Es hat mich geärgert, dass ich deine Augen nicht sehen konnte, also habe ich mich geweigert, mit dir zu reden, bis du sie abgenommen hattest.“

„Und wo war das?“

„Moon Island. Du hast mich nach einem Stück Land direkt am Strand gefragt und wolltest wissen, wem es gehört. Es war meins, und mir war sofort klar, dass du so ein typischer Städter bist, mit großen Plänen, die Insel zu einem Ferienparadies zu machen, um alle Einheimischen vor einem Leben in Armut zu bewahren.“

Rafael runzelte die Stirn. „Stand es denn nicht zum Verkauf? Ich meine mich zu erinnern, dass es verkauft werden sollte. Sonst wäre ich ja gar nicht auf die Insel gekommen.“

Sie nickte. „Stimmt. Ich … ich musste es verkaufen. Meine Großmutter und ich konnten uns die Grundsteuer nicht mehr leisten. Aber wir waren uns einig, dass wir es niemals an einen Bauunternehmer geben würden. Es war schon schlimm genug, dass wir uns überhaupt davon trennen mussten.“

Sie brach ab, weil es ihr ganz offensichtlich unangenehm war, das preiszugeben.

„Wie auch immer, ich hielt dich für einen typischen steifen Geschäftsmann, also hab ich dich auf eine sinnlose Suche über die ganze Insel geschickt.“

Er warf ihr einen wütenden Blick zu und sah zum ersten Mal die Andeutung eines Lächelns auf ihren Lippen.

„Du warst schrecklich wütend auf mich. Du hast an meine Tür gehämmert und wolltest wissen, was zum Teufel ich mir dabei gedacht hätte. Du meintest, ich würde mich ja nicht gerade wie jemand verhalten, der dringend ein Stück Land verkaufen müsste.“

„Das klingt nach mir“, gab er zu.

„Ich habe dir erklärt, dass ich nicht daran interessiert wäre, an dich zu verkaufen. Als du wissen wolltest, warum nicht, habe ich dir erklärt, dass ich meiner Großmutter versprochen hätte, nur an jemanden zu verkaufen, der uns garantiert, dass dieser Strandabschnitt nicht kommerziell genutzt wird. Daraufhin hast du darauf bestanden, sie kennenzulernen.“

Ein unangenehmes Prickeln rann ihm über den Rücken. Das klang so gar nicht nach ihm. Er war niemand, der persönlich wurde. Jeder hatte seinen Preis. Er hätte einfach sein Angebot erhöht.

„Der Rest ist ziemlich peinlich“, fuhr Bryony fort. „Ich habe dich mit zu Mamaw genommen, und ihr zwei seid erstaunlich gut miteinander ausgekommen. Sie hat dich eingeladen, zum Abendessen zu bleiben. Anschließend haben wir einen Strandspaziergang gemacht. Du hast mich geküsst. Ich habe den Kuss erwidert. Du hast mich zu meinem Cottage gebracht und mir gesagt, dass du mich am nächsten Tag wiedertreffen würdest.“

„Und habe ich das?“

„Oh ja“, flüsterte sie. „Aber es hat drei Tage gedauert, bis ich dich endlich aus dem blöden Anzug heraus hatte.“

Er hob eine Augenbraue.

Sie wurde rot und schlug eine Hand auf den Mund. „Oh, so habe ich das nicht gemeint. Du hast diesen Anzug überall am Strand getragen. Du bist aufgefallen wie ein gestrandeter Wal. Also bin ich mit dir Strandklamotten einkaufen gegangen.“

Das hörte sich immer mehr nach einem Albtraum an. „Strandklamotten?“

Sie nickte. „Shorts, T-Shirts, Flip-Flops.“

Vielleicht hatte der Arzt doch recht gehabt. Er hatte sein Gedächtnis verloren, weil er alles vergessen wollte. Flip-Flops? Unwillkürlich blickte er auf seine sehr teuren Lederschuhe und stellte sich vor, Flip-Flops zu tragen.

„Und das habe ich angezogen?“

„Ja. Wir haben dir natürlich auch Badehosen gekauft. Ich weiß wirklich nicht, wie jemand auf eine Insel fahren kann, ohne sich Schwimmsachen einzupacken.“

Das, was Bryony behauptete, wich so von seinem normalen Ich ab, dass es Rafael vorkam, als würde er die Geschichte eines anderen hören. Was hatte ihn nur dazu getrieben, sich so untypisch zu verhalten?

„Wie lang hielt denn diese Beziehung, die wir angeblich hatten?“

„Vier Wochen“, erwiderte sie leise. „Vier wunderbare Wochen lang. Wir waren jeden Tag zusammen. Nach Ende der ers ten Woche hast du dein Hotelzimmer aufgegeben und bist zu mir gezogen. Wir haben uns bei offenem Fenster geliebt, damit wir das Meer rauschen hören konnten.“

„Ich verstehe.“

Sie kniff die Augen zusammen. „Du glaubst mir nicht.“

„Bryony“, antwortete er vorsichtig, „das ist sehr schwierig für mich. Mir fehlt ein Monat meines Lebens, und das, was du mir erzählst, klingt so fantastisch, so absolut untypisch für mich, dass ich Schwierigkeiten habe, es zu begreifen.“

Sie presste die Lippen aufeinander, aber trotzdem sah er, dass sie zitterten. „Ja, mir ist schon bewusst, dass es schwierig für dich ist. Aber versetz dich doch für einen Moment mal in meine Lage. Stell dir vor, dass der Mensch, den du liebst und von dem du geglaubt hast, er würde dich auch lieben, sich plötzlich nicht mehr an dich erinnern kann. Stell dir vor, wie du an dir zu zweifeln beginnst, wenn du herausfindest, dass alles, was er dir erzählt hat, eine Lüge war, dass er sämtliche Versprechen, die er dir gegeben hat, gebrochen hat. Wie würdest du dich dann fühlen?“

Er schaute in ihre Augen, am Boden zerstört angesichts des Schmerzes, den er dort sah. „Ich wäre ziemlich aufgebracht.“

„Ja, so könnte man es wohl bezeichnen.“

Sie stand auf und rieb sich geistesabwesend den Nacken. „Weißt du … ich glaube, das ist alles zwecklos. Ich bin wirklich müde. Du solltest jetzt lieber gehen.“

Rafael sprang auf. „Du willst, dass ich gehe?“ Es lag ihm auf der Zunge, sie zu fragen, ob sie verrückt geworden sei, aber damit würde er nicht unbedingt Punkte bei ihr sammeln. „Nachdem du mir diese abstruse Geschichte erzählt hast, nachdem du mich damit konfrontiert hast, dass ich Vater werde, erwartest du von mir, dass ich einfach so verschwinde?“

„Das hast du ja schon einmal gemacht“, erwiderte sie müde.

„Woher zum Teufel willst du das wissen? Woher willst du wissen, was ich getan oder nicht getan habe, wenn ich es selbst nicht einmal weiß? Du hast gesagt, du hättest mich geliebt und ich hätte dich geliebt. Ich erinnere mich aber nicht. Woher willst du also wissen, dass ich dich verlassen und betrogen habe? Ich hatte einen Unfall, Bryony. Wann hast du mich zuletzt gesehen? Was haben wir da gemacht? Hatte ich dich sitzen lassen? Habe ich dir gesagt, ich würde dich verlassen?“

Ihr Gesicht war kreidebleich, als sie antwortete: „Es war der Tag, nachdem wir den Kauf besiegelt hatten. Du musstest wegen eines Notfalls in der Firma nach New York zurück. Du hast gesagt, es würde nicht länger als ein, zwei Tage dauern. Du hast mir versichert, dass du zurückkommen würdest, weil du es gar nicht erwarten könntest, und dass wir dann darüber sprechen würden, was wir mit dem Land machen“, erklärte sie mit schmerzerfüllter Stimme.

„An was für einem Tag war das, Bryony? Sag mir das genaue Datum.“

„Der dritte Juni.“

„Der Tag, an dem ich verunglückt bin.“

Sie presste die Hand auf den Mund und sah so schockiert aus, dass Rafael Angst hatte, sie würde gleich umkippen. Er umschlang ihr Handgelenk und zog sie zu sich aufs Bett. Benommen starrte sie ihn an.

„Wie? Was ist passiert?“

„Mein Privatjet ist über Kentucky abgestürzt“, erzählte er. „Ich erinnere mich an kaum etwas, nur dass ich irgendwann im Krankenhaus aufgewacht bin und keine Ahnung hatte, wie ich dorthin gekommen war.“

„Und jetzt hast du keinerlei Erinnerungen mehr?“, fragte sie heiser.

„Doch, nur die vier Wochen vor dem Unfall sind wie ausgelöscht. Ich habe zwar auch noch andere Gedächtnislücken, aber da handelt es sich meist um Menschen, die ich kennen müsste, an die ich mich aber nicht erinnere. Anfangs wusste ich auch nicht mehr, warum ich nach Moon Island geflogen war, doch das war leicht herauszufinden, da ich ein Stück Land dort gekauft hatte.“

„Also hast du nur mich vergessen“, meinte sie mit einem gequälten Lachen.

Er seufzte. „Ich weiß, das ist schwer zu ertragen. Bitte versuch zu verstehen, dass es für mich genauso schwierig ist, all das zu glauben, was du mir erzählt hast. Ich mag mich vielleicht nicht an dich erinnern, Bryony, aber ich bin auch kein ganz übler Kerl. Es ist für mich nicht schön, mit anzusehen, wie sehr du leidest.“

„Ich habe versucht, dich anzurufen“, erzählte sie tonlos. „Erst habe ich noch gewartet und mir alle möglichen Entschuldigungen für dich zurechtgelegt. Aber dann habe ich es unter der Nummer versucht, die du mir gegeben hattest. Niemand wollte mich mit dir reden lassen. Immer gab’s irgendwelche Ausreden. Du wärst in einer Besprechung, auf Geschäftsreise oder zum Mittagessen.“

„Man hat mich nach meinem Unfall ziemlich abgeschirmt, weil wir nicht wollten, dass irgendjemand von meinem Gedächtnisverlust erfährt. Jegliches Zeichen von Schwäche kann schon bedeuten, dass die Investoren das Vertrauen verlieren und ihr Geld zurückziehen.“

„Auf mich wirkte es so, als wolltest du nichts mehr mit mir zu tun haben, was mich ziemlich sauer gemacht hat. Vor allem deshalb, weil du nicht einmal den Mut hattest, es mir ins Gesicht zu sagen.“

„Warum bist du denn jetzt auf einmal gekommen? Warum hast du so lange gewartet?“

„Mir wurde meine Schwangerschaft erst bewusst, als ich schon in der zehnten Woche war. Und Mamaw hatte gesundheitliche Probleme, also habe ich viel Zeit mit ihr verbracht. Um sie nicht aufzuregen, habe ich ihr nichts von meiner Befürchtung erzählt, dass du mich nur verführt hast, um an das Land zu kommen. Das hätte ihr das Herz gebrochen. Nicht nur wegen des Grundstücks. Sie wusste, wie sehr ich dich geliebt habe, und wollte, dass ich glücklich werde.“

Verdammt, er fühlte sich gerade wie ein elender Wurm.

„Wir müssen ein paar wichtige Entscheidungen treffen, Bryony.“

„Entscheidungen?“

„Du behauptest, ich sei in dich verliebt gewesen. Dass du mich auch geliebt hast. Außerdem sagst du, dass du mein Kind bekommst. Wenn du glaubst, dass ich jetzt einfach so auf Nimmerwiedersehen verschwinde, dann bist du verrückt. Wir haben sehr viel zu klären, und das lässt sich nicht an einem Abend bewerkstelligen. Oder an einem Tag. Nicht einmal innerhalb von einer Woche.“

Sie nickte.

„Ich möchte, dass du mit mir kommst.“

Sie riss die Augen auf und leckte sich nervös mit der Zunge über die Lippen. „Wohin soll ich mitkommen?“

„Wenn alles, was du sagst, der Wahrheit entspricht, dann haben sich mein Leben und meine Zukunft auf der Insel total verändert. Du und ich, wir werden dorthin zurückkehren, wo alles begonnen hat.“

Fassungslos starrte sie ihn an. Hatte sie etwa erwartet, dass er sich davonmachen würde?

„Wir werden diese Wochen noch einmal durchleben, Bryony. Vielleicht hilft es meinem Gedächtnis auf die Sprünge, wenn ich wieder dort bin.“

„Und wenn nicht?“, fragte sie vorsichtig.

„Dann haben wir viel Zeit damit verbracht, uns wieder kennenzulernen.“

3. KAPITEL

Hast du den Verstand verloren?“, wollte Ryan wissen.

Rafael hörte auf, hin und her zu laufen und musterte seine Freunde, die sich in seinem Büro versammelt hatten.

„Wer hier den Verstand verloren hat, darüber wollen wir lieber nicht reden“, erwiderte Rafael. „Ich bin jedenfalls nicht derjenige, der die Frau suchen lässt, die mich mit meinem Bruder betrogen hat.“

Ryan warf ihm einen bösen Blick zu, bevor er sich abwandte und aus dem Fenster starrte.

„Das war ein Schlag unter die Gürtellinie“, murmelte Devon.

Rafael atmete tief durch. Devon hatte recht. Was auch immer Ryan für Gründe haben mochte, seine Exverlobte aufspüren zu lassen, er hatte es nicht verdient, dass Rafael sich ihm gegenüber wie ein Schwein benahm.

„Tut mir leid, Kumpel“, entschuldigte Rafael sich.

Cam lehnte sich in Rafaels Chefsessel zurück und legte die Füße auf den Schreibtisch. „Ich glaube, ihr seid beide nicht ganz zurechnungsfähig. Keine Frau ist so viel Aufhebens wert.“ Er schaute Rafael direkt an. „Was dich angeht … ich weiß gar nicht, was ich zu deiner verrückten Idee sagen soll, mit der Frau zurück nach Moon Island zu fliegen. Was erhoffst du dir davon?“

Das war eine verdammt gute Frage. Rafael war sich nicht sicher. Er wollte seine Erinnerungen wiederhaben. Er wollte wissen, was ihn dazu bewogen hatte, völlig abzudrehen und sich angeblich innerhalb von wenigen Wochen in eine Frau zu verlieben und sie zu schwängern.

Er war vierunddreißig Jahre alt, aber nach allem, was er gehört hatte, hatte er sich wie ein verliebter Teenager aufgeführt. „Sie sagt, wir hätten uns ineinander verliebt.“ Oh Gott, klang das lächerlich.

Die drei anderen Männer starrten ihn an, als hätte er gerade verkündet, künftig im Zölibat leben zu wollen. Was vielleicht gar nicht die schlechteste Idee war.

„Außerdem sagt sie, du wärst der Vater ihres Kindes“, warf Devon ein. „Das ist ziemlich viel, was sie da behauptet.“

„Hast du schon mit deinem Anwalt gesprochen?“, fragte Ryan. „Diese ganze Situation macht mich nervös. Sie könnte uns erheblichen Schaden zufügen, wenn sie das publik macht. Wenn sie verlauten lässt, dass du dich wie ein elender Mistkerl verhalten hast, indem du sie geschwängert und dann sitzen gelassen hast, kaum dass die Tinte auf dem Vertrag trocken war. Wenn das herauskommt, wirft das kein gutes Licht auf uns.“

„Nein, verdammt, ich habe noch nicht mit Mario gesprochen“, murmelte Rafael. „Wann denn auch? Ich rufe ihn gleich an.“

„Also, wie lange soll dein Selbstfindungstrip dauern?“, fragte Cam.

Rafael stopfte die Hände in die Taschen. „So lange wie nötig.“

Devon blickte auf seine Uhr. „So gern ich noch bleiben würde, um mich von euch amüsieren zu lassen, aber ich muss los, weil ich einen Termin habe.“

„Mit Copeland?“ Cam grinste.

Devon warf ihm nur einen bösen Blick zu.

„Besteht der alte Mann immer noch darauf, dass es nur zu der Fusion kommt, wenn du seine Tochter heiratest?“, wollte Ryan wissen.

Devon seufzte. „Ja. Sie ist … flatterhaft, und Copeland scheint zu glauben, dass ich sie bändigen kann.“

Rafael warf seinem Freund einen Blick voller Mitgefühl zu.

Cam zuckte mit den Schultern. „Dann sag ihm doch, dass du auf den Deal pfeifst.“

„So schlimm ist sie auch wieder nicht. Sie ist jung und … ausgelassen. Es gibt schlimmere Frauen.“

„Mit anderen Worten, sie würde einen Spaßverderber wie dich in den Wahnsinn treiben“, meinte Ryan grinsend.

Devon machte eine nicht gerade salonfähige Handbewegung und marschierte zur Tür.

Cam drehte sich auf Rafaels Chefsessel herum und stand ebenfalls auf „Ich muss auch los. Sag uns auf jeden Fall Bescheid, ehe du verschwindest, um dich selbst zu finden, Rafe.“

Rafael brummte und nahm seinen Sessel wieder in Beschlag, als Cam hinter Devon das Büro verließ. Ryan stand noch immer am Fenster und drehte sich jetzt zu Rafael herum.

„Hey, es tut mir leid wegen meiner Bemerkung über Kelly“, meinte Rafael, ehe Ryan etwas sagen konnte. „Hast du sie schon ausfindig gemacht?“

Ryan schüttelte den Kopf. „Nein, aber das werde ich.“

Rafael verstand nicht, wieso Ryan so erpicht darauf war, seine Exverlobte zu finden. Das ganze Fiasko hatte sich während der vier Wochen ereignet, die in seinem Gedächtnis ausgelöscht waren, aber Devon und Cam hatten ihm erzählt, dass Kelly mit Ryans Bruder geschlafen hatte, woraufhin Ryan sie rausgeworfen und die Angelegenheit anscheinend abgehakt hatte. Doch jetzt hatte er einen Privatdetektiv angeheuert, der sie finden sollte.

„Erinnerst du dich wirklich nicht an Bryony?“, fragte Ryan. „An absolut nichts?“

„Nein, an gar nichts. Es ist so, als würde ich eine Fremde anschauen.“

„Findest du das nicht ziemlich merkwürdig?“

Rafael schnaubte. „Natürlich. Diese ganze Situation ist absolut merkwürdig.“

Ryan musterte Rafael eindringlich. „Man sollte doch denken, wenn man sich Hals über Kopf in eine Frau verliebt, vier Wochen lang Tag und Nacht mit ihr verbringt, sie obendrein noch schwängert, dass man da zumindest eine Art Déjà-vu hat.“

„Ich verstehe schon, was du meinst, Ryan, und ich weiß deine Sorge auch zu schätzen. Aber irgendetwas ist auf der Insel pas siert. Ich weiß zwar noch nicht, was, aber in meinem Gedächtnis klafft eine riesige Lücke, und Bryony ist mittendrin. Ich muss auf die Insel zurückkehren, und wenn es nur dazu dient, um ihre Geschichte zu widerlegen.“

„Und wenn sie die Wahrheit sagt?“

„Dann habe ich eine Menge aufzuarbeiten.“

Bryony stand vor dem modernen Bürohochhaus und starrte nach oben auf die glitzernde Fassade, in der sich die helle Herbstsonne spiegelte.

Die Stadt faszinierte sie, machte ihr aber auch Angst. Alle waren hier so geschäftig. Niemand schien auch nur für einen Moment innezuhalten.

Wie konnte man das aushalten?

Und doch war sie bereit gewesen, sich Rafael zuliebe an das Leben in der Stadt zu gewöhnen. Hier lebte und arbeitete er. Hier blühte er auf.

Je länger sie hier stand, desto größer wurden ihre Zweifel. Machte sie sich schon wieder zum Narren?

Einmal auf einen Mann hereinzufallen, war entschuldbar, aber zweimal? „Ich muss verrückt sein, ihm zu vertrauen“, murmelte sie.

Aber wenn diese absurde Geschichte stimmte, dann hatte er sie nicht betrogen. Dann hatte er sie nicht sitzen lassen. Und auch nicht all das getan, was sie ihm vorgeworfen hatte.

Einerseits war sie erleichtert, andererseits hatte sie keine Ahnung, was sie glauben oder denken sollte.

„Sie sind Bryony, oder?“

Sie riss den Blick von dem Gebäude los. Es war ihr peinlich, dass sie noch immer wie ein Trottel dastand und gen Himmel blickte, vor allem, als sie jetzt zwei Männer bemerkte, die ihr schon auf der Party in Rafaels Begleitung aufgefallen waren.

Sie machte einen Schritt zurück. „Ja“, antwortete sie zögernd.

Es waren beides große Männer. Der eine hatte kurzes braunes Haar, der andere etwas längeres blondes. Der eine lächelte, während der andere sie musterte wie ein lästiges Insekt.

Der lächelnde Mann streckte ihr die Hand entgegen. „Ich bin Devon Carter, ein Freund von Rafael. Das ist Cameron Hollingsworth.“

Cameron musterte sie weiterhin kritisch, also ignorierte Bryony ihn und konzentrierte sich auf Devon, obwohl sie nicht wusste, was sie sagen sollte.

„Freut mich, Sie kennenzulernen“, murmelte sie.

„Sind Sie hier, weil Sie sich mit Rafe treffen wollen?“, fragte Devon.

Sie nickte.

„Wir bringen Sie gern nach oben.“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, ist schon okay. Ich finde den Weg allein. Ich meine, ich möchte Ihnen keine Mühe bereiten.“

„Kein Problem“, erwiderte Devon geschmeidig. „Aber wie Sie möchten. Dann wünsche ich Ihnen noch einen schönen Tag.“

„Danke. Es war nett, Sie kennenzulernen.“

Die beiden Männer verabschiedeten sich und gingen zur Straße, um in einen BMW zu steigen.

Bryony holte noch einmal tief Luft und marschierte auf die Drehtür zu. In der Mitte der Lobby stand ein großer Brunnen, und sie blieb einen Moment lang stehen, um sich vom Plätschern des Wassers beruhigen zu lassen. Sie vermisste das Meer. Es kam nicht häufig vor, dass sie die Insel verließ, und hier in dieser hektischen Großstadt sehnte sie sich nach der Ruhe und dem Frieden der kleinen Insel, auf der sie aufgewachsen war.

Das schlechte Gewissen versetzte ihr einmal mehr einen Stich. Ihretwegen befand sich das Grundstück ihrer Familie jetzt in den Händen eines Mannes, der entschlossen war, darauf ein Resort samt Golfplatz und wer weiß was zu bauen. Nicht, dass das schlechte Dinge waren. Bryony hatte weder etwas gegen den Fortschritt noch gegen freie Marktwirtschaft und Kapitalismus. Jeder Mensch verdiente gern Geld.

Aber Moon Island war etwas Besonderes. Bisher war es vom Bauboom, der so manch andere Insel verunstaltet hatte, verschont geblieben. Die Familien, die dort lebten, taten dies schon seit Generationen. Jeder kannte jeden. Es gab eine unausgesprochene Vereinbarung unter den Einwohnern, dass sie die Insel so belassen wollten, wie sie war. Ein Hafen für Menschen, die nicht länger auf der Überholspur leben wollten. Auf Moon Island lief alles ein wenig langsamer.

Und jetzt würde sich all das ihretwegen ändern. Bulldozer und Bautrupps würden einfallen, und anschließend würde langsam auch die Außenwelt immer mehr von der Insel Besitz ergreifen und den Lebensstil dort verändern.

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