Julia Arztroman Band 47

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HERZENSÜBERRASCHUNG FÜR DR. JENKINS von MOLLY EVANS

Eine Familie, Kinder? Taylor Jenkins, sexy Chirurg mit Nerven aus Stahl, genießt lieber seine Freiheit als Single. Bis eines schönen Sommertages die warmherzige Piper als Schwester auf seiner Station anfängt und unter atemberaubenden Umständen sein Herz verzaubert …

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  • Erscheinungstag 04.07.2026
  • Bandnummer 47
  • ISBN / Artikelnummer 9783751542357
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Molly Evans, Amalie Berlin, Sue MacKay

JULIA ARZTROMAN BAND 47

Molly Evans

1. KAPITEL

Santa Fe, New Mexico, USA

Was soll ich?“ Dr. Taylor Jenkins sah seine Schwester entsetzt an. Er würde alles für sie tun. Fast alles. Das hier jedoch überstieg seine Fähigkeiten bei Weitem. Er war Arzt und kein …

„Bitte, Taylor. Ich habe dich nie um einen Gefallen gebeten. Nach allem, was wir durchgemacht haben, brauche ich dich jetzt.“ Caroline trat einen Schritt näher und griff nach seiner Hand. Sie sah ihn mit ihren blauen Augen bittend an. Flehend geradezu. Sein ganzes Leben war von Schuld bestimmt, und er versuchte alles, um sich davon zu lösen. Keine Verpflichtungen, keine Schuldgefühle. So einfach war das. Er lebte sein Leben und war niemandem Rechenschaft schuldig außer sich selbst.

„Ich kann ihn nicht zu Mom und Dad schicken, das weißt du.“

„Was ist mit …“

„José? Nein. Er ist unterwegs bei einer Reserveübung.“ Sie wischte den Vorschlag mit einer Handbewegung beiseite. „Ich kann ihn kaum dazu bringen, dass er Alex für ein Wochenende im Monat nimmt. Auf keinen Fall lasse ich ihn so lange bei ihm.“

„Aber …“ Eine leichte Panik stieg in ihm auf. Taylor riss sich zusammen. In seinem Job bewältigte er ständig bedrohliche Situationen. Er würde auch das hier schaffen.

„Dir vertraue ich“, sagte Caroline. „Und es ist ja nur für sechs Wochen. Er ist alt genug, um sich selbst zu beschäftigen. Ich kann dir Namen von Babysittern geben, und er wird außerdem seine Cousins besuchen wollen. Carmelita hat mich seit der Scheidung sehr unterstützt. Sie möchte, dass die Jungs in Kontakt bleiben, auch wenn ihr Bruder und ich Probleme haben.“ Caroline ließ ihn nicht aus den Augen, während sie sprach.

Verdammt. Sie schien zu spüren, dass er nachgeben würde. Frauen hatten so etwas wie einen sechsten Sinn für männliche Schwächen. Widerstand war zwecklos, sie hatte gewonnen.

Taylor seufzte auf und rieb sich die Stirn. Ganz sicher würde er das noch bereuen. Die bloße Vorstellung, dass er sich sechs Wochen lang um ein Kind kümmern konnte, war lächerlich. Er war nicht imstande, länger als ein paar Stunden für ein anderes Lebewesen zu sorgen. Er hatte nicht einmal ein Haustier oder auch nur eine Pflanze in seinem Haus.

„Ich wusste, dass du es tun würdest! Oh, Alex wird so aufgeregt sein. Danke, Taylor. Vielen Dank. Du weißt ja nicht, was mir das bedeutet.“ Caroline umarmte ihn so stürmisch, dass sie beide ins Stolpern kamen.

„Schon gut, schon gut. Aber du versprichst mir, dass du rechtzeitig zurückkommst? Keinen Tag länger?“ Vielleicht würde er es ja hinkriegen, sein Leben sechs Wochen lang auf den Kopf zu stellen. Aber das war die absolute Obergrenze.

„Ja natürlich. Mit dieser Fortbildung kann ich endlich ein richtiges Leben für Alex und mich aufbauen. Die Firma bezahlt den Aufenthalt in Kalifornien, aber für Kinder ist dort einfach kein Platz.“ Sie atmete tief aus. „Glaub mir, es ist die einzige Möglichkeit.“

Ein trauriger Ausdruck trat in ihre Augen, und Taylor wusste, dass er das Richtige für seine Schwester tat. Ob es auch das Richtige für ihn war, wusste er allerdings nicht. In seinem Leben ging es um Freiheit, darum, neue Herausforderungen zu suchen und seine körperlichen Grenzen auszutesten. Würde er für sein eigenes Leben Zeit haben, während sein Neffe bei ihm war? Hätte er ein Kind gewollt, dann wäre er wohl inzwischen Vater geworden. Aber das war er nicht.

„Und außerdem“, sagte Caroline und boxte ihn spielerisch, „ist es Zeit, dass du deinen Neffen besser kennenlernst.“

„He, ich kenne ihn doch.“ Oder etwa nicht?

Caroline lachte leicht auf und wischte sich schnell eine Träne aus dem Gesicht. Sie weinte nie. „Du kennst seinen Namen, sein Alter und so etwas. Aber ich glaube nicht, dass du weißt, wie es in seinem Inneren aussieht.“ Sie legte eine Hand auf Taylors Arm. „Alex braucht dich. Sein Vater hat ihn schon so oft enttäuscht, dass ich nicht weiß, ob er je darüber hinwegkommt. So ähnlich wie bei dir und Dad.“

„Ich weiß, ich weiß.“ Taylor rief sich die unzähligen Gelegenheiten ins Gedächtnis, bei denen sein Vater ihn ignoriert hatte, weil er Wichtigeres vorhatte, als Zeit mit seinem Sohn zu verbringen. Schnell schob er diese schmerzlichen Erinnerungen beiseite. „Wann brichst du auf?“, fragte er seine Schwester.

„Am Montagmorgen.“

„Dann bring ihn doch am besten Sonntag zu mir, dann haben wir noch Zeit, alles zu besprechen, was ich wissen muss.“

„Danke, Taylor. Irgendwie werde ich das wiedergutmachen.“

„Sicher.“ Gab es eine Möglichkeit, ihn für die verlorene Zeit zu entschädigen? Andererseits, sechs Wochen mit seinem Neffen waren schließlich kein so großes Opfer, wenn es darum ging, seiner Schwester zu helfen.

„Wirklich. Wenn du einmal Kinder hast, dann werde ich die beste Tante, die du dir vorstellen kannst.“

„Im Moment kann ich mir nicht vorstellen, dass ich jemals Kinder haben werde.“ Schließlich gab es keine Garantie, dass er ihnen eine bessere Kindheit bieten konnte als seine eigene, und das würde er niemandem wünschen.

Caroline gab sich alle Mühe, Alex auch als alleinerziehende Mutter ein gutes Zuhause und eine stabile Umgebung zu bieten, aber das war nicht leicht. Besser, Taylor blieb Single und bemühte sich, seinem elfjährigen Neffen ein guter Onkel zu sein.

„Wenn du damit aufhören würdest, auf hohe Berge zu klettern oder dich mit dem Fallschirm aus einem Flugzeug zu stürzen, könntest du auch eine Frau kennenlernen, die dich am Boden hält.“ Caroline warf ihm einen wissenden Blick zu. „Dann löst sich vielleicht auch die Kinderfrage.“

„Ja, ja, schon gut. Hatten wir dieses Gespräch nicht schon, als du mich mit dieser Krankenschwester verkuppeln wolltest?“ Bei der Erinnerung an die katastrophale Verabredung musste Taylor sich schütteln.

„Anscheinend hast du es ja noch nicht verstanden.“

Kopfschüttelnd schob Taylor seine Schwester zur Seite. Er wurde jetzt in der Notaufnahme gebraucht.

Als Piper Hawkins ihre neue Zeitarbeitsstelle als Krankenschwester in der Notaufnahme antrat, herrschte dort das pure Chaos. Kurz entschlossen legte sie ihre Handtasche zur Seite und stürzte sich in das Getümmel, noch bevor sie ihre neuen Kollegen begrüßt hatte. Das Adrenalin rauschte bereits durch ihren Körper – Piper kam mit brenzligen Situationen bestens zurecht und hoffte, sie würde schnell akzeptiert werden. Sie hatte schon viele Kurzzeiteinsätze absolviert und wusste, dass der erste Eindruck entscheidend war.

„Ich bin neu hier. Wie kann ich helfen?“, sagte sie, als sie den ersten Schockraum betrat. Da nur ein Arzt anwesend war, schien sie hier auf jeden Fall gebraucht zu werden.

„Sind Sie Krankenschwester? Assistieren Sie mir. Ich muss ihn intubieren, bevor wir ihn nach oben bringen können.“ Der große Mann im OP-Kittel trug eine Schutzmaske. Sie konnte nur seine Augen sehen, die den Patienten vor ihm intensiv musterten.

„Alles klar.“ Piper griff nach einem Paar Schutzhandschuhe und streifte sie über. Sie warf einen schnellen Blick auf den Monitor und prüfte die Vitalwerte. Der Blutdruck war niedrig, die Herzfrequenz unregelmäßig. „Ich bin Piper Hawkins, die neue Vertretungsschwester“, sagte sie, während sie begann, den Mundraum des Patienten mit dem Sauger zu säubern.

„Taylor Jenkins, ich habe heute Dienst in der Notaufnahme.“

„Sagen Sie mir, was ich tun kann.“ Obwohl um sie herum Lärm und Unruhe herrschten, kam es Piper vor, als wären sie und Dr. Jenkins ganz allein. Beide konzentrierten sich nur auf den Patienten. Genau deswegen war sie Krankenschwester geworden: um inmitten des größten Chaos Leben zu retten. Dafür war sie ausgebildet.

Dr. Jenkins wies mit dem Kopf auf ein Regal hinter ihr, während er die Sauerstoffmaske auf das Gesicht des Patienten presste. „Das Intubationsbesteck ist dort. Kriegen Sie das hin?“

„Aber sicher“, sagte Piper voller Selbstvertrauen.

„Gut. Dann bereiten Sie das Besteck vor.“

Offenbar war sie doch etwas nervös, denn fast wäre ihr der Intubationsschlauch aus den Händen geglitten und auf den Boden gefallen. „Oje, tut mir leid.“ Piper spürte, wie sie errötete. Sie war manchmal so ungeschickt, verdammt.

„Alles in Ordnung, entspannen Sie sich“, sagte Taylor.

Der Klang seiner tiefen Stimme beruhigte sie. Piper musterte ihn kurz, er wirkte vollkommen gelassen, und sie fühlte sich sofort besser. Andere Ärzte hätten sie schroff angefahren, aber Dr. Jenkins hatte offenbar Nerven aus Stahl. Sie würde ihn nicht enttäuschen.

Sie öffnete die Verpackung des Intubationsbestecks und half ihm, die Beatmungshilfe in den Mund des Patienten einzuführen. Nach der Sicherung der Atemwege konnten sie sich um die weiteren Verletzungen kümmern.

Piper musterte den Mann. Er war in den Fünfzigern und blutete aus Schnittverletzungen im Gesicht. Wahrscheinlich ein Autounfall. Sein Genick war durch einen Halskragen gesichert, um weitere Verletzungen der Wirbelsäule zu verhindern, bevor er geröntgt wurde. Offensichtlich war sein Zustand kritisch, und sie konnte nur hoffen, dass er es schaffen würde. Piper rief sich selbst zur Ordnung. Jetzt war nicht der richtige Moment, an den schrecklichen Tod ihrer Eltern zu denken. Sie hatte einen Job zu erledigen.

„Okay, können Sie den Sauger halten? Ich wäre dann so weit, geben Sie mir den Schlauch.“ Dr. Jenkins streckte eine Hand aus, und sie gab ihm den Schlauch. Gleich darauf hatte er den Tubus auch schon eingeführt.

„Das war die schnellste Intubation, die ich je gesehen habe“, sagte Piper und fixierte den Schlauch. Erstaunlich, dass sie so gut harmonierten, obwohl sie noch nie zusammengearbeitet hatten.

„Danke. Ich hatte früher einmal vor, Anästhesist zu werden, aber dann bin ich doch in der Notaufnahme gelandet.“

„Das war sicher eine gute Entscheidung. Ich hoffe, Sie sind in der Nähe, wenn ich einmal intubiert werden muss.“ Piper lachte auf.

„Ich werde mich bemühen“, entgegnete er und lachte ebenfalls.

Sie horchte die Lungen ab. „Die Atemgeräusche klingen gut. Aber die Herztöne sind etwas gedämpft“, sagte sie. „Vielleicht sollten Sie sich das einmal anhören.“

Dr. Jenkins griff nach seinem Stethoskop. Er horchte aufmerksam, dann nickte er. „Sie haben recht. Er hat ein stumpfes Trauma auf der Brust erlitten, ich fürchte, es ist noch nicht überstanden.“ Er beobachtete einige Sekunden lang den Monitor.

Piper wischte sich mit dem Ärmel über die Stirn. Dann sah sie sich um. „Warum ist außer Ihnen niemand hier?“

„Wir hatten vier Notfälle auf einmal, es sind alle beschäftigt.“

„Wow. Ich hätte nicht gedacht, dass der Dienst in der Notaufnahme hier auch so stressig ist wie bei meinem letzten Job in der Großstadt.“ Kein Wunder, dass die Zeitarbeitsfirma ihr einen so hohen Bonus angeboten hatte.

„Wir sind in der Nähe einiger großer Freeways, da passiert ziemlich oft etwas. Heute war es eine echte Tragödie.“ Sein Blick verlor sich in der Ferne, er wirkte angespannt.

Obwohl Piper den Mann nicht kannte, spürte sie, dass die Ereignisse des heutigen Tages ihn betroffen machten.

„Was ist passiert?“ Aus eigener Erfahrung wusste Piper, dass es helfen konnte, über die Dinge zu sprechen, selbst wenn sie sich nicht ändern ließen. Und sie war eine gute Zuhörerin.

„Frontalzusammenstoß. Ein betrunkener Idiot hat die Highway-Auffahrt in der falschen Richtung genommen.“ Taylor schüttelte den Kopf.

„Oh nein.“ Die leichte Unruhe, die Piper verspürt hatte, breitete sich in ihrem ganzen Körper aus. Mühsam verdrängte sie die Erinnerungen, die sie überfielen. Ein betrunkener Fahrer war auch für den Tod ihrer Eltern verantwortlich gewesen. Sie war damals zwanzig und ihre Schwester erst zwölf. Von einem Tag auf den anderen hatte Piper die ganze Verantwortung übernehmen müssen. Der Schmerz und die Trauer lasteten noch immer auf ihr. Manche Wunden heilten eben nie.

Sie strich dem Patienten das Haar aus der Stirn und bemerkte, dass ihre Hand leicht zitterte. In diesem Moment ertönte der Herzalarm, und Pipers Blick ging zum Monitor. Der Patient war noch lange nicht außer Gefahr. „Der Herzschlag ist beschleunigt.“

„Er hat Blut im Herzbeutel. Ich muss eine Punktion durchführen.“ Mit eiligen Schritten war Taylor neben dem Patienten. „Spritze und Kanüle, schnell!“

„Sofort.“ Piper reichte ihm die Instrumente. Ihr Herz raste ebenfalls, und sie hoffte inständig, dass Taylor den Mann retten konnte. Aber sie wusste nur zu gut, dass Menschen auch bei der besten medizinischen Versorgung manchmal starben.

Ohne ein weiteres Wort platzierte Taylor die Nadel an der exakten Stelle zwischen zwei Rippen. Als er sie aufzog, trat sofort Blut aus dem Herzbeutel in die Kanüle. Das würde den Druck zumindest kurzzeitig verringern.

„Wir müssen ihn in den OP schaffen.“

„Ist dort alles vorbereitet?“ Der Alarm schrillte noch immer durch den Raum, und Piper stellte ihn rasch ab. Sie war ohnehin nervös genug.

„Das hoffe ich, wir haben sie alarmiert.“

Sie warf einen schnellen Blick auf den Monitor. Für den Moment war der Mann stabil. „Gut gemacht.“

„Das war eine Komplikation, mit der man rechnen musste. Also los, bringen wir ihn in den OP.“ Dr. Jenkins streifte Maske und Schutzbrille ab.

Piper hielt sekundenlang inne, dann bereitete sie den Patienten für den Transport vor. Bereits der kurze Blickkontakt mit Taylor war wie ein elektrischer Schlag. Er war der attraktivste Mann, den sie je gesehen hatte. Auch unter dem Dreitagebart waren die markanten Züge seines Gesichts noch zu erkennen, seine vollen Lippen waren leicht nach oben gebogen, als würde er sich über etwas amüsieren. Aber vor allem seine Augen hielten Pipers Blick gefangen. Sie waren von einem klaren Blau und schienen direkt in ihr Innerstes zu blicken.

Im Augenblick jedoch war keine Zeit für Schmetterlinge im Bauch. Ihr Patient ging vor. Außerdem war Taylor Jenkins auch nur ein Arzt wie jeder andere, mit dem sie gearbeitet hatte. Obwohl er wirklich umwerfend aussah.

„Piper? Sind Sie so weit?“ Seine Stimme unterbrach ihre Gedanken.

„Ja, Doktor. Sofort.“ Sie schob den Transportmonitor auf das Ende der Trage.

„Nennen Sie mich Taylor.“

„Sicher, danke.“ Sie lächelte ihm zu und zwang sich dann, schnell wieder den Blick abzuwenden. „Gehen Sie voraus. Ich weiß nicht, wo der OP ist.“

„Alles klar.“ Taylor griff nach der fahrbaren Trage und schob sie gemeinsam mit Piper bis zum OP. Dort erwartete sie bereits ein Chirurgenteam.

Nachdem er seine Kollegen auf den neuesten Stand gebracht hatte, spürte Taylor, wie die Anspannung aus seinem Körper wich. Die neue Schwester war direkt ins kalte Wasser geworfen worden und hatte ihre Sache gut gemacht. Wahrscheinlich wäre sie auch froh über eine kleine Pause.

„Wie wäre es mit einer Tasse Kaffee?“, fragte er, während sie zurück in die Notaufnahme gingen.

„Ich sollte mich besser bei der Oberschwester melden und ihr sagen, dass ich da bin.“

Sie betraten das Dienstzimmer, wo sie der Duft von frisch gebrühtem Kaffee empfing. Piper seufzte auf. „Aber eine Tasse wird sicher nicht schaden.“

„Das denke ich auch.“ Taylor goss ihnen Kaffee ein. „Es ist ja nicht so, als hätten Sie nicht gearbeitet. Emily weiß nur noch nichts davon.“

„Emily ist die Oberschwester?“ Piper ließ sich erschöpft auf einen Stuhl fallen.

„Ja, genau. Sie war bei den anderen Unfallopfern. Sie haben es nicht geschafft.“ Wie sehr er es hasste, dass sie nicht jeden Patienten retten konnten, der in die Notaufnahme kam.

„Oh. Es ist immer schwer, Patienten zu verlieren.“ Aus ihren Augen sprach plötzlich eine tiefe Verletzlichkeit, aber Taylor rief sich ins Gedächtnis, dass das nicht seine Angelegenheit war.

„Das stimmt. Vor allem, wenn es zu vermeiden gewesen wäre.“ Taylor setzte sich ebenfalls und dachte an den Patienten, den er vergangene Nacht verloren hatte. Er fühlte sich wie ein Versager, und das gefiel ihm gar nicht.

Taylors Handy klingelte.

„Dr. Jenkins.“

Er lauschte einen Moment und rieb sich mit Daumen und Zeigefinger über die Nasenflügel. „Okay, und wie schlimm ist es genau, Alex?“

Wieder hörte er zu. „Ich komme bald nach Hause. Mach dir keine Gedanken wegen der Flecken auf dem Teppich oder der Wand. Oder auf dem Sofa. Es ist schon in Ordnung.“

Piper musterte ihn belustigt, als er wieder auflegte und sie ansah.

„Was ist?“ An diesem Gespräch war aus Taylors Sicht nichts amüsant gewesen.

„Oh, nichts.“ Sie nippte an ihrem Kaffee, konnte aber das Funkeln in ihren Augen nicht verbergen. „Ist Ihr Sohn allein zu Hause?“

„Mein Neffe. Er wohnt noch …“ Er schaute auf seine Uhr. „Noch genau fünf Wochen und drei Tage bei mir.“

„Sie zählen wirklich die Tage?“, fragte sie.

„Nein, nur die Minuten.“ Er tippte grinsend auf seine Armbanduhr.

„Im Ernst? Ist es so schlimm?“ Piper war sich nicht ganz sicher, wie ernst es ihm mit seinen Bemerkungen war.

„Ich tue meiner Schwester einen Gefallen, und zwar keine Sekunde länger.“ Schließlich hatte er ein Leben, das mit Fallschirmsprüngen und Klettertouren auf ihn wartete. Er nahm nur gerade eine vorübergehende Auszeit.

„Dann sind Sie nicht froh darüber, dass Ihr Neffe Sie besucht?“, fragte Piper und unterbrach sich selbst. „Nicht, dass mich das etwas anginge.“

„Es geht nicht darum, dass ich mich nicht freue. Es ist nur ein ganz anderes Leben als das, woran ich gewohnt bin. Die Kollegen hier wetten schon darauf, wie lange es dauert, bis ich meine Schwester zwinge, vorzeitig aus Kalifornien zurückzukehren.“ Er lehnte den Kopf zurück und stöhnte. Die Kopfschmerzen waren heute besonders schlimm.

„Oh, das klingt wirklich schwierig“, entgegnete sie und lachte leise.

„Im Moment liegt die Schwierigkeit darin, dass er Traubensaft auf meinem Sofa, dem Teppich und den Wänden verteilt hat.“ So tragisch war das nicht, aber die Flecken würden vermutlich sehr schwer zu entfernen sein.

„Ich hoffe, Sie haben Ihre Wohnung nicht ganz in Weiß eingerichtet?“ Ein schelmisches Lächeln stahl sich in Pipers Gesicht.

Machte sie sich etwa über ihn lustig? „Nicht ganz, nur die Wände. Teppich und Sofa sind hellbraun.“

„Oje.“ Sie sah ihn mitleidig an. „Sie sollten etwas tun, sonst werden Sie die Flecken nie los. Rufen Sie ihren Neffen noch mal an. Haben Sie Gallseife im Haus?“

Taylor war nicht sicher, was sich alles in seinen Schränken verbarg. Aber hatte seine Putzhilfe so etwas nicht einmal gekauft? „Ich glaube schon.“

„Sagen Sie ihm, dass er die Flecken auf dem Teppich und dem Sofa damit einreiben und warten soll. Die Wand können Sie ja einfach übermalen.“

Taylor starrte sie etwas verblüfft an. Dann nickte er einfach nur. „Okay, ich ruf ihn an.“

Piper stand auf. „Gut, dann mache ich mich jetzt mal auf die Suche nach Emily. Danke für den Kaffee.“

Piper hatte ihren ersten langen Arbeitstag in Santa Fe überlebt. Schon jetzt mochte sie die Hauptstadt von New Mexico mitten in der Wüste mit ihrer charakteristischen Architektur, die aus den Hügeln und Felsen zu wachsen schien. Hier gab es keine Wolkenkratzer. Nachdem ihr letzter Job an der Küste gewesen war, würde sie allerdings einige Zeit brauchen, um sich an die dünne Luft in der Höhe von 2 000 Metern zu gewöhnen.

Mit einem leisen Seufzen rief sie sich in Erinnerung, dass noch drei Tage Arbeit vor ihr lagen, bevor sie die Umgebung erkunden konnte. Einige ihrer neuen Kolleginnen hatten ihr schon Tipps gegeben, was sie sich ansehen sollte. Ihr Aufenthalt in Santa Fe versprach, eine schöne Abwechslung zu werden. Das schätzte Piper an diesen Kurzzeitjobs: Sie lernte immer wieder neue Orte kennen, die sie sonst vielleicht nicht besuchen würde, und die Mischung aus der amerikanischen, mexikanischen und der indianischen Kultur in New Mexico gefiel ihr schon jetzt.

Irgendwann würde sie sich vielleicht an einem Ort niederlassen, möglichst nah bei ihrer Schwester. Aber im Augenblick war sie froh, dass sie in sechs Wochen schon wieder eine neue Aufgabe erwartete.

Schließlich hatte sie ihr Leben lange genug nach den Bedürfnissen ihrer Schwester ausgerichtet. Elizabeths Wohl war ihr immer wichtiger gewesen als ihr eigenes, aber jetzt, da ihre Schwester nicht mehr auf ihre finanzielle Unterstützung angewiesen war, konnte sie sich wieder um ihr eigenes Leben kümmern. Abgesehen von einer kurzen und katastrophalen Beziehung, die sie noch immer nicht ganz verkraftet hatte, war Piper allein geblieben.

Schnell verdrängte sie den Gedanken an ihren Exfreund und seine Treulosigkeit. Sie würde sich nach diesem Job in Santa Fe genau überlegen, wie es mit ihrem Leben weitergehen sollte. Aber nicht jetzt.

Eine Stimme hinter ihr unterbrach Pipers Grübeleien.

„Es tut mir leid, Alex, aber es geht heute wirklich nicht anders.“ Dr. Taylor Jenkins und ein Junge, der wahrscheinlich sein Neffe war, betraten hinter ihr das Gebäude.

Sie drehte sich um und betrachtete den großgewachsenen Mann und den Jungen mit den verstrubbelten Haaren neben ihm. Wieder fiel ihr auf, wie unglaublich attraktiv Taylor war. Nur mit Mühe löste sie ihren Blick von ihm. Es war definitiv keine gute Idee, ihn zu attraktiv zu finden.

Taylor war die Art Mann, vor der sie sich in Acht nehmen musste. Auf keinen Fall durfte Piper sich in ihn verlieben. Ihre letzte schlechte Erfahrung sollte ihr Warnung genug sein.

Leider half diese Einsicht ihr nicht dabei, das Flattern in ihrem Bauch zu ignorieren.

„Aber es ist noch total früh, Onkel T. Ich sollte im Bett liegen und schlafen. Schließlich habe ich Sommerferien, warum muss ich da den ganzen Tag in diesem blöden Krankenhaus sein?“

„Tja, weil dies nun mal der Ort ist, wo ich arbeite. Heute konnte niemand auf dich aufpassen, und nach dem, was gestern passiert ist, werde ich dich kaum noch einmal allein zu Hause lassen.“

„Aber es war einfach Pech, und ich habe schon gesagt, dass es mir leidtut.“

Piper räusperte sich, um die beiden auf sich aufmerksam zu machen. „Hallo.“

Überrascht blieb Taylor stehen. „Hallo, Piper. Haben Sie nach Ihrem ersten Tag noch nicht genug?“, fragte er.

„Auf keinen Fall. Nichts würde mich von dieser Klinik fernhalten.“

„Also mich schon“, stöhnte Alex auf.

„Piper, dieser gutgelaunte junge Mann ist mein Neffe Alex.“

„Schön, dich kennen zu lernen, Alex.“ Der Junge schaute missmutig und verlegen zu Boden. Der Rucksack, der ihm über eine Schulter hing, sah sehr schwer aus.

„Hi.“

Als sie hörte, wie unglücklich Alex klang, griff Piper in ihre Handtasche und zog ein großes Päckchen mit Süßigkeiten und Kaugummi heraus. „Hier, die habe ich für das Schwesternzimmer mitgebracht, aber ich wette, du hättest gerne ein paar.“ Sie öffnete die Tüte und bot sie ihm an.

„Oh ja. Super.“ Alex suchte sich etwas aus und schaute sie zum ersten Mal richtig an. Der Blick seiner braunen Augen war wach und intelligent.

„So, und was sagt man da?“, erinnerte ihn Taylor.

„Danke.“ Alex sah wieder zu Boden.

„Wir sehen uns später, Piper.“ Taylor drehte sich um und ging mit seinem Neffen weiter. Piper blieb ein paar Schritte hinter ihnen.

Gleich darauf beugte sich Alex zu seinem Onkel und flüsterte. „Wow, sie ist echt heiß.“

Mit einem kleinen belustigten Grinsen sah Taylor den Jungen an, dann drehte er sich halb zu Piper um. „Ja, das ist sie wirklich.“

In diesem Moment wurde Pipers Name über die Lautsprecheranlage ausgerufen. „Oh, Entschuldigung.“ Eilig drängte sie sich an den beiden vorbei und hoffte, dass Taylor nicht bemerkte, dass sie errötet war. Schrecklich, das passierte ihr ständig.

Als sie auf der Pflegestation eintraf, erwartete Emily, die Oberschwester, sie bereits. „Schön, da sind Sie ja. Ich hoffe, der Sprung ins kalte Wasser gestern hat Sie nicht abgeschreckt.“ Emily lächelte sie freundlich an.

„Nein, nein. So etwas halte ich aus.“ Ihr war auch nie etwas anderes übrig geblieben. Nach dem Tod ihrer Eltern hatte sie keine Zeit für Selbstmitleid gehabt und sich auf ihre innere Stärke verlassen müssen. Verglichen mit diesen Erlebnissen war alles andere ein Kinderspiel.

„Umso besser. Ich dachte, Sie arbeiten heute mit einer anderen Schwester zusammen, um die Einweisung nachzuholen, die wir gestern versäumt haben. Ich bin sicher, Sie werden keine großen Schwierigkeiten haben.“

Emily stellte sie ihrer Kollegin vor, und Piper verbrachte den Vormittag damit, sich in der Notaufnahme genau zu orientieren.

Als sie in der Pause in den Personalraum ging, saß dort ein immer noch schlecht gelaunter Alex mit einem Buch auf dem Schoß.

„Hey. Du siehst aber ganz schön deprimiert aus. Was ist denn los?“ Sie setzte sich neben den Jungen, der sie mitleiderregend anschaute.

„Mir ist sooooo langweilig.“ Er klappte das Buch zu und hielt es ihr entgegen. Ein Roman, der gerade auf den Beststellerlisten war. „Ich will meine Sommerferien nicht mit Lesen verbringen. Onkel T sagt, das wär ein gutes Buch, aber ich versteh kein Wort davon.“

„Nein, das ist in deinem Alter auch nicht so überraschend. Vielleicht solltest du noch ein paar Jahre warten. Was würdest du denn sonst gerne tun?“

„Oh, Fallschirmspringen und Klettern. So wie Onkel T.“ Zum ersten Mal wirkte Alex richtig begeistert.

„Das macht er?“ Onkel T war in Alex’ Augen offensichtlich ein echter Superheld.

„Ja, und noch viel mehr coole Sachen. Er hat auch Videos davon gemacht, echt abgefahren.“ Alex lehnte sich in seinem Stuhl zurück und verschränkte die Arme. „Aber ich darf gar nichts machen, ich werde den ganzen Sommer im Haus herumhängen.“

Taylor wollte gerade nach Alex schauen, als er Pipers weiche Stimme hörte. Obwohl er wusste, dass es unhöflich war, Gespräche zu belauschen, musste er einfach zuhören.

„Vielleicht gibt es ein Feriencamp, wo du hingehen könntest. Meine jüngere Schwester hat das immer gemacht, als ich noch in San Francisco gearbeitet habe“, sagte sie.

„Hat es ihr denn gefallen?“, fragte Alex skeptisch.

„Und wie. Ich musste sie jeden Tag förmlich nach Hause zerren. Sie war Mountainbike fahren, klettern und alles Mögliche.“ Piper lächelte den Jungen an. „Warum sprichst du nicht mal mit deinem Onkel darüber?“

Alex schwieg. „Ich wette, er würde mir nicht zuhören. Er ist da genau wie mein Dad. Der hört auch nie zu.“

Draußen vor der Tür schloss Taylor die Augen. Carolines Mahnung, dass er Alex nicht so enttäuschen dürfe, wie sein Vater es getan hatte, fiel ihm wieder ein. Bisher hatte er ganz und gar nicht danach gehandelt.

Das musste sich ändern. Entschlossen betrat Taylor den Raum. „He, Alex, wie geht’s?“, fragte er.

„Ich fühle mich total elend“, erwiderte Alex und verzog das Gesicht.

Einen Moment lang war Taylor besorgt. Der Junge war doch nicht etwa krank? Im Krankenhaus konnte er sich ohne Weiteres eine Infektion einfangen. „Wie meinst du das?“

„Ich will einfach nicht mehr hier sein. Kann ich nicht wieder zu dir nach Hause? Ich verspreche auch, dass ich nichts kaputt oder dreckig mache.“ Alex sah ihn treuherzig aus seinen braunen Augen an, und dieser Blick ging Taylor ans Herz. Er war einfach nicht auf diese Situation vorbereitet. Er konnte keine sechzig Stunden in der Woche arbeiten und sich dann noch um ein Kind kümmern. Vielleicht war diese Idee mit dem Feriencamp gar nicht so verkehrt.

„Aber du kannst nicht den ganzen Tag bei mir herumsitzen und Videospiele spielen, Alex.“

„Warum nicht?“ Alex’ Blick wirkte plötzlich sehr erwachsen. „Was soll ich denn sonst machen?“

„Hast du nicht eben gesagt, du würdest gerne klettern gehen wie dein Onkel?“, mischte Piper sich ein.

Alex warf ihr einen besorgten Blick zu und flüsterte: „Das sollte er doch nicht erfahren.“

„Na, aber wie soll es denn sonst funktionieren?“, erwiderte sie grinsend. Taylor beneidete sie um den lockeren Ton, in dem sie mit seinem Neffen sprach. Wenn er doch nur so mit Kindern umgehen könnte.

„Weiß nicht.“ Alex zuckte die Achseln und schaute zu Boden.

„Ich würde sagen, wir holen uns jetzt was zu essen und besprechen das mal“, sagte Taylor.

Mit einem weiteren Achselzucken räumte Alex seine Sachen zusammen und stopfte sie in den Rucksack. „Okay.“

„Wie wär’s, begleiten Sie uns, Piper?“

„Ich habe ein Sandwich dabei.“

„Ah, aber Sie kennen die Chiliburger mit Pommes noch nicht, die es heute in der Cafeteria gibt.“ Warum, wusste er selbst nicht genau, aber Taylor lag viel daran, dass Piper sie begleitete. Wahrscheinlich weil sie so viel besser mit Alex zurechtkam als er selbst.

„Das klingt nicht nach ganz gesunder Kost, aber ich bin dabei.“ Piper stand auf.

Als sie den Raum verließen, hielt sie Taylor am Ärmel fest. „Nur damit Sie’s wissen, ein gelangweilter Teenager ist immer ein schwieriger Teenager. Besonders wenn er clever ist“, flüsterte sie ihm zu und wies mit dem Kopf auf Alex, der vor ihnen ging.

„Dann erzählen Sie mir am besten mal mehr über Feriencamps“, erwiderte er und legte ihr eine Hand auf den Rücken. „Ich bin auf verschiedenen Militärbasen groß geworden und habe keine Erfahrung damit.“

Piper lächelte ihn an. Sie war nicht schön im klassischen Sinn, aber ihr herzförmiges Gesicht und ihre vollen Lippen wirkten sehr anziehend auf ihn. Das Besondere jedoch waren ihre warmen blauen Augen, in denen es schelmisch funkelte. Ihr glattes hellbraunes Haar trug sie zu einem einfachen Bob geschnitten, sie war schlank, aber sehr weiblich. All das hätte ihm gestern schon auffallen können, doch offensichtlich war er zu sehr mit seiner Arbeit beschäftigt gewesen.

Bei diesem Gedanken hatte er ein ungutes Gefühl. Wenn er zu beschäftigt war, um zu bemerken, wie bezaubernd Piper war, dann stimmte in seinem Leben etwas ganz und gar nicht.

2. KAPITEL

Nach dem Mittagessen ging Piper zurück in die Notaufnahme und wurde von Emily für die Nachmittagsschicht eingeteilt.

„Übrigens, ich möchte mich nicht in Ihre Angelegenheiten einmischen“, sagte die ältere Oberschwester, „aber ich glaube, ich sollte Sie warnen.“

„Warnen? Habe ich etwas falsch gemacht?“ Beunruhigt starrte Piper ihre Kollegin an.

Eilig legte Emily ihr eine Hand auf den Arm. „Nein, nein, keine Sorge, es geht nicht um die Arbeit. Mir ist nur aufgefallen, dass Sie mit Taylor essen waren.“

Immer noch verwirrt fragte Piper: „Ja, stimmt. Ist das ein Problem, weil er ein Arzt ist?“

„Nein, natürlich nicht. Aber Sie sollten wissen, dass Taylor einen Ruf als Schürzenjäger hat, vor allem bei den Krankenschwestern.“

„Ich verstehe.“

„Ich schätze, er leidet an chronischer Beziehungsunfähigkeit“, sagte Emily mit einem schiefen Grinsen. „Seine Beziehungen dauern immer nur ein paar Wochen. Verstehen Sie mich nicht falsch, er ist ein netter Kerl und ein toller Arzt, aber in Liebesdingen ist er eine Katastrophe.“ Wieder tätschelte sie Pipers Arm. „Aber Sie sind eine erwachsene Frau, Sie werden wissen, was Sie tun. Ich wollte nur, dass Sie Bescheid wissen.“

„Danke.“ Piper wusste nicht recht, was sie noch sagen sollte. Also wechselte sie schnell das Thema. Sie war ziemlich sicher, dass Taylor nicht an ihr interessiert war. Er wollte einfach nur nett sein. Dennoch sollte sie sich Emilys Worte zu Herzen nehmen.

„Okay, also das Klettercamp. Schon erledigt“, sagte Taylor. Er saß an seinem Computer und klickte auf „Senden“, um seinen Neffen ab morgen für das Feriencamp mit Begleitprogramm anzumelden. Ab sofort würde Alex sich nicht mehr langweilen.

Alex rannte wie aufgedreht durch die Wohnung. „Ich gehe klettern, juhu!“ Er stürmte zurück zu seinem Onkel und warf sich ihm praktisch an den Hals. „Danke, Onkel T. Du bist der Beste.“

Etwas überwältigt von Alex’ Begeisterung klopfte Taylor seinem Neffen auf die Schulter und schob ihn ein Stück zurück. „Schon gut.“

„Nein ehrlich, du hast ja keine Ahnung, wie cool das ist.“ Der Junge schaute ihn aus großen Augen an. „Oder natürlich, du gehst ja selbst klettern.“

„Freut mich, dass es geklappt hat.“ Als er selbst in Alex’ Alter gewesen war, hätte sein strenger Vater ihm so etwas niemals gestattet. Er war auf Bäumen und Felsen in der freien Natur herumgeklettert, um der Enge seines Elternhauses zu entkommen, und dabei immer waghalsiger geworden. Aber er hatte so auch seine Muskeln gestählt und sich schließlich gegen seinen Vater durchsetzen können. Danach hatten sie nie wieder ein Wort miteinander gewechselt.

Zum Glück hatte Taylor einen Onkel gehabt, der ihm geholfen hatte, seinen Weg zu finden. Vielleicht würde er für Alex einmal das Gleiche tun können.

„Na los“, sagte er. „Am besten, du packst schon mal zusammen, was du morgen mitnehmen willst. Und versuch, dabei nichts kaputt zu machen.“ Er grinste und zerzauste seinem Neffen das Haar.

„Mach ich, Onkel T.“ Alex erwiderte das Grinsen.

Vielleicht würden diese sechs Wochen doch weniger katastrophal verlaufen, als Taylor befürchtet hatte. Caroline hatte recht gehabt. Eigentlich kannte er seinen Neffen kaum, und das war eine Schande. Die Zeit mit ihm brachte Erinnerungen an seine eigene Kindheit zurück, die er lange verdrängt hatte.

Aber damit wollte er sich jetzt nicht beschäftigen. Taylor stand auf und suchte seine Joggingsachen zusammen. Seit Alex bei ihm war, hatte er sein tägliches Training vernachlässigt, ein paar Endorphine würden ihm guttun.

„Alex, ich geh laufen“, rief er durch den Korridor.

„Ist gut“, antwortete sein Neffe aus seinem Zimmer.

Draußen in der frischen Abendluft atmete er tief ein und aus und lockerte die Muskeln, bevor er in Richtung Park ging. Dank viel Sport und Krafttraining war er gut in Form, aber ihm fehlte der Kick, wenn er sich länger nicht bewegte. Bei seinen langen und anstrengenden Arbeitstagen brauchte er diesen Ausgleich.

Obwohl Taylor seine Kollegen sehr schätzte, hatte er nur wenige enge Freunde. Einige Kumpel, mit denen er klettern ging, und sein Kollege Ian McSorley. Er hatte mit einigen Frauen Beziehungen gehabt, aber nichts Verbindliches. Und genau so wollte er es. Zumindest bis jetzt.

Schon hatte er das weitläufige Parkgelände mit der für New Mexico typischen Wüstenlandschaft erreicht. Taylor fiel in seinen gewohnten Laufrhythmus und merkte schon bald, wie sein Körper sich entspannte.

Aus der Ferne sah Piper zu, wie Taylor über die sandigen Wege lief. Bei dem Tempo, das er anschlug, konnte sie unmöglich mithalten, also folgte sie ihm einfach langsam und genoss den Anblick der ungewöhnlichen Landschaft. Das Wüstenplateau von New Mexico war anders als alles, was sie bisher gesehen hatte. Die dominierenden Farben waren grün und braun, aber an den stacheligen Kakteen prangten leuchtend bunte Blüten. Die ungewohnte Höhenluft allerdings raubte ihr schnell den Atem, und sie ließ sich auf einem Stein nieder, um etwas auszuruhen.

Während Piper durchatmete, beobachtete sie den einsamen Jogger, der seine Kreise durch den Park zog. Er strahlte selbst auf diese Entfernung eine eigentümliche Intensität aus. Fast konnte sie den Duft seines herben Aftershaves riechen.

Sie fragte sich, wie er wohl in den kommenden Wochen mit seinem Neffen klarkommen würde. Im Krankenhaus hatten einige ihrer Kollegen tatsächlich Wetten abgeschlossen, wie lange er es aushalten würde. Männer wie Taylor stellten ihre Freiheit und Unabhängigkeit über alles. Genau so war es mit ihrem Exfreund gewesen.

Er war ebenfalls Arzt, in einer anderen Stadt, weit von hier entfernt. Eine Erfahrung, die sie nicht wiederholen wollte. Sie war nie genug für ihn gewesen, das hatte er ihr von Beginn an deutlich gesagt. Sie würde auch für Taylor nie genug sein.

Als er hinter einem Hügel verschwand, verlor sie ihn kurz aus den Augen. Bald darauf jedoch lief er auf dem Weg entlang, an dem sie saß.

„Hallo, Doc.“

„Was?“ Abrupt blieb er stehen. „Oh, Piper, hallo.“ Er beugte sich vor und stemmte die Arme in die Hüften. „Was machen Sie denn hier draußen?“

Unwillkürlich wanderte ihr Blick über seine nackten muskulösen Beine, die sehr knappen Joggingshorts und höher bis zu seiner breiten Brust, die sich hob und senkte. „Ähm, ich frische meine Anatomiekenntnisse auf.“

„Was?“ Verwirrt sah er sie an.

„Schon gut. Ich wollte Sie nicht aufhalten, sondern nur kurz hallo sagen.“ Sie spürte, wie sie errötete. Hoffentlich hatte er nicht bemerkt, wie sie ihn gemustert hatte. Einen Mann, mit dem sie zusammenarbeitete, anziehend zu finden, könnte doch etwas schwierig werden. Andererseits wäre es vielleicht auch eine nette kleine Ablenkung.

„Oh, kein Problem“, erwiderte Taylor. „Ich bin mit meinem Laufpensum ohnehin durch.“

„Haben Sie ein Camp für Alex gefunden?“ Themawechsel. So konnte sie sich selbst davon ablenken, wie umwerfend er in dem engen Laufshirt und den knappen Hosen aussah.

„Ja. Ich habe ihn angemeldet, und morgen geht es los. Vielen Dank für diesen Vorschlag, ich weiß nicht, was ich sonst gemacht hätte.“

„Er freut sich sicher.“ Piper war geradezu lächerlich froh darüber, dass er ihrem Rat gefolgt war.

„Und ob, er hat mich fast erdrückt vor Begeisterung.“ Taylor runzelte leicht die Stirn, was Piper nicht entging.

„Das ist doch schön, oder stören Sie Umarmungen?“ Sie hatte keine Ahnung, woher sie den Mut nahm, diese Frage zu stellen. Sie wusste nur zu gut, dass viele Männer Berührungen unangenehm fanden. Sex okay, aber liebevolle Umarmungen waren eine andere Sache. Das hatte mit Nähe und Intimität zu tun. Wie oft hatte sie diesen Konflikt in ihrer letzten Beziehung erlebt.

„Nein, aber ich bin wohl nicht dran gewöhnt.“ Taylor stellte ein Bein auf den Felsen und begann, Dehnungsübungen zu machen. „Ich bin selbst nicht besonders überschwänglich veranlagt.“

„Ich habe einmal gelesen, dass Umarmungen sehr gesund sind“, sagte Piper. „Sie kurbeln das Immunsystem an. Eigentlich braucht der menschliche Körper mindestens vier pro Tag.“

„Wirklich?“ Er hob skeptisch eine Augenbraue. „Das ist eine ganze Menge.“

„Mir gefällt die Idee. Es gibt einige Studien über den gesundheitlichen Nutzen menschlicher Berührungen.“

„Da sind Sie hier in Santa Fe am richtigen Ort, hier werden Sie jede Menge alternativer Therapien finden, die sich mit solchen Dingen beschäftigen.“ Aus seiner Miene war nicht klar zu entnehmen, ob er diese Konkurrenz zur Schulmedizin missbilligte oder nicht.

„Ja, vielleicht werde ich mich mal umhören, wenn ich die Zeit dazu finde.“ Piper selbst hatte die Wirkung menschlicher Berührungen zu oft erlebt, um an dem Nutzen zu zweifeln. Nicht nur an Patienten, auch an sich selbst. Als sie nach dem Tod ihrer Eltern gezwungen war, für sich selbst und ihre Schwester zu sorgen, war sie über Nacht erwachsen geworden. Ohne die liebevolle Unterstützung ihrer Tante Ida und deren Umarmungen hätte sie es nicht geschafft.

Aber die Leere, die sie in letzter Zeit in sich spürte, war anders. Sie sehnte sich nach einer Liebesbeziehung, aber zugleich fürchtete sie sich davor, so ein großes Risiko noch einmal einzugehen. Vielleicht musste sie sich auch einfach daran gewöhnen, allein zu sein. Taylor war ganz sicher nicht der Richtige für sie – und umgekehrt.

In diesem Moment trat er einen Schritt auf sie zu und hielt dann inne. „Tja, jetzt gerade bin ich wohl etwas zu verschwitzt, aber vielleicht können wir die Geschichte mit der Umarmung ein anderes Mal nachholen.“ Sein Blick wanderte zu ihren vollen Lippen, und plötzlich war er wieder so außer Atem wie nach dem Laufen.

Therapeutische Umarmungen? Normalerweise hielt er so etwas für großen Unsinn. Aber während er Piper mit ihrem geröteten Gesicht und ihrem Lächeln so ansah, kam ihm die Idee auf einmal nicht mehr so abwegig vor.

„Was genau hat Sie denn nach Santa Fe gebracht? Ihre Familie, Ihr Freund?“ Noch während er die Worte aussprach, wunderte sich Taylor über sich selbst. Normalerweise war er kein Mann, der höfliche Konversation betrieb, aber Piper interessierte ihn.

Sie schob sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Oh, ich weiß nicht genau. Ich bin schon an vielen Orten gewesen, aber noch nie in New Mexico. Es bot sich also an, und die Bezahlung ist auch nicht schlecht. Und Sie?“

„Ich habe in Albuquerque studiert und bin dann nach Santa Fe gezogen. Meine Schwester lebt auch hier.“ Ihm wurde klar, dass Piper seine Frage nicht wirklich beantwortet hatte. „Wie kommt es, dass Sie sich so gut mit Kindern verstehen? Haben Sie selbst welche?“

„Nein, aber ich habe meine jüngere Schwester großgezogen, nachdem unsere Eltern ums Leben gekommen sind.“

„Ich verstehe. Das war sicher nicht leicht.“

„Nein, allerdings nicht.“ Piper lächelte etwas traurig und sah ihn an. Die Luft zwischen ihnen schien zu vibrieren, und sie war nicht imstande, den Augenkontakt abzubrechen.

Taylors Blick ruhte wieder auf ihren Lippen, und ihr Herz schlug schneller, als sie sich vorstellte, wie er sie küsste. Eine Welle des Verlangens durchlief ihren Körper. Ob diese Art von Berührung wohl besonders therapeutisch wäre?

Affären zwischen Ärzten und Schwestern waren nichts Ungewöhnliches und kamen in jeder Klinik vor. Noch immer starrte sie Taylor an, und er erwiderte ihren Blick. Die Anziehung zwischen ihnen schien ihm keine Angst zu machen. Vielleicht war das für ihn nur eine andere Form von Extremsport?

In der Ferne ertönte das Jaulen eines Kojoten. Es würde bald dunkel werden.

Piper blinzelte und versuchte, sich zusammenzureißen. Sie strich sich das Haar aus dem Gesicht und biss sich auf die Lippen. Ihr Mund war ebenso ausgetrocknet wie die Wüstenlandschaft um sie herum. Das alles war nicht gut.

Dann wurden ihre Gedanken jedoch abgelenkt. „Haben Sie das gehört?“ Vielleicht bildete sie sich das Geräusch nur ein, aber zumindest war diese knisternde Spannung zwischen Taylor und ihr unterbrochen. Er trat einen Schritt zurück.

„Was gehört?“, fragte er und schaute sich um.

„Ich dachte erst, es wäre ein Kojote, aber jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher.“

Plötzlich war es ganz deutlich: Jemand rief um Hilfe. „Jetzt höre ich es auch“, sagte Taylor. „Kommen Sie.“

Sie liefen über einen kleineren Hügel und sahen einen älteren Mann, der auf dem Boden hockte, ein blutiges Fellbündel vor sich.

„Was ist passiert?“, fragte Taylor, als sie näherkamen.

„Ein Kojote, er hat meinen Hund angegriffen“, sagte der Mann, der schwer atmete.

Piper kniete sich nieder und fühlte seinen Puls. Sein Gesicht war stark gerötet. „Haben Sie gesundheitliche Probleme?“

„Bitte helfen Sie meinem Hund“, sagte er nur und schaute sie flehend an.

Fragend schaute Piper zu Taylor, der nur leicht den Kopf schüttelte. Für den Hund kam jede Hilfe zu spät.

„Wir schauen erst einmal, wie es Ihnen geht“, sagte sie mit ruhiger Stimme.

„Oh nein. Ist Muffin tot?“ Er griff nach ihrem Arm.

„Wir werden uns um Muffin kümmern, aber ich glaube, Sie brauchen auch Hilfe.“ Sie schob sich zwischen ihn und den leblosen Körper des Hundes.

Der Mann nickte und holte einen Inhalator aus seiner Jacke. Seine Hand zitterte, und Piper half ihm, das Gerät zum Mund zu führen. „Ich … ich bin etwas außer Atem.“

„Hat der Kojote Sie auch gebissen?“, fragte Taylor und kniete sich ebenfalls auf den Boden. Normalerweise hielten Kojoten sich von Menschen fern, wahrscheinlich war das Tier tollwütig, und sie würden es melden müssen.

„Nein, er hat nur Muffin angegriffen. Ich habe versucht, ihn wegzuzerren.“ Der Mann wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Seine Hände waren zerkratzt.

Aufmerksam musterte Taylor den Mann. Ohne medizinische Ausstattung waren ihre Möglichkeiten begrenzt. „Das war sehr tapfer von ihnen, aber ich fürchte, er hat Sie doch erwischt.“ Er wies auf die Bisswunde auf dem Unterarm.

„Oh.“ Der Mann schaute seinen Arm verwirrt an, dann blickte er zwischen Piper und Taylor hin und her und fiel plötzlich in Ohnmacht.

Er brachte Piper aus dem Gleichgewicht, die mit ihm zur Seite rutschte.

Taylor beugte sich vor und richtete den Mann wieder auf. „Alles klar?“, fragte er.

„Ja. Denken Sie, er ist einfach nur ohnmächtig geworden?“ Sie griff nach dem Handgelenk des Mannes. „Sein Puls ist okay, aber er sieht schlecht aus.“

„Wahrscheinlich nur der Schock. Aber ich werde den Rettungswagen rufen. Er muss auf jeden Fall ins Krankenhaus, der Kojote war vielleicht tollwütig.“ Taylor holte sein Handy aus der kleinen Tasche, die er um die Hüfte trug.

„Der Arme“, sagte Piper und schaute auf das blutige Fellbündel. „Glauben Sie, es war wirklich ein Kojote, oder einfach ein großer Hund?“

„Es gibt häufiger Kojotenangriffe, und die Tiere sind immer tollwütig. Wir müssen die Parkverwaltung informieren.“

Während es langsam dunkel wurde, schaute Piper sich etwas besorgt um. „Aber er wird doch nicht zurückkommen, oder? Ich meine, sind wir in Gefahr?“

Taylor grinste. „Ich denke nicht. Abgesehen natürlich von den Wölfen, Grizzlybären und den wilden Berglöwen.“

Piper musste lachen. „Hören Sie auf. Auch wenn ich vorher nie in New Mexico war, lass ich mir doch nicht jeden Unsinn erzählen.“

„Ich wollte Sie nur zum Lachen bringen.“ Und es war ein sehr bezauberndes Lachen.

„Schön, das ist Ihnen gelungen.“

Der Mann auf dem Boden stöhnte leise auf und fasste sich an den Kopf.

„Bleiben Sie ganz ruhig. Ein Krankenwagen ist unterwegs.“ Taylor legte eine Hand auf seine Schulter. „Piper, können Sie zum Eingang des Parks gehen und die Sanitäter hierherführen?“

Wenig später kehrte sie mit der Crew des Rettungswagens zurück, die ihre Ausrüstung unter dem Arm trugen. Eilig prüften sie den Blutdruck und den Herzrhythmus des Mannes.

Piper hockte sich wieder neben den Patienten. „Ich bin übrigens Piper, und das ist Dr. Jenkins. Wie ist Ihr Name?“ Sie sprach mit einer warmen beruhigenden Stimme, die auch Taylor nicht unberührt ließ.

„Jesse. Jesse Farmer.“

„Der Blutdruck ist verdammt niedrig“, sagte der Sanitäter.

Taylor warf einen Blick auf den kleinen tragbaren Monitor. „Hm, sieht nach einem Herzblock aus.“ Das war kein gutes Zeichen. „Jesse, hatten Sie schon einmal Herzbeschwerden?“

„Ja, mein Arzt sagte, ich brauche einen Herzschrittmacher. Aber die Idee gefiel mir nicht.“ Ein Sanitäter platzierte eine Sauerstoffmaske auf Jesses Gesicht.

„Ich fürchte, das wird sich jetzt nicht mehr vermeiden lassen. Okay, Leute, ich denke, ihr könnt ihn zum Wagen bringen. Und haltet den externen Schrittmacher bereit, falls er während des Transports noch einmal kollabiert.“

„Was ist mit Muffin?“, rief Jesse und griff nach Pipers Arm.

„Wir kümmern uns um ihn“, sagte Piper beruhigend. „Sie sollten Ihrer Familie Bescheid sagen, wenn Sie im Krankenhaus sind. Versprechen Sie mir das?“

„Ja, ist gut.“ Erschöpft ließ Jesse sich auf der Trage zurücksinken.

Als sie dem Rettungswagen hinterherblickten, fragte Taylor: „Was machen wir jetzt mit Muffin?“

„Mein Auto steht nicht weit von hier, und ich habe eine Plastikplane im Kofferraum. Sollten wir den Kadaver irgendwo hinbringen?“

„Zur Rangerstation, denke ich. Ich werde dort anrufen.“

Eine Viertelstunde später hatten sie Muffins Körper in den Kofferraum von Pipers Auto gelegt. Sie reichte Taylor Desinfektionsspray für seine Hände. „Falls der Kojote wirklich tollwütig war.“

„Sie sind auf alles vorbereitet, oder?“ Er grinste.

„Ich war bei den Pfadfindern, außerdem ist das schließlich mein Job“, gab Piper zurück. Inzwischen war es fast dunkel geworden, und Taylor schlug sich plötzlich mit der Hand gegen die Stirn.

„Verdammt, ich habe Alex vergessen.“ Nervös schaute er auf seine Uhr. „Ich bin jetzt schon fast zwei Stunden weg.“ So viel zu seinen Bemühungen, sich wie ein verantwortungsvoller Onkel zu verhalten.

„Er hätte sich doch gemeldet, wenn es ein Problem gäbe“, sagte Piper beruhigend. „Aber ich fahre Sie gerne nach Hause, das geht schneller.“

„Danke. Es ist auch nicht sehr weit.“ Erleichtert nahm er ihr Angebot an. Obwohl er sie erst seit zwei Tagen kannte, hatte Piper ihm schon jetzt sehr geholfen. Irgendwie musste er sich dafür revanchieren.

„Und wir wollen ja auch nicht, dass wilde Tiere Sie anfallen, oder?“

„Genau.“ Grinsend stieg er in Pipers Auto.

Nach wenigen Minuten waren sie bei Taylors Haus angekommen.

„Ich schaue schnell nach Alex, dann rufe ich bei der Rangerstation an. Möchten Sie vielleicht ein Glas Wasser oder etwas anderes?“

Piper folgte ihm ins Wohnzimmer, wo Alex im Schlafanzug auf dem Sofa saß und in einem Buch las, während er gleichzeitig einen Kopfhörer übergestülpt hatte.

Als er bemerkte, dass sie vor ihm standen, zuckte er vor Schreck zusammen und riss sich die Kopfhörer vom Kopf. „Hu. Was ist?“

„Alles okay?“, fragte Taylor. Er hatte ein schlechtes Gewissen, weil er sich so unzuverlässig verhalten hatte. Mit dem Fallschirm aus Flugzeugen zu springen, war wesentlich einfacher, als sich um einen Elfjährigen zu kümmern. Kein Wunder, dass er sich bisher vor allzu viel familiärer Verantwortung gedrückt hatte.

„Klar, warum nicht?“ Alex zuckte die Achseln und schaute ein klein wenig zu unschuldig drein, als er auf das Buch in seinem Schoß klopfte. „Ich lese gerade.“

„Oh, was denn?“, fragte Piper und trat einen Schritt näher. Sie hatte Mühe, das Grinsen zurückzuhalten, als sie das Buch genauer betrachtete. Mit einem Augenzwinkern griff sie danach und drehte es um. „Ich glaube, es ist einfacher, wenn du es so herum liest.“

Alex blickte zu ihr auf und errötete. „Erwischt“, sagte er leise.

„Allerdings“, mischte sich Taylor ein. „Wolltest du nicht mit deiner Schullektüre anfangen?“

„Ja, das wollte ich. Wirklich. Aber ich war so aufgeregt wegen morgen, dass ich einfach ein paar Videospiele spielen musste, um mich wieder zu beruhigen.“ Alex sprang vom Sofa auf. „Piper, Onkel T hat mich für ein Klettercamp angemeldet, und morgen fange ich an. Danke!“ Er umarmte sie und rannte dann zu seinem Onkel, um ihm ebenfalls begeistert um den Hals zu fallen.

Taylor zuckte sichtbar zusammen und lachte verlegen auf. „Okay, ich glaube, ich sollte bald duschen. Und für dich ist es jetzt Zeit fürs Bett, junger Mann.“

„Ich weiß“, sagte Alex und schaute Piper an. „Gute Nacht.“

„Gute Nacht, Alex.“ Lächelnd sah sie dem Jungen hinterher, als er das Wohnzimmer verließ.

Nachdenklich betrachtete Taylor sie. Piper hatte eine ganz besondere Ausstrahlung, er war noch nie einer Frau wie ihr begegnet. „Gut, dann rufe ich mal die Ranger an, um zu fragen, was wir mit dem Hund machen sollen.“

Nach kurzer Zeit beendete er das Telefonat. „Heute ist es zu spät, um noch jemanden herzuschicken. Wir sollen möglichst nichts anfassen und gründlich die Hände waschen.“

„Der arme Hund“, seufzte Piper und schaute Taylor an. „Ich werde mich dann mal auf den Weg machen.“ Für einen Moment war die knisternde Spannung zwischen ihnen wieder da. „Dieser Abend war sehr viel interessanter, als ich erwartet habe. Ich wollte nur im Park spazieren gehen, und herausgekommen sind ein medizinischer Notfall und ein tollwütiger Kojote.“

„Ja, das war eine ganze Menge Aufregung für einen Abend.“ Taylor ging mit ihr nach draußen und hob den Hundekadaver aus dem Kofferraum, um ihn in seine Garage zu bringen.

„Wir sehen uns morgen“, sagte Piper, bevor sie davonfuhr.

Taylor blieb stehen, bis das kleine Auto hinter der Biegung verschwunden war. Was war es nur, was ihn an Piper so anzog? Ihre blauen Augen, der sinnliche Mund, der förmlich nach einem langen, heißen Kuss zu rufen schien? Oder ihr wohlgeformter Körper, den er nur zu gerne streicheln wollte?

Im Haus ließ er sich auf das Sofa fallen und fuhr sich mit der Hand durch die Haare. Vielleicht war es eher das Funkeln in ihren Augen oder die Art, wie sie lächelte. Aber sie zu küssen wäre …

Abrupt rief Taylor sich zur Ordnung. Piper war eine Kollegin. Und auch wenn er schon eine Reihe von Affären in der Klinik gehabt hatte – das hier war etwas anderes. Sie war eindeutig keine Frau für ein paar Nächte. Eine Frau wie sie würde sich nur mit einer echten Beziehung zufriedengeben. Und davon hielt er sich fern.

Also Schluss damit. In Zukunft würde es keine langen Blicke mehr zwischen ihnen geben.

Als Taylor unter der Dusche stand, wanderten seine Gedanken zu seinen Eltern, seinem jähzornigen Vater und seiner weinenden Mutter. Die Erinnerung an diese unglückliche Beziehung würde ihn immer verfolgen.

Nach einer heißen Dusche schlüpfte Piper in ihr Nachthemd und setzte sich mit ihrem Laptop aufs Bett. Sie trank eine Tasse Tee und checkte ihre E-Mails.

Ihre Schwester hatte gerade ihre Ausbildung auf einer Hotelfachschule in Phoenix, Arizona, begonnen. Das war das erste Mal, das Elizabeth ganz auf sich allein gestellt war. Piper hoffte, dass ihre Schwester die Herausforderung bewältigen würde. Und was würde sie selbst tun, wenn Elizabeth sie nicht mehr brauchte?

Sie dachte zurück an ihren Abend mit Taylor...

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