Der skandalöse Antrag des Dukes

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Mauerblümchen Marina hat ihr Leben perfekt durchgeplant: Sie will komponieren, musizieren und niemals heiraten. Aber dann begegnet sie während einer Landpartie dem unverschämt attraktiven Brook, Duke of Framlingham. Als er sie um eine Scheinverlobung bittet, um Ruhe vor den Verkuppelungsversuchen seiner Mutter zu haben, lehnt sie erst empört ab. Doch kurz darauf wird sie von einem hochnäsigen Gast als langweilig verspottet – und sagt spontan Ja zu Brooks Plan. Natürlich nur, um zu beweisen, dass auch sie den begehrtesten Junggesellen erobern kann. Ein Fehler? Insgeheim verzehrt sie sich bald immer mehr nach Brooks leidenschaftlichen Küssen …


  • Erscheinungstag 28.04.2026
  • Bandnummer 452
  • ISBN / Artikelnummer 0814260452
  • Seitenanzahl 256

Leseprobe

Lucy Morris

Der skandalöse Antrag des Dukes

1. KAPITEL

London – Juni 1816

„Zwei ganze Tage mit diesen selbstgefälligen Moorcrofts! Nein, ich glaube, das kann ich nicht ertragen …“ Marinas Mutter seufzte schwer und klatschte dann entschlossen in die Hände. „Colin, ich denke, wir sollten heimfahren – sagen, ich sei unpässlich oder sonst etwas. Ich weiß, es ist eine ausgezeichnete Gelegenheit. Aber ehrlich, es wäre für dein Geschäft besser, wir nähmen nicht teil.“

Ob der Aussicht hellte Marinas Stimmung sich auf. „Ich hätte nichts dagegen umzukehren. Ich habe ein paar Melodien im Kopf, die ich üben möchte.“ Was stimmte, doch es gab noch andere Gründe – unerfreuliche Gründe.

Ihr Vater schüttelte den Kopf, und Marina und ihre Mutter seufzten betrübt. Die meisten Leute wären ganz aus dem Häuschen gewesen, von der Duchess of Framlingham eine Einladung zu einer Hausparty zu bekommen. Sie würden es als große Ehre betrachten, sich in dem hochherrschaftlichen Heim einer so illustren Gastgeberin aufzuhalten, die vom ton geliebt und bewundert wurde. Marina allerdings – genau wie ihre Mutter – konnte sich nichts Schlimmeres vorstellen.

Die Moorcrofts verderben alles!

Die Rivalität zwischen den beiden Familien währte schon Jahre, wenn auch bis vor Kurzem einseitig, da Marinas Familie stets, so gut es ging, versuchte, sie zu übersehen.

Begonnen hatte alles, als ihr Vater, der Sohn eines gewöhnlichen Maurers, nicht nur gewagt hatte, sein eigenes Architekturbüro aufzumachen, sondern – viel wichtiger – viele Aufträge erlangen konnte, die Mr. Moorcroft fälschlich als ihm zustehend erachtet hatte, weil er, anders als Marinas Vater, der Sohn und Enkel gefeierter Architekten war.

Es wäre nicht so schlimm gewesen, hätte es sich auf ihre Berufe beschränkt. Doch schien die gesamte Familie Moorcroft sich daran zu erfreuen, einen Krieg vom Zaun zu brechen.

Herbert und Priscilla Moorcroft waren in ähnlichem Alter wie Marina und ihr Bruder Frederick. Sie hätten Freunde sein können, wenn die Moorcrofts nicht so entschieden versucht hätten zu beweisen, dass sie insgesamt etwas Besseres waren, und sie deshalb manchmal in aller Öffentlichkeit demütigten und in Verlegenheit brachten.

Marina hatte sich nichts daraus gemacht – bis zu der erst kürzlich erfolgten bösen Kränkung. Dabei sollte ihr der arme Frederick viel ärger leidtun. Er tat sich sowieso schwer im Umgang, und nun hatte er im Internat den „Hundsgemeinen Herbert“ am Hals.

„Aber Colin, man akzeptiert uns ja ohnehin nicht. Nicht nachdem die Moorcrofts sich ihnen angedient haben. Was ein Jammer ist. Aber meinst du nicht, wir sollten besser wegbleiben, ehe der Schaden noch größer wird? Anstatt grundlos zwei qualvolle Tage zu ertragen?“

Marinas Vater Colin Fletcher mit seiner üblichen Ruhe und Überlegung drückte beruhigend Mutters Hand. „Kitty, Liebes, sorge dich nicht weiter, alles wird gut.“ Marina schenkte er ein ermunterndes Lächeln, das zu erwidern sie sich bemühte. „Wir treffen Seine Gnaden und die Duchess. Wer das Heim ihrer Ahnen umgestaltet, werden die beiden entscheiden – nicht ich und gewiss nicht die Moorcrofts.“

Der prächtige Sitz der Duchess befand sich in Twickenham, oberhalb der Themse, auf der Nordseite des Flusses, daher hatten sie nicht über die London Bridge gemusst. Dennoch hatte es unerwartet viel Zeit gekostet, sich auf dem Weg in das modische Domizil der Duchess praktisch gegen den Strom durch die zu ihrer abendlichen Unterhaltung in die Stadt strömenden Wagen zu schlängeln. Der Ball der Duchess am Ende der Saison galt im ton als legendär. Auch war sie bekannt für ihre extravaganten Hauspartys, und nur die Imponierendsten und Begehrtesten aus der feinen Gesellschaft Londons wurden als würdige Gäste erachtet. Somit war eine solche Einladung für Marinas Familie eine unglaubliche Ehre und nur dem Erfolg ihres Vaters geschuldet.

Laut der goldgeprägten Einladungskarte würde das zweitägige Ereignis aus einem Dinner mit entsprechenden Zerstreuungen vorab sowie einem Ball am folgenden Tag bestehen, wo der gesamte ton von den aufregenden Plänen des Dukes bezüglich seines Heims erfahren würde.

Die Duchess hatte sie gebeten, zwei Nächte zu bleiben, damit sie die Familien solch unglaublich talentierter Architekten besser kennenlernen könne. Offensichtlich beabsichtigte sie, entweder Marinas Vater oder seinen Rivalen Mr. Moorcroft zu engagieren. Diese gesamte Veranstaltung sollte wohl ein Wettbewerb sein und der Gewinner am Ballabend verkündet werden.

Jede Hoffnung, solch ein Schauspiel zu vermeiden, war rasch von Vaters entschiedener Weigerung erstickt worden. Es war ein Wettbewerb zwischen den beiden besten Architekten Londons, und er wollte sich dem geradeheraus stellen – trotz der schwierigen Vorgeschichte der beiden Familien.

Unsicher tätschelte Marina ihr Haar, ob ihre Frisur trotz des Rumpelns der Kutsche noch intakt sei. Ihre Mutter hatte auf einem eleganten Chignon bestanden, und kleine Löckchen umrahmten ihr Gesicht. Doch bisher hatte sich keine Haarnadel gelöst, anders als bei ihrer Mutter. Schnell half Marina ihr, eine Strähne wieder festzustecken. Sie hatten beide dichtes, rabenschwarzes Haar, das schwer zu bändigen war. Marina ähnelte mit ihrem hellen Teint und den strahlend blauen Augen ihrer Mutter. Nur war diese ein wenig fülliger, gewiss aufgrund der beiden Kinder, die sie ausgetragen hatte. Ihnen beiden wurde von der Gesellschaft keine große Schönheit zugeschrieben, was Vater anscheinend nicht störte, denn er betete sie gleichermaßen an.

„Diesen Wettbewerb in solch gesellschaftlichem Rahmen finde ich ein wenig geschmacklos! Wenn sie den Sitz ihres Stammhauses umgestalten wollen, warum nicht Pläne anfordern wie jeder normale Mensch? Welche Rolle spielt es, ob sie uns mögen oder nicht?“ Damit wiederholte Marina die Klage, die ihre Mutter seit Tagen führte.

„Wer sind wir, die Aristokratie anzuzweifeln?“, fragte Vater spitz.

„Wir sollten unsere Zeit nicht wegen einer exzentrischen Laune anderer verschwenden müssen“, meinte Mutter. „Entweder sie wollen deine Arbeit oder nicht. Genau wie Marina finde ich das unwürdig.“

Marina nickte, dann bemerkte sie: „Dabei ist es ein wenig seltsam, dass so viele von uns zum Dinner geladen wurden. Die Moorcrofts, Lord Clifton und seine Schwester Miss Clifton … nun, das kann ich wohl verstehen. Ich glaube, die Cliftons sind enge Freunde der Familie. Aber die Redgraves? Die sind nicht einmal Architekten.“

Marinas Eltern wechselten einen wissenden Blick. „Ich glaube, die Duchess hofft, neben einem Architekten eine passende Partie für ihren Sohn zu finden. In dieser Saison gab es schon viele Verlöbnisse – fast alle Debütantinnen sind vergeben.“

„Also sind wir das Unterhaltungsprogramm.“ Marina stöhnte, dann tat sie, als läse sie aus einem Skandalblatt vor: „Welcher Architekt wird es werden? Platzieren Sie Ihre Wetten, Ladys und Gentlemen. Und welche junge Dame wird die Hand des Dukes gewinnen? Es ist bekannt, dass der Duke gern dem Glücksspiel frönt, doch wird er sein Herz aufs Spiel setzen? Es ist …“

„… nicht unsere Sache“, unterbrach ihr Vater sie streng.

Marina zuckte die Achseln. „Richtig. Zum Glück werden nur die Ladys mit Stammbaum im Rennen sein, nicht ich oder Miss Moorcroft, da wir nicht zum Adel gehören.“

„Aber Mrs. Moorcroft ist ebenfalls Architektin – ihres sozialen Aufstiegs“, spottete Mutter. „Schau mich nicht so an, Colin. Sie hat es letzte Woche beim Tee vor Mrs. Banks herausgekräht. ‚Meine Priscilla hat schon die Aufmerksamkeit der Duchess of Framlingham erlangt, und ihre erste Saison ist längst nicht zu Ende! Bei diesem Tempo wird sie noch vor der Prinzessin heiraten! Schließlich ist sie eine so glanzvolle Schönheit!‘“, äffte sie die Dame im Tonfall nach.

Marina und ihr Vater amüsierten sich gleichermaßen über die treffende Darbietung, Letzterer allerdings gab sich rasch streng. „Ach Kitty, eines Tages wirst du so noch Ärger bekommen.“

Doch sie alle wussten, dass er ihr alles vergeben würde: Als niemand sonst ihn unterstützt und an ihn geglaubt hatte, hatte Mutter fest zu ihm gestanden. Ein Teil seines großen Erfolgs war seinem Bedürfnis geschuldet, ihr andauernd zu beweisen, dass sie mit Recht an ihn glaubte. Außenstehende mochten vielleicht glauben, Mutters Kritik an den Moorcrofts sei harsch, doch sie versuchte nur, es Marina leichter zu machen, dass sie Priscilla abermals begegnen musste.

„Ich verspreche, mich tadellos zu betragen, liebster Gatte“, entgegnete sie, während sie Marina zuzwinkerte. „Aber ich glaube fast, sie hat hohe Erwartungen für Priscilla und will jemanden wie Lord Clifton für sie oder gar den Duke … was lachhaft ist – ich bezweifle, dass der sich je binden wird, außer um einen Bankrott zu vermeiden.“

Marina rückte ungemütlich auf ihrem Platz herum, das Thema Heirat behagte ihr nicht. Zu Beginn der Saison war sie voller Hoffnung gewesen; nach jenem schrecklichen Vorfall auf der Soiree der Haxbys allerdings fürchtete sie, eine Ehe sei für sie nicht mehr möglich. Zumindest nicht eine glückliche Ehe wie die ihrer Eltern, und Geringeres als echte Liebe wollte sie nicht.

Marina hatte auf schlimmste Weise erleben müssen, dass sie nicht der Typ war, nach dem sich alle Köpfe drehten oder in den sich ein Mann rasend verliebte – egal was derjenige auch behaupten mochte. Besonders nicht, wenn sie neben Frauen wie Priscilla saß.

Nach langen Überlegungen – und vielen Tränen – schreckte sie die Aussicht, unverheiratet zu bleiben, nicht mehr. Für sie würde ihre Familie stets an erster Stelle stehen. Romantische Liebe oder das Fehlen derselben war höchstens eine flüchtige Enttäuschung.

Die Liebe ihres Lebens würde die Musik sein. Sie brauchte überhaupt nicht zu heiraten.

Als hätte ihr Vater ihre Gedanken gelesen, sagte er liebevoll: „Na, niemand wird dich drängen, einen Mann zu mögen. Ich möchte dich viel lieber daheim behalten, als dich jemandem zu geben, der dich nicht verdient.“

Marina schaute ihre Mutter eindringlich an, was diese demonstrativ übersah. Vermutlich hatte Mutter ihm von dem Haxby-Vorfall erzählt, trotz ihrer Bitte, es ihm zu verschweigen. Was wohl erklärte, warum er nie hinterfragt hatte, warum Mr. John Richards plötzlich nicht mehr daran interessiert gewesen war, ihr den Hof zu machen. Ihr rann es kalt den Rücken hinab, als sie daran dachte, wie der Mann mit Priscilla gelacht hatte.

„Ah, im Vergleich mit deiner Schönheit ist sie ein Nichts. Aber ein Mann braucht Geld zum Leben, und nur keine Sorge – ich werde dieser grässlichen Musik ein Ende setzen, sobald wir verheiratet sind. Mauerblümchen-Maestro Marina ist wirklich zum Lachen. Wäre sie nicht so reich, hätte ich sie nie auch nur angesehen.“

Der entschuldigende Tonfall ihres Vaters durchdrang die schmerzhafte Erinnerung. „Ich meine nur – du hast mehr Verstand, als ein Auge auf den Ersatz-Duke zu werfen.“

Marina verzog ob des Spitznamens das Gesicht. Sie hatte den Mann nie getroffen, fand es aber sehr gemein, dass die Gesellschaft ihn nach dem plötzlichen Tod seines älteren Bruders so nannte. Schließlich wusste sie, wie es war, hinter dem Rücken verspottet und lächerlich gemacht zu werden.

„Das ist gar nicht nett!“ Mutter sah ihn vorwurfsvoll an. „Für den Duke muss es schwer gewesen sein. Ich hörte, er hat schon sehr jung durch einen Reitunfall seinen Vater verloren, und dann den viel älteren Bruder auf ähnliche Weise zu verlieren … Er muss das Gefühl gehabt haben, zwei Väter zu verlieren! Wirklich ein Jammer!“

„Ja, tut mir leid. Ich meinte nur, anscheinend ist er unvorbereitet und nicht willens, die Verantwortung für den Titel zu übernehmen – und ich hörte, er führe sich schlimm auf, seit er von der Armee zurück ist. Ein ziemlicher Strolch. Ist ständig in Spielhöllen und anderen schlecht beleumundeten Etablissements. Ob dieses neue Haus je zustande kommt – mich würde es wundern. Er verbringt die meiste Zeit bei White’s.“

„Trotzdem finde ich es falsch, ihn einzig aufgrund von Klatsch und Hörensagen so streng zu beurteilen“, antwortete Marina.

Ihr Vater nickte nachdenklich. „Wahrscheinlich werden wir heute Abend beim Dinner die Wahrheit selbst herausfinden.“

In diesem Moment hielt der Wagen vor dem Haus der Duchess, und sie kletterten vorsichtig hinaus auf den Vorplatz. Gaslampen erhellten das imposante, im palladianischen Stil erbaute Palais nur zur Hälfte. Der weiße Stuck glänzte im Lampenlicht wie Marmor, und klassische Säulen trugen den Vorbau vor dem Portal am Ende der Freitreppe. Alles sprach vom Reichtum und der Eleganz der illustren Besitzer.

Es war ein einschüchternder Anblick, und Marina schaute ihren Vater an, um zu sehen, was sein professionelles Auge daraus machte. Zu ihrer Überraschung fand sie seinen Blick auf sich geheftet. „Was meinst du?“, fragte er. „Könnte ich wohl etwas Besseres erschaffen?“

Marina lächelte verschmitzt. „Bestimmt.“

„Das höre ich gern“, sagte er. Nachdem er den Droschkenkutscher entlohnt hatte, hakte er seine beiden Damen unter und geleitete sie die Treppe hinauf, während Lakaien herbeiströmten und stumm das Gepäck ins Haus trugen. Umgehend wurden sie vom Butler willkommen geheißen und in einen riesigen Salon geführt, der mit seiner Eleganz viele vornehme Häuser beschämt hätte. Marina war froh, dass sie ihre beste Abendrobe gewählt hatte, und versuchte unauffällig, ein paar Knitterfalten in der hellblauen Seide glatt zu streichen, ehe sie eintrat.

Sie waren die letzten Gäste. Die Moorcrofts hatten es sich bereits recht bequem gemacht, so als wären sie schon länger anwesend. Zweifellos flugs von ihrer Selbstherrlichkeit hergeweht, dachte Marina trocken.

Während sie formell vorgestellt wurden, konnte Marina ihren Blick nicht von dem Duke abwenden. Nie zuvor hatte sie einen solchen Mann gesehen: groß, dunkelhaarig, mit heller Haut und grünen Augen, die sie an eine Raubkatze erinnerten. Er sah gut aus, doch irgendwie kühl und geschliffen. Er hatte eine schmale Hüfte und unglaublich breite Schultern. Sie hatte gehört, dass er bei Waterloo dabei gewesen war, und konnte sich gut vorstellen, wie er seine Truppe zum Sieg führte und mit seiner imponierenden Gestalt Furcht unter den Feinden verbreitete.

„Strolch“ schien ihr nicht die richtige Beschreibung für ihn zu sein.

Ah, sie konnte sich gut vorstellen, wie er die Träume und die Tugend vieler Mädchen zerstörte. Der Name aber implizierte jene Dandys, die in den Herrenklubs herumlungerten und eigentlich nur dem Brandy, dem Glücksspiel und der Unzucht übermäßig zugetan waren, mit von Laudanum wirrem Kopf und Schulden anhäufend, ohne je zu etwas gut zu sein.

Dieser Mann wirkte nicht wirr im Kopf, er sah aus wie ein Dämon, einer, der schwächere Seelen zu Laster und Verruchtheit verführte.

„Was hat Sie aufgehalten, Fletcher?“, fragte Mr. Moorcroft mit falschem breitem Lächeln. „Alle sind schon seit einer Viertelstunde hier.“

Marina hatte die anderen Gäste schon flüchtig kennengelernt: den stattlichen Lord Clifton, seine hübsche Schwester Miss Clifton, Lord und Lady Redgrave, Miss Sophia Redgrave und natürlich die Moorcrofts – abgesehen vom „Heimtückischen Herbert“ natürlich, mit dem sich gerade der arme Freddie herumschlagen musste.

Kenneth Moorcroft war um mindestens zehn Jahre älter als Marinas Vater, mit ergrautem, bereits gelichtetem Haar. Für einen Mann in den Sechzigern war er durchschnittlich gebaut, kleidete sich jedoch, als hielte er sich für einen Apoll, zweifellos, um zu verbergen, dass er viel älter als seine Gattin war. Er hatte Kinder aus erster Ehe, die jedoch selten erwähnt wurden. Sie waren auf einen seiner Landsitze verbannt worden, als seien sie mit seiner verstorbenen Frau begraben. Nur die Kinder aus seiner jetzigen Ehe schienen ihm etwas zu bedeuten.

Marina konnte ihn absolut nicht leiden, und seine Gegenwart schon gar nicht.

Zwar schaute ihr Vater ein wenig verlegen drein, deutete jedoch auf die goldverzierte Uhr auf dem Kaminsims. „Wir sind immer noch zehn Minuten zu früh hier, und ich hielt es für das Beste, den Kutscher nicht zu hetzen.“

„Richtig“, meinte die Duchess. „Manche Kutscher fahren erschreckend schnell.“

Mit einem Mal empfand Marina ihre vorherige Kritik an der Gastgeberin als ein wenig gehässig. Die Frau vor ihr war viel jünger, als sie erwartet hatte, und wirkte freundlich und gelöst. Sie trug eine aufwendig bestickte rubinrote Robe.

„Sie sind den ganzen Weg mit einer Droschke gekommen?“ Mr. Moorcroft lachte. „Sie sind wirklich exzentrisch, Fletcher, gehen überallhin zu Fuß! Ich habe erst letzte Woche eine neue Kutsche gekauft. Einen schönen Reisewagen, bequem und praktisch. Man wird sogar unser Wappen auf die Schläge malen, und das zu einem günstigen Preis …“

Marina verdrehte die Augen und ignorierte bewusst den Rest seiner Worte, die vor Selbstgefälligkeit strotzten. Sie merkte, dass ihre Eltern stumm mit den Zähnen knirschten.

Der Blick grüner Augen begegnete dem ihren, und sie bemerkte, dass der Duke sie interessiert beobachtete. Normalerweise nahm niemand Notiz von ihr, sodass ihre kleinen Gesten unbemerkt blieben, heute Abend jedoch anscheinend nicht. Ein winziges Heben seines Mundwinkels enthüllte, dass er wusste, was sie dachte, und dass er es amüsant fand. Ihr wurden die Wangen heiß, und sie schaute fort und betete, er werde es ihr gleichtun.

„Bequemlichkeit ist unbezahlbar!“, äußerte Mrs. Moorcroft in widerlich süßem Ton. „Besonders, wenn man so viel umherreist wie wir.“ Sie schob ihre Hand in die Armbeuge ihres Gatten und schaute anbetend zu ihm auf, als wäre er nicht der widerwärtigste Mann der Welt. Marina bekam beim Zuschauen Sodbrennen.

„Gesundheit auch“, warf sie ein, sie konnte nicht anders. „Vater glaubt fest daran, dass es der Gesundheit und Zufriedenheit zugutekommt, wenn man seine Füße benutzt.“

Die Duchess lächelte warm. „Dem stimme ich zu. Ich bewege mich so gern zu Fuß oder zu Pferde auf dem Besitz. Alles, was den Herzschlag beschleunigt! Ich fühle mich dann so lebendig.“

Marina nickte – sie konnte sich gut vorstellen, dass die Moorcrofts mit ihrem Gerede von guten Beziehungen und Reisen zu all den großen Landsitzen des Adels die Duchess langweilten, da ihre Aufmerksamkeit weniger den Schönheiten des Gesehenen galt als der Wichtigkeit der besuchten Orte und wie viel es sie gekostet hatte.

„Ich lebe die meiste Zeit in London, aber manchmal reisen wir ans Meer, und ich finde, es gibt nichts Schöneres als die Küste, wo das Land auf die offene See trifft“, bemerkte Marina.

„Oh, dann müssen Sie nach Stonecroft Manor kommen – das ist unser Landsitz, den wir zu modernisieren hoffen“, sagte die Duchess. „Er ist wunderschön, aber sehr alt. Jeden Sommer bin ich dort, um im Meer zu baden. Natürlich ist es dort nicht so unterhaltsam wie etwa in Brighton, aber für die körperliche Verfassung ist es genauso gut.“

„Welch wunderbare Idee!“, rief Mrs. Moorcroft so atemlos, als hätte sie jäh bemerkt, dass sie den Einsatz verpasst hatte. „Auch ich liebe es, im Meer zu baden!“

Ein Blick auf den Duke zeigte Marina, dass sein unterdrücktes Grinsen breiter wurde, doch hafteten seine Augen unverwandt auf ihr, und sie konnte einfach nicht fortschauen, obwohl sie doch eigentlich sollte.

Nicht die nächsten Worte der Duchess überraschten Marina, sondern wie sie auf den Duke wirkten. „Brook liebt es dort sehr. Die Jagdmöglichkeiten sind ausgezeichnet. Ich sollte in diesem Sommer dort eine weitere Hausparty ausrichten! In der Tat sollte ich dort meinen Ball zum Saisonausklang geben und nicht hier. Das wäre eine nette Abwechslung, nicht wahr, Brook?“

Jäh ging dem Duke sein Amüsement verloren. „Wie du wünschst, Mutter, aber ich werde nicht dabei sein. Du kennst meine Pläne. Unsere Angelegenheiten sind so gut wie erledigt, und ich werde in Kürze abreisen und den Kontinent besuchen.“

„Oh, aber du bist eben erst aus der Armee zurück, und wir waren so lange nicht gemeinsam auf Stonecroft Manor“, erwiderte sie, ihr Lächeln übertrieben strahlend und ein wenig gezwungen, wie es Marina schien. „Gewiss kannst du es noch kurz aufschieben? Außerdem hörte ich, das Wetter auf dem Kontinent sei sehr schlecht für die Jahreszeit. Bleib besser in England und genieße mit Freunden die Schönheit deines eigenen Heims!“

„Ich habe es schon einmal aufgeschoben“, sagte er so entschieden, dass seine Mutter zusammenzuckte. Marina verspürte unwillkürlich Mitleid mit ihr. Ganz offensichtlich wollte die Duchess mehr Zeit mit ihrem Sohn verbringen.

Wie kann er so grausam sein?

Leise und ruhig sagte die Lady: „Bitte, Brook …“

„Bis zum Ende der Saison“, sagte er nach kurzem Zögern barsch.

Als er sich von seiner Mutter abwandte, war seine Miene gewitterschwarz und anklagend. Zu Marinas Schrecken heftete er den Blick auf sie, als gäbe er ihr die Schuld an den Plänen seiner Mutter, als hätte sie diese Einladung absichtlich herbeigeführt – wobei ihr doch nichts ferner gewesen war.

Nun fürchtete sie, sich den Duke zum Feind gemacht zu haben, und wie würde sich das wohl geschäftlich auf ihren Vater auswirken? Außer ihrer Musik war nur eins ihr wichtig: das Glück ihrer Familie.

Was der Duke nie verstehen wird; man sehe nur, wie grausam er seine trauernde Mutter behandelt, die nichts mehr will, als Zeit mit ihm zu verbringen.

Nie hatte Marina einen unangenehmeren und selbstsüchtigeren Mann gekannt, und ausnahmsweise war sie froh, ein Mauerblümchen zu sein. Er würde sie bald genug vergessen – und dazu musste sie nichts tun, als ein paar Tage mit ihm zu ertragen.

2. KAPITEL

„Ah, die Glocke läutet zum Dinner“, sagte Brooks Mutter, und passender hätte die Unterbrechung nicht kommen können. „Begeben wir uns in den Speisesaal.“

Sie hat es schon wieder getan!

Ihr Beisammensein verlängert, obwohl sie genau wusste, dass er bereit zum Aufbruch war.

Diese Hausparty, gedacht, sich für einen Architekten zu entscheiden, sollte sein letzter Auftritt in der Gesellschaft sein, aber nun hatte Mutter innerhalb weniger Minuten, noch während man bei der Begrüßung war, eine weitere Party beschlossen!

Wann wird das enden?

Er kannte die Antwort. Wenn er verheiratet war und sich mit seiner Braut häuslich niedergelassen hatte, und zwar im tiefsten Suffolk in dem neuen Herrenhaus auf Stonecroft Manor, das zu erbauen seine Mutter beharrlich von ihm verlangte.

Sie schien davon besessen, ihn verheiratet zu sehen, denn ununterbrochen drang sie darauf, er möge mittels Eheschließung und Zeugung eines Erben dafür sorgen, dass die Blutlinie fortgesetzt werde. Wozu er nicht geneigt war. Zu lange war er nur der Ersatzerbe gewesen, gezwungen, sich allein seinen Weg zu bahnen, und er würde seine Pläne und Träume nicht aufgeben, um nach der Pfeife seiner Mutter zu tanzen.

Seit Kurzem hatte sie sich noch verzweifelter aufs Ehestiften verlegt, hatte keine Gelegenheit ausgelassen, ihn vor all den jungen Damen und Debütantinnen Londons aufmarschieren zu lassen. Ironisch war, dass es ihr nie wichtig gewesen war – nicht bis zum Tod seines Bruder Robert. Dann schien sie sich plötzlich seiner Existenz erinnert zu haben, hatte ihn quasi entstaubt und in Form gebracht wie einen alten Hut, den sie mit einem Mal wieder tragen wollte. Vielleicht suchte sie einen Vorwand für eine weitere Party? An diesem Punkt war sie langsam so versessen darauf, ihn verheiratet zu sehen, dass sie ihn sogar vor den Gästen hier feilbot.

Selbst solch widerlichen Emporkömmlingen wie den Moorcrofts. Seit fast einer halben Stunde litten sie unter dem geistlosen Geplapper des Ehepaares. Die anderen Gäste waren durchaus nett, wenn auch still, aber das machten die Moorcrofts um Längen wett. Mrs. Moorcroft war fröhlich und freundlich, während Mr. Moorcroft sich mit jeglichem Thema auszukennen schien – und zu jedem eine Meinung hatte.

Ihre Tochter Priscilla war sehr hübsch, in der Art naiver Debütantinnen. Gebildet und doch rein wie Schnee – und eindeutig nicht die Art Frau, die er hofieren würde. Obwohl die Moorcrofts anscheinend diesbezüglich andere Vorstellungen hatten, da sie sie den anwesenden Junggesellen vorführten wie eine preisgekrönte Kuh.

Eigentlich war an ihren Manieren nichts zu beanstanden, und sie wirkten unglaublich herzlich, so sehr gar, dass Brook fast ein schlechtes Gewissen hatte, weil er sie nicht leiden konnte. Allerdings nur so lange, bis die Fletchers eingetroffen waren und er die dunklere Seite des Moorcroft’schen Wesens gesehen hatte.

Es war subtil, und er war sich der Gründe nicht sicher, doch zwischen den beiden Familien herrschte eine frostige Atmosphäre, die über berufliche Rivalitäten hinausging. Jedes Lächeln war eisig kalt und die leeren Höflichkeiten gefärbt mit Missfallen. Es faszinierte ihn und versprach eine etwas weniger öde Hausparty, als er erwartet hatte – bis die Einladung zu der zweiten Hausparty erfolgt war.

Guter Gott! Wie viele davon wird Mutter noch aushecken? Werde ich je entkommen können?

Wenigstens war sein Freund George Clifton hier. Zwar wusste er, dass seine Mutter wünschte, er werde Georges Schwester heiraten, in Wahrheit war er jedoch an keiner dieser jungen Frauen interessiert. Besonders Miss Clifton als Schwester seines Freundes sah er eher als eine Verwandte. Miss Redgrave war durchaus hübsch, kam ihm jedoch stets ein wenig beschränkt und seicht vor.

Tatsächlich war die Einzige, die ihn hier heute faszinierte, die junge Frau, die seine Mutter offensichtlich nicht in ihre Heiratspläne für ihn eingeschlossen hatte: die aufgeweckte Miss Marina Fletcher, die hier war, um ihrem Vater bei seinem potenziellen Auftrag beizustehen.

Was seine Mutter anging, kam eins nach dem anderen, und das ganz bestimmt nur, um ihn so lange wie möglich in England festzuhalten, darauf hoffend, ihn verheiratet und mit eigener Familie zu sehen.

Zuerst waren da die Bestattung und das Testament zu erledigen gewesen, der Besitz zu ordnen, Pachtangelegenheiten zu regeln. Dann die Spielleidenschaft und die ewigen Partys seiner Mutter. Was ihre Gesellschaften betraf, war sie schon immer extravagant gewesen, doch nach Roberts Tod war das aus dem Ruder gelaufen.

Er hätte denken können, sie tue das mit Absicht, um ihn in ihrer Nähe zu halten, wenn er auch nur einen Augenblick geglaubt hätte, sie wolle ihn bei sich haben, doch das bezweifelte er.

In jedem Fall würde sie enttäuscht sein. Gleich morgen würde er die Pläne für seine Reise fertigstellen. Falls sie es wünschte, würde er bis nach dem Ball auf Stonecroft bleiben, doch gleich anschließend abreisen.

Die Schulden seiner Mutter waren nun eingedämmt, ihr ein festes Nadelgeld ausgesetzt, das sie nicht überschreiten konnte, und in den nächsten Tagen würde er den Architekten für das neue Landhaus bestimmen. Jetzt schon bevorzugte er Mr. Fletcher. Der schien ihm ein Mensch zu sein, der auch ohne seine – Brooks – Anwesenheit etwas zustande brachte.

Mr. Moorcroft hingegen wirkte auf ihn fast schon zu entgegenkommend, denn er nickte begeistert zu jedem Vorschlag seiner Mutter, wie lachhaft er auch war.

Mr. Moorcroft nährte ihre Selbstwertgefühle, erkannte Brook. Bewunderte wiederholt Eleganz und Stil des Salons, verglich ihn zu ihren Gunsten mit Salons anderer berühmter Häuser, die sie bei ihren Reisen durchs Land besichtigt hatten.

Brook hatte nichts darauf geantwortet. Seine diversen Wohnsitze waren ganz nach dem Geschmack seiner Mutter gestaltet und für den seinen etwas zu extravagant. Nachdem er mehr als einmal auf dem Schlachtfeld fast in Stücke gerissen worden war, empfand er, sich in solcher Opulenz zu suhlen, fast als … vulgär. Aus eben dem Grund wohnte er in einem wesentlich schlichteren Stadthaus im Herzen Londons.

Als dann die Fletchers eintrafen, hatte er ebensolche Aufgeblasenheit erwartet, war dann aber von Mr. Fletchers sachlicher, offener Haltung angenehm überrascht. Seine Mutter hatte gesagt, der Mann werde in seinem Fach als Genie angesehen und habe sich mit Biss und Entschlossenheit emporgearbeitet – sowie mit der Hilfe zweier reicher Wohltäter, darunter die Familie seiner Gattin, die alle, wie man hörte, immer noch ob seines unerwarteten Erfolgs frohlockten.

Mrs. Fletcher und ihre Tochter waren beide, was man nicht so nett als unscheinbar bezeichnen mochte, doch für Brook waren sie zutiefst bezaubernd. Sie hatten etwas Fesselndes – geistige Wachheit und raschen Witz vielleicht? Wie in ständigem stummem Austausch wechselten Mutter und Tochter verstohlene Blicke, mit winzigem Heben der dunklen Brauen oder einem Zucken um die Lippen, ohne dass ihr Amüsement offen sichtbar wurde. Er beneidete sie um diese seelische Nähe – dass sie wortlos, mittels eines stummen Blicks, wussten, was die andere dachte. Solch gegenseitiges Verstehen kannte er bis heute nicht, und etwas in ihm schmerzte sehnsüchtig.

Möglicherweise war es das verblüffend dunkle Haar als Gegensatz zu ihrem hellen Teint oder die Klugheit in den saphirblauen Augen, doch Brook fand sich von den beiden Frauen bezaubert, besonders von Marina.

Was befremdlich ist und gerade verdammt ungelegen.

Normalerweise hätte er sie umgehend aus seinem Kopf verbannt, genau wie Priscilla, dann aber hatte Marina in Verteidigung ihres Vaters die schneidende Bemerkung über Mr. Moorcrofts Gesundheit geäußert, und ihre Loyalität hatte ihn zum Lächeln gebracht. Verteidigt hatte sie ihn mittels eines tödlichen Schlags, tödlicher als der eines Scharfrichters.

Die scharfen Augen seiner Mutter hatten seine milde Bewunderung erspäht, ahnte er, sodass sie sich gierig auf die Gelegenheit gestürzt hatte. Zugegeben, sogar Marina schaute ein wenig verdutzt ob der neuen Einladung, während die Moorcrofts vor Neid geradezu gelb wurden – zumindest bis sie sich ebenfalls eine Einladung gesichert hatten.

Es gab ungeschicktes Geschiebe, als seine Mutter die Gäste quälend förmlich dem Rang nach zur Tafel führte, zuerst den Adel, dann die Moorcrofts, gefolgt von den Fletchers, er und seine Mutter als Gastgeber zuletzt.

Was durchaus gut war, da die laut geäußerte Bewunderung für den großen offiziellen Speisesaal ihm Unbehagen bereitete.

Die Wände waren altmodisch mit Gold und schwerem Brokat geschmückt, riesige Kronleuchter ließen die Gemälde an der Zimmerdecke erstrahlen, auf vergoldeten Säulen standen orientalische Vasen.

Seufzend nahm er eine Bemerkung Miss Sophias über die Putten an der Zimmerdecke zur Kenntnis, und seine Mutter klopfte ihm kurz auf den Arm. „Benimm dich“, zischte sie. „Versuch doch, wenigstens eine ins Auge zu fassen.“

„Wozu? Vergiss nicht, ich reise bald ab“, entgegnete er mit zusammengebissenen Zähnen.

Mutters Miene versteinerte. „Du machst mich krank vor Sorge, Brook. Ich will dich doch nur verheiratet sehen.“

Wird sie als Nächstes die Kranke spielen?

Eindeutig würde sie ihre Pläne nicht kampflos aufgeben, und langsam fragte er sich, wie er ungeschoren davonkommen könnte.

Nachdem er seine Mutter zum oberen Ende der Tafel geführt hatte, nahm er seinen Platz am unteren Ende ein. Rechts und links von ihm saßen Priscilla und Marina, zwei Frauen, die nicht gegensätzlicher hätten sein können – in Erscheinung wie Temperament.

Rechts saß Priscilla, blond, mit hochmodischer Robe, links Marina, dunkelhaarig, recht unscheinbar in zartblaue Seide gewandet, was ihrem hellen Teint nicht sehr schmeichelte.

Als die Suppe serviert war, eröffnete seine Mutter die Unterhaltung. „Ich hörte, auch Sie haben einen Sohn in Knights Court, Mr. Fletcher“, bemerkte sie, die eifrige Miene Mr. Moorcrofts absichtlich nicht beachtend. Sie alle hatten zur Genüge gehört, wie sehr Priscilla und Herbert sich mit ihren Fertigkeiten hervortaten; es wäre eine nette Abwechslung, die Sichtweise anderer zu erfahren.

Leider schien dieses Thema den Fletchers nicht sehr genehm. Verstohlen sahen die drei sich an, ehe Mr. Fletcher endlich antwortete. „Frederick. Ja, er macht sich. Anfangs hatte er ein wenig Mühe, sich einzugewöhnen; er hat uns vermisst. Aber er gewinnt täglich an Selbstvertrauen.“

Mrs. Fletcher lächelte zustimmend. „Aber ich zähle die Tage bis zum Sommer, wenn wir ihn wiedersehen.“

„Das kann ich mir vorstellen.“ Mutter lächelte. „Und ich hörte, Marina, Sie debütieren dieses Jahr. Wie gefällt es Ihnen bisher?“

Marina neigte anmutig den Kopf, wodurch ihr schlanker Hals und ihr Dekolleté hübsch zur Geltung kamen. „Zuerst war ich etwas nervös, aber ich genieße es“, erwiderte sie, klang jedoch beileibe nicht, als ob sie es genossen hätte.

Mrs. Fletcher nickte ihr beifällig zu. „Wir sind so stolz auf sie. Sie begeht ihr Debüt mit solcher Anmut. Dabei war ich wegen ihres ersten Balls so aufgeregt, dass ich kaum schlafen konnte. Nicht dass ich einen Moment an ihr gezweifelt hätte, aber die kritischen Blicke der Gesellschaft können so einschüchternd für eine junge Frau sein. Zum Glück hat sie trotz meiner Ängste triumphiert.“

„Jung?“ Mrs. Moorcroft lachte ungläubig. „Sie sind zu vorsichtig, Mrs. Fletcher. Meine Priscilla meistert ihr Debüt dieses Jahr wundervoll, und sie ist erst siebzehn. Ich mag gar nicht daran denken, wie spät Ihre Marina debütiert – ist sie nicht schon zwanzig?“

„Ja, sie ist zwanzig, und vielleicht haben Sie recht“, erwiderte Mrs. Fletcher, doch ihre Miene sagte etwas anderes, während sie wissend lächelte und mit Marina einen hintergründigen Blick wechselte. „Vielleicht war ich übermäßig achtsam. Eigentlich hätte ich wissen sollen, dass Marina es absolut großartig machen und sich als Zierde erweisen würde, einerlei welchen Alters.“

Brook unterdrückte mühsam ein Grinsen. Dieses seltsame Wortgefecht war höchst unterhaltsam, wenn auch ungewöhnlich.

Mr. Moorcroft schmunzelte maliziös. „Wenn ich Sie wäre, würde ich mich eher um Frederick sorgen.“

Besteck kratzte schrill über feines Porzellan. Das Geräusch schien von Marinas Platz zu kommen. Allerdings mochte er sich auch, nach ihrer unbeteiligten Miene zu urteilen, getäuscht haben. Mr. und Mrs. Fletcher saßen still wie griechische Statuen, während die übrigen Gäste ob dieser plumpen Bemerkung den Atem anzuhalten schienen.

Mrs. Fletcher erholte sich zuerst. Er sah Schmerz in ihrem Blick, doch ihr Ton war bewundernswert freundlich. „Was meinen Sie? Wissen Sie etwas über meinen Sohn, was ich nicht weiß?“

Nun schien Mr. Moorcroft zu begreifen, wie grausam seine Worte gewesen waren. Er plusterte sich auf, sah jedoch angelegentlich auf seine Suppenschale nieder. „Oh, nun, Sie wissen schon … wie es so ist mit Jungen.“

Unterstützend ergänzte Mrs. Moorcroft: „Manchmal brauchen sie frühzeitig einen kleinen Schubs …“

Mr. Moorcrofts Miene hellte sich auf, als hätte seine Gattin ihm die perfekte Ausrede geliefert. Leider schien ihm die Stimmung im Raum immer noch nicht aufzufallen; er war blind für seine Plumpheit. „Nach dem, was Herbert uns erzählte, hätten Sie Frederick früher ins Internat geben sollen, so wie wir Herbert. Der muss mit keinem Fach kämpfen und spricht Latein und Griechisch fließend.“ Er schmunzelte. „Euer Gnaden, Ihr und Euer Bruder wart auf Knights Court, nicht wahr? Eine so ausgezeichnete Schule – die Besten und Klügsten wurden dort erzogen. Ich glaube, vier Premierminister waren einmal dort. Also, wie alt wart Ihr, als Ihr hinkamt, Euer Gnaden?“ 

„Ich war neun.“ Ausführlicher ließ er sich nicht aus; er wollte seine Mutter nicht aufregen. Er wusste, wegen dieser Zeit hatte sie immer noch Schuldgefühle, wenn sie auch nie darüber sprachen.

Er war beinahe unmittelbar nach dem Tod seines Vaters hingeschickt worden. Robert hatte die Herzogwürde angelegt, als wäre sie sein Lebenselixier. Zehn Jahre älter als Brook war er schon ein Mann und bereit für die kommende Herausforderung gewesen, und er hatte darauf bestanden, dass sein jüngerer Bruder tue, was alle männlichen Wyndhams bisher getan hatten – nämlich früh schon ins Internat zu gehen.

Brook hatte ihm die Trennung von seiner Mutter nie vergeben, und ihr hatte er nie vergeben, dass sie es zugelassen hatte. Bis dahin war alles schwierig gewesen, doch erträglich, weil sie einander gehabt hatten. Von da an war es ihm vorgekommen, als ob nicht einmal seine Mutter ihn noch haben wollte.

„Genauso alt wie unser Herbert!“, verkündete Mr. Moorcroft, als fühlte er sich bestätigt in seinen hassenswerten Vorstellungen. „Der frühe Einstieg hat ihm wirklich gutgetan. Nun führt er das Regiment!“

Was das hieß, konnte Brook sich gut vorstellen. Er selbst war froh gewesen, Knights Court mit sechzehn zu verlassen. Die Offiziersanwartschaft in der Armee war ihm als Spaziergang erschienen, verglichen mit der lähmenden Einsamkeit und Qual, die er während der Internatszeit erfahren hatte.

Die Armee hatte ihm im Gegensatz dazu einen Lebenszweck gegeben. Eine Zeit lang war er glücklich gewesen; der Tod hatte ihm sein Leben ein zweites Mal ruiniert. Er war seltsam verbittert, weil sein Vater und Bruder starben und er als Erbe zurückblieb – vielleicht würde auch er bald sterben? Wollte seine Mutter ihn deshalb so eifrig verheiraten? Um eiligst den nächsten Erben samt einem Ersatzerben zu haben, damit sie nicht um nichts und wieder nichts jahrelang durch die Hölle gegangen war?

„Mr. Moorcroft sagte eben, Herbert zeige schon großes Interesse an Architektur“, bemerkte Mutter. „Hoffen Sie, dass Frederick eines Tages in Ihr Geschäft eintritt, Mr. Fletcher?“ Ihre Freundlichkeit wirkte ein wenig gezwungen, fand Brook, vermutete allerdings, dass das nur ihm auffiel.

„Wenn es sein Wunsch ist“, entgegnete Mr. Fletcher taktvoll. „Ich will ihn jedoch nicht dazu drängen. Ein Mann muss im Leben seinen eigenen Weg finden.“

„Na, unserem Herbert zufolge“, sagte Mr. Moorcroft nach einem weiteren großzügigen Schluck aus seinem Weinglas, „wünscht er vielleicht zuerst seine Mathematikkenntnisse zu verbessern! Sonst wird er nicht einmal die Ziegel zählen können.“ Er stieß ein schnaubendes Lachen aus, und aufs Neue senkte sich peinliche Stille über die Tafel.

Marina brach das Schweigen. In gereiztem Ton bemerkte sie: „Frederick malt ganz wundervoll. Er hat Vaters künstlerischen Blick.“

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