Die Braut des ungezähmten Kriegers

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Auch wenn Piers von Grevershire nur als illegitimer Sohn des Earl von Penrith geboren wurde, wird er um das Land kämpfen, das seinem verstorbenen Vater gehörte! Als der neue Besitzer ein Turnier ausruft und dem Sieger die Hand seiner Tochter sowie die Herrschaft über die Ländereien von Penrith verspricht, ergreift Piers seine Chance. Was als kühner Plan beginnt, wird jedoch bald zu weit mehr, denn Lady Gwendoline entfacht ungeahnt glühende Leidenschaft in ihm. Aber je mehr Piers seine Braut begehrt, desto mehr muss er den Moment fürchten, in dem sie hinter sein dunkelstes Geheimnis kommt und erfährt, wer er wirklich ist …


  • Erscheinungstag 27.10.2026
  • Bandnummer 461
  • ISBN / Artikelnummer 0814260461
  • Seitenanzahl 256

Leseprobe

Michelle Willingham

Die Braut des ungezähmten Kriegers

PROLOG

„Gedenke wohl, wer du bist. Sag es noch einmal.“

Wenda von Grevershire blickte auf ihn herab, mit blauen Augen, kalt wie Eis.

„Ich bin der rechtmäßige Erbe von Penrith“, erwiderte Piers. Er bemühte sich, tapfer zu klingen, doch ihm lief ein Schauer über den Rücken. Sein Magen knurrte vor Hunger, dennoch wusste er: Es war klüger, seine Mutter nicht um eine Mahlzeit zu bitten. Dafür hatte sie ihm schon am Vorabend eine Ohrfeige erteilt. Drei Tage lang waren sie gereist – nun standen sie vor den Mauern und Zinnen der Burg Penrith.

„Hier ist dein Platz“, sagte Wenda mit fester Stimme. Ihr Kleid, einst ein hochwertiges Stück aus Seide, war von den Jahren gezeichnet – der Saum ausgefranst, die blaue Farbe längst verblichen. Und doch trug sie es mit dem Stolz einer Dame. „Du wirst auf der Burg leben und alles tun, was man dir aufträgt. Lerne, was es über diesen Ort zu wissen gibt“, forderte sie. „Das musst du, wenn du eines Tages über ihn herrschen möchtest.“ Ihre Augen flackerten, entschlossen und zornig zugleich.

Piers starrte sie an, ohne ihre Worte recht zu verstehen. Wie sollte er je über Penrith herrschen? Trotz allem, was sie sagte, konnte er nie mehr sein als das, was er war – ein Bastard, dessen Vater nichts von seiner Existenz wusste.

Wenda reichte ihm das kleine Bündel mit seinen wenigen Habseligkeiten. In diesem Augenblick begriff er, was geschah. „Du lässt mich hier zurück?“, fragte er. Seine Stimme klang verunsichert, und er versuchte, eine aufrechtere Haltung einzunehmen. Er war elf Jahre alt – und war sich sicher gewesen, dass sie bei ihm bleiben würde.

„Ich muss“, antwortete sie. „Aber hör gut zu und vergiss niemals meine Worte. Ich war dem Earl von Penrith versprochen, lange bevor du geboren wurdest. Eine Verlobung vor der Kirche, so bindend wie eine Ehe.“ Ihre Stimme bebte vor Wut, und sie richtete ihren Blick auf die Burg. „Er hat mich verstoßen, ja. Doch du bist sein wahrer Erbe. Du wurdest geboren, ehe er mich von sich wies und diese Hure zur Frau nahm. Und ich schwöre dir bei meinem Leben: Ich werde mich an Degal rächen.“

Ihre Worte waren dem Wahnsinn nahe; Piers senkte seinen Blick zu Boden. Doch Wenda packte ihn bei den Haaren und zwang ihn, sie anzusehen. „Bring in Erfahrung, was hinter diesen Mauern liegt, jedes Geheimnis. Suche Robert, den Sohn der Hure, und stell dich gut mit ihm. Gewinne sein Vertrauen.“ Ein kühles Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Und wenn die Zeit gekommen ist, nimmst du deinen rechtmäßigen Platz ein.“

Wenn die Zeit für was gekommen war? Piers wagte es nicht, zu fragen. Er umklammerte das Bündel in seiner Hand.

Wenda legte ihre Hand auf seine Schulter. „Gleda wird dir behilflich sein. Sie war einst eine Magd und bereitet dir ein Lager.“

Es war ihr Ernst. Sie wollte ihn hier unter Fremden zurücklassen. Die Kälte der nahenden Einsamkeit lähmte ihn. „Werde ich dich wiedersehen, Mutter?“

„Das wirst du“, versprach sie. „Doch zuerst müssen sie dich annehmen. Lass sie glauben, du seist allein.“

Piers trat auf sie zu, um sie zu umarmen, doch sie wich zurück.

„Noch eines“, sagte sie mit kühler Stimme. „Der Sohn der Hure ist krank. Ich habe eine Flasche mit einer besonderen Medizin für Robert. Gib sie Gleda, zusammen mit dem Brief, den ich ihr geschrieben habe.“

„Sie kann lesen?“, unterbrach er sie überrascht. Er selbst hatte es nie gelernt.

„Ja, kann sie. In dem Brief steht, was für ein Mittel es ist und wie man es anwendet. Sobald sie ihn gelesen hat, soll sie den Brief verbrennen.“

Wenda legte beide Hände auf seine Schultern.

„Es ist wichtig, dass der Sohn der Hure seine Medizin täglich einnimmt. Er ist schwach, aber sie wird ihm guttun.“

Der Anflug eines Lächelns in ihrem Gesicht bereitete Piers Sorge. Etwas an ihren Worten klang unredlich, doch er wagte es nicht, sie zu hinterfragen.

„Nimm auch diesen Brief und geh zum Tor“, trug sie ihm auf. „Sag den Wachen, du bringst eine Botschaft für Lord Penrith. Übergib sie ihm – und später suchst du nach Gleda.“

„Was steht in dem Brief?“, fragte er.

„Darin steht, dass du sein Sohn bist. Du wirst ihm zum ersten Mal gegenüberstehen – und er wird dich bei sich aufnehmen.“

Piers erstarrte vor Furcht. Wenda richtete sich auf. „Geh jetzt, mein Sohn. Und denke an meine Worte: Eines Tages wirst du der Herr von Penrith sein. Dein neues Leben beginnt heute.“

Sie gab ihm einen leichten Stoß. Kein Kuss, keine Umarmung. Piers schluckte seine Angst hinunter. Er musste stark sein, auch wenn er nicht verstand, aus welchem Grund sie ihn fortschickte. Er wollte glauben, dass sie zurückkehren würde.

Doch obwohl sie es versprochen hatte, sah er sie nie wieder.

1. KAPITEL

England – 1205

Als sie feststellte, dass außer ihr noch jemand im Raum war, geriet Lady Gwendolines Blut in Wallung. Sie griff nach dem Dolch, den sie unter ihrer Matratze versteckt hielt, und setzte sich lautlos auf.

Ihr Herz pochte, doch sie schrie nicht. Jedenfalls noch nicht. Noch hatte sie die Möglichkeit, die Oberhand zu gewinnen.

Schritte näherten sich ihrem Bett. Leise entwich sie über die andere Seite der Matratze, den Dolchgriff fest umklammert. Sie hielt den Atem an und fragte sich, ob sie besser weglaufen oder sich dem Eindringling entgegenstellen sollte.

Dann trat der Fremde noch einen Schritt auf das Bett zu. Wollte er sie angreifen oder töten? Sie zitterte vor Furcht, doch sie sah keine andere Möglichkeit, als zu handeln. Wenn sie es nicht tat, würde er es tun.

Gwen hielt den Atem an, trat hinter den Eindringling und hielt ihm die Dolchklinge an die Kehle. „Sucht ihr jemanden?“ Sie wusste nicht, wer der Mann war oder was er wollte, doch sie würde nicht sein Opfer werden.

Der Mann war groß und schlank; unter ihrer Hand spürte sie seine harten Muskeln. Sein Haar im Nacken war grob geschnitten, und sein Duft erinnerte sie an Kiefern im Wald. Sein Gesicht vermochte sie in der Dunkelheit nicht zu erkennen.

„Ich habe nach euch gesucht, Lady Gwendoline.“ Seine Stimme war laut und durchdringend.

Gwen umschloss den Dolch fester. „Wie seid Ihr in mein Gemach gekommen?“ Und vielmehr, warum war er hier?

„Ich kenne diese Burg gut“, war alles, was er sagte.

Sie musste den Wachen vor ihrer Tür Bescheid geben. Doch etwas an seinem Verhalten ließ sie zögern. Er griff ihr Handgelenk, doch anstatt ihr das Messer wegzunehmen, strich er ihr sanft über den Arm.

Die Wärme seiner Hand überwältigte sie, und sie war unsicher, was sie tun sollte. Verehrer hatte sie schon einige gehabt, doch bisher hatte sie keiner von ihnen so aus der Fassung gebracht. Seine Berührung schien tief in ihr Innerstes vorzudringen und weckte Empfindungen, die sie nie für möglich gehalten hätte.

„Fasst mich nicht an.“ Sie drückte die Klinge fester an seinen Hals, und augenblicklich ließ er von ihr ab. „Wieso seid Ihr hier?“

„Weil ich Euch vor dem Turnier sehen wollte.“ Etwas an ihm ließ ihre Haut kribbeln. Es war falsch, doch sie spürte das verbotene Verlangen, ihren Arm um diesen Mann zu legen.

„Dann seid Ihr einer meiner Verehrer.“

„Das bin ich.“

Ihr Vater Alfred veranstaltete am Mittsommerabend ein Turnier um ihre Hand und hatte Dutzende von Freiern eingeladen. Er hatte versprochen, ihr die Wahl zu lassen. Und der Mann in ihrem Gemach war wohl darauf aus, sich einen Vorteil zu verschaffen.

Sie war angespannt, denn die anstehende Heirat verunsicherte sie. Ja, ihr Vater hatte versprochen, sie wählen zu lassen … doch er hatte sein Wort schon einmal gebrochen. Er hielt sie auf der Burg fest wie in einem Gefängnis, in dem seine Regeln galten. Zwar hatte sie gelernt, Unwissenheit vorzutäuschen und sich wie eine makellose Tochter zu verhalten. Doch innerlich wollte sie den unsichtbaren Fesseln entkommen. Und das Letzte, was sie wollte, war, von einer Gefangenschaft in die nächste zu geraten.

Offenbar war der Mann in ihrem Gemach der Ansicht, sie würde sich verhalten wie eine ängstliche Jungfrau. Vielleicht dachte er, er könnte sie verführen oder ihre Zuneigung gewinnen. Seine Anwesenheit verunsicherte und faszinierte sie zugleich. Nie hätte sie gedacht, dass jemand so weit gehen würde, um sie allein zu sehen. Doch ihr Verstand warnte sie davor, dass dies kein Mann war, der ihr ein unabhängiges Leben schenken würde. Er würde fordernd sein und die Dinge so drehen, dass sie ihm passten.

Sie umschloss ihren Dolch fester, wissend, dass sie einen solchen Mann niemals heiraten konnte.

Er nahm ihre Hand und schob die Klinge von sich, gerade so weit, dass er sie sehen konnte. Dann ließ er sie wieder los. „Ich werde Euch nicht wehtun.“

„Männer, die mir nicht wehtun möchten, schleichen sich üblicherweise nicht in meine Gemächer“, erklärte sie. Trotzdem fragte sie sich, was sie an ihm so reizte. Dieser Mann war gefährlicher als jeder andere, den sie bisher getroffen hatte, doch es lag auch eine Sehnsucht in seiner Stimme.

Ruf um Hilfe und werde ihn los, warnte sie ihr Verstand. Und doch … vielleicht war sie durch die Anwesenheit ihrer Wachen mutiger.

„Wie sonst hätte ich Euch antreffen können?“, fragte der Mann. „Oder vor dem Turnier mit Euch sprechen?“

„Wieso sollte ich mit Euch sprechen wollen?“ Ihr Arm begann zu schmerzen, denn noch immer hielt sie den Dolch an seine Kehle.

„Mein Name ist Piers von Grevershire“, erklärte er.

Sie kannte niemanden mit diesem Namen. „Unwichtig, wer Ihr seid. Verlasst mein Gemach, bevor ich Euch die Kehle durchschneide.“

„Noch nicht“, flüsterte er mit rauer Stimme und legte seine Hände auf ihre Taille. Sie erstarrte, spürte die plötzliche Wärme seiner Hände und roch den männlichen Duft seiner Haut. Er sagte nichts, sondern streichelte sanft ihren Rücken entlang. Noch nie hatte ein Mann sie auf diese Weise berührt. Sie wusste nicht, was sie tun sollte, doch sie bekam eine Gänsehaut.

Ein seltsames Verlangen loderte in ihr auf und sorgte dafür, dass sie mit dem Gedanken spielte, die Klinge von seinem Hals zu nehmen. Doch er wollte bloß ihr Urteilsvermögen trüben.

„Was tut Ihr?“, wisperte sie.

„Ich möchte mehr über Euch erfahren“, antwortete er. Sie wusste, dass sie ihn wegschicken musste.

„Ich rufe meine Wachen“, sagte sie und schob ihre Hand zwischen sich und ihn.

„Das werdet Ihr nicht“, sagte er voraus.

Seine kühne Aussage rief ihren Trotz hervor. „Warum sollte ich nicht?“

„Weil Ihr auf Euch selbst aufpassen könnt. Und ich würde darauf wetten, dass ich Eure Neugier wecke. Wenn Eure Wachen mich töten würden, könntet Ihr sie nicht mehr befriedigen.“

„Ihr interessiert mich nicht im Geringsten“, erwiderte sie. Verzweifelt versuchte sie, ihn von sich wegzuschieben, doch mit einer einzigen Bewegung entwaffnete er sie und warf den Dolch fort.

Angst ergriff sie. Ohne ihren Dolch war sie diesem Mann hilflos ausgeliefert. Doch alles, was er tat, war, sie bei der Hüfte zu fassen.

„Ich werde gleich verschwinden“, sagte Piers sanft. „Aber vorher möchte ich etwas über Euch erfahren, das sonst keiner weiß. Und ich verrate Euch etwas über mich. Wenn Ihr fragt.“

„Es gibt nichts, was ich über Euch wissen möchte.“ Als er ihre linke Hand in seine nahm, verstummte sie. Sanft erkundete er ihre Fingerspitzen, streifte mit seinem Daumen über ihre Schwielen.

Ihr Herz schlug nun schneller, und sie konnte nicht anders, als sich vorzustellen, wie seine Finger über andere Stellen ihres nackten Körpers glitten. Weshalb hatte er diese Wirkung auf sie? Sie konnte es nicht verstehen und fragte sich, wie sie ihn davon überzeugen konnte, nun zu gehen.

„Doch ich weiß jetzt etwas über Euch“, sagte er leise. Sein Daumen strich über die Falte zwischen ihrem Zeige- und ihrem Mittelfinger.

„Ihr wisst nichts über mich.“

„Ihr seid eine Bogenschützin“, mutmaßte er. „Und hier lasst Ihr die Sehne Eures Bogens los.“ Er berührte die verhornten Stellen an ihren Fingern. „Ihr übt nicht so oft, wie Ihr gern würdet. Und habt Eurem Vater vermutlich nicht davon erzählt.“

Ihre Augen weiteten sich nach seiner Aussage. Sie versuchte erneut, ihn von sich zu schieben, um das letzte bisschen Fassung zu bewahren, das ihr blieb. Wie hatte er das erraten? Es war ihr Geheimnis, und nur einige Soldaten wussten davon. Sie liebte das Bogenschießen, doch sie übte nur, wenn ihr Vater nicht da war. Er wollte, dass sie gehorchte und niemals eine Waffe in die Hand nahm. Also hatte sie das Schießen heimlich gelernt. Als ihr Vater davon erfahren hatte, war er außer sich gewesen.

„Ich bin beeindruckt“, sagte Piers und führte ihre Handfläche zu seinem Mund. Dann, ohne ein weiteres Wort, ließ er sie los und verschwand in der Dunkelheit. Sie hörte, wie sich das Gemäuer hinter dem Wandteppich bewegte. So also war er in ihr Gemach gekommen.

Gwen atmete scharf aus, aufgebracht durch das, was gerade passiert war. Doch noch mehr als seine Erscheinung hatte sie das unerwartete Kompliment aus der Fassung gebracht. Er schien es gutzuheißen, ja, zu bewundern, dass sie mit einem Bogen umzugehen wusste, ganz im Gegensatz zu ihrem Vater.

Sie schloss ihre Augen und ließ sich auf ihr Bett sinken. Es war ein großer Fehler gewesen, dem Mann zu erlauben, mit ihr zu sprechen … und doch war er gerade einmal lange genug geblieben, um mit ihr zu reden. Er hätte mehr von ihr verlangen können, sich weigern können zu gehen. Doch er hatte unerwartet ihr Interesse geweckt.

Geh ihm nicht in die Falle, warnte sie sich selbst. Er ist genau wie all die anderen Freier, die bloß um deine Hand anhalten, weil sie den Thron von Penrith besteigen möchten. Es war dumm von ihr gewesen, nicht um Hilfe zu rufen.

Doch … sie hatte Piers Glauben geschenkt, als er versprochen hatte, sie nicht zu verletzen. Sie wusste nicht, was sie von seinem Wagemut halten sollte – ob sie ihn fürchten oder bewundern sollte.

Sie deckte sich zu – und fragte sich, wann sie ihn wiedersehen würde.

Als Piers am nächsten Morgen im Stall erwachte, fragte er sich, ob es ein Fehler gewesen war, Lady Gwendoline aufzusuchen. Er war nicht wie ihre anderen Verehrer, die Wagenladungen voller Gold, Hektar an Land und einen adligen Namen hatten. Nein, er hatte nichts, außer sich selbst. Und wenn er irgendeine Chance haben wollte, sie zu heiraten, musste er ihre Gunst im Verborgenen gewinnen.

Sein heimlicher Besuch war eine Verzweiflungstat gewesen und in dem Moment gescheitert, als sie ihm den Dolch an die Kehle gehalten hatte. Doch obwohl sie darauf bestanden hatte, dass er ging, hatte sie sich ihm nicht widersetzen können. Sollte er es noch einmal versuchen?

Sie würde dich niemals heiraten, ermahnte ihn seine Vernunft. Sie wird sich nicht mit einem Bastard zufriedengeben.

Daran gab es keinen Zweifel. Bevor er sich in ihr Gemach geschlichen hatte, hatte er sogar darüber nachgedacht, sie zu entführen. Lady Gwendoline war weder unterwürfig noch hilflos – und das mochte er an ihr.

Er hatte nicht gelogen, als er ihr versichert hatte, einer ihrer Verehrer zu sein – doch wenn sie die Wahrheit über ihn herausfinden würde, wäre es vorbei. Er hatte nur durch seinen Halbbruder Robert von dem Turnier erfahren. Der neue Earl versprach dem Sieger die Hand seiner Tochter … und die Herrschaft über die Ländereien Penriths. Dieser Gedanke war überwältigend.

Piers hatte schon als kleiner Junge auf den Feldern Penriths gearbeitet, gemeinsam mit den anderen Bediensteten. Es war Knochenarbeit gewesen, doch er hatte überlebt. Und wenn er schon bei den Hunden schlafen musste, so war er dort wenigstens in Sicherheit.

Nun aber hatte er die Gelegenheit, über seinen niederen Stand hinauszuwachsen. Er konnte die Hand von Lady Gwendoline gewinnen. Noch nie hatte er jemanden getroffen wie sie … und er wollte mehr über sie erfahren.

Er war im Geheimen hierher gereist, ohne seinen Bruder. Er wusste, dass auch er an dem Turnier teilnahm, doch er wollte ihn herausfordern. Für Robert ging es darum, sich sein Geburtsrecht zurückzuerkämpfen.

Für Piers ging es um weit mehr. Schon seit seiner Geburt hatte er im Schatten seines Bruders gelebt … doch er wollte ein anderes Leben als das, welches er bisher über sich hatte ergehen lassen.

Nachdem ihr Vater gestorben war, war er mit seinem Bruder ins Exil in die Ruinen von Stansbury gezogen, zusammen mit zwei anderen Gefangenen, die geflohen waren. Morwenna und Brian hatten bei ihnen gelebt, und sie waren schnell Freunde geworden.

Eines Nachts hatte Robert ein Feuer gemacht, und Piers hatte ihm gegenüber gesessen, während Morwenna und Brian schliefen.

„Wie lange bleiben wir hier?“, hatte Piers Robert gefragt.

„Ich weiß nicht. Aber besser hier als im Kloster. Ich habe nicht vor, Mönch zu werden.“

Piers warf einen Ast in das Feuer, und Funken stoben in die Nacht. „Was hast du vor?“

„Ich möchte mich vorbereiten“, sagte Robert. „Mein Onkel wird uns Waffen geben. Und um stärker zu werden, brauche ich deine Hilfe.“ Er starrte ins Feuer, als würde er über die Nacht nachdenken, als sie aus Penrith geflohen waren. „Als wir weglaufen mussten, war ich ein Feigling, und deshalb ist mein Vater gestorben. Ich möchte nicht länger schwach sein.“

Piers sagte nichts, doch er fühlte sich schuldig. „Du warst nie schwach.“

„Ich war viele Jahre krank“, entgegnete Robert. „Die Menschen dachten, ich würde sterben.“

Piers starrte auf den Boden. „Jetzt geht es dir besser.“

„Ja. Doch was, wenn die Krankheit zurückkehrt? Ich muss stärker werden. Ich muss zum Gegenschlag ausholen und mein Land zurückgewinnen.“

„Du wirst nicht wieder krank werden“, sagte Piers und schluckte sein Schuldgefühl hinunter.

Während ihres zweijährigen Exils hatten sie ihre Feindschaft zum Teil aus der Welt schaffen können. Er hatte gemeinsam mit Robert geübt und war seinen Frust in ihren Schwertkämpfen losgeworden. Sie hatten gelernt, gegeneinander zu kämpfen, und obwohl er Robert seinen Stand noch immer missgönnte, hatte Piers nun zumindest die Möglichkeit, sein Leben zum Besseren zu wenden.

Er hatte Robert in dem Glauben gelassen, dass er in Stansbury blieb, doch stattdessen war Piers ihm gefolgt. Es war einfacher, seinen Plan zu verfolgen, wenn Robert nicht wusste, dass er hier war.

Das Turnier würde erst in einigen Tagen beginnen, deshalb hatte er noch ein wenig Zeit. Nächstes Mal würde er Geschenke mitbringen und sie für Lady Gwendoline hinterlegen. Wenn er am Tag käme, würde sie es vielleicht erlauben und ihm eine zweite Chance geben.

Er hatte darauf geachtet, dass niemand etwas mitbekam, als er seine Sachen in dem geheimen Gang verstaut hatte. Keiner wusste davon, nur er. Er kannte die Festung besser als jeder andere. Schon als kleiner Junge hatte er alle Winkel von Penrith erkundet. Etliche Male hatte er Zuflucht in den Gängen gesucht, um einer Tracht Prügel zu entgehen. Er musste Nahrung klauen, um zu überleben. Doch nachdem er sich einige Schrammen und blutige Nasen zugezogen hatte, hatte er gelernt, es heimlich zu tun.

Sein Unterschlupf lag unter der Erde, und auch wenn es dort kalt war, war er hier in Sicherheit. Er konnte auf eine Gelegenheit warten, Lady Gwendoline wiederzusehen, und dieses Mal konnte er hoffentlich ihre Gunst gewinnen.

Tatsächlich hatte er noch nie einer Dame den Hof gemacht. Als Jugendlicher war er in Penrith mit ein paar Mädchen zusammen gewesen, doch während der letzten zwei Jahre in Stansbury hatte er bloß Morwenna zu Gesicht bekommen, deren Herz Robert gehörte. Sie war eher wie eine Schwester für ihn, und ihr Bruder Brian behandelte ihn ebenfalls wie ein älteres Geschwisterkind. Sie waren die einzige echte Familie, die er hatte, und auch sie waren mit Robert nach Penrith gereist. Wenn sie Piers hier sahen, würden sie ahnen, was er vorhatte, und seinem Bruder davon erzählen.

Er war an diesem Morgen im Verborgenen geblieben und hatte frisches Schilf in der im großen Saal verteilt, während der Earl und Lady Gwendoline ihr Frühstück einnahmen. Hier und dort hatte er verstohlen zu ihr hinübergeschaut, ihre perfekten Tischmanieren bemerkt und gesehen, wie sie ihren Vater anlächelte. Etwas an ihrem Verhalten wirkte unecht, als würde sie eine Lüge leben und bloß sagen, was der Earl hören wollte. Das war nicht die Frau, die ihm eine Klinge an die Kehle gehalten hatte.

Wenn er ehrlich war, war ihm ihre mutige Seite lieber. Und er wusste nun genau, welches Geschenk er ihr überreichen konnte. Er hatte kein Silber, doch er würde auch keines brauchen.

„Mordender Bastard“, hörte er einen Mann neben sich murmeln, als sie die Reste vom Frühstück aufräumten. Piers warf ihm einen Blick zu, wohl wissend, dass er ihm keine Fragen stellen durfte. Aber er wollte mehr erfahren. „Möge er in der Hölle schmoren“, antwortete Piers mit leiser Stimme.

Grimmig nickte der Mann ihm zu. „Er wird bekommen, was er verdient.“ Er schaute Piers an und sagte: „Ich habe dich lange nicht gesehen. Du hättest nicht zurückkommen sollen.“

Piers sah dem Mann direkt in die Augen. „Du hast mich nicht gesehen.“ Der Mann blickte misstrauisch, und Piers fügte hinzu: „Wenn du willst, dass der neue Lord verschwindet, hältst du den Mund.“

„Ich möchte nichts lieber als das.“ Mit einem Nicken warnte der Mann: „Doch pass auf. Penrith hat bereits einen unserer Männer hingerichtet, obwohl er sich nichts hat zu Schulden kommen lassen. Der Earl ist gefährlich.“

„Sobald ich seine Tochter geheiratet habe, wird er zu seinen Ländereien in Tilmain zurückkehren. Er wird nicht mehr lange unser Earl sein“, flüsterte Piers.

Der Mann schien erfreut, das zu hören. „So Gott will. Es gibt noch andere, die ihn loswerden möchten.“ Dann senkte er den Kopf und gab Piers noch einen Hinweis: „Nicht alle Soldaten stehen zum Earl. Einige sind Männer des Königs und halten sich von ihm fern. Du solltest dich unter sie mischen. Sie kennen nicht alle Männer aus Penrith, daher wird ihnen ein weiterer Soldat nicht auffallen.“

Piers nickte. Nachdem der Mann gegangen war, aß er etwas von den Frühstücksresten. Einige der Hunde kamen zu ihm gelaufen und wedelten mit dem Schwanz. Verdammt, sogar sie konnten sich an ihn erinnern. Er warf ihnen auf dem Weg zur Küche ein paar Krümel hin, doch sie folgten ihm weiter.

Als er die Waffenkammer erreichte, befahl er ihnen, zu bleiben. Die meisten der Soldaten waren draußen zum Üben, und Piers versteckte sich im Schatten, bis er allein war. Dann nahm er sich ein Kettenhemd, einen Helm und ein besseres Schwert. Sein Übungsschwert hielt er im Geheimgang in der Nähe von Lady Gwendolines Gemach versteckt. Er hielt sich an den Ratschlag des Mannes und mischte sich unter die Soldaten des Königs, um so viel wie möglich über die Verteidigung des Earls zu erfahren.

Doch bevor er die Waffenkammer verließ, machte er sich noch auf die Suche nach dem Geschenk für Lady Gwendoline. Es dauerte eine Weile, doch schließlich fand er einen Bogen mit einem Köcher und Pfeilen. An der Wand standen fast 30 davon, also würde niemand ihn vermissen. Er wählte eine kleinere Waffe, weil er nicht wusste, ob sie über die Kraft für einen Langbogen verfügte. Dann nahm er ein dickes Tuch und wickelte den Bogen und den Köcher darin ein.

Piers ging in die hintere Ecke des Raumes, schob das Schilf auf dem Boden beiseite und öffnete die hölzerne Falltür, die zu den Lagerräumen im Keller führte. Dann lief er die gewundenen Tunnel entlang, vorbei am Weinkeller, zu einem weiteren Lagerraum, der über eine Treppe zur Küche führte.

Er wartete, bis er unbeobachtet war, und eilte dann nach draußen. Er ging hinter einer Gruppe von Soldaten her und begab sich auf den Weg zum Hauptturm.

Innerhalb einer Viertelstunde befand er sich wieder in Gwendolines Gemach. Sie war ebenfalls dort und unterhielt sich mit ihrer Zofe. Als sie gegangen war, trat Piers hinter dem Wandteppich hervor. „Ich habe dir ein Geschenk mitgebracht“, sagte er.

Gwendoline stieß vor Schreck einen Schrei aus und wirbelte herum. „Noch heute Nacht lasse ich einige Männer kommen, damit sie diese Wand versiegeln.“ Wütend starrte sie ihn an. „Du solltest nicht hier sein, Piers.“

Bei Tageslicht war sie noch schöner. Sie trug ein hellblaues Kleid, das ihr blondes Haar und ihre blauen Augen besonders zur Geltung brachte. Piers hielt Abstand und legte das Stoffbündel auf ihr Bett. Mit erhobenen Händen schritt er langsam zurück. „Ich bin nicht gut darin, Befehle zu befolgen.“

„Dann solltest du es lernen“, entgegnete sie.

„Muss ich das?“ Er nahm seinen Helm ab und zog seine Haube zurück. Diesmal wollte er, dass sie ihn erkannte.

Sie zögerte und sah ihn an, als würde sie erwarten, dass er sie jeden Moment angriff. Doch er machte keine Anstalten, sich ihr zu nähern, und ließ ihr Zeit, damit sie sich mit seiner Anwesenheit abfinden konnte.

„Ihr solltet Euer Geschenk öffnen“, sagte er. „Ich denke, Ihr werdet es mögen.“

Sie ließ ihn nicht aus den Augen. „Wirst du dann gehen?“

„Vielleicht möchtet Ihr gleich nicht mehr, dass ich gehe“, antwortete er.

Sie seufzte und ging zum Bett. „Schön, ich werde es mir ansehen. Aber danach musst du verschwinden.“

Er sah ihr dabei zu, wie sie das Geschenk aus der schlichten Hülle befreite und den Bogen und den Köcher erblickte. Einen Moment lang starrte sie die Waffe an, als wüsste sie nicht, was sie damit anfangen sollte.

„Wenn mir mehr Zeit bliebe, würde ich einen Meisterschnitzer damit beauftragen, euch einen echten Langbogen anzufertigen“, erklärte er. „Einen aus Eibenholz.“ Er trat näher an sie heran und beobachtete, wie sie den Bogen vorsichtig anhob und mit den Fingern darüberstrich. „Doch ich wusste nicht, ob ihr schon einmal mit einem Langbogen üben konntet. Oder ob es euch gelingt, die Sehne zu spannen.“

„Ich habe vor einigen Wochen mit einem geschossen“, bekannte sie. „Aber mein Vater wusste nichts davon. Er wird mir nicht gestatten, diesen Bogen zu behalten.“

„Weshalb nicht?“

„Nachdem er erfahren hatte, dass ich heimlich Schießen übe, verbrannte er meinen letzten Bogen. Seitdem muss ich mir welche ausleihen. Ich kann nur dann üben, wenn die Männer unachtsam sind und ihre Bögen liegen lassen.“ Sie wandte sich ihm zu, mit blassem Gesicht. „So sehr ich auch möchte, ich kann das Geschenk nicht annehmen.“

„Haltet es vor Alfred geheim“, versuchte er, sie umzustimmen. „Versteckt den Bogen unter eurem Bett.“

Sie schaute ihn an. In ihren Augen war ein Hauch von Furcht zu sehen, und er näherte sich ihr nicht, um sie nicht zu beunruhigen. Er spürte, dass sie den Bogen behalten wollte, aber Angst davor hatte, dass jemand ihn finden könnte.

„Ich denke, eine Frau sollte in der Lage sein, sich zu verteidigen“, sagte er ruhig. „Ihr verdient es.“

In der Nacht, als er und Robert aus Penrith geflohen waren, hatte ein Soldat ihre Freundin Morwenna angegriffen. Und seit diesem Tag hatten er und Robert Morwenna beigebracht, zu kämpfen und sich selbst zu verteidigen.

„Sorgt dafür, dass Euer Vater den Bogen nicht findet.“ Piers sah sie an und fügte dann hinzu: „Ich sehe keinen Grund, warum Ihr nicht jede Waffe haben solltet, die Ihr Euch wünscht. Sogar ein Schwert.“

Sie lächelte schief. „Ich glaube nicht, dass ich in der Lage wäre, ein Breitschwert zu halten.“

„Wenn Ihr es wolltet, könntet Ihr es mit der Zeit auch“, sagte er. Er beschloss, dass es Zeit war, zu gehen.

„Viel Freude mit Eurem Geschenk“, verabschiedete er sich. „Ich werde heute Nacht wiederkommen.“

2. KAPITEL

Niemand zuvor hatte ihr je ein solches Geschenk gemacht. Männer hatten ihr Blumen, Haarschleifen, sogar Essen und Getränke gebracht. Aber noch nie eine Waffe.

Sie fuhr mit den Fingern über das Holz des Bogens, spürte seine Rundungen. Woher wusste Piers bloß, dass das ihr sehnlichster Wunsch war? Er hatte nichts weiter getan, als ihre Finger zu berühren. Doch irgendwie hatte er etwas tief in ihrem Inneren gespürt.

Wer war er? Sie musste herausfinden, warum er sie so dringend sehen wollte. Sie kannte nun sein Gesicht und konnte nicht leugnen, dass er gut aussah. Er trug sein dunkles Haar etwas länger, seine Augen strahlten blau. Er hatte ein markantes Kinn, und seine vollen Lippen faszinierten sie. Außerdem hatte er breite und kräftige Schultern; obwohl ihre Treffen verboten waren, fühlte sie sich zu ihm hingezogen.

Sie nahm einen Pfeil, legte ihn an, spannte die Sehne und zielte an der Tür vorbei. Schon seit zwei Wochen hatte sie es nicht mehr gewagt, zu schießen, und fragte sich, ob sie noch treffsicher genug war. Wenn sie doch nur hinunter in den Burghof gehen und eine Stunde mit einer Strohzielscheibe üben könnte, dann wüsste sie es. Doch das würde ihr Vater niemals zulassen.

Vorsichtig wickelte sie den Bogen und die Pfeile ein und schob sie unter ihr Bett.

„Ich sehe keinen Grund, warum Ihr nicht jede Waffe haben solltet, die Ihr Euch wünscht.“

Aus irgendeinem Grund war sie sich sicher, dass er es wirklich so meinte. Piers war stark genug, sodass eine Frau, die schießen konnte, ihn nicht einschüchterte. Sie setzte sich auf ihr Bett und fragte sich, wie es wohl wäre, solch eine Freiheit genießen zu dürfen.

Er war anders als alle Verehrer, die sie bisher kennengelernt hatte. Letzte Nacht hatte er ihren Rücken berührt und war mit seinen Händen über ihre Haut gestrichen, als wollte er ihren Körper erforschen. Auch wenn es falsch von ihm war, sich in ihr Gemach zu schleichen – sie hätte ihn beinahe erstochen –, hätte sie nie gedacht, dass derselbe Mann ihr Pfeil und Bogen schenken würde.

Die Männer, die sie bisher kennengelernt hatte, hatten sie behandelt, als sei sie aus Glas – zu zerbrechlich, um sich selbst zu verteidigen.

Piers war anders. Er hielt sich nicht an die Regeln, und das faszinierte sie. Sie hätte Angst haben müssen, nachdem er in ihr Zimmer eingebrochen war.

Stattdessen hatte der verbotene Moment sie in seinen Bann gezogen. Sie stellte sich seine Hände auf ihrer nackten Haut vor, und allein der Gedanke daran ließ sie schwach werden. Sie fragte sich, wie es wohl wäre, wenn ein Mann wie er sie auf die Matratze drücken würde, sein Gewicht auf ihrem Körper. Obwohl sie noch nie zuvor eine intime Berührung erlebt hatte, kannte sie die Geschichten der Dienstmädchen. Und sie vermutete, dass eine Nacht mit Piers leidenschaftlich und wild sein würde, ganz anders als das vorhersehbare Leben, in dem sie gerade gefangen war.

Sie schloss die Augen und verdrängte die Vorstellung gleich wieder. Wie es wohl wäre, einen Krieger zu heiraten statt eines Adligen? Wahrscheinlich unberechenbar. Sie spürte, dass Piers kein wohlhabender Mann war, obschon er einen Adelstitel trug. Sonst hätte er sie nicht im Geheimen aufsuchen müssen.

Er war in der Dunkelheit zu ihr gekommen, allein – doch er hatte ihr nicht ein einziges Mal wehgetan. Hinter seiner rauen Schale sah sie das Tier in ihm, das viel mehr zu wollen schien. Und dieses Gefühl des Gefangenseins kannte sie nur zu gut.

Wenn sie eine falsche Wahl traf, könnte auch ihre Ehe zum Gefängnis werden, genau wie die letzten 18 Jahre ihres Lebens. Sie wollte einen Mann, der ihre Gedanken schätzte und ihr die Freiheit gewährte, die sie sich wünschte.

Doch sie bezweifelte, dass Piers dieser Mann sein würde. Er war hier, um über Penrith zu herrschen, und der einzige Grund dafür, dass er sich in ihr Gemach geschlichen hatte, war der, dass er um ihre Gunst buhlen wollte, bevor seine Konkurrenten Gelegenheit dazu bekamen. Was auch immer er sagte: Bestimmt unterschied er sich nicht von den anderen. Männer wollten gehorsame Ehefrauen, keine mit eigener Meinung.

Ihr Vater ließ sie nur selten entscheiden, wenn es um Penrith ging. Er sagte ihr, was sie zu tun hatte und wann sie es zu tun hatte. Und wann immer sie den Drang verspürte, dagegen aufbegehren zu wollen, wurde er nachgiebig und versprach ihr, dass er nur das Beste für sie wollte.

Seit ihre Mutter vor fünf Jahren bei einem schrecklichen Treppensturz gestorben war, hielt Alfred seine Tochter noch enger an sich. Er war so überfürsorglich geworden, dass es Gwen immer schwieriger fiel, ihn zu ertragen.

Sie wünschte sich so viel mehr von ihrem Leben. Sie wollte all ihre Untergebenen beim Namen kennen, genau wie ihre Kinder. Vor allem aber wollte sie sich vergewissern, dass alle genug zu essen und ein Dach über dem Kopf hatten. Dafür fühlte sie sich verantwortlich, obwohl ihr Vater ihr nicht erlaubt hatte, die Rolle als Lady von Penrith vollständig einzunehmen. Vielleicht eines Tages.

Es klopfte an die Tür, und nachdem Gwen „Herein“ gerufen hatte, betrat ihr Vater ihr Gemach. „Frönst du dem Müßiggang, Tochter?“

Seine Worte ärgerten sie, doch sie setzte sich auf und lächelte gezwungen. „Ich habe nur ein wenig geträumt.“

„Nun, einige deiner Verehrer sind bereits eingetroffen. Ich möchte, dass du ein schöneres Kleid anziehst und sie willkommen heißt.“ Er verschränkte die Arme und sah sie an. „Ich weiß, wir haben darüber gesprochen, dass du dir deinen Ehemann selbst aussuchen sollst. Aber es muss ein Mann sein, der für dich sorgen kann; einer, der uns eine starke Allianz ermöglicht.“

Und schon war es so weit: Ihre Freiheit verblasste. „Also wirst du nun meinen Ehemann auswählen? Ich dachte, du hättest mir dein Wort gegeben.“

Alfred lachte leise. „Sagen wir es so: Ich werde die Kandidaten für dich eingrenzen.“

„Was ist mit dem Turnier?“, fragte sie. „Du hast gesagt, die Männer würden in einem Wettbewerb um Kraft und Schnelligkeit gegeneinander antreten.“

„Wenn er ein Mann ist, der deiner würdig ist, wird er sicher mehrere Wettbewerbe gewinnen“, prophezeite ihr Vater.

Sie nickte, obwohl sie langsam zu glauben begann, dass ihr Vater sein Versprechen nicht einhalten würde. Es bestand kein Zweifel daran, dass Piers mehrere, wenn nicht gar alle Wettbewerbe gewinnen würde. Aber würde er die Anforderungen ihres Vaters erfüllen und einen guten Stand und Ländereien vorweisen können? Das war ungewiss. Und würde er sich tatsächlich von den anderen Männern unterscheiden und ihr mehr Freiheit gewähren? Er hatte ihr den Bogen geschenkt, aber darüber hinaus wusste sie nichts über ihn, außer seinem Namen.

„Schick Aelish, damit sie mir bei meinen Haaren hilft. Danach komme ich in den großen Saal“, versprach sie. Obwohl sie die Hilfe ihrer Zofe nicht benötigte, barg ihre Aussage die Möglichkeit, ihren Vater wegzuschicken.

Er schien erfreut und sprach: „Gwen, ich bin froh, dass du nicht bist wie andere junge Damen, die versuchen, sich ihren Vätern zu widersetzen. Ich weiß, du verstehst, dass ich dir nur dabei helfen möchte, den besten Ehemann zu finden. Deine Söhne werden eines Tages Penrith erben, und du musst sie beschützen, so wie ich dich beschütze.“

Gerne hätte sie ihm gesagt, dass sie gut auf sich selbst aufpassen konnte, doch es war leichter, einfach zu nicken. „Ich werde mit den Männern sprechen, die angereist sind.“ 

„Einer von ihnen könnte gut zu dir passen“, sagte er. „Er heißt Gareth von Watcombe. Sein Vater ist ein Earl, aber Gareth ist sein jüngerer Sohn. Er würde gern von mir lernen, bis er Penrith allein regieren kann.“

Gwendoline entging nicht, dass ihr Vater mit keinem Wort erwähnte, dass auch sie in Penrith etwas zu sagen haben würde. „Also soll ich, während mein Mann über Penrith herrscht, danebenstehen und Kinder gebären?“ Sie behielt ein falsches Lächeln auf den Lippen, doch es fiel ihr schwer, ihre Verärgerung nicht zu zeigen.

„Ist das nicht die Rolle einer Frau?“, entgegnete ihr Vater. „Du wirst Kleider aus Seide tragen, in einem weichen Bett schlafen, und alles, was er dafür von dir verlangt, ist, dass du ihm treu ergeben bist und ihm Erben schenkst.“

Wenn das die Ehe war, glich sie dem Gefängnis, in dem sie bereits eingesperrt war. Gwen wollte nicht bloß Dekoration sein. Sie wollte eine größere Rolle spielen, was die Belange von Penrith betraf. Ihr Vater hinderte sie daran, Kontakt zu den Menschen hier zu pflegen, und das zu akzeptieren, fiel ihr immer schwerer, obwohl er behauptete, dass es gefährlich sei. Man hatte einen Anschlag auf ihn verübt, doch sich vor den Menschen zu verstecken, würde die Bindung zu ihnen nicht verbessern.

„Es scheint mir oft, als sei ich eingesperrt“, gab sie zu. „Nicht einmal mit meinen Untergebenen lässt du mich sprechen. Wie soll ich so jemals die Lady von Penrith werden?“

„Darüber solltest du dir jetzt keine Gedanken machen“, warnte ihr Vater. „Ich werde nicht zulassen, dass sie meine einzige Tochter in ihre Hände bekommen. Oder hast du den Mann vergessen, der versucht hat, mich niederzustechen?“

„Nein, habe ich nicht.“ Und doch schien es, als habe ihr Vater ihr nicht alles über den Vorfall erzählt. Ihre Untergebenen lebten in Angst, eisern kontrolliert durch ihren Vater. „Aber ich verstehe nicht, warum er das getan hat. Wir haben den Menschen dabei geholfen, ihre Häuser wieder aufzubauen, sie mit Lebensmitteln versorgt …“

„Sie haben sich zusammen mit unserem ehemaligen Earl gegen unseren König aufgelehnt.“ Der Ton ihres Vaters war nun schärfer. „Stell mich nicht in Frage, Gwen. Du hast nicht, was nötig ist, um den Frieden zu wahren.“

Sie verstummte. Sie hatte von der Rücksichtslosigkeit ihres Vaters gehört, doch es war nicht zu leugnen, dass er damit die gewünschten Ergebnisse erzielte. Niemand wagte es, gegen seine Gesetze zu verstoßen, und wenn sie auf die Felder hinter der Burg blickte, sah sie Getreide, das in der Sonne reifte. Dennoch spürte sie, dass er eine grausame Seite hatte, die sie nicht sehen wollte.

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