Die sinnliche Rache des griechischen Tycoons

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Macht, Reichtum, Ruhm – Baumagnat Zervou Kritikos hat alles erreicht. Dabei ersehnt er nur eines: endlich den Mörder seines Vaters hinter Gitter zu bringen! Jetzt ist seine Chance gekommen, denn er hat auf Korfu dessen heimliche Tochter Ariadne aufgespürt. Eine öffentlichkeitswirksame Scheinbeziehung mit ihr soll den Feind aus seinem Versteck locken. Aber er hat nicht mit Ariadnes verführerisch sinnlichen Reizen gerechnet. Bald gerät nicht nur sein Racheplan, sondern auch sein Herz in ungeahnte Gefahr …


  • Erscheinungstag 04.08.2026
  • Bandnummer 2765
  • ISBN / Artikelnummer 0800260016
  • Seitenanzahl 144

Leseprobe

Lorraine Hall

Die sinnliche Rache des griechischen Tycoons

1. KAPITEL

Zervou Kritikos bewegte sich mit der Zielstrebigkeit durch das Boxstudio, die ihn zu dem gemacht hatte, der er heute war. Aus dem Jungen, der im Alter von zehn Jahren jäh seine behütete Kindheit verloren hatte, war ein Mann geworden, der jeden einzelnen Tag an seinem Erfolg arbeitete.

Und Erfolg hatte er mittlerweile mehr als genug. Zervou war reicher und mächtiger, als er es sich je hatte träumen lassen, und er wurde allseits respektiert. Er hatte alles erreicht, was er sich wünschen konnte.

Bis auf eins: die Vernichtung seines größten Feindes.

Doch dieses Jahr würde es ihm gelingen. Er würde Erjon Hyseni endlich aus seinem Versteck locken und den Mann zur Rechenschaft ziehen, der seinen Vater getötet hatte!

Manche hielten es für ein bloßes Gerücht, dass es Erjon war, der die Familie Kritikos damals dafür bestrafte, dass sie sich von den Gangstern nicht hatte einschüchtern lassen, die ihr kleines griechisches Heimatdorf tyrannisiert hatten. Doch Zervou wusste, dass es kein Gerücht war, sondern die Wahrheit. Erjon Hyseni hatte seinen Vater ermordet und seine Mutter zu einem Leben in Trauer verdammt.

Und das rief nach Vergeltung.

Zervou hatte es mit viel Hartnäckigkeit, Geld und Einfluss geschafft, sein Dorf von den Kriminellen zu befreien, die es einst beherrscht hatten. Er hatte es aber nicht geschafft, Erjon in die Finger zu bekommen. Mittlerweile war Anovol eine kleine, blühende Gemeinde mit einer verschwindend geringen Verbrechensrate. Dieser Erfolg hatte Zervou eine Zeit lang Frieden geschenkt, aber Erjon war noch immer auf freiem Fuß.

Und das, obwohl es Zervou gelungen war, dem Treiben der verbrecherischen Petrov-Familie, für die Erjon arbeitete, weitgehend Einhalt zu gebieten! Aber Erjon hatte es immer wieder geschafft, zu entkommen. Vor fast zehn Jahren hatte er sich in ein Versteck zurückgezogen, das Zervou bis heute nicht hatte ausmachen können.

In der Hoffnung, etwas zu entdecken, was ihm dabei helfen konnte, Erjon aus der Reserve zu locken, hatte Zervou unermüdlich nachgeforscht. Und vor Kurzem war es ihm geglückt! Er hatte ein Geheimnis entdeckt, das dieses Wiesel aus seinem Versteck locken und ins Gefängnis bringen würde. Für immer.

Erjon Hyseni hatte eine Tochter.

Eine Tochter, von deren Existenz niemand wusste, außer ihrer Mutter und Erjon.

Und jetzt auch er ...

Entschlossen ging Zervou auf den Mann hinter dem Empfangstresen zu, flankiert von seinen Sicherheitsleuten. Das Boxstudio war nur schwach beleuchtet und roch genau so, wie man es von einem solchen Ort erwartete. Unter anderen Umständen hätte Zervou einfach einen seiner Mitarbeiter angewiesen, die Frau, nach der er suchte, zu ihm zu bringen.

Aber er musste sicherstellen, dass sein Plan perfekt funktionierte, und so war er persönlich in diese arme Gegend auf der Insel Korfu gereist.

Er bedeutete einem seiner Begleiter, den Mann hinter dem Empfangstresen anzusprechen. Zervou wollte die Frau zwar mit eigenen Augen sehen, doch das hieß nicht, dass er seinen Status vergaß.

„Wir suchen Ariadne Malis“, erklärte Bacchus, der Securitymitarbeiter, dem Zervou am meisten vertraute, dem nicht sehr athletisch wirkenden Angestellten.

Der Mann am Empfangstresen musterte sie kurz, zuckte dann gleichgültig mit den Schultern und sagte: „Ari ist im Ring.“ Er zeigte ins Innere des Studios, aus dem gedämpfte Kampfgeräusche und leises Keuchen drangen.

Zervou nickte ihm kurz zu und begab sich dann mit seinen Begleitern ins Innere des Boxstudios. Boxsäcke aller Art hingen von der Decke, auf dem Fußboden lagen Matten. Einige Männer trainierten an verschiedenen Stationen, doch das Zentrum bildete ein Boxring, in dem gerade ein Trainingskampf stattfand.

Zervous Ziel war nicht schwer auszumachen. Eine der boxenden Personen war männlich. Die andere war die Frau, die er suchte.

Zervou verschränkte die Arme vor der Brust und beobachtete sie.

Ihr Kopfschutz verbarg den größten Teil ihres Gesichts. Sie trug nur lange Shorts und einen Sport-BH, und bei jeder Bewegung zeichneten sich die Muskeln unter ihrer bronzenen Haut ab, die vor Schweiß glänzte.

Faszinierend. Ihre Bewegungen waren weniger die einer Athletin als vielmehr die einer Tänzerin! In ihnen lag nicht nur Kraft, sondern auch Anmut. Sie wich zwei schnellen Schlägen aus, von denen einer nur knapp ihr Kinn verfehlte und versetzte ihrem Gegner ihrerseits einen Schlag direkt in den Magen.

Er taumelte nach hinten und hob eine Hand. Das war anscheinend eine Art Kapitulation, denn beide traten jetzt in die Mitte des Rings, stießen kurz die Fäuste aneinander und zogen sich dann in ihre jeweilige Ecke zurück.

Ariadne ließ sich auf einem Schemel nieder, ehe sie die Handschuhe auszog, die Bandagen von ihren Händen wickelte und den Kopfschutz abnahm. Ihr dunkles Haar war zu strengen Zöpfen gebunden. Sie atmete schwer und brauchte offenkundig ein wenig Zeit, um sich von ihrem Trainingssieg zu erholen.

Obwohl sie Zervou nicht direkt ansah, bestand kein Zweifel, dass sie die drei Männer, die sie beobachteten, mit ihren dunklen Augen im Blick hatte. Ihm gefiel, dass sie nicht direkt angelaufen kam, um herauszufinden, wer sie waren oder was sie hier wollten.

In Ruhe abwarten zu können, war ein Zeichen von Selbstsicherheit.

„Sie ist perfekt“, erklärte Zervou seinen Begleitern. „Ich warte beim Auto. Bringt sie zu mir, wenn sie hier fertig ist.“ Ohne sich noch einmal umzusehen, verließ er das Studio.

Eins stand fest: Das triumphale Ende seines langen Rachefeldzugs stand kurz bevor!

Ari hielt sich auch heute an dieselbe Routine wie nach jedem Trainingskampf. Erst ein paar Dehnübungen mit ihrem Partner und ihrem Coach, danach duschen und umziehen. Und obwohl sie wusste, dass die fremden Männer auf sie warteten, ließ sie sich dabei Zeit.

Schließlich wusste sie genau, dass es keine gute Idee war, die Interessen irgendwelcher Männer für wichtiger zu halten als die eigenen.

Als die drei aufgetaucht waren, hatte sie zuerst gedacht, ihr Vater hätte seine Drohungen wahrgemacht und seine Handlanger zu ihr geschickt. Sie war so abgelenkt gewesen, dass sie fast einen Jab aufs Kinn kassiert hätte. Sie hatte ihn gerade noch abgewendet und zurück in den Kampf gefunden. Vielleicht hatte sie insgeheim sogar gehofft, es wären die Handlanger ihres Vaters, denn ohne Kampf würde sie sich nicht aus ihrem geliebten Boxstudio zerren lassen! Aber dann hatte sie den größten der Männer erkannt.

Zervou Kritikos war auf Korfu eine Berühmtheit. Okay, wohl nicht nur hier, sondern auch in ganz Europa, aber Aris Wahrnehmung beschränkte sich größtenteils auf die Kleinstadt, in der sie lebte. Ihr Leben bestand aus dem Boxstudio und dem bescheidenen Apartment, in dem sie mit ihrer Mutter wohnte.

Kritikos' Unternehmen verdiente sein Geld mit dem Bau von Arenen, auch wenn Ari das nie genau verfolgt hatte. Sie wusste nur, dass das, was einst mit der Errichtung von Konzerthallen begonnen hatte, sich nun auch auf Sportstätten erstreckte, auch hier auf Korfu. Und dass der Besitzer des Boxstudios hoffte, dass, war das Stadion erst einmal fertiggestellt, dort auch Boxkämpfe stattfanden.

Ari hatte nicht mit dem Boxen angefangen, um reich und berühmt zu werden, sondern um sich selbst zu retten. Sie hatte sich Hals über Kopf in den anspruchsvollen Sport verliebt, der perfekt zu Aris fatalistischer Sicht auf das Leben passte.

Denn ihr Leben war wie eine Sanduhr, in der der Sand unaufhaltsam verrann. Ihr Vater würde nicht auf ewig in seinem Versteck ausharren.

„Eines Tages kehre ich zurück. Und dann wirst du mir gehören.“

Damals hatte sie auf die Drohung ihres Vaters nicht reagiert, denn sie hatte noch geglaubt, ihr Gehorsam würde ihre Mutter retten. Im Stillen aber hatte sie sich eines geschworen.

Niemals!

Doch was immer die Männer heute von ihr wollten, es war nicht Erjon, der gekommen war, um sie zu holen. Also würde sie wohl mit ihnen reden müssen.

Als sie angezogen war, hängte Ari sich ihre Sporttasche über die Schulter und war wenig überrascht, als vor dem Umkleideraum zwei hochgewachsene Männer in teuren Anzügen und mit dunklen Sonnenbrillen im Gesicht auf sie warteten.

Einer trug in der Anzugjacke verborgen eine Pistole bei sich, der andere nicht. Ari hatte schon früh ein Auge dafür entwickelt, zu sehen, ob ihr Gegenüber bewaffnet war.

Sie sah die beiden Männer selbstbewusst an, aber nicht feindselig. Denn Feindseligkeit verriet oft Schwäche, und Ari hatte Vertrauen in ihre eigene Stärke. „Hat es einen Grund, dass Sie mir den Weg versperren?“

Die beiden tauschten einen Blick aus. „Sie werden jetzt mit uns kommen.“

„Und warum sollte ich das tun?“

„Sie haben sicher bemerkt, wer Ihnen heute beim Boxen zugesehen hat.“

„Eine Menge Leute sieht mir beim Boxen zu.“ Sie lächelte die beiden herausfordernd an. „Ich bin ziemlich aufregend.“

Keiner der Männer zeigte eine Regung.

„Mr. Kritikos möchte Ihnen einen geschäftlichen Vorschlag machen. Wenn Sie uns also begleiten würden.“

Ari überlegte, ob sie sich störrisch geben sollte. Das tat sie gerne, wenn der Anlass es verlangte. Sie könnte so tun, als wüsste sie nicht, wer Mr. Kritikos war. Oder als ob sie kein Interesse hätte.

Aber das konnte eine Frau in ihre Position sich nicht wirklich leisten. Da Mr. Kritikos jetzt in den Sportsektor expandierte, ging es vermutlich ums Boxen, was wiederum bedeutete, dass sie sich seinen „geschäftlichen Vorschlag“ anhören würde. Aber nicht, dass sie ihn annehmen musste. Sie deutete auf den Ausgang. „Nach Ihnen, Gentlemen.“

Sie verließen das düstere Studio und traten hinaus in den sonnigen Nachmittag. Die salzige Luft war viel wärmer als heute Morgen, als Ari noch vor Sonnenaufgang drinnen mit dem Training begonnen hatte.

In ihren Anzügen mussten die Männer vor Hitze umkommen, doch sie führten Ari ruhig zu Zervou Kritikos, der neben einem teuren Wagen stand, von dem sie wahrscheinlich beeindruckt sein sollte. Aber von Autos und Designerkleidung, wie er sie sicherlich trug, verstand Ari nichts.

Sie kannte sich mit dem Boxen aus und damit, wie man überlebte.

Und mit Männern. Obwohl sie bei Wettkämpfen gegen andere Frauen boxte, waren ihre Trainingspartner in der Regel männlich. Sie verbrachte unfassbar viel Zeit in männlich dominierten Sphären, zwar gab es auch andere Boxerinnen, aber nur wenige.

Zervou Kritikos hier an diesem heißen Tag vor dem Boxstudio stehen zu sehen, kam ihr falsch vor. Dieser Mann war ein Mythos! Ein Titan mit mehr Geld, als sie sich vorstellen konnte. Er gehörte nicht in diese Gegend. Hier spuckten die Menschen auf die Straßen, stolperten betrunken durch die Gassen, verübten scheußliche Verbrechen.

Die Leute hier fuhren keine teuren Wagen und trugen keine Kleidung, die vermutlich mehr gekostet hatte, als Ari in ihrem bisherigen Leben verdient hatte. Alle Menschen in diesem Viertel waren Kämpfer, ob sie boxten oder nicht.

Aber irgendwie sah Zervou Kritikos aus, als könnte er auch kämpfen. Selbst sein elegant geschnittener Anzug konnte seine breiten Schultern nicht verbergen, und seine kraftvolle Statur war beeindruckend. Sein Blick aus dunklen Augen war klug und taxierend, seine Nase scharf geschnitten und aristokratisch, und um seine Lippen spielte die Andeutung eines Lächelns.

Er sah unverschämt gut aus. Ari zweifelte keine Sekunde daran, dass sein Bild oft die Titelseiten von Klatschblättern und Magazinen schmückte und dass genug Leute seinem Appeal erlagen.

Ari wusste es besser, als der Anziehungskraft eines Mannes zu erliegen, egal wie wohlhabend oder attraktiv er auch war. Aber auch wenn sie auf ihre Fähigkeiten im Umgang mit Männern vertraute, in der Gegenwart dieser charismatischen Berühmtheit kamen ihr leise Zweifel, ob sie ausreichten!

„Ariadne Malis“, begrüßte er sie mit tiefer, kraftvoller Stimme. „Sie sind eine talentierte Boxerin.“

Darauf erwiderte sie nichts, denn es stimmte einfach.

„Ich würde Sie für heute Abend gerne zum Essen einladen.“

Wie vorhersehbar. Ein Mann blieb ein Mann, egal wie himmlisch er aussah. Und ein „geschäftlicher Vorschlag“ bedeutete leider auch nie ein schlichtes, ehrliches Geschäft!

Ari zwang sich dazu, nicht die Augen zu verdrehen, und behielt ihr nichtssagendes Lächeln bei. Wahrscheinlich gehörte ihr Gegenüber zu den Männern, die noch nie ein Nein gehört hatten. „Und ich würde gerne weitergehen.“

Seine Mundwinkel hoben sich zum Hauch eines Lächelns, was dazu führte, dass Aris Herz aufgeregt in ihrer Brust flatterte.

Verwirrt stand sie da, denn ihr Herz flatterte sonst nie.

„Sind Sie gar nicht neugierig, warum ich Sie gerne einladen würde?“

Sie musterte ihn von oben bis unten und gab sich Mühe, gelangweilt auszusehen – überzeugt davon, dass ihr das misslang. „Kein bisschen.“

Er gab ein nachdenkliches Geräusch von sich, und sein dunkler Blick schien mühelos bis in ihr Innerstes zu dringen.

Ari war schon oft von Männern gemustert worden, mal lag Interesse in ihren Blicken, mal Besitzanspruch. Aber was das hier war, wusste sie einfach nicht.

Dieses Gefühl, dass etwas in ihrem Inneren plötzlich weicher wurde und ihre Schutzmauern sich verschoben, war schrecklich beunruhigend.

Dieser Mann war gefährlich auf eine Weise, die sie nicht kannte. Es fühlte sich an wie eine Gefahr, gegen die Ari noch nie hatte ankämpfen müssen. Aber sie musste gestehen, dass sie zunehmend fasziniert war!

„Ich versichere Ihnen, Ms. Malis, das Treffen wird sich für Sie lohnen.“

Diese Worte waren schwer zu ignorieren, zumal sie von einem Mann kamen, der viel zu geben hatte. Trotzdem sollte sie jetzt besser ablehnen und gehen. Es gab Linien, die sie nicht überschritt, nicht einmal für Geld.

Doch Ari schwieg und blieb, wo sie war.

„Ich werde Ihnen einen Wagen schicken lassen. Hierher oder zu Ihnen nach Hause. Alles, was Sie tun müssen, ist, mit mir essen, sich meinen Vorschlag anhören und mir eine Antwort geben.“

„Und wenn die Antwort Nein lautet, akzeptieren Sie das? Weil Sie mir eigentlich nicht wie ein Mann erscheinen, der eine abschlägige Antwort hinnimmt.“

Seine Augen funkelten vor Zufriedenheit. „Ah, eine glänzende Einschätzung meines Charakters, Ms. Malis. Aber in Ihrem Fall ... Sollten Sie mein Angebot wirklich ablehnen ...“ Er zuckte mit den Schultern, aber es war offensichtlich, dass er diese Möglichkeit ausschloss. „Ich würde ein Nein akzeptieren. In gewisser Weise.“

In gewisser Weise. Wieder gelang es Ari nur knapp, die Augen nicht zu verdrehen. Doch dann sagte sie nicht, was sie eigentlich sagen sollte, sondern erklärte: „Ich glaube nicht, dass ich etwas Passendes zum Anziehen habe, um mit Ihnen Abend zu essen, Mr. Kritikos.“

„Machen Sie sich darüber kein Gedanken. Wie wäre es hiermit? Ich bezahle Sie für unser Treffen. Betrachten Sie es als Honorar dafür, dass Sie mir zuhören.“ Er nannte ein Summe, die zwar nicht exorbitant war, aber auch schwer auszuschlagen, wenn Ari dafür nur mit diesem Mann essen musste.

Zu lange hatte sie kämpfen müssen, damit ihre Mutter und sie ein Dach über dem Kopf hatten, als dass Ari auf etwas hereinfiel, das zu gut klang, um wahr zu sein. Aber es war schwer, ein solches Angebot abzulehnen. Dieser Mann war reicher als Krösus, vielleicht tat sich hier also eine Möglichkeit auf.

Aber wusste sie es nicht eigentlich besser?

„Ich gehe davon aus, dass Sie keine Angst vor mir haben“, sagte er leicht vorwurfsvoll. „Ich habe Sie dort drinnen kämpfen sehen. Sie müssen niemanden fürchten.“

„Eine kluge Frau weiß, dass irgendwo immer eine Gefahr lauert. Besonders in der Nähe von charmanten Männern in schicken Anzügen.“

„Ach, Sie halten mich also für charmant.“ Er richtete das Revers seines Jacketts. „Und schick.“

Seine Arroganz sollte sie nicht amüsieren, doch bei diesem Mann war es schwierig, ihn nicht amüsant zu finden.

„Na schön“, seufzte er, als willigte er schließlich in etwas ein, um das sie gar nicht gebeten hatte. „Hier ist die Adresse. Entscheiden Sie selbst, wie Sie dorthin finden.“ Er hielt ihr eine Visitenkarte hin. „Machen Sie sich keine Gedanken über Ihre Garderobe, es wird ein privates Essen. Und bewaffnen Sie sich, wie Sie möchten.“

Er machte keine Anstalten, ihr die Karte zu geben, sondern hielt sie hin, als sei es ein Leckerchen für einen Hund.

Sie sollte beleidigt sein. Sich umdrehen und gehen. Sie sollte alles Mögliche tun.

Aber die Summe, die er genannt hatte, ging Ari nicht aus dem Kopf. Wenn sie die Karte nahm, hieß das ja noch nicht, dass sie auch die Einladung annehmen würde. Sie hätte genügend Zeit, die Risiken abzuwägen, die einzugehen sie bereit war. Denn Risiken waren Teil des Lebens. Auf jeden Fall Teil des Überlebens.

Mit erhobenem Kinn trat sie auf Zervou zu und nahm ihm die Visitenkarte ab, wobei sie genau darauf achtete, dass ihre Finger sich nicht berührten. „Ich werde darüber nachdenken.“ Damit ließ sie die drei Männer stehen und machte sich auf den Weg zu ihrem Apartment, das direkt um die nächste Ecke lag.

Mr. Kritikos schenkte ihr keine Worte zum Abschied.

Doch Ari spürte ganz deutlich seinen Blick im Rücken, während sie die Straße entlangging.

2. KAPITEL

Während Zervou auf seinen Gast wartete, betrachtete er Korfus Küste unter sich, die wie ein Juwel funkelte. Die Luft war salzig und süß zugleich, ringsum herrschte Stille. Es war hier viel friedlicher als in seinen anderen Domizilen!

Dieses Anwesen hatte er ausschließlich gekauft, um Ariadne für seinen Plan zu gewinnen, aber womöglich würde er es auch danach noch behalten. Die meisten seiner Häuser hatte er wegen deren Nähe zu einem aufregenden Nachtleben gekauft, denn Zervou war unternehmungslustig.

Vielleicht wurde er ja allmählich doch alt, wie seine Bekannten ihn immer gewarnt hatten.

Aber Frieden würde es für ihn erst geben, wenn Erjon Hyseni bis ans Ende seiner Tage in einer Gefängniszelle verrottete.

Und Zervou hatte das deutliche Gefühl, dass die faszinierende Ariadne genau die Frau war, die das bewerkstelligen würde.

Sie würde kommen. Daran zweifelte er keine Sekunde.

Sie war eine clevere Frau, die nicht jeden Köder ohne nachzudenken schluckte.

Aber dem Geld würde sie nicht widerstehen können. Was Ariadne Malis betraf, so hatte Zervou seine Hausaufgaben gemacht. Sie bestritt ihren Lebensunterhalt damit, dass sie in dem Studio boxte und Unterricht gab, doch das meiste Geld, das sie verdiente, steckte sie in die Unterstützung ihrer Mutter. Einer Frau, die allem Anschein nach lieber trank und spielte, als ihre Tochter zu entlasten.

Was Ariadnes finanzielle Lage nicht erleichterte.

Sie würde kommen. Sie konnte gar nicht anders. Das wusste Zervou genau.

Was er nicht wusste, war, ob ihr bewusst war, was für ein Verbrecher ihr Vater war. Falls sie ihn überhaupt kannte.

Aber das würde er heute Abend herausfinden.

„Mr. Kritikos, Ihr Gast ist eingetroffen.“

„Danke, Bacchus. Bring sie her und sag der Küche bitte, dass wir hier draußen essen werden. Es ist ein schöner Abend.“

„Ja, Sir.“

Bacchus verschwand und kehrte wenige Minuten später mit Ariadne zurück.

Aus Trotz, wie er vermutete, hatte sie sich für eine tief sitzende Cargo-Hose, Stiefel mit dicken Sohlen und ein eng anliegendes schwarzes Tanktop entschieden. Ihr dunkles Haar – lockig und dicht – fiel ihr lang über den Rücken. Sollte sie Make-up tragen, war es so dezent, dass es kaum zu sehen war. Auf ihrer Nase breiteten sich Sommersprossen aus. In einem Nasenloch trug sie einen schmalen Goldring, der zu denen an ihren Ohrläppchen passte.

Sie wirkte anders als heute Nachmittag, leger und jung. Abgesehen von ihrer sportlichen Figur und der Nase, die bei genauerem Hinsehen nicht vollkommen gerade wirkte, würde niemand vermuten, dass sie den größten Teil ihrer Zeit mit Boxen verbrachte.

Zervou kannte elegante, kultivierte, intelligente und schöne Frauen auf der ganzen Welt und hatte mit vielen von ihnen äußerst befriedigende Affären gehabt.

Doch Ariadne war die erste Frau seit sehr langer Zeit, die ihn wirklich faszinierte. Leider ...

„Sie werden jetzt aber nicht wirklich auf Korfu leben“, sagte sie als Begrüßung.

„Woher wollen Sie das wissen?“

„Ich weiß, wer Sie sind. Und das hätte ich gehört.“

„Ich habe das Anwesen letzte Woche gekauft.“ Er machte eine Handbewegung, die die herrliche Terrasse umfasste, unter der sich die Stadt ausbreitete. „Es wird kein dauerhafter Wohnsitz sein, aber so lange sich das Stadion im Bau befindet, möchte ich ein Auge darauf haben.“

„Und deshalb mussten Sie gleich ein ganzes Anwesen kaufen?“

„Was denn sonst?“

Sie verdrehte nicht wirklich die Augen, erweckte aber den Eindruck, als täte sie es. Dann nahm sie die Terrasse in Augenschein. Ein Tisch war für das Abendessen vorbereitet worden, und es wehte eine angenehme Brise. Bacchus schenkte ihnen Wein ein, bevor er wieder im Inneren des Hauses verschwand, vermutlich um das Personal anzuweisen, den ersten Gang zu servieren.

„Kommen Sie, Ms. Malis, setzen Sie sich.“

Ariadne blieb stehen, wo sie war, und verschränkte abweisend die Arme vor der Brust. Dadurch vergrößerte sich der Spalt zwischen Tanktop und Hosenbund, und in ihrem Bauchnabel wurde ein kleiner Goldring sichtbar, in dem sich das gedämpfte Licht der Terrasse und der vom Meeresspiegel zurückgeworfene Mondschein widerspiegelten.

Sie war eine Schönheit, daran bestand kein Zweifel. Interessant und scharfsinnig. Sie fiel auf. Selbst wenn er nicht öffentlich machte, wer ihre Eltern waren, würden die Leute nur zu gern über die neue Frau an seiner Seite reden.

Sobald sie eingewilligt hatte.

Die Angestellten erschienen mit dem Essen, zögerten aber, als sie sahen, dass noch niemand am Tisch Platz genommen hatte. Zervou bedeutete ihnen, die Teller trotzdem dort abzustellen. Ariadne war zwar zu ihm gekommen, doch ihr Misstrauen war spürbar.

Zervou ging zum Tisch und zog einen Stuhl für sie hervor, wartete aber nicht, bis sie sich setzte. Stattdessen nahm er selber Platz und machte einiges Aufheben darum, seine Serviette aufzuschlagen und über die Knie zu legen.

Dann zog er den Umschlag mit dem Geld aus seiner Jacketttasche und legte ihn mitten auf den Tisch. „Hier ist Ihre Bezahlung.“

Ohne Ariadne anzusehen, wählte er seine Vorspeisen aus. Der Koch hatte eine Auswahl von Leckereien zubereitet, und Zervou hatte vor, sie zu genießen, auch wenn Ariadne den Rest des Abends im Schatten auf der Terrasse herumschleichen wollte.

„Und was würde mich davon abhalten, einfach das Geld zu nehmen und zu gehen?“, fragte sie, während er seinen Teller füllte.

Er sah zu ihr auf. „Nichts, natürlich.“

Sie verengte die Augen. „Nichts?“

Nachlässig hob er eine Schulter. „Ich habe gesagt, ich würde Sie dafür bezahlen, zum Abendessen hierherzukommen. Sie sind gekommen. Hier ist Ihr Geld. Wenn mein Vorschlag Sie interessiert, bleiben Sie und essen etwas.“

Ihr Ausdruck verdunkelte sich. „Sie wären nicht der Erste.“

Gegen seinen Willen musste er schmunzeln. Wegen all der Idioten, mit denen sie zweifelsohne schon zu tun gehabt hatte, glaubte sie zu wissen, wer und was er war. Aber offensichtlich kannte sie Zervou Kritikos nicht. „Es geht hier nicht um Sex.“

Wachsam sah sie ihn an. „Um was geht es dann?“

Er hatte lange nachgedacht. Eine Weile hatte er sogar erwogen, ihr den Hof zu machen. So zu tun, als wäre es echt. Doch damit hätte er sie zu einem Opfer gemacht. Zervou glaubte an Rache und Vergeltung, aber nicht an Kollateralschäden. Nicht, nachdem er selber einer gewesen war.

Also blieb er bei der harten Wahrheit. Das schien am besten zu Ariadne zu passen. Wie ein Boxhieb. Würde sie ihm ausweichen? Zurückschlagen? Er konnte nicht abwarten, es herauszufinden.

„Es geht um Ihren Vater.“

Er sah, wie sie erstarrte, auch wenn sie äußerlich unbeeindruckt erscheinen wollte. Aber das Wort Vater hatte sie offensichtlich kalt erwischt. Würden sie boxen, hätte er gerade einen Treffer erzielt.

Und so setzte er noch hinterher: „Und um Rache.“

Sie hob das Kinn, ihre Augen funkelten. Sie war bereit, zurückzuschlagen. Er musste lächeln.

„Ich habe keinen Vater.“

Er neigte den Kopf und sah sie an. Noch immer lächelte er. Er liebte ein gutes Sparring. „Dann gehe ich davon aus, dass Ihnen der Name Erjon Hyseni nichts sagt.“

Jetzt blitzten ihre Augen förmlich. Sie wusste es. Sehr gut! Das machte es viel leichter, seinen Plan in die Tat umzusetzen.

Zervou lehnte sich auf dem Stuhl zurück, nippte an seinem Wein und wusste, dass er diesen Kampf genießen würde.

Ari musste sich auf die Zunge beißen, um nicht zu fragen, woher Zervou wusste, wer ihr Vater war. Er musste irgendeine Art Geschäfte mit Erjon machen, denn außer ihm und ihre Mutter ahnte niemand etwas.

Oder? Zumindest hatte Ari es immer so verstanden, aber sie wusste auch, dass, egal, wie viel sie sich auch zusammenreimte, sie nie die ganze Geschichte kennen würde.

Nur eine schlichte Tatsache.

Autor

Lorraine Hall

Lorraine Hall ist Teilzeit-Einsiedlerin und Vollzeit-Autorin. Sie wurde mit einer alten Seele und jeder Menge Fantasie geboren, was sich als perfekte Kombination herausgestellt hat, um ihre Tage damit zu verbringen, über Alpha-Helden und wilde, entschlossene Heldinnen zu schreiben. Sie lebt ihrer Familie in einem möglicherweise heimgesuchten Haus. Wenn sie keine...

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