Die verschwundene Hurenbraut

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„Bringt mir Avelyn of Brandr!“ Auf Befehl des schottischen Königs macht sich Lord Elrik of Roul auf den gefahrvollen Weg. Er soll die widerspenstige Braut einfangen, die vor einer Ehe mit einem ältlichen Kriegsherrn geflohen ist. Doch als der mächtige Recke die schöne Lady in England, in einem Hurenhaus, aufspürt, hat er plötzlich ein Problem. Denn die Frau mit den eisblauen Augen, dem nachtschwarzen Haar, der Figur einer Göttin und dem unbezähmbaren Temperament lässt sein einsames Wolfsherz heiß entbrennen! Dabei muss er Avelyn unberührt zurück an König Davids Hof bringen. Um sie für immer an einen anderen zu verlieren?


  • Erscheinungstag 11.01.2022
  • Bandnummer 374
  • ISBN / Artikelnummer 9783751507462
  • Seitenanzahl 256
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

PROLOG

Carlisle Castle – April 1145

Die imposante, schwere Tür der großen Halle öffnete sich mit einem lauten Ächzen, und die hitzigen Debatten verebbten zu einem kaum hörbaren Flüstern. Als Lord Elrik of Roul mit großen Schritten hereinstürmte, verstummte auch der Letzte im Saal.

Das Regenwasser rann in Strömen von seinem mit Wolfspelz besetzten Umhang herab, und er hinterließ bei jedem Tritt ein kaltes Rinnsal auf dem Boden.

Alle wichen zurück, um ihm Platz zu machen. Das Klirren seines schmiedeeisernen Kettenhemds und seiner Sporen durchbrach bei jedem seiner starken Schritte das ehrfürchtige Schweigen in der Halle.

Wie gebannt starrten die Besucher am Hof von König David von Schottland den Mann an, der da auf sie zukam. Viele hatten schon als Kinder den Abenteuern der königlichen Wölfe gelauscht und fragten sich jetzt, wie viel Wahres an den Geschichten war. Wenn auch niemand gewillt war, es selbst herauszufinden.

Das wilde, lange Haar des Mannes war bis auf einige helle Strähnen schwarz wie die Nacht. Sein Gesicht war wettergegerbt, die Stirn über den grünen leuchtenden Augen in zornige Falten gezogen. Der dichte Bart bedeckte den ernst zusammengekniffenen Mund beinahe komplett, sodass sich einige der Umstehenden fragten, ob sie es wahrhaftig mit einem Wolf zu tun hatten. Dieser Krieger hatte nahezu etwas Unmenschliches, jederzeit bereit, sich auf seine Beute zu stürzen, um sie gnadenlos zu zerfleischen.

Vor dem Thronpodest kniete Elrik nieder und senkte den Kopf. Er wusste, was diese Menschen über ihn dachten. Diese schwächlichen Höflinge, die ihre Schwerter nur zur Zierde trugen, statt zum Kämpfen. Doch das scherte ihn wenig. Er hatte zu tun, was er als Lord of Roul eben tun musste, um sein Land und seine Familie zu schützen.

Sicher, es war keine leichte Aufgabe, ein Wolf des Königs zu sein. Doch sein Leben war von Beginn an nicht mit Leichtigkeit gesegnet gewesen. Er kannte es nicht anders. Er war bloß froh, dass seine drei Brüder ebenfalls zu seinem Wolfsrudel gehörten, denn er konnte ihnen mit seinem Leben vertrauen.

König David erhob sich. „Roul, kommt mit mir.“

Elrik stand auf und folgte dem König in eine kleine Kammer hinter dem Thronpodest. Die Tür wurde hinter ihnen geschlossen, sodass sie ungestört sprechen konnten.

„Danke, dass Ihr so schnell gekommen seid.“ Der König schenkte tiefroten Wein in zwei silberne Kelche und reichte Elrik einen, ehe er sich auf einen Schemel niederließ.

Elrik nahm den Kelch, in der Hoffnung, dass der Wein ihn ein wenig wärmen würde. „Ihr wünscht, Majestät?“

„Verzeiht, dass ich Euch so plötzlich von Eurem wärmenden Feuer fortgeholt habe. Aber ich benötige dringend Eure Dienste.“

„Wen oder was sucht Ihr, Eure Majestät?“ Elrik hatte ein untrügliches Gespür für Fährten und konnte jeden verlorenen Schuh im Land aufspüren. Oder auch Personen, die nicht gefunden werden wollten.

„Avelyn of Brandr.“

Elrik hielt inne, ehe er seinen Wein hinunterschluckte. Mit einem Mal kehrten die Erinnerungen mit Wucht zurück. Sein Vater hatte gemeinsame Sache mit Brandr, dem Herrn von Brandr Isle, machen wollen und ein Komplott gegen König David angezettelt. Die Insel war nach dem nordischen Wort für „Schwertklinge“ benannt, da deren gezackte Felsformationen wie gezückte Schwerter in den Himmel ragten. Brandr hatte es nach noch mehr Ländereien gegiert. Ob der Verräter auf eigene Faust gehandelt hatte oder ob er von seinem Onkel und Lehnsherrn, dem Lord of Somerled, oder vom Lord of Argyll oder gar von seinem Großvater mütterlicherseits, König Óláfr, dem Herrscher über das Königreich der Inseln, dazu angestiftet worden war, hatte man nie herausgefunden, da Brandr seine Beziehungen hatte spielen lassen, um einer Bestrafung zu entgehen. Im Gegensatz zu Elriks Vater.

Elrik und sein jüngerer Bruder Gregor hatten sich dem König zu Füßen geworfen und um Gnade für ihren Vater gefleht. Ihre Bitte war tatsächlich erhört worden. Doch sie hatten dafür mit ihrer Seele bezahlen müssen.

Ihr Vater war nach Roul Isle verbannt worden, und er und Gregor, genau wie zwei weitere Brüder, hatten sich den Wölfen des Königs anschließen müssen, einer Gruppe von Männern, die geheime Aufträge auszuführen hatten, die ihnen oft die Grausamkeit eines Wolfs abverlangten.

Elrik schluckte. „Ich wusste nicht, dass Brandr eine Tochter hat.“

„Sogar eine leibliche.“

Elrik war nicht überrascht. Brandrs eigene Mutter war selbst eine Bastardtochter gewesen. Aber warum sollte der Enkel von König Óláfr den König von Schottland um Hilfe bitten? Mehr noch, warum sollte Brandr das Risiko eingehen, König David aufzusuchen, obwohl er und seine Streitkräfte den König einst vom Thron hatten stürzen wollen? Doch Elrik wollte jetzt nicht über die verräterische Vergangenheit des Mannes sprechen. Vor allem, weil sein Vater ebenfalls unrühmlich in die Sache verstrickt gewesen war. Daher fragte er bloß: „Brandr ist zu Euch gekommen, statt seinen Onkel oder Großvater um Hilfe zu bitten?“

„Ja, so scheint es.“

„Aus welchem Grund lässt er die beiden im Dunkeln?“

„Das Mädchen soll Sir Bolk ehelichen, einen von Óláfrs weniger ranghohen Lords.“

Bolk? dachte Elrik. „Ihr meint doch wohl nicht Bolk, den Älteren?“

Der König nickte. „Doch. Wenn ich mich nicht verzählt habe, wird sie seine dritte Ehefrau.“

Wie hatte der Vater des Mädchens dieser Ehe nur zustimmen können? Dieser uralte, bucklige Kriegsherr hatte seine ersten Frauen schon überlebt. Sicherlich gefiel Brandrs Tochter die Vorstellung, Ehefrau Nummer drei zu werden, nicht besonders gut. „Wie lange ist sie schon fort?“

„Meines Wissens seit drei Wochen. Sie verschwand kurz vor dem ersten Zusammentreffen mit ihrem Zukünftigen.“

Elrik stellte den leeren Kelch ab. „Gibt es eine Beschreibung der Frau?“

„Man sagte mir nur, dass sie nachtschwarzes Haar und helle Haut hat, dazu eisblaue Augen und eine hübsche Figur, gepaart mit einem Temperament, das einer Tochter Brandrs alle Ehre macht.“

Wundervoll. Nicht nur, dass er die Tochter eines Kriegsführers suchen sollte, den er zu den größten Feinden seiner Familie zählte. Nein, sie war auch noch die Urgroßtochter eines Königs und hatte außerdem drei Wochen Vorsprung. Dazu schien sie noch ein Sturkopf zu sein und würde alles daransetzen, nicht gefunden zu werden.

„Wo wurde sie zuletzt gesehen?“

„In Oban.“

Elrik wusste, dass es dort nicht viel mehr als eine Burgruine gab. „Und danach?“

„Es wird erzählt, dass eine schwarzhaarige Hure in Duffield einen Mann getötet haben soll, der sie davon abhalten wollte, Brot zu stehlen. Brandrs Männer haben die Suche dort aufgegeben.“

Elrik bezweifelte, dass an den Gerüchten etwas dran war. Wenn das Mädchen klug genug war, um so weit zu kommen, ohne geschnappt zu werden, dann würde sie durch solch eine Dummheit nicht riskieren, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Wenn sie wirklich in Duffield gesehen worden war, dann war das Ganze nicht so einfach. Deswegen hatten Brandrs Männer die Suche dort auch abgebrochen. Englisches Gebiet zu betreten war eine Sache, aber in die Ländereien des Earl of Derby vorzudringen war eine ganz andere. Der erste Earl of Derby hatte König Stephen tatkräftig zur Seite gestanden, um feindliche Truppen abzuwehren. Und sein Nachfolger würde es ihm sicherlich gleichtun.

Elrik wusste, dass auch er ans falsche Ende des Schwertes geraten konnte. Weshalb man ihm auch diese Aufgabe übertragen hatte. Einen Wolf konnte man entbehren. Wurde er geschnappt, dann würde König David ihn nicht auslösen. Er würde sogar abstreiten, etwas von der Mission zu wissen.

Er musste also sichergehen, dass er nicht gefasst wurde.

Diese Lady Avelyn war entweder außerordentlich mutig oder außergewöhnlich dumm. Für eine allein reisende Frau hatte sie schon eine gehörige Strecke zurückgelegt. Und es lag auf der Hand, was ihr Ziel war: die Südküste. Und von da aus weiter in die Normandie. Oder nach Frankreich.

„Ihr müsst sie finden, ehe sie England verlässt.“

„Wann rechnet Brandr mit ihrer Rückkehr?“

„Das ist nicht unser Problem. Bringt sie zu mir. Es erscheint mir doch sehr merkwürdig, dass Brandr die achtzehnjährige Urenkelin eines Königs einem alten Greis ohne bedeutende Titel oder Ländereien zur Frau geben will. Und noch mehr, dass er mich um Hilfe bittet.“

„Das ist in der Tat seltsam.“

„Vor allem, weil der Mann schon in der Vergangenheit bewiesen hat, dass ihm nicht zu trauen ist. Ich frage mich, was für eine Intrige er jetzt schon wieder spinnt.“ Der König winkte ab. Damit war das Thema für ihn beendet. „Findet sie und bringt sie her. Und zwar schnell. Brandr wird in den nächsten vier Wochen hier eintreffen, und ich will seine Gegenwart nicht länger erdulden müssen als nötig. Außerdem will ich seinen Plänen noch vor seiner Ankunft ein Ende bereiten.“

Elrik zog sich der Magen bei den letzten Worten des Königs zusammen. Der kühle Tonfall des Königs hatte etwas Beunruhigendes, und Elrik fragte sich, wie genau er Brandrs Plänen durchkreuzen wollte. Er wurde das Gefühl nicht los, dass David sich schon etwas überlegt hatte. Und dass er selbst stärker daran beteiligt sein würde, als der König ihm zu diesem Zeitpunkt mitteilen wollte.

Seit über zehn Jahren war er jetzt ein königlicher Wolf. Noch nie hatte er einen Auftrag abgelehnt. Nicht einmal die, die absolute Härte und Unbarmherzigkeit erfordert hatten. Doch dieser Auftrag war anders. Er betraf ihn persönlich. Und zwar an dem Punkt in seiner Vergangenheit, der ihn überhaupt erst zu einem seelenlosen Wolf gemacht hatte.„Warum ich?“

„Das Mädchen hat mit der Vergangenheit nichts zu tun.“ Davids Blick verdunkelte sich. „Sie war damals noch ein kleines Mädchen. Brandr hatte sie noch gar nicht als seine Tochter anerkannt.“ Er hielt inne und beugte sich zu ihm vor. „Euer Vater hat seine eigene Wahl getroffen. Er hätte sich auch ohne Brandr so verhalten.“

Elrik war anderer Meinung. Denn er war selbst dabei gewesen und hatte die Brandreden gehört, in denen Brandr gegen die „fremden Herren“ gehetzt hatte, denen König David ihre Gebiete zugewiesen hatte. Er hatte selbst gesehen, welchen Effekt seine Worte auf die Männer in der Großen Halle von Roul gehabt hatten. Nur mit Hilfe seiner Stimme hatte er sie aufgestachelt und Rachegelüste geschürt.

Die Narben auf seinem Rücken waren die bleibende Erinnerung daran, welch höllische Freude es Brandr bereitete, Ungehorsame zu bestrafen, auch wenn sie sich gar nichts zuschulden hatten kommen lassen. Brandr hatte die Peitsche zwar nicht selbst geschwungen, aber er hatte dafür gesorgt, dass Elrik nicht verschont worden war.

Doch Elrik würde dem König gegenüber nichts davon erwähnen. Brandr war der Enkel eines Königs und der Neffe eines sehr mächtigen Lords. Und er selbst war nur der Sohn eines Verräters.

„Ihr tut, was ich befehle, Roul!“

Elrik hielt seine Wut im Zaum und schluckte den bitteren Geschmack herunter, der ihm plötzlich auf der Zunge lag. „Natürlich, Eure Majestät.“

König David lehnte sich in seinem Sessel zurück und warf ihm einen Beutel voller Münzen zu. „Das sollte für alles reichen, was Ihr braucht. Männer kann ich Euch jedoch nicht mitgeben.“

Elrik steckte den Beutel in den Ledersack unter seinem Umhang. Das Geld würde ihm noch nützlich sein, und zusätzliche Männer würden ihn sowieso nur unnötig aufhalten. „Wozu sollte ich Männer brauchen?“

„Ach, habe ich nicht erwähnt, dass noch jemand hinter der Lady her ist? Zumindest behaupten Brandrs Männer das. Und es scheint wohl, als wären sie nicht unbedingt daran interessiert, sie lebend zurückbringen.“

1. KAPITEL

Südliches Derbyshire, England – eine Woche später

Mach auf!“ Die Holztür knarzte bedrohlich in den Angeln. „Ich brauche eine willige Hure! Und zwar schnell!“

Avelyn zuckte bei den Worten des Mannes vor Schreck zusammen und umklammerte den Dolch noch fester, den sie sich geborgt hatte. Während sie sich rückwärts von der Tür entfernte, hielt sie ihn zur Verteidigung vor sich. Doch zum Glück war die Tür verriegelt, und sie wusste inzwischen, dass sie sich still verhalten musste, damit er weiterziehen würde.

Wie schon die sieben Nächte zuvor hatten die liebeshungrigen Männer es auch an ihrer Tür versucht. Sie hatte bisher immer Glück gehabt, und der schmale Eisenriegel hatte gehalten.

Es schien sogar in diesem Hurenhaus gewisse Regeln zu geben. Und eine verschlossene Tür bedeutete anscheinend, dass die Kammer bereits besetzt war oder dass die Dame gerade keine Gesellschaft wünschte. Und zu ihrer Überraschung hielten sich die Männer daran.

Als im Gang wieder Ruhe eingekehrt war, ließ sie den Dolch sinken und holte tief Luft. Sie musste beinahe lachen über das unnatürlich laute Geräusch ihres Atems, das sogar das Prasseln des Regens übertönte. Aber sie hatte tatsächlich Todesangst gehabt.

Sie ließ sich auf den Stuhl am Fenster fallen und blickte nach draußen. Alles war grau. Der Himmel, die Straße vor dem Wirtshaus, selbst die Häuser schienen sich im Dunst in nichts aufzulösen.

Sie wollte nur noch von hier verschwinden. Aber ihre neue Freundin Hannah hatte sie überredet, wenigstens noch einen Tag zu warten, bis der Regen sich zumindest ein wenig gelegt hatte. Es regnete nun schon seit acht Tagen ununterbrochen. Die Flüsse würden so reißend sein, dass es unmöglich sein würde, sie zu überqueren. Was die Gefahr, geschnappt zu werden, erheblich erhöhte.

Sie war schließlich nicht vor ihrem Vater und der bevorstehenden Verheiratung geflohen, nur um jetzt doch noch gefunden und zurückgebracht zu werden.

Zu Hause hatten ihr alle gesagt, dass sie sich glücklich schätzen könne, mit einem der Kriegsherren von König Óláfr verheiratet zu werden. Dabei hatte der König es eigentlich gar nicht nötig, sich um ihr Wohlergehen zu sorgen. Óláfr war der Großvater ihres Vaters, also ihr Urgroßvater. Sie war zwar nur das Ergebnis eines Seitensprungs ihres Vaters mit einer Dienerin, doch der König nahm sich ihrer persönlich an. Warum nur?

Als Lord Somerled ihr die Nachricht überbracht hatte, dass sie verheiratet werden sollte, war sie voller Vorfreude gewesen. Sie hatte sich sogar heimlich davongestohlen, in ihr Heimatdorf, um aus ihrer niedergebrannten Hütte den Ring zu holen, den Mutter ihr an ihrem zwölften Geburtstag geschenkt hatte. Sie hatte ihr erzählt, dass es einst der Ehering ihrer Großmutter gewesen war, und ihre Mutter hatte ihn vergraben, um ihn sicher zu verwahren, bis Avelyn eines Tages heiraten würde.

Doch dann hatte Avelyn erfahren, dass sie diesen uralten Mann ehelichen sollte. Einen Greis, dessen Söhne sogar alte Männer waren im Vergleich zu ihr. Seine Haut war aschgrau und faltig, und sein Bauch hing ihm bis zu den Knien hinunter. An ihre Hochzeitsnacht mit diesem Mann wollte sie nicht einmal denken.

Verzweifelt überlegte sie, was sie tun konnte, und kam zu dem Schluss, dass ihr als Ausweg nur der Freitod oder die Flucht blieb.

Also lief sie fort.

Da ihr Halbbruder Osbert jedoch jeden ihrer Schritte mit Argusaugen überwachte, musste sie sich voller Eile davonmachen und konnte nicht mehr als etwas Nahrung und den Ring mitnehmen, den sie in einem kleinen Lederbeutel um den Hals trug.

Ihre Aussichten waren schlecht. Ihr blieben nur wenige Möglichkeiten, um an Geld zu kommen, und keine davon war besonders einladend.

Das Essen war nach zwei Tagen aufgebraucht. Am dritten Abend stahl sie einen Laib Brot von der Fensterbank eines Bauernhauses. Um ein Haar wäre sie erwischt worden. Ein Betrunkener, der gerade das nahe gelegene Wirtshaus verließ, rannte ihr torkelnd hinterher, doch sie war schneller. Sie drehte sich erst um, als sie einen lauten Schmerzensschrei hinter sich hörte und sah, wie der Mann zu Boden ging. Er war über irgendetwas gestolpert. Sein lautes Fluchen verfolgte sie noch ein ganzes Stück, während sie um ihr Leben rannte.

Am nächsten Abend hatte sie weniger Glück und schloss sich der Menschenmenge an, die vor einem Schloss auf Essensreste wartete. Sie ergatterte etwas altes Obst und einen harten Brotkanten, doch es kam ihr angesichts ihres knurrenden Magens wie ein Geschenk des Himmels vor.

Doch sah sie in die hungrigen Augen eines dreckverschmierten Kindes neben sich und legte ihm ihre Beute in die zitternden Hände. Ihre eigene Kindheit war ihr noch zu gut in Erinnerung.

Das ist nun also mein Leben, dachte sie. Sie war allein und auf der Flucht. Und sie war eine Frau, die sich verstecken musste, damit ihr niemand etwas antat. Oder, was fast noch schlimmer war: sie zurück zu ihrem Vater brachte. Der Hunger und die Erschöpfung ließen sie fast verrückt werden, doch der Gedanke an den Mann, mit dem man sie verheiraten wollte, gab ihr die Kraft, einen Fuß vor den anderen zu setzen, immer und immer wieder.

Wenigstens gelang es ihr, sich von Hauptstraßen und größeren Ortschaften – und damit von anderen Menschen – fernzuhalten. Doch an einem Nachmittag, sie hatte sich kurz vor Erschöpfung und Verzweiflung an einen Baum gelehnt, zischte plötzlich ein Pfeil haarscharf an ihr vorbei durch die Luft und bohrte sich in den Baumstamm.

Voller Angst lief sie davon, bis sie auf einen schmalen Pfad traf, auf dem sie schluchzend zusammenbrach. Dann kroch sie hinter einen Laubhaufen, um sich darin zu verstecken, und schlief erschöpft ein. Nur um beim Aufwachen festzustellen, dass Hunger und die Müdigkeit schlimmer waren denn je.

Schließlich wagte sie sich doch in eine größere Ortschaft vor, da es dort einen Brunnen geben sollte. Dort sprach Hannah sie an, als sie gierig aus dem Eimer trank und dabei voller Verzweiflung schluchzte. Hannah hatte sie hierhergebracht, in das Hurenhaus, das sich über dem Wirtshaus des Ortes befand und in dem sich Hannah und noch einige andere Frauen ihren Lebensunterhalt verdienten.

Bisher hatte noch keine von ihnen versucht, sie zu überreden, mit ins Geschäft einzusteigen. Sie hatten ihr lediglich ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen angeboten.

Avelyn war ihnen unendlich dankbar für ihre Hilfe in dieser Notsituation und schwor sich, dass sie sich eines Tages dafür revanchieren würde.

Mit einem Mal nahm sie Bewegungen auf der Straße wahr. Drei Männer, die sie noch nie zuvor gesehen hatte, kamen auf das Wirtshaus zu. Mit ihren schweren Stiefeln wateten sie durch den Schlamm, der auf ihre langen, dunklen Umhänge spritzte.

Der größte von ihnen sah plötzlich nach oben, als wüsste er, dass sie sich hinter dem Fenster befand. Avelyn lehnte sich schnell zurück, um sich zu verstecken. Irgendetwas an diesem Mann und seinen Gefährten ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren. Sie zitterte und kalte Angst machte sich in ihrem Magen breit.

Ein leises Klopfen riss sie aus ihren sorgenvollen Gedanken. Das war Hannah. Avelyn stand auf, öffnete schnell die Tür und zog ihre Freundin nach drinnen.

Der Lärm aus der Schankstube schwappte in die Kammer. Sie hatte sich schon an das Gelächter und Gegröle der Betrunkenen gewöhnt, doch heute lag dazu noch eine bedrohliche Spannung in der Luft.

Als sie die Tür fest hinter sich zudrückte, sah sie, dass Hannah ebenfalls besorgt aussah. „Was ist?“, fragte sie.

Hannah wich ihrem Blick aus und ging zum Bett. „Setzen wir uns erst einmal.“

Avelyns ungutes Gefühl gegenüber den drei Fremden, die sie gesehen hatte, war immer noch da, und als sie zu ihrer Freundin ging, wurde das ungute Gefühl mit jedem Schritt stärker. „Was ist los?“, fragte sie erneut.

Hannah seufzte und sah sich in der Kammer um, ehe sie sprach. „Du weißt ja, dass Mabel die letzten drei Abende nicht kommen konnte.“

„Ja. Weil ihr Kind krank ist.“ Avelyn erschrak. „Ist etwas Schlimmes passiert?“

„Nein, nein. Dem Kleinen geht es besser. Aber Edward, einer von Mabels Stammkunden, ist unten und verlangt nach einer Frau. Er sagt, wenn Mabel nicht da ist, dann soll es eben eine sein, die ihr ähnlich sieht.“

Avelyn furchte die Stirn. „Was spielt es denn für eine Rolle, wie die Frau aussieht?“

Hannah streichelte ihr über den Arm. „Nicht alle Männer wollen nur ihre Fleischeslust bei uns befriedigen. Manche wollen auch ein wenig Zuwendung, eine Umarmung oder ein nettes Wort. Der Mann ist schon alt, und seine Frau ist vor zwei Jahren gestorben. Sie hatte langes, schwarzes Haar und eine schlanke Figur, als sie jung war.“

Avelyn schloss die Augen. Die anderen Frauen hatten oft im Scherz gesagt, dass sie und Mabel Schwestern sein könnten. Ihr war klar, weshalb Hannah nun zu ihr gekommen war. Um sicherzugehen, sah sie ihr direkt in die Augen. „Was willst du von mir?“

„Sei nicht dumm. Das weißt du genau. Du sollst heute für Mabel einspringen.“ Ehe Avelyn etwas einwenden konnte, fügte sie hinzu: „Der Mann kann es nicht mehr, wenn du verstehst, was ich meine. Du musst also nichts weiter tun, als dich von ihm in den Arm nehmen zu lassen.“

„In den Arm nehmen?“ Das konnte doch nicht alles sein.

„Na ja, er wird dich die Nacht über an sich drücken, nackt natürlich. Er wird dich Agnes nennen und dich ab und an küssen wollen. Manchmal spielt er auch ein bisschen an Mabels Brüsten herum, aber ich schwöre, das war’s.“

Das war’s? Avelyn schloss die Augen. Außer einem keuschen Wangenkuss hatte sie in dieser Hinsicht noch keinerlei Erfahrungen. Und natürlich hatte sie noch nie erlaubt, dass ein Mann sie nackt sah. Geschweige denn, dass er sie anfasste! Für Hannah mochte es eine Kleinigkeit sein. Aber für Avelyn war es weitaus mehr, als sie je bereit war, mit einem Mann zu tun, der nicht ihr Ehemann war.

„Es braucht ja niemand zu erfahren. Und er wird dich reich für deine Gesellschaft entlohnen. Genug, um uns alles zurückzuzahlen, was wir für dich vorgestreckt haben“, sagte Hannah aufmunternd.

Der Moment der Abrechnung, vor dem sie sich so gefürchtet hatte, war also gekommen. Avelyn hätte sich nie von Hannah überreden lassen dürfen, das Ende des Regens abzuwarten.

Jetzt sollte sie plötzlich ihre Schulden zurückzahlen und hatte keine andere Wahl, als entweder den Ring ihrer Großmutter in Zahlung zu geben oder auf Hannahs Vorschlag einzugehen. Aber der Ring war alles, was ihr von ihrer Mutter geblieben war. Sie konnte ihn nicht weggeben.

Avelyn hätte am liebsten geweint, doch sie drängte die Tränen zurück. Wie Hannah schon gesagt hatte: Niemand würde je davon erfahren. Mit ein wenig Glück und besserem Wetter wäre sie schon bald über alle Berge. Vielleicht konnte sie schon am Morgen aufbrechen. Sie könnte in die Normandie oder nach Frankreich gehen und ein neues Leben beginnen. Und niemand dort würde wissen, wer sie war und was sie heute Nacht getan hatte. Keiner würde erfahren, dass sie in einem Hurenhaus untergekommen war.

Aber eine Person würde es immer wissen. Egal, wie weit weg sie auch lief: sie selbst. Und sie würde lernen müssen, mit der Schande zu leben.

Avelyn nickte. „Wenn er etwas anderes versucht als das, was du gesagt hast, dann schlitze ich ihm die Kehle durch.“

Hannah lachte und tätschelte ihr freundschaftlich den Arm. „Das wird nicht nötig sein. Sei ganz beruhigt.“

Von seinem Platz in der hintersten Ecke der Schankstube aus beobachtete Elrik in aller Ruhe das Geschehen und wartete auf den richtigen Moment. Seine zwei Männer hatten sich in die anderen Ecken gesetzt und taten das Gleiche wie er: die Leute belauschen.

Jeder im Ort wusste, dass der Wirt die Kammern im oberen Stockwerk an Frauen vermietete, die den Männern ihre Dienste anboten. Für Geld natürlich.

Und alle im Wirtshaus sprachen von der Neuen: einer jungen Frau mit nachtschwarzem Haar, die bisher noch keinen Kunden angenommen hatte. Die Männer überboten sich mit Wetten, wer von ihnen der Erste sein würde.

Wenn ihn sein Gespür nicht trog, dann handelte es sich um die Frau, hinter der er her war. Bisher hatte sich die Suche nach Brandrs Tochter nicht gerade leicht gestaltet. Er konnte nicht wie ein Hund seiner Nase folgen, sondern musste mühsam in Gesprächen mit Dorfbewohnern Gerüchte von brauchbaren Hinweisen trennen, die ihn weiterbrachten. Und seine letzte Information hatte ihn hierhergeführt.

Er war froh, dass er sich dazu entschieden hatte, seine Männer mitzunehmen. Sie hatten ihm schon häufig geholfen.

Einer der beiden, Fulke, kam zu ihm und setzte sich hinter ihm auf eine Bank. „Der Alte am Tisch neben der Feuerstelle sucht nach einer schwarzhaarigen Hure für heute Nacht. Seine übliche ist anscheinend nicht da.“

Elrik hob den Krug an die Lippen, trank aber nicht. Stattdessen flüsterte er: „Und? Geben sie ihm eine andere als Ersatz?“

„Die Frau in dem grünen Kleid will sich darum kümmern.“

Elrik betrachtete den Mann, von dem Fulke gesprochen hatte. Er war alt und tatterig. Dann stand er auf und ging zu ihm. „Das Feuer sieht einladend aus. Was dagegen, wenn ich mich dazusetze?“

Der alte Mann bedeutete ihm, dass er einverstanden war. „Nur zu. Ich bin ohnehin nicht mehr lange hier.“

Elrik setzte sich und winkte die Schankfrau zu sich. „Bringt mir ein Ale. Und noch ein zweites für meinen Freund hier.“

Der alte Mann beäugte ihn von oben bis unten. „Ich habe Euch hier noch nie gesehen.“

„Ich bin nur auf der Durchreise.“

„Ah, und Ihr hattet wohl Lust auf ein wenig Gesellschaft für die Nacht, stimmt’s?“

„Vielleicht.“

„Was für einen Typ Frauenzimmer sucht Ihr denn?“

Elrik zuckte mit den Schultern. „Eine vollbusige Rothaarige wäre nach meinem Geschmack.“

Der alte Mann schüttelte lachend den Kopf, und seine spärlichen weißen Haare fielen ihm ins Gesicht. „Nein, nein. Das ist nichts für mich. Ich will eine wie meine Agnes. Eine kleine, zierliche, mit Brüsten, die nicht größer sind als meine Hände. Damit ich sie gut anfassen kann.“

Elrik musste sich ein Lachen verkneifen, weil der Mann trotz seines Alters noch so schlüpfrige Reden schwang. „Ist Eure Agnes zu Hause?“ Wenn ja, dann war sie vielleicht wütend darüber, dass ihr Gemahl sich die Nacht über herumtrieb.

Der Blick des Mannes wurde mit einem Mal schwer und traurig. Elrik fühlte sich beinahe schlecht, dass er ihm die eben noch so gute Stimmung verdorben hatte. „Nein. Diesen Frühling ist sie schon zwei Jahre fort.“

„Das tut mir leid. Ich wollte Euch nicht zu nahe treten.“

„Schon gut, Junge.“ Er lehnte sich zu ihm und flüsterte: „Wenn ich zu einsam werde, dann komme ich einfach hierher und schlafe in den Armen einer Frau ein. Es hilft mir über ihren Verlust hinweg.“ Er seufzte tief.

Elrik tätschelte dem Mann freundschaftlich die Hand, ehe er einen weiteren Schluck trank. „Ihr habt offenbar viel für sie empfunden.“

„Ich habe sie wirklich geliebt, Junge.“

Er würde mit dem Mann sicher nicht darüber reden, dass er selbst weder von der Liebe noch von der Ehe besonders viel hielt. „Ihr solltet Euch eine neue Frau suchen.“

Der alte Mann brach in lautes Gelächter aus und stampfte mit dem Fuß auf. Elrik wusste nicht, was an seinem Vorschlag so lustig war. Doch da erwiderte der Mann, der noch immer nach Luft rang und sich die Augen wischte: „Der war gut! Und was sollte ich in meinem Alter noch mit einer Frau anfangen?

„Na, das Gleiche, was Ihr mit Agnes getan habt.“

„Ihr seid jünger, als Ihr scheint, mein Freund, oder?“ Der Mann gab ihm einen leichten Schlag auf die Schulter. „Glaubt mir, in zwanzig oder dreißig Jahren werdet Ihr das auch anders sehen als jetzt.“

Elrik hätte beinahe die Augen verdreht, doch er beherrschte sich. „Ihr habt mich missverstanden. Ich meine damit, dass Ihr mit einer Frau gemeinsam am Feuer sitzen oder Euch mit ihr unterhalten könntet. Ihr könntet gemeinsam essen oder Euch an dem Gefühl erfreuen, einen warmen, weichen Körper neben sich im Bett zu haben, sonst nichts.“

„Ich würde nie eine andere Frau mit in Agnes’ Bett nehmen. Niemals!“

Die Frau im grünen Kleid kam zurück und trat an ihren Tisch. „Edward, du kannst gleich zu ihr hochgehen, warte aber noch einen Moment. Es ist die Kammer ganz am Ende. Klopf einfach an, sie erwartet dich.“

Der Mann drehte sich zu den anderen am Tisch um und hob seinen Krug. „Ihr schuldet mir noch einen, Burschen.“

Offenbar hatte er die Wette gewonnen, wer die Neue als Erstes begutachten durfte. Zu schade, dass Elrik ihm einen Strich durch die Rechnung machen würde. Zumindest, wenn sich herausstellte, dass es sich wirklich um Brandrs Tochter handelte.

Da er schnell nach oben musste, ohne die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, fragte er die Frau in Grün: „Ist eine der Damen gerade frei?“

Sie musterte ihn von oben bis unten und lächelte. „Um einen wie Euch werden sie sich reißen. Habt Ihr irgendwelche Vorlieben?“

Der alte Mann antwortete an seiner Stelle. „Rothaarig und vollbusig muss sie für ihn sein.“

„Das haben wir da. Die zweite Tür auf der rechten Seite. Sie ist gerade frei.“

Elrik stand auf und warf Fulke einen Blick zu. Dann deutete er kaum merkbar mit dem Kopf in Richtung Treppe. „Ich gehe davon aus, dass Ihr noch einen schönen Abend haben werdet. Macht es gut“, sagte er zum Abschied zu dem Alten und ging los.

„Darauf kannst du wetten, mein Freund“, erwiderte der Alte fröhlich.

Kurz vor der Treppe tauschte er noch einen Blick mit Samuel, seinem zweiten Mann, aus, damit er in der Nähe sein würde, falls es oben Probleme gab.

Elrik nahm gleich zwei Stufen auf einmal und schlich eilig durch den Flur. Ganz sachte, so wie ein alter Mann, klopfte er an die Tür.

„Herein!“

Er drückte die Tür auf und durchquerte die schwach beleuchtete Kammer, bis er vor dem Bett stand. Darin lag, steif wie ein Brett, eine junge Frau, die sich die Decke bis unters Kinn gezogen hatte und sie so fest umklammert hielt, dass ihre Fingerknöchel weiß hervortraten. Ihr Haar, das schwarz wie die Nacht war, lag ausgebreitet auf dem Kissen, und sie hatte die Augen fest zugekniffen.

Nein, so sah keine erfahrene Hure aus. Es war zwar nur eine Vermutung, aber er war sich nahezu sicher, dass er Brandrs verlorene Tochter gefunden hatte. Er beugte sich über das Bett und flüsterte: „Lady Avelyn, Euer kleines Abenteuer ist vorbei. Steht auf.“

Sie schlug erschrocken die Augen auf, doch er legte ihr schnell eine Hand auf den Mund. „Zwingt mich nicht, Euch nackt hier herauszutragen. Ich bezweifle, dass Euer Vater damit einverstanden wäre.“

Sie schüttelte den Kopf und versuchte verzweifelt, seine Hand wegzuziehen. Elrik hob sie leicht an, damit die junge Frau etwas sagen konnte, behielt sie jedoch nahe genug, um sie zum Schweigen zu bringen, falls sie schrie.

„Ich gehe nicht zurück nach Hause“, sagte sie.

Wenn ihre eisblauen Augen sie nicht schon verraten hätten, dann hätte er spätestens bei dieser trotzigen Bemerkung gewusst, dass er mit seiner Vermutung richtiggelegen hatte. Zweifelsfrei hatte er hier die Tochter von Brandr vor sich. Er ging vor dem Bett in die Knie und brachte sein Gesicht ganz nah an ihres. „Der alte Greis, auf den Ihr wartet, wird in wenigen Augenblicken hier sein. Und ich werde nicht zulassen, dass er in Euer Bett steigt.“

Wenn er eine solche Torheit beging, würde es beim nächsten Bankett am Hof von König David eine ganz besondere Delikatesse geben: Wolfskopf. Und zwar seinen.

„Also, entweder Ihr steht jetzt auf und kleidet Euch an. Oder ich hole Euch unter der Decke hervor und ziehe Euch eigenhändig etwas über.“

Zu seinem Erstaunen zögerte sie, als wartete sie noch auf eine dritte Option.

Erik sah ihr eindringlich in die Augen und knurrte: „Ganz einfach: Steht auf und zieht Euch an! Oder ich werde mich selbst darum kümmern. Hauptsache, Ihr kommt aus diesem Bett heraus und habt gleich ein Kleid an. Mir egal, wie.“

Sie verengte die Augen zu schmalen Schlitzen, als wollte sie mit ihm streiten. Doch dafür war jetzt keine Zeit. Er zog ihr die Decke weg, sodass sie nackt vor ihm lag. Sie stieß einen spitzen Schrei aus und bedeckte schnell ihre Brüste.

„Wenn Euch keine dritte Brust gewachsen ist, dann habt Ihr nichts, was ich nicht schon gesehen hätte.“ Er griff nach ihren Handgelenken. „Ich habe jetzt keine Zeit für falsche Schamhaftigkeit. Steht gefälligst auf!“

„Ich bin keine Hure!“

Das wusste er bereits. Sie mochte zwar die Bastardtochter von Brandr sein, aber sie war auch seine einzige Tochter, und damit wertvoll genug, um ihr eine strenge Erziehung zukommen zu lassen, damit sie nicht auf Abwege geriet. Doch das hatte offenbar nicht viel genützt. Schließlich lag sie hier im Bett eines wohlbekannten Hurenhauses. Gegen seinen Willen beeindruckte es ihn, dass sie sich trotz ihrer Lage verteidigte. Das zeugte von Mut. „Darüber können wir später diskutieren. Wo sind Eure Kleider?“

Sie wies mit dem Kopf in Richtung Fenster, und er ließ sie los. „Ich warne Euch. Rennt nicht fort, und wagt es nicht zu schreien.“

Er nahm ein Unterkleid und ein Kleid von der Bank unter dem Fenster und warf ihr die Kleidungsstücke zu. „Zieht Euch an!“, befahl er.

Aber statt seine Anweisung zu befolgen, stand sie einfach nur da, die Kleider an sich gedrückt, und starrte ihn an. „Ich gehe nicht mit Euch.“

Spannung stieg in ihm auf, und es prickelte hinter seinen Augen. Er hatte sich diese Mission nicht ausgesucht. Aber wenn er sie nicht zu König David brachte, dann standen sein Land und sein Leben auf dem Spiel.

Hinter seinen Schläfen pulsierte es. David hätte einem seiner Brüder diese Aufgabe überlassen sollen. Sowohl Rory als auch Edan wären eine bessere Wahl gewesen. Sie hatten genügend Geduld, um sich mit einem widerborstigen Frauenzimmer auseinanderzusetzen.

Seine verstorbene Gattin hatte ihm bewiesen, dass Frauen Lügnerinnen waren, denen man nicht trauen konnte. Sie waren nur für eine Sache gut: Kinder zu gebären. Doch Muriel war nicht einmal dazu fähig gewesen.

Elrik riss ihr die Kleider aus den Händen und stülpte ihr das Unterkleid über den Kopf, ohne jedoch die Bänder zu verschließen. Dann schubste er sie aufs Bett, ging vor ihr in die Hocke und zog ihr die Strümpfe an, ehe er ihr die Stiefel überstreifte.

Dann legte er ihr eine Hand aufs Knie. „Mir gefällt das ebenso wenig wie Euch. Aber ich habe die Aufgabe übertragen bekommen, Euch nach Carlisle zu bringen. Über Eure Verheiratung könnt Ihr gerne mit König David sprechen.“

Sie schüttelte den Kopf und verschränkte die Arme vor der Brust, als wollte sie sich schützen.

„Ich warne Euch, Lady Avelyn. Für kindisches Benehmen habe ich keine Geduld. Es ist besser, Ihr kommt freiwillig mit und stellt Euch wie eine Erwachsene dem Gespräch über Eure Zukunft, statt dem König wie eine wehrhafte Gefangene vor die Füße geworfen zu werden. Ich kann Euch versichern, dass der König gemeinen Gefangenen kein besonderes Gehör schenkt.“

Doch Avelyn blieb reglos sitzen und sah beharrlich zur Seite. „Ich werde meinen Auftrag erfüllen, so viel steht fest. Ihr könnt jetzt aufstehen und von Euch aus mitkommen, oder ich werfe Euch über die Schulter und trage Euch wie einen Sack Getreide nach draußen.“

Diese Warnung ließ sie aufhorchen, und sie starrte ihn erschrocken an. „Das wagt Ihr nicht.“

Elrik hatte keine große Lust auf weitere Verzögerungen, deshalb ging er zu ihr, packte sie und schwang sie sich kurzerhand auf die Schulter.

„Schon gut!“ Sie schlug mit Fäusten auf seinen Rücken ein. „Ich habe verstanden. Lasst mich runter.“

Er stellte ihre Füße wieder auf den Boden und drehte sie zur Tür um. „Wir gehen. Und zwar sofort.“

Aber Avelyn rührte sich kein Stück. „Ich schulde den Frauen noch etwas dafür, dass sie mich aufgenommen haben.“

Elrik rieb sich über den Nasenrücken, denn das Spannungsgefühl in seinem Kopf wurde immer stärker. Dann griff er in den Beutel unter seinem Umhang und holte die Münzen hervor, die König David ihm gegeben hatte. Er warf den Ledersack auf das Bett. „Das ist mehr als genug.“ Dann schob er sie vorwärts. „Und jetzt los.“

„Halt. Wartet.“

„Was?“

Sie lief zu einem kleinen Tisch in der hintersten Ecke der Kammer, nahm einen kleinen Beutel und hängte ihn sich um den Hals. Dann ließ sie ihn unter dem Stoff in ihrem Ausschnitt verschwinden.

„Noch etwas?“, fragte er, als sie wieder bei ihm war.

„Nein.“

Er deutete zur Tür. „Dann geht.“

„Ihr wollt einfach so mit mir hier hinausspazieren?“

„Das hatte ich vor, ja.“

„Und Ihr glaubt, dass Euch niemand fragen wird, was Ihr da tut? Oder versuchen wird, Euch aufzuhalten?“

Das wollte er auf sich zukommen lassen. Vielleicht wäre das eine gute Gelegenheit, etwas von der Anspannung loszuwerden, die ihm in den Muskeln brannte. „Warum sollten sie das tun? Gehört Ihr zu irgendwem hier?“

„Nein.“

„Seid Ihr eine Verbindung, welcher Art auch immer, mit jemandem eingegangen?“

„Nein.“

„Dann sehe ich keinen Grund, warum mich jemand aufhalten sollte.“

„Die Leute hier kennen Euch nicht.“

Elrik schloss die Augen. „Aber Euch kennen sie ebenso wenig.“

„Ich bin schon über eine Woche hier. Sie kennen mich.“

Wenn das der Wahrheit entsprach, dann wäre sie nicht in dieser Situation gewesen. Wahrscheinlich wäre sie nicht einmal mehr unter diesem Dach gewesen. „Aha. Ihr habt ihnen also gesagt, dass Ihr Lord Brandrs Tochter seid und dass Ihr weggelaufen seid, weil Euer Urgroßvater, König Óláfr, Euch verheiraten wollte?“

Sie hielt inne. „Nein.“

„Möchtet Ihr es ihnen gerne sagen? Wir können nach unten gehen, und dann könnt Ihr allen Eure Geschichte erzählen. Ich übernehme aber nicht die Verantwortung, wenn Euch jemand entführt, um ein hübsches Lösegeld für Euch zu fordern. Oder wenn man Euch zurück zu Eurem Vater schleppt, um eine Belohnung zu kassieren. Oder, noch schlimmer, wenn Euch einer der Männer gleich selbst heiraten will, um sich durch Euch ein gutes Auskommen zu sichern.“

Sie warf ihm einen Blick zu, der so kalt war, als wollte sie, dass er auf der Stelle tot umfiel. Dann öffnete sie die Kammertür und trat mit zögerlichen Schritten hinaus in den Gang.

2. KAPITEL

Avelyn ballte die Hände zu Fäusten. Die letzten paar Tage hatte sie beinahe geglaubt, dass sie es schaffen würde. Dass man sie nicht finden und sie ihrem Schicksal entgehen würde.

Doch stattdessen hatte sie wieder einmal gesehen, wie sinnlos es war, sich seinen Wünschen und Hoffnungen hinzugeben.

Wie hatte dieser Kerl sie nur gefunden? Sie hatte damit gerechnet, dass ihr Vater nach ihr suchen lassen würde. Aber sie hatte gedacht, dass er seine eigenen Männer schicken würde. Männer, die sie kannte.

Aber anscheinend hatte ihr Vater König David um Hilfe gebeten, statt seinen Großvater König Óláfr oder seinen Onkel und Lehnsherrn, Lord Somerled. Aber warum?

Vielleicht wollte er nicht, dass sie Wind von ihrer Flucht bekamen. Und davon, dass sie den Mann, den sie für sie ausgewählt hatten, nicht ehelichen wollte.

Aber nun hatte sie es plötzlich mit diesem Fremden zu tun, der sie wie ein ungezogenes Kind behandelte und sie zu König David bringen wollte. Sie runzelte die Stirn, denn gerade war ihr eine weitere sinnlose Hoffnung gekommen. Konnte es vielleicht sein, dass ihr Vater den König von Schottland in die Sache einbezogen hatte, weil er doch ein weiches Herz besaß und eingesehen hatte, dass dieser tattrige Kriegsherr kein passender Gemahl für sie war?

Es war zwar ziemlich unwahrscheinlich, aber sie klammerte sich trotzdem an diesen Gedanken wie eine Ertrinkende an einen Strohhalm. Wer der Mann war, der sie aufgespürt hatte, konnte sie sich allerdings trotzdem nicht erklären.

Er war hochgewachsen und von kräftiger Statur, so viel konnte sie unter dem langen, pelzbesetzten Umhang erkennen, der von seinen breiten Schultern bis hinunter zu den Stiefeln reichte. Und er hatte sie hochgehoben, als wöge sie nicht mehr als eine Feder. Als er ihr das Kleid angezogen hatte, war er erstaunlich sanft gewesen, beinahe etwas unbeholfen. Ungeübt, aber nicht grob.

Als er ihr eine Hand aufs Knie gelegt hatte, während er versucht hatte, sie zum Mitkommen zu überreden, hatte sie die Berührung durch den Stoff hindurch gespürt. Es war ein angenehmes, warmes Gefühl gewesen, und es hatte etwas Tröstliches gehabt.

Seine Augen waren grün, mit ein paar goldenen Sprenkeln darin. Und sein Haar war fast so schwarz wie ihres, jedoch war es von ein paar silbernen Strähnen durchzogen, sodass es ihr schwerfiel, sein Alter zu schätzen.

Er war älter als sie, aber nicht annähernd so alt wie der Tattergreis, mit dem sie verheiratet werden sollte.

„Wer seid Ihr?“, fragte sie ihn über die Schulter hinweg.

Statt einer Antwort erhielt sie nur ein Brummen, und er stieß ihr einen Finger in den Rücken, um sie zum Weitergehen zu bewegen.

Als sie die Treppe erreichten, trafen sie auf einen alten Mann. Das musste wohl Edward sein, der Mann, den Hannah zu ihr ins Bett hatte schicken wollen. Er war eindeutig auf dem Weg zu ihr, und Avelyn war gespannt, wie ihr selbst ernannter „Retter“ mit dieser Situation umgehen würde.

Edward blickte sie verwundert an, erst Avelyn und dann den Mann hinter ihr. „Aber … die Hure hat gar keine roten Haare.“

„Nein.“

„Das ist meine! Ich habe schon für sie bezahlt.“

„Wie viel?“

„Das geht Euch nichts an. Sie gehört mir.“

„Doch, das geht mich sehr wohl etwas an. Sie ist nämlich meine Gemahlin.“ Der Fremde legte ihr einen Arm um die Taille und zog sie zu sich heran. „Und außerdem haben wir zu Hause drei hungrige Bälger und brauchen jede Münze, die ihre Mutter dazuverdienen kann.“

Gemahlin? Zu Hause? Drei hungrige Bälger?

Avelyn hatte es angesichts seiner schamlosen Lügen die Sprache verschlagen. Obwohl sie wusste, dass er sich die Geschichte nur ausgedacht hatte, um ohne großes Aufsehen das Wirtshaus verlassen zu können, hätte sie sich gewünscht, dass er sich etwas ausgedacht hätte, das weniger beschämend für sie gewesen wäre.

„Wenn die Summe stimmt, dann könnt Ihr sie mitnehmen. Aber ich komme mit und passe auf, dass Ihr der Mutter meiner Kinder kein Haar krümmt.“

Avelyn kniff die Augen zusammen und sah ihn wütend an. Sie kannte ihn zu wenig, um den kurzen Blick zu deuten, den er ihr zuwarf, aber sie glaubte, dass er sie hatte warnen wollen, damit sie den Mund hielt. Sie dachte jedoch gar nicht daran.

Sie rammte ihm einen Ellenbogen in den Bauch und wandte sich an Edward. „In Wahrheit möchte er aus einem ganz anderen Grund zusehen, Edward.“

Ihr Retter umfasste ihre Taille noch fester. Aber davon ließ sie sich nicht beirren. Sie wollte ihn genauso dumm dastehen lassen, wie er es mit ihr getan hatte. „Genau genommen will er sich nämlich etwas abgucken. Seine Bettkünste lassen leider sehr zu wünschen übrig. Außer einem Haufen Bälger hat man nicht viel davon.“

Zufrieden hörte sie, wie der Mann die Luft ausstieß. Das hatte gesessen.

Der alte Mann trat kopfschüttelnd zur Seite. „Nein, danke. Geht nur. Da suche ich mir lieber eine andere.“

Augenblicklich löste der Fremde seine Hand von ihrer Taille und umfasste ihr Handgelenk. Dann zerrte er sie hinter sich her, die Treppe hinunter, und zischte ihr zu: „Ich rate Euch, besser auf Eure Worte zu achten.“

„Meine Worte?“ Sie sprach ebenso leise wie er. „Ihr habt mich aussehen lassen wie eine Hure. Und so habe ich mich auch gefühlt.“

Wieder wurde sein Griff fester. „Dafür habt Ihr selbst gesorgt.“

Avelyn versuchte, sich ihm zu entwinden. „Das habe ich nicht!“

„O, verzeiht, dann habe ich wohl etwas missverstanden. Aber ich könnte schwören, dass ich Euch nackt im Bett vorgefunden habe und Ihr auf einen Mann gewartet habt.“

Sie musste zugeben, dass er recht hatte. Aber es war ja nicht so gewesen, wie es ausgesehen hatte. „Es wäre ja gar nichts passiert.“

Sie mussten ihre Diskussion unterbrechen, denn sie waren fast am Fuß der Treppe angelangt, wo sie zwei Männer erwarteten. Gut, dann würde Avelyn ihm eben gleich erklären, wie es sich wirklich zugetragen hatte. Sie verlangsamte ihre Schritte, da sie nicht wusste, was die beiden Männer vorhatten. Doch ihr Retter ging geradewegs auf sie zu und sagte: „Lasst uns aufbrechen.“

Sie stellte erleichtert fest, dass die Männer zu ihm gehörten, denn sie sahen genauso düster und gefährlich aus wie er selbst. Sie reihten sich hinter ihr ein und geleiteten sie aus der Schankstube hinaus.

Auch der kalte Regen, der ihr ins Gesicht prasselte, konnte ihre Wut nicht abkühlen. Dieser Kerl hatte sie eine Hure genannt und ihr Dinge unterstellt, die ihren Vater zur Weißglut bringen würden, sollte ihm auch nur ein Wort davon zu Ohren kommen.

Sie wollte sich nicht einen Augenblick länger von diesem Mann berühren lassen, deshalb riss sie sich los und stürmte voran.

Die schweren Schritte hinter ihr sagten ihr, dass er sie nicht aus den Augen lassen würde, und sie wusste, dass eine Flucht unmöglich war. Schon gar nicht zu Fuß. Seine Gesellschaft wollte sie aber trotzdem nicht.

Wütend rief sie über die Schulter: „Lasst mich in Ruhe!“

„Mit dem größten Vergnügen. Sobald ich Euch König David überbracht habe, seid Ihr mich los.“ Wieder packte er sie am Handgelenk. Dann wirbelte er sie herum, sodass sie ihn ansehen musste.

Die zwei Männer blieben sofort stehen, und er rief ihnen im Befehlston zu: „Holt die Pferde! Wir treffen uns am Brunnen.“

Die unverhohlene Enttäuschung der beiden darüber, dass sie dem Streit nicht weiter beiwohnen konnten, hätte sie zu einem anderen Zeitpunkt zum Lachen gebracht. Doch in diesem Augenblick war es ihr egal. Sie hatte diesem unverschämten Kerl ein paar Dinge zu sagen, für die sie gut auf Publikum verzichten konnte.

Als die beiden etwas unwillig lostrotteten, sah sie den Mann an, der ihr Leben mit einem Schlag auf den Kopf gestellt hatte. Mehr noch. Er hatte alle ihre Fluchtpläne zunichtegemacht. „Lasst mich los.“

Zu ihrer Überraschung kam er ihrer Bitte nach, und sie trat einen Schritt zurück, um Abstand zwischen ihnen herzustellen. „Ich bin keine Hure.“

Autor

Denise Lynn
Als große Verfechterin ihrer Träume und dem Glauben an ein Happy End, lebt Lynn Denise mit ihrem Ehemann und einem Streichelzoo, bestehend aus einem Hund und sechs Katzen im Nordwesten Ohios. Denise las Bücher bevor sie Fahrrad fahren konnte. Sie lernte deswegen sehr früh, wenn ein Buch nicht leicht zu...
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