Ein heißer Flirt mit der Vergangenheit

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Andraya ist fassungslos: Ihr Jugendschwarm Kahlil Anderson hat die Pferderanch geerbt, die sie leitet! Der Tech-Unternehmer kennt sich nicht mit Pferden aus – und nun braucht ausgerechnet er, der ihr damals das Herz gebrochen hat, ihre Hilfe!


  • Erscheinungstag 10.09.2026
  • ISBN / Artikelnummer 9783751547734
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

Reese Ryan

Ein heißer Flirt mit der Vergangenheit

1. KAPITEL

Kahlil Anderson ging erregt im Wohnzimmer seines teuren Apartments auf und ab. Hinter seinen Schläfen pochte es dumpf, und in seinem Bauch gähnte ein Abgrund. Er hatte sich in seinem ganzen Leben noch nicht so panisch gefühlt wie jetzt.

Der High-Tech-Unternehmer hatte vor genau einer Woche erfahren, dass seine Ex-Frau mit seinem Geschäftspartner Armand Moreau verschwunden war. Er war am Boden zerstört gewesen, als er die Nachricht bekommen hatte. Nicht weil sein ehemaliger College-Mitbewohner und langjähriger Geschäftspartner offenbar schon seit einem Jahr heimlich mit Meridia zusammen gewesen war. Mit Kahlil und seiner Ex-Frau war es schon lange vorbei – mehr noch, es war ein Fehler gewesen, dass sie je geheiratet hatten. Was Kahlil so wütend und verletzt machte, war, dass Armand so wenig an ihrer jahrzehntelangen Freundschaft zu liegen schien.

Doch die wirklich katastrophale Nachricht bekam er zwei Tage später – als Kahlils Buchhalter ihn diskret darüber informierte, dass Armand eines der Firmenkonten geleert hatte. Und was noch schlimmer war: Jemand hatte dafür ziemlich überzeugend Kahlils Unterschrift gefälscht. Doch Kahlil erkannte die winzige Abweichung sofort – die wahre Urheberin der Unterschrift war Meridia.

Kahlil hatte die letzten fünf Tage darüber gegrübelt, wie er mit der Situation umgehen sollte. Er hatte einen Privatdetektiv engagiert, der die Spur der beiden bis nach Venezuela verfolgt hatte – ein Land, das bekannt dafür war, dass es selten Kriminelle an die USA auslieferte. Die Spur des Geldes hatte sich über Offshore-Konten auf den Kaimaninseln verloren.

Wie lange hatten die beiden diesen Coup schon geplant? Schon seit der Scheidung vor einem Jahr? Oder hatte ihre heimliche Beziehung womöglich schon begonnen, als er und Meridia noch zusammen gewesen waren?

Kahlil bereitete sich einen starken Tom Collins zu und ging mit dem Drink in der Hand zu dem großen Fenster, von dem aus man einen spektakulären Blick auf Seattle und die Elliott Bay hatte. Normalerweise beruhigte die Aussicht seine Nerven, doch heute lastete das Gefühl von drohendem Unheil zu schwer auf ihm.

Er hielt das eiskalte, beschlagene Glas an seine Schläfe und sackte mit geschlossenen Augen in seinem Sessel zusammen. „Ich bin am Ende. Vollkommen am Ende.“

Im Laufe der Jahre hatten Kahlil, Armand und Meridia gemeinsam eine Vielzahl von Technologie-Startups gegründet und gewinnbringend verkauft: Smartphone-Apps, SaaS-Anwendungen und industrielle Software. Doch von allen Projekten, die sie entwickelt hatten, war das aktuelle mit Abstand am wichtigsten für Kahlil. Das Unternehmen entwickelte eine medizinische Software zur Unterstützung von Patienten mit Multipler Sklerose. Die Software vernetzte die verschiedenen, bei dieser Erkrankung notwendigen Spezialisten und ihre Untersuchungsergebnisse miteinander und verbesserte dadurch die Lebensqualität und die Lebenserwartung der erkrankten Menschen um ein Vielfaches.

Kahlil war von diesem Projekt begeistert – fast schon besessen –, seit er an einer Wohltätigkeitsveranstaltung für Familien teilgenommen hatte, die gegen diese Krankheit kämpfen.

Das Betriebskonto hatte Armand großzügigerweise nicht angetastet. Das Unternehmen hatte also genug Finanzkraft, um die nächsten drei bis sechs Monate zu überleben. Aber falls es zu unvorhersehbaren Ausgaben käme oder die Entwicklung der Software länger als sechs Monate dauerte, würde ihnen das Kapital ausgehen, bevor sie ihr Produkt auf den Markt bringen konnten. Und obwohl ein Forensiker mit Sicherheit den Unterschied zwischen seiner Unterschrift und der Fälschung seiner Ex-Frau feststellen könnte, würde die ganze Angelegenheit für immer wie eine dunkle Wolke über Kahlils Kopf hängen. Auch wenn er nicht derjenige gewesen war, der sich mit dem Geld der Investoren davongemacht hatte – er hatte das Projekt initiiert. Und er hatte eindeutig den falschen Leuten vertraut. Also hatte Khalil niemandem die Wahrheit erzählt – außer seinem Buchhalter und seinem Anwalt, die beide eine Verschwiegenheitsklausel unterschrieben hatten.

Kahlil nahm einen großen Schluck von seinem Drink und seufzte. Selbst wenn er sein Apartment verkaufte und seine privaten Konten plünderte, würde das nicht annähernd ausreichen, um den achtstelligen Betrag zu ersetzen, mit dem sich Armand und Meridia aus dem Staub gemacht hatten.

Es klingelte an der Tür, und Kahlil schreckte auf. Der verrückte Gedanke, dass Armand zur Vernunft gekommen war und ihm das gestohlene Geld der Investoren bis auf den letzten Cent zurückgeben wollte, raste durch sein Hirn.

Aber so viel Glück hatte er leider nicht.

Vor der Tür stand der Pförtner des Apartmentkomplexes.

„Hey, Bernie“, begrüßte Kahlil ihn. „Was kann ich für Sie tun?“

„Das kam vorhin für Sie an, Sir.“ Der freundliche ältere Mann hielt lächelnd einen Umschlag hoch. „Ich dachte, den würden Sie sicher gern sofort haben.“

„Danke, Bernie.“ Kahlil gab dem Mann diskret ein paar Dollar Trinkgeld, wünschte ihm einen schönen Abend und schloss die Tür.

Immer noch in der verrückten Hoffnung, dass Armand oder Meridia vielleicht zur Besinnung gekommen waren, musterte Kahlil die Schrift auf dem Umschlag.

Aus dem Nachlass von Hank Carson, Willowvale Springs.

Kahlil verzog schuldbewusst das Gesicht. In den letzten zwanzig Jahren war er ganze zwei Mal in Willowvale Springs gewesen. Und das auch nur, weil seine jüngeren Schwestern ihre jeweiligen Hochzeiten gefeiert hatten. Kahlil war jedes Mal genauso schnell wieder abgereist, wie er gekommen war.

Vor zwei Wochen hatte ihn seine Schwester Farah über den Tod des alten Hank Carson informiert. Da er und Armand zum Zeitpunkt der Beerdigung einen möglichen Investor in Houston besucht hatten, war Kahlil nicht gekommen. Hank Carson war in gewisser Weise die Verkörperung von Willowvale Springs gewesen. Und ihm hatte der größte Teil der Stadt gehört. Eine riesige Ranch, der Gemischtwarenladen, mehrere Mietshäuser. Und jede Menge unbebautes Land.

Kahlil hatte als Achtzehnjähriger – vor zwanzig Jahren – begonnen, als Stallbursche auf der Pferderanch des wohlhabenden Grundbesitzers zu arbeiten, und war zwei Sommer geblieben. Er hatte auch ein paar IT-Arbeiten für Hank erledigt. Dieser hatte damals gerade begonnen, sich mit der Idee anzufreunden, das Internet für Marketing und Bankgeschäfte zu nutzen.

Der alte Mann konnte launisch und streitsüchtig sein. Aber er hatte immer das Wohl der Stadt und ihrer Bewohner im Sinn gehabt. Trotz seiner schlimmen Lage musste Kahlil unwillkürlich grinsen, als er sich an einige seiner Begegnungen mit dem manchmal ziemlich verschroben wirkenden alten Mann erinnerte. Der Spruch Hunde die bellen, beißen nicht passte perfekt zu Hank.

Doch Kahlil hatte keinen blassen Schimmer, warum Hanks Nachlassverwalter ausgerechnet ihn kontaktiert hatte. Das letzte Mal, dass er mit dem alten Mann gesprochen hatte, war vor fünf Jahren gewesen.

Kahlil riss den Umschlag auf und überflog das mehrseitige Dokument. Dann las er es noch einmal in Ruhe. Und dann noch einmal.

„Das kann nicht wahr sein.“ Kahlil schüttelte den Kopf und fasste sich an die Stirn. „So ein krasses Glück kann ich einfach nicht haben.“

Nicht, dass es ein Glück gewesen wäre, dass der alte Mann gestorben war. Aber dass Hank Carson Kahlil seine geliebte Vollblutpferderanch vererbte – und das ausgerechnet jetzt, wo er das Geld so dringend brauchen konnte … Es musste irgendeinen Haken geben.

Kahlil griff tiefer in den Umschlag und zog einen USB-Stick heraus. Er schloss ihn an seinen Computer an und öffnete die einzige Datei, die sich darauf befand.

Hanks faltiges und von der Sonne verbranntes Gesicht erschien auf dem Bildschirm. Der Mann war Kahlil immer wie ein Riese vorgekommen. Aber in dem Video sah er müde, zerbrechlich und … sehr menschlich aus.

„Ich komme gleich zur Sache, mein Sohn. Du weißt, dass Edith und ich nie eigene Kinder hatten. Das war das Einzige, was ich ihr nicht geben konnte. Die Kinder, die in Willowvale Springs aufgewachsen sind, waren in gewisser Weise wie eine Familie für uns. Manche mehr als andere.“ Der alte Mann bekam einen furchtbaren Hustenanfall und winkte jemandem zu, der ihm eine Flasche Wasser anbot. Dann fuhr er fort: „Du hast mich während deiner Zeit auf der Ranch sehr beeindruckt. Und ich habe deine Karriere verfolgt. Ich bin verdammt stolz auf dich, mein Sohn. Und wahrscheinlich ist er zu dickköpfig, um es zuzugeben – aber ich weiß, dass dein Dad auch sehr stolz auf dich ist.“

Kahlils Magen verkrampfte sich, als er an seinen Vater dachte. Der hatte kaum mit ihm gesprochen, seit Kahlil die Ranch der Familie verlassen hatte, um seinen eigenen Weg zu gehen.

„Meine Pferderanch war immer meine größte Freude. Edith und ich hatten hier viele schöne Erinnerungen. Ich vererbe sie dir – die Ranch und die anliegenden Mietshäuser. Du kannst damit machen, was du willst, mein Sohn. Aber dieser Ort bedeutet den Leuten hier eine Menge. Ich vertraue dir, dass du das berücksichtigst, wenn du deine Entscheidung triffst.“

Hank nickte in die Kamera und verabschiedete sich.

Kahlil starrte auf das Dokument in seiner Hand. Zu der Pferderanch gehörten Hunderte von Hektar. Und sie war in der Gegend als einer der besten Pferdezuchtbetriebe bekannt.

Die Vorstellung, Hanks altes Zuhause zu verkaufen, ließ Kahlils Herz schwer werden. Aber es war unmöglich, dass das Schicksal ihm – genau zur richtigen Zeit – ein solches Geschenk machte und er diese Chance nicht nutzen sollte. Die gesamte Stadt Willowvale Springs war Hank Carsons Vermächtnis. Auch wenn Kahlil die Ranch verkaufte, würde die Stadt Hank niemals vergessen. Und die Software, die Kahlil entwickelte, hatte das Potenzial, Tausende von Leben zu retten.

Hätte Hank nicht gewollt, dass er alles in den Dienst dieser Sache stellte?

Andraya Walker ritt auf Gingerbread, ihrem fuchsfarbenen American Quarter Horse, am Ufer des Flusses entlang. Dieser wunderschöne ruhige Ort war einer ihrer Lieblingsplätze, seit sie im Alter von sechzehn Jahren als Pferdepflegerin auf der Willowvale Springs Horse Ranch begonnen hatte. Das war inzwischen zwanzig Jahre her, doch seitdem hatte sie diesen Ort und die Ranch nur noch mehr lieben gelernt.

Ihre Mutter und ihren Schwestern behaupteten immer, die Ranch wäre Andrayas Leben – wahrscheinlich hatten sie recht.

Abgesehen von den paar Jahren, die sie auf dem College verbracht hatte, hatte Dray die meiste Zeit ihres Lebens entweder auf der eigenen Farm ihrer Familie oder auf dieser Pferderanch verbracht. Und seit fünf Jahren war sie die Managerin der Ranch. Oft war sie die Erste, die kam, und die Letzte, die ging. Anfangs hatte sie sieben Tage die Woche gearbeitet. Nicht, weil das nötig gewesen wäre, aber sie fühlte sich auf der Ranch einfach am wohlsten. Erst als ihr Chef ihr gesagt hatte, sie sei zu jung, um so zu enden wie er – der nach eigenen Worten außer der Ranch kein Leben hatte –, hatte sie ihre Arbeitszeit auf fünf Tage die Woche reduziert.

Hank Carson, der vor wenigen Wochen verstorbene Besitzer der Ranch, konnte streitsüchtig und sehr perfektionistisch sein. Aber er war auch ein freundlicher und sehr großzügiger Mensch gewesen, der sich gut um sein Personal gekümmert hatte. Er hatte ihr alles beigebracht, was sie über die Leitung einer Ranch wusste. Hatte in ihr dieselbe Begeisterung für den Ort geweckt, mit der er selbst die Ranch damals aufgebaut hatte. Hank war wie ein zweiter Vater für sie gewesen.

Dray seufzte schwer. Ihre Augen brannten vor Tränen, als sie daran dachte, wie Hanks lange Krankheit seinen Körper in den letzten sieben Jahren verheert hatte. Eine Krankheit, die er vor den meisten Menschen geheim gehalten hatte. Obwohl es für jeden, der ihn kannte, offensichtlich war, dass etwas nicht in Ordnung war.

Sie schniefte und wischte sich mit dem Handrücken über ihre feuchten Wangen. Sie wollte nicht, dass Gingerbread mitbekam, wie es ihr ging. Der Hengst war ein sanftmütiges, einfühlsames Wesen, das viel mehr von ihren Gefühlen spürte als die meisten Menschen, die sie je gekannt hatte. Das schloss ihre Familie mit ein, die einfach nicht verstehen konnte, warum sie sich nicht längst mit jemandem auf ein gemeinsames Leben eingelassen hatte. Und auch die unbedeutenden Ex-Freunde, mit denen Dray sich laut ihrer Familie hätte zufriedengeben sollen. Die einzige Person, die auch nur annähernd verstand, warum sie diesen Ort so sehr liebte, war ihre beste Freundin Alejandra Price.

Doch selbst Allie verstand nicht wirklich, wie niedergeschmettert Dray über die Tatsache war, dass Hank ihr die Ranch nicht vererbt hatte.

Nach dem Tod seiner Frau Edith hatte Hank seine Lebensfreude verloren und war zu einem etwas schrulligen Halb-Eremiten geworden. Aber für Dray war er der freundliche Mentor geblieben, den sie so sehr verehrte. Und ihr schien immer, dass er sich darüber gefreut hatte, wie sehr sie die Ranch liebte.

Dray hatte den alten Mann geliebt. Sie vermisste die gemeinsamen Mittagessen. Die Morgen, an denen sie ihn mit Donuts oder selbst gebackenen Leckereien überrascht hatte. Die seltenen Gelegenheiten, bei denen sie ihn dazu gebracht hatte, mit ihr an den Fluss zu fahren, die unglaubliche Landschaft zu genießen und ein kleines Picknick zu machen. Sie hatte die weiche Seite des alten Mannes gekannt. Eine Seite, die er nicht oft gezeigt hatte.

Andraya hatte das alles nicht getan, weil sie etwas von ihm wollte oder erwartete. Aber sie wusste, wie sehr er die alte Ranch geliebt hatte. Und sie war sich sicher gewesen, dass er dafür sorgen würde, dass sein Besitz an jemanden ging, der diesen genauso lieben und bewahren würde, wie er selbst es sein Leben lang getan hatte.

Drei Wochen waren seit Hanks Tod vergangen, und kein Mensch hatte eine Ahnung, wem Hank seinen riesigen Besitz vererbt hatte.

Ihr selbst gegenüber hatte er sich extrem großzügig gezeigt. Er hatte ihr Gingerbread hinterlassen, außerdem einen schwarzen, reinrassigen Araberhengst namens Diablo, die geräumige Blockhütte, in der sie als Managerin der Ranch wohnte, und darüber hinaus eine beträchtliche Geldsumme. Sie war Hank unendlich dankbar – doch sie würde all diesen Besitz sofort für die Pferderanch eintauschen, die ihr so viel bedeutete. Was genau das war, was sie zu tun hoffte.

Wenn die neuen Besitzer der Ranch zu einem Deal mit ihr bereit wären, würde Dray alles verkaufen, was sie besaß – außer Gingerbread natürlich. Um dann so viel Fremdkapital aufzustellen, wie nötig war, um die Ranch zu erwerben. Doch solange sie nicht einmal wusste, wer die neuen Eigentümer waren, konnte sie nichts tun als hoffen und warten.

Plötzlich ertönte eine Stimme aus dem Funkgerät an ihrer Hüfte. Gingerbread blieb stehen und spitzte die Ohren, als wäre er misstrauisch, obwohl er die Stimme am anderen Ende kannte.

„Alles gut, mein Junge“, flüsterte sie und streichelte den warmen Hals des Pferdes. Sie fühlte sich schuldig, weil sich ihre eigene Sorge in den Wochen seit Hanks Tod offensichtlich auf Gingerbread übertragen hatte. Doch in diesem Fall war es wohl die Anspannung in der Stimme des Stallburschen, die Gingerbread beunruhigt hatte.

„Hier ist ein Mann, der sagt, er sei der neue Besitzer der Ranch“, sagte Tonio atemlos, fast schon panisch. „Soll ich ihn reinlassen?“

Andraya atmete tief ein und aus und umklammerte die Zügel mit den Händen. Sie zwang sich zu einem Lächeln und hoffte, dass sich dieses in ihrem Tonfall widerspiegeln und dem Jungen etwas von seiner Angst nehmen würde.

Sie alle hatten um den alten Mann getrauert. Aber in den Tagen nach Hanks Beerdigung hatte sich außerdem ein greifbares Gefühl von Angst und Sorge breitgemacht. Sie alle warteten förmlich darauf, dass die nächste Hiobsbotschaft sie erreichte – und diese würde sehr wahrscheinlich ihre Jobs betreffen.

„Mach dir keine Sorgen, Tonio“, sagte Dray in demselben beruhigenden Ton, den sie bei Gingerbread benutzt hatte. „Wenn er der neue Besitzer ist, wird er sowieso die Schlüssel für das Haus haben. Lass ihn ruhig rein. Ich bin draußen am Fluss, aber ich komme so schnell wie möglich zurück.“

Andraya stieß einen leisen Seufzer aus, wendete Gingerbread und galoppierte zurück zu den Ställen. In ihrem Körper vibrierte die gleiche Nervosität, die sie in Gingerbread spürte.

Wenige Minuten später informierte Tonio sie über das Funkgerät, dass der Mann jetzt auf dem Weg zu der Blockhütte auf dem Nachbargrundstück war. Die Hütte war nicht weit von dem Haus entfernt, das Hank Dray hinterlassen hatte. Sie änderte ihre Richtung, und kurz darauf kam sie vor der wunderschönen, vor nicht allzu langer Zeit erbauten Blockhütte zum Stehen. Sie stieg ab, befestigte Gingerbreads Führstrick an einem Pfosten und ging die Treppe hinauf. Ihr Herz raste, und ihre Handflächen waren feucht.

Dray klingelte und betrachtete sich selbst im Spiegelbild der kunstvoll mit Schnitzereien verzierten Doppeltür. Ihr Job bestand zum größten Teil aus körperlicher – und auch schmutziger – Arbeit, und sie machte sich selten Gedanken über ihr Aussehen. Sie hatte kein Interesse daran, ihre Kollegen auf der Ranch zu beeindrucken, und den Pferden war es mit Sicherheit egal, wenn sie kein Make-up trug und ihr Haar zerzaust war. Aber als sie jetzt ihr Spiegelbild betrachtete, zählte sie im Geist automatisch all die Dinge an sich auf, die irgendwie … falsch waren.

Sie war verschwitzt und schmutzig. Wahrscheinlich roch sie wie ein Pferd – was sie selbst schon längst nicht mehr bemerkte. Ihr alter Stetson – ein Geschenk von Hank zu ihrem ersten Sieg bei einem Turnier – war verbeult und müsste eigentlich mal gründlich gereinigt werden. Und wieso hatte sie nicht bemerkt, dass ihr kariertes Lieblingshemd einen Riss am Ärmel hatte?

Dray versuchte, sich so gut es ging, den Schmutz aus dem Gesicht zu wischen. Als die Tür, die sie als Spiegel benutzt hatte, sich plötzlich öffnete, zuckte sie zusammen. Sie befand sich auf Augenhöhe mit der breiten Brust eines Mannes. Ein verführerisches Aftershave umspielte dezent aber lockend ihre Nase. Es hätte nicht viel gefehlt, und sie hätte ihre Nase an seine Brust gepresst, um diesen köstlichen Duft tiefer einzuatmen.

Gab es so etwas wie Liebe auf den ersten Duft? Wenn ja, schwebte sie in großer Gefahr.

„Dray?“

Sie trat einen Schritt zurück, hob ihr Gesicht und blickte zu dem Mann auf, der ihren alten Spitznamen mit einer Stimme ausgesprochen hatte, die ihr nur allzu bekannt vorkam. Aber das konnte einfach nicht sein …

„Kahlil?“ Sie musterte ungläubig das vertraute Gesicht. Seine hellbraune Haut hatte ein paar mehr Lachfältchen bekommen, und er trug sein Haar viel kürzer als vor zwanzig Jahren – als sie ihn das letzte Mal gesehen hatte. Aber er sah besser aus als je zuvor. Und das Flattern in ihrem Bauch bewies, dass sie sich heute noch genauso sehr von ihm angezogen fühlte wie damals. „Was in aller Welt machst du hier?“

Andraya hatte sich in den letzten zwei Jahrzehnten große Mühe gegeben, Kahlil zu meiden. Sie war zu keiner der Hochzeiten seiner Schwestern gekommen – und hatte noch immer ein schlechtes Gewissen deswegen.

Und auch er war offensichtlich nicht gerade wild darauf gewesen, nach Willowvale Springs zurückzukehren. Was also machte er jetzt hier?

„Wohnst du in der Hütte, während du in der Stadt bist?“, fragte sie verwirrt.

„Ja.“ Er steckte die Hände in die Taschen.

Offensichtlich noch immer nicht besonders gesprächig. Aber egal, sie war schließlich nicht hier, um mit ihm zu reden.

„Okay … Ich muss Tonio falsch verstanden haben. Ich bin eigentlich gekommen, um den neuen Besitzer der Ranch zu treffen. Wahrscheinlich wohnt er in der kleineren Blockhütte.“ Dray ging einen Schritt rückwärts. Ihr Gesicht glühte, und ihr Puls raste. „Nun, ich bin sicher, dass du mit … du weißt schon … dass du zu tun hast. Ich will dich nicht aufhalten. Auf Wiedersehen.“ Dray drehte sich um und ging hastig zur Treppe. Sie konnte es kaum abwarten, dieser unglaublich peinlichen Situation zu entkommen.

„Ich bin der neue Eigentümer“, sagte Kahlil.

Andraya erstarrte. Dann drehte sie sich langsam auf den abgenutzten Absätzen ihrer Cowboystiefel um. Sie starrte den Jungen an, der einmal ihr bester Freund gewesen war. Der Junge, der damals in den Bus nach Denver gestiegen war, um aufs College zu gehen. Der versprochen hatte, dass sie sich Weihnachten wiedersehen würden – und der nie zurückgekommen war. Der Mann, der eindeutig nichts mehr mit ihr oder der kleinen Stadt Willowvale Springs zu tun haben wollte.

Es war, als hätte sich jemand einen grausamen Scherz erlaubt. Unmöglich, dass Hank Carson seine geliebte Pferderanch einem Abtrünnigen wie Kahlil Anderson vermacht hatte.

Oder etwa doch?

Dray starrte ihren alten Freund ungläubig an. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals, und ihre Kehle war plötzlich trocken. Sie schüttelte den Kopf und tastete nach dem Treppengeländer. „Nein … ich glaube es einfach nicht.“

2. KAPITEL

Kahlil musterte das Gesicht, das ihm einst so vertraut gewesen war – die großen, ausdrucksstarken braunen Augen, die vollen Lippen und die dunkelbraune Haut. Das zerrissene karierte Hemd und die staubigen alten Jeans zeigten, dass sich ihr Stil nicht nennenswert verändert hatte. Aber alles andere an dem Mädchen von nebenan, das damals seine beste Freundin gewesen war, hatte sich komplett verändert.

Drays früher so knabenhafte Figur – die sich normalerweise in viel zu großer Kleidung verloren hatte – war jetzt weich und voller Kurven. Und statt ihren Körper zu verstecken, betonten ihr offenes Hemd und das Tanktop darunter ihre vollen Brüste. Solche Brüste hatte sie mit sechzehn definitiv nicht gehabt. Ihre Jeans schmiegte sich eng an ihre verlockenden Kurven … an den perfekten Hintern, den sie ihm vor wenigen Sekunden – im Begriff zu gehen – zugewandt hatte.

Kahlil hatte das Gefühl, diesen atemberaubenden Anblick nie wieder vergessen zu können.

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