Ein Herz in Gefahr

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Schweren Herzens hat Ross seine Karriere über die Liebe gestellt. Erst als Sally in Gefahr schwebt, erkennt er, was er für einen hohen Preis gezahlt hat.


  • Erscheinungstag 10.09.2026
  • ISBN / Artikelnummer 9783751547697
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Leseprobe

Susan Carlisle

Ein Herz in Gefahr

1. KAPITEL

Sally Davis nahm ihre Tasche sowie eine tragbare Sauerstoffflasche aus dem Krankenwagen. Die Hitze, die von der brennenden leer stehenden Lagerhalle ausging, war beinah unerträglich, und der Overall klebte ihr am Körper.

Sie arbeitete als Rettungssanitäterin bei der Feuerwehr von Austin, Texas, und dieser Gebäudebrand war der schlimmste, den sie im vergangenen Jahr gesehen hatte. Der Anruf der Einsatzleitstelle hatte bei ihr sofort einen Adrenalinschub bewirkt. Feuer dieser Art fürchtete sie am meisten. Bei einer brennenden Lagerhalle wusste man nie, wer oder was sich darin befand.

Sally beobachtete, wie die Flammen noch höher aufloderten. Der Lärm, den das einstürzende Gebäude verursachte, bildete einen ironischen Kontrast zu dem friedlichen Sonnenaufgang. Doch sie hatte keine Zeit, diesen zu beobachten, denn sie musste ihre Arbeit machen.

Kurz darauf schrie jemand: „Da drinnen ist jemand!“

Schockiert verfolgte Sally, wie Captain Ross Lawson in die Flammen lief. Obwohl er Schutzkleidung trug, erkannte sie ihn an seiner Statur. Ihr stockte der Atem, und das Blut rauschte ihr in den Ohren. Würde Ross es wieder herausschaffen? Würde er jemanden mitbringen?

Die Feuerwehrmänner an den Schläuchen richteten den Wasserstrahl auf den Eingang.

Mit wachsender Anspannung verfolgte Sally das Geschehen. Sie kannte Ross nur flüchtig, weil sie seit ihrem Umzug nach Austin nur wenige Schichten mit ihm zusammen gemacht hatte. Allerdings war er gut mit ihrem Bruder befreundet. Mehr als einmal hatte Kody ihn in den höchsten Tönen gelobt, und das zu Recht, soweit sie es beurteilen konnte.

Seit sie in ihrer Heimat in North Carolina der freiwilligen Feuerwehr beigetreten war, wusste sie, dass die Sicherheit der Feuerwehrleute immer an erster Stelle stand. Vermutlich hatte Ross überhaupt nicht an seine eigene Sicherheit gedacht, als er in das Feuer rannte.

Ihrer Meinung nach ging er ein viel zu hohes Risiko ein. Er machte nicht den Eindruck eines Draufgängers oder Adrenalinjunkies auf sie, aber so gut kannte sie ihn auch nicht.

Nun kam ihr Kollege James zu ihr. „Dafür braucht man wirklich Mumm.“

Im nächsten Moment erschien eine Gestalt am Eingang, die einen Mann auf den Schultern trug. Da seine Montur schon gut dreißig Kilo wog, musste das eine enorme Last für Ross sein. Auch dafür bewunderte Sally ihn.

Zwei Feuerwehrmänner rannten auf ihn zu, doch er sank zu Boden, bevor sie ihn erreichten. Der Mann rollte auf den Rücken. Aus seiner Kleidung stieg Rauch auf.

„Kümmer du dich um Captain Lawson, ich übernehme den Mann“, rief Sally ihrem Kollegen James zu, während sie auf die beiden zulief.

Nun riss Ross seinen Helm hinunter und stützte sich hustend auf Hände und Knie.

Sally stellte die Flasche ab und kniete sich neben den Verletzten, bei dem es sich offenbar um einen Obdachlosen handelte, um seine Atmung zu überprüfen. Da diese schwach war, legte sie ihm die Maske an, um ihm Sauerstoff zu verabreichen. Nachdem sie seinen Puls gefühlt hatte, suchte sie ihn nach Verletzungen ab und entdeckte einige Verbrennungen in seinem Gesicht und an seinen Händen. Über Funk rief sie das Krankenhaus an.

„Wir müssen ihn sofort wegbringen“, rief sie James zu.

Ein weiterer Krankenwagen war inzwischen eingetroffen. Die Besatzung kümmerte sich um Ross, sodass James eine Trage holen und sie den Verletzten darauflegen konnten. „Wie geht es ihm?“, fragte Sally den Sanitäter, der Ross versorgte.

„Er hat viel Rauch eingeatmet, aber ansonsten ist er in Ordnung“, erwiderte dieser, ohne den Blick von seinem Patienten abzuwenden.

„Bringt ihn auch ins Krankenhaus“, wies sie ihn an.

Ross schüttelte den Kopf. „Nicht nötig.“ Er hustete einige Male.

„Ich bin hier verantwortlich. Du lässt dich im Krankenhaus untersuchen, Captain.“

Sie hörte ihn erneut husten, als sie den Verletzten zum Krankenwagen schoben.

Wenige Minuten später saß sie hinten im Kasten, wie sie den Krankenwagen nannten. Während James am Steuer saß, überwachte sie die Vitalfunktionen ihres Patienten und informierte das Krankenhaus über dessen Zustand.

Kurz darauf trafen sie in der Notaufnahme ein. Noch während Sally ihren Patienten an die wartenden Mitarbeiter übergab, wurde Ross hineingeschoben. Sie folgte ihm in den anderen Untersuchungsraum. Er trug nur noch seine gelbe Hose, sein T-Shirt war hochgeschoben. Über die Elektroden am Oberkörper war er an mehrere Geräte angeschlossen. Auch wenn es unpassend war, musste sie seine muskulöse Brust bewundern. Offenbar trainierte er regelmäßig.

Als er sie ansah, wurde ihr heiß, und sie wandte schnell den Blick ab.

Da er im nächsten Moment wieder einen Hustenanfall bekam, überprüfte sie die Sauerstoffzufuhr. Es würde noch Tage dauern, bis seine Lunge wiederhergestellt wäre.

Sally trat näher an die Trage. „Wie geht es ihm?“

„Er scheint sich gut zu erholen“, erwiderte eine Krankenschwester. „Wir geben ihm weiter Sauerstoff und lassen vorsichtshalber die Lunge röntgen.“

„Ich bin auch noch da“, ließ Ross sich unter der Maske vernehmen, wobei er sie anfunkelte.

„Du solltest lieber nicht sprechen.“

Als dann eine Ärztin den Raum betrat, um ihn zu untersuchen, ging Sally zum Tresen. Nachdem sie die Unterlagen für Ross und den unbekannten Verletzten ausgefüllt hatte, kehrte sie zum Krankenwagen zurück.

„Gute Arbeit“, sagte sie lächelnd zu James.

„Dito“, erwiderte er, bevor er losfuhr.

Sally schnallte sich an, erleichtert, weil sie nicht mehr hinten sitzen musste. Als Kind hatte sie sich einmal im Kofferraum eines Wagens versteckt und war dann nicht mehr allein hinausgekommen. Deshalb hasste sie bis zum heutigen Tag Enge und Dunkelheit. Hinten im Krankenwagen zu sitzen erinnerte sie immer an jenes traumatische Erlebnis, und sie nahm es nur in Kauf, weil sie ihren Job liebte.

Nun lehnte sie den Kopf zurück und schloss die Augen. Sofort musste sie an Ross denken. Sie hatte ihn kennengelernt, kurz nachdem sie nach Austin gezogen war und beim Austin Medical Emergency Service, der mit der Feuerwehr zusammenarbeitete, angefangen hatte. Als Rettungssanitäterin mit mehrjähriger Berufserfahrung war sie Wache zwölf zugeordnet, in der zufällig auch ihr Bruder und Ross tätig waren. Schon bei ihrer ersten Begegnung hatte es zwischen Ross und ihr geknistert, doch sie hatte dieser Anziehungskraft nie nachgegeben und würde es auch niemals tun.

An einer Beziehung war sie ohnehin nicht interessiert. Ihre kurze Ehe war ebenso enttäuschend wie traurig gewesen. Nun wollte sie sich darauf konzentrieren, einen Studienplatz für Medizin zu bekommen, denn davon hatte sie schon vor ihrer Ehe geträumt. Sie würde keine Zugeständnisse mehr für einen Mann machen, sondern ihre Ziele verfolgen.

Erst jetzt merkte Sally, dass James den Wagen in die Parkbucht der Wache gefahren hatte und nun stoppte. Schnell stieg sie aus und blickte sich um.

Sie liebte das rote Backsteingebäude, das mit den hohen Glastüren eine moderne Version der traditionellen alten Feuerwachen war. Die Feuerwehrmänner arbeiteten auf einer Seite, die Sanitäter auf der anderen. Sie teilten sich eine Küche, einen Fitness- sowie einen Fernsehraum auf der Seite der Feuerwehrleute.

Die Einsatzfahrzeuge waren noch nicht zurückgekehrt, weil die Männer vermutlich noch mit Löscharbeiten beschäftigt waren. Sie musste jetzt den Krankenwagen wieder einsatzbereit machen und einen Bericht schreiben.

„He, Kleine.“

Stöhnend wandte Sally sich um und sah Kody auf sich zukommen. „Ich habe dir doch gesagt, dass du mich nicht so nennen sollst“, flüsterte sie. „Vor allem nicht hier.“

Er wirkte zerknirscht. „Entschuldige, das hatte ich vergessen.“

„Was machst du hier überhaupt?“

„Ich habe etwas in meinem Spind vergessen und wollte es holen. Ich habe erst morgen wieder Dienst.“

Nun lächelte sie, weil sie sich freute, ihren älteren Bruder zu sehen. Er war sehr liebenswert und manchmal überfürsorglich. Als sie noch einmal von vorn hatte anfangen müssen, war er für sie da gewesen. Dafür würde sie ihm immer dankbar sein.

„Ich habe gehört, dass Ross der Held des Tages ist“, meinte er nun fasziniert.

„Ja, das könnte man so sagen.“

„Bist du nicht der Meinung?“

Sally ging zum Lagerraum. „Er hätte ums Leben kommen können.“

„Er weiß, was er tut“, bemerkte Kody sanft. „Ich kenne keinen besseren Feuerwehrmann.“

„Er ist in eine lichterloh brennende Lagerhalle gerannt!“ Dass sie so emotional klang, überraschte sie selbst.

„Du hast bestimmt schon Schlimmeres erlebt. Warum bist du so aus der Fassung?“

„Das bin ich nicht. Es war nur sehr riskant. Und nun hat er eine Rauchgasvergiftung.“ Sie nahm einige Sauerstoffmasken aus dem Regal.

„Wie geht es ihm jetzt?“, hakte er besorgt nach.

Sally suchte einen Schlauch heraus. „Er ist im Krankenhaus, kommt aber wohl bald wieder raus. Sie wollten noch einige Untersuchungen machen.“

„Er will unbedingt befördert werden. Das wird sich wohl gut in seinem Lebenslauf machen. Bis später.“

„Bye.“ Mit den Utensilien auf dem Arm kehrte sie zum Krankenwagen zurück. Sie interessierte sich nicht für Ross’ berufliche Ambitionen, und aus irgendeinem Grund war es ihr besonders schwergefallen, seine Heldentat mit anzusehen.

Da die behandelnde Ärztin darauf bestanden hatte, ihn krankzuschreiben, nahm Ross seinen Dienst erst eine Woche nach dem Brand wieder auf. In seiner Freizeit arbeitete er gern auf seiner Ranch, doch bald würden die Bewerbungsgespräche für die zu besetzende Stelle des Battalion Chiefs stattfinden, und er wollte auf der Wache sein, falls wichtige Besucher kamen. Nun musste er sich auf das Ziel konzentrieren, das er seit seiner Kindheit verfolgte.

Zum Glück ging es dem Mann, den er aus der Lagerhalle gerettet hatte, recht gut. Er musste noch auf der Intensivstation für Brandopfer bleiben, würde aber wieder gesund werden. Genauso wie er, Ross, und sein Großvater. Ross hob die Schulter, als er sich an die vertrauten Schmerzen erinnerte.

Normalerweise rannte er nicht in lichterloh brennende Gebäude. Doch die Erinnerungen an jene entsetzliche Nacht, als er jung gewesen war, hatten ihn veranlasst zu handeln.

Und auch jetzt überkamen sie ihn wieder. Er hatte seinen Grandpa besucht, der in einem kleinen Haus außerhalb der Stadt wohnte und den er über alles geliebt hatte. Dieser hatte ihm den Umgang mit Werkzeug und mit Pferden beigebracht. Fast alles, was er konnte, hatte er von seinem Großvater gelernt, denn seine Eltern waren zu sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen. Also hatte er zwischen seinem zehnten und vierzehnten Lebensjahr fast alle Wochenenden und den größten Teil der Ferien bei ihm verbracht.

In jener Nacht hatte sein Grandpa ihn geweckt. Noch immer klang ihm seine schroffe Stimme in den Ohren: „Junge, es brennt. Los, kriech auf allen vieren zur Haustür! Ich bin hinter dir.“

Der Rauch brannte ihm im Hals und in den Augen, doch er befolgte die Anweisung. Auf dem Weg zur Tür fiel ihm ein Teil von einem brennenden Balken auf die Schulter, doch in seinem Schock nahm er es kaum wahr. Draußen stand er auf und rannte hustend über den Rasen. Dabei blickte er sich nach seinem Grandpa um, konnte ihn aber nirgends entdecken. Die Angst drohte ihn zu überwältigen.

Jemand musste die freiwillige Feuerwehr alarmiert haben, denn diese kam schon die lange Auffahrt hoch. „Mein Grandpa ist da drinnen“, brachte er zwischen seinen Hustenanfällen hervor.

Ohne zu zögern, rannte der Feuerwehrmann ins Haus. Kurz darauf kam er wieder heraus und zog seinen Grandpa über die Veranda und die Stufen hinunter zu den Sanitätern. Erst in dem Moment hatte Ross seine starken Schmerzen gespürt.

Sein Großvater und er hatten eine Zeit lang im Krankenhaus gelegen, denn sie hatten beide Verbrennungen und eine Rauchvergiftung davongetragen. Der Gutachter war zu dem Ergebnis gekommen, dass ein Funken aus dem Holzofen die Brandursache gewesen war. Und als Erinnerung an jene schicksalhafte Nacht hatte er, Ross, immer noch große Narben auf dem Rücken und an der Schulter.

Letzte Woche hatte er nicht nachgedacht, bevor er in die Lagerhalle gegangen war. Sein Vorgesetzter war nicht sonderlich erfreut gewesen und hatte nur ein Auge zugedrückt, weil alles gut ausgegangen war. Allerdings hatte er ihm klipp und klar gesagt, so etwas dürfte nicht wieder vorkommen, falls er Battalion Chief werden wollte.

Inzwischen war es Nachmittag, und zusammen mit seinen Kollegen überprüfte Ross gerade die Ausrüstung, als er Sal auf den Krankenwagen zugehen sah. Sie trug den gewohnten Overall und hatte das schwarze Haar aus dem Gesicht gekämmt. Nun sah sie ihn an und nickte. Erinnerungen an den besorgten Ausdruck in ihren Augen und noch etwas, das vielleicht Interesse verraten hatte, als sie ihn im Krankenhaus betrachtete, stiegen in ihm auf.

Schon bevor sie hier angefangen hatte, hatte er gewusst, dass sie Kodys Schwester war. Da er immer vierundzwanzig Stunden Dienst und dann achtundvierzig Stunden freihatte und sie nicht an denselben Tagen arbeiten konnte wie ihr Bruder, hatten sie nur wenige gemeinsame Schichten gehabt. Doch er hatte mitbekommen, wie einige Kollegen ihr Loblied sangen. Einige hatten sogar Interesse an ihr bekundet und erzählt, dass Sal sie hatte abblitzen lassen. Es gab Spekulationen über die Gründe, doch Ross wusste von Kody, dass sie geschieden war. Vielleicht war sie noch immer nicht über ihre gescheiterte Ehe hinweg.

Als Ross sich auf den Wagen schwang, zuckte er zusammen. Auf dem Weg aus dem brennenden Gebäude war er gegen irgendetwas gestoßen. Im Krankenhaus hatte er seine geprellten Rippen nicht erwähnt, weil er wieder nach Hause gewollt hatte. Der Schmerz hatte inzwischen etwas nachgelassen.

Nachdem er einige Messgeräte überprüft hatte, stieg Ross wieder aus und versuchte diesmal, nicht zusammenzuzucken.

Sal kam zu ihm. „Ist alles mit dir in Ordnung?“, fragte sie leise. „Hast du immer noch Probleme mit der Atmung?“

„Nein, es geht mir gut.“

Skeptisch sah sie ihn an. „Wirklich?“

„Ja.“ Wenn er nicht aufpasste, schickte sie ihn ins Krankenhaus.

„Du hattest eben Schmerzen.“

Sal ließ offenbar nicht locker. Hatte sie ihn so genau beobachtet? Darüber würde er sich später Gedanken machen. „Ich habe mir ein paar Rippen geprellt, als ich aus der Lagerhalle gekommen bin.“

„Hast du das im Krankenhaus gesagt?“

Nun fühlte er sich wie damals, wenn seine Mutter ihn bei irgendetwas ertappt hatte. „Nein.“

„Das ist typisch für euch Feuerwehrleute.“ Missbilligend schüttelte Sal den Kopf. „Ihr haltet euch alle für Superhelden.“

Ross grinste. „Behauptet etwa jemand, wir wären das nicht?“

Sie funkelte ihn nur an. „Hast du dich eben auch so gefühlt?“

Er ließ die Schultern sinken. „Ich mache mir immer Bandagen drum. Es ist nur schwierig, sie ohne Hilfe stramm genug zu wickeln.“

„Das solltest du lieber lassen und dich stattdessen schonen. Es dauert eine Weile, bis Rippen heilen.“

„Schonen ist schwierig, wenn man zu Hause zu tun hat.“

„Hast du keine Frau oder Freundin, die dir dabei helfen kann?“

„Weder noch.“ Einmal war er im Begriff gewesen zu heiraten, doch es war nichts daraus geworden.

„Komm mit, ich werfe mal einen Blick darauf.“ Sal ging zur Tür, als würde sie erwarten, dass er ihre Anweisungen befolgte.

Nach kurzem Zögern folgte Ross ihr in den anderen Teil des Gebäudes. Dabei blickte er über die Schulter. Auf keinen Fall konnte er jetzt einen Überraschungsbesuch von seinen Vorgesetzten gebrauchen, denn er hasste es, Schwäche zu zeigen.

Diesen Teil des Gebäudes betrat er nur selten. In dem großen Raum standen mehrere Tische mit Stühlen sowie Schränke mit Material.

Sal schob ihm einen Hocker auf Rollen hin. „Zieh dein Hemd aus, und setz dich hin.“

Er entblößte niemals vor anderen seinen Oberkörper. Schon vorher war es ein richtiger Kampf gewesen, erst den Sanitäter und dann die Ärztin und Krankenschwestern davon zu überzeugen, dass es nicht nötig war, ihm das T-Shirt abzustreifen.

Sal ging zu einem Schrank auf der anderen Seite des Raums. Nachdem Ross kurz ihren Hüftschwung bewundert hatte, schob er sein T-Shirt hoch.

Als sie zurückkehrte, hielt sie eine Schere in der Hand.

„Hey, die wirst du wohl nicht brauchen.“

Nun lächelte sie selbstgefällig. „Wenn es sein muss, schneide ich damit den Verband auf.“ Sie warf ihm einen seltsamen Blick zu, verlor allerdings kein Wort darüber, dass er sein T-Shirt nicht ausgezogen hatte.

„Es tut zu sehr weh, wenn ich die Arme hebe“, erklärte er, woraufhin sie nickte.

„Die Bandage sitzt viel zu tief. Ich nehme sie ab. Und du lässt sie in Zukunft weg.“

„Ist das ein Beispiel für die sprichwörtliche liebevolle Pflege?“ Forschend blickte er sie an.

Sal sah ihm in die Augen. „Die hebe ich mir für Patienten auf, die es besser wissen müssten. Kannst du die Arme seitlich heben?“

Er zuckte zusammen, befolgte jedoch ihre Anweisung. Als sie näher kam, stieg ihm ihr blumiger Duft in die Nase. Geschickt nahm sie nun die Bandage ab und berührte dabei seinen empfindlichen Bauch. Schnell senkte Ross den Blick. Das dunkle Haar fiel ihr ins Gesicht. Ob es sich so seidig anfühlte, wie es aussah?

Nein! Was war bloß mit ihm los. So reagierte er nie auf Frauen, mit denen er zusammenarbeitete. Er kannte Sal kaum. Sie war die Schwester eines seiner besten Freunde. Reagierte er so stark auf sie, weil er sich schon so lange nicht mehr mit einer Frau verabredet hatte? Seine Schwester wollte ihm unbedingt ein Blind Date vermitteln. Vielleicht sollte er sich darauf einlassen.

Nun trat Sal zurück, um die Bandage in den Mülleimer zu werfen.

Erleichtert und enttäuscht zugleich, ließ er die Arme wieder sinken.

„Okay, heb die Arme noch mal. Zeig mir, wo es wehtut.“ Als er es tat, beugte sie sich vor und strich mit dem Finger darüber. „Hier?“

„Ja.“

„Da ist ein Bluterguss. Du hättest im Krankenhaus etwas sagen sollen.“ Sie richtete sich wieder auf.

„Das sagtest du bereits. Außerdem haben sie ja den Thorax geröntgt.“

„Ich sehe mir jetzt auch deinen Rücken an.“

Nachdem sie das getan hatte, wich sie zurück. Wieder war er enttäuscht. Obwohl er sie kaum kannte, reagierte er so stark. Warum ausgerechnet auf sie? Warum jetzt?

„Wenn das nicht in ein paar Tagen besser ist, musst du dich noch mal röntgen lassen. Außerdem solltest du solange Schmerzmittel nehmen.“

Selbst in dem Overall sah Sal so weiblich aus. Wahrscheinlich hatte ihm der Rauch auch den Verstand vernebelt.

„Du kannst das T-Shirt jetzt wieder herunterziehen“, wies sie ihn im nächsten Moment an und brachte ihn damit wieder auf den Boden der Tatsachen zurück.

Ross stand auf und ging zur Tür. „Danke, Sal.“

„Übrigens finde ich, deine Rettungsaktion war mutig und dumm zugleich.“

2. KAPITEL

Normalerweise traf er sich nur selten privat mit seinen Kollegen und Kolleginnen, aber diesmal machte Ross aus zwei Gründen eine Ausnahme. Zum einen war das jährliche Picknick eine gute Gelegenheit, seine Nichte Olivia und seinen Neffen Jared, die gerade zu Besuch bei ihm waren, mitzunehmen. Zum anderen war es seiner Beförderung sicher zuträglich, wenn seine Vorgesetzten sahen, dass er sich gut mit allen verstand.

Am Park angekommen, suchte Ross einen Parkplatz. Das Wetter war perfekt. Er hielt Ausschau nach einem vertrauten Wagen. Kody wollte auch kommen. Würde Sal ihn begleiten? In letzter Zeit dachte er viel zu oft an sie.

Er freute sich immer, wenn die Kinder ihn besuchten. Ab und zu verbrachten sie das Wochenende bei ihm. Doch diesmal blieben sie zehn Tage, weil seine Schwester und sein Schwager eine Kreuzfahrt machten und er ihnen angeboten hatte, die beiden so lange zu nehmen. Wenn er Dienst hatte, würde die Frau eines Freundes auf sie aufpassen.

Nachdem er seinen Truck abgestellt hatte, stiegen die beiden sichtlich aufgeregt aus.

„Dahinten bemalen sie Gesichter. Da will ich hin.“ Olivia deutete auf ein Zelt in der Nähe.

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