Ein mysteriöser Verehrer

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Als Wissenschaftlerin ist Thisbe Moreland es gewohnt, bei Vorträgen und Tagungen die einzige Frau zu sein und von den anwesenden Männern belächelt zu werden. Daher ist sie angenehm überrascht, als der gut aussehende Desmond Harrison tatsächlich an einem Gespräch mit ihr interessiert ist. Der charmante junge Wissenschaftler erobert ihr Herz im Sturm und lässt Thisbe gemeinsam mit ihm ihre leidenschaftliche Seite entdecken. Doch dann stellt sich heraus, dass Desmond auf der Suche nach einem geheimnisvollen Objekt ist, zu dem ausgerechnet Thisbe den Schlüssel besitzt. Hatte ihr faszinierender Verehrer es von Anfang an etwa nur auf diesen Schatz abgesehen?


  • Erscheinungstag 30.09.2023
  • Bandnummer 154
  • ISBN / Artikelnummer 9783751517744
  • Seitenanzahl 400
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Candace Camp

Ihren ersten Roman hat Candace Camp noch als Studentin geschrieben. Damals hat sie zwei Dinge gelernt: Erstens, dass sie auch dann noch schreiben kann, wenn sie eigentlich lernen sollte, und zweitens, dass das Jurastudium ihr nicht liegt. So hat sie ihren Traumberuf als Autorin ergriffen und mittlerweile über siebzig Romane verfasst. Candace lebt mit ihrem Mann in Austin, Texas.

PROLOG

London

Dezember 1556

Eine Frau rannte die schmale Straße entlang, hielt sich dabei dicht an die Mauern unter den hervorkragenden oberen Stockwerken. Ihr blieb kaum noch Zeit. Sie war ihnen voraus – Gott sei Dank hatte ihr einer von Jamies Bengeln die Nachricht zugesteckt –, aber sie wusste, dass sie ihr dicht auf den Fersen waren. Jetzt, da er den Haftbefehl gegen sie erlangt hatte, würde er keine Zeit verschwenden.

In ihrem Herzen brannte Hass auf den Mann, der sie vernichten wollte. Hal hatte gemeint, dass es der Mann nur auf ihre Erfindung abgesehen hatte, aber Hal war ein guter Mensch, der auch von anderen nur Gutes erwartete. Er kannte das Herz der Dunkelheit nicht so gut wie sie.

Sie schlüpfte in den Hof, zog die Tür auf und verriegelte sie hinter sich. „Hal! Sie kommen.“

Sie eilte durch ihre Werkstatt in den Wohnbereich der Familie. In der Feuerstelle brannte ein kleines Feuer, über dem von einem Metallbügel ein Topf hing. Eigentlich hatten sie vor ihrem Aufbruch noch etwas essen wollen, doch jetzt war es dazu zu spät. Sie lief die schmale Treppe hinauf ins obere Stockwerk, wo sich die Schlafräume befanden. Es kragte über die Straße hinaus und war daher größer als das Geschoss darunter, verfügte über einen großen, abgeschlossenen Raum für sie und Hal und einen kleineren für die Kinder. Es war ein geräumiges Haus, auf das sie sehr stolz war. Sie hatte sich wacker geschlagen und war über ihren früheren Stand hinausgewachsen.

Und nun waren sie gezwungen, wie gemeine Diebe aus der Stadt zu fliehen.

Hal war im Zimmer der Kinder, wo er einen Sack packte, und sprang nun auf und ließ die restlichen Habseligkeiten auf dem Boden zurück. Guy, ihr Ältester, hielt ebenfalls bei seiner Aufgabe inne. Sein Gesicht war bleich im flackernden Schein des Binsenlichts.

„Sind sie da?“, fragte Hal angespannt.

„Noch nicht. Aber sie werden gleich kommen. Wir müssen uns sputen.“

Er nickte, nahm Guys Mantel und legte ihn dem Knaben um die Schultern. Sie ging zum Kinderbett und nahm die Kleine hoch. Das Baby wachte nicht auf, drehte nur den Kopf und kuschelte sich an den warmen Leib der Mutter.

„Alice“, flüsterte sie und hauchte einen Kuss auf die dunklen Locken. „Mein geliebtes Kind.“ Sie schluckte die Tränen hinunter, wickelte das Baby fester in die Decken und zog eine Ecke herab, um Alice’ Kopf vor der Kälte zu schützen.

Sie wandte sich wieder zu Hal um, der bereits seinen Mantel angezogen hatte. Als sie ihm das Baby reichen wollte, fasste er sie am Arm. „Komm mit uns, Liebste.“

„Ich kann nicht. Du weißt, dass ich das nicht kann.“ Ihre Stimme schwankte. „Ich muss es zerstören.“

Sein sonst so freundliches Gesicht verdüsterte sich. „Dieses böse Ding. Ich wünschte …“

„Ich weiß. Ich auch. Aber du musst die Kinder in Sicherheit bringen. Und ich muss das Böse zunichtemachen, das ich erschaffen habe.“ Sie übergab ihm das Kind und beugte sich vor, um ihn auf die Wangen und dann den Mund zu küssen. Er umfasste sie mit seinem freien Arm und drückte sie an sich.

„Komm nach. Versprich mir, dass du nachkommst.“

„Das werde ich.“

Er küsste sie kurz und leidenschaftlich und ging dann die Treppe hinunter.

Sie kniete sich vor Guy, ihren Sohn, richtete den Knoten an seinem Mantel und saugte seinen Anblick ein letztes Mal in sich auf. „Sei stark. Hilf deinem Vater.“

Er nickte energisch. „Das werde ich. Ich pass auf sie alle auf.“

„Ich weiß.“ Dieses Kind geriet nach ihr, vielleicht zu sehr; seine Sache war es nicht, zurückzublicken oder aufzugeben. Guy würde immer voranstürmen. Ihr stiegen die Tränen in die Augen, doch sie zwinkerte sie fort und küsste ihn auf dieselbe Weise wie ihren Mann, einen Kuss auf jede Wange und einen auf den Mund. Dann drückte sie ihn in einer letzten Umarmung fest an sich. „Pass auf dich auf.“

Sie richtete sich auf. Ernst blickte er sie an. „Ich werde dich nicht wiedersehen, oder?“

„Ich werde immer bei dir sein.“

Er lief die Treppe hinunter, und sie folgte ihm. Das Baby lag auf einem Stuhl, immer noch schlafend, Hals Bündel lag auf dem Boden. Hal hatte eine kleine Truhe zur Seite geschoben und hob gerade die Falltür hoch. Kalte, feuchte Luft strömte von unten herauf.

Er hob sein Bündel auf, zog sich den Gurt über den Kopf und ruckelte die Last auf seinem Rücken zurecht. Darauf trat sie zum Schrank, nahm ihr Tagebuch und das Athame heraus, den zweischneidigen Ritualdolch, der obenauf in seiner Scheide lag, und schob ihm beides in den Beutel.

„Das!“ Er trat einen Schritt zurück. „Nein. Nimm das wieder raus, ich will damit nichts zu tun haben.“

„Du musst aber. Sonst bekommt er es doch. Bewache es. Verwahre es. Versprich mir das.“

In seinen Augen glomm es hitzig auf, und sie glaubte schon, er würde sich weigern, doch dann machte er eine abrupte Bewegung mit der Hand, als wollte er seine Gedanken beiseitewischen. „Ich verspreche es dir.“ Er bückte sich und hob das Baby auf. Sie zündete das dicke Talglicht in der durchbrochenen Blechlampe an und reichte sie ihm. Er hielt die Lampe über das dunkle Loch. „Komm, mein Sohn.“

Guy sah sie an, und einen Moment merkte man ihm den verängstigten kleinen Jungen an, aber dann begann er, die Leiter hinunterzusteigen. Hal bückte sich, um dem Jungen die Lampe zu reichen. Er richtete sich auf und sah sie an. Er schwieg, sein Blick sagte alles.

Sie fühlte sich, als müsste sie in all dem Schmerz ertrinken, der aus ihrem Herzen aufstieg, aber sie nickte nur und rang sich ein Lächeln ab. „Geht mit Gott. Lebewohl, mein Liebster.“

Und dann war ihre Familie gegangen, hinterließ nur das gähnende schwarze Loch. Einen Moment konnte sie sich nicht rühren, alles in ihr sehnte sich danach, ihnen zu folgen, Aber sie hatte nicht die Absicht, ihre Feinde schnurstracks zu ihrer Familie zu führen. Niemand würde sich die Mühe machen, die beiden zu verfolgen, sie waren hinter ihr her. Ihr und ihrem Werk.

Sie nahm den Topf vom Feuer und lief dann in ihre Werkstatt. Dort holte sie Glasbehälter mit Kräutern und ein Fässchen mit kostbarem Salz heraus. Es wäre besser, wenn sie ihre Kohlepfanne anschüren würde und am Tisch arbeiten könnte, aber dazu war keine Zeit mehr. Sie musste sich mit dem kruden Feuer in der Feuerstelle begnügen. Sie zog einen Schemel heraus, stieg darauf und schloss ganz oben im Schrank ein Fach auf.

Sie griff hinein und nahm ein kleines, in Samt gehülltes Objekt heraus. Selbst durch den Stoff hindurch konnte sie die Wärme spüren. Den Pulsschlag der Macht. Sie hatte das erschaffen. Es war die Krönung ihres Lebenswerks, die Frucht all ihres Wissens und Könnens. Und sie musste es nun zerstören.

Sie kehrte zum Feuer zurück, kniete sich davor hin und wickelte das Instrument aus. Es glänzte im Flammenschein, aber sie erlaubte sich nicht, es anzusehen. Sie warf eine Handvoll Kräuter ins Feuer, dann noch eine. Sie war sich nicht einmal sicher, ob es funktionieren würde, aber sie musste es einfach versuchen.

Ursprünglich hatte sie nach Wissen gesucht, aber irgendwie hatte sich der Pfad verändert, den sie zu diesem Zweck eingeschlagen hatte, und hatte sie stattdessen zur Macht geführt.

Es war berauschend, verführerisch gewesen, doch im Herzen dieser Macht lauerte das Böse. Es musste vernichtet werden; sie konnte nur hoffen, dass es noch nicht zu spät war. Mit einer Hand umklammerte sie den Anhänger, den sie um den Hals trug und der ihr Kraft gab, mit der anderen griff sie nach ihrem höllischen Instrument.

Sie wandte sich dem Feuer zu und streckte den Arm aus. Dann versuchte sie sich die lateinischen Worte ins Gedächtnis zu rufen, aber sie wollten ihr nicht einfallen. Ihre Hand zitterte. Draußen grollte Donner. Ihr wurde bewusst, dass sich nun ihre eigene Schöpfung gegen sie gewandt hatte. Vor dem Haus hörte man Fußgetrappel, einen leise hervorgestoßenen Befehl. Seine Stimme.

Die Tür erzitterte unter einem lauten Klopfen. Sie packte das Instrument fester, es schnitt ihr in die Haut, aber sie bemerkte es kaum. Das vertraute Prickeln lief ihr am Arm empor, eine verführerische Stimme raunte ihr ins Ohr: Sie könne die Männer doch aufhalten. Wenn sie das Instrument gegen die Angreifer wandte, wäre sie in Sicherheit. Sie könnte zu ihrer Familie zurück.

Aber nein. Sie durfte der Versuchung nicht nachgeben. Es zu benutzen würde es nur noch stärker machen, würde es ihr noch schwerer machen, es aufzugeben. Sie hatte sich geschworen, dass sie es nicht mehr benutzen würde. Hatte geschworen, dass sie jeden anderen – vor allem ihn – daran hindern würde, es je zu benutzen.

Etwas weitaus Stärkeres als ein Klopfen erschütterte die Tür. Wieder und wieder wurde es dagegen gerammt. Die Tür krachte auf. Sie sprang auf die Füße und wirbelte herum, um sich den Eindringlingen zu stellen. Die Männer des Bischofs stürmten herein und zogen ihre Schwerter. Dahinter sah sie ihn. Den Mann, der einmal ihr Mentor gewesen war. Dem sie vertraut hatte. Den Mann, der sie an die Obrigkeit verraten hatte.

Hass wallte in ihr auf, und ohne nachzudenken streckte sie ihnen das Instrument entgegen, das sie geschaffen hatte. „Halt!“

Ein Windstoß fuhr durch die offene Tür, wirbelte durch den Raum und wehte die Papiere in ihrer Werkstatt herum. Ein Blitz tauchte den Raum in gleißendes Licht, dass sich ihr die Haare im Nacken aufstellten. Die Luft zwischen ihr und den Männern knisterte vor Energie, Lichter funkelten und zischten.

Die Soldaten blieben so abrupt stehen, als wären sie gegen eine Wand gelaufen, ihre Hände erstarrten am Griff ihrer Schwerter. Furcht malte sich auf ihren Gesichtern, als ihnen bewusst wurde, dass sie sich nicht mehr bewegen konnten, weil die knisternde, brennende Energie sie gefangen hielt.

Ihre Furcht würde sich in Entsetzen verwandeln, wenn sie wüssten, wie groß die Macht war, die ihr das Instrument verlieh. Die Leute munkelten, dass sie mit den Toten reden könnte. Es hieß, sie könnte die Toten zum Leben erwecken. Einen Sterbenden dem Tod entreißen. Noch wussten sie nicht, dass sie einem Lebenden ebenso leicht den Tod schicken konnte.

Ihr Lächeln war tödlich, und sie begann leise vor sich hin zu singen. Sie hätte es nicht tun sollen, hätte es nicht noch einmal verwenden dürfen, aber sie konnte sich einfach nicht bezähmen. Wollte sich nicht bezähmen. Freude erfüllte sie, als sie spürte, wie die Kraft aus ihr strömte und sich gegen ihre Widersacher wandte. Sie sah den Schrecken in ihren Mienen, als ihre Herzen anfingen zu zucken und ihnen die Schockwellen durch die Glieder fuhren. Sie erhöhte die Energie und sah zu, wie sie bleich wurden, während das Leben aus ihnen wich.

Sie blickte den Mann an, der einst ihr Mentor und nun ihr erklärter Feind war, In seinem Gesicht sah sie keine Furcht, sondern Neid und Gier. Er begehrte ihre Macht, sehnte sich danach, das Instrument zu halten. Er würde alles tun, um es ihr zu entreißen, selbst wenn das hieß, sie der Ketzerei zu bezichtigen und in den Tod zu schicken. Seine Seele war von seiner Machtgier verdorben worden.

Was auch ihrer Seele drohte, wenn sie weitermachte. Sie musste aufhören. Sie musste die Welt von diesem Übel befreien. Aber die Dunkelheit in ihr rief verführerisch: Nutze sie, dann bist du frei. Nutze sie, und du kannst tun, was du willst.

Mit einem Schrei befreite sie sich aus dem Bann und fuhr herum. Sie hörte ihn „Nein!“ brüllen und sah, wie er sich nach vorne warf, aber es war zu spät. Sie schleuderte ihr Werk ins Feuer.

1. KAPITEL

London

Dezember 1868

Thisbe hatte erwartet, dass der Vortrag am Covington Institute lehrreich sein würde. Dass er ihr Leben verändern würde, damit hatte sie nicht gerechnet.

Kurz nach Beginn des Vortrags verspürte sie ein merkwürdiges Kribbeln im Nacken, und sie drehte sich um. Am Eingang des überfüllten Vorlesungssaals stand ein junger Mann und sah sie an. Als er ihrem Blick begegnete, schaute er rasch weg, worauf Thisbe sich wieder dem Dozenten zuwandte. Die ganze Woche hatte sie sich auf diesen Vortrag gefreut, und nun hatte sie Schwierigkeiten, sich darauf zu konzentrieren. Sie war abgelenkt von dem Mann in der Tür.

Als Frau, die in einer Männerwelt arbeitete, war sie es gewohnt, von anderen angestarrt zu werden – von lüsternen über erstaunten bis hin zu empörten Blicken angesichts ihrer Dreistigkeit war alles vertreten –, und kümmerte sich normalerweise nicht weiter darum. Aber bei diesem Mann … sie war sich nicht sicher, warum er so anders war als alle anderen, aber er zog sie in seinen Bann.

Sie verspürte eine seltsame Nähe, etwas, was sie noch nie empfunden hatte. Und dabei kannte sie den Mann gar nicht, sie war sich sicher, dass sie ihn nie zuvor gesehen hatte. Es war auch nicht mit dem vagen und doch tiefen Gefühl zu vergleichen, das sie für ihren Zwillingsbruder Theo hegte. Es war eher eine gewisse Erregung ob einer Entdeckung, so ähnlich wie die freudige Erwartung bei einem Experiment. Aber diesmal mischte sich Gewissheit unter die Erwartung, auch wenn sie keine Ahnung hatte, wessen sie sich da gewiss war.

Sie drehte sich wieder um, doch gerade in diesem Augenblick glitt er auf den Platz neben ihr. Er hatte den Kopf gesenkt und sah sie nicht an, setzte sich nur hin, nahm einen kleinen Block und einen Bleistiftstummel heraus und begann eilig zu schreiben. Erstaunlicherweise wurde das seltsame Gefühl in ihr immer stärker und wärmer, während sie ihn beobachtete. Was hatte dieser Mann nur an sich, dass er solche Gefühle in ihr weckte?

Sie konnte nur sein Profil sehen, und selbst das nicht gut, da er sich so über seine Notizen beugte, aber das, was sie sah, gefiel ihr. Er war jung, vielleicht ein wenig älter als sie. Sein Haar war dicht und dunkelbraun, etwas zu lang und zottelig; es sah aus, als hätte er es selbst abgesäbelt. Welche Farbe hatten seine Augen? Sie hätte ihn wirklich sehr gern näher in Augenschein genommen. Er war groß und schlank, seine langen Beine reichten bis vor zur nächsten Sitzreihe. Seine Finger waren ebenfalls lang und glitten flink und beweglich über das Papier. Bei dem Anblick spürte sie tief in sich ein seltsames Ziehen.

Rasch wandte sie sich wieder dem Dozenten zu, damit ihr Nachbar sie nicht dabei ertappte, wie sie ihn beobachtete. Offensichtlich hatte sie eine Menge verpasst, denn der Mann sprach jetzt über Atomzahlen. Sie machte sich wieder Notizen, allerdings nicht so schnell und ausufernd wie der Mann neben ihr. Zweifellos trug diese Schnelligkeit dazu bei, dass seine Handschrift so gut wie unleserlich war. Wie konnte er seine Notizen jemals entziffern?

Weder wandte er sich ihr zu, noch sagte er etwas, doch aus dem Augenwinkel sah sie, wie er hin und wieder verstohlen zu ihr hinüberblickte. War er schüchtern? Das war gut möglich, obwohl Schüchternheit etwas war, womit sie nicht sehr vertraut war, was angesichts ihrer Familie kein Wunder war. Vielleicht war er ja auch nur erschüttert darüber, dass er bei einem Vortrag der Wissenschaftlichen Vereinigung auf eine Frau traf.

Thisbe wandte den Kopf und beobachtete ihn, sodass er, als er beim nächsten Mal zu ihr hinübersah, ihrem Blick begegnete. Seine Augen weiteten sich ein wenig, seine Wangen röteten sich zart, und dann senkte er den Blick rasch wieder auf seine Notizen. Ja, das war es: Er war schüchtern. Und seine Augen waren von einem warmen Schokoladenbraun. Eine wunderbare Farbe.

Sie war sich des Mannes neben ihr intensiv bewusst. Sie spürte seine Körperwärme, roch seinen Duft, eine leichte Mischung aus Mann und Kölnischwasser. Auch das verursachte ein leises Ziehen in ihr.

Um sie herum brandete Applaus auf, und Thisbe wurde bewusst, dass die Vorlesung geendet hatte. Hastig fing sie an zu klatschen und erhob sich wie die anderen ringsum. Ihr Nachbar sprang ebenfalls auf die Füße, fegte dabei Notizblock und Bleistift vom Tisch und bückte sich, um sie aufzuheben. Der Bleistift rollte auf Thisbe zu und blieb vor ihrem Rocksaum liegen. Er nahm den Block und richtete sich auf, schaute kurz auf den Bleistift, verlagerte das Gewicht und steckte den Block ein. Dann sah er noch einmal sehnsüchtig zu seinem Bleistift.

Jetzt würde er etwas zu ihr sagen müssen. Thisbe wartete, schob ihren eigenen Block und den Bleistift in ihr Retikül. Der Applaus war verklungen, ringsum waren alle im Aufbruch begriffen. Der Mann neben ihr trat von einem Fuß auf den anderen und wandte sich schließlich zum Gehen. Offenbar war es an ihr, etwas zu sagen.

„Sir!“ Sie hob den Bleistift auf. Der Mann hatte sich schon in Bewegung gesetzt. „Sir.“ Thisbe folgte ihm und streckte die Hand nach seinem Arm aus.

Er fuhr so schnell herum, dass sie beinahe in ihn hineingelaufen wäre. „Oh. Madam. Miss. Ich, ähm …“

„Ich glaube, der gehört Ihnen“, fuhr Thisbe fort und hielt ihm den Bleistift entgegen. Sein Gesicht war ebenfalls sehr nett, und die dunkelbraunen Augen waren von dichten schwarzen Wimpern gesäumt.

„Oh!“ Wieder stieg ihm die Röte in die Wangen. „Ich, ähm, danke.“

Als er den Bleistift entgegennahm, streifte er ihre Hand mit den Fingerspitzen, worauf sie ein Prickeln überlief. Er steckte den Stift ein, blieb aber vor ihr stehen und sah sie an. „Ich, ähm, das war eine sehr schöne Vorlesung, nicht wahr?“

Thisbe wurde von leisem Triumph erfasst. Er wollte auch mit ihr reden. Aber die Bürde, ein geeignetes Thema zu finden, lastete wohl auf ihr. „Ja, das Covington Institute hat oft interessante Vorträge im Programm. Letzten Monat hielt Mrs. Isabelle Durant eine sehr interessante Vorlesung über Botanik. Natürlich sind nicht alle Vorträge wissenschaftlicher Natur.“

Mrs. Durant?“ Er wirkte überrascht.

„Ja. Sie ist schon seit geraumer Zeit eine passionierte Sammlerin von wilden Blumen und hat mehrere Bücher veröffentlicht.“

„Oh. Verstehe. Tut mir leid. Auf dem Gebiet der Botanik kenne ich mich nicht so gut aus. Ich fürchte, dass ich noch nie von ihr, ähm, gehört habe.“

„Das haben leider die wenigsten. Ihre Arbeit wird von ihren Kollegen größtenteils ignoriert, weil sie eine Frau ist. Das Covington Institute ist da ziemlich fortschrittlich.“ Sie lächelte. „Frauen sind dort als Mitglied zugelassen, können Vorlesungen halten und Vorträge besuchen. Deswegen komme ich auch so oft hierher.“ Thisbe fügte nicht hinzu, dass ihre Mutter mit Mädchennamen Covington geheißen hatte und die Einrichtung gestiftet hatte, um Frauenbildung zu fördern. Im Lauf der Jahre hatte sie festgestellt, dass es besser war, ihre Familie nicht zu erwähnen. Die Leute benahmen sich immer völlig anders, wenn sie erfuhren, dass Thisbe die Tochter eines Herzogs war. Vor allem, da besagter Herzog im Ruf stand, recht verschroben zu sein.

„Das freut mich.“ Er lächelte, und Ihr Herz begann zu zittern.

„Ich habe bemerkt, dass Sie spät dran waren.“

„Das ist noch untertrieben.“ Sein Lächeln hielt an. „Ich konnte nicht früher weg von meiner Arbeit. Tut mir leid – hoffentlich habe ich Sie nicht gestört.“ Er wirkte jetzt entspannter und ebenso wenig interessiert daran, den Saal zu verlassen, wie Thisbe, obwohl sich die Reihen zusehends lichteten.

„Nein, Sie haben mich überhaupt nicht gestört.“ Das war natürlich gelogen, doch die Störung, die er verursacht hatte, war von ganz anderer Natur, als er meinte. „Vielleicht möchten Sie sich die Notizen borgen, die ich vor Ihrer Ankunft gemacht habe?“ Sie zog den Block aus ihrem Retikül und bot ihn ihm an.

„Sind Sie sicher?“, fragte er, während er gleichzeitig danach griff. „Brauchen Sie die nicht selbst?“

Sie zuckte mit den Achseln. „Sie können Sie mir wiedergeben, wenn Sie damit fertig sind. Planen Sie, zur nächsten Vorlesung zu kommen?“

„Ja“, erwiderte er prompt und schloss die Finger um den kleinen Block. Diesmal war Thisbe sich sicher, dass es kein Zufall war, als seine Finger die ihren streiften.

„Ich weiß nicht genau, was das nächste Thema ist.“

„Spielt keine Rolle. Ich meine, bestimmt wird es interessant sein, egal, was es ist.“

„Dann können Sie mir ja da meine Mitschrift zurückgeben.“ Ein Monat kam ihr ziemlich lang vor. Ihre Miene hellte sich auf, als ihr ein anderer Einfall kam. „Oder … haben Sie vor, zu den Weihnachtsvorträgen der Royal Institution zu gehen? Ich werde auch dort sein. Mr. Odling hält einen Vortrag über die Chemie des Kohlenstoffs.“

„Ja. Es beginnt am zweiten Weihnachtsfeiertag, nicht wahr?“

Sie nickte. „Ich glaube, es gibt mehrere Vorträge.“

„Hervorragend. Auch wenn man sich fragt, wie man sich mehrere Tage lang mit den Eigenschaften von Kohlenstoff befassen will.“

„Ha! Anscheinend ist Chemie nicht Ihr Fachgebiet.“

„Nicht direkt. Aber Sie scheinen sich für Chemie zu interessieren.“

„Chemie ist mein Lebensinhalt“, erwiderte Thisbe schlicht. „Ich studiere sie seit meinem siebzehnten Lebensjahr. Na ja, befasst habe ich mich damit schon früher, aber mit siebzehn habe ich mich dann ganz darauf konzentriert.“

„Wirklich? Wo haben Sie denn …“ Rasch überspielte er seine Überraschung. „Ich meine, ah, Sie haben sie studiert?“

Thisbe lachte leise auf. Wenigstens hatte er versucht, sein Erstaunen zu verbergen. „Meine Familie ist sehr erpicht auf Bildung, müssen Sie wissen, für uns alle – die Jungen und die Mädchen. Ich wurde zusammen mit meinen Brüdern unterrichtet. Danach habe ich das Bedford College besucht. An der Londoner Universität werden Frauen leider erst in diesem Jahr zur Prüfung zugelassen.“

„Das Frauencollege. Aha, ich verstehe. Wie interessant!“ Er sah aus, als meinte er es ernst, was normalerweise nicht der Fall war. „Ich habe es schon immer ungerecht gefunden, dass Frauen in Oxford und Cambridge keinen Zutritt haben.“ Er verzog das Gesicht. „Nicht dass sie mich genommen hätten. Der Sohn eines Arbeiters braucht sich dort gar nicht erst zu bewerben.“

Ja, es war eine gute Idee gewesen, ihre Verbindung zur Aristokratie zu verheimlichen. „Das sind wahre Brutstätten des Standesdünkels.“

„Ich war auf der Universität London. Nun ja, zwei Jahre lang. Wissenschaftliche Fächer werden dort nur wenig unterrichtet.“

„Genau.“ Das gehörte zu Thisbes größten Vorbehalten gegen das englische Bildungssystem, gleich nach den Vorurteilen gegen Frauen. „Wenn es darum geht, die Bedeutung wissenschaftlicher Forschung anzuerkennen, hinkt England anderen Ländern weit hinterher.“

Er nickte. „Hier gilt die Forschung immer noch als Hobby eines Gentlemans. Es wird viel zu großer Wert auf Philosophie und tote Sprachen gelegt.“

„Allerdings.“ Mit ihrem Vater hatte sie zu diesem Thema einige hitzige Auseinandersetzungen gehabt. „Deswegen bin ich nach Deutschland gegangen, um unter Herrn Erlenmeyer zu studieren.“

„Emil Erlenmeyer! Machen Sie Witze?“

„Nein. Sie haben von ihm gehört?“

„Natürlich. Seine Theorie zu Naphthalin war brillant!“

Sie begannen eine lebhafte Diskussion über Naphthalin, Benzolringe und Versuchsdurchführungen, die mehrere Minuten dauerte. Erst als Mr. Andrews an der Tür auftauchte und sich leise räusperte, bemerkte Thisbe, dass die anderen alle schon gegangen waren. Aus der Vorhalle war nicht das leiseste Geräusch zu vernehmen.

„Oh, ich glaube, Mr. Andrews möchte den Hörsaal abschließen.“ Andrews würde sie natürlich noch bleiben lassen, wenn sie ihn darum bat, aber es gab keinen Grund, den armen Mann nur aufgrund einer Laune von ihr hier ausharren zu lassen.

„Oh.“ Er sah sich um. „Ich habe gar nicht gemerkt …“

„Ich auch nicht.“

Langsam gingen sie zur Tür. Andrews verbeugte sich und sagte: „Guten Tag, Miss.“

Gott sei Dank hatte er sie nicht, so wie früher immer, „Mylady“ genannt. Es war ihr gelungen, ihm diese Angewohnheit auszutreiben, aber hin und wieder rutschte es ihm doch noch heraus. Für ihn war es erkennbar schmerzlich. Er brachte es nicht über sich, sie mit „Miss Moreland“ anzusprechen, und er schien gänzlich außerstande, zu ihrer Mutter irgendetwas anderes zu sagen als „Euer Gnaden“.

Sie verweilten in der Vorhalle. Andrews würde eine Weile brauchen, um im Hörsaal aufzuräumen, also blieben ihnen noch ein paar Minuten Zeit. Um das Gespräch am Laufen zu halten, sagte sie: „Tut mir leid, wir haben die ganze Zeit nur über meine Interessen gesprochen. Ich habe mich nicht einmal nach Ihrem Fachgebiet erkundigt.“

„Ach. Na ja.“ Er wirkte ein wenig vorsichtig. „Momentan arbeite ich an einem Projekt bei Professor Gordon mit.“

„Archibald Gordon?“ Thisbe sah ihn groß an. „Der Professor, der an Geister glaubt?“

Er stieß einen Seufzer aus. „Das ist alles, was die Leute über ihn sagen. Er ist aber auch ein allgemein anerkannter Wissenschaftler.“

„Er war allgemein anerkannt, ehe er anfing, sich mit Betrügereien wie der Geisterfotografie zu beschäftigen“, erwiderte Thisbe und errötete. „Entschuldigung – das war unhöflich. Alle sagen, ich wäre zu direkt. Ich wollte Ihre Überzeugungen nicht … nicht herabsetzen. Wenn Sie Spiritist sind …“ Wäre das überaus enttäuschend, aber das konnte sie natürlich nicht sagen.

Zu ihrer großen Erleichterung grinste er. „Keine Sorge, ich bin nicht beleidigt. Ein Spiritist bin ich auch nicht. Ich halte nichts von Aberglauben und Legenden. In Dorset, wo ich aufgewachsen bin, sind sie allgegenwärtig, und meine Tante hat mir ständig Geschichten von Geistern und Zaubermitteln und dergleichen erzählt – zum Beispiel, dass ein mit Dornen durchbohrtes Ochsenherz im Kamin Hexen daran hindert, durch den Schornstein ins Haus zu fahren. Ich wusste schon immer, dass das alles Unsinn ist. Aber es führt kein Weg daran vorbei, dass es wirklich Menschen gibt, die Geistererscheinungen haben – allerdings meine ich damit nicht solche, die behaupten, sie hätten Lady Howard in ihrer Geisterkutsche über das Moor fahren sehen. Ich rede von Leuten, die aufgewacht sind und einen geliebten Menschen neben ihrem Bett haben stehen sehen.“

„Das sind Träume. Jeder hat hin und wieder eigenartige Träume.“

„Aber es einfach so von der Hand zu weisen heißt, Indizien zu ignorieren. Ich persönlich bezweifle zwar, dass man mit Geisterfotografie tatsächlich Geister festhält, aber man muss die Indizien berücksichtigen, die einem vorgelegt werden. Mr. Gordon hat die Bilder gesehen – hat gesehen, wie sie aufgenommen wurden, und konnte dabei keinerlei Tricks ausmachen –, also glaubt er daran. Sie müssen zugeben, dass bisher keiner eine Erklärung dafür hat, wie es der Geisterfotografie gelingt, das Geisterbild auf die Fotoplatte zu bannen.“

„Vielleicht nicht, aber hat nicht eine Frau in Boston gesagt, dass der Geist auf einer der Fotografien in Wirklichkeit ein Bild von ihr war, das sie in demselben Studio aufnehmen ließ? Ich würde sagen, dass das ein schlüssiger Beweis ist.“

Er nickte. „Deswegen finde ich es auch schwierig, daran zu glauben. Aber wenn wir die Worte dieser Frau als Beweis akzeptieren, wie können wir uns dann weigern, den Leuten zu glauben, die beschwören, dass darauf ihre geliebten Verstorbenen zu sehen sind? Eine Mutter würde doch sicher ihr eigenes Kind erkennen.“

„Ich glaube, dass trauernde Angehörige so sehr glauben wollen, dass es sich dabei um den Menschen handelt, den sie verloren haben, dass sie auf dem Bild weitaus mehr Ähnlichkeit mit dem Verstorbenen entdecken, als wirklich vorhanden ist. Die Bilder sind blass und unscharf, nicht wahr? Ein Baby in Taufkleid und Mützchen unterscheidet sich nicht groß vom anderen, und wenn dann das Gesicht noch ein wenig verschwommen ist, sieht man darin leicht das, was man sehen möchte.“

„Und wenn Sie es selbst sehen würden? Wenn Sie den Beweis direkt vor sich hätten?“

„Wäre ich immer noch skeptisch.“

Er lachte. „Das bezweifle ich nicht.“

„Aber“, fuhr sie fort, „ja, wenn Sie es absolut und unwiderlegbar beweisen könnten, würde ich es glauben müssen.“

„Genau das versuchen wir.“ Sein Gesicht leuchtete auf vor Begeisterung. „Wir experimentieren. Mein Versuchsziel besteht darin, entweder zu beweisen oder zu widerlegen, dass es einen Geist gibt, der auch nach dem Tod existiert. Was dabei herauskommt, ist mir eigentlich nicht so wichtig, wichtig ist, dass wir es erforschen. Es gibt so viele Dinge auf dieser Welt, von denen wir nichts wissen, die wir nicht sehen können. Vieles, was wir heute wissen, hätte man vor fünfzig oder sogar zwanzig Jahren noch für unmöglich gehalten. Nehmen Sie die Telegrafie. Wer hätte gedacht, dass man in nur einem Moment eine Nachricht an jemanden schicken kann, der meilenweit entfernt ist? Oder die Fotografie. Elektrizität. Diese Prinzipien waren schon immer da – wir konnten sie nur nicht sehen.“

Bei sich dachte Thisbe, dass die Erforschung von Geistern wohl kaum als Wissenschaft gelten konnte, aber die Begeisterung in seinem Blick, die Leidenschaft für Bildung und Forschung nahm sie sehr für ihn ein. Genau das hatte sie ebenfalls ihr Leben lang gespürt, diesen Eifer und Wissensdurst, die Aufregung der Entdeckung. Sie hatte diesen Mann auf den ersten Blick gemocht, aber jetzt, in diesem Moment, erkannte sie, dass er wichtig war.

„Aber wie wollen Sie die Theorie beweisen?“, fragte sie.

„Wir müssen die richtigen Werkzeuge finden. Denken Sie nur an all die Sterne, die wir vor Erfindung des Teleskops nicht sehen konnten. All die winzigen Organismen, die für unsere Augen unsichtbar waren, ehe wir Mikroskope hatten. Was, wenn die Geister der Verstorbenen ständig unter uns weilen und wir sie einfach nur nicht sehen können?“

„Sie wollen ein Gerät erfinden, mit dessen Hilfe wir sie sehen können?“

„Das erhoffe ich mir. Die Geisterfotografie basiert auf der Idee, dass eine Kamera in der Lage ist, Dinge einzufangen, die wir nicht sehen können, etwa weil sie zu schnell sind oder zu schwach. Woran ich im Augenblick arbeite, sind die Lichteigenschaften. Licht nehmen wir nicht als Farbe wahr, es sei denn, wir benutzen ein Prisma. Wilhelm Herschel hat darüber hinaus aber noch ein weiteres Lichtspektrum entdeckt, das Infrarotlicht, das man nicht einmal mit einem Prisma sehen kann.“

Thisbe nickte. „Darüber habe ich gelesen. Mit Hilfe eines Prismas hat er das Licht gebrochen und dann die Temperatur der Farben gemessen. Kurz hinter dem roten Ende des sichtbaren Spektrums nahm er ebenfalls eine Messung vor und stellte fest, dass die Temperatur dort höher war. Herschel schloss daraus, dass es eine weitere Form von Licht geben muss, die für uns unsichtbar ist.“

„Genau. Und dann entdeckte Ritter jenseits des violetten Spektrums eine weitere Strahlung – das ultraviolette Licht.“

„Sie glauben also, dass ein Geist etwas ist, was in einem anderen Farbspektrum existiert?“

„Das in einem anderen Spektrum gesehen werden kann. Können wir ein Instrument erfinden, mit dem wir die unsichtbaren Spektren sehen können, so wie das Prisma uns erlaubt, die einzelnen Farben zu sehen?“ Er zuckte mit den Achseln. „Das ist eines der Dinge, an denen wir arbeiten. Unter anderem.“

„Wer? Sie und Mr. Gordon?“

„Und noch ein paar Gelehrte. Professor Gordon hat einen Gönner, der sich sehr für seine Forschung interessiert, und so kann er uns ein Labor und Material zur Verfügung stellen. Es ist ziemlich schön. Vielleicht könnten Sie es sich irgendwann einmal ansehen. Ich meine, also, natürlich nur, wenn Sie sich dafür interessieren.“

„Das wäre …“, begann sie, doch in diesem Moment erschien Andrews, ihren Mantel über dem Arm.

„Ich habe mir erlaubt, Ihnen Ihren Mantel zu bringen, La… Miss Moreland. Ich hoffe, das ist Ihnen recht.“

„Aber natürlich. Vielen Dank.“ Nun blieb ihnen nichts anderes übrig als zu gehen. Sie verwandte einige Zeit darauf, ihren Mantel zuzubinden und die Handschuhe überzustreifen, aber das konnte die Sache auch nicht lang hinauszögern.

„Also, ähm …“ Sie wandte sich an ihren Begleiter.

„Wir sollten wohl gehen.“ Er trat von einem Fuß auf den andern. „Ich, ähm … ich habe unser Gespräch sehr genossen. Und es war sehr großzügig von Ihnen, mir Ihre Notizen zu überlassen.“ Er klopfte sich auf die Tasche, in die er ihren kleinen Block gesteckt hatte. „Ich verspreche Ihnen, dass ich gut darauf aufpasse und sie Ihnen zurückgebe. Vielleicht bei der Weihnachtsvorlesung?“

„Ja. Das klingt prima.“ Thisbe streckte ihm die Hand hin. „Entschuldigen Sie, ich hätte mich vorstellen sollen. Mein Name ist Thisbe Moreland.“

Er ergriff ihre Hand. Thisbe wünschte sich, sie hätte die Handschuhe noch nicht angezogen. „Miss Moreland, es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen. Ich heiße Desmond Harrison.“

„Mr. Harrison.“ Mit einem letzten Lächeln wandte sie sich zur Tür, und Desmond sprang vor, um sie ihr zu öffnen.

Er folgte ihr die Stufen hinunter und sagte dann: „Bitte erlauben Sie, dass ich Sie nach Hause begleite.“

Thisbe blickte die Straße hinunter, wo die Morelandsche Kutsche auf sie wartete. Kutscher John stand bei den Pferden, kletterte aber auf den Bock, als er sie sah. Aber sie kehrte ihm den Rücken zu. „Das wäre sehr nett von Ihnen, Mr. Harrison. Danke.“

Sie hörte, wie die Kutsche auf sie zu gerattert kam. Prompt wandte sie sich mit Desmond in die entgegengesetzte Richtung. Sie legte die Hand auf den Rücken und verscheuchte den Kutscher mit einem Winken. John würde sie schon verstehen … nun ja, verstehen würde er sie vermutlich nicht direkt, aber die Dienstboten waren die Marotten der Morelands gewohnt.

Anscheinend hatte John sie verstanden, denn das Hufgetrappel hörte kurz auf und setzte dann sehr viel langsamer wieder ein. Sie hoffte, dass Desmond sich nicht umsah und die Kutsche entdeckte, die ihnen langsam folgte.

Sie blickte zu Desmond, der neben ihr herschlenderte, die Hände in den Taschen. „Mr. Harrison! Wo ist denn Ihr Mantel? Und Ihre Handschuhe? Und Ihr Hut?“ Sie wollte schon umkehren. „Haben Sie sie im Institut gelassen?“

„Nein, ich fürchte, ich habe sie vergessen anzuziehen“, sagte er etwas verlegen. „Ich war spät dran und bin ohne Hut und Mantel losgerannt. Die Handschuhe habe ich letzte Woche verloren.“ Er wirkte leicht verblüfft. „Irgendwo.“

„Sie klingen wie Theo. Er hat seine Handschuhe auch nie lange.“

„Theo?“ Er warf ihr einen scharfen Blick zu.

„Ja, mein Bruder. Mein Zwillingsbruder, um genau zu sein.“

„Ah.“ Seine Miene entspannte sich. „Sie haben einen Zwillingsbruder. Zwillinge sind faszinierend – obwohl eineiige natürlich besser sind.“ Er sah sie an. „Tut mir leid – natürlich meinte ich nicht besser. Es ist nur, also, was die Forschung angeht … Damit will ich sagen …“ Seine Stimme verklang, und sein Gesicht lief erneut rot an.

Thisbe begann zu lachen. „Schon gut. Ich weiß, was Sie meinen. Ich habe zwei kleine Brüder, die eineiige Zwillinge sind – man kann sie kaum auseinanderhalten. Sie sind allerdings … interessant.“

„Sie haben anscheinend viele Geschwister.“ Seine Stimme klang ein wenig sehnsüchtig.

„Ich habe vier Brüder und zwei Schwestern. Haben Sie Geschwister?“ Sie wunderte sich über den merkwürdigen Ton in seiner Stimme.

Er schüttelte den Kopf. „Ich hatte eine Schwester. Sie ist vor ein paar Jahren gestorben.“

„Das tut mir leid.“

„Danke. Sie war einige Jahre älter als ich, aber ich habe ihr sehr nahegestanden. Sie hat meiner Tante geholfen, mich großzuziehen. Meine Mutter starb direkt nach meiner Geburt, müssen Sie wissen.“

„Wie schrecklich.“ Thisbe legte ihm die Hand auf den Arm. „Es tut mir so leid. Ist Ihr Vater …“

Er zögerte und sagte dann: „Er weilt auch nicht mehr unter uns.“

„Was ist mit Weihnachten? Haben Sie hier noch andere Verwandte? Sie könnten zu uns kommen.“ Dann würde sie zwar ihre Familienverhältnisse offenlegen müssen, was nicht ideal wäre, aber die Vorstellung, er könnte die Feiertage allein verbringen, zerriss ihr das Herz.

Er lächelte sie an. „Sie sind sehr freundlich, aber Sie brauchen sich keine Gedanken zu machen. Ich verbringe Weihnachten bei Mr. Gordon.“

„Das freut mich.“ Thisbe wurde bewusst, dass ihre Hand immer noch auf seinem Arm lag, und zog sie widerstrebend zurück. „Sie zittern ja, Ihnen ist bestimmt eiskalt. Sie brauchen mich wirklich nicht nach Hause zu bringen. Ich habe die Strecke schon oft allein zurückgelegt, es ist vollkommen sicher.“

„Mir geht es gut. Ich vergesse meinen Mantel und meinen Hut öfter … und, nun ja, auch andere Sachen.“ Er lächelte reuig. „Eine solche Situation ist mir also nicht neu.“

Sie konnte sich nicht von ihm nach Hause begleiten lassen. Irgendwann würde sie ihn natürlich über ihre Familie aufklären müssen, aber jetzt noch nicht. Der bloße Anblick von Broughton House reichte aus, um jeden zu vergraulen.

„Es ist ziemlich weit“, begann sie. Vor sich sah sie die Antwort auf ihre Zwickmühle. „Ich muss den Omnibus nehmen, sehen Sie.“ Sie deutete auf ein Grüppchen Menschen, die auf das öffentliche Verkehrsmittel warteten. „Wenn Sie mich zur Haltestelle begleiten, komme ich von da an gut zurecht.“

Er stimmte zu, bestand aber darauf, so lange zu warten, bis der Bus eintraf und sie eingestiegen war, ehe er sich zum Gehen wandte. Thisbe beobachtete ihn durch das Fenster, bis er außer Sicht war. Leider saß sie nun fest bis zur nächsten Haltestelle. Sie hatte keine Ahnung, wohin der Bus unterwegs war. Sie würde bei erster Gelegenheit aussteigen und zurück zu ihrer Kutsche gehen müssen, die ihr immer noch folgte, wie sie sah. Sie begann in sich hineinzulachen. Zweifellos ergäbe das für den Kutscher eine weitere Geschichte über die verrückten Morelands, mit denen er die anderen Dienstboten beim Abendessen unterhalten könnte.

Es war ihr egal. Der Abend war weitaus wertvoller als eine peinliche Geschichte über sie, die bei den Dienstboten die Runde machte. An diesem Abend empfand sie etwas, was sie so noch nie gefühlt hatte. Zum ersten Mal war ihr ein Mann begegnet, der sie die Wissenschaft vergessen machen könnte.

2. KAPITEL

Desmond rannte einen Großteil seines Heimwegs – ihm war kalt, aber er platzte beinahe vor Energie. Thisbe – ein entzückender Name. Außergewöhnlich und wunderbar, genau wie sie. Sie war ihm sofort aufgefallen, als er den Hörsaal betreten hatte, einfach weil sie die einzige Frau im Raum war. Sie hatte ihn fasziniert. Deswegen hatte er auch den Sitz neben ihr gewählt statt irgendeinen anderen freien Platz.

Dann hatte er sie von nahem gesehen, und es hatte ihm schier die Brust zugeschnürt. Sie war schön, aber nicht auf puppenhafte Art mit blondem Haar, blauen Augen und einem albernen Lächeln. Das Haar, das unter ihrem Hut hervorsah, war rabenschwarz, dunkler noch als sein eigenes, und ihre Augen waren von einem verblüffend hellen Grün. Sie war so groß, dass er sich nicht zu ihr hinunterbeugen musste, um mit ihr zu reden, und sie war gertenschlank. Ihre schmale Gestalt entsprach zwar nicht dem Ideal der Wespentaille, das man erreichte, indem man sich den Leib einschnürte, bis man keine Luft mehr bekam, gefiel ihm aber besser. Sie bewegte sich mit Leichtigkeit und Anmut, im Gegensatz zur steifen Haltung einer Frau mit Korsett. Und ihr Gesicht … Nun, es war schwer zu beschreiben – es war ebenmäßig, feminin und doch stark, eckig und mit entschlossenem Kinn, was wiederum abgemildert wurde durch ihren geschwungenen Mund mit der vollen Unterlippe. Himmel, diese Unterlippe; es war fast schockierend, wie sehr er sich danach sehnte, diese Lippe unter seinen zu spüren.

Aber es war nicht nur ihr Äußeres, das ihn in einen sprachlosen, elenden Tollpatsch verwandelt hatte. Sie war einfach so … so völlig anders. Da war erst einmal ihre Kleidung – ihr Hut war nur mit einem schlichten Band aufgeputzt, ihre mäßig weite Krinoline wies keine einzige Rüsche auf, und ihre Halbstiefel waren eher robust als modisch. Außerdem war da noch die Art, in der sie redete – freimütig, fast unverblümt, die Art, in der sie sich bewegte – mit langen, schnellen, zielstrebigen Schritten; die Art, wie sie einen ansah – direkt und selbstbewusst. Bei ihr wartete man vergeblich auf züchtig niedergeschlagene Blicke, Gekicher, klimpernde Wimpern oder kokette Blicke. Thisbe war einfach … sie selbst.

Er hatte sich natürlich benommen wie ein Tölpel, hatte ihr beim Mitschreiben verstohlene Seitenblicke zugeworfen – er mochte gar nicht daran denken, in was für einem Zustand sich seine Notizen befanden – und beim Aufstehen dann auch noch Block und Stift fallen lassen. Den Stift hätte er nicht aufheben können, ohne ihren Rocksaum zu berühren, und das ungefragt zu tun erschien ihm allzu dreist. Gleichzeitig war er zu verlegen gewesen, sie zu fragen. Er war immer schon ein wenig schüchtern gewesen, aber nie so lähmend schüchtern wie vorhin. So groß war seine Angst gewesen, er könnte es irgendwie verpfuschen, dass er überhaupt keinen Ton hervorgebracht hatte.

Ein anderer Mann, etwa sein Freund Carson Dunbridge, hätte sie angesprochen und sich darüber lustig gemacht, dass er seinen Stift hatte fallen lassen. Desmond hatte schon beobachtet, wie Carson sich mit Frauen unterhielt – er war entspannt und selbstsicher und bezauberte sie mit seinem Lächeln. Aber Carson war auch der Sohn eines Gentlemans und hatte sich von klein auf in perfektem Benehmen und gesellschaftlicher Gewandtheit geübt. Er war den Umgang mit Damen einfach gewohnt.

Und dass Thisbe eine Dame war, lag auf der Hand, auch wenn ihre schlichte Kleidung nahelegte, dass sie nicht wohlhabend war. Richtiges Englisch konnte man sich aneignen – schließlich hatte er selbst auch gelernt, die korrekte Grammatik zu verwenden, und den Dialekt seiner Heimat Dorset beinahe abgelegt. Doch Thisbe strahlte jene undefinierbare Vornehmheit aus, die man nirgends lernen konnte. Der Hausmeister des Covington Institute hatte das offenbar ebenfalls erkannt, wenn man danach ging, wie ehrerbietig er sie angesprochen hatte.

Desmond hingegen war keineswegs von vornehmer Geburt. Er hatte zwar nicht direkt Lügen über seinen Vater erzählt – schließlich weilte der Mann tatsächlich nicht mehr unter ihnen –, aber seine Antwort war bestenfalls zweideutig gewesen. Sein Vater war ein einfacher Arbeiter und manchmal auch ein Dieb gewesen, wenn er keine ehrliche Arbeit gefunden hatte; am Ende war er in die Sträflingskolonie Australien verfrachtet worden.

Desmond hatte sich seine Bildung weitgehend autodidaktisch angeeignet, großzügig unterstützt vom Dorfpfarrer, der seine Intelligenz und seinen Wissensdurst erkannt hatte. Das vorzeitige Ende seiner Karriere an der Universität London war nicht nur auf den Mangel an wissenschaftlichen Kursen zurückzuführen, sondern auch auf den Mangel an Geld. Anders als Carson und die anderen in Gordons Labor bekam er keinen Wechsel von seinen Eltern und musste daher in einem Laden arbeiten, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten.

Nie hätte er sich träumen lassen, dass ihn eine Frau wie Thisbe einmal in ein Gespräch ziehen könnte. Und doch hatte sie es getan. Erst da hatte er wirklich erkannt, wie faszinierend Thisbe war. Sobald sie angefangen hatten, miteinander zu plaudern, war alles ganz leicht gewesen. Desmond hatte immer Schwierigkeiten, mit Frauen zu reden, da sie die Dinge, für die er sich interessierte, meist todlangweilig fanden. Gerechterweise musste er zugeben, dass auch die meisten Männer sie todlangweilig fanden.

Aber mit Thisbe war das vollkommen anders gewesen. Selbst wenn sie anderer Ansicht war als er, war die Diskussion freundlich und angenehm, ja sogar anregend gewesen. Anscheinend hatte sie es nicht einmal besonders seltsam gefunden, dass Desmond so zerstreut sein konnte, seinen Mantel zu vergessen oder die Handschuhe zu verlieren, was ihm verblüffenderweise recht oft passierte.

Er hatte sich Sorgen gemacht, als sie Theo erwähnte. Es schien unwahrscheinlich, dass eine so besondere Frau nicht schon einen Verehrer hatte – er hatte sich bereits mit einem raschen Blick auf ihre Hand davon überzeugt, dass sie keinen Ehering trug.

Dass es sich bei dem Mann um ihren Bruder handelte, hatte ihn sehr erleichtert. Denn so unwahrscheinlich und unmöglich es auch sein mochte, sie zu gewinnen, Desmond wollte diese Frau.

Seine Erfolgschancen waren gering, dessen war er sich wohl bewusst. Doch im Moment wollte er darüber nicht nachdenken. Er würde sich erlauben zu träumen. Er würde sich auf den Gedanken konzentrieren, dass er sie schon in ein paar Tagen wiedersehen würde.

Seinen Mantel konnte er nicht holen, da er ihn in der Werkstatt vergessen hatte, die jetzt bereits geschlossen hatte, daher ging er direkt ins Labor. Es lag im Keller eines Gebäudes, in den man über eine Außentreppe von der Straße gelangte.

Im Labor war es ziemlich dunkel, da es nur zwei hoch oben gelegene Fenster gab, und die rauen Mauern des schmalen Raums waren alt und oft feucht. Aber der Raum war gut ausgestattet und geräumig, da er nicht nur schmal, sondern auch lang war, und keiner der Männer, die dort arbeiteten, bemerkte den muffigen Geruch oder den fehlenden Ausblick.

Als Desmond die Tür öffnete, standen Professor Gordon und die anderen Mitarbeiter zwischen den Arbeitstischen und dem Schreibtisch des Professors und unterhielten sich angeregt. Sein Mentor blickte als Erster zu ihm hinüber und sagte: „Desmond. Da sind Sie ja. Sie sind ziemlich spät dran heute Abend.“

„Ja, ich bin nach Ladenschluss zu einer Vorlesung gegangen.“ Es widerstrebte ihm, ihnen von Miss Moreland zu erzählen. Es gab keinen Grund, die Begegnung zu verheimlichen, aber im Moment wollte er das alles noch für sich behalten und im Stillen darin schwelgen. „Was ist passiert? Sie wirken …“

„Aufgeregt? Das kommt daher, dass wir es wirklich sind, mein Junge.“ Gordon strahlte, und sein rundes Gesicht war vor Aufregung gerötet. Er deutete auf Desmond. „Kommen Sie, kommen Sie und sehen Sie selbst. Ich habe einen Brief von Mr. Wallace bekommen. Darin stehen wunderbare Neuigkeiten.“

„Mehr Geld?“, riet Desmond und ging zu den anderen. Zum Glück brannte ein Feuer im Franklin-Ofen, und es war warm im Raum, sodass das Gefühl allmählich in seine Finger zurückkehrte.

„Besser.“ Gordons Augen funkelten.

Was es auch war, Desmond freute sich, seinen Mentor so guter Laune zu sehen. In letzter Zeit hatte es den Anschein, als würde sich seine Stimmung zusehends verdüstern; der Schaden, den sein Ruf genommen hatte, belastete ihn. Als Desmond vor Jahren nach London gekommen war, war Gordon eine der führenden Leuchten der Wissenschaft in der Stadt gewesen, und seine Meinung war überall gefragt gewesen. Desmond hatte sich wahrhaft glücklich geschätzt, dass Gordon ein Freund des Pfarrers war und ihn auf dessen Bitten hin unter seine Fittiche genommen hatte. Aber jetzt, da er sich der Suche nach Beweisen für die Geisterwelt verschrieben hatte, machten sich die Kollegen lustig über den Professor. Es schmerzte Desmond, mit ansehen zu müssen, wie er immer mehr in Trübsinn versank.

„Was sind das für Neuigkeiten?“ Desmond lächelte und sah die anderen an. „Erzählt!“

„Mr. Wallace hat das Auge der Annie Blue aufgespürt“, sagte Gordon triumphierend.

„Was?“ Desmond hob verblüfft die Augenbrauen. „Wirklich?“

„Ja!“

„Na also, hab ich nicht gesagt, dass es Anne Ballew wirklich gegeben hat?“, sagte Carson auf seine nachlässige Art. Er stand zurückgelehnt, die Ellbogen auf den hohen Labortisch gestützt, und lächelte träge. Carson benutzte nie den Spitznamen, den die Leute der Frau angehängt hatten.

„Ich wusste, dass es sie gegeben hat. Und dass sie als Ketzerin auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde.“ Desmond hatte alles über die Frau ausgegraben, was er finden konnte – obwohl er damals versucht hatte, die wilden Geschichten seiner Tante über sie zu widerlegen. „Ich akzeptiere sogar, dass sie ein Instrument namens das Auge erschaffen hat, aber ich habe nie irgendeinen Beweis dafür gesehen, dass es tatsächlich funktioniert hat. Oder dass es ihren Untergang überlebt hat. Seit Anne Ballews Tod gibt es keine Spur mehr vom Auge. Man munkelte, dass es verbrannt wurde.“

„Und es gab Gerüchte, dass es aus dem Feuer gerettet wurde“, sagte Carson.

„Aber jetzt haben wir einen Beweis.“ Gordon wedelte mit dem Papier. „Mr. Wallace ist sich sicher, dass er es gefunden hat.“ Desmond äußerte sich nicht dazu. Er würde seinem Mentor niemals widersprechen, aber Gordon hatte mehr Vertrauen in den Sachverstand seines Gönners als Desmond. Mr. Wallace war kein Wissenschaftler oder Gelehrter, sondern ein wohlhabender Mann, der unbedingt beweisen wollte, dass Geister existieren. Und wie Thisbe vor ein paar Minuten gesagt hatte, war es sehr leicht, an etwas zu glauben, woran man unbedingt glauben wollte.

„Gleich hier, sehen Sie.“ Gordon klopfte auf das Papier und las vor: „Ich habe mit eigenen Augen einen Brief von einem Mann namens Henry Caulfield gesehen, der 1692 verfasst worden war. Darin beschreibt Mr. Caulfield einen Besuch bei einem gewissen Arbuthnot Grey und behauptet, Grey hätte ihm Annie Blues ‚teuflisches Instrument‘ gezeigt.“

„Und nun will Mr. Wallace herausfinden, was danach mit dem Auge passiert ist?“

„Nein.“ Gordon bebte förmlich vor Aufregung. „Mr. Wallace weiß bereits, wo es sich befindet. Er ist überzeugt, dass es im Besitz der Greys geblieben ist und von Generation zu Generation weitervererbt wurde. Die Enkelin dieses Arbuthnot hat ein Testament verfasst, in dem sie ihrer Tochter die Sammlung von Antiquitäten, Raritäten und mystischen Kuriositäten vermacht, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte. Es handelt sich eindeutig um Familienerbstücke – etwas, was man behält, auch wenn man es irgendwo in einer Truhe wegschließt. So ist die Aristokratie nun mal. Mr. Wallace ist sich sicher, dass es sich jetzt im Besitz ihrer Nachfahrin befindet, der Dowager Duchess of Broughton.“

Trotz seiner Zweifel verspürte Desmond unwillkürlich leise Aufregung. „Hat Mr. Wallace vor, es zu erwerben?“

Gordons Miene wurde lang. „Er hat es versucht. Er sagt, er hätte ihr drei Briefe geschrieben und keine Antwort erhalten. Ursprünglich hatte er gehofft, es in seinen Besitz zu bekommen, ehe er mir davon erzählt, aber nun ist er mit seinem Latein am Ende und hatte das Gefühl, er müsste mich einweihen. Vielleicht hat er sich erhofft, dass wir eine Idee hätten, wie man an das Auge kommen könnte. Obwohl ich nicht recht weiß, wie ich eine Herzogin überreden sollte, wenn er es nicht geschafft hat.“

„Stehlen wir es“, schlug Carson leichthin vor.

Desmond rollte mit den Augen. „Sei nicht albern.“

„Es ist mir ernst“, protestierte Carson. „Mr. Wallace scheint zu glauben, dass die Frau das Auge niemals hergeben würde.“

„Ja, er hat erklärt, dass die Herzogin sonderbar und im Umgang recht schwierig ist. Anscheinend ist sie eine eifrige Sammlerin und trennt sich nie von irgendetwas.“

„Dann würde es ihr sicher gar nicht auffallen, wenn es fehlte“, sagte Carson. „Es wäre kinderleicht.“

„Es wäre illegal“, versetzte Desmond.

„Also, wenn man es recht bedenkt, gehört es dieser Herzogin doch eigentlich gar nicht, oder?“, meldete sich Benjamin Cooper, der hinter Gordon auf einem Hocker saß. „Ich meine, Anne Ballew war die wahre Besitzerin – sie hat es erschaffen. Es wurde ihr zweifelsohne gestohlen, als man sie ins Gefängnis warf.“

„Das ist wahr“, sagte Gordon nachdenklich und nickte.

„Anne Ballew war Alchemistin, heute würde sie als Wissenschaftlerin gelten. Ihr ging es um Wissen und Erkenntnis, genau wie uns“, erklärte Albert Morrow, der andere Wissenschaftler im Raum. „Meinen Sie nicht, dass sie es vorziehen würde, wir hätten das Auge, damit wir es studieren und Erkenntnisse daraus gewinnen können, statt dass es auf dem Dachboden irgendeiner alten Herzogin verstaubt?“

„Ja, da stimme ich Ihnen zu.“ Professor Gordons Augen leuchteten. Im Lauf der Jahre war Anne Ballew für ihn zur Besessenheit geworden. „Wir würden nur etwas für die Wissenschaft zurückgewinnen, was verloren war.“

„Schon möglich“, sagte Desmond ironisch, „aber der Rest der Welt würde es wohl trotzdem Diebstahl nennen.“

„Na komm schon, Desmond.“ Carsons Augen funkelten mutwillig. „Sei doch kein Spielverderber. Wäre es nicht großartig, wenn zur Abwechslung wir einmal der herrschenden Klasse etwas abknöpfen würden?“

„Ich erinnere dich nicht gern daran, aber du bist Teil dieser herrschenden Klasse“, versetzte Desmond.

„Ach, aber doch nicht wirklich“, widersprach Carson leichthin. „Meine Familie ist weder vornehm noch reich genug, um wirklich wichtig zu sein. Ich bewege mich nur am Rand der Gesellschaft – du weißt schon, ein Junggeselle, den man einladen kann, wenn man noch einen Herrn braucht oder mehr Gäste für eine Feier.“

„Das alles ist doch nicht dein Ernst, oder?“ Bei Carson war das immer schwer zu sagen. Desmond sah die anderen an.

Der Professor seufzte tief auf. „Nein, Sie haben natürlich recht. Wir können es nicht einfach nehmen, so wenig sie es auch verdient haben mag. Es ist nur … mir widerstrebt die Vorstellung so sehr, dass es direkt vor uns liegt und wir es nicht bekommen können.“

„Schreiben Sie dieser Duchess doch selbst“, schlug Desmond vor. „Vermutlich betrachtet sie Mr. Wallace als einen von vielen wohlhabenden Herren. Aber Sie sind ein Mann der Wissenschaft. Sie wollen das Auge studieren. Ihnen liegt daran, seine Geheimnisse zu enthüllen, nicht, es zu besitzen. Gut möglich, dass sie eher bereit ist, das Auge einem Wissenschaftler zu einem edlen Zweck auszuleihen, als es an einen anderen Sammler zu verkaufen. Oder sie gestattet Ihnen, es bei sich zu Hause zu untersuchen, wenn sie es nicht aus der Hand geben will.“

„Hmm. Da könnten Sie recht haben. Vor allem, wenn sie meint, sie könnte dafür ein wenig Beifall ernten.“

„Aus diesem Grund geben auch die meisten Gentlemen Geld für ein Projekt“, stimmte Carson zu.

„Ja, Und ich weiß, wie man ihnen schmeichelt – das musste ich weiß Gott oft genug tun.“ Gordon ging zu seinem Schreibtisch am anderen Ende des Raums. Die anderen wandten sich alle wieder ihren Arbeitstischen zu – obwohl aus dem anhaltenden Gemurmel der Tischnachbarn zu schließen war, dass mehr spekuliert als experimentiert wurde.

Desmond setzte sich auf seinen üblichen Platz neben Carson und zog Thisbes Block und seinen eigenen heraus. Ihre Handschrift war genau wie sie, klar und akkurat. Er blätterte zur heutigen Vorlesung, widerstand der Versuchung, sich den Rest anzuschauen, um zu sehen, was sie sonst noch dort notiert hatte. Natürlich hätte sie ihm den Block kaum gegeben, wenn darauf irgendetwas gestanden hätte, von dem sie nicht gewollt hätte, dass er es sah.

„Hast du jetzt auch noch deinen Mantel verloren?“ Carson drehte sich auf seinem Hocker zu Desmond um. Carson fand Desmonds Vergesslichkeit stets amüsant.

„Nein. Bin nur ohne davongerannt. Ich war spät dran für die Vorlesung.“

Carson lachte und schüttelte den Kopf. „Ich muss zugeben, ich bewundere deine Zielstrebigkeit. Ich hingegen bin selten so unbedacht, wenn es um meinen Komfort geht, das muss ich leider sagen.“ Er machte eine Pause und fragte dann: „War es die Sache wert?“

„Was?“ Desmond sah abrupt auf, erkannte dann jedoch, dass Carson von der Vorlesung sprach, nicht von Thisbe. Schließlich konnte er unmöglich etwas von Thisbe wissen. Und ihm wurde bewusst, dass er dem anderen Mann nicht von ihr erzählen wollte. Carson war zwar so etwas wie ein Freund, doch Thisbe Moreland war ein Thema, das Desmond für sich behalten wollte, zu kostbar, um es anderen zu offenbaren. „Oh. Ja. Es war sehr interessant.“ Obwohl er sich nicht mal an die Hälfte erinnern konnte. „Wahrscheinlich gehe ich nächstes Mal wieder hin.“

Carson wandte sich wieder seinem Experiment zu, und Desmond begann die Notizen abzuschreiben. Nach einem Augenblick hielt er jedoch inne und wandte sich an den anderen. „Das war vorhin doch nicht dein Ernst, oder? Dass wir das Auge stehlen sollten?“

Carson grinste. „Nur halb. Ich würde wohl nicht so weit gehen, es zu stehlen, aber es sollte auch nicht bei einer alten Frau herumliegen, die weder über das Auge noch über Anne Ballew auch nur das Geringste weiß.“ Er warf Desmond einen schlauen Blick zu. „Du stehst der ganzen Sache immer noch skeptisch gegenüber, was?“

„Es gründet alles darauf, dass sich Mr. Wallace’ Annahmen als wahr herausstellen – dass dieses ‚teuflische Instrument‘ tatsächlich das Auge ist und dass die aktuelle Erbin es immer noch in ihrem Besitz hat. Keiner hat das Ding je wirklich gesehen, geschweige denn benutzt. Wir wissen ja nicht einmal, wie es aussieht. Woraus es besteht.“

„Das ist das Schönste daran. Wir dürfen all das erforschen. Interessiert dich das denn nicht?“

„Natürlich tut es das. Ich würde liebend gern herausfinden, ob sie das Geheimnis gelüftet und Geister gesehen hat. Wie es funktioniert, wie man es reproduziert. Es ist nur …“ Desmond zuckte mit den Achseln. „Es gibt keinerlei Zeichnungen, keine Beschreibungen, keine Erklärungen. Nur Geschichten. Stoff für Legenden – die große Hexe Annie Blue. Meine Tante hat mir die ganzen Märchen von Anne Ballew und ihren magischen Fähigkeiten erzählt. Dass sie eine Zauberin war, dass sie die Toten sehen und mit ihnen sprechen konnte.

Sie hat mir auch erzählt, wenn ein Hase eine Straße hinunterläuft, wird kurz darauf ein Haus in dieser Straße brennen. Ich bin noch bereit zu glauben, dass es rings um uns eine spirituelle Welt gibt, die wir nicht sehen können. An Zauberei glaube ich jedoch nicht. Es gibt keinerlei Beweis für das Auge. Fantastische Volksmärchen bieten keine gute Grundlage für ordentliche Wissenschaft.“

„Ah, aber für öffentlichen Beifall, wenn es sich als wahr herausstellte.“

Es gab Zeiten, wo ihm Carsons Zynismus gewaltig auf die Nerven ging. „Du glaubst …“ Vor Empörung hob er die Stimme, und er blickte kurz zu seinem Mentor hinüber, ehe er leiser fortfuhr: „Du glaubst, es geht Professor Gordon einzig um öffentliche Anerkennung?“

„Nicht nur. Er will es wirklich wissen – er will die Geister sehen. Aber die Vorstellung, es den Spöttern dann unter die Nase reiben zu können, versüßt ihm die Sache ungemein.“

„Sie waren sehr ungerecht“, erklärte Desmond. „Er ist noch genauso intelligent wie früher, besitzt noch denselben forschenden Verstand und dieselbe Hingabe an die Wissenschaft.“

Carson zuckte mit den Achseln. „Er hätte nicht so lauthals damit hausieren gehen sollen. Zu behaupten, er könnte die Existenz von Geistern beweisen, wenn er nichts hatte als ein paar fragwürdige Fotografien. Du stehst ihm zu nahe – deine Verehrung für ihn verstellt dir die Sicht.“

„Ich habe ihm viel zu verdanken. Er hat sich auf das Wort eines Landpfarrers verlassen, dass ich zu dieser Arbeit fähig sei, dass ich eine Chance verdient hätte. Aber er hat viel mehr für mich getan als das, was man aufgrund seiner Freundschaft mit dem Pfarrer hätte erwarten dürfen. Er hat mir geholfen, an der Universität aufgenommen zu werden. Er hat mich trotz meines Mangels an finanziellen Möglichkeiten unterrichtet. Er hat mich sogar dem Optiker empfohlen.“

„Ich weiß. Und du hast es ihm vergolten, indem du dein Interesse an Spektrometrie auf dem Feld einsetzt, auf dem Professor Gordon Hilfe braucht. Meiner Meinung nach wäre die Astronomie für dich eine bessere Wahl gewesen als die Erforschung der Geisterwelt.“

„Die Spektrometrie lässt sich in vielen Bereichen nutzbringend einsetzen. Was ich hier entdecke, lässt sich auch in der Astronomie, der Chemie oder der Physik anwenden.“

„Ja, aber du glaubst gar nicht wirklich daran“, erklärte Carson. „Du hast für die Geschichten von übernatürlichen Dingen nur Verachtung übrig.“

„Du etwa nicht?“, fragte Desmond.

„Ich glaube, dass die Geschichten, die von Generation zu Generation weitergegeben werden, oft einen wahren Kern haben.“

„Ungeheuer und Kobolde?“

„Nein, die nicht.“ Carson verzog das Gesicht. „Aber vielleicht Geister, die noch ein wenig verweilen, nachdem ihre Zeit um ist. Sind all diese Geschichten erfunden? Gründen sie nicht auf irgendetwas? Der Schauder, der einen ganz plötzlich überläuft, der kalte Lufthauch in der Halle, ein Vorhang, der sich bewegt, obwohl sich kein Lüftchen regt …“

Desmond dachte daran, wie er aus dem Schlaf aufgeschreckt war und seine tote Schwester Sally an seinem Bett gestanden und ihn auf die vertraute Weise angelächelt hatte. Wie es ihm unwillkürlich kalt über den Rücken gelaufen war, als Tante Tildy von seinem Fluch gesprochen hatte. „Ich weiß, dass man Dinge sehen oder fühlen kann, die unmöglich erscheinen. Ich würde mich überzeugen lassen. Aber Märchen reichen dazu nicht aus.“ Er hielt inne. „Wie ist das bei dir? Meist bist du recht zynisch. Glaubst du an diese Dinge?“

„Ich glaube an Anne Ballew. Ich weiß, dass sie gelebt hat. Ich weiß, dass die Leute sie fürchteten und verehrten. Ich weiß, dass sie ihrer Zeit voraus war. Ich glaube, dass sie das Auge geschaffen hat.“

„Glaubst du,...

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