Eine unvergleichliche Lady

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Der amerikanische Geschäftsmann Rafe McIntyre ist eigentlich nur für die Hochzeit seines Freundes nach England gekommen – doch dann fällt ihm die Schwester der Braut geradewegs in die Arme: Kyria Moreland droht von einem Baum zu stürzen, und Rafe kann die wagemutige Lady gerade noch auffangen. Er ist sofort hingerissen von ihr, doch ehe sie einander näherkommen können, erhält Kyria ein mysteriöses Kästchen und gerät erneut in Gefahr, als Unbekannte versuchen, das Artefakt an sich zu bringen. Rafe hat alle Hände voll zu tun, die schöne Lady zu beschützen, denn sie hat sich in den Kopf gesetzt, das Rätsel um die geheimnisvolle Schatulle zu lösen.


  • Erscheinungstag 23.05.2026
  • Bandnummer 186
  • ISBN / Artikelnummer 0840260186
  • Seitenanzahl 384

Leseprobe

Candace Camp

Eine unvergleichliche Lady

Candace Camp

Ihren ersten Roman hat Candace Camp noch als Studentin geschrieben. Damals hat sie zwei Dinge gelernt: Erstens, dass sie auch dann noch schreiben kann, wenn sie eigentlich lernen sollte, und zweitens, dass das Jurastudium ihr nicht liegt. So hat sie ihren Traumberuf als Autorin ergriffen und mittlerweile über siebzig Romane verfasst. Candace lebt mit ihrem Mann in Austin, Texas.

1. KAPITEL

Kyria stand im großen Ballsaal, als sie die durchdringenden Schreie hörte. Diese schienen aus einiger Entfernung zu kommen, vielleicht aus dem ersten Stock. Sie hatte gerade mit dem Butler Smeggars die Anordnung der Blumenarrangements für den Empfang nach Olivias Hochzeit besprochen. Beherrscht wie immer, erwiderte er ihren Blick. Nur der zuckende Muskel an seiner Wange bewies ihr, dass Smeggars dasselbe dachte wie sie – die Zwillinge heckten schon wieder etwas aus.

Seufzend wandte sie sich ab und ging in die Eingangshalle, gefolgt von Smeggars. Als sie sich der Treppe näherte und die Schreie lauter wurden, eilte sie nach oben, wobei sie ihre Röcke zusammenraffte. Im ersten Stock sah sie eins der Stubenmädchen am anderen Ende des Korridors völlig aufgelöst auf dem Boden sitzen. Ein anderes Stubenmädchen beugte sich über sie und versuchte sie abwechselnd zu beruhigen und hochzuziehen. Ein Diener und ein weiteres Stubenmädchen eilten in den großen Salon, den sie diese Woche wegen der zahlreichen Hochzeitsgäste überwiegend genutzt hatten.

Wie die meisten gesellschaftlichen Aufgaben in dieser Familie waren Kyria die Vorbereitungen für die Hochzeit ihrer Schwester Olivia zugefallen. Ihr Vater, der Duke, der sich in seiner gewohnten Ruhe stark gestört fühlte, hatte sich in seine Werkstatt auf der Rückseite des Hauses zurückgezogen, wo er nach Herzenslust mit seinen Gefäßen und Tonscherben hantieren konnte. Die Duchess, die die meisten Menschen ihrer sozialen Schicht als dumm und ignorant erachtete, war nicht daran interessiert, ihre Gäste zu unterhalten, und häusliche Arrangements langweilten sie. Wenn sie sich von Zeit zu Zeit dazu herabließ, mit den Bediensteten über Speisepläne und ähnliche Dinge zu sprechen, neigte sie dazu, sich in Diskussionen über die entsetzlichen Arbeitsbedingungen der Bediensteten in Großbritannien zu ergehen, und empfahl diesen, dagegen aufzubegehren. Am Ende waren die Angestellten meistens durcheinander, und die Duchess war gereizt.

Da Thisbe Kyrias älteste Schwester war, hätte sie eigentlich die Vorbereitungen übernehmen sollen, doch sie interessierte sich vielmehr für ihre wissenschaftlichen Experimente. Und man hätte annehmen können, dass die Braut eng in die Planung der Hochzeit und Umsetzung der Pläne eingebunden gewesen wäre. Allerdings hatte diese noch entsetzter als ihr Vater über die Aussicht auf die vielen Gäste reagiert. Also war es Kyria, von der die Hauswirtschafterin und der Butler die Anweisungen entgegennahmen. Und sie war auch diejenige, die sich in der vergangenen Woche um das Essen und die Unterbringung der Gäste gekümmert hatte, von denen viele noch einige Bedienstete mitgebracht hatten. Und sie war auch diejenige, die die sich darum kümmern musste, dass die Gäste unterhalten wurden, während sie gleichzeitig die Vorbereitungen für die Hochzeit traf. Andere hätte diese Aufgabe vielleicht eingeschüchtert, doch Kyria stellte sich liebend gern derartigen Herausforderungen.

Natürlich gab es Momente, in denen sie wünschte, die Zwillinge würden diese Herausforderung nicht noch vergrößern. Sie eilte dem Stubenmädchen und dem Diener nach. In dem langen, elegant eingerichteten Salon herrschte ein wahrer Tumult. Lady Marcross war in einem Sessel in Ohnmacht gefallen, und Countess St. Leger, die Mutter des Bräutigams, beugte sich über sie und fächelte ihr mit einem Taschentuch Luft zu. Mrs. Wilhelmina Hatcher, eine ihrer vielen Cousinen, und eine Frau, die Kyria nicht kannte, waren aufgesprungen und richteten gerade laut durcheinanderredend einen Hocker und einen Tisch mit schmalen Beinen auf. Lord Macross hob die Faust, während das Stubenmädchen und der Diener aufgeregt hin und her liefen und „Hierher, Wellie!“ riefen. Der alte Lord Penhurst, der stocktaub war, hielt sich sein Hörrohr ans Ohr. Seine Tochter rief hinein und versuchte, ihm zu erklären, was passiert war. Gelegentlich rief er ihr zu, sie solle lauter sprechen.

Hinter ihm stampfte Lady Rochester, die fast genauso alt war wie er, autoritär mit ihrem Gehstock auf den Boden. „Bereite diesem Lärm sofort ein Ende, Wilhelmina!“

Kyria erfasste die Szene mit einem Blick. Sie erkannte die Ursache für diesen Tumult nicht sofort, doch dann folgte sie den Blicken der anderen und sah den orangefarbenen und roten Papagei mit den blauen Flügeln, der über einem der Fenster in Richtung Westen auf der Gardinenstange saß und mit zur Seite geneigtem Kopf heruntersah.

„Wellington!“ Kyria schnitt ein Gesicht und hob die Hände. „Bitte beruhigt euch alle. Es ist nichts – nur der Papagei der Zwillinge.“

Lord Marcross schnaufte. „Verdammtes Haustier, wenn ihr mich fragt.“

„Also, steh nicht einfach herum, Mädchen“, wandte Lady Rochester sich an sie, wobei sie wieder mit ihrem Stock aufstampfte. „Tu doch etwas!“

Lady Rochester, Kyrias Großtante, war eine strenge alte Dame, die seit dreißig Jahren Schwarz trug, weniger aus Trauer um ihren damals verstorbenen Ehemann, sondern vielmehr, weil sie glaubte, dass die Farbe ihrem blassen Teint schmeichelte. Anhand eines Gemäldes wusste Kyria, dass ihre Großtante einmal eine Schönheit gewesen war. Davon war nun jedoch nicht mehr viel zu erkennen, denn diese war stark gealtert und trug außerdem eine Perücke, was selbstverständlich niemand zu erwähnen wagte. Sie besaß eine scharfe Zunge und gehörte zu den wenigen Menschen, die Kyria das Gefühl vermitteln konnten, dass sie wieder ein unbeholfenes kleines Mädchen war.

Nun setzte Kyria ein freundliches Lächeln auf. „Ja, natürlich werde ich das.“ Dann wandte sie sich wieder an die anderen. „Wenn ihr jetzt alle leise sein würdet …“ Den Kopf in den Nacken gelegt, rief sie: „Hierher, Wellie!“ Und klopfte sich auf die Schulter, wie sie es oft bei Alex und Con gesehen hatte. „Komm her, dann gebe ich dir eine Belohnung.“

Der Papagei drehte den Kopf erst in eine, anschließend in die andere Richtung und betrachtete sie mit einem, wie sie glaubte, schalkhaften Ausdruck in den Augen. Dann kreischte er durchdringend und sagte: „Belohnung! Wellie Belohnung.“

„Richtig. Wellie Belohnung“, wiederholte sie melodisch, während sie sich wieder auf die Schulter klopfte.

Der Papagei kreischte erneut, bevor er herunterflatterte, die Krallen in Lady Rochesters Perücke grub und mit dieser weiterflog. Lady Rochester kreischte ebenfalls, während sie sich an den Kopf fasste. Der Anblick ihres nackten Schopfs ließ Cousine Wilhelmina und ihren Begleiter wieder die Fassung verlieren, und auf der anderen Seite des Raums brach Lord Penhurst in lautes Lachen aus.

Kyria unterdrückte ein Kichern und rannte dem Vogel nach, gefolgt von dem Stubenmädchen und dem Diener. Wellington flog den Korridor entlang und die Treppe hinunter. Inzwischen hatten sich auch mehrere Gäste sowie andere Angestellte zu ihnen gesellt.

In dem Moment kam Cousin Albert durch die Eingangstür. Starr betrachtete er die vielen Menschen, die die Treppe hinunter auf ihn zustürmten.

„Schließ die Tür!“, rief Kyria bestürzt. „Schließ die …“

„Was …?“, begann Albert verwirrt und senkte dann den Kopf, als der bunte Papagei auf ihn zuschoss.

Frustriert stöhnend beobachtete Kyria, wie er nach draußen flog. Sie eilte an Albert vorbei, der sich nun wieder aufgerichtet hatte und entgeistert blinzelte. Die Augen mit der Hand beschirmt, blickte sie auf und entdeckte Wellington, der gerade die Krone der alten Eiche auf der Westseite hochflatterte. Sie eilte die flachen Stufen hinunter, die auf die Rasenfläche vor dem Haus führten.

Unter der Eiche blieb sie stehen und sah nach oben. Wellington saß hoch oben auf einem der kahlen Äste und zerrupfte die Perücke mit den Krallen. Wieder stöhnte sie. „Zur Hölle mit Theo und seinen Geschenken!“

Als das Stubenmädchen sich zu ihr gesellte, drehte Kyria sich zu ihm um. „Wir müssen diesen Vogel herunterbekommen. Hol mir Nüsse, ja? Und einen klein geschnittenen Apfel. Vielleicht kann ich ihn herunterlocken. Und, Cooper …“, fuhr sie an den Diener gewandt fort, „suchen Sie Alex und Con, und sagen Sie ihnen, sie sollen sofort herkommen, wenn sie Wellie nicht verlieren wollen.“

Beide nickten und eilten dann davon. Die anderen Hausangestellten und Gäste blieben stehen, den Blick auf den Papagei gerichtet. Kyria wünschte, jemand könnte ihr helfen. Ihr Bruder Reed, der Verlässlichste von allen, war heute Morgen mit dem Gutsverwalter weggeritten, um sich um ein Problem auf einer der Farmen zu kümmern. Und Stephen und Olivia befanden sich mit ihrer Mutter beim Pfarrer, um die Trauzeremonie zu besprechen. Thisbe und ihr Mann standen natürlich in ihrem Labor, in irgendein Experiment vertieft. Man hatte das Labor vor einigen Jahren in sicherer Entfernung zum Haus eingerichtet, nachdem ihr Schuppen in der Stadt bei einem Experiment in die Luft geflogen war.

Sie war also auf sich allein gestellt. „Komm her, Wellington“, lockte Kyria den Vogel. „Du bekommst gleich eine Belohnung. Sie ist viel besser als diese alte Perücke. Guter Wellie. Hierher, Wellie.“ Erneut klopfte sie sich auf die Schulter.

Der Papagei hielt inne und betrachtete sie, den Kopf zur Seite geneigt. Lächelnd rief sie ihn weiter. Sie wünschte, sie könnte pfeifen. Als Kind hatte sie ihre Brüder um diese Gabe beneidet, es jedoch nie geschafft. Nun hätte es ihr geholfen, denn Alex und Con, die den Papagei oft in dem großen Kinderzimmer fliegen ließen, riefen ihn damit immer zurück.

Erneut wandte sie sich an die Schaulustigen hinter ihr. „Albert, kannst du pfeifen?“

Verständnislos sah Albert sie an. „Pfeifen?“

„Ja, pfeifen.“

Er zuckte die Schultern. „Ich weiß nicht. Ich habe es seit meiner Kindheit nicht mehr getan.“

„Versuch es, ja?“

Albert tat es, brachte jedoch nur ein Geräusch zustande, das den Papagei veranlasste, in die andere Richtung zu blicken und einen, wie es schien, abfälligen Laut auszustoßen.

„Hallo!“, rief er. „Hallo!“

„Ja, hallo, Wellie“, rief Kyria, sich wieder auf die Schulter klopfend. „Hierher, Wellie. Guter Wellie. Kommt zu Kyria.“

Nachdem er die durcheinanderredenden und auf ihn deutenden Anwesenden gemustert hatte, stieß er wieder einen Schrei aus und flog auf einen höheren Ast. Dabei ließ er die Perücke fallen, die nun wie ein lebloses Tier auf dem Boden lag. Sie eilte hin, um sie aufzuheben. Die Perücke war ruiniert. Kyria zuckte leicht zusammen, als sie an die Strafpredigt dachte, die ihre Großtante ihr später halten würde. Sie würde dafür sorgen, dass Alex und Con dabei wären.

Nun kehrte das Stubenmädchen außer Atem zurück und hielt ihr einen klein geschnittenen Apfel und Nüsse entgegen. „Hier, Mylady. Ich habe mich beeilt.“

„Danke, Jenny.“ Kyria nahm ein Stück Apfel und hielt es dem Papagei hin. „Sieh mal, Wellie, eine Belohnung!“

Dieser wandte mehrfach den Kopf und stieß einige scharfe Laute aus, blieb jedoch sitzen.

„Ich habe die Zwillinge auf dem Weg zur Küche nicht gesehen, aber Patterson gebeten, sie zu suchen.“

„Sie müssen draußen sein“, erwiderte Kyria. „Sie hätten den Tumult sonst gehört.“ Nichts faszinierte die beiden Jungen mehr als Tumulte. Und meistens waren sie die Ursache dafür.

Sie lockte den Vogel weiter, während er es beharrlich ignorierte. Die Menge um sie herum wurde lauter, und als eine Frau lachte, verlagerte der Papagei seine Position. Kyria versuchte, die Schaulustigen zum Schweigen zu bringen, wusste jedoch, dass es ihr nur für kurze Zeit gelingen würde. Die Bewegungen und der Lärm würden den Vogel vermutlich in die Flucht schlagen. Es würde den Zwillingen das Herz brechen, wenn sie den Papagei verloren. Also musste sie jetzt handeln. Sie musste sich ihm weiter nähern und sich von den Schaulustigen entfernen, damit er sich auf sie und die Belohnung konzentrierte. Flüchtig wünschte sie, Alex wäre hier, denn er konnte sehr gut klettern. Als Kind hatte sie ebenfalls hervorragend klettern können und war immer ihren älteren Geschwistern gefolgt. Hoffentlich verlernte man so etwas nicht. Aufmerksam betrachtete sie den Baum – und blickte dann an sich hinunter. Ein modisches Kleid mit einer Schleppe war nicht gerade dazu angetan. Doch sie konnte sich nicht die Zeit nehmen, sich umzuziehen. Also raffte sie es seufzend mit den Unterröcken zusammen und befestigte alles unter ihrem Taillenband.

Dabei gab sie schockierenderweise den Blick auf ihre lange Unterhose frei und hörte mehr als einen hinter sich scharf einatmen sowie ihre stets aufgeregte Cousine Wilhelmina aufschreien. Selbst das Stubenmädchen, das an die exzentrische Familie Moreland gewöhnt war, betrachtete sie entgeistert. Kyria wusste, dass es nun tagelang für Gesprächsstoff sorgen und ein weiteres Beispiel in der langen Liste ihrer Eigenheiten werden würde.

Doch sie zuckte im Geiste die Schultern, während sie die Apfelstückchen und Nüsse in ihre Tasche tat. Dann umfasste sie den Baumstamm und stieg auf den unteren Ast, zog sich hoch und begann zu klettern, Ast für Ast, bis sie den höchsten Punkt erreicht hatte, ohne in Gefahr zu geraten. Beklommen blickte sie auf die Menge unten. Alle betrachteten sie aufmerksam. In einem Anflug von Angst gestand sie sich ein, dass es recht weit hinunterging. Vielleicht war es leichtsinnig gewesen, hier heraufzuklettern. Sie hob den Kopf und blickte in die Äste und Zweige um sich herum.

Wellington hatte sich bewegt und befand sich nun noch weiter oben. Kyria setzte sich auf den Ast und rutschte vorsichtig ein Stück vom Stamm weg, bevor sie in ihre Tasche langte und ein Stück Apfel herausnahm.

Sie hielt es ihm entgegen. „Siehst du? Eine Belohnung, Wellie. Komm her, dann gebe ich sie dir“, lockte sie ihn. „Guter Wellie. Komm her.“

„Hallo“, erwiderte der Papagei und stieß einen Laut aus, der wie ein Lachen klang.

„Ja. Hallo.“ Sie verbarg ihre Verzweiflung, während sie ihm die Hand noch weiter entgegenstreckte. „Siehst du? Eine Belohnung für Wellie.“ Sie klopfte sich auf die Schulter. Vorsichtig rutschte sie noch ein Stück weiter, die andere Hand am oberen Ast. Dabei fragte sie sich, wie weit sie noch rutschen konnte. „Hier, Well…“

Im nächsten Moment ertönte ein lautes Knacken, und plötzlich fiel sie. Sie prallte auf den Ast darunter und rutschte hinunter, drehte sich und streckte dabei verzweifelt die Hände aus. Plötzlich fiel sie nicht mehr, denn es war ihr gelungen, sich an einem Ast festzuhalten. Unter ihr schrien einige Frauen, die sie beobachteten. Ihr Magen krampfte sich zusammen, als sie feststellte, wie tief es noch war. Ich werde sterben, ging es ihr durch den Kopf, und nur, weil ich versucht habe, einen albernen Papagei zu retten.

Dann blickte sie über den Rasen vor dem Haus und weiter in die Ferne. Und dort sah sie ein kastanienbraunes Pferd, dessen Fell in der Sonne schimmerte, den Weg entlang auf den Baum zugaloppieren. Darauf saß ein Mann nach vorn gebeugt, als wäre er eins mit dem Tier. Sein Hut war hinuntergefallen, und sein Haar glänzte golden in der Sonne. Ihr wurde warm ums Herz, und Kyria schöpfte wieder Hoffnung.

Sie umklammerte den Ast noch fester, während sie beobachtete, wie er wie ein Zentaur auf sie zuritt. Die Gäste und Bediensteten wichen zur Seite, als er über die niedrige Hecke setzte, die den Weg von der Rasenfläche trennte, und auf den Baum zugaloppierte. Sie spürte, wie sie den Halt verlor, und ihr Magen krampfte sich zusammen.

Der Reiter zügelte das Pferd unter dem Baum, stellte sich in die Steigbügel und hob die Arme. „Lassen Sie los“, rief er. „Ich fange Sie auf.“

Kyria hielt sich noch einen Moment fest, aus Angst loszulassen. Dann atmete sie tief durch, schloss die Augen und öffnete die Hände. Sie fiel und verspürte für einige Sekunden Angst. Dann prallte sie mit dem Fremden zusammen. Blitzschnell legte er die Arme um sie, bevor sie beide vom Pferd fielen und auf dem Boden aufprallten.

Verblüfft lag Kyria da. Langsam öffnete sie die Augen. Sie lag an die muskulöse Brust des Reiters geschmiegt, die Wange an seinem weißen Hemd, und hörte seinen Herzschlag. Vorsichtig bewegte sie sich und stellte dabei fest, dass sie unverletzt zu sein schien. Sie hatte überlebt. Als sie den Kopf hob, blickte sie in die blauesten Augen, die sie je gesehen hatte.

Es schien ihr, als könnte sie nicht atmen, als könnte sie den Blick nicht abwenden. Der Fremde lächelte jungenhaft, und das Grübchen in seinem gebräunten Gesicht ließ ihr Herz einen Schlag aussetzen. Noch nie hatte sie so empfunden, und dieses Gefühl erschreckte und ärgerte sie gleichermaßen.

„Na, hallo, meine Liebe“, sagte er mit tiefer Stimme und leichtem Akzent, ein amüsiertes Funkeln in den Augen. „Hätte ich gewusst, dass man sich in England einfach eine schöne Frau vom Baum pflücken kann, wäre ich früher hierhergekommen.“

Sein Akzent und der Klang seiner Stimme wärmten sie von innen. Kyria spürte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg, und hätte beinah gekichert. Dieser Impuls ärgerte sie noch mehr. Noch nie hatte sie sich wie ein albernes Schulmädchen benommen. Offenbar war dieser anziehende Fremde es gewohnt, dass naive Frauen sich so verhielten, wenn er sie anlächelte. Kyria machte ein finsteres Gesicht.

„Ich finde das nicht amüsant“, konterte sie, was selbst in ihren Ohren zimperlich klang.

„Ach ja?“ Er lächelte unbeirrt. „Mir macht es immer Freude, hübsche junge Frauen von Bäumen zu retten.“

Widerstrebend blickte sie ihn an. Der Mann besaß nicht einmal den Anstand, so zu tun, dass sie nicht waghalsig gewesen war. Ein Gentleman hätte allen Anwesenden ermöglicht, das gerade Geschehene zu ignorieren. Schlimmer noch, er versuchte mit ihr zu tändeln!

„Ich musste nicht gerettet werden“, erklärte sie überheblich.

Nun lächelte er noch breiter. „Ach nein? Mein Fehler.“

Kyria schnitt ein Gesicht und wollte sich aufsetzen. Flüchtig spannte er den Arm um ihre Taille an und hielt sie dabei viel zu eng an sich. Wütend funkelte sie ihn an, doch bevor sie etwas sagen konnte, löste er sich von ihr und stand geschmeidig auf, immer noch unerträglich lächelnd.

Dann beugte er sich zu ihr herunter und streckte ihr die Hand entgegen. Doch sie ignorierte es und stand auf. Dabei blickte sie zu den Gästen und Bediensteten, die alle sichtlich schockiert dastanden und sie beide erstaunt betrachteten. Schließlich erwachten sie aus ihrer Starre und eilten alle durcheinanderredend auf sie zu.

„Oh, Mylady!“ Smeggars erreichte sie zuerst. „Sind Sie verletzt?“

„Es geht mir gut“, versicherte Kyria, während sie ihre Röcke ausschüttelte. Prompt errötete sie wieder, als sie daran dachte, wie viel Bein sie ihrem Retter gezeigt hatte.

„Cousine Kyria!“ Wilhelmina ergriff die Gelegenheit, in Tränen auszubrechen, und presste sich ein Taschentuch vors Gesicht.

„Verdammte Heulsuse!“, verkündete Lord Penhurst.

„Also, ich …“, begann Cousine Wilhelminas Begleiterin entrüstet, verstummte jedoch unter dem strengen Blick von Lady Rochester.

Deren Zofe war ihr anscheinend zu Hilfe geeilt, denn die unbeugsame alte Lady trug nun eine elegante spitzenbesetzte schwarze Haube. Auf ihren Stock gestützt, betrachtete sie Kyria und stieß einen missbilligenden Laut aus. „Du wirst dir eines Tages noch das Genick brechen, Kyria, so, wie du die Dinge angehst. Lass dir das gesagt sein.“

„Ja, Tante“, erwiderte Kyria widerspruchslos, weil sie die Kritik ihrer Großtante zu sehr gewohnt war.

„Wer, zum Teufel, sind Sie?“, wandte diese sich dann unverblümt an Kyrias Retter.

Charmant lächelnd verneigte der Fremde sich elegant vor ihr. „Rafe McIntyre, Ma’am, zu Ihren Diensten.“

Lady Rochester bemühte sich, missbilligend zu wirken, doch das Lächeln, das ihre Lippen umspielte, entging Kyria nicht.

„Sie sind Amerikaner?“ Cousine Wilhelmina hatte ihre Tränen vergessen und blickte McIntyre starr an.

„Ja, Ma’am, ich gestehe, dass ich es bin. Ich bin ein Freund des Bräutigams.“

„Oh!“ Kyria wirbelte zu ihm herum, denn nun wurde ihr bewusst, wer er war. „Sie sind Stephen St. Legers Partner.“ Er war außerdem ein guter Freund von Stephen und würde bei der Hochzeit als dessen Trauzeuge fungieren. Und sie war ihm ziemlich unhöflich begegnet, wie ihr nun in einem weiteren Anflug von Verlegenheit bewusst wurde.

„Ehemaliger Partner“, verbesserte er sie, wobei er sie wieder mit seinen strahlend blauen Augen ansah.

Er war zweifellos anziehend. Seine hellen Augen und sein strahlendes Lächeln hätten schon genügt, doch er war außerdem groß und breitschultrig und hatte ein markantes Gesicht. Sein dichtes hellbraunes Haar war nur etwas zu lang und zerzaust und von goldenen Strähnen durchzogen. Kyria war davon überzeugt, dass die Hälfte der Frauen im Haus für ihn schwärmen würden. Und dass er kein Adliger war, würde er mehr als wettmachen, weil er zusammen mit Stephen mit dem Abbau von Silber ein Vermögen verdient hatte. Aus irgendeinem Grund ärgerte diese Vorstellung sie noch mehr.

„Ich muss wirklich sagen“, begann Lord Marcross, der nun auf ihn zuging und ihm die Hand entgegenstreckte, „Sie sind ein verdammt guter Reiter.“

„Der Verdienst gebührt dem Pferd, fürchte ich“, tat McIntyre das Kompliment ab, bevor er sich nach seinem Pferd umsah.

Der Braune stand einige Meter entfernt und graste ungerührt. Jungenhaft lächelnd ging McIntyre auf ihn zu, nahm die Zügel und strich ihm über den Hals. „Die Hälfte der Zeit wirkt er, als würde er gleich einschlafen, aber er kann fliegen.“

„Haben Sie ihn in England gekauft?“, fragte Cousin Albert.

„In Irland“, erwiderte McIntyre und wurde im nächsten Moment von mehreren Männern umringt, die mit ihm über Pferde fachsimpeln wollten.

„Oh!“ Erst jetzt dachte Kyria wieder an den Papagei. „Wellie! Wo ist er? Ist er weggeflogen?“

Sie wandte sich um, um in den Baum zu blicken. Und tatsächlich sah sie etwas weiter unten etwas Rotes und Blaues aufblitzen. Im nächsten Moment kreischte Wellie, anscheinend verärgert, weil man ihn ignorierte.

Rafe, ins Gespräch vertieft, blickte sie an. „Waren Sie deshalb oben im Baum? Wollten Sie den Papagei fangen?“

Als sie nickte, steckte er zwei Finger in den Mund und pfiff durchdringend. Zu ihrem großen Verdruss flatterte der Papagei daraufhin auf und flog in einem großen Bogen zu ihm, um auf seine Schulter zu landen.

„Guter Wellie!“, krächzte er.

Während Kyria sie beide wütend anfunkelte, strich Rafe ihm lachend über den Kopf.

„Widerwärtiger Vogel“, bemerkte Lady Rochester bitter. „Ich habe immer gesagt, dass es lächerlich ist, in England einen Papagei zu halten. Sie gehören nach Afrika.“

„Auf die Salomoninseln, Tante“, verbesserte Kyria sie. „Von dort kommt er.“

„Nie davon gehört“, erwiderte Lady Rochester verächtlich. „Ich weiß wirklich nicht, warum dein Bruder ihn für ein geeignetes Geschenk gehalten hat.“

„Ich habe einen Käfig, Mylady“, ließ sich Jenny, das Dienstmädchen, vernehmen, während sie einen kleinen Käfig hochhielt. „Cooper hat ihn aus dem Kinderzimmer geholt.“

Als Rafe Kyria fragend ansah, nickte sie. „Ja, bitte setz ihn hinein. Dann bring ihn ins Kinderzimmer, Jenny, und setz ihn in den großen Käfig.“ Als Jenny sie unterwürfig anblickte, gab Kyria nach. „Also gut, lass ihn einen Moment hier. Die Zwillinge können ihn nachher hochbringen. Wo stecken die beiden überhaupt?“

Als Jenny sich umwandte, folgte Kyria ihrem Blick. Der Hauslehrer der Zwillinge stand etwas weiter hinten und wirkte grimmig. Als Kyria ihn mit einer Geste aufforderte, kam er widerstrebend zu ihr.

„Ich weiß nicht, wo sie stecken, Mylady“, nahm er ihre Frage vorweg. „Ich habe sie mit den Geografieaufgaben allein gelassen und bin in mein Zimmer gegangen, um meine lateinische Grammatik zu holen. Als ich zurückgekehrt bin, waren sie verschwunden.“ Seine Miene verfinsterte sich noch mehr. „Ich muss Ihnen sagen, Mylady, die jungen Herren Alexander und Constantine zeigen einen Mangel an Anstand, den ich nicht hinnehmen kann.“

„Ach nein?“, fragte Kyria trügerisch ruhig. „Dann, Mr. Thorndike, muss ich Ihnen mitteilen, dass es Ihnen meiner Meinung nach an der Fähigkeit mangelt, eifrige und neugierige Kinder für ihre Fächer zu begeistern. Ich glaube, die Duchess hat Ihnen erklärt, nach welchen Methoden ihre Kinder unterrichtet werden sollen. Als ich mir letzte Woche die Arbeitstische der beiden angesehen habe …“

„Ich lehre so, wie man es mich gelehrt hat, Mylady“, protestierte der Mann.

„Durch Auswendiglernen und Wiederholen?“ Sie zog die Brauen hoch. „Geografie kann ein faszinierendes Fach sein, die Erkundung fremder Länder und Menschen – und kein Auswendiglernen von Ländern und Hauptstädten. Ich glaube, meine Mutter sollte sich ansehen, was die beiden kürzlich gemacht haben, und Ihnen vielleicht erneut erklären, was sie verlangt.“

„Das wird nicht nötig sein, Mylady“, entgegnete der Hauslehrer eisig. „Denn ich reiche meine Kündigung ein.“ Dann wandte er sich ab und marschierte hocherhobenen Hauptes davon.

Kyria stöhnte leise. „Oh nein, das ist der Dritte in diesem Jahr. Vielleicht habe ich übereilt gesprochen.“

Rafe neben ihr lachte. „Na ja, ich spreche aus Erfahrung und glaube, die Jungen werden froh über den Verlust sein.“ Nach einer Pause fügte er jungenhaft lächelnd hinzu: „Constantine und Alexander? Die Kaiser?“

„Ja. Die beiden sind Zwillinge, und Papa ist Altphilologe. Und ich bin sicher, dass die beiden sich freuen werden.“ Sie seufzte.

In dem Moment kehrte der Butler mit einem der Hausmädchen zurück. „Mylady …“

„Ja, Smeggars?“

„Martha glaubt zu wissen, wo Ihre Brüder stecken.“ Streng blickte er das junge Hausmädchen an, das nervös mit seiner Schürze spielte. „Sagen Sie es ihr, Martha.“

„Also, ich bin mir nicht sicher, Mylady“, begann das junge Mädchen schüchtern.

„Das ist in Ordnung. Erzählen Sie mir, was Sie glauben.“

„Also, ich habe heute Morgen den Kaminrost im Kinderzimmer gereinigt und die Zwillinge miteinander reden hören. Es klang so, als wollten sie auf die Jagd gehen.“

„Auf die Jagd?“, wiederholte Kyria verblüfft. „Sind Sie sicher?“

„Nein, Miss. Ich meine, ich habe sie etwas über den Squire sagen hören, und dann hat einer von ihnen, ich glaube, Master Con, gesagt, sie könnten sie abfangen, glaube ich. Sie haben darüber gesprochen, wo die Jagd stattfindet.“

„Gut. Danke, Martha.“ Kyria krauste die Stirn.

„Findet heute eine Jagd statt?“, fragte Rafe.

„Ja. Unser Nachbar, Squire Winton, veranstaltet sie. Heute Morgen haben einige unserer Gäste daran teilgenommen, aber ich kann mir nicht vorstellen, warum die Zwillinge darüber gesprochen haben, daran teilzunehmen. Sie sind viel zu jung. Sie sind noch nicht einmal elf, und außerdem haben sie sich immer nur verächtlich über das Jagen geäußert. Die beiden lieben Tiere und …“ Unvermittelt verstummte Kyria und blickte den Amerikaner entsetzt an. „Du meine Güte!“

Er straffte sich „Was ist?“

„Das ist es. Sie sind dorthin gegangen, um einzugreifen. Sie wollen die Jagd stoppen!“ Stöhnend fasste sie sich an den Kopf. „Der Gutsherr wird außer sich vor Zorn sein. Und das auch noch unmittelbar vor Olivias Hochzeit! Ich muss etwas unternehmen. Ich muss die beiden stoppen.“ Sie wandte sich ab und eilte auf die Stallungen zu.

Doch Rafe folgte ihr und umfasste ihr Handgelenk. „Warten Sie. Lassen Sie mich Ihnen helfen.“

Das Gefühl seiner warmen, rauen Finger auf ihrem Arm verursachte ein Prickeln. Vorübergehend abgelenkt, blinzelte Kyria. „Aber ich … ich muss versuchen, sie zu finden. Bitte entschuldigen Sie mich. Aber …“

„Nein, das sage ich ja. Ich bringe Sie hin.“

„Wir sollen zu zweit reiten? Aber er ist sicher müde.“ Ein wenig skeptisch betrachtete sie seinen Hengst.

„Er ist kaum ins Schwitzen geraten. Glauben Sie mir, er ist kräftig. Sie müssen keine Zeit vergeuden und ein Pferd satteln lassen. Sagen Sie mir einfach, wohin wir reiten müssen.“ Kurzerhand umfasste er ihren Arm und führte sie zu seinem Pferd. Nachdem er ihr hinaufgeholfen hatte, saß er hinter ihr auf.

„Wohin?“ Er legte die Arme um sie, als er die Zügel nahm.

Schweigend deutete sie in die entsprechende Richtung. Er gab dem Pferd die Sporen, und sie galoppierten davon.

2. KAPITEL

Kyria saß seitlich im Sattel, an seine Brust gepresst, und Rafe hatte die Arme um sie gelegt, weil er die Zügel hielt. Sie wurde von seiner Körperwärme umfangen und registrierte unwillkürlich, wie intim seine Beine ihre Hüfte berührten. Noch nie war sie so geritten, und es machte sie nervös – nicht zuletzt, weil es derart seltsame Empfindungen in ihr weckte. Eine ungewohnte Wärme durchflutete sie, ein erregendes Prickeln. Überdeutlich war ihr bewusst, wie nahe er ihr war und wie kräftig seine Arme waren.

„Ich hätte mein Pferd nehmen sollen“, sagte sie, während sie sich gegen ihren inneren Aufruhr wehrte.

„Warum?“, fragte er, wobei sein Atem ihr Haar fächelte.

„Also, ich …“ Als sie sich umdrehte, war ihr Gesicht nur wenige Zentimeter von seinem entfernt. Plötzlich wurde ihr sehr heiß, und die Kehle schnürte sich ihr zu. Kyria räusperte sich. „Ich … ich bin sicher, dass es schneller gegangen wäre. Ihr Pferd wird bestimmt müde.“

„Ich sagte Ihnen ja – er ist kräftig. Und Sie sind federleicht.“

„Wohl kaum“, erwiderte sie trocken. „Ich bin fast einen Meter achtundsiebzig groß.“

„Richtig, Sie sind groß.“ Er lächelte jungenhaft, einen anerkennenden Ausdruck in den blauen Augen. „Das ist mir sofort aufgefallen. Ich mag das. Trotzdem wiegen Sie immer noch zu wenig, um diesen Knaben hier müde zu machen.“ Er tätschelte seinem Pferd den Hals. „Sagen Sie mir einfach, wohin wir reiten müssen.“

„Reiten Sie quer über die Weide dort.“ Kyria deutete in die entsprechende Richtung und versuchte dabei vergeblich, das Gefühl seines Körpers zu ignorieren. „Ich weiß, wo sie die Hunde loslassen. Der Squire lässt die Jagd immer nach demselben Muster ablaufen. Sicher haben Con und Alex deshalb geglaubt, sie könnten sie abfangen. Wenn wir den Bedloe Hill hochreiten, sollten wir sie sehen.“

Sie galoppierten über die Weide und setzten über den Zaun am Ende, wobei der Hengst diesen kaum mit den Hufen berührte. Sicher in Rafes Armen und den Wind im ohnehin zerzausten Haar, fand Kyria den Ritt ausgesprochen aufregend. Ihr Puls raste, und sie atmete schneller, als Rafe sein Pferd weiter antrieb. Sein maskuliner Duft stieg ihr in die Nase und mischte sich mit dem Geruch des Pferdes und der frischen Herbstluft.

Sie ließ ihn auf einen Hügel zureiten, den sie dann langsam erklommen. Als es zu steil wurde, saßen sie ab und gingen den Rest des Weges zu Fuß, wobei Rafe das Pferd an den Zügeln führte.

„Ich hoffe, wir können sie finden, bevor die Jagd endet“, sagte Kyria besorgt. „Squire Winton wird wütend sein, wenn die Jungen ihm alles ruinieren. Er hatte sich so darauf gefreut, dass unsere Gäste daran teilnehmen. Und er hofft sehr, dass Lord Badgerton begeistert ist – der ist ein bekannter Jäger. Und wenn Con und Alex die Jagd ruinieren und ihn blamieren …“ Sie seufzte. „Er ist sowieso nicht besonders glücklich über die beiden, seit ihre Boa entwischt ist und …“

„Ihre was?“, fiel Rafe ihr ins Wort.

„Ihre Boa constrictor. Sie lieben Tiere. Sie haben da oben im Kinderzimmer eine richtige Menagerie.“

„Hm.“ Fasziniert betrachtete McIntyre sie. „Und was genau … ist passiert, als die Boa entwischt ist?“

„Oh. Sie hat den Pfau des Squire gefressen.“

Als er einen erstickten Laut ausstieß, funkelte sie ihn an. „Ja, lachen Sie nur, aber ich kann Ihnen versichern, dass Squire Winton das nicht sonderlich amüsant fand. Die Zwillinge können von Glück reden, dass er zu aufgewühlt war, um sein Gewehr zu laden, sonst wäre das Augustus’ Ende gewesen.“

„Augustus ist also die Boa, nehme ich an.“

„Ja. Reed musste sein ganzes diplomatisches Geschick – und eine beträchtliche Summe – aufwenden, um ihn zu beschwichtigen. Squire Winton war unglaublich stolz auf diesen Pfau. Ich hingegen finde, dass es kein großer Verlust war. Ich fand Pfauen im Garten immer zu prachtvoll. Außerdem geben sie schreckliche Laute von sich.“

„Da stimme ich Ihnen zu.“ Seine blauen Augen funkelten amüsiert.

Kyria warf ihm einen strengen Blick zu, während sie ein Lächeln unterdrückte. „Sie haben gut reden. Schließlich haben Sie den Mann nicht zum Nachbarn.“

„Nein. Zum Glück“, fuhr er ernst fort, „wenn man bedenkt, dass Pfauen ständig kreischen – oder wie man es nennt.“

„Sie schreien, als würde man sie umbringen“, meinte sie angewidert.

„Ich schätze, man hat es dann nicht gleich gemerkt, als Augustus ihn erwischt hat.“

Sie lachte schallend und schlug sich dann die Hand vor den Mund. „Sie schrecklicher Kerl! Das ist überhaupt nicht komisch.“

Schalkhaft lächelte er. „Ich weiß. Deshalb haben Sie ja auch nicht gelacht.“

„Ja, ich hätte das nicht sagen sollen.“

Nun erreichten sie den Kamm des Hügels und blickten nach unten. „Da!“, rief Kyria, während sie mit dem Finger auf etwas deutete. „Ich sehe einen roten Mantel. Oh nein! Sie sind stehen geblieben. Du meine Güte, das müssen die Zwillinge sein.“

„Dann lassen Sie uns hinreiten.“ Nachdem Rafe sie in den Sattel gehoben hatte, saß er auf und ritt los.

Da sie die Gestalten bald nicht mehr sehen konnten, ritten sie weiter in die Richtung und unten durch eine Baumgruppe. Auf einem schmalen Pfad angekommen, ließ Rafe sein Pferd galoppieren. Nachdem sie eine weitere Baumgruppe umrundet hatten, erreichten sie eine Grasfläche.

Und dort trafen sie auf zahlreiche Jagdteilnehmer zu Pferd. Rafe hielt den Hengst zu einer langsameren Gangart an und ritt durch die Gruppe nach vorn, wo die Hundehüter die bellende, hechelnde Meute in Schach hielten. Vor ihnen stand ein untersetzter Mann mit breiten Koteletten, der anhand seines roten Mantels als Jagdmeister zu erkennen war. Seine Wangen hatten fast dieselbe Farbe wie sein Mantel, und er gestikulierte lebhaft, während er die beiden Jungen vor sich anschrie.

Rafe erkannte sofort, dass es sich um die Zwillinge handeln musste. Gertenschlank und größer als die meisten Zehnjährigen, mit schwarzem Haar und blauen Augen, waren sie sich zum Verwechseln ähnlich. Die Schultern gestrafft, standen sie da. Hinter ihnen kauerte unter einem Busch ein kleiner Fuchs.

Kaum hatte Rafe sein Pferd gezügelt, sprang Kyria ab und lief auf ihre Brüder zu. Nachdem er sein Pferd am nächsten Busch festgebunden hatte, folgte er ihr.

„Squire Winton!“ Sie lief zwischen die drei. „Es tut mir so leid. Ich entschuldige mich für die beiden.“ Dann wandte sie sich zu ihren Brüdern um und funkelte sie an. „Was habt ihr euch nur dabei gedacht?“

Die beiden Jungen verschränkten fast gleichzeitig die Arme und erwiderten stur ihren Blick. „Das ist grausam und falsch, Kyria“, sagte einer von ihnen. „Das hast du selbst gesagt und Mutter auch.“

„Ja, ich weiß“, erwiderte sie. „Aber ihr habt nicht das Recht, die Jagd des Squire zu stören.“

„Aber welches Recht haben sie, die armen, wehrlosen Tiere zu töten?“, konterte der andere Junge.

Daraufhin schrie der Squire und drohte ihnen mit seiner Reitgerte. „Ihr kleinen Satansbraten! Man sollte euch übers Knie legen!“

Kyria wirbelte herum und betrachtete ihn kühl. „Darf ich Sie daran erinnern, Sir, dass die Züchtigung der Zwillinge allein ihrer Mutter und ihrem Vater und nicht Ihnen obliegt.“

„Die beiden sind unverbesserlich!“

Ihre Augen blitzten. „Das sind sie nicht! Sie sind ganz normale Jungen mit einem guten Herz, die Tiere mögen und es ablehnen, wenn man zum Vergnügen tötet.“

„Sehen Sie?“ Er zeigte mit dem Finger auf sie. „Genau deshalb sind die beiden so geraten. Sie alle ermutigen sie, über die Stränge zu schlagen und …“

Kämpferisch stemmte Kyria die Hände in die Hüfte. „Wir ermutigen sie, eigenständig zu denken.“

„Man sollte sie an die Kandare nehmen.“ Seine Augen traten hervor, und sein Gesicht färbte sich noch dunkler, als er einen Schritt auf die Zwillinge zu machte, die Reitgerte drohend erhoben.

Schnell stellte Rafe sich zwischen Kyria und ihn und schob dabei die Hand unter seinen Mantel. „Moment.“

„Wer, zum Teufel, sind Sie?“, fuhr der Squire ihn an.

„Ich“, erwiderte Rafe, während er seine kurzläufige Pistole herauszog, „bin der Mann mit der Schusswaffe.“ Unter den erstaunten Blicken aller Anwesenden fuhr er fort: „Ich schlage vor, dass Sie von der Lady und diesen Kindern zurücktreten und sich etwas beruhigen. Wie klingt das?“

„Was?“ Starr betrachtete der Squire die Pistole, bevor er ihn wieder ansah. „Aber … aber …“

„Ich weiß, was Sie denken“, fuhr Rafe freundlich fort. „Sie denken, dies ist eine recht kleine Pistole für einen Mann, und da haben Sie recht. Aber ich habe festgestellt, dass die Leute in diesem Land mich schief ansehen, wenn ich mit einem Colt im Holster auf die Straße gehe. Also dachte ich mir, diese Pistole hier wäre besser, weniger furchteinflößend, und außerdem kann ich sie in einer Innentasche meines Mantels bei mir führen. Sie stört nicht einmal die Silhouette.“

„Verdammt!“, hörte er einen der Jungen hinter sich leise sagen, während der Squire schnell einen Schritt zurückwich.

„Mr. McIntyre …“, begann Kyria unsicher.

„Keine Angst. Ich habe nicht vor, jemanden zu erschießen“, versicherte Rafe fröhlich. „Jedenfalls noch nicht. Aber ich glaube, wir können die Tatsachen jetzt in Ruhe besprechen. Nicht wahr, Mr. Winton?“

Der Squire nickte, während er einen weiteren unbehaglichen Blick auf seine Pistole richtete.

Nachdem Rafe sie wieder eingesteckt hatte, trat er einen Schritt zur Seite und beugte sich zu Kyria herunter. „Sie erinnern sich vielleicht, dass Sie eine große Auseinandersetzung verhindern wollten“, sagte er leise.

Sie schnitt ein Gesicht, doch dann wandte sie sich an den Squire und sagte viel freundlicher: „Bitte nehmen Sie meine Entschuldigung an, Squire. Die Jungen kommen sofort mit mir nach Hause, und ich werde mein Bestes tun, um zu verhindern, dass so etwas wieder passiert.“

„Aber Kyria …“, protestierte einer der beiden.

Doch sie brachte ihn mit einem scharfen Blick zum Schweigen, bevor sie sich wieder an den Squire wandte. „Ich möchte nicht, dass die langjährige Freundschaft zwischen unseren beiden Familien durch Unannehmlichkeiten irgendeiner Art gefährdet wird. Der Duke und die Duchess haben immer ihre Dankbarkeit darüber ausgedrückt, dass sie einen so guten Nachbarn wie Sie haben.“

„Aber die beiden haben die Jagd gestoppt!“, beharrte dieser lautstark.

„Ja, ich weiß, und ihr Verhalten war ungebührlich“, beschwichtigte Kyria ihn. „Ich versichere Ihnen, dass ich die Angelegenheit mit meiner Mutter und meinem Vater besprechen werde.“

„Aber was ist mit der Jagd?“, klagte der Squire.

„Warten Sie“, ließ Rafe sich wieder vernehmen. „Entschuldigung, ich bin Amerikaner, also vielleicht kann ich hier nicht mehr ganz folgen. Sie sagen, dass Sie alle hier mit den Pferden und den Hunden versuchen, diesen einen kleinen Fuchs zu stellen?“

„Ja, natürlich. Schließlich handelt es sich um eine Jagd.“ Der Squire warf ihm einen verächtlichen Blick zu.

„Oh, verstehe.“ Nachdenklich nickte Rafe. „Ich dachte nur … Also, in meiner Heimat jagt man so einen Schädling ganz allein, wissen Sie. Man braucht keinen Haufen Helfer dafür.“

Seine Worte schienen den Squire zu verärgern. „Ja, natürlich brauche ich keine Hilfe. So wird es nun mal gemacht.“

„Oh. Ja, sicher.“ Rafe sah sich um. „Es ist nur … Ich glaube, die andere Partei wollte nicht mehr warten.“

Er wandte sich um und blickte vielsagend auf den Busch, vor dem die Zwillinge standen. Die beiden drehten sich ebenfalls um und grinsten dann. Der kleine rote Fuchs, der sich unter dem Busch versteckt hatte, war verschwunden.

„Verdammt!“, fluchte der Squire. Dann funkelte er Kyria an. „Ihr Vater wird von mir hören.“

„Bestimmt wird er die Angelegenheit gern mit Ihnen besprechen.“

Ein letztes Mal drohte er den Zwillingen mit seiner Reitgerte. „Man sollte die beiden anleinen!“ Dann wandte er sich ab und marschierte zu seinem Pferd.

Seufzend blickte Kyria ihm nach.

Die Brauen hochgezogen, sah Rafe sie an. „Also, verraten Sie mir eins. Ist dies das, was man hier einen ganz normalen Tag nennt?“

Nun musste Kyria lachen. „Leider ja.“ Dann drehte sie sich zu den Zwillingen um, die nun interessiert auf Rafe und sie zueilten.

„Was für eine Waffe!“, rief Alex. „Darf ich sie mir mal ansehen? Bitte!“

Rafe nahm sie wieder aus dem Mantel und hielt sie ihm entgegen. „Ja, aber du darfst sie nicht berühren. Sie ist geladen. Wenn wir im Haus sind, entlade und säubere ich sie. Danach darfst du sie in die Hand nehmen.“

„Wirklich?“ Alex grinste. „Das wäre sehr nett von Ihnen.“

„Die ist so klein!“ Con betrachtete sie ebenfalls. „So etwas habe ich noch nie gesehen.“

„Sie heißt Derringer. Sie zielt nicht gut. Man kann nur aus der Nähe schießen, aber sie ist praktisch.“

„Ich muss sagen“, sagte Kyria verärgert, „dass ihr beiden Jungen wirklich ein makabres Interesse an Schusswaffen an den Tag legt, wenn man bedenkt, dass ihr euch für den armen Fuchs eingesetzt habt.“

„Das ist nicht dasselbe!“, protestierte Con. „Sie wollten den armen Fuchs aus Spaß am Töten erschießen. Theo sagt, man braucht eine Schusswaffe.“

„Sicher, wenn man im australischen Busch ist, so wie Theo es war“, pflichtete sie ihm bei. „Aber darum geht es nicht. Warum musstet ihr das hier machen? Und das ausgerechnet in dieser Woche?“

Con zuckte die Schultern, doch Alex erwiderte ernsthaft: „Nun, ich dachte, diese Woche wäre besonders wichtig. Schließlich ist es die größte und wichtigste Jagd des Squire, insbesondere mit unseren Gästen als Teilnehmer.“

„Genau das meine ich ja. Ihr habt den Mann vor einigen der Leuten bloßgestellt, die er am meisten beeindrucken will. Jetzt wird es umso schwieriger sein, ihn zu beruhigen. Und ich schätze, unsere Gäste waren darüber auch nicht allzu erfreut.“

„Mutter sagt, man darf nicht von seinen Überzeugungen abweichen, nur weil die meisten Menschen anders denken“, erklärte Alex.

Kyria stöhnte. „Das glaube ich dir. Aber sie ist ja auch nicht diejenige, die eine große Anzahl von Gästen unterhalten und Olivias Hochzeit organisieren muss.“ Dann blickte sie sich um. „So, wo sind eure Ponys? Wir reiten jetzt nach Hause, und dann könnt ihr Tante Hermione erklären, warum euer Papagei entflogen ist …“

„Nein!“, riefen die Jungen einstimmig alarmiert.

„Geht es Wellie gut?“, fügte Alex besorgt hinzu.

„Ja, natürlich geht es ihm gut. Diese elende Kreatur ist unverwüstlich“, erwiderte sie ironisch. „Aber er ist durchs ganze Haus geflogen und hat für große Aufregung gesorgt. Und dann hat er die Perücke eurer Großtante stibitzt und zerpflückt.“

Fassungslos sahen die Zwillinge sie an.

„Wirklich?“, fragte Con schließlich beeindruckt, während Alex kicherte.

„Oh ja, sehr komisch“, sagte Kyria. „Ich bezweifle, dass es das noch ist, wenn ihr eurer Großtante gegenübertreten müsst.“

„Bestimmt nicht“, bestätigte Alex. „Aber ihre Strafpredigt und ein paar Stockhiebe sind mir immer noch lieber als ein Vortrag von Papa. Er sieht mich dann immer so seltsam an, und ich weiß, dass ich ihn enttäuscht habe.“

Verhalten lächelnd blickte Rafe sie an. Unwillkürlich dachte Kyria an den Moment, als sie ihm sprichwörtlich in die Arme gefallen war. Seine Wärme hatte sie umfangen, und sie hatte seinen muskulösen Körper gespürt. Genauso deutlich erinnerte sie sich an das Prickeln, das sie dabei überlaufen hatte. Prompt stieg ihr das Blut ins Gesicht, und sie wandte sich schnell ab.

Die Zwillinge bedankten sich nun bei ihm, doch er hob die Hand. „Es war eure Schwester, die ihr Leben riskiert hat, um den Papagei zu fangen, ganz zu schweigen davon, dass sie sich mit eurem Lehrer und dem Squire auseinandergesetzt hat. Also solltet ihr euch bei ihr bedanken.“

„Das machen wir!“, versicherte Con, bevor er sie stürmisch umarmte.

Alex schloss sie ebenfalls in die Arme. „Du bist die Beste!“

Lachend küsste Kyria die beiden aufs Haar. „Freut mich, dass ihr das erkennt. Das bedeutet aber nicht, dass ich mich bei Mutter für euch einsetzen werde. Da seid ihr beide auf euch allein gestellt.“

„Aber sie hat uns doch beigebracht, dass wir für unsere Überzeugungen eintreten müssen“, verkündete Con. „Sie sollte nicht so wütend werden, oder?“

„Sie hat es bestimmt nicht so gemeint, dass ihr euch von euren Aufgaben fortstehlt und dem Squire auflauert. Und sie wird auch nicht begeistert darüber sein, dass euer Hauslehrer gekündigt hat.“

„Old Thorny?“, rief Alex. „Du machst Spaß! Er hat sich aus dem Staub gemacht?“

Con sprang in die Luft und stieß dabei einen Freudenschrei aus. „Zum Glück! Er war der schlimmste Lehrer, den wir je hatten.“

„Nein“, widersprach Alex. „Spindleshanks war der schlimmste.“

„Er war der gemeinste“, räumte sein Bruder ein. „Aber er war nicht so langweilig wie Old Thorny. Bei Mr. Thorndike mussten wir immer nur abschreiben, und das ist so langweilig.“

„Schon möglich, aber ihr beide habt einen zu hohen Verbrauch an Lehrern“, stellte Kyria fest, musste ihre Brüder dabei jedoch anlächeln. Sie liebte die beiden über alles und hasste es, wenn jemand sich abfällig über sie äußerte. Manchmal brachten die Eskapaden der beiden sie zur Verzweiflung, doch sie wusste, dass die beiden nie in böser Absicht handelten. Sie waren einfach lebhafte, intelligente Jungen, deren Neugier und Furchtlosigkeit sie manchmal auf Wege führte, die andere Kinder nicht eingeschlagen hätten. Kyrias Meinung nach war das eine gute Eigenschaft.

Inzwischen hatten sie die Baumgruppe erreicht, wo die Jungen ihre Ponys festgebunden hatten. Und nach einer kurzen Debatte nahm Kyria Alex’ Pony und die beiden Cons – obwohl sie lieber bei Rafe mitgeritten wären. Nachdem dieser ihr auf das Pony geholfen hatte, saß er auch auf, und sie ritten los.

Kyria blickte zu Rafe. Sie erinnerte sich daran, wie sie vor ihm auf dem Pferd gesessen hatte, und erschauerte. Dass sie es bedauerte, jetzt nicht bei ihm mitzureiten, schockierte sie ein wenig.

Sie gehörte nicht zu den Frauen, die für Männer schwärmten. Anders als ihre Freundinnen hatte sie nie über gewisse Attribute bei Männern getuschelt und gekichert. Es gab Männer, die sie sehr anziehend fand, und andere, die charmant oder intelligent waren – und selten vereinte ein Mann all diese Eigenschaften. Aber auch wenn sie einen Mann gut aussehend fand, erregte er kaum ihr Interesse. Schon vor langer Zeit war ihr bewusst geworden, dass sie schlichtweg nicht zu den Frauen gehörte, die sich Hals über Kopf verliebten.

Ihre Freundinnen sagten ihr immer, sie würde zu viel nachdenken und zu wenig empfinden. Und der Spitzname, den die begehrten Junggesellen der Londoner Gesellschaft ihr gegeben hatten – Die Göttin –, spiegelte nicht nur ihre klassische Schönheit, sondern auch ihre leichte Distanziertheit wider. Dass sie jahrelang alle Männer, die um ihre Hand angehalten hatten, abgewiesen hatte, hatte ihr so manchen Kummer bereitet. Sie hätte gern die Liebe erfahren, die ihre Eltern offenbar miteinander verband. Doch es war ihr nur recht. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, waren Ehemänner ihrer Einschätzung nach herrisch und überfürsorglich und Frauen ihnen nicht gleichgestellt. Wenn eine Frau heiratete, gab sie nicht nur ihren Namen, sondern auch ihre Freiheit auf. Schon vor langer Zeit hatte Kyria beschlossen, niemals zu heiraten, und die Jahre, die sie seit ihrer Einführung in die Gesellschaft verbracht hatte, hatten sie in ihrem Entschluss nur bestätigt.

Kyria blickte wieder Rafe an, der langsam neben ihren Ponys herritt und mit geneigtem Kopf dem Geplapper der Zwillinge lauschte. Er war, wie sie leicht gereizt dachte, genau der Typ Mann, für den die meisten Frauen schwärmten. Wenn sie ihn den anderen Gästen vorstellte, würden die weiblichen gewiss darum wetteifern, sich mit ihm zu unterhalten. Das zerzauste Haar … die breiten Schultern … die himmelblauen Augen … das strahlende Lächeln … Sie konnte sich gut vorstellen, wie die Ladys aufgeregt um ihn herumschwirren würden.

Er war ein Charmeur, ein Mann, der gern eroberte. Er würde eine Lady mit seinen Schmeicheleien umwerben und hoffen, sie seiner Sammlung hinzuzufügen. Man hatte sie vor neun Jahren in die Gesellschaft eingeführt, und sie kannte diesen Typ Mann gut. Außerdem war sie versiert darin, den Avancen solcher Männer auszuweichen. Energisch presste sie die Lippen zusammen. Mr. McIntyre würde bald herausfinden, dass sie ihm nicht in die Klauen fiel – natürlich im übertragenen Sinn, rief sie sich ins Gedächtnis. Ihre Mundwinkel zuckten, als ihr unerschütterlicher Humor zum Vorschein kam. Schließlich war sie ihm schon in die Arme gefallen.

Der Ritt zurück dauerte länger, und die Zwillinge plauderten unentwegt und wollten alles über die Flucht ihres Papageis von ihr wissen. Dann überlegten sie, wie man sie für ihre Eskapaden bestrafen könnte, bestürmten Rafe mit Fragen über sein Pferd, seine Pistole, seinen Akzent und andere Dinge, die ihnen einfielen. Normalerweise hätte Kyria sie ermahnt, doch sie hatte schnell festgestellt, dass Rafe sich den beiden gegenüber durchaus behaupten konnte. Er beantwortete einige Fragen, wich anderen aus und stellte ihnen ebenfalls zahlreiche Fragen.

Sie war ein wenig überrascht, denn als eine der regierenden Schönheiten der Londoner Gesellschaft hatte sie im Laufe der Jahre die Erfahrung gemacht, dass die meisten ihrer Verehrer den Befragungen der Zwillinge nicht standhielten. Ungeachtet der hohen gesellschaftlichen Position ihres Vaters legte ihre Familie keinen Wert auf Förmlichkeiten. Anders als in anderen adligen Familien, in denen die Kinder in ihre eigenen Räume verbannt wurden und nur zu festen Zeiten Kontakt zu ihren Eltern pflegten, hatten ihre jüngeren Geschwister ständig Umgang mit den älteren und aßen üblicherweise auch mit der Familie, es sei denn, der Duke und die Duchess gaben eins ihrer seltenen offiziellen Dinner.

Besucher empfanden die Anwesenheit der Zwillinge oft als befremdlich, und ein zukünftiger Earl, der Kyria hartnäckig umworben hatte, hatte es sogar gewagt, ihr mitzuteilen, dass er die Jungen frech fand und sich über die Erziehungsmethoden ihrer Eltern nur wundern konnte. Daraufhin hatte sie geantwortet, dass er wohl glücklicher wäre, wenn er sie nicht mehr besuchte.

Mr. McIntyre schien sich jedoch gern mit den Jungen zu beschäftigen. Auf die für ihn so typische lässige Art redete und scherzte er mit ihnen. Offenbar war er die Gesellschaft von Jungen gewohnt.

Als Kyria das wenige Minuten später bemerkte, lächelte er sie auf die für ihn so typische lässige Art an.

„Oh, ich fürchte, Sie werden feststellen, dass ich mit fast jedem zurechtkomme. Ob das eine gute Eigenschaft ist oder eine, die Sie in den Wahnsinn treibt, liegt an Ihnen.“ Mit einem Blick auf Con und Alex fügte er hinzu: „Ich glaube, ich war früher nicht viel anders – in dem Alter habe ich mir auch oft Schwierigkeiten eingehandelt.“

„Und hat sich das geändert?“, fragte sie, ein wenig überrascht über ihren neckenden Tonfall. Wenn sie sich nicht vorsah, würde er annehmen, sie schäkerte mit ihm – und das tat sie selbstverständlich nicht.

Nun lächelte er noch strahlender und zwinkerte ihr zu. „Also, ich schätze, viele Leute würden sagen, dass ich es immer noch schaffe, in Schwierigkeiten zu geraten.“

Etwas an seiner warmen, weichen Stimme und seiner lässigen Sprechweise rührte sie an. Schnell wandte sie den Blick ab und atmete erleichtert auf, als Alex mit einer neuen Frage Rafes Aufmerksamkeit beanspruchte.

Als sie wieder in Broughton Park, einem altehrwürdigen Gebäude aus grauem Stein, eintrafen, teilte ihnen der Butler, der ihnen die Tür öffnete, mit, dass die Familie Moreland sie im großen Salon erwartete. Alex und Con stahlen sich davon und liefen die Hintertreppe zum Kinderzimmer hinauf, um nach ihrem Papagei zu sehen, wie sie leise sagten.

Kyria und Rafe gingen die große Eingangstreppe hinauf. Plötzlich erschienen oben ein Mann und eine Frau und lächelten sie an.

„Kyria! Rafe!“ Die Frau kam ihnen entgegen, gefolgt von ihrem Begleiter. Sie war klein, hatte große, ausdrucksvolle braune Augen und dunkelbraunes Haar und strahlte sie an. Sie trug ein rotbraunes Samtkleid und ein gemustertes Umhängetuch, das ihr über die Schulter gerutscht war und hinter ihr herwehte. Es war ihre Schwester Olivia, die in zwei Tagen heiraten würde.

„Smeggars hat uns erzählt, was passiert ist!“, fuhr sie besorgt fort, als sie vor ihnen stand. „Geht es euch gut? Danke, mein Lieber“, sagte sie zu Stephen St. Leger, der ihr das Tuch wieder um die Schulter gelegt hatte.

„Ja, natürlich“, versicherte Kyria automatisch. Sie hatte ihre Kindheit damit verbracht, hinter ihren älteren Geschwistern herzutrotten, und sich schon vor langer Zeit daran gewöhnt, es herunterzuspielen, wenn sie sich in Gefahr befunden hatte. „Bestimmt hat Smeggars übertrieben.“

„Rafe! Ich hatte mich schon gefragt, ob du kommst.“ Olivias Verlobter schüttelte seinem Freund die Hand. „Ich habe dich schon vor Tagen erwartet und dachte, du hättest vielleicht beschlossen, dich in Irland niederzulassen.“

„Ich habe mich verspätet, weil ich ein Pferd gekauft habe“, erwiderte Rafe. „Auf dieser Reise halte ich mich an keinen Zeitplan, sondern handle nach Lust und Laune.“

„Ich kenne dich“, konterte Stephen, während sie alle die Treppe hinaufgingen. Als sie den großen Salon betraten, in dem sich die Familie Moreland versammelt hatte, herrschte lautes Stimmengewirr. Dann kam eine große Frau von klassischer Schönheit auf sie zu und übernahm souverän die Kontrolle.

„Guten Tag“, begrüßte sie ihn lächelnd, während sie Rafe die Hand entgegenstreckte. „Sie müssen Mr. McIntyre sein. Wir haben gehört, wie Sie meine Tochter heute Nachmittag gerettet haben. Dafür bin ich Ihnen sehr dankbar.“

„Ma’am.“ Rafe verneigte sich über ihrer Hand. Er musste diese Frau nur anblicken, um zu wissen, wie Kyria in dreißig Jahren aussehen würde. Die Duchess of Broughton war genauso groß wie ihre Tochter, hatte das gleiche rote Haar, allerdings mit wenigen weißen Strähnen, und ihre markanten Züge verrieten immer noch ihre frühere Schönheit.

„Ja, das war eine beeindruckende Darbietung.“ Ein Mann erschien neben der Duchess und schüttelte ihm ebenfalls die Hand. „Duke of Broughton. Freut mich, Sie kennenzulernen. Onkel Bellard ist voll des Lobes über Sie.“

„Danke, Sir. Ich habe auch eine hohe Meinung von ihm.“ Rafe war dem Onkel des Dukes vor zwei Monaten begegnet. Zusammen mit dem gelehrten alten Herrn hatte er Stephen und Olivia dabei geholfen, die Ursache für mehrere seltsame Vorfälle auf Stephens Familiensitz Blackhope Hall zu finden.

„Er möchte Sie sehr gern sehen“, fuhr der Duke fort. „Aber Sie kennen ja Onkel Bellard – er mag diese großen Zusammenkün...

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