Fairytale Brides – 4-teilige Miniserie

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FALSCHE FLITTERWOCHEN MIT DEM BRASILIANISCHEN MILLIARDÄR

Falsche Flitterwochen in Rio! Harriet genießt die sinnlichen Stunden mit ihrem Boss, dem vermögenden Unternehmer Deangelo Santos, wiegt sich mit ihm im Rhythmus des Samba. Auch wenn es nur ein Glück auf Zeit ist. Harriet spielt Deangelos Ehefrau, um ihm einen Businessdeal zu sichern. Im Gegenzug will dieser die Pflegekosten für ihren kranken Vater übernehmen. Doch unter der Sonne Brasiliens verwandelt sich der kühle Geschäftsmann in einen heißblütigen Liebhaber. Und für Harriet verschwimmen die Grenzen zwischen Spiel und Wirklichkeit …

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  • Erscheinungstag 08.10.2026
  • ISBN / Artikelnummer 9783751547956
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

JESSICA GILMORE

Falsche Flitterwochen mit dem brasilianischen Milliardär

1. KAPITEL

„Jetzt komm, Hatty. Lass es gut sein.“

Harriet Fairchild sah von ihrem Computerbildschirm hoch, ihr Kopf schwirrte von Tabellen, Zahlen und Entwürfen. Sie lächelte die zierliche Frau an, die neben ihrem hübschen alten Schreibtisch ungeduldig von einem Fuß auf den anderen trat.

„Ich muss das noch fertig machen, dann komme ich. Nur fünf Minuten, Amber, versprochen.“

„Das hast du vor zehn Minuten auch schon gesagt“, erklärte Amber. „Unsere Gäste kommen in einer Viertelstunde, und wir vier haben noch nicht einmal angestoßen. Die Tabellen sind morgen früh auch noch da.“

„Und alles andere ebenfalls, was ich bis jetzt noch nicht geschafft habe. Kaum zu glauben, dass ich so im Rückstand bin. Dabei haben wir die Agentur noch nicht einmal eröffnet.“ Harriet sicherte die Dokumente, klappte den Laptop zu und seufzte so leise, dass die quirlige Rothaarige es nicht hören konnte. Ihre neuen Geschäftspartnerinnen – die auch ihre besten Freundinnen waren – hatten großes Verständnis dafür gehabt, wenn Harriett an den meisten Tagen quer durch London gefahren war, um nach einem weiteren Vorfall bei ihrem Vater zu sein. Doch da ihre Agentur Happy End kurz davorstand, ihre Türen zu öffnen, sollte tatsächlich auch die gesamte Mannschaft in dem eleganten Stadthaus in Chelsea, in dem sie jetzt lebten, arbeiteten und träumten, bereitstehen.

„Ich kann immer noch nicht glauben, dass es wirklich wahr ist.“ Aufgeregt sprang Amber auf und ab, während Harriet den Laptop in die Schublade legte und sie zusperrte. „Dass wir es tatsächlich geschafft haben.“

„So weit sind wir noch nicht. Zuerst brauchen wir Kunden.“ Obwohl Harriet versuchte, wie immer gelassen und vernünftig zu bleiben, spürte auch sie die Aufregung, die in ihr schäumte wie der Champagner, den Emilia gleich entkorken würde.

„Darum geht es doch heute Abend. Dass wir mit unserem Unternehmen anfangen. Du wirst schon sehen, ab morgen haben wir mehr zu tun, als wir schaffen können.“

„Wenn die anderen beiden dabei sind, auf jeden Fall. Mit Emilias Fähigkeiten, eine Veranstaltung zu organisieren, und Alex’ PR-Erfahrung kann unsere Auftaktveranstaltung nur ein Erfolg werden. Und falls nicht, können wir eine ganze Woche von Kanapees und Champagner leben.“

Sie folgte Amber durch das Büro in den neu gestalteten Empfangsbereich, wo die beiden Miteigentümerinnen der Agentur bereits auf sie warteten. Als Harriet zu ihnen trat, ließ Emilia endlich den Korken knallen, während Alexandra ein Glas unter die Flasche hielt, um den Champagner aufzufangen. Lächelnd reichte sie Harriet das gefüllte Glas.

„Danke.“ Nachdem auch die anderen drei versorgt waren, stießen die vier Freundinnen an. „Auf dass Träume wahr werden und auf immerwährendes Glück“, sagte Harriet.

„Auf immerwährendes Glück“, wiederholte Emilia. Ihr Lächeln wirkte diesmal echt, und die Schatten, die sonst so oft ihren Blick verdunkelten, waren verschwunden.

„Und auf all unsere Träume.“ Alexandra war wie immer ruhig und gefasst, doch ihr Lächeln verriet aufrichtige Herzlichkeit, und die Aufregung in ihrer Stimme war nicht gespielt.

„Auf uns.“ Amber hatte ein sonniges Gemüt. Ihr Strahlen erhellte den ganzen Raum. „Wir haben es geschafft. Ich bin so stolz auf uns.“

Voller Dankbarkeit wandte Harriet sich an Alexandra. „Und dank dir, Alex, früher als geplant.“

Die große schlanke Frau schüttelte den Kopf. „Dank meiner Patentante, meinst du wohl. Sie hat mir dieses Haus hinterlassen. Ohne sie wären unsere Träume immer noch Träume.“

„Dann auf deine wunderbare Patentante.“ Amber hob wieder ihr Glas, und die kleine Gruppe murmelte respektvoll ihren Dank. Alle wussten, wie viel Glück sie gehabt hatten. Denn dank Alexandras Erbe konnten sie die Agentur nicht nur ein paar Wochen früher eröffnen als geplant, sie mussten sich auch keine Sorgen über Mieten oder weitere Unkosten machen, die normalerweise anfielen, wenn man ein neues Unternehmen ins Leben rief.

Harriet trank einen Schluck Champagner und sah sich kritisch in dem Raum um, auf der Suche nach Mängeln oder Problemen, die auftreten könnten. Die Enge in ihrer Brust verschwand, als sie nichts entdeckte. Sie waren bereit. Und nach ihrer Auftaktveranstaltung würden die wichtigen und reichen Leute von Chelsea wissen, dass es sie gab und dass sie ihre Dienste in Anspruch nehmen konnten.

Zum Glück war das kleine Stadthaus in Chelsea, das Alexandra geerbt hatte, vom baulichen Standpunkt perfekt, auch wenn die Ausstattung veraltet war. Doch alle hatten ihre Ersparnisse zusammengelegt, sodass sie die Wand zwischen dem Wohnzimmer vorn und dem Esszimmer dahinter hatten einreißen lassen können, um einen hellen, einladenden Empfangsbereich zu schaffen. Die Holzdielen schimmerten in einem warmen Goldschimmer, und die neu verputzten Wände waren über den Bilderschienen in einem matten Weiß gestrichen und darunter in einem hellen Grau. Die Kachelöfen hatten sie so lange geschrubbt, bis sie glänzten. Zwei bequeme Sofas standen sich vorn gegenüber, damit potenzielle Kunden oder die Angestellten sich auf ihnen entspannen konnten. Die Schreibtische, eine Mischung aus alt und neu, standen in zwei Reihen gegenüber dem Empfangsbereich. In den Nischen beim hinteren Kamin waren Regale untergebracht, in denen wohlgeordnet die nötigen Dokumente lagen. Ihre Absicht war es gewesen, dass dieser Raum, der für den Publikumsverkehr gedacht war, gleichzeitig professionell und einzigartig wirkte. So wie die Dienste, die sie anboten.

Die hintere Tür führte in eine kleine Küche und einen angebauten Wintergarten, den sie als Wohn- und Esszimmer nutzten. Normalerweise würde die Tür geschlossen bleiben, damit sie unter sich bleiben konnten, aber jetzt stand sie weit offen, um ihre neuen Nachbarn willkommen zu heißen. Der Kühlschrank war gefüllt mit einem weit weniger teuren Champagner als dem, den sie gerade tranken. Auf den Tischen und der Theke standen Tabletts mit Kanapees, die Amber in den letzten beiden Tagen vorbereitet hatte. Ein Duft von frischem Brot, Bienenwachs und Blumen hing in der Luft.

Die beiden Stockwerke darüber beherbergten jeweils zwei Schlafzimmer und ein Bad. Dank Alexandras Großzügigkeit gehörte das Haus ihnen allen. Die laufenden Rechnungen sollten durch die Einnahmen aus der Agentur bezahlt werden, und jede würde nur ein kleines Gehalt für den täglichen Bedarf entnehmen. Der Rest wurde zurückgelegt, bis sie eines Tages genug gespart hätten, um sich ihren Traum von Sicherheit zu erfüllen. Harriet atmete tief den einzigartigen Duft ein. Sicherheit, ein Zuhause und eine Familie.

„Noch zehn Minuten.“ Emilia brachte Harriet in die Wirklichkeit zurück. „Sind wir bereit?“

„Das Büro könnte nicht besser aussehen“, antwortete Harriet. „Und wir sehen auch präsentabel aus.“ Sie grinste, weil sie maßlos untertrieben hatte. Wie immer sahen ihre Freundinnen umwerfend aus. Sie hatten abgesprochen, dass sie alle Schwarz tragen würden. Und sollte Harriets zweckmäßiges Wickelkleid neben Alex’ elegantem Etuikleid, Ambers Cocktailkleid im Stil der 50er Jahre und Emilias luftigem Rock mit passendem Spitzenoberteil langweilig aussehen, war ihr das nur recht. Sie war es gewohnt, sich im Hintergrund zu halten. Im Grunde war es ihr sogar lieber so.

„Ich habe mit sämtlichen Nachbarn gesprochen und alle persönlich eingeladen“, meinte Amber. „Bei der Gelegenheit habe ich ihnen gleich unsere Dienste vorgestellt. Einige brauchen dringend jemanden, der auf ihre Kinder aufpasst, mit den Hunden spazieren geht und den Haushalt macht. Und ich bin von einem älteren Paar, das hier wohnt, im Park angesprochen worden. Die beiden brauchen jemanden für leichte Putzarbeit und zum Einkaufen. Ich rechne damit, dass wir noch vor Ende der Woche von einigen Familien hören werden, die wenig Zeit, aber genug Geld haben, zum Beispiel für einen Babysitter, damit sie endlich mal zum Essen gehen können …“ Amber hatte sich auf maßgeschneiderte Concierge Services spezialisiert. Bei Aion, dem Unternehmen, das sie alle vor einiger Zeit verlassen hatten, hatte sie das kleine Team geleitet, das sicherstellte, dass es den VIP-Kunden an nichts fehlte.

„Und ich habe bereits ein paar Veranstaltungen organisiert. Die Kunden sind natürlich heute Abend auch eingeladen. Einen Wohltätigkeits-Brunch und zwei Geburtstage. Einer ist für ein Kind, Amber. Vielleicht können wir da zusammenarbeiten, weil Kinder eher deine Sache sind als meine.“ Emilia lächelte ihre Freundin an. „Ich kann es gar nicht erwarten, bis es endlich losgeht. Wenn wir das alles hinbekommen, haben wir vielleicht auch eine Chance bei den Weihnachtsbällen.“

„Hier in der Straße macht ein neues Restaurant auf, ich habe angeboten, die PR für sie zu machen. Viel Geld gibt es nicht, aber es macht sich gut für unsere Auftaktveranstaltung.“ Alexandra zeigte sich begeistert. Selbst nach vier Jahren wusste Harriet immer noch nicht, was bei ihrer Freundin echt oder erfunden war, aber das spielte keine Rolle. Sie waren vier verwandte, einsame Seelen, die sich an einem Weihnachtsabend gefunden hatten und langsam zu einer Gemeinschaft zusammengewachsen waren, die einer Familie ähnelte.

„Die ganze Woche sind Zeitarbeiter zu Vorstellungsgesprächen gekommen“, warf Harriet ein. „Ich hatte gehofft, bereits weiter zu sein, aber …“

„Nichts aber. Wir haben Zeit, um die Agentur aufzubauen. Mit den richtigen Angestellten, den richtigen Klienten und dem besten Service“, versicherte Alex ihr. „Dein Dad ist wichtig, Harriet, wichtiger als alles andere. Du musst dich nicht dafür entschuldigen, dass du bei ihm warst.“

„Danke.“ Es erleichterte Harriet sehr, dass sie sich hier nicht entschuldigen oder ihre Gefühle und Bedürfnisse verstecken musste. Sie gehörte dazu. Genau das hatte sie immer gewollt. „Moment mal, hat es da eben geklingelt? Hört sich an, als wären unsere ersten Gäste gekommen …“

Deangelo Santos las nicht oft Zeitschriften – und vor allem keine Klatschmagazine. Seit er vor zwölf Jahren zum ersten Mal britischen Boden betreten hatte, las er nur Lektüre in englischer Sprache. Das knallbunte brasilianische Magazin, das auf seinem Schreibtisch lag, passte genauso wenig in sein modernes, nüchternes Büro wie ein Teddybär. Doch er hatte die Zeitschrift nicht gekauft, um sie zu lesen, sondern um sich einen wunderbaren Moment der Vorfreude zu gönnen.

Drei lächelnde Gesichter zierten die Titelseite. Alle Personen waren um die vierzig, gepflegt und zeigten eine Selbstgefälligkeit, die nur ererbte Privilegien und äußerste Arroganz mit sich brachten. Und alle drei ahnten nicht, dass ihr Leben in ein paar Wochen komplett auf den Kopf gestellt und zerstört sein würde. Mit einem schmalen Lächeln betrachtete Deangelo noch einen Moment das Cover, bevor er die Zeitschrift zwischen Daumen und Zeigefinger nahm und sie in den Papierkorb warf. Dann ging er zur Tür. Es war Zeit, seinen Plan endlich in die Tat umzusetzen.

Er stieß die Glastür auf und unterdrückte einen Seufzer, als er sah, dass die kleine Frau, die draußen am Tisch saß, kaum merklich zusammenzuckte.

„Guten Abend, Mr. Santos. Kann ich noch irgendetwas für Sie tun, bevor ich gehe?“

An der Frage war nichts Falsches, auch nicht an ihrer Wortwahl oder ihrer Arbeit. In den letzten zwei Wochen hatte sie immer an diesem Schreibtisch gesessen, wenn er morgens um halb acht nach seinem üblichen Lauf und anschließendem Konditionstraining ins Büro gekommen war. Sein Computer war bereits angeschaltet, seine To-do-Liste lag ausgedruckt auf der Tastatur, und der Kaffee stand bereit, stark und schwarz, wie er ihn am liebsten mochte. Alles war so, wie es sein sollte.

Und sie saß jeden Tag an ihrem Tisch, machte weniger als eine halbe Stunde Mittagspause, bearbeitete die eingehende Post, kümmerte sich um seine Termine, buchte Flüge, organisierte seine Meetings und sorgte dafür, dass er nur gestört wurde, wenn es nötig war.

Genauso, wie er es mochte.

Jetzt war sie immer noch da, nach zehn Stunden Arbeit. Sie beschwerte sich weder über ihren langen Tag, noch wirkte sie ungeduldig, weil sie nach Hause wollte.

Allerdings wurde sie für die Überstunden auch gut bezahlt.

Im Großen und Ganzen konnte er sich also nicht beklagen, nur weil sie kurz zusammengezuckt war.

Außer …

Außer, dass es Montag war. Was bedeutete, dass die Frau, die am Tisch seiner Chefsekretärin saß, bereits zwei Wochen und einen Tag da war.

Und mit diesem zusätzlichen Tag hatte er nicht gerechnet. Deangelo mochte Unerwartetes nicht. Er plante und überdachte jede mögliche Zufälligkeit, um das Unerwartete zu vermeiden. So wie es jeder tun würde, dessen Leben so verlaufen wäre wie seines.

Statt ihre Frage zu beantworten, drehte Deangelo sich um und ging zurück in sein Büro. Dort nahm er sein Handy aus der Tasche, drückte eine Taste und wartete ungeduldig darauf, dass sein Anruf angenommen wurde.

Es dauerte weniger als drei Sekunden. Gut so. „Guten Tag, Sir. Wie kann ich Ihnen helfen?“

„Wo ist Harriet?“, wollte er wissen.

Einen Moment war es still, bevor seine Personalchefin fragte: „Harriet?“

„Ja, Harriet. Groß, blonde Haare.“ Oder waren sie rot? Er hatte sich nie entscheiden können. Wobei ihre Haarfarbe keine Rolle spielte. Wichtig war nur, dass Harriet Fairchild dafür sorgte, dass sein Leben immer reibungslos verlief und dass alles seine Ordnung hatte. So wie es sein sollte. „Sie hat bereits zwei Wochen frei. Wann soll sie denn wieder da sein?“

„Mr. Santos, Harriet ist nicht mehr da.“

„Nicht mehr da?“

„Sie hat das Unternehmen verlassen.“

Sie hat was ? Deangelo hielt inne und versuchte sich an den Tag zu erinnern, an dem er sie zum letzten Mal gesehen hatte. Wenn er jetzt darüber nachdachte, hatte sie ein wenig abwartend gewirkt, als sie sich verabschiedet hatte. Vielleicht sogar enttäuscht? Er konnte sich kaum erinnern, weil er in dieser Woche mit seinen Plänen für Brasilien beschäftigt gewesen war und einmal nicht wie sonst an sein Geschäft gedacht hatte.

Aber wie hatte ihm entgehen können, dass sie den Konzern verlassen hatte? Zumindest erklärte das die Blumen auf ihrem Schreibtisch …

„Wo ist sie denn hin? Ich nehme an, Sie haben ihr eine entsprechende Bezahlung geboten, damit sie bleibt?“

„Natürlich. Ich weiß, wie sehr es Ihnen missfällt, wenn es Änderungen im Ablauf gibt, aber sie gründet ihr eigenes Unternehmen. Ich glaube nicht, dass wir sie durch irgendetwas zum Bleiben hätten bewegen können.“ Seine Personalchefin Sue klang nun viel selbstsicherer, was Deangelo verstand. Es war etwas ganz anderes, seine geschätzte Chefsekretärin an ihr eigenes Unternehmen zu verlieren als an einen anderen Betrieb. Trotzdem war es unangenehm. Besonders, weil ihm der größte Deal seines Lebens bevorstand, wenn nicht sogar seiner Karriere. Ein Deal, bei dem er mit ihrer Hilfe gerechnet hatte. Schnell warf Deangelo einen Blick durch die offene Tür zu der nervösen Nachfolgerin, die fleißig in ihren Computer schrieb, die Sorge in ihrem Blick jedoch nicht verbergen konnte, während sie sich auf die Lippe biss und vorgab, nicht zuzuhören. Nein, mit diesem Schauspieltalent würde sie es nie schaffen, und es war viel zu spät, jetzt noch eine andere anzulernen.

„Was ist das für ein Unternehmen?“

„Eine Agentur. Sie hat sich mit drei anderen ehemaligen Angestellten von Aion zusammengetan. Ich glaube, sie bieten einen Allround-Service an, von Eventmanagement, Chefsekretärinnen als Aushilfe, Haushaltungsmanagement bis hin zu Reputationsmanagement.“

Deangelo griff die Information auf, die für ihn relevant war. „Sie bieten Chefsekretärinnen in Zeitarbeit an. Wunderbar. Dann engagieren Sie sie wieder. Für den kommenden Monat. Ich werde ihr das Doppelte des Üblichen zahlen.“ Alles hatte seinen Preis, und eine neue Agentur konnte sicher Geld brauchen. „Sagen Sie ihr, dass ihr Ausweis gültig sein muss. Wir fliegen in zwei Wochen nach Rio, aber ich will sie morgen schon wieder hier haben.“

Damit beendete er das Gespräch, ging zu dem großen Fenster in seinem Büro und sah hinaus auf die Skyline von London. Aussichten wie diese waren Millionen wert, und Gebäude wie das, das Aion im Herzen von South Bank besaß, noch mehr. Er lebte hier in einem Penthouse Apartment. Seine Büros erstreckten sich über das gesamte Stockwerk, das darunter lag. Sein Fitnessstudio und der Swimmingpool lagen im Untergeschoss, direkt neben der Garage, in der eine Sammlung seiner geliebten alten Sportwagen stand. Der Rest des Gebäudes war für die Elite der führenden Köpfe der Welt reserviert, die alle für ihn arbeiteten. Er hatte einen weiten Weg zurückgelegt von den favelas , den Armenvierteln, bis hierher. Doch wenn er wieder nach Rio kam, wäre er dann Deangelo Santos, Gründer von Aion, Hi-Tech-Milliardär und Wohltäter oder wieder der Straßenjunge und uneheliche Sohn einer der ältesten Familien Rios? Weggeworfen wie Müll, für den sie ihn hielten.

Deangelo ballte die Hände zu Fäusten. In zwei Wochen würde er ihnen zeigen, wer er war. Und dafür musste alles perfekt sein. Er brauchte Harriet.

Wie aufs Stichwort klingelte sein Handy. Er warf einen Blick auf das Display und wurde ruhiger. Sue rief ihn an. Sicher, um ihm mitzuteilen, dass Harriet wiederkommen würde.

Mit einem knappen „Ja“ nahm er den Anruf entgegen und hörte einen Moment ungläubig zu. „Was soll das heißen, sie kann nicht?“

„Sie hat gesagt, dass sie keine Zeit hat. Sie sollen ihr eine Woche Zeit geben, damit sie eine neue Nachfolgerin finden kann, obwohl sie glaubt, dass sie dem armen Mädchen noch eine Chance geben sollten. Das waren ihre Worte, nicht meine. Sie selbst ist zu beschäftigt mit dem Aufbau der Agentur, um einen Monat wegbleiben zu können. Sie starten heute und haben abends eine Eröffnungsfeier. Ich fahre nachher auch dorthin.“

Deangelo stutzte. „Eröffnungsfeier? Wie lautet die Adresse? Wir sehen uns dann dort. Ich spreche selbst noch einmal mit Harriet.“

Er beendete den Anruf und schnitt damit Sues höflichen, aber offensichtlich panischen Widerspruch ab. Wenn Rio nach Plan verlaufen sollte, durfte nichts schiefgehen, was bedeutete, dass Harriet Fairchild mit an Bord sein musste. Und wenn er dafür nach Chelsea fahren und sie selbst überreden musste, dann würde er genau das tun. Sein Blick glitt zu dem Papierkorb und dem knallbunten Magazin. Er musste ein Versprechen einlösen, das er an einem Sterbebett gegeben hatte, und nichts und niemand würde ihm dabei im Weg stehen.

2. KAPITEL

Immer mehr Menschen drängten sich in dem Haus, ein stetiger Strom aus neugierigen Nachbarn, ortsansässigen Geschäftsleuten und sorgsam ausgewählten potenziellen Kunden. Sie probierten Ambers eindrucksvolle Kanapees und stießen mit einem Glas Champagner auf die Agentur an. Harriet beobachtete, wie Alexandra und Emilia ihren gelassenen professionellen Charme spielen ließen, während Amber die Gäste mit ihren köstlichen Leckereien verwöhnte. Harriett selbst konnte es immer noch nicht glauben. Sie hatten es geschafft. Ihre Zukunft lag nun ganz in ihren Händen, das war aufregend, aber auch beängstigend. Lange Zeit schien all das nur ein Hirngespinst gewesen zu sein.

Aber nun war aus dem Traum Realität geworden. Damit die Agentur lief, brauchten sie Klienten, und zwar schnell. Diese Party war nur der Anfang.

Harriet schob die Bedenken, die sich gern bei ihr einschlichen, zur Seite. Sie könnte jetzt an ihrem alten Schreibtisch sitzen und gleich Feierabend machen. Mit einem guten Gehalt, einer Pension – und einer gesicherten Existenz. Doch es war an der Zeit, dass sie etwas Neues wagte, ein anderer Mensch wurde. Nicht mehr die unscheinbare kleine Chefsekretärin, die eher Teil des Büromobiliars gewesen war als ein Mensch aus Fleisch und Blut. Die so unbedeutend gewesen war, dass Deangelo Santos sich nach drei Jahren nicht einmal verabschiedet hatte. Es war dumm von ihr, deswegen enttäuscht zu sein. Nur weil er sie in seltenen Momenten wirklich angesehen zu haben schien, bedeutete das noch lange nicht, dass tatsächlich eine Verbindung zwischen ihnen bestand, wie sie geglaubt hatte.

Genug davon. Sie musste Kunden anwerben und beeindrucken. Den Kopf hängen zu lassen, weil ihr alter Chef ihr gegenüber gleichgültig gewesen war, half niemandem. Sie setzte ein Lächeln auf, hob das Kinn und straffte die Schultern. Gib dich selbstbewusst, auch wenn du dich nicht so fühlst, lautete Ambers Mantra. Und genau das würde sie nun tun.

Harriet hatte sich freiwillig bereit erklärt, die Gäste an der Tür zu begrüßen, Broschüren zu verteilen und Termine und Jobs zu notieren. Small Talk war nie ihre Stärke gewesen. Ihr war es lieber, eine Aufgabe zu haben. Außerdem war das tatsächlich ihr Job. Sie würde das Büro leiten, sich um all die Zeitarbeiter kümmern, die hoffentlich bald kommen würden, und selbst notfalls als Chefsekretärin einspringen. Ihr gefiel Verwaltungsarbeit und die Tatsache, dass sie gebraucht wurde.

Außerhalb dieses Hauses gab es niemanden mehr, der sie brauchte oder der überhaupt Notiz von ihr nahm. Irgendwie hatte sie sich in der Zeit zwischen der Schule und heute in eine unsichtbare Frau verwandelt. Trotzdem würde sie die Entscheidungen, die dafür verantwortlich waren, nie bereuen. Nicht die Jahre, in denen sie ihren Vater gepflegt, Verabredungen abgesagt und die zwei möglichen Beziehungen aufgekündigt hatte, bevor etwas Ernstes daraus hätte werden können. Genauso wenig das lange Hinauszögern ihrer Einschreibung an der Universität, um die Anmeldung am Ende doch zurückzuziehen. Sie hatte niemanden gehabt, außer ihrem Vater, und er hatte nur sie gehabt.

Doch nun war seine Demenz so weit fortgeschritten, dass sie für ihn nicht einmal mehr existierte. Was blieb ihr jetzt noch?

Harriet setzte ein Lächeln auf, als ein paar Gäste, die die Broschüre der Agentur in Händen hielten, an ihr vorbei hinausgingen. Hör auf, dich selbst zu bemitleiden. Sie hatte Freunde und dank Alex’ Erbe einen neuen Job, ein neues Zuhause, ein neues Ziel und damit neue Entschlossenheit. Sie wollte nicht länger im Abseits vor sich hin darben, sondern wirklich leben, statt nur zu existieren. Ein Leben, das aus mehr bestand als Arbeit und Verantwortung, jetzt, da ihr Vater nicht mehr wusste, wer sie war, und sie nicht jede Stunde, die sie erübrigen konnte, bei ihm verbrachte. Den Anfang würde sie damit machen, sich für einen Sprachkurs einzuschreiben, der abends stattfand, einem Lesekreis beizutreten und sich für freiwillige Tätigkeiten zur Verfügung zu stellen. Nichts besonders Aufregendes für eine Frau, die gerade sechsundzwanzig geworden war, aber immer noch weitaus besser, als den Abend allein mit einem Kräutertee und einem Buch zu verbringen.

Genau deshalb sollte sie sich mit ihrem Stapel Flugblätter nicht länger im Flur verstecken, sondern sich unter die Gäste mischen, so wie ihre Freundinnen. Als sie noch bei Aion gearbeitet hatte, war sie bei vielen geschäftlichen Empfängen auf der ganzen Welt dabei gewesen. Also würde sie auch das hier schaffen. Gerade als sie sich entschlossen umdrehte, erklang die alte Glocke an der Tür.

Schnell warf Harriet einen Blick in den Spiegel, um sicherzugehen, dass sie immer noch wie eine professionelle, ehrgeizige Geschäftsfrau und Gastgeberin aussah. Ihre rötlich blonden Locken saßen perfekt, und ihre vollen Lippen hatte sie dezent mit ein wenig Farbe betont, die noch nicht verschmiert war. Ihr Wickelkleid saß, und sie hatte noch nichts verschüttet. All das konnte als Gewinn verbucht werden. Wie in den letzten beiden Stunden unzählige Male setzte sie auch jetzt ein angemessen höfliches, aber professionelles Lächeln auf und öffnete die Tür. „Willkommen …“ Harriet sah hoch, bevor sie den Satz beenden konnte, und begegnete einem Blick aus bernsteinfarbenen Augen. Sie schwankte, und die Tür fiel zu, als sie schockiert einen Schritt nach hinten machte.

Träume ich? Vorsichtig öffnete sie wieder die Tür. Nein, es war keine Einbildung. Ein großer muskulöser Mann mit dem Körper eines Straßenkämpfers und dem Gesicht eines gefallenen Engels, das verunstaltet war – oder noch schöner wirkte durch die Narbe, die rechts von der Schläfe bis zum Kinn verlief –, stand vor ihr. Ein Gesicht, das sie genauso gut kannte wie ihr eigenes, vielleicht sogar besser, weil sie es in den letzten drei Jahren jeden Tag gesehen hatte.

„Deangelo? Ich meine, Mr. Santos, was machen Sie denn hier?“

„Sie geben doch eine Party, oder nicht?“

„Äh … ja“, brachte Harriet heraus.

„Wollen Sie mich dann nicht hereinbitten?“

„Ich … natürlich.“ Schnell ging Harriet in Gedanken die vielen Einladungen durch, die sie verschickt hatte, doch sie konnte sich nicht erinnern, dass der milliardenschwere Geschäftsmann dabei gewesen war. Die Angestellten aus der Personalabteilung von Aion und einige ihrer alten Kollegen natürlich, aber nicht er. Doch sie wäre verrückt, einen Mann mit seinem Geld und seinem Einfluss abzuweisen. Und das Leuchten in seinen Augen verriet ihr, dass er sich dessen bewusst war. Harriet trat zurück und bat so nervös, als würde sie ein Raubtier in ihr Zuhause einladen: „Kommen Sie doch herein.“

Kaum hatte er den Flur betreten, schien sich die Luft zu verändern. „Die Party findet dort drüben statt. Wir erwarten auch ein paar Leute von Aion.“ Sie verkniff sich ein Lächeln, als sie daran dachte, wie schockiert diese sein würden, wenn sie ihren einsiedlerischen Boss sehen würden. „Ich führe Sie herum.“ Sie wollte mit ihm zuerst in den Empfangsbereich gehen, doch Deangelo machte keine Anstalten, ihr zu folgen.

„Warum haben Sie Nein gesagt?“

Verblüfft blieb Harriet stehen und drehte sich zu ihm um. War er deshalb hier? Sicher nicht. Sie war eine gute Chefsekretärin, aber so gut nun auch wieder nicht. „Sie meinen zu dem zeitlich befristeten Angebot? Weil ich jetzt hier arbeite. Es war freundlich von Ihnen, dass Sie an mich gedacht haben …“

Er wischte ihre Worte beiseite, als wäre ihm Freundlichkeit fremd. „Sie sind doch eine Zeitarbeitsfirma. Und ich brauche eine Aushilfe. Ich will Sie engagieren. Und es ergibt keinen Sinn, wenn Sie sich weigern.“

„Aber Sie haben doch eine Chefsekretärin. Ich habe sie selbst angelernt.“

„Sie raschelt. Und sie zuckt zusammen, wenn ich sie anspreche.“

„Sie raschelt?“ Vielleicht war das nur ein Traum. Es wäre nicht das erste Mal, dass sie von ihrem gefährlich verwirrenden Ex-Chef träumte. Doch das Zwicken in ihren Zehen, die in Ambers viel zu engen Schuhen steckten, und die Geräusche aus dem Büro und dem Empfangsbereich waren mehr als real. „Kommen Sie, wir holen uns etwas zu trinken. Die Sache können wir nicht im Flur besprechen.“ Und zu mehreren war man sicherer.

Sicherer? Wo war denn der Gedanke hergekommen? Harriet hatte noch nie ein böses Wort von dem beeindruckenden Brasilianer gehört. Allerdings hatte sie ihm auch noch nie einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Er folgte ihr durch das Büro in den Empfangsraum, und sofort wurde es leiser, als er erschien. Keiner hier konnte wissen, wer er war, weil er der Öffentlichkeit aus dem Weg ging, selbst bei seinen Wohltätigkeitsgalas. Er schützte seine Privatsphäre so penibel wie ein Geheimagent. Doch sein selbstischeres Auftreten reichte, um die vermögenden Gäste in seinen Bann zu ziehen. Harriet wich den neugierigen Blicken ihrer Freundinnen aus und führte ihn zu einem Stuhl hinten in einer ruhigen Nische. „Ich hole Ihnen etwas zu trinken.“

Sie musste nicht fragen, was. Es war nach achtzehn Uhr, was bedeutete, dass er keinen starken Kaffee mehr trank, den er so mochte. Stattdessen bevorzugte er um diese Uhrzeit eiskaltes Wasser. Keinen Alkohol, außer bei Einladungen, und selbst da trank er selten mehr als ein Glas. Harriet kannte seine Gewohnheiten besser als ihre eigenen. Schnell ging sie in die Küche, nahm eine Flasche Mineralwasser aus dem Kühlschrank, goss ein Glas voll und gab Eis und Zitrone dazu.

Als sie zurück ins Büro kam, bemerkte sie, dass er sich alles genau ansah, die Einrichtung, die Gäste, und zu Gott weiß welchem Schluss kam. Harriet hatte seinen Blick noch nie deuten können. Sie stellte das Wasser vor ihm ab und lehnte sich an den Schreibtisch gegenüber. „Willkommen in der Agentur Happy End .“

„Das ist ein hübsches Haus. Gehört es Ihnen?“

„Nein, Alex – Alexandra Davenport.“ Ihr Blick schweifte durch den Raum, bis sie Alex gefunden hatte. „Dort steht sie, am Kamin. Sie hat Ihre Medienabteilung geleitet.“

Deangelo zog die Augenbrauen zusammen. „Sie haben mit einer anderen Angestellten von Aion ein Unternehmen aufgemacht?“

„Eigentlich mit drei anderen.“ Harriet plauderte mit ihrer unverbesserlichen Aufrichtigkeit Antworten auf Fragen aus, die er nicht einmal gestellt hatte. „Emilia Clayton, die für Veranstaltungen zuständig war, und Amber Blakeley, die sich um Ihre Kunden gekümmert hat.“

Einen Moment schien er sie ungläubig anzusehen, doch eine Sekunde später wirkte seine Miene verschlossen wie immer.

„Haben Sie bei Aion nicht genug verdient?“

„Es ging nicht um Geld.“

„Es geht immer um Geld“, entgegnete er ausdruckslos.

„Wir haben bei Aion weit mehr verdient, als wir hier in den nächsten Jahren verdienen werden. Vielleicht werden wir auch nie so viel verdienen. Aber wir wollten versuchen, unser Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.“

Langsam nickte er. „Das verstehe ich, obwohl ich glaube, dass es dumm ist, solch ein Risiko auf sich zu nehmen.“

„Sie haben doch auch ein eigenes Unternehmen aufgebaut.“

Seine Miene wirkte noch verschlossener, so wie immer, wenn sie unabsichtlich etwas Persönliches anschnitt. „Aber ich hatte nichts zu verlieren. Sie hingegen hatten Sicherheit, ein gutes Gehalt, eine gute Pension. Was gewinnen Sie mit dieser Freiheit?“

„Eine Familie. Wir vier sind wie eine Familie.“ Harriet presste die Lippen aufeinander. Warum, in aller Welt, habe ich das gesagt?

Zum Glück hakte er nicht weiter nach. Warum auch? Was hatte Familie mit Geschäft zu tun?

„Wie lautet Ihr Preis, Harriet?“

Drei lange Jahre hatte sie jede Arbeitsstunde mit diesem Mann verbracht, doch nicht ein einziges Mal hatte er sie so eindringlich angesehen, als könnte er direkt in ihr Herz blicken – das viel zu schnell schlug. Es juckte sie in den Fingern, nach einem der Gläser mit Champagner zu greifen, die Amber den Gästen anbot.

Was war nur los mit ihr? In seiner Gegenwart war sie noch nie so verunsichert gewesen. Auf der anderen Seite war sie sich seiner auch noch nie so bewusst gewesen. Reiß dich zusammen. Sie versuchte, Autorität auszustrahlen. Schließlich war das ihre Agentur, ihr Zuhause. Sie hatte hier das Sagen.

„Leider kann ich Ihnen nicht helfen, Mr. Santos. Ich habe hier viel zu viel zu tun. Aber ich könnte ein paar Stunden erübrigen und Jenny beibringen, wie sie die Arbeit nach Ihren Vorstellungen erledigt. Oder soll ich jemand Passenden suchen, bis die Personalabteilung eine feste Kraft gefunden hat?“

Im Geiste ging sie die Lebensläufe durch, die sie bereits erhalten hatte. Deangelo Santos brauchte eine Aushilfe, die mit einem langen Arbeitstag, keinem Dankeschön und schroffem Verhalten zurechtkam. Und die bereit war zu reisen. Vor allem aber durfte sie sich nicht in den sehr reichen, sehr maskulinen Mann verlieben, der ihr lässig gegenübersaß. Deshalb war ihr Jenny wie die ideale Kandidatin erschienen. Sie war erfahren und hatte gerade erst geheiratet.

Deangelo beugte sich vor und sah sie unverwandt an. „Ich will, dass Sie wiederkommen.“

Ihre Wangen röteten sich. „Das ist sehr schmeichelhaft …“

„Ich habe kein Interesse, Ihnen zu schmeicheln, sondern nur eine Tatsache ausgesprochen. Demnächst werde ich in einer äußerst wichtigen Angelegenheit verreisen, und alles muss reibungslos verlaufen. Ich habe keine Zeit, jemand Neues anzulernen oder mir Sorgen um die Details zu machen.“

„Die Reise nach Rio?“, fragte sie gegen ihren Willen neugierig. Harriet hatte keine Ahnung, warum Deangelo seine Aufmerksamkeit auf den Kauf einer Hotelkette richtete, die einen Ozean entfernt lag. Er war zwar aus Brasilien, hatte aber mit achtzehn Jahren das Land verlassen, weil er ein Stipendium für Cambridge bekommen hatte. Soweit sie wusste, war er in den zwölf Jahren danach nie wieder in seine Heimat zurückgekehrt. „Die Papiere habe ich noch fertig gemacht, bevor ich gegangen bin, und ich habe Bescheid gegeben, wann Sie fliegen wollen. Bleibt nur noch, ein Hotel zu buchen und …“

„Ich brauche Sie an meiner Seite“, fiel er ihr ins Wort. „Ich bitte Sie nur um einen Monat Ihrer Zeit. Danach sind Sie frei zu tun, was immer Sie wollen.“

Harriet verkniff sich die Bemerkung, dass das sehr nett von ihm sei. Wenn sie Zeitarbeiter für Aion anbieten könnten, würden sie damit sofort in die oberste Liga aufsteigen. Aber könnte sie hier wirklich weg, wenn sie gerade erst angefangen hatten? Noch wichtiger war: Wollte sie einen Schritt zurück machen, auch wenn es nur für einen Monat war?

„Warum ich?“, fragte sie.

„Dieser Auftrag ist sehr …“, Deangelo stockte, „außergewöhnlich.“

Jetzt konnte sie ihre Neugier nicht länger verbergen. „Außergewöhnlich?“

„Ich brauche jemanden, dem ich vertrauen kann. Es geht nicht nur darum, dass Sie mich als meine Chefsekretärin begleiten.“

„Dann …“ Doch bevor sie weitersprechen konnte, klingelte ihr Handy. Sie griff danach, um es abzustellen, doch als sie die Nummer auf dem Display sah, blieb ihr Herz stehen. Das Pflegeheim ihres Vaters. „Tut mir leid, den Anruf muss ich annehmen.“

Eilig durchquerte sie das Büro und ging in die zum Glück leere Küche. „Harriet Fairchild“, meldete sie sich.

Benommen hörte sie dem Leiter des Pflegeheims zu, als er ihr erklärte, dass es einen weiteren Vorfall gegeben hatte und der körperliche Zustand ihres Vaters sich verschlechterte, genau wie die Krankheit, die sein Gehirn zerstörte. Harriet blinzelte die Tränen zurück und versuchte, sich auf die Worte des Heimleiters zu konzentrieren, der verschiedene Möglichkeiten aufzeigte, wie man die Pflege ihres Vaters intensiver gestalten könnte. Es war so unfair. Warum passierte all das gerade ihrem mutigen, starken, lustigen Dad, der sich nach dem Tod ihrer Mutter um sie gekümmert hatte, nachdem er vorher bereits ihre Halbschwestern allein großgezogen hatte? Er hatte es verdient, endlich verreisen zu können, Golf zu spielen, guten Wein zu trinken und all die Bücher zu lesen, die er noch hatte lesen wollen.

Harriet war es immer egal gewesen, dass er älter war als die Väter ihrer Freundinnen und dass die Leute ihn oft fälschlicherweise für ihren Großvater hielten. Er war ein wunderbarer, liebevoller Vater, und sie würde alles für ihn tun.

Wobei sie schon alles getan hatte, was ihr möglich war. Und jetzt, da er sie am dringendsten brauchte, wusste sie nicht, was sie tun sollte. Sie konnte die Kosten für das Heim nur noch für sechs Monate aufbringen. Die Extras, die der Heimleiter aufgezählt hatte, würde sie nicht bezahlen können.

„Ja“, sagte sie schließlich. „Ich verstehe. Natürlich. Wenn Sie mir einen Kostenvoranschlag schicken könnten, wie viel die zusätzlichen Aufwendungen kosten, wäre ich Ihnen sehr verbunden.“ Dann bedankte sie sich und versprach, rechtzeitig zur Visite des Arztes am nächsten Morgen da zu sein. Nachdem sie den Anruf beendet hatte, stand Harriet einen Moment reglos da, blinzelte heftig gegen die drohenden Tränen an und versuchte, eine gelassene, professionelle Miene aufzusetzen.

Aber es war schwer, sich wieder in die Gastgeberin zu verwandeln und nicht daran zu denken, wie viel die zusätzliche Pflege kosten würde. Nicht in Panik zu geraten, wenn nicht einmal mehr sechs Monate möglich schienen. Sie könnte es wieder bei ihren Schwestern versuchen und sie bitten, dass sie ihr diesmal mit den Kosten halfen.

Sie waren ihre letzte Hoffnung. Was bedeutete, dass es gar keine Hoffnung mehr gab.

„Verdammt“, flüsterte sie, und diesmal konnte sie die Tränen nicht mehr zurückhalten.

„Warum weinen Sie?“

Harriet zuckte zusammen und wischte sich schnell über die Augen. „Ich weine nicht“, log sie.

Bevor sie sich wieder fassen konnte, hatte Deangelo schon ihren Ellbogen genommen und geleitete sie durch die Küche in den Raum dahinter. Deangelo führte sie zum Sofa, ging zurück zum Kühlschrank und kam mit einem großen Glas Weißwein zurück.

„Trinken Sie das.“ Er reichte ihr den Wein.

„Der Wein gehört Alexandra. Sie ist die Einzige hier, die ihren ganz eigenen Geschmack hat.“ Und die Einzige, die ihr schwer verdientes Geld nur zu gern für Luxusartikel wie teuren Wein ausgab.

„Warum haben Sie geweint?“, fragte Deangelo noch einmal, nachdem ihre Tränen versiegt waren.

„Es war nichts“, antwortete sie in dem verzweifelten Versuch, das Gespräch wieder auf ein anderes Thema zu lenken. „Es tut mir leid. Das ist so unprofessionell. Wir sollten zurück ins Büro gehen und noch einmal von vorn anfangen. Sie haben gesagt, es wäre ein außergewöhnlicher Auftrag?“

„Ist es wegen Ihres Vaters?“

Harriet erstarrte. „Mein Vater?“

„Er ist in einem Heim, nicht wahr?“ Seine sonst barsche Stimme klang sanft.

„Ich … ja. Woher wissen Sie das?“

„Harriett, Sie haben lange nicht einmal zwei Meter entfernt von mir gearbeitet, und die Tür ist nicht schalldicht.“

Oh Gott! Sie hatte immer geglaubt, er hätte nichts gemerkt. Hatte er etwa jeden tränenreichen Anruf bei ihren Schwestern mitbekommen und die langen Gespräche mit dem Pflegepersonal? „Es tut mir leid. Ich habe die Zeit immer wieder reingeholt.“

„Harriet, Ihre Professionalität stand nie in Zweifel.“

Einen kurzen Moment schloss sie die Augen, um sich wieder zu fangen. „Mein Dad hat Demenz“, erklärte sie dann mit belegter Stimme. „Er braucht besondere Pflege. Kurz bevor ich anfing, bei Ihnen zu arbeiten, musste ich mich schweren Herzens dazu entschließen, ihn in ein Heim zu geben. Ich habe seine Wohnung verkauft, damit ich das Heim bezahlen kann, und so viel wie möglich von meinem eigenen Geld beigesteuert. Aber die Pflege ist sehr teuer, und ich habe fast kein Geld mehr. Also muss ich etwas viel Günstigeres finden. Das Problem ist, dass er sich dort gut eingelebt hat. Wie in einer neuen Familie. Mich erkennt er nicht mehr, seine Pfleger dagegen schon“, schloss sie traurig.

„Und trotzdem haben Sie Ihren Job aufgegeben? Warum haben Sie mich nicht nach einer Gehaltserhöhung gefragt?“

Gegen ihren Willen musste Harriet lachen. „Selbst wenn Sie mein Gehalt verdoppelt hätten und ich im Büro geschlafen und nur von Nudeln gelebt hätte, könnte ich es mir nicht leisten, ihn dort zu lassen. Dass ich sowieso nichts tun kann, hat mir die Entscheidung zu gehen ein bisschen leichter gemacht.“ Tatsächlich war es der einzige kleine Lichtblick in all der Dunkelheit.

„Kommen Sie mit mir nach Rio, dann werde ich für die Pflege Ihres Vaters aufkommen, solange er sie braucht. Abgemacht?“

„Ich …“ Vorsichtig stellte Harriet das Weinglas ab, weil sie merkte, dass sie zitterte. „Das ist sehr großzügig, Deangelo.“

„Überhaupt nicht. Sie brauchen Geld, und ich habe genügend.“

„Es könnte aber Tausende, vielleicht Zehntausende Pfund kosten.“

Er tat die Summen mit einem Schulterzucken ab, als wären sie unbedeutend. Was für ihn wohl auch zutraf, wie sie vermutete. Stattdessen fragte er: „Also abgemacht?“

Ja, schrie ihr Herz, aber sie konnte nicht so einfach zustimmen, ohne mehr zu wissen. „Wie außergewöhnlich ist dieser Job denn?“

Für einen kurzen Moment lag ein anderer Ausdruck in seinem Blick, sodass Harriet eine unheilvolle Vorahnung beschlich.

„Sie müssten so tun, als wären Sie meine Frau.“

3. KAPITEL

Zumindest die Ordnung war inzwischen wiederhergestellt. Harriet saß wieder an ihrem rechtmäßigen Platz, ihrem Schreibtisch. Ihr kleiner Kaktus stand neben dem Computer.

Alles war wie vorher.

Fast …

Deangelo warf einen Blick durch die offene Bürotür ins Foyer, wo Harriet summte, während sie einen Text eingab. Nach außen hin betrachtet war sie tüchtig wie immer, aber etwas war anders, ohne dass er sagen konnte, was es war. Abgesehen von dem Summen.

Ihm war nie aufgefallen, dass sie eine melodische Stimme hatte. Allerdings hatte sie früher auch noch nie in seiner Gegenwart gesungen. Vielleicht war es das, was anders war. Harriet war zwar sehr respektvoll, aber sie benahm sich eher wie ein gleichwertiger Unternehmer und nicht wie seine zurückhaltende Chefsekretärin.

Das neue Selbstbewusstsein verlieh ihren sonst blassen Wangen einen Schimmer und ihrem Gang etwas Forsches. So wie jetzt, als sie mit dem Tablet in der Hand zu ihm kam.

„Ich wollte nur die letzten Zeitvorgaben mit Ihnen abgleichen, bevor ich nach Hause gehe und packe.“ Harriet warf einen Blick auf den Reiseplan, den sie in den letzten zwei Wochen aufgestellt hatte. „Ich kann noch gar nicht glauben, dass wir morgen fliegen. In Südamerika war ich noch nie. Freuen Sie sich, Ihre Heimat wiederzusehen?“

Deangelo runzelte die Stirn. „Heimat? London ist mein Zuhause.“ Er hatte sich ein Heim geschaffen, mit Mut, Sturheit und Scharfsinn – oder Verzweiflung.

„Ja, sicher, aber Sie sind doch in Rio aufgewachsen, oder?“ Ihre blauen Augen funkelten neugierig. „Sie müssen doch Familie und Freunde dort haben, Leute, mit denen Sie sich treffen wollen.“

Deangelo wusste nicht, was er dazu sagen sollte. Seine Vergangenheit war ein Buch mit sieben Siegeln, und genauso sollte es auch sein. Er wollte weder Fragen gestellt bekommen noch irgendjemandem etwas Persönliches offenbaren, und das aus gutem Grund. Er schämte sich nicht, dass er es gleichsam vom Tellerwäscher zum Millionär geschafft hatte. Nein, es war die andere Seite seiner Lebensgeschichte, für die er sich schämte. Das, was er als selbstverständlich betrachtet hatte, bis es ihm entrissen worden war. Der verwöhnte Junge, der in Luxus gelebt und nichts von der Armut gemerkt hatte, die nur ein paar Meter von ihm entfernt geherrscht hatte.

„Wir sind nicht wegen der Familie dort.“

Obwohl das nicht stimmte. Dass er zurückkehrte, hatte nur mit seiner Familie zu tun. Der Familie, die ihn von sich gewiesen hatte, selbst als er seinen Stolz hinuntergeschluckt und sie angefleht hatte.

„Ich habe mich über die Stadt informiert und kann es gar nicht erwarten, dort auf Erkundungsreise zu gehen. Wir haben doch sicher Zeit, uns ein paar Sachen anzusehen und die alten Geister wieder heraufzubeschwören?“, hakte sie leichthin nach.

Geister, das war genau das richtige Wort. Alle Plätze, die er in der Stadt besuchen würde, wären voller Geister und Erinnerungen, die er jahrelang weggesperrt hatte. Mit zusammengekniffenen Lippen sah Deangelo aus dem Fenster. Es war ein Risiko, wieder zurückzukehren, das wusste er. Aber ihm war auch klar, dass es ihn vermutlich endlich befreien würde.

„Ich habe schon vor langer Zeit die Verbindung zu meinen Freunden verloren“, erklärte er steif. „Ich werde versuchen, mir die Zeit zu nehmen, um meine Tante und meine Cousins zu besuchen.“ Was eher unwahrscheinlich war. Er hatte ihnen noch nicht einmal von der Reise erzählt und wusste, dass seine Tante nicht billigen würde, was er vorhatte. Und Enttäuschung in den Augen zu sehen, die denen seiner Mutter so ähnelten, könnte er nicht ertragen.

Außerdem musste Harriet nichts von seiner Tante und seinen Cousins wissen oder der Arbeit, die sie für ihn verrichteten. Und sie musste auch nicht wissen, wie nervös er war, wenn er an Rio dachte. England war das Land, wo er sich neu erschaffen hatte, London die Stadt, die er erobert hatte. Doch der impulsive, hoffnungsvolle Teil in ihm, den er erfolgreich verdrängt hatte, würde sich immer nach dem lebendigen Zuhause seiner Kindheit sehnen, nach den Farben, den Gerüchen und der Musik.

Genug. Vorbei ist vorbei. „Die Zeitplanung steht also endgültig fest?“

Harriet sagte nichts dazu, dass er das Thema gewechselt hatte, sondern stellte nur das Tablet auf seinen Schreibtisch, damit er sich den Zeitplan auf dem Bildschirm ansehen konnte.

„Ja. Sie wollten am späten Nachmittag ankommen, also fliegen wir morgen ganz früh von Heathrow los. Am Flugplatz steht ein Wagen für uns bereit und wird uns direkt zum Hotel fahren. Ihr erstes Treffen mit den Caetanos ist für den folgenden Tag festgesetzt. Unglaublich, wie oft sie alles wieder über den Haufen geworfen und verändert haben. Es würde mich nicht überraschen, wenn sie bis dahin wieder dreimal etwas ändern.“

Mehr sagte sie nicht dazu, doch Deangelo wusste, dass sie verwirrt war, weil er die ständigen Änderungen der Caetanos am Terminplan hinnahm, obwohl er bei so viel Launenhaftigkeit normalerweise den Kontakt sofort abbrach.

Sie tippte mit der Fingerspitze auf den Bildschirm. „Also, das Hotel. Ich habe umgebucht, wie Sie es wollten. Vermutlich ist es sinnvoll, in dem Hotel zu wohnen, das Sie kaufen wollen. Aber ich muss Sie warnen, es entspricht nicht Ihren üblichen Anforderungen.“

Sie scrollte herunter zu dem Bild eines großen weißen Gebäudes mit Balkonen und einem Sandstrand davor. „Da haben wir es. Den Caetano-Palast. Wie Sie sehen, ist die Lage sehr gut. Das Hotel hingegen hat offensichtlich viel von seiner früheren Pracht verloren. Die Kritiken sind nicht berauschend. Ich habe ein bisschen über die Caetanos recherchiert. Sie entstammen einer alten brasilianischen Familie, eigentlich der Aristokratie. Bis vor etwa zwanzig Jahren hat ein Mann namens Augusto das ganze Unternehmen geleitet – die Hotels, Anlagen, alles eben.“

Harriet drückte auf einen Link, und Deangelos Brust zog sich schmerzhaft zusammen, als er auf das Foto blickte, das nun den Bildschirm ausfüllte. Es zeigte einen Mann in mittleren Jahren mit silbernen Haaren und einem gerissenen Ausdruck in den lächelnden Augen.

Augusto Caetano hatte bis vor genau zwanzig Jahren das Unternehmen geleitet. Das Datum würde Deangelo nie vergessen. Er schwieg, während die giftige Mischung aus Trauer und Wut in ihm hochkochte. Trauer um ein Leben, das er erst schätzen gelernt hatte, als es verloren war. Es ging dabei nicht um Geld, sondern um Sicherheit und um die Familie, die er als selbstverständlich betrachtet hatte. Und Wut darüber, dass die Sicherheit nichts als eine Illusion gewesen war. Dass der Mann auf dem Bildschirm sich nicht genug gekümmert hatte, als es wichtig gewesen wäre.

„Ihrem Wunsch gemäß treffen wir uns mit seinen Erben, den derzeitigen Besitzern. Zwei Söhne und eine Tochter, Isabela“, fuhr Harriet fort. „Es wird gemunkelt, dass keiner von ihnen den Scharfsinn des alten Mannes besitzt. Sie haben überhastet in luxuriöse Ferienanlagen investiert. Soweit ich sagen kann, sind sie bei den dortigen Inselbewohnern und den Umweltschützern nicht sehr beliebt. Man munkelt von Bestechung und Erpressung, und es gibt Beschwerden über zu niedrige Löhne für die Einheimischen, die in den exklusiven Resorts arbeiten, außerdem über besorgniserregende Verstöße gegen Umweltauflagen. All das hat ein Vermögen gekostet, daher haben sie Beteiligungen von Außenstehenden zugelassen, damit sie weiter ihrem Kaufrausch und ihrem verschwenderischen Lebensstil nachgehen können.“ Harriett legte die Stirn in Falten. „Es hört sich nicht wie eine gute Investition an, weder finanziell noch was den guten Ruf betrifft.“

„Investition? Nein. Geschäftsübernahme? Ja.“

„Geschäftsübernahme?“ Überrascht hob sie die Augenbrauen.

„Die Caetanos waren leichtsinnig. Sie haben nicht nur einen Teil des gesamten Unternehmens verschachert, sondern auch ihre eigenen Anteile verringert, indem sie hin und wieder unabhängig voneinander ein bisschen verkauft haben. Mit dem Ergebnis, dass keiner von ihnen weiß, wie viel an Außenstehende gegangen ist.“

„Aber Sie wissen es.“ Harriet musste nicht fragen, weil er ihr die Antwort sowieso geben würde.

„Neunundvierzig Prozent. Selbst wenn sie wüssten, wie viel es ist, würden sie glauben, dass der Großteil von Hunderten Investoren aus Brasilien und Südamerika gehalten wird und sie immer noch unangefochten als Mehrheitseigner weitermachen können. Doch damit liegen sie grundfalsch. Diese neunundvierzig Prozent gehören derzeit Tochtergesellschaften von Aion. Das könnten sie leicht nachvollziehen, wenn sie sich die Mühe gemacht hätten nachzusehen. Ich habe nichts Illegales oder Zweifelhaftes getan. Trotz alledem sind sie bereit, mich für sich zu gewinnen, ohne zu wissen, dass ich den maßgeblichen Anteil halten werde, wenn sie mich diese Woche überzeugen zu investieren.“ Deangelos Brust zog sich in Vorfreude zusammen.

„Das scheint mir sehr viel Aufwand für eine erfolglose Hotelkette. Sicher, es sind großartige alte Gebäude, aber ich habe auf dem Bewertungsportal nachgesehen. Die Hotels müssten umfassend modernisiert werden. Die Inseln sind zwar wunderschön, aber auf ihnen herrscht starke Korruption. Wenn Sie dort eigene Hotels haben wollen, wäre es nicht besser, neue zu bauen?“

„Es geht nicht um die Hotels, Harriet, sondern um Gerechtigkeit.“

Und darum, ein Versprechen einzulösen, das er seiner Mutter gegeben hatte.

Unbewusst strich Deangelo mit dem Finger über die Narbe, die von seiner Stirn bis zum Kinn verlief. Er würde jeden Einzelnen zahlen lassen und den Namen Caetano aus der Stadt auslöschen. Kein Preis war dafür zu hoch. Abrupt wechselte er das Thema. „Gibt es noch etwas?“

„Ja …“ Sie stockte. „Als Sie mich engagiert haben, ging es darum …“ Wieder hielt sie inne. Harriet war nie geschwätzig gewesen, aber Deangelo hatte auch noch nie erlebt, dass ihr die Worte fehlten.

Es amüsierte ihn, dass sie errötete und nervös die Hände verschränkte, doch er ließ sich nichts anmerken. „Dass ich Sie brauche, damit Sie sich als meine Frau ausgeben?“

„Ja. Genau das.“ Sie errötete noch stärker. „Oder zumindest als Marcos Santos’ Frau. Das war doch der Name, unter dem ich das Zimmer buchen sollte?“

„Ich fürchte, das bin trotzdem ich“, gab er trocken zurück. „Marcos ist mein zweiter Vorname.“

Genau wie Deangelo. Seinen ersten Vornamen Luciano hatte er abgelegt, als er Brasilien verlassen hatte. Nur die Familie seines Vaters hatte den Namen benutzt. Für seine Mutter war er immer Deangelo gewesen. Ihr Engel.

„Stimmt. Aber ich verstehe immer noch nicht ganz. Warum benutzen Sie einen anderen Vornamen?“

„Auf diese Weise kann ich sicher sein, dass die Caetanos nicht wissen, wer ich bin. Wenn sie glauben, dass Aion an ihren Hotels interessiert ist, werden sie den Preis hochtreiben. Aber bei Marcos Santos, Chef eines kleinen Technologieunternehmens, werden sie keine Ahnung haben, wer dahintersteckt.“

Deangelo ballte die Hände zu Fäusten. Irgendwie wäre es ihm sogar lieber, wenn sie es ahnen und sich an seine zweiten Vornamen erinnern würden. Wenn sie ihn sähen und sofort wüssten, wer er war. Doch sie hatten ihn immer ignoriert. Hatten ihn für unter ihrer Würde gehalten und geleugnet, dass er überhaupt existierte und mit ihnen verwandt war. Warum sollten sie sich also sechzehn Jahre nach ihrer letzten Begegnung plötzlich an den Nachnamen seiner Mutter erinnern oder an seinen vollen Namen? Und den mageren Jungen in dem Mann wiedererkennen, der er geworden war?

Nun, die Caetanos würden sich erinnern und den Tag bereuen, an dem sie ihn verstoßen und seine Mutter enterbt hatten. Dafür würde er verdammt noch einmal sorgen.

Harriet sah immer noch nicht überzeugt aus. „Das Technologieunternehmen ist wohl eine Ihrer Tochterfirmen, nehme ich an? Also schön, dass Sie den Namen ändern, kann ich verstehen, aber nicht, warum Sie eine Frau brauchen.“

„Damit das Treffen eher wie eine gesellige Zusammenkunft wirkt und ich sie überrumpeln kann.“

„Aha.“ Sie griff nach dem Tablet. „Ich hoffe, Sie nehmen es mir nicht übel, wenn ich sage, dass dieser ganze Plan sehr verrückt wirkt.“

„Sie können sagen, was Sie wollen, solange Sie Ihre Rolle spielen. Denken Sie einfach nur daran, dass wir in den Flitterwochen sind, dann wird schon alles gutgehen.“

Harriet war bereits an der Tür, doch nach seiner Bemerkung drehte sie sich um und sah ihn fragend an. „Entschuldigung? Einen Moment dachte ich, Sie hätten Flitterwochen gesagt.“

„Das habe ich auch. Das ist die perfekte Tarnung. Für die Caetanos sind wir in Rio, um unsere Flitterwochen zu genießen. Das Gespräch über die Investition ist nur ein Nebenprojekt. Ich sorge dafür, dass sie nicht weiter nachforschen. Ich habe meine Spuren gut verwischt, aber mir ist es lieber, wenn ich mich zusätzlich absichere.“ Deangelo war sich nicht sicher, was Harriets ungläubiger Blick bedeutete. „Sie haben bereits zugestimmt, sich als meine Frau auszugeben“, fügte er hinzu. „Ich bitte Sie um nichts, was wir nicht besprochen haben.“

„Flitterwochen?“

Er hatte sich doch wohl klar ausgedrückt. „Ja.“

„Aber …“, sie fuchtelte in der Luft herum, „ein Paar, das in den Flitterwochen ist, verhält sich doch ganz anders als ein Paar, das schon länger verheiratet ist. Wären wir schon jahrelang verheiratet, würde es niemandem auffallen, wenn die körperliche Anziehungskraft fehlt. Aber in den Flitterwochen erwarten die Leute etwas anderes von dem Paar.“

Überrascht starrte Deangelo seine Chefsekretärin an, die ungewohnt erregt schien. Ihre Wangen waren gerötet, und ihre blauen Augen schimmerten heller.

Harriet schluckte, und als sie sprach, krächzte sie beinahe. „Müssen es unbedingt Flitterwochen sein? Das ist so intim. Entlarvend.“

Deangelo war plötzlich heiß geworden, und er zog an seinem Kragen. „Wir verbringen nicht die gesamten zwei Wochen in Rio mit den Caetanos. Wir treffen sie nur zu einem ersten Treffen, bei dem sie versuchen werden, mich davon zu überzeugen, in ein erfolgloses Unternehmen zu investieren. Und vierzehn Tage später auf dem Treffen mit den Anteilseignern. Die Flitterwochen sind nur Tarnung. Ich bin seit neuestem reich und komme aus dem Armenviertel. Jetzt will ich mich unbedingt mit den richtigen Leuten zusammentun und werde dank meiner Frau nicht lockerlassen. Das ist doch nicht kompliziert.“

„Trotzdem …“ Harriet biss sich auf die Lippe. „Flitterwochen durchzuziehen ist nicht so einfach. Wenn wir uns so verhalten wie immer, wird niemand auch nur eine Minute glauben, dass wir frisch verheiratet sind. Sie müssen jeden, der uns zusammen sieht, davon überzeugen, dass Sie verrückt nach mir sind, und ich muss das Gleiche tun. Nur wenn die Leute uns sehen können, natürlich“, fügte sie schnell hinzu.

Deangelo war noch nie verrückt nach jemandem gewesen. Er war noch nicht einmal in Versuchung gewesen, aus einer Beziehung mehr werden zu lassen als Verlangen und ein wenig Zuneigung.

„Natürlich“, wiederholte er. „Und wie sollen wir die Leute davon überzeugen, dass wir verrückt nacheinander sind?“ Die Worte fühlten sich fremd an, bedeutsam und sinnlich. Auf einmal hatte er ein Bild vor Augen, wie Harriet ihn anlächelte, ihre Hand in seiner, wie sie ihren anziehenden Körper an seinen presste. Sofort spürte er, dass er eine Linie überschritten und sich in unbekanntes Terrain gewagt hatte. Er atmete tief ein, um sich wieder zu fassen.

Harriet kam zurück und legte das Tablet auf seinen Schreibtisch. Deangelo stutzte, weil er sich ihres Dufts, ihrer Hüften und ihrer anmutigen langen Beine viel zu bewusst war. „Ich war noch nie in den Flitterwochen, aber es geht wohl darum zu zeigen, dass man zusammen ist. Man berührt ...

Autor

Jessica Gilmore
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