Falsches Spiel, wahres Begehren?

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Eine vorgetäuschte Verlobung? Jennifer ist fassungslos, was ihr bester Freund Gabriel von ihr verlangt. Aber um seiner schwerkranken Mutter eine Freude zu machen, lässt sie sich widerstrebend auf das falsche Spiel ein. Ein Fehler? Als sie mit dem vermögenden Italiener und seiner Familie in die Toskana reist, verspürt sie plötzlich ungeahnte Gefühle. Ungewollt verfällt sie mit jedem Tag mehr Gabriels gefährlich verführerischem Sex-Appeal. Dabei weiß sie doch, dass er keine echte Beziehung will und nicht an die Liebe glaubt …


  • Erscheinungstag 29.09.2026
  • Bandnummer 2773
  • ISBN / Artikelnummer 9783751542128
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Cathy Williams

Falsches Spiel, wahres Begehren?

1. KAPITEL

Gabriel stand einige Augenblicke nur da und starrte das Restaurant mit einem grimmigen Ausdruck an, wenn man es überhaupt als solches bezeichnen wollte.

Die Chick’n’Rib-Bude?

Ja, Bude kam der Sache schon näher.

Ein beeindruckendes Aufgebot an Motorrädern parkte direkt davor. Mehrere Gruppen von Bikern standen daneben, rauchten und tranken. Einige interessant aussehende Frauen in knapper Ledermontur saßen auf dem Gehweg, Bierflaschen in den Händen, und plauderten.

Die Tür zum Restaurant stand weit offen. Von innen drangen Licht und laute Rockmusik zu ihm nach draußen. Die Sonne schien, und es war noch immer heiß, obwohl es nach acht Uhr abends war. Das war nun wirklich kein besonders romantischer Treffpunkt.

Was, zum Teufel, machte sie hier?

Er stieß sich vom schwarzen Range Rover ab, an dem er gelehnt hatte, und schlenderte gelassen auf das Restaurant zu, während man ihm von allen Seiten interessierte Blicke zuwarf.

Er fiel auf.

Wohin er auch ging, Gabriel Garcia fiel auf, was nicht nur an seinem umwerfenden Aussehen lag. Sicher, er war ausgesprochen groß, tief gebräunt und so schön, dass es schon lächerlich war, aber es umgab ihn auch eine Aura von Macht, die einen einfach zwang, ihn etwas länger anzusehen.

Als er jetzt an der Tür stehen blieb, ließ er den Blick auf der Suche nach ihr langsam über die Menge schweifen. Es schien, als hätten sich eine Million Leute in diesen kleinen Raum gedrängt. Holztische waren willkürlich vor einer Bühne verteilt worden, wo ein DJ dabei war, voller Begeisterung seine Auswahl klassischer Rockmusik zu präsentieren. Einige angesäuselte Frauen tanzten, und an den Tischen ließ man es sich schmecken und versuchte, über die laute Musik, das Gelächter und Geplauder hinweg miteinander zu reden.

Endlich hatte er sie gefunden.

Sie saß mit dem Rücken zu ihm, und ihr langes, lockiges dunkles Haar fiel ihr bis zur Mitte des Rückens. Sie unterhielt sich ernst mit dem Biker, der ihr gegenübersaß. Selbst von hinten und aus meilenweiter Entfernung hätte er sie immer wiedererkannt. Es musste an ihrer geraden Haltung liegen, an der Art, wie sie die Schultern hielt.

Gabriel zögerte nicht. Er ging schnell auf ihren Tisch zu und tippte ihr auf die Schulter, ohne auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken, ob sie sich darüber freuen würde, ihn zu sehen, oder nicht.

Natürlich würde sie sich freuen.

Sie waren schließlich Freunde.

So mancher würde sagen, dass sie seine engste Freundin war und er ihr engster Freund. In einer Welt voller Menschen, die sich von seinem enormen Reichtum beeindrucken ließen und begierig danach waren, ihm jeden Wunsch zu erfüllen, war sie die Einzige, auf die er sich verlassen konnte. Sie war die einzige Frau, die sich nie von seinem Geld oder seinem Status hatte blenden lassen oder … von sonst irgendetwas, wenn er es recht bedachte.

Sie kannten sich schon seit richtig langer Zeit. Falls sie damals ganz am Anfang zwei verschiedenen Welten angehört hatten, so hatte das ihrer Freundschaft jedenfalls nicht im Weg gestanden.

Er richtete sich auf und wartete darauf, dass sie sich umdrehte.

Mit wem, zum Teufel, war sie hier?

Es war ein kräftiger Kerl mit Vollbart, behangen mit mehreren schweren Ketten, außerdem hatte er eine faszinierende Sammlung an Tätowierungen an beiden Armen und trug eine schwarze Weste …

Jennifer spürte die Berührung auf der Schulter und war nicht sicher, ob sie sich darüber ärgern oder eher erleichtert sein sollte, dass jemand ihr Date unterbrach, weil sie im Grunde gar nicht hier sein wollte und überhaupt nicht mehr verstand, was in sie gefahren war.

Vielleicht hatte sie sich insgeheim nach einer Abwechslung von all den Männern gesehnt, die sie normalerweise traf: Lehrer- und Buchhaltertypen, die immer damit beschäftigt zu sein schienen, für ein Haus zu sparen, während das Leben mit all seinen aufregenden Möglichkeiten unbemerkt an ihnen vorbeirauschte.

Sie ging eigentlich nicht ständig auf Dates, aber vielleicht hatte sie diesmal den Biker Hal einfach nur ausgewählt, weil ihr Liebesleben noch nie so trostlos wie momentan war. Wie schwierig konnte es denn sein, einen Seelenverwandten zu finden? Schließlich gehörte sie nicht zu den Frauen, die den perfekten Mann suchten, ohne den ihr Leben nicht vollkommen sein würde! Sie stellte keine Listen auf. Sie hakte keine guten Eigenschaften ab, wägte sie auch nicht ewig mit den schlechten ab, um am Ende zu einer fundierten Entscheidung zu kommen!

Es war ihr mehr als recht, geduldig abzuwarten, wie sich die Dinge entwickeln würden. Schließlich war sie ein realistischer Mensch. Sie wusste, dass auch sie nicht perfekt war, aber bei der Liebe ging es darum, einander trotz aller möglicher menschlichen Fehler zu akzeptieren und Frieden und Harmonie und sogar Spaß am Zusammensein zu finden.

Wo waren also all diese total unvollkommenen Männer? Es kam ihr so vor, als würde sie nur welchen begegnen, die sie zum Gähnen brachten. Und dieser jetzt war dem äußeren Anschein zum Trotz auch keine Ausnahme.

Sie drehte sich um und machte große Augen, als sie Gabriel hinter sich stehen sah.

Er trug ein schwarzes Polohemd, schwarze Jeans – kein Vergleich zu dem schwarzen Ensemble, in das Hal sich geworfen hatte. Im Gegensatz zu ihm sah Gabriel wie immer elegant und einfach sündhaft gut aus.

Einen Moment lang warf sein unverhohlener Sex-Appeal sie regelrecht um, und erst dann setzte ihre Vernunft ein. Es ging hier um Gabriel. Gabriel, der fest verwoben war mit ihrem Leben. Sicher, er war umwerfend sexy, aber er war auch eine verbotene Frucht. Was nicht hieß, dass ihr Herz nicht manchmal ins Stocken kam, wenn sie ihn sah oder seine Stimme hörte. Schließlich war sie nicht aus Stein!

„Gabriel!“

„Es tut mir leid, dein heißes Date zu unterbrechen, Jen, aber ich muss unbedingt mit dir reden.“

„Was, jetzt sofort?“ Gabriel war der letzte Mensch, den sie jetzt erwartet hätte. Sie blieb eigentlich immer in Kontakt mit ihm, aber in den vergangenen Wochen hatte er Sussex nur ein-, zweimal einen flüchtigen Besuch abgestattet, und da war sie zufällig nicht da gewesen.

„Ich habe keine Zeit, um mit euch abzuhängen“, hatte er ihr schon mehrere Male gesagt, als sie am Telefon miteinander gesprochen hatten.

„Es geht um Geschäfte“, hatte er nur wenige Tage vorher gestöhnt. „Ich verbringe mehr Zeit im Ausland als zu Hause, verdammt.“

„Du könntest dich doch einfach zu uns setzen“, rief sie ihm jetzt laut zu, wobei sie schon halb aufstand. Aus den Augenwinkeln konnte sie sehen, dass ihr Date nicht sehr froh über die Unterbrechung war, während sie nicht erleichterter hätte sein können. Aber trotzdem …

Was in aller Welt machte Gabriel hier?

Plötzlich ahnte sie es. Sie stand endgültig auf und runzelte besorgt die Stirn.

Er war etwas über einen Meter neunzig groß, und auch sie war mit ihren eins achtzig nicht gerade klein. Sie hatte eine ansehnliche Oberweite und widerspenstiges, langes dunkles Haar, das einen Friseur dringend nötig hatte. Die leuchtend blauen Augen hatte sie von ihrer irischen Mutter geerbt. Ihre Größe hatte sie hingegen von ihrem Vater, der einen Meter dreiundneunzig gewesen war.

„Geht es um deine Mum?“, fragte sie und zog ihn zu sich heran, damit er sie verstehen konnte, ohne dass sie schreien musste.

„Könnte man so sagen.“

„Was ist passiert? Warte, Gabriel, lass mich nur noch meine Tasche nehmen.“

„Ja, es ist unmöglich, hier ein vernünftiges Gespräch zu führen.“

Sie wandte sich an Hal, der inzwischen auch aufgestanden war, und schenkte ihm ein zerknirschtes Lächeln.

„Es tut mir leid, Hal. Es geht um einen Notfall.“

Hal schmollte. Das sah sie ihm deutlich an. Trotz seines wilden Aussehens war er in Wirklichkeit ganz süß, und sie brachte es nicht übers Herz, ihm eine Abfuhr zu erteilen, als er sie fragte, ob er sie anrufen könne. Deshalb antwortete sie nur vage, sie würde sich wieder melden.

Jetzt wollte sie unbedingt herausfinden, was Gabriel ihr zu sagen hatte. Außerdem konnte sie es nicht erwarten, die heiße und viel zu laute Bar zu verlassen. Als sie dann endlich im Freien waren, empfand sie es als unendliche Erleichterung.

„Okay, was machst du hier? Wie hast du mich überhaupt gefunden? Ist mit deiner Mum alles in Ordnung? Ich habe mein Handy auf laut gestellt für den Fall, dass sie mich anruft, aber gehört hätte ich es wohl nicht.“

„Mein Wagen steht da drüben, Jen. Wir können uns am besten da unterhalten, wo es nicht ganz so hektisch zugeht.“

„Sag mir einfach nur, was los ist. Ich kann die Spannung nicht ertragen!“

„Wie lange gehst du mit dem Höhlenmenschen schon aus?“

„Das ist wirklich eine sehr unfreundliche Bemerkung, Gabriel.“

„Es kommt darauf an, ob du dich dafür interessierst, mit jemandem auszugehen, der auf die Jagd gehen muss, um sich zu ernähren. Höhlenmenschen können sicher sehr praktisch sein.“

Sie sah ihn aufgebracht an, hin und her gerissen zwischen dem Wunsch, ihm zu sagen, er solle sich um seinen Kram kümmern, und dem Wissen, dass es keinen Sinn hatte, weil er in jedem Fall genau das sagen würde, was er wollte. So war es immer gewesen, seit sie sich das erste Mal getroffen hatten – sie war neun Jahre alt gewesen und er zwölf.

Sie hatte ihre Mutter während der langen Sommerferien zum Haus seiner Eltern begleiten müssen, weil der Babysitter, den ihre Mutter beschäftigte, beschlossen hatte, mit ihrem Freund nach Europa zu reisen, und Jennifer war zu klein gewesen, um allein gelassen werden zu können. Lizzy Carlton hatte damals einmal die Woche bei Gabriels Mutter, die auf dem Familiensitz am Stadtrand von Arundel lebte, sauber gemacht. Die Bezahlung war großzügig, und Jennifer liebte das Haus. Sie liebte auch seine Mutter und hätte alles getan, um Francesca Garcia nicht zu enttäuschen.

Sie war damals in den Gärten mit einem Zeichenblock in der Hand herumgeschlendert und hatte überlegt, welche Blumen sie für ihr Sommerschulprojekt zeichnen sollte, als Gabriel von hinten an ihrem Haar zupfte. Sie hatte sich schnell umgedreht und ihm mit ihrem Zeichenblock kräftig auf den Kopf geschlagen.

Er hielt es ihr bis heute noch vor.

Jetzt öffnete er die Beifahrertür des Range Rover, und sie setzte sich auf den Beifahrersitz und schlug die Tür zu.

„Woher hast du überhaupt gewusst, wo ich bin?“, fragte sie und schnallte sich an, während er den Wagen zurücksetzte.

„Ich habe deine Freundin angerufen.“

„Welche Freundin? Ich habe viele.“

„Die mit den Katzen.“

„Caroline. Du weißt doch, dass sie so heißt, Gabriel. Du bist schon oft mit mir zu ihr gegangen.“ Jennifer konnte sich gut vorstellen, dass ihre Freundin regelrecht dahingeschmolzen sein musste, als sie Gabriels Stimme am Telefon gehört hatte, denn sie hegte durchaus Gefühle für ihn, obwohl sie einen sehr netten Freund hatte. Aber Caroline war nicht die einzige ihrer Freundinnen, die ein wenig den Kopf verlor, wenn er in der Nähe war. Jennifer konnte sie auch gut verstehen. Er war reich und sah hinreißend aus … aber er war in seinem bisherigen Leben noch nie eine ernsthafte Beziehung eingegangen und wechselte seine Freundinnen mit einer Geschwindigkeit, dass einem ganz schwindlig werden konnte.

Manchmal glaubte sie, dass sie nur deswegen noch immer gut miteinander befreundet waren, weil sie gegenüber seinem Charme, seinem Geld und seinem atemberaubenden Aussehen immun war. Er mochte ja in körperlicher Hinsicht so verführerisch sein wie die köstlichste Schokolade, aber in jeder anderen Hinsicht … Er gehörte zu den Männern, die sich der Verführung schöner Frauen mit Leib und Seele hingaben, aber nicht an die Liebe glaubten. Jennifer hatte dagegen gesehen, wie sehr ihre Eltern sich geliebt hatten, wie sehr ihre Mutter diese Liebe am Leben erhalten hatte, selbst als ihr Dad vor so vielen Jahren gestorben war. Und sie wollte erleben, was ihre Eltern ihr vorgelebt hatten.

Was sie und Gabriel für wichtig im Leben erachteten, hätte also nicht unterschiedlicher sein können.

Und sollte sie jemals vorhaben, sich in ihn zu verlieben … Nun, der Gedanke war unvorstellbar, denn Gabriel würde so schnell wie möglich das Weite suchen. Er war allergisch gegen jede feste Beziehung. Jennifer hatte keine Ahnung, warum das so war, und hatte ihn auch nie danach gefragt. Es gab Fragen, die tabu blieben, so tief die Freundschaft auch sein mochte, und diese Frage gehörte dazu.

„Du hast mir noch immer nicht gesagt, was los ist.“

„Es geht um Mum, aber fang nicht an, dir Sorgen zu machen. Es geht ihr gut.“

„Ja, sie hat sich sehr gut von ihrer Herz-OP vor einem Monat erholt, aber Gabriel … sie scheint trotzdem ständig besorgt zu sein. Meine Mum geht täglich zu ihr, und sie glaubt, es wäre vielleicht gut, über Nacht bei ihr zu bleiben. Für alle Fälle.“

„Das wird nicht nötig sein.“

„Warum klingst du so komisch, wenn du das sagst?“

„Deine Fantasie geht mit dir durch. Hast du schon etwas gegessen? Lass uns etwas essen gehen, und ich werde dir dann erklären, warum ich so plötzlich hier aufgetaucht bin.“

Als er sich kurz darauf in den Verkehr einfädelte, sagte Jennifer nachdenklich: „Vielleicht ist sie wegen ihrer damaligen Krebserkrankung niedergeschlagen, weil sie schon wieder erkrankt ist. Obwohl der Kardiologe sagte, sie mache nach der Operation sehr gute Fortschritte.“

„Du hast sicher recht“, sagte er leise, „aber lass uns keine Mutmaßungen anstellen. Ich habe dich seit Wochen nicht gesehen. Erzähl mir, was du so machst.“

„Das weißt du doch. Du hast dich seit der OP zweimal die Woche bei mir telefonisch erkundigt, wie es deiner Mutter geht.“

„Unsere Telefonate waren aber nur kurz, obwohl es mir anders lieber gewesen wäre. Aber meine Arbeit … Was soll ich sagen? Im Moment ist es schon fast lächerlich. Doch zurück zu meiner Mutter. Wie du weißt, beschönigt sie gern die Dinge, wenn sie über ihren Gesundheitszustand redet. Ich brauche aber Tatsachen, um ein realistisches Bild von ihrem Zustand zu bekommen. Wieso datest du übrigens einen Hell’s-Angels-Typen?“

„Ich date Hal doch nicht“, antwortete Jennifer gereizt. „Und er gehört keiner Hell’s-Angels-Gang an. Ich bin nicht mal sicher, ob es die überhaupt noch gibt!“

„Ach, du datest ihn nicht? Deine Katzenfreundin meinte, dass du bei einem Date bist, und dann habe ich dich und diesen Höhlenmenschen bei einem Drink vorgefunden. Wie geizig von ihm, dir nicht einmal ein Essen auszugeben.“

„Du bist unmöglich.“

„Hast du mich vermisst?“

Er lächelte selbstzufrieden, und einen Moment lang spürte Jennifer wieder dieses seltsame Ziehen in ihrem Bauch – und ihr Instinkt riet ihr, dieses Gefühl sofort und entschlossen im Keim zu ersticken.

„Nein.“

Sein Lächeln wurde breiter. „Das interpretiere ich jetzt mal als ein Ja.“

Um diese Zeit herrschte kein besonders dichter Verkehr, und so kamen sie schon nach wenigen Minuten bei dem italienischen Restaurant an.

Gabriel stellte den Motor ab, doch statt die Tür zu öffnen, lehnte er sich dagegen und sah Jennifer an.

Plötzlich schien die Atmosphäre voller Spannung zu sein. Oder es kam Jennifer nur so vor? „Warum siehst du mich so merkwürdig an?“, sagte sie. „Weißt du nicht, wie unhöflich das ist?“

„Dein bissiger Humor fehlt mir immer, wenn ich dich zu lange nicht mehr gesehen habe“, sagte er amüsiert. „Ich kann mir einfach nicht vorstellen, was über dich gekommen ist, dich mit diesem Höhlenmenschen zu treffen.“

„Hör auf, ihn so zu nennen!“

„Wirst du dich wieder mit ihm verabreden?“

„Das steht zurzeit noch zur Debatte.“

„Der ist doch nicht dein Typ.“

„Du hast so was von keiner Ahnung, was mein Typ ist, Gabriel.“ Einen Moment fragte sie sich, ob sie überhaupt wusste, was ihr Typ war. Wenn ja, warum ging sie im reifen Alter von neunundzwanzig Jahren noch immer auf Dates? Am Ende fand sie, dass es nur von Vorteil sein konnte, keinen bestimmten Typ zu haben. Bei Gabriel war das anders. Er hatte sich schon immer zu kleinen, schönen blonden Frauen hingezogen gefühlt.

„Ah, meinst du? Nun, vielleicht wirklich nicht, aber ich nehme mal an, dass du einen intelligenten Mann haben willst“, sagte Gabriel nachdenklich.

„Zufällig ist Hal sehr intelligent. Er ist Automechaniker. Nur weil er nicht damit beschäftigt ist, so wie du Milliarden zu scheffeln, Gabriel, heißt das nicht, dass er nicht klug ist.“

„Du brauchst es nur zu sagen, und ich stelle dir einen meiner Freunde vor.“

Jennifer musste lachen und legte die Hand auf den Türgriff, sah Gabriel aber noch kurz ehrlich amüsiert an.

„Ich habe schon einige Freunde von dir gesehen, Gabriel“, meinte sie trocken. „Und jedes Mal klammerte sich eine zierliche Blondine verzweifelt an ihren Arm, als hinge ihr Leben davon ab. Sie sind ein wenig wie deine niedlichen Blondinen, wenn ich ehrlich bin, und nichts für mich.“

Sie lächelte noch breiter, als Gabriel leicht rot wurde. Er ließ es nur selten zu, dass ihm etwas oder jemand unter die Haut ging, aber ihre Bemerkung hatte offensichtlich gesessen, und Jennifer hatte nicht die Absicht, sich dafür zu entschuldigen.

Wenn er ihr Liebesleben kritisieren konnte, dann konnte sie seins auch kritisieren. Gewöhnlich behielt sie ihre Meinung für sich – abgesehen von einem sarkastischen Kommentar hin und wieder, weil die Wahl seiner Frauen ganz allein sein Problem war, aber ein diskreter Hieb ab und zu konnte nicht schaden.

„Niedliche Blondinen können Spaß machen.“ Er erholte sich schnell von ihrer Kritik und erwiderte gelassen ihr spöttisches Lächeln. Dann beugte er sich herüber, um ihr die Tür zu öffnen, und Jennifer erstarrte eine Sekunde, als sein Arm dabei ihre Brüste streifte.

Plötzlich wurde ihr ganz heiß, und sie war wütend auf ihn, weil er der Grund dafür war.

„Da bin ich sicher. Wollen wir jetzt endlich etwas essen und darüber reden, was du mir sagen wolltest? Schließlich hast du dafür sogar mein Date unterbrochen. Oder wollen wir weiter hier herumsitzen, bis uns immer heißer wird?“

Als er in Gelächter ausbrach, stieg ihr die Röte ins Gesicht. Erst jetzt wurde ihr klar, wie zweideutig ihre Worte geklungen hatten.

„Du weißt genau, dass ich das nicht so gemeint habe, also hör auf, so blöd zu lachen.“

Er lachte aber noch immer, als sie das Restaurant betraten, das sie im Lauf der Jahre schon unzählige Male besucht hatten.

Jennifer war natürlich sehr viel öfter hergekommen als er, denn obwohl sie erst drei Jahre nach ihm die Stadt verlassen hatte, um zu studieren, war sie nach ihrem Abschluss wieder nach Sussex zurückgekehrt. Er hingegen hatte sich in London niedergelassen, bevor er angefangen hatte, in New York, Hongkong und Dubai Immobilien zu kaufen, als würde er Monopoly spielen.

Gabriel hatte es nicht nötig gehabt, irgendwohin zu fliegen, um Geld zu verdienen, weil seine Familie reich war. Seine Mutter wohnte von Anfang an im selben Haus, einem riesigen Herrenhaus auf dem Land, umgeben von einem ausgedehnten Grundstück.

Er hätte also nach dem Studium sehr gut einfach wieder nach Hause zurückkommen und sich um das Anwesen kümmern können. Stattdessen hatte er dafür Verwalter eingestellt, einen Teil des Grundstücks verkauft, damit es überschaubar blieb, und dann sein eigenes Ding durchgezogen.

Er hatte sich darauf konzentriert, Milliarden zu verdienen, indem er sich auf die Erschließung von Grundstücken für Einkaufszentren und den Erwerb von Lagergebäuden spezialisiert hatte. Dann hatte er sich daran gemacht, umsatzträchtige Start-up-Unternehmen zu finden, sie aufzukaufen und in wahre Goldminen zu verwandeln.

Da er kein Finanzierungsproblem hatte, hatte er die Freiheit gehabt, jedes Projekt anzugehen, das ihm vielversprechend vorkam. Er wusste, selbst wenn er mit einem scheitern sollte, würde es ihn nie in Gefahr bringen. Niemals würde er irgendwo einsam und mittellos auf der Straße landen.

Er hatte sich aufgemacht, die Welt zu erkunden. Allerdings musste sie ihm zugutehalten, dass er als treuer Sohn regelmäßig nach seiner Mutter sah. Jennifer wusste, dass die vergangenen Wochen schwierig für ihn gewesen sein mussten, weil er nach der Operation seiner Mutter nicht so oft bei ihr hatte sein können, wie er es gewollt hätte. Aber er war nicht nur mit ihr in Kontakt gewesen, um über den Gesundheitszustand seiner Mutter auf dem Laufenden zu bleiben, sondern auch mit seiner Mutter und ihrem Arzt, mit denen er oft Zoom-Gespräche abhielt.

Der Gedanke brachte Jennifer wieder zu dem Grund zurück, weswegen Gabriel plötzlich unangemeldet hier aufgetaucht war.

Sie würde warten, bis sie einen Platz gefunden hatten. Während sie sich im brechend vollen Restaurant nach einem Tisch umsahen, spürte sie seine Hand auf ihrem Rücken. Unwillkürlich musste sie daran denken, was für ein Bild sie wohl zusammen abgaben: er so groß und sündhaft attraktiv in seinen teuren Designersachen, so kultiviert, so elegant, so offensichtlich reich und mächtig.

Während sie das genaue Gegenteil von seinen hübschen, kleinen Blondinen war und an diesem Tag auch noch passend für ein Date mit einem Biker gekleidet war: in verblichenen Jeans, mit flachen Stiefeletten und einem dunkelroten T-Shirt, das sich über ihren üppigen Brüsten spannte. Sie hatte der Versuchung widerstanden, dazu eine Bomberjacke anzuziehen, aber nur, weil es dafür viel zu heiß war.

Jennifer fand, dass ihre Figur leicht matronenhaft wirken konnte, wenn sie zu weite Sachen trug, also zog sie gern eng anliegende Oberteile an. Manchmal fragte sie sich allerdings, was Gabriel über sie denken mochte, wenn sie zusammen waren. Verglich er sie dann insgeheim mit den zierlichen Blondinen, mit denen er immer nur für kurze Zeit ausging? Sie fühlte sich nie unsicher neben ihm, weil sie sich beide viel zu wohl fühlten in der Gesellschaft des anderen.

„Also …“, begann sie, sobald sie sich gesetzt hatten.

„Also …“, äffte Gabriel sie nach. „Heißt das, wir sind mit den Höflichkeiten durch, weil ich dein heißes Date heute Abend unterbrochen habe?“

Jennifer seufzte übertrieben und beschloss, auf seine Frage nicht einzugehen. „Wahrscheinlich denkst du, ich sollte mich höflich danach erkundigen, wie es dir geht, aber wenn du mir antwortest, dass du die ganze Zeit nur gearbeitet hast, werde ich sowieso nur gähnen und dich daran erinnern, dass zu viel Arbeit den Blutdruck erhöht.“

„Wie soll ich denn ein Geschäftsimperium führen, wenn ich mir Zeit für Spaziergänge auf dem Land nehme und mich faul vor ein Kaminfeuer setze?“

„Du brauchst nicht so hart zu arbeiten, wie du es jetzt tust, Gabriel. Tatsächlich brauchst du überhaupt nicht zu arbeiten. Das musstest du in deinem ganzen Leben nicht.“

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