Flitterwochen mit der falschen Braut?

– oder –

Im Abonnement bestellen
 

Rückgabe möglich

Bis zu 14 Tage

Sicherheit

durch SSL-/TLS-Verschlüsselung

Als Tycoon Tore Renzetti vorm Altar den Schleier seiner Braut anhebt, erstarrt er. Statt der blonden Tabitha steht die dunkelhaarige Violet vor ihm – die falsche Schwester! Was jetzt? Die Ehe ist rechtskräftig, eine Scheidung würde den Deal mit ihrer Familie um wichtige Firmenanteile ruinieren. Widerstrebend macht Tore also das Spiel mit und verbringt die Flitterwochen mit Violet auf seinem Castello in Kalabrien. Eine reine Scharade! Bloß warum brennt dann plötzlich dieses gefährlich sinnliche Feuer zwischen ihnen?


  • Erscheinungstag 26.05.2026
  • Bandnummer 2755
  • ISBN / Artikelnummer 0800262755
  • Seitenanzahl 144

Leseprobe

Lynne Graham

Flitterwochen mit der falschen Braut?

1. KAPITEL

„Darauf hast du doch schon lange gewartet“, sagte Aldo Renzetti zu seinem Enkel. „Tomaso ist endlich bereit zu verkaufen.“

„Aber nur, weil er kurz vor dem Bankrott steht“, entgegnete Tore Renzetti trocken. Mit seiner schlanken, beeindruckenden Figur lehnte er lässig an der Tür seines Büros, das neben dem seines Großvaters lag, dem Vorstandsvorsitzenden und Präsidenten ihres riesigen Unternehmens. „Warum jetzt? Seit seiner Geschäftsgründung liegt unser Angebot schon auf seinem Tisch. Was hat sich geändert?“

Aldo zuckte mit den Schultern. „Er ist älter geworden. Vielleicht ist er bereit zurückzutreten“, versuchte er das Verhalten seines früheren Spielkameraden aus Kindertagen und ehemaligen Geschäftspartners zu erklären. „Wie dem auch sei, das bedeutet, dass du seine stimmberechtigten Anteile zurückbekommst und unser Unternehmen an die Börse bringen kannst. Es gibt allerdings auch eine Schattenseite. Tomaso hat sein Angebot an die Bedingung geknüpft, dass du eine seiner Enkelinnen heiratest.“

Tore richtete sich zu seiner ganzen Größe von einem Meter neunzig auf und starrte den älteren Mann entgeistert an. „Du nimmst mich auf den Arm, stimmt’s?“

Aldo verzog das Gesicht. „Ich wünschte, es wäre so. Aber ich vermute, dass Tomaso versucht, sein Erbe auf diesem Weg in der Familie zu belassen, indem er es an die nächste Generation weitergibt.“

„Welches Erbe? Sein erfolgloses Unternehmen?“, gab Tore verächtlich zurück. „Für diese Stimmrechte hat er wohl nichts anderes, mit dem er uns ködern könnte.“ „Er hat Renzetti Pharmaceutical mit gegründet“, rief Aldo ihm in Erinnerung, und seiner Stimme war anzumerken, dass er die verlorene Partnerschaft und den Verlust ihrer Freundschaft immer noch bedauerte.

„Und du hast ihn ausgezahlt, als er sich entschieden hat zu gehen“, sagte sein Enkel ausdruckslos. Die untergehende Sonne ließ seine kurz geschnittenen Haare leuchten und betonte sein gebräuntes Gesicht mit den strengen Zügen „Du bist ihm nichts mehr schuldig.“

„So einfach war das nicht.“ Der Ältere seufzte unglücklich.

Tore wollte nicht, dass sein Großvater wieder über die Vergangenheit nachdachte. Aldo war ein sentimentaler Mensch, anfällig für Schuldgefühle und Reue. Tore kannte das zur Genüge. Die Freundschaft und die geschäftliche Verbindung waren zerbrochen, als sich beide Männer in die gleiche Frau verliebt hatten. Und diese Frau, Matilde, war Aldos Frau geworden, Tores Großmutter. Tomaso Barone war nach England gezogen und hatte sein eigenes Unternehmen gegründet, behielt jedoch seine Stimmrechte bei Renzetti Pharma.

„Eine Zweckehe“, bemerkte Tore abfällig. „Wir leben doch nicht mehr im Mittelalter, wo mit Frauen Tauschhandel getrieben wurde als wären sie Schafe. Ich bin achtundzwanzig. Ich bin nicht bereit, irgendeine Fremde zu heiraten, und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass diese Fremde mich heiraten will.“

Aldo, der anderer Meinung war, wandte den Blick ab. Seiner Meinung nach war Tore eine große Trophäe auf dem Heiratsmarkt, als CEO eines erfolgreichen globalen Unternehmens, das Milliarden wert war. Und allen musste bewusst sein, wie groß dieses Opfer war, das Tomaso von Tore verlangte. Es verriet auch, wie verbittert er immer noch war.

„Offenbar sind beide Enkelinnen bereit, dieses Opfer zu bringen“, informierte Aldo seinen Enkel in ironischem Ton. „Aber Tomaso hat vorgeschlagen, die Ältere auszuwählen, die laut seiner Aussage nicht so kompliziert sein soll. Ich habe keine Ahnung, was das bedeutet und welche Motive die beiden jungen Frauen haben könnten.“

„Geld“, meinte Tore voller Abscheu. „Was denn sonst?“

„Nun, es ist deine Aufgabe, dies herauszufinden, falls du Interesse hast. Wenn nicht, belassen wir es dabei. Ich habe nicht vor, dich unter Druck zu setzen, Tomasos willkürlicher Forderung nachzukommen. Falls du doch darüber nachdenkst, solltest du wissen, dass die Ehe auf fünf Jahre begrenzt sein soll“, sagte Aldo. „Mit anderen Worten, es wäre keine lebenslängliche Strafe.“

Als ob das etwas ändern würde, dachte Tore, nachdem sein Großvater den Raum verlassen hatte. Anscheinend war er sich nicht bewusst, wie groß die Bombe war, die er eben hatte platzen lassen. Kein Druck? Meinte Aldo das wirklich ernst?

Natürlich fühlte er sich unter Druck gesetzt, was sonst? Alles, was er heute war, verdankte er Aldo und Matilde, die sich um ihn gekümmert hatten. Aldo hatte Tore als Kind aus elenden Lebensumständen befreit und ihn vor den Menschen gerettet, die ihn nur wegen seines Erbes benutzen wollten. Aldo hatte auch alles Nötige in die Wege geleitet, obwohl er dabei das Gesetz hatte brechen müssen. Und das bei einem Mann, der in jedem anderen Bereich seines Lebens sehr gesetzestreu war. Damit hatte sein Großvater bewiesen, wie wichtig es ihm gewesen war, seinem einzigen Enkelkind die Chance zu geben, die instabilen Anfangsjahre hinter sich zu lassen und sich gut entwickeln zu können. Dank Aldo hatte Tore erfahren, was es bedeutete, Sicherheit, Liebe und Schulbildung zu genießen. Tatsächlich waren all seine guten Eigenschaften auf die Großzügigkeit, Toleranz und Nachsichtigkeit seiner Großeltern zurückzuführen. Ihr Sohn Marco mochte sich als schwere Enttäuschung erwiesen haben, aber trotzdem hatten sie seinem Sohn Tore die Möglichkeit gegeben zu beweisen, dass er besser sein konnte.

Aldo und seine Frau hätten auch ganz anders auf Marcos uneheliches Kind reagieren können, das einer kurzen Affäre mit einem norwegischen Model entstammte. Marco hatte Tores Mutter einen ansehnlichen Geldbetrag gegeben, damit die Existenz seines Kindes nicht veröffentlicht wurde. Doch dann war Tores Mutter gestorben, als er noch ein Kleinkind gewesen war, und kam anschließend in die Obhut ihrer Schwester. Eine Schwester, deren Leben sich um Drogen, üble Typen und Kriminalität drehte. Die immer am Rande des Existenzminimums lebte und dann Tores ständig wachsendes Erbe dazu benutzte, sich ein behagliches Leben einzurichten. Nachdem er alle legalen Wege ausgeschöpft hatte, hatte Aldo Tores Tante Geld geboten, damit sie ihm und Matilde das Sorgerecht übertrug. Und wie durch ein Wunder hatte sich Tores problembeladene und von Angst beherrschte Kindheit buchstäblich über Nacht gewandelt.

Er schuldete seinen Großeltern mehr als nur Familienloyalität. Er schuldete ihnen mehr, als er je zurückzahlen könnte, deshalb würde er natürlich dieser idiotischen Ehe zustimmen. Denn für Aldo Renzetti würde dies endlich ein Schlusspunkt des hässlichen Zerwürfnisses von damals sein. Tomaso würde für die kostbaren Stimmrechte großzügig bezahlt werden. Und seine Enkelin würde in der Familienchronik der Renzetti eine kleine Fußnote bekommen.

Ja, um Aldos willen würde er dieser Ehe zustimmen, aber nur zu seinen eigenen Bedingungen. Er würde die weniger komplizierte Kandidatin wählen, wie von deren Großvater vorgeschlagen. Sie würde nichts als seinen Namen und seinen Lebensstil bekommen. Er würde sie im Südflügel seines Herrenhauses in London unterbringen, wo sie ungestört verrotten konnte, bis ihre Zeit um war. Im täglichen Leben würde es keinerlei Überschneidungen in irgendeiner Form zwischen ihnen geben. Wobei sie hin und wieder vielleicht in der Öffentlichkeit als Paar auftreten müssten, um den Anschein von Normalität zu wahren. Schließlich würde er die Frau nicht völlig ignorieren können, oder?

Allerdings sah er keinen Grund, warum er seine zukünftige Braut schon vor der Hochzeit kennenlernen sollte. Es spielte keine Rolle, wie sie aussah, wie sie sich kleidete oder sprach, denn er wäre so oder so an sie gebunden. Bei diesem Gedanken wollte Wut in ihm aufwallen, die er mit aller Macht unterdrückte. Über die Dauer der Ehe würde er jedoch verhandeln. Fünf Jahre waren eine lange Zeit für eine rein geschäftliche Verbindung. Drei Jahre wären genug, sogar großzügig von seiner Seite. Sie könnte von seinem Geld in Saus und Braus leben. Schade für sie war nur, dass der äußerst komplexe Ehevertrag diese Frau während der Dauer dieser Verbindung zur Treue verpflichten würde.

Seine Braut würde so sehr in den Hintergrund gedrängt werden, dass sie kaum sichtbar in seinem Leben sein würde. Er würde sich entspannen können, denn sie würde ihm nicht die kleinste Unannehmlichkeit bereiten.

Violet schleppte sich die Treppe zu ihrer Wohnung hoch. Ihr Rücken schmerzte nach einer Acht-Stunden-Schicht, die morgens um vier begonnen hatte. Der Job als Konditorin war nichts für Faulpelze, die gern lange im Bett lagen. Aber Violet war es inzwischen gewohnt, früh aufzustehen und hart zu arbeiten, sodass sie sich keine Gedanken mehr darüber machte, sondern nur dankbar war, dass Geld auf dem Konto war und sie keine Schulden hatte.

Traurig war jedoch, dass sie diese Sicherheit allein ihrer besten Freundin verdankte, Isabel. Leider hatten Isabel und ihr Partner nicht lange genug gelebt, um den Erfolg ihres Geschäfts genießen zu können, das sie aufgebaut hatten. Das Paar war vor einem Jahr bei einem Autounfall gestorben, nur wenige Tage nach der Geburt ihrer Tochter Belle. Und da sie lange mit ihrer Freundin zusammengearbeitet hatte, wurde Violet zum Vormund von Belle ernannt und hatte an Stelle des kleinen Mädchens die Konditorei geerbt. So war es ihr finanziell möglich, allein ein kleines Kind aufzuziehen.

Violet war überrascht, als sie Isabels und Stefans frühere Wohnung über der Konditorei betrat und ihre Schwester dort auf sie wartete, statt ihre Untermieterin und Tagesmutter Joy.

„Entspann dich, es ist nichts passiert. Ich habe Joy gesagt, dass sie früher Schluss machen darf. Sie hat Belle bereits gefüttert und hingelegt, damit sie ihren Mittagsschlaf machen kann“, erklärte Tabitha, die sofort gemerkt hatte, dass ihre Schwester sich Sorgen machte. „Ich muss dir was erzählen.“

Violets Anspannung verflog, und sie ließ sich seufzend in einen Sessel fallen. „Was denn?“

Tabitha zuckte zusammen, ehe sie zum Bad lief und sich übergab. Violet folgte ihr und blieb in der Tür stehen. „Was ist los? Hast du dir einen Virus eingefangen?“

„Hol mir bitte ein Glas Wasser, während ich mich frisch mache“, bat ihre Zwillingsschwester.

Violet goss ein Glas Wasser ein und reichte es ihrer blassen Schwester, als die wieder in dem gemütlichen kleinen Wohnzimmer auftauchte. Die Wohnung war nicht gerade groß, weil Isabel und ihr Partner ihr ganzes Geld in die Konditorei gesteckt hatten.

„Es ist kein Virus“, meinte ihre Schwester und wirkte zugleich bekümmert und verlegen. „Ich hätte dich nicht besucht, wenn ich etwas Ansteckendes hätte. Nein, die Wahrheit ist, dass ich schwanger bin.“

„Schwanger?“ Ungläubig schnappte Violet nach Luft. „Aber wie? Ich meine …“

„Bin keine Jungfrau mehr“, warf Tabitha ein. „Erinnerst du dich nicht mehr? Ich habe dir doch gesagt, ich würde auf keinen Fall als Jungfrau in diese Ehe gehen und es für die nächsten drei Jahre auch bleiben.“

Violet runzelte die Stirn. „Natürlich erinnere ich mich daran, aber ich verstehe nicht, warum das ein Problem sein soll, nachdem diese Verbindung eher einem geschäftlichen Abkommen gleicht, statt einer richtigen Ehe. Niemand erwartet von dir, dass du mit diesem erbärmlichen Kerl schläfst.“

„Das denkst du, aber wer weiß?“, gab Tabitha zurück. „Auch wenn er keinen Sex will, muss ich ihm laut Vertrag treu sein, solange ich mit ihm verheiratet bin. Aber ich konnte die Vorstellung nicht ertragen, für die nächsten drei Jahre enthaltsam leben zu müssen. Also habe ich mich entschlossen, mich von diesem Problem zu befreien.“

Violet stöhnte laut auf. „Es ist kein Problem, das man einfach loswerden kann. Das ist doch Unsinn!“

„Ich habe nur das getan, was du getan hast“, wiegelte Tabitha mit geröteten Wangen ab. „Hast du nicht damals mit deinem Freund aus der Highschool geschlafen, weil du dachtest, es wäre endlich an der Zeit?“

Vor Verlegenheit lief Violet dunkelrot an. Je weniger sie über diese unvernünftige Entscheidung preisgab, desto besser. Denn sie hatte ihrer Schwester nie verraten, dass sich die Sache als Katastrophe erwiesen hatte. „Also, wenn du schwanger bist, wer ist dann der Vater?“, fragte sie stattdessen.

Tabitha verzog das Gesicht. „Jemand, den ich bei der Arbeit kennengelernt habe. Er war nur kurz da, deshalb dachte ich, es wäre perfekt, weil ich ihn nie wiedersehen würde. Aber meine Pille hat mich im Stich gelassen.“

Mitfühlend sah ihre Zwillingsschwester sie an. „Was willst du jetzt machen?“

„Es ist eher die Frage, was du jetzt machen willst“, erklärte Tabitha. „Schließlich kann ich Tore Renzetti nicht heiraten, jetzt, wo ich schwanger bin. Es wäre ein Bruch des Vertrags, den ich unterschrieben habe, und ich kann es ja auch nicht auf Dauer verbergen. Es wird also nichts mit dieser Ehe, und das heißt, dass wir das Geld im Voraus auch nicht bekommen.“

Entsetzt sackte Violet in sich zusammen. „Oh Gott“, flüsterte sie, denn sie waren abhängig von diesem Geld, das ihrer Mutter zugutekommen sollte.

In den letzten Jahren hatte Lucia Blessington, Tomaso Barones einziges Kind, jede Form der Krebsbehandlung erhalten, die es in Großbritannien gab, doch sie war immer noch nicht geheilt. Aber es gab in Amerika einen klinischen Versuch mit neuen Medikamenten, die ihrer Mutter das Leben retten könnten. Leider kostete es sehr viel, in diese Versuchsreihe aufgenommen zu werden, und die Blessingtons waren arm wie Kirchenmäuse.

Mit Hilfe des Anwalts ihres Großvaters hatte Tabitha sich einverstanden erklärt, die Dauer der Ehe auf maximal drei Jahre zu reduzieren und hatte im Gegenzug eine beträchtliche Geldsumme verlangt, die im Voraus bezahlt werden sollte. Das Geld würde nicht nur für die Behandlung ihrer Mutter reichen, sondern auch dafür, dass sie und ihre beste Freundin ein angenehmes Leben führen könnten. Das war der einzige Grund, warum beide Schwestern bereit gewesen waren, Tore Renzetti zu heiraten. Ihr Großvater hatte seiner Tochter zunächst helfen wollen, um dann einen Rückzieher zu machen. Beide Zwillinge waren praktisch zu allem bereit, um ihrer Mutter die Chance zu geben, überleben zu können, selbst wenn sie noch so klein war.

„Jetzt musst du einspringen“, sagte Tabitha und verzog schuldbewusst das Gesicht. „Und wir dürfen Tore Renzetti vorher auf keinen Fall etwas verraten, weil er vielleicht mit dem Tausch nicht einverstanden sein könnte.“

„Warum sollte er etwas dagegen haben? Er wollte ja noch nicht einmal eine von uns kennenlernen“, rief Violet ihrer blonden Schwester in Erinnerung. „Ihm ist es egal, wie wir aussehen. Seine Anwälte haben nie danach gefragt, oder?“

„Nein, aber es wäre ziemlich viel Arbeit, die entsprechenden Papiere rechtzeitig von Tabitha auf Violet zu ändern. Deshalb habe ich deinen Namen bereits eingesetzt“, erklärte ihre Schwester mit reumütiger Miene. „Ich musste den Ehevertrag heute Morgen unterschreiben, um sicherzustellen, dass das Geld rechtzeitig überwiesen wird. Ich war in Panik und habe deine Unterschrift gefälscht.“

Violet wurde blass. „Aber das ist gesetzwidrig.“

Ihre Schwester, die impulsiver und nicht so vorsichtig war, bedachte sie mit einem scharfen Blick. „Na und? Wir können jetzt nicht mehr riskieren, dass Renzetti es sich anders überlegt.“

„Aber würde er das denn tun? Dass er dem Ganzen überhaupt zugestimmt hat, deutet doch darauf hin, dass er diese Anteile unbedingt haben will. Und wie soll ich so tun, als wäre ich du? Ich bin kleiner und habe dunkle Haare, keine blonden wie du. Seine Rechtsanwälte haben dich doch gesehen“, gab Violet bestürzt zu bedenken.

„Für die Hochzeit verpassen wir dir High Heels und eine blonde Perücke mit Schleier darüber. Wir kriegen das schon hin, wenn wir uns Mühe geben“, erklärte Tabitha mit ihrem üblichen Selbstbewusstsein.

Violet musterte ihre Schwester, während ihr das Herz in die Hose rutschte, aber ihr fiel kein Gegenargument ein. Wie könnte sie auch einen Einwand erheben? Tabitha war bereit gewesen, drei Jahre ihres Lebens zu opfern, und es war selbstverständlich, dass Violet genauso dazu bereit sein sollte.

Es musste klappen.

Auf dem Weg zur Kirche war Violet übel. Allein mit ihrem gereizten, mürrischen Großvater zu sein, stresste sie schon. Er war praktisch ein Fremder für sie. Erst einmal vorher hatten sie sich getroffen, und jetzt gab sie vor, ihre Schwester zu sein, mit Hilfe der Perücke und des Schleiers, der ihr Gesicht verdeckte.

„Mir ist bewusst, dass du eine Erkältung hast, aber kannst du denn überhaupt nicht sprechen?“, fragte ihr Großvater gereizt, dessen niedrige Toleranzschwelle durch ihr anhaltendes Schweigen herausgefordert wurde. „Am Altar musst du sprechen und deine Antworten geben.“

„Ja“, sagte sie grimmig. „Das werde ich schon schaffen.“

Zitternd saß sie in dem schicken Hochzeitskleid da, das für Tabitha gekauft worden war. Bei Violet spannte es über den Brüsten, und es war zu lang. Deshalb trug sie High Heels, in denen sie kaum laufen konnte, und eine blonde Perücke, weil sie brünett war. Sie musste nur diese Zeremonie hinter sich bringen, ohne dass jemand merkte, dass sie die falsche Braut war.

Es war nicht wichtig, wie ihr zukünftiger Ehemann reagieren würde, wenn ihm bewusst wurde, dass er die falsche Schwester bekommen hatte. Damit konnte sie umgehen. Mit allem, was dieser schreckliche Mann sich an Bestrafung ausdenken würde. Ihr hämmerte das Herz unter dem zu engen Oberteil, und sie straffte die Schultern.

Das ganze Täuschungsmanöver wäre viel einfacher gewesen, hätte ihr Großvater nicht auf einer kirchlichen Hochzeit mit anschließendem Empfang bestanden. Es gab zu viele Menschen, die erkennen würden, dass die Braut nicht die Frau war, die sie angeblich sein sollte. Entsetzt zuckte Violet innerlich zusammen, als sie daran dachte, dass ihr eine öffentliche Szene drohte und sie von einem zornigen Mann bloßgestellt werden könnte. Er mochte sich nicht die Mühe gemacht haben, die Zwillinge kennenzulernen, aber letztendlich war er sicher in der Lage, den Unterschied zu erkennen zwischen einer Blondine von 1,65 Metern und einer kleineren Brünetten, die buchstäblich in die Schuhe ihrer Schwester geschlüpft war. Sie konnte nur froh sein, dass ihr Großvater, Tomaso Barone, sie oder ihre Schwester kaum kannte, da er ihre Mutter schon lange vor der Geburt der Zwillinge verstoßen hatte.

Aber was spielte all das letztendlich für eine Rolle? Tore Renzetti und ihr Großvater wollten diese Hochzeit, und für beide war es bedeutungslos, welche Schwester er heiratete. Tabitha wäre auch eine Fremde gewesen.

„Der Schleier wirkt ein bisschen theatralisch“, beschwerte sich ihr Großvater.

„Ich möchte nicht, dass irgendjemand sieht, wenn ich weine“, erklärte Violet abwehrend.

„Warum solltest du weinen? Du heiratest einen sehr reichen Mann aus den besten Kreisen und mit dem Segen deiner Familie. Dir wird es nie mehr an irgendetwas fehlen. Das wird eine große Veränderung für dich sein. Keine Schulden mehr und nur das Beste von allem. Du hast ausgesorgt. Und du solltest mir dankbar sein, dass ich das für dich eingefädelt habe.“

Violet zuckte abermals zusammen. Tomaso Barone war stolz darauf, sie wie eine Ware verschachert zu haben. Diese Hochzeit war für ihn von Bedeutung, während sie Violet oder ihrer Schwester nichts bedeutete. Obwohl das eigentlich nicht stimmte, korrigierte sie sich mit einem Anflug von Unbehagen, als sie an die angeschlagene Gesundheit ihrer Mutter dachte. Sie fragte sich, ob sie gegen Windmühlen kämpften, während sie um einen guten Ausgang für die ältere Frau beteten. Doch selbst wenn die Behandlung Lucia nur ein paar weitere Jahre schenken würde, statt sie zu heilen, wäre es die Sache wert.

Auf unsicheren Beinen betrat sie die Kirche. Der dichte Spitzenschleier verdeckte ihr Gesicht, machte es ihr jedoch schwer, die Stufen zu erkennen Als sie strauchelte, ließ sie es zu, dass ihr Großvater ihr eine Hand auf den Unterarm legte. Zitternd holte sie Luft. Ihr zukünftiger Mann wartete auf sie. Tabitha hatte im Internet nach Fotos von ihm gesucht und gesagt, er sei umwerfend. Aber damit hatte ihre Schwester zweifellos nur erreichen wollen, dass ihr das Opfer, das sie erbrachte, nicht mehr ganz so schlimm vorkam. Beschämt wurde Violet bewusst, dass sie sich kaum traute, zu ihm hinzusehen, denn sie fühlte sich bereits von der Situation zu eingeschüchtert. Doch jetzt hob sie den Blick zu dem Mann, der am Altar stand …

Für den Bruchteil einer Sekunde war sie wie gelähmt. Der Mann, der auf sie wartete, hatte mehr als nur eine flüchtige Ähnlichkeit mit einem der Elben aus ihrem Lieblingsfilm Herr der Ringe. Sehr groß, sehr blond und sehr, sehr schön. Nein, damit hatte sie nicht gerechnet. In hilfloser Verzückung starrte sie ihn an und fürchtete schon seinen Zorn.

Sie hatte Angst vor wütenden Männer, denn sie war in Gestalt ihres Vaters mit einem aufgewachsen. Und ihr Bräutigam würde gewiss sehr wütend werden, wenn er erst einmal herausgefunden hatte, dass sie ihn hinters Licht geführt hatten. Ein Mann wie er, reich, arrogant und umgeben von ehrgeizigen Frauen war es nicht gewohnt, weniger zu erhalten als das, was ihm seiner Meinung nach zustand. Und Violet wusste seit ihrer Kindheit, dass sie nicht der schöne Zwilling war, gesegnet mit engelhaft blondem Haar wie ihre Schwester Tabitha. Nein, sie war klein, dunkel und aufreizend kurvig.

Verwundert musterte Tore die Braut, die auf ihn zukam. Ihr Gang wirkte seltsam und steif, und der verdunkelnde Schleier, den sie trug, erinnerte ihn an Frankensteins Braut. Warum nur hatte sie ihr Gesicht so bedeckt, dass man kaum ihre Züge unter dem schweren Stoff erkennen konnte? Wahrscheinlich ist sie nicht besonders hübsch, dachte er ungehalten. Vielleicht war sie auch dumm, weil ihr nicht bewusst war, dass ihr Aussehen keine Bedeutung für ihn hatte. Selbst wenn sie ein wenig lächerlich aussähe? Er biss die Zähne zusammen. Möglichweise würde er sie nie in die Öffentlichkeit mitnehmen. Sie zitterte wie Espenlaub. Er dachte an die geforderte Vorauszahlung und rief sich in Erinnerung, dass diese Frau eine schamlose Person war, die nur auf Geld aus war. Er streckte eine Hand aus und ergriff ihre.

So eine kleine Hand hatte er noch nie gesehen, außer bei einem Kind. Sie war eiskalt, verlor sich in seiner, und ihre Finger verkrampften sich, als würde er sie in irgendeiner Weise bedrohen. Tief atmete er ein, als die Zeremonie begann. Mit einer seltsam heiseren Stimme gab sie ihre Antworten, sodass er am liebsten ihren Schleier heruntergerissen hätte, um ihr ein Glas Wasser zu geben. All das irritierte ihn zutiefst. Vielleicht stimmte etwas nicht mit ihr. Körperlich, mental … woher sollte er das wissen, verdammt?

Dann war es vorbei, und er steckte ihr den Ring an einen winzigen Finger. Den Ring hatte er nicht selbst besorgt, denn er hatte nicht die Absicht, sich in irgendeiner Weise wie ein Bräutigam zu verhalten. Er weigerte sich, sein Leben zu ändern. Seine Braut konnte das ganze Drumherum haben, aber nichts anderes. Sie bekam den Namen, den Ring, das Geld, konnte in seinen Häusern wohnen, und das war’s. Tore Renzetti hatte nichts übrig für Parasiten, die nicht bereit waren, für ihren Lebensunterhalt zu arbeiten. 

Arbeit war für Tore die Würze des Lebens. Aldo drängte ihn immer, sich zu entspannen, etwas in seiner Freizeit zu unternehmen, aber Tore hatte nie Freizeit gewollt. Für ihn gab es immer nur einen weiteren Berg, der darauf wartete, bezwungen zu werden. Er war immer nur auf sein nächstes Ziel fokussiert, und daran würde sich nichts ändern. Keine Frau hatte das je infrage gestellt, und wahrscheinlich würde das auch nie passieren. Schon vor langer Zeit hatte er gemerkt, dass er kalt wie Eis war, was sein Herz betraf. Selbst in seiner Jugend war er zum Glück frei von Schwärmereien und Verliebtheit gewesen. Denn er war sehr kritisch und neigte dazu, eher die Fehler zu sehen. Und es gefiel ihm so. Seine kühle, scharfe Intelligenz, die ihn vor den Fehltritten schützte, mit denen andere, die mit weniger Verstand gesegnet waren, sich ihr Leben verkorksten.

Doch als er schließlich mit seiner Braut ein Hinterzimmer betrat, damit sie sich in das Kirchenregister eintragen konnten, war er mit seiner Geduld am Ende. Er sah, wie sie mit ihrem Namen unterschrieb, allerdings war er zu clever, nicht zu merken, dass es der falsche Name war. Sofort schritt er ein.

„Nicht Violet“, meinte er belustigt, denn was sollte es sonst als ein dummes Versehen sein. „Dein Name ist Tabitha …,“

„Äh … nein, ist er nicht, sondern Violet“, widersprach sie mit einer sehr leisen, krächzenden Stimme, als er seinen Namen unter das Dokument setzte.

„Und nimm diesen albernen Schleier ab“, sagte er gereizt, als hätte er das Recht, mit ihr wie mit einem Kleinkind zu sprechen. „Er sieht aus, als gehörtest du zu einem Laientheater, das Hochzeit mit einer Leiche aufführt.“

Autor