Folgen Sie Ihrem Herzen, Mylord!

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Reiche Erbin verzweifelt gesucht! Nur mit dem Vermögen einer zukünftigen Gattin kann Conham, der neue Earl of Dallamire, das heruntergewirtschaftete Familienanwesen retten. Gefühle haben in seinem Plan keinen Platz. Bis ihm unerwartet eine bezaubernde junge Dame direkt in die Arme läuft. Rosina Brackwood ist bürgerlich, verarmt – aber eine hervorragende Gutsverwalterin. Conham stellt sie ein, und während sie tagtäglich zusammenarbeiten, erwacht zwischen ihnen zärtliche Liebe und heiße Leidenschaft. Doch ein Earl, der aus Vernunft heiraten muss, darf niemals seinem Herzen folgen …


  • Erscheinungstag 04.08.2026
  • Bandnummer 458
  • ISBN / Artikelnummer 0814260458
  • Seitenanzahl 256

Leseprobe

Sarah Mallory

Folgen Sie Ihrem Herzen, Mylord!

1. KAPITEL

Sie hat mir einen Korb gegeben. Sie hat mir einen Korb gegeben!

Die Worte hämmerten in Conhams Kopf wider, als er das Haus verließ. Er war einzig deswegen nach Bristol gekommen, um Alicia Faulds einen Heiratsantrag zu machen, und sie hatte ihn abgewiesen.

Sie war seit einem halben Jahr seine Geliebte, und er hatte geglaubt, sie seien wie füreinander geschaffen. Sie war Witwe, erfahren, unterhaltsam und witzig. Außerdem war sie sehr wohlhabend. Als Elfter Earl of Dallamire hatte er einen beeindruckenden Stammbaum, ein großes Haus in Berkshire und diverse Güter im ganzen Land vorzuweisen. Zwar mangelte es ihm betrüblicherweise an Geldmitteln, aber daraus hatte er nie ein Geheimnis gemacht.

Die Tür fiel mit einem dumpfen Knall ins Schloss. Das war’s. Er war fertig mit der reichen Mrs. Faulds. Er musste wieder daran denken, wie sie ihn ausgelacht hatte, als er betreten von seinem leicht erschöpften Vermögen gesprochen hatte.

Erschöpft? Mein lieber Conham, es ist nicht vorhanden! Die Güter, die nicht unter Fideikommiss stehen, sind tief verschuldet. Und du hast mich schwer getäuscht mit deinem Gerede von deinem neuesten Erbe, ich habe es gesehen. Ein unbedeutender Besitz in der Wildnis von Gloucestershire und ein Haufen baufälliger Häuser auf einem Stück Land nördlich von Bristol. Ha! Nichts, was mich auch nur im Geringsten reizen könnte.

Plötzlich war ihm die Dame, von der er geglaubt hatte, sie könnte ihm eine gute Gattin werden, völlig fremd. Sie war vor ihm nach Bristol gereist, um den Besitz zu begutachten, den sein Patenonkel ihm hinterlassen hatte. Zum Kuckuck, er hatte ihn noch nicht einmal selbst gesehen!

Ein kühler Wind kam auf und riss ihn aus seinen nutzlosen Überlegungen. Er sah sich um. Eigentlich hatte er Alicia an diesem Abend zu einem Maskenball begleiten wollen, aber das kam jetzt ja nicht mehr infrage. Allein würde er auch nicht hingehen, er wollte aber auch noch nicht in seine Räume im Full Moon zurückkehren. Er war zu angespannt, zu unruhig, und wahrscheinlich wäre Matt auch noch wach. Er würde wissen wollen, warum Conham vor dem Morgengrauen zurück war und was ihn in eine derart üble Stimmung versetzt hatte.

Das kommt davon, wenn man Matt Talacre mitnimmt, dachte Conham gereizt. Aber einen Mann, der in Waterloo an seiner Seite gekämpft hatte, konnte er unmöglich zurückweisen.

Auf der anderen Straßenseite lag der Queen Square still und verlassen im Mondlicht, ein idealer Ort, um sich zu sammeln und zu beruhigen. Conham zog den Domino fester um die Schultern, um sich gegen die kalte Novembernacht zu wappnen, überquerte die Straße und schritt wenig später über den baumbestandenen Kiesweg, der um den Platz herumführte.

Es war sehr still, obwohl vom Hafen, der den Queen Square an drei Seiten umgab, leise Geräusche herüberdrangen. Über die Reihenhäuser, die den eleganten Platz von den Hafenanlagen trennten, drangen Geschrei und Gepolter. Vermutlich wurde ein Schiff klargemacht zum Auslaufen. Der Vollmond am Himmel schien durch die kahlen Äste und warf Schatten auf den Pfad. Als Conham die zweite Runde um den Platz begann, war er schon sehr viel ruhiger.

Er konnte nicht leugnen, dass Alicias Zurückweisung eine Enttäuschung war. Sie war eine üppige Brünette und wusste, wie man einen Mann wild vor Begierde machte. Außerdem besaß sie ein beträchtliches Vermögen, aber er hatte wirklich geglaubt, dass die Ehe ihnen beiden entsprechen würde. Zwar wäre es keine Liebesheirat gewesen, aber sie konnten einander recht gut leiden, und mehr erwartete Conham nicht von einer Ehefrau. Als Earl war er verpflichtet zu heiraten, und in seinem Fall war eine reiche Braut unabdingbar. Aber offenbar war der wohlhabenden Witwe ihre Unabhängigkeit wichtiger als ein Titel.

Conham konnte ihr keinen Vorwurf daraus machen. Er war tatsächlich verarmt, und ein Narr, weil er nichts dagegen unternommen hatte. Die Nachricht vom Tod seines Vaters hatte ihn kurz nach der Schlacht von Waterloo erreicht, aber er war mit der Besatzungsarmee nach Paris weitergezogen, weil er es nicht für unbedingt notwendig erachtet hatte, sofort nach Hause zu eilen. Vor etwa einem halben Jahr war er dann nach England zurückgekehrt und hatte entdecken müssen, dass der verstorbene Earl, eine unverbesserliche Spielernatur, ihm nichts als vernachlässigte Güter und einen Berg Schulden hinterlassen hatte.

Der Besitz in Berkshire war zwar groß, aber jahrelange Misswirtschaft hatte Dallamire Hall herunterkommen lassen, und die Gesamteinkünfte von all seinen Ländereien reichten gerade aus, um seine Stiefmutter und seine beiden halbwüchsigen Halbschwestern zu versorgen.

„Verflixt“, murmelte er. „Ich hätte den Dienst in der Armee früher quittieren müssen. Ich wusste doch, dass Vater ein Spieler war. Ich hätte ihn besser im Auge halten müssen, bevor er beinahe alles verspielte.“

Die bittere Pille war ihm durch die Besitzungen seines Patenonkels versüßt worden, die treuhänderisch für ihn verwaltet worden waren, bis er sein achtundzwanzigstes Lebensjahr vollendet hatte. Dieses Ereignis hatte sich im August zugetragen und war der Grund, warum Conham in den Südwesten Englands gekommen war, um sein Erbe zu begutachten.

Als er erfuhr, dass Alicia vor ihm nach Bristol gereist war und sich dort ein Haus gemietet hatte, hatte er das als gutes Omen betrachtet, bis sie an diesem Abend all seine Hoffnungen zunichte gemacht hatte. Er hieb mit seinem Stock auf ein Unkraut im Gras. Wie hatte sie es genannt? Unbedeutend und baufällig. Der vorsichtig formulierte Bericht seiner Anwälte legte nahe, dass Alicias Beschreibung sich als korrekt erweisen würde.

Er seufzte und sah zum Mond hinauf. Nun ja, was geschehen war, war geschehen. Seine Jahre in der Armee hatten ihn gelehrt, gelassen mit derartigen Dingen umzugehen. Eine Menge Leute waren von ihm abhängig, er konnte sie nicht im Stich lassen. Er musste sich anderswo nach einer reichen Braut umsehen. Allzu schwierig dürfte das nicht sein. Man hörte so oft, dass reiche Männer bereit waren, ihren Töchtern ein Vermögen zu überschreiben, wenn sie dafür einen Titel erlangten.

„Uff!“

Seine Gedankengänge wurden unterbrochen, als jemand mit voller Wucht gegen ihn prallte und ihm dabei den Ebenholzstock aus der Hand schlug. Instinktiv packte er den Missetäter.

„O nein, so geht das nicht!“

Er erwartete Flüche und Beschimpfungen von seinem Angreifer. Stattdessen bat ihn eine leise weibliche Stimme, sie gehen zu lassen.

„Was zum Teufel?“

Conham schob seine Gefangene ins Mondlicht und sah sich einem blassen, herzförmigen Gesicht gegenüber, das von einer unordentlichen Masse blonder Locken umrahmt war. Sie trug keinen Mantel, aber ihre Ärmel fühlten sich nach Seide an. In diesem Moment hörte er Rufe vom Hafen.

„Bitte, Sir. Sie dürfen mich nicht entdecken!“

Sie sah mit weit aufgerissenen Augen zu ihm auf, und er zog die junge Frau rasch wieder in den Schatten. Im selben Moment kamen vier Männer auf den Platz gerannt.

„Dafür ist es zu spät“, murmelte er und streifte seinen Domino ab. „Hier, legen Sie das um.“ Er warf ihr den Umhang um die Schultern und zog ihr die Kapuze über die hellen Haare. „Und jetzt legen Sie mir die Arme um den Hals.“

Und damit beugte er sich über sie und küsste sie. Sie erstarrte, schob ihn aber nicht von sich. Stattdessen klammerte sie sich fester an ihn, während das Getrappel von Stiefeln immer lauter wurde. Jemand näherte sich im Laufschritt. Conham hob den Kopf.

„Bleiben Sie dicht bei mir“, flüsterte er.

Er drehte sich um, hielt die Frau dabei hinter sich im Schatten. Die Männer hatten sich aufgeteilt, nur zwei kamen auf ihn zu. Er trat vor, tat so, als nestelte er an seinem Hosenstall, während er die Männer munter ansprach.

„Sie haben es ja verteufelt eilig, meine Herren. Sind die Zwangsrekrutierer unterwegs?“

Die Männer blieben stehen.

„Und wer wären Sie jetzt?“, fragte einer.

„Ich bin Dallamire“, erwiderte er eine Spur hochnäsig. „Der Earl of Dallamire.“

Sie musterten ihn, beäugten den schwarzen Frack mit den vergoldeten Knöpfen, die schmalen schwarzen Hosen und die Abendschuhe. Der zweite Mann machte sichtlich beeindruckt einen Diener.

„Nein, Mylord, nicht die Zwangsrekrutierer. Wir sind hinter einer entflohenen Gefangenen her. Aber sie ist bloß eine Hure, die sich vom Schiff verkrümelt hat“, fügte er hinzu, als Conham Besorgnis mimte. „Haben Sie jemanden gehört oder gesehen?“

„Nun, nein.“ Conham zog seine Begleiterin an sich. „Aber wie Sie sehen können, war ich ziemlich … beschäftigt.“

Der Mann lachte derb auf. „Aye, na gut, dann wollen wir Sie mal nicht länger von Ihrem Vergnügen abhalten, Mylord. Komm, Joe.“

Conham schaute den Matrosen nach, bis sie nicht mehr zu sehen waren und er und die Frau den Platz wieder für sich hatten.

„Also“, sagte er, „ich finde, Sie sollten mir am besten sagen, worum es hier geht.“

„Und ich finde, Sie sollten mich gehen lassen“, erwiderte sie und versuchte sich aus seinem Griff zu befreien.

Er hielt sie umso fester. „Aber ich muss mich noch davon überzeugen, dass Sie unschuldig sind.“

„Wie können Sie es wagen!“

„Außerdem“, fuhr er fort, während sie sich von ihm loszureißen versuchte, „ist es für eine junge Frau gefährlich, hier allein herumzulaufen. Wir befinden uns im Hafenviertel, hier treiben sich einige sehr rohe Gestalten herum.“

„Dessen bin ich mir durchaus bewusst!“

„Ich meine doch nicht mich, Sie Wildkatze“, rief er aus und hielt sie am Handgelenk fest, ehe sie ihm die Augen auskratzen konnte. „Hier in den dunklen Gassen finden sich Leute, die Sie allein Ihrer Kleider wegen umbringen würden. Und dann sind da auch noch Ihre Verfolger.“

Sie hörte auf sich zu wehren und betrachtete ihn gereizt. Er fuhr fort.

„So ist es besser. Gehen wir in ein Gasthaus, dort können Sie mir Ihre Geschichte erzählen. Wer weiß, vielleicht kann ich Ihnen ja sogar helfen.“

Sie schwieg, und dann: „Na schön, ich komme mit.“

„Gut.“ Er hob seinen Stock auf. „Lassen Sie meinen Domino besser an.“

„Aber er ist viel zu lang“, wandte sie ein. „Er wird im Schmutz schleifen.“

Ihre Sorge um sein Eigentum überraschte ihn, aber er zuckte nur mit den Achseln. „Besser, als dass Sie erfrieren.“

Er hörte ein leises Lachen. „Sehr wahr.“

„Dann kommen Sie.“

Conham hängte sie bei sich ein, doch sie stützte sich nicht auf ihn. Nach ein paar Schritten stolperte sie, und er legte schnell den Arm um sie.

„Verzeihung“, murmelte sie, „mir ist ein wenig schwindelig.“

„Bis zur King Street ist es nicht weit. Wenn Sie sich erst einmal setzen können, geht es Ihnen bestimmt gleich besser. Und dann können Sie mir erzählen, was hier eigentlich los ist.“

Am Rand des Platzes begegneten ihnen die Matrosen wieder. Er sah auf seine Begleiterin herunter, um sich zu vergewissern, dass die Dominokapuze ihr Gesicht verbarg. Sie hatte beim Anblick der Männer gezögert, doch Conham hatte ihr beruhigend die Hand auf den Arm gelegt. Er sprach die Männer an.

„Hatten Sie kein Glück bei Ihrer Suche?“

„Das Weibsstück ist wie vom Erdboden verschluckt.“ Ein grober Fluch folgte auf die Worte. „Und wir können nicht länger warten mit dem Auslaufen, sonst sind die Schleusentore geschlossen.“ Er spie in den Rinnstein. „Sie ist im Rotlichtviertel untergetaucht. Na, da wird sie es nicht lang machen.“

„Nein. Dann wünsche ich Ihnen eine gute Nacht.“ Conham tippte sich an den Hut, pfiff ein Lied und schlenderte weiter. Er sah sich erst um, als sie die King Street erreicht hatten.

„Sind sie weg?“, flüsterte es neben ihm.

„Ja. Sie laufen zurück zu ihrem Schiff. Sie sind vor ihnen sicher.“

„Gott sei Dank“, sagte sie und sackte gegen ihn.

Als Conham sie hochhob, rutschte die Kapuze zurück, und ihr blondes Haar ergoss sich wie Seide über seinen Ärmel. Sie hatte die Augen geschlossen, und er blickte auf sie herab, auf ihr kleines, gerades Näschen und ihren Mund, den er bereits als äußerst einladend empfunden hatte. Im Schein der Straßenlaterne sah sie älter aus, als er zunächst gedacht hatte, aber dennoch wehrlos. Und viel zu jung, um hier schutzlos herumzulaufen.

„Himmel“, murmelte er. „Was zum Teufel soll ich bloß mit Ihnen anfangen?“

2. KAPITEL

Rosina regte sich. Ihr Kopf schmerzte außerordentlich, und ihr Mund war wie ausgedörrt. Sie lag im Bett, die Decke bis zu den Schultern hochgezogen. Sie öffnete die Augen, zuckte zusammen vor der Helligkeit im Zimmer. Dies war nicht ihr Schlafzimmer. Es überlief sie kalt, als sie sich bruchstückhaft an ihr Martyrium zu erinnern begann.

Sie blickte zu dem schlichten hölzernen Betthimmel empor und nahm dann das Mobiliar in Augenschein. Schließlich fiel ihr Blick auf den Mann, der am Kamin stand und ins Feuer blickte. Er war groß und breitschultrig, sein Bauch flach. Vielleicht ein Sportsmann, sein glänzendes kastanienbraunes Haar lockte sich über seinem Kragen, wie sie es auf Zeichnungen von fashionablen Amateursportlern gesehen hatte. Er trug keinen Rock, seine schneeweißen Hemdsärmel bauschten sich aus der seidenen Weste. Das und seine schwarzen Hosen legten Abendkleidung nahe, obwohl es nun helllichter Tag war.

Als wäre er sich ihres Blicks bewusst, drehte er sich zu ihr um, und sie nahm sein markantes Gesicht mit dem eckigen Kinn und den durchdringenden grüngrauen Augen in sich auf. Sie erkannte ihn nicht als ihren Retter, aber die Nacht war auch furchterregend gewesen, voll blaugrauem Mondlicht und dunklen Schatten. Seine sanfte, tiefe Stimme kam ihr jedoch vertraut vor.

„Dann sind Sie endlich aufgewacht.“

„Seit wann bin ich denn schon hier?“

„Seit Mitternacht.“

„Mitternacht.“ Sie runzelte die Stirn, versuchte sich zu erinnern. „Sie sind ein Earl …“

„Conham Mortlake, Earl of Dallamire, ja.“

Er ging zu ihr hinüber, nahm dabei ein Glas in die Hand, das auf dem Nachttisch stand, doch als er näher kam, schreckte sie vor ihm zurück.

„Haben Sie keine Angst, es ist nur Wasser.“

„Natürlich, aber ich kann das Glas selber halten“, sagte Rosina und kämpfte gegen die momentane Panik an.

Sie sagte sich, dass dieser Mann ihr doch geholfen hatte, doch ihre Hand zitterte trotzdem, als sie nach dem Glas griff.

Der Earl lachte, aber nicht unfreundlich. „Sie sollten sich von mir helfen lassen.“

Er setzte sich auf die Bettkante, legte ihr eine Hand unter die Schultern und hielt mit der anderen das Glas, während sie ein paar Schlucke nahm.

Es war wirklich Wasser. Keinerlei unangenehmer Geschmack oder stechender Geruch; niemand versuchte jetzt, sie zu betäuben.

„Danke“, sagte sie. „Wo bin ich denn?“

„In meinen Räumen im Full Moon.“ Er rückte die Kissen hinter ihr zurecht, damit sie sich bequemer aufsetzen konnte.

„Sie sind zusammengebrochen, als wir den Queen Square verlassen wollten, und ich hielt es für das Beste, Sie hierher zu bringen. Sie haben den ganzen Morgen geschlafen. Vermutlich eine Folge all des Laudanums, das Sie zu sich genommen hatten. Ich konnte es an Ihrem Atem riechen.“ Er richtete sich auf. „Ist das besser so?“

„Ja, danke.“ Rosina wurde sich gewahr, dass sie nur ihr Unterkleid trug, und zog die Decke bis zum Kinn.

„Die Zimmermädchen haben Sie entkleidet, nicht ich“, sagte er. „Leider ist der Gasthof voll belegt, und so blieb ihnen nichts anderes übrig, als Sie in meinem Bett unterzubringen. Kein Grund, so erschrocken dreinzusehen, ich habe im Zimmer meines Begleiters übernachtet. Ich bin nur hereingekommen, um das Feuer zu schüren. Tut mir leid, dass ich Sie geweckt habe.“

Er hielt inne, doch sie war immer noch zu benommen, um vernünftig zu antworten, und so fuhr er nach einer Weile fort.

„Ich muss jetzt weg. Ich schicke Ihnen ein Zimmermädchen mit etwas Tee und Brot und Butter. Wenn Sie etwas brauchen, bitten Sie das Mädchen darum. Dieses Zimmer und das anschließende Wohnzimmer stehen zu Ihrer Verfügung, so lange Sie sie brauchen. Niemand wird Sie stören, außer Sie klingeln nach einem Dienstboten.“

„Danke.“ Sie sah zu ihm auf und sagte dann schnell: „Sie kommen aber doch zurück, oder?“

„Natürlich.“ Sein Lächeln war freundlich, beruhigend. „Ich werde ein paar Stunden weg sein, aber ich schaue bei Ihnen herein, wenn ich wieder da bin. Ich habe allen gesagt, dass Sie meine Cousine sind. Eine Mrs. Alness. Ich habe behauptet, dass Ihre Kutsche umgestürzt und Ihr gesamtes Gepäck in den Fluss gefallen ist, was ihr zerzaustes Aussehen und das fehlende Gepäck erklärt. Auch wenn sie mir die Geschichte nicht glauben, werden sie sie doch akzeptieren, glauben Sie mir.“

„Weil Sie ein Earl sind?“

„Weil ich ein Earl bin.“ Er lächelte immer noch, doch sie nahm darin jetzt eine Spur von Hohn wahr. „Darf ich erfahren, wie Sie heißen?“

„Rosina.“

Er wartete, doch sie presste die Lippen aufeinander, nicht willens, ihm weitere Informationen zu geben, und er nickte schließlich.

„Na schön, Rosina, dann verabschiede ich mich jetzt von Ihnen.“

Sobald Lord Dallamire gegangen war, legte sich Rosina in die Kissen zurück und versuchte sich zu sammeln. Als sie am Vorabend in ihn hineingelaufen war, war sie um ihr Leben gerannt. Er hatte sie gerettet, daran bestand kein Zweifel. Und merkwürdigerweise hatte sie keine Angst gehabt, als er sie geküsst hatte. Es war schockierend gewesen, genau so wie sie sich einen Blitzschlag vorstellte, aber auch aufregend. Niemand hatte sie je so geküsst, daher wusste sie nicht, ob es immer so war.

Sie war dem Earl gegenüber misstrauisch gewesen, weil sie befürchtet hatte, dass er ihr nur aus eigennützigen Gründen half, aber er hatte sich anscheinend wirklich um sie gekümmert. Sie schloss die Augen. Sie hatte keine Ahnung, was sie tun sollte, aber im Moment fühlte sie sich sicher. Ihre Arme waren übersät mit blauen Flecken, aber die stammten von den Matrosen und von … Rosina schauderte. Sie wollte nicht darüber nachdenken, wie sie auf das Schiff gekommen war. Noch nicht.

Sie schlug die Decke zurück, schwang die Füße aus dem Bett und stand vorsichtig auf. Ihr war ein wenig schwindelig, doch die Beine trugen sie. Sie wollte nicht länger im Bett liegen. Vorsichtig trat sie zum Klingelzug und läutete.

Es war später Nachmittag und wurde allmählich dunkel, als Conham in den Full Moon zurückkehrte. Die Wirtin sagte ihm, dass seine Cousine im Privatsalon auf ihn wartete. Er ging nach oben. Der Salon strahlte im Kerzenlicht, und Rosina stand vor dem Kamin und wärmte sich die Hände. Einen Moment hatte er ihr Profil deutlich vor sich, das herrliche, lose aufgesteckte Haar, von dem ihr ein, zwei goldene Locken ins Gesicht hingen, die zarte Nase und die wohlgeformten Lippen, die wie zum Lächeln gemacht schienen.

Dann drehte sie sich zu ihm um, und ihm stockte der Atem.

„Sie sind angekleidet“, sprach er den ersten Gedanken aus, der ihm in den Sinn kam.

„Ja.“ Sie blickte auf ihre Röcke herab. „Das Zimmermädchen hat mein Kleid gesäubert, so gut es ging, und hat mir eine Bürste und Haarnadeln besorgt, damit ich meine Frisur richten konnte.“

Auch wenn sie jetzt schüchtern lächelte, wirkte sie immer noch bleich und verhärmt.

„Geht es Ihnen besser?“

„Sehr viel besser, Mylord, vielen Dank.“

„Haben Sie etwas gegessen?“

„Ja, danke.“

„Was denn?“ Er warf ihr einen forschenden Blick zu.

„Ein Butterbrot.“

„Das ist ja wohl kaum genug.“

Unbehagliches Schweigen senkte sich herab, und sein Blick wanderte zu dem kleinen Geldbeutel auf dem Tisch. Er hatte ihn absichtlich dort liegen lassen und halb erwartet, dass sie das Geld nehmen und verschwinden würde.

„Ich dachte, Sie wären inzwischen gegangen.“

„Sie wollten eine Erklärung.“ Sie hob die Schultern. „Die zumindest bin ich Ihnen schuldig.“

Er nickte. „Ich lasse einen kleinen Imbiss kommen.“

Ein Dienstbote betrat den Raum, und Rosina musterte den Earl, während er seine Anweisungen gab. Er hatte die Abendgarderobe abgelegt und trug nun lange Hosen, Schaftstiefel, einen blauen Rock über einer taubengrauen Weste und ein schneeweißes Hemd. So gut sitzende Kleidung hatte sie außerhalb der Seiten eines Modejournals nur selten zu sehen bekommen. Der Aufzug ihres Bruders Edgar – stark taillierter Rock, extrem hoher Hemdkragen, pomadisiertes Haar – war ihr immer sehr extravagant vorgekommen. Edgar versicherte ihr zwar immer, dass es der neuesten Mode entsprach, aber sie hatte immer gefunden, dass er eine Spur lächerlich aussah.

An Lord Dallamire war nichts lächerlich. Sein Rock brauchte an den Schultern keinerlei zusätzliche Polsterung, und sein flacher Bauch und die muskulösen Oberschenkel deuteten auf einen sportgestählten Körper hin. Edgar und seine Freunde hingegen schlugen stets über die Stränge, ob es nun um die Wahl ihrer Speisen oder die Wahl ihrer Kleider ging. Ihre Züge verrieten bereits erste Anzeichen ihrer Ausschweifungen. Allein bei dem Gedanken schauderte es sie.

„Madam, ist Ihnen meine Anwesenheit denn so zuwider?“

Der Dienstbote hatte sich zurückgezogen. Der Earl hatte sich ihr zugewandt und betrachtete sie nun kalt und mit hochgezogenen Brauen. Anscheinend hatte er ihren angewiderten Blick gemerkt und gedacht, er sei auf ihn gemünzt! Rosina spürte, wie ihr die Röte in die Wangen stieg.

„Nein, nein, ich war nur …“ Sie hielt inne und unternahm einen neuen Versuch. „Ihre Kleidung. Heute Morgen haben Sie noch etwas anderes getragen. Ich habe nicht erwartet …“

„Ich habe in meinem Abendanzug geschlafen.“ Die eisige Miene war einer gewissen Belustigung gewichen. „Ich wusste, dass ich nachts öfter einmal bei Ihnen hereinschauen müsste, und dachte, es würde Sie erschrecken, wenn Sie aufwachten und mich im Nachtrock sähen.“

Er zog einen Stuhl für sie heraus. Plötzlich fiel ihr der Domino ein, den er ihr am Vorabend umgelegt hatte.

„Oh, Sie waren gestern Abend unterwegs zu einem Ball! Bitte entschuldigen Sie, es täte mir sehr leid, wenn ich Ihnen den Abend verdorben haben sollte.“

Er nahm ihr gegenüber Platz und winkte ab. „Es spielt keine Rolle. Ich hatte schon beschlossen, nicht hinzugehen. Aber kommen wir wieder zur Sache. Warum waren diese Männer hinter Ihnen her? Und keine Lügen bitte!“

Angesichts dieses Tons fuhr Rosina ein wenig zusammen, entschied dann aber, dass die Bemerkung durchaus angemessen war. Als sie daran dachte, welches Bild sie mit ihrem staubigen Kleid und den wirren Haaren abgegeben haben musste, fand sie es durchaus verständlich, dass er Vorsicht walten ließ. Aber auch sie musste sich in Acht nehmen.

„Verzeihen Sie, Sir, aber woher weiß ich, dass Sie der sind, als der Sie sich ausgeben?“

Er zog ein silbernes Etui heraus und entnahm ihm eine Visitenkarte.

„Das wird momentan genügen müssen“, sagte er. „Bis vor sechs Monaten war ich mit der Armee in Frankreich.“

Das Eintreten eines Dieners mit einem Tablett sorgte für Ablenkung. Rosina betrachtete die Visitenkarte und legte sie beiseite, während Lord Dallamire Wein für sie beide einschenkte.

„Waren Sie in Waterloo, Mylord?“

„Ja.“ Ein Schatten huschte über sein Gesicht, als fände er die Erinnerung daran verstörend. „Es wurde als großartiger Sieg gefeiert, aber gleichzeitig haben dabei so viele gute Leute ihr Leben gelassen.“

„Das tut mir sehr leid.“

Er nahm ihre Worte mit einem Nicken zur Kenntnis, sagte dann aber forsch: „Und, wollen Sie mir jetzt Ihre Geschichte erzählen?“

Rosina nippte an ihrem Wein, versuchte sich zu entscheiden. Sie steckte in der Klemme, aber ihr Instinkt sagte ihr, dass sie diesem Mann vertrauen konnte.

„Mein Name ist Rosina Brackwood“, sagte sie schließlich. „Mein Vater war Sir Thomas Brackwood von Brackwood Court in Somerset. Das Anwesen liegt ein paar Meilen südlich von Bristol.“

„Ich glaube nicht, dass ich … Moment, der Name Brackwood ist mir kürzlich in der Stadt untergekommen.“ Er runzelte die Stirn. „Aber dabei handelte es sich um einen jungen Mann.“

„Mein Bruder Edgar.“

„Ah, ja, so wird es wohl sein. Ich bin ihm ein oder zweimal am Spieltisch begegnet.“

Sie verzog die Lippen. „Das überrascht mich nicht. Er lebt nur nach seinem Vergnügen. Als Papa noch lebte, war Edgar nur selten in Brackwood, er kam nur, wenn ihm das Geld ausgegangen war. Er war zuhause, als Papa im April gestorben ist, und als er blieb, dachte ich, er würde nun endlich Verantwortung übernehmen, aber er war nur daran interessiert, Geld aus dem Nachlass flüssig zu machen, um seine Schulden zu bezahlen. Er hat keinerlei Interesse an den Pächtern oder am Land, ganz anders als mein Vater! Papa lag das alles sehr am Herzen. Genau wie mir, schließlich habe ich mein ganzes Leben in Brackwood verbracht.“ Ihr kleiner Anflug von Trotz verflog, und sie seufzte. „Ich hatte mich daran gewöhnt, Brackwood zu führen, als gehörte es mir. Vermutlich war es unvermeidlich, dass Edgar und ich uns in die Haare gerieten, als er nach Hause kam.“

Sie nahm noch einen Schluck, stellte dann jedoch das Glas beiseite. Ihr war ein wenig schwindelig, und sie musste ihren Verstand beisammen haben, wenn sie alles erklären sollte.

„Mein Vater machte sich Sorgen, was nach seinem Tod aus Brackwood werden sollte, und so hat er neue Verträge mit den Dorfbewohnern und den Pächtern geschlossen, um ihnen mehr Sicherheit zu geben. Als Edgar sie hinauszuwerfen versuchte, habe ich sie darüber informiert, dass er das nicht ohne entsprechende Entschädigung tun könnte. Außerdem hat er versucht, sich bei Papas Freunden Geld zu leihen, und ich wusste, dass er seine Schulden jahrelang nicht würde zurückzahlen können. Wenn überhaupt jemals.“ Sie sah den Earl an und nahm die leichte Falte zwischen seinen Augenbrauen wahr. „Ich habe nichts Illegales gemacht, habe unseren Freunden nur die Wahrheit gesagt. Papa hätte gewollt, dass man sie warnt. Edgar gefiel das nicht. Er hat mir vorgeworfen, mich einzumischen.“

„Kann ich mir vorstellen.“

Conham erinnerte sich an seine eigene Heimkehr in diesem Jahr, daran, dass seine Stiefmutter ihm versichert hatte, sie kämen in Dallamire sehr gut zurecht, und er feststellen musste, dass das nicht der Wahrheit entsprach.

„Halten Sie das für falsch?“, fragte sie. „Mein Vater war ein ehrlicher Mensch, er hätte sich für Edgars Unaufrichtigkeit gegenüber unseren Freunden geschämt. Und was die Dorfbewohner angeht, so sind das größtenteils arme, ungebildete Leute. Was soll aus ihnen werden, wenn sie aus ihren Häusern vertrieben werden? Wo sollten sie hin? Mein Bruder hätte ihnen das Leben ruiniert, und das alles wegen eines kurzfristigen Gewinns, weil er die Häuser und das nicht zum Erbgut gehörige Land verkaufen möchte.“

„Es ist doch verständlich, dass Ihr Bruder seine eigenen Vorstellung hat, was sein Erbe betrifft“, erwiderte er mit Blick auf seine eigene missliche Lage.

„Aber er sollte es bewahren! Papa hat zusätzliches Land gekauft, um dafür zu sorgen, dass Brackwood überleben und profitieren kann. Wenn Edgar Papas Pläne nur umsetzen würde, würden langfristig alle profitieren. Die Höfe könnten verbessert, die Erträge gesteigert werden.“ Sie erwärmte sich für ihr Thema. „Ich habe meinen Vater immer unterstützt, und er hat viele seiner Ideen mit mir geteilt. Er wusste, dass die Umsetzung Zeit brauchen würde, aber …“ Sie unterbrach sich. „Sie wirken skeptisch. Glauben Sie mir nicht?“

Er erwiderte sanft: „Ich glaube, dass Sie es gut meinen, Miss Brackwood, aber vielleicht sind Sie sich nicht im Klaren über die Lage.“

Anscheinend hatte der Wein eine anregende Wirkung auf sie. „Lord Dallamire, ich bin fünfundzwanzig Jahre alt, vier Jahre älter als mein Bruder, und ich bin mir durchaus im Klaren über die Lage.“ Sie richtete sich kerzengerade auf. „Ich habe meinem Vater geholfen, noch bevor ich dem Schulzimmer entwachsen war, und als er feststellte, dass ich ein Talent für Zahlen und rechtliche Angelegenheiten habe, übertrug er mir noch mehr Aufgaben.“

„Hatten Sie denn keine Saison in London?“

„Ich wollte nie eine. Ich war es zufrieden, mich um Brackwood zu kümmern.“

„Aber wenn Sie geheiratet hätten, hätten Sie ein eigenes Etablissement.“

„Das meinem Ehemann gehören würde, nicht mir.“

„Ah. Das stimmt.“

Er lächelte, und er sah, wie sie kurz mit den Augen zwinkerte, ehe sie wieder ernst wurde.

„Ich hätte an Edgar übergeben, Mylord, wenn er nur das geringste Interesse gezeigt hätte. Papa war tief enttäuscht, als mein Bruder sagte, er wolle sich noch tüchtig ausleben, bevor er sich auf dem Land niederlässt. Er ist dann nach London zurückgekehrt, und wir haben ihn kaum noch zu sehen bekommen.“

„Sie können von mir kaum erwarten, dass ich ihn verurteile, Miss Brackwood. Mein eigener Vater ist vor über einem Jahr verstorben, und ich habe mein Erbe erst jetzt angetreten.“

„Aber Sie waren in der Armee, Mylord. Sie hatten Pflichten. Mein Bruder hatte keinerlei Verpflichtungen. Er kam nur nach Hause, wenn er mal wieder seinen Gläubigern entrinnen musste. Während Edgar in London seinen Unterhalt verschwendete, arbeitete ich mit Papa zusammen, besprach die Verbesserungen, die er vornehmen wollte, entwarf Pläne und berechnete die Kosten. Tatsächlich habe ich mich, als es meinem Vater in seinem letzten Lebensjahr immer schlechter ging, um alles gekümmert.“

„Sehr lobenswert.“

Eifrig fuhr sie fort: „Ein paar von Papas Verbesserungen tragen bereits Früchte, zum Beispiel die Entwässerung der Wiesen und die Empfehlung, auf den schweren Böden einen Zwei-Pferde-Pflug einzusetzen. Dann die Fruchtfolge …“

Conham warf die Hände in die Luft. „Genug! Sie brauchen nichts mehr zu sagen. Ich nehme alles zurück, Sie haben weitaus mehr Ahnung von diesen Dingen als ich!“

Rosina sah seine belustigte Miene und lehnte sich lachend zurück. „Verzeihen Sie. Meine Begeisterung geht oft mit mir durch, wenn ich anfange, von diesen Dingen zu reden.“

„Aber Ihr Bruder will nichts davon wissen.“

Rosina schüttelte den Kopf, ihr Lächeln war erloschen.

„Das ist sehr bedauerlich, Madam, aber wenn er jetzt der Herr ist, trifft er die Entscheidungen.“

„Das weiß ich, und ich hatte es auch akzeptiert. Ich habe keine Einwände erhoben, als er die Felder im Norden des Dorfs verkaufte und die drei Häuser in der Wood Lane.“ Sie atmete tief durch. „Aber ich konnte nicht zulassen, dass Edgar unsere Freunde dazu verleitete, ihm Geld zu leihen. Er hat ihnen erzählt, es sei für Verbesserungen in Brackwood bestimmt, aber das war gelogen. Er brauchte das Geld, um seine dringlichsten Spielschulden zu begleichen.“

„Und er war zornig, weil Sie sich eingemischt haben.“

„Mehr als zornig.“

Rosina presste die Hände im Schoß zusammen. Lord Dallamire wollte die Wahrheit, und sie war Edgar nun keine Loyalität mehr schuldig. Rosina wurde ein wenig unwohl, als sie die nächsten Worte aussprach.

„Er ließ mich entführen.“

Die Erinnerungen stürmten auf sei ein, die Bilder klar und scharf: Wie sie vor zwei Abenden nach Hause gekommen war und Brackwood Court unnatürlich ruhig vorgefunden hatte. Edgar hatte ihre Zofe fortgeschickt, den restlichen Dienstboten freigegeben und diese schreckliche Moffat ins Haus gelassen.

Sie hatten sie auf einem Stuhl festgeschnallt, und Edgar hatte sich schier ausschütten wollen vor Lachen angesichts ihrer wütenden Proteste.

Seit dem Tod unseres Vaters warst du mir ein beständiger Stachel im Fleisch, Schwesterherz. Du hast dich über meine Befehle hinweggesetzt und zu allem deinen Senf dazugeben müssen. Ich habe genug von dir und deinen Einmischungen!

Sie schloss die Augen und versuchte die grausame Stimme auszublenden.

Brackwood gehört jetzt mir, und damit Schluss. Und für dich ist jetzt auch Schluss. Ich lasse dich an einen Ort bringen, von dem aus du mir keine Schwierigkeiten mehr machst. Halt sie fest!

Sie erinnerte sich daran, wie Moffat ihren Kopf gehalten hatte, während ihr Bruder ihr ein Betäubungsmittel einflößte, wie sie ihn gewarnt hatte, dass es gefährlich sei, die Droge zu hoch zu dosieren, und an Edgars herzlose Antwort.

Glaubst du, dass mich das interessiert? Für mich spielt es keine Rolle, ob sie tot oder lebendig an Bord gelangt.

Rosina hatte gespürt, wie sich die Dunkelheit um sie schloss. Die Stimme ihres Bruders war immer leiser geworden. Am Ende hörte sie nur noch eines, bevor die Welt um sie schwarz wurde.

Solange sie es nicht wieder lebend verlässt!

3. KAPITEL

Conham sprang hoch und fing Rosina auf, als sie vom Stuhl kippte. Sanft setzte er sie auf dem Boden ab, kniete sich neben sie und hielt ihren Kopf und ihre Schultern an seine Brust gedrückt.

Sie kam fast sofort wieder zu sich und versuchte sich aus seinem Griff zu befreien.

„Nein, nein, wehren Sie sich nicht, Sie sind hier in Sicherheit.“

Sie wurde ruhig und öffnete die Augen. Zuerst sah sie verständnislos zu ihm auf, doch als sie ihn erkannte, klammerte sie sich an seinem Rock fest.

„Sie sind hier in Sicherheit“, wiederholte er. „Sie haben das Bewusstsein verloren.“

Sie griff sich mit der freien Hand an den Kopf. „Ich hätte den Wein nicht trinken sollen.“

„Sie hätten mehr essen sollen!“ Er half ihr in den Sessel am Kamin. „Bleiben Sie hier sitzen, während ich unten etwas für Sie bestelle.“

Rosina gehorchte, wenn auch nur, weil sie glaubte, ohne Hilfe nicht aufstehen zu können. Sie saß ganz still und atmete ein paarmal tief durch, während Lord Dallamire hinausging. Sie schämte sich, dass sie das Bewusstsein verloren hatte, dass sie eine solche Schwäche gezeigt hatte.

Als der Earl zurückkehrte, sagte sie: „Entschuldigen Sie, normalerweise bin ich keine so armselige Kreatur.“

„Sie stehen unter Schock. Dergleichen habe ich auch bei meinen Männern beobachtet, nachdem sie in Kämpfe verwickelt waren.“ Er legte ihr kurz die Hand auf die Schulter und setzte sich. „Die Wirtin bringt Ihnen etwas zu essen, danach sollten Sie sich wieder hinlegen.“

„Ich muss Ihnen erzählen, was passiert ist.“

Sie stützte die Ellbogen auf dem Tisch auf und legte den Kopf in die Hände. Es war ihr ungeheuer wichtig, ihm alles zu erklären, ihm begreiflich zu machen, zu welchen Ungeheuerlichkeiten ihr Bruder sich verstiegen hatte.

Er goss ihr ein Glas Wasser ein. „Also schön. Ich höre.“

Rosina lehnte sich zurück und starrte das Glas an, rührte es aber nicht an.

„Edgar hat mich betäubt und eine Frau angeheuert, die mich nach Bristol an Bord eines Schiffes schaffen sollte, das nach Amerika ausläuft. Nach Boston.“ Ein Schauer überlief sie, und sie verschränkte die Arme. „Er wollte verbreiten, dass ich das Geld, das Papa mir hinterlassen hat, für eine Reise verwende, aber in Wirklichkeit hatte er für mich einen … Unfall auf See arrangiert.“

Das alles klang unerhört, und sie hatte keine Ahnung, ob der Earl ihr glaubte. Seine Miene war undurchdringlich. Sie nahm einen Schluck Wasser und fuhr fort.

„Ich bin aufgewacht, als ich unter Deck geschafft wurde, habe aber so getan, als würde ich noch schlafen. Da habe ich Moffat mit dem Kapitän reden hören und erfahren, welches Schicksal mir zugedacht war, wenn wir das offene Meer erreicht hätten.“

„Aber Sie konnten fliehen.“

„Ja.“ Rosina umklammerte das Wasserglas, um das Zittern ihrer Hände zu unterdrücken. „In der Kabine hat Moffat mich an Händen und Füßen gefesselt, aber sie hatte schon auf der Fahrt nach Bristol kräftig Gin gebechert und hat es vermasselt. Ich konnte mich befreien, und als sie dann weggedämmert ist, habe ich mich aus der Kabine geschlichen. Draußen war es inzwischen dunkel, an Deck waren alle damit beschäftigt, die Segel zu setzen, aber zum Glück war die Gangway noch an ihrem Platz. 

Niemand hat gesehen, wie ich das Schiff verlassen habe, aber am Kai wurde ich von einem Mann … belästigt. Es kam zu einem Gerangel, ein Matrose hat es beobachtet und Alarm geschlagen. Ich bin davongelaufen.“ Sie hielt inne, dachte daran, wie heftig ihr Herz geklopft hatte, dachte an die plötzliche Panik, als sie hinter sich das Geschrei der Verfolger gehört hatte. „Dann bin ich in Sie hineingerannt.“

„Das ist ja eine unglaubliche Geschichte, Madam. Was für ein Glück, dass Sie entkommen konnten.“

„Sie glauben mir nicht.“

„Doch, ich glaube Ihnen.“ Er griff über den Tisch nach ihren Händen und wies auf ihre aufgescheuerten Handgelenke. „Ich habe diese Verletzungen schon gestern Abend gesehen. Wenn das das Werk Ihres Bruders war, verdient er es, ausgepeitscht zu werden.“

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