Glaubst du auch an ein "Für immer"?

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Alles hängt von ihrer nächsten Kollektion ab! Scheitert Harper, ist ihre Karriere als Modedesignerin vorbei. Aber sie fühlt sich ausgebrannt – bis sie in New York dem rebellischen Künstler Ricardo Velásquez begegnet. Hals über Kopf verliebt sie sich in ihn, sein unbezähmbarer Schaffensdrang ist wie ein Feuerwerk in ihrem Herzen, und seine Leidenschaft beschert ihr erotische Nächte. Inspiriert glaubt Harper an eine gemeinsame Zukunft. Doch dann erfährt sie, dass Ricardo zurück nach Spanien will. Allein, denn die Liebe hat er aus seinem Leben verbannt …


  • Erscheinungstag 28.04.2026
  • Bandnummer 092026
  • ISBN / Artikelnummer 0800260009
  • Seitenanzahl 144

Leseprobe

Penny Roberts

Glaubst du auch an ein „Für immer“?

1. KAPITEL

Der Schein der Schreibtischlampe warf einen scharfen Lichtkegel in die Dunkelheit von Harper Welles’ Studio. Auf dem Tisch lagen Mappen mit Stoffmustern und halbfertige Skizzen. Die Nähmaschine, die auf dem ausziehbaren Beistelltisch stand, war schon seit Tagen unberührt. Ebenso wie die Rollen von Seide, Tüll und das handschuhweiche Leder. Früher einmal hätte sie daraus etwas Atemberaubendes erschaffen können. Aber es schien, als hätte sie diese Fähigkeit ein für alle Mal verloren.

Harper saß an ihrem Zuschneidetisch und ließ einen Bleistift zwischen den Fingern hin und her schwingen. Die Zeichnungen auf dem Skizzenblock, der vor ihr lag, waren bestenfalls mittelmäßig. Keine könnte sie auch nur ansatzweise gebrauchen.

Erneut setzte sie den Stift an, zögerte dann aber und legte ihn schließlich mit einem frustrierten Seufzen zur Seite.

Ihre letzten beiden Kollektionen waren eine absolute Katastrophe gewesen. Und zwar nicht etwa welche von der Sorte, die große Schlagzeilen machten. Nein, nicht einmal das war ihr vergönnt gewesen.

Die Kritiken waren höflich formulierte Verrisse, „voraussehbar“ war da noch die netteste Beschreibung gewesen. Von einem Mangel an Vision war die Rede gewesen. Die Kollektion einer Designerin, die auf Nummer sicher hatte gehen wollen.

Unwillkürlich musste sie an Willowbrook und ihre alten Träume denken. Daran, wie sie vor so vielen Jahren mit ihren drei besten Freundinnen Ava, Seraphina und Ruby in ihrem Baumhaus gesessen und von der Zukunft geträumt hatte. Damals waren sie alle so jung gewesen, so hoffnungsvoll und voller Träume. Für die drei musste es immer so ausgesehen haben, als hätte sie es geschafft. Als wäre sie genau dort, wo sie stets hingewollt hatte.

Und für eine Weile hatte Harper selbst das ebenfalls geglaubt.

Aber wenn sie ganz ehrlich sein wollte, dann sank ihr Stern bereits seit einer ganzen Zeit.

Schon richteten sich die Blicke der Öffentlichkeit auf das nächste kreative Wunderkind, das etwas Neues, Aufregendes zu bieten hatte. Das Business war unerbittlich. Entweder man lieferte ab oder man wurde vergessen.

Ironischerweise war es ausgerechnet das alte Scrapbook gewesen, in dem sie mit ihren drei besten Freundinnen all ihre Träume festgehalten hatte, das ihr die Realität gnadenlos vor Augen geführt hatte. Ihre alten Zeichnungen und Skizzen darin zu sehen, zu lesen, wie sie sich ihre Zukunft vorgestellt hatte. Sie hatte unbeugsam bleiben wollen. Unbequem. Unvergesslich.

Was war bloß passiert, dass das hier aus ihr geworden war? Wie hatte sie so vollkommen den Bezug zu dem verlieren können, was sie einst ausgemacht hatte?

Sie kannte die Antwort auf diese Fragen längst, auch wenn sie es sich nicht wirklich eingestehen wollte. Es waren die Erwartungen der Modebranche, die sie langsam, aber sicher zermürbt hatten.

Seufzend erhob sie sich von ihrem Stuhl und trat ans Fenster. Dort lehnte sie die Stirn gegen das kühle Glas und ließ den Blick über das nächtliche Manhattan schweifen. Weit unter ihr schob sich ein endloser Strom von Lichtern durch die Straßen, ein Meer von flackerndem Rot und Weiß. Die Wolkenkratzer hoben sich als dunkle Silhouetten gegen den wolkenverhangenen Abendhimmel ab.

Dort unten pulsierte das Leben. Hier oben in der dreiunddreißigsten Etage blieb Harper von all dem unberührt.

Ein scharfes Klopfen hallte durch das Studio. Sie holte tief Luft, dann drehte sie sich um. „Herein.“

Die Tür wurde geöffnet, und Camille Darnell trat ein, ihr schmal geschnittener weißer Hosenanzug leuchtete regelrecht im Halbdunkeln des Lofts. Seit fünf Jahren war Camille nun schon ihre Managerin. Sie kümmerte sich um alles, von Presseauftritten bis hin zu Verhandlungen mit Modelabels. Und, was noch viel wichtiger war, Camille war eine der wenigen Personen, die noch an sie glaubten – obwohl sich Harper mitunter fragte, warum eigentlich. Sie war kaum mehr als ein Schatten ihrer Selbst. Von der unbändigen Kreativität, für die man sie früher hochgelobt hatte, war kaum noch etwas übrig geblieben.

„Du bist nicht ans Telefon gegangen“, sagte Camille, wie immer hielt sie ihr Tablet in der Hand. „Darf ich davon ausgehen, dass du tief in kreativer Schaffenskraft versunken bist und mich nicht einfach nur ignorierst?“

Harper hob eine Augenbraue. „Wenn du mit kreativer Schaffenskraft meinst, dass ich stundenlang auf eine leere Seite starre, dann ja.“

Camille seufzte und legte das Tablet auf dem Zuschneidetisch ab. „Dann wird das, was ich dir zu sagen haben, deine Laune nicht verbessern. Carrow & Finch haben sich aus der Kampagne zurückgezogen. Sie wollen sich jüngere Designer ansehen, die frisch und unverbraucht sind.“

Und da war sie nun, ihre neue Realität, die sie zu ignorieren versucht hatte.

Harper verschränkte die Arme vor der Brust, während ein bleiernes Gewicht sich auf ihre Schultern zu legen schien. „Das war’s dann also? Ich werde einfach ausgetauscht?“

„Noch nicht ganz“, entgegnete Camille, aber sie klang nicht wirklich überzeugt. „Wir haben noch eine Chance. Aber du musst wieder auf die Beine kommen, und zwar schnell.“ Sie holte tief Luft. „Heute Abend findet in der Carmichael Gallery ein Event statt. Eine Kunstausstellung von Ricardo Velásquez. Es ist seine erste hier in New York.“

„Und warum sollte mich das interessieren?“

„Weil du dich in der Öffentlichkeit sehen lassen musst“, erwiderte Camille mit einem wissenden Lächeln. „Und du brauchst Inspiration. Ricardo ist definitiv … sehenswert.“

Natürlich hatte Harper schon von ihm gehört. Ungefiltert. Intensiv. Angeblich war es unmöglich, mit ihm zusammenzuarbeiten. Ach ja, und er war außerdem noch geradezu unverschämt talentiert.

Sie unterdrückte ein Seufzen. Was hatte sie schon zu verlieren?

Widerwillig stieß sie sich vom Fenster ab. „Schön, ich gehe hin. Aber erwarte bitte keine Wunder.“

Camille grinste. „Oh, Darling. Bei Ricardo ist alles möglich.“

Als Harper etwas später am Abend vor der Carmichael Gallery aus der schwarzen Limousine stieg, wurde sie von frühlingshafter Nachtluft empfangen. Die Glasfassade des Gebäudes reflektierte die Straße und die gegenüberliegenden Wolkenkratzer.

Fünf Stufen führten hinauf zu einer automatischen Tür, deren Hälften sich auseinanderschoben, als Harper sich näherte. Alles war glänzend und minimalistisch, mit viel Stahl und Chrom. Kalte, imposante Eleganz, designt, um einzuschüchtern und zu beeindrucken.

Paparazzi lungerten in der Nähe herum, um Prominente und Kunstkritiker in ihrer Haute-Couture-Kleidung abzulichten, die mehr kostete als einige der Luxuskarossen am Straßenrand.

Harper strich über ihr eigenes Kleid – schlicht, schwarz –, dann trat sie durch die Tür.

Die Galerie glich einer Kathedrale der zeitgenössischen Kunst. Der weiße Boden war auf Hochglanz poliert, und von den Stahlträgern an der Decke hingen Leuchten herab, die alles in ein hartes, klinisches Licht tauchten.

An den weißen Wänden hingen riesige, ungerahmte Leinwände – jede von ihnen eine Explosion von Farbe und rohen, ungezähmten Emotionen.

Ricardo Velásquez’ Werke.

Die Luft war erfüllt von gedämpften Unterhaltungen und gelegentlichem Lachen, das von den hohen Decken zurückgeworfen wurde. Es roch nach teurem Parfum, Wein und frischer Farbe. Ein Jazz-Ensemble spielte im hinteren Bereich des Raumes leise Hintergrundmusik für die Elite von New York.

Harper hasste es, wie oberflächlich sie alle waren. Wie Schmetterlinge flatterten sie von einem Kunstwerk zum anderen, die Champagnergläser in den perfekt manikürten Händen, während sie die Kunstwerke miteinander diskutierten, so als würde einer von ihnen sie wirklich verstehen.

„Ah, da bist du ja.“

Harper drehte sich um und erblickte Camille in der Nähe des Eingangs. Sie trug einen elfenbeinfarbenen Hosenanzug, ihr Champagnerglas funkelte im Lampenschein.

„Ich fing schon an, mir Sorgen zu machen, dass du es dir anders überlegt hast“, sprach Camille weiter und zwinkerte ihr zu.

Harper nahm ein Glas vom Tablett eines vorbeieilenden Kellners und widerstand nur mit Mühe dem Drang, den Champagner in einem Zug hinunterzustürzen. „Lass es uns hinter uns bringen.“

Camille ließ den Blick durch den Raum wandern. „Ricardo muss hier irgendwo sein. Ich möchte dich ihm vorstellen.“ Sie hob eine Braue. „Ich geh ihn rasch suchen. Versuch du bitte, in der Zwischenzeit keinen Streit anzufangen, ja? Ich kenne dich. Du bist in dieser seltsamen Stimmung …“

Harper ignorierte sie und schaute sich stattdessen die Gemälde an. Sie waren chaotisch. Lebendig. Linien, die miteinander verschmolzen, und Farben, die auf eine Art und Weise angeordnet waren, die nicht funktionieren sollte – es aber trotzdem tat.

Ricardo Velásquez’ Arbeiten wirkten unkontrolliert, so als würde der Künstler sich nicht um Grenzen und Regeln scheren.

Sie waren das Gegenteil von Harpers kreativen Entwürfen.

„Lassen Sie mich raten – Sie hassen es jetzt schon, oder?“

Die Stimme klang weich, und es schwang ein leichter Akzent in ihr mit.

Harper wandte sich dem Sprecher zu. Es war Ricardo Velásquez höchstpersönlich, der sie aus seinen tiefbraunen Augen wissend betrachtete. Sein Bild tauchte inzwischen häufig genug in der Presse auf, sodass sie keine Schwierigkeiten hatte, ihn zu erkennen. Schlagzeilen machte er jedoch vor allem wegen seiner Frauengeschichten, und erst an zweiter Stelle mit seiner Kunst.

Er war größer, als sie erwartet hatte, und seine Präsenz war ebenso überwältigend wie die seiner Arbeiten. Er war die Sorte Mann, die sich nicht bemühen musste, um die Aufmerksamkeit anderer auf sich zu ziehen.

Sein Erscheinungsbild hatte etwas ausgesprochen Einnehmendes, wie sie gestehen musste. Leicht zerzauste dunkle Locken, ein gepflegter Bartschatten und markante Wangenknochen. Er trug ein schwarzes Hemd, die Ärmel bis zu den Ellbogen hochgerollt. Eine Hand hatte er tief in die Hosentasche seiner ebenfalls schwarzen Jeans vergraben, in der anderen hielt er ein Whiskeyglas.

Er musterte Harper eindringlich und neigte leicht den Kopf zur Seite.

Sie begegnete seinem Blick unverwandt. „Nein, ich hasse es nicht.“

Er hob eine Braue. „Nein?“

Sie wandte sich wieder dem Bild zu, das vor ihr an der Wand hing. „Es ist mutig. Ausdrucksstark, aber auch sehr gewollt. So, als wären Sie vollkommen darauf fokussiert, ein bestimmtes Gefühl beim Betrachter auszulösen, anstatt es auf natürliche Weise passieren zu lassen.“

Ricardos Mundwinkel zuckten. „Ah, Sie sind also eine von denen.“

„Eine was?“

„Eine Kritikerin, die der Ansicht ist, dass Kunst leicht bekömmlich sein sollte. Dass sie flüstern sollte, nicht schreien.“

Sie sah zu ihm auf. „Wollen Sie damit sagen, dass Ihr Werk einen Schrei darstellt?“

Er trat näher zu ihr heran. So dicht, dass sein würziges Aftershave sie in der Nase kitzelte. „Ich sage, dass es zu sein vermag, was immer es sein muss. Anders als bei Mode ist es bei Kunst nicht notwendig, sie massentauglich zu gestalten.“

Harper versteifte sich. „Sie glauben also, sich eine Meinung über die Modeindustrie erlauben zu können?“

Ricardo lachte leise. „Ich habe zu allem eine Meinung, cariño. Aber Mode?“ Abschätzend ließ er den Blick über sie wandern. „Das ist eine Branche, die auf Illusionen basiert. Blendwerk verkleidet in Seide und Tüll. Schön? Sicherlich. Aber leider auch nur sehr selten echt.“

Sie sollte gehen, sollte ihm sagen, was sie von arroganten Männern hielt, die glaubten, alles besser zu wissen. Doch stattdessen erwiderte sie: „Und trotzdem stehen Sie hier und trinken Whiskey mit einer Blenderin.“

Ricardos Lachen war tief und warm. „Sie haben Feuer, Ms. Welles. In Interviews wirken Sie sonst immer so kühl. Wie ein menschlicher Eisschrank.“

Sie verzog das Gesicht. „Vielen Dank für das Kompliment. Ich habe vor allem Besseres zu tun, als das aufgeblasene Ego eines Künstlers zu streicheln.“

„Und warum sind Sie dann hier?“

Harper öffnete den Mund, doch die Antwort blieb ihr in der Kehle stecken.

Ja, warum war sie hier?

Weil sie kurz davor stand, alles zu verlieren. Weil sie verzweifelt war.

Weil etwas an seiner Arbeit – an ihm – sie an die Künstlerin erinnerte, die sie selbst vor ein paar Jahren gewesen war.

Ricardo betrachtete sie einen Moment lang, und sie konnte das Gefühl nicht abschütteln, dass er sie durchschaute. Dann hob er das Glas, um mit ihr anzustoßen. „Auf die Verblendung.“

Harper zögerte, doch dann hob sie ebenfalls ihr Glas. „Und auf Künstler, die sich für etwas Besseres halten.“

Sie tranken, ohne einander aus den Augen zu lassen. Die Luft zwischen ihnen knisterte.

Ricardos Blick flackerte über ihr Gesicht und blieb an ihren Lippen hängen. „Vorsicht, cariño“, flüsterte er. „Wenn du mich weiter so anschaust, fange ich noch an zu glauben, dass dir gefällt, was du siehst.“

Harper schloss die Finger fester um den Stiel ihres Glases. „Und wenn du weiterhin so redest“, konterte sie, „könnte ich noch annehmen, dass du gern herausgefordert wirst.“

„Von dir? Jederzeit. Du bist anders.“ Wieder neigte er den Kopf zur Seite. „Du bist interessant. Unter der Fassade der Eiskönigin scheint ein Vulkan zu brodeln. Und ich muss gestehen, dass es mich fasziniert.“

Harper nahm noch einen Schluck Champagner. „Und was, wenn ich ebenfalls interessiert wäre?“

Ricardo hob eine Braue. „Dann würde ich sagen, dass mein Loft nicht allzu weit entfernt ist …“

Einen Moment lang stand die Zeit still – das elektrische Knistern wurde stärker, doch keiner von ihnen wich zurück. Dann zerriss Camilles Stimme den Augenblick.

„Harper, Darling, wie ich sehe hast du Ricardo bereits kennengelernt. Aber ich möchte dich gern noch jemand anderem vorstellen.“

Harper blickte sich um. Sie wusste, sie sollte sich abwenden und gehen, doch sie tat es nicht.

„Sieht so aus, als müsstest du eine Entscheidung treffen“, bemerkte Ricardo amüsiert.

Und die traf sie.

Sie stellte ihr Glas auf dem nächsten Tisch ab. Dann trat sie auf ihn zu und sah ihm geradewegs in die Augen. „Können wir dann los?“

Etwas flackerte in Ricardos Blick. „Du solltest dir deiner Sache besser ganz sicher sein, cariño“, brachte er rau hervor.

Harper konnte sich nicht erinnern, wann sie sich das letzte Mal bei etwas so absolut und vollkommen sicher gewesen war.

Ohne ein weiteres Wort drehte sie sich um und ging – nicht zu Camille, sondern zum Seitenausgang der Galerie. Sie schaute nicht nach, ob Ricardo ihr folgte.

Sie wusste auch so, dass er es tat.

Harper erwachte in kühlen Satinlaken. Sanftes Licht fiel durch ein großes Fenster mit transparenten Vorhängen und zeichnete goldene Schlieren auf den dunklen Holzfußboden.

Das Bett war weich, und als sie den Kopf ein Stück drehte und tief einatmete, stieg ihr sein Duft in die Nase.

Eine Mischung aus Whiskey, Farbe und etwas eindeutig Männlichem.

Ricardo.

Er lag nicht mehr neben ihr, aber Schmetterlinge flatterten in ihrem Bauch auf, als sie an die vergangene Nacht dachte. Sie bereute es nicht. Wie sollte sie auch, so wie er sie angesehen, wie er sie berührt hatte? Nein, sie konnte es nicht bereuen – aber das hieß nicht, dass es etwas zu bedeuten hatte.

Es war ein unverfängliches Abenteuer gewesen, nicht mehr und nicht weniger. Und auch, wenn sie vorher noch nie mit einem wildfremden Mann ins Bett gestiegen war, wusste sie, was ein One-Night-Stand war. Sie konnte damit umgehen.

Zumindest war es das, was sie sich einzureden versuchte.

Sie blinzelte den Schlaf aus den Augen und blickte sich weiter in Ricardos Schlafzimmer um. Leinwände lehnten an der Wand, einige davon halb fertig, andere bedeckt mit aggressiv wirkenden Pinselstrichen in schreienden Farben.

Ein schwacher Hauch von Terpentin und Kohle vermischte sich mit dem Geruch ihrer leidenschaftlichen Nacht.

Harper atmete tief durch und setzte sich auf, ihre Blöße bedeckt von dem Laken, das sie mit einer Hand umklammert hielt. Ihr Kleid von letzter Nacht lag zerknittert auf dem Boden am Fußende des Bettes.

Eine prickelnde Hitze breitete sich zwischen ihren Schenkeln aus, als sie daran dachte, wie Ricardo es ihr über den Kopf gestreift und dann achtlos fallen gelassen hatte.

Nur eine leidenschaftliche Nacht, ermahnte sie sich selbst.

Bedeutungslos.

Aber warum zögerte sie dann?

Ein Laut außerhalb des Schlafzimmers ließ sie aufhorchen. Schritte. Dann das Klirren von Glas.

Hastig fuhr sie sich mit einer Hand durchs Haar, dann bückte sie sich nach ihrem Kleid und schlüpfte hinein. Es gab keinen Grund, länger zu bleiben. Keinen Grund, eine große Sache daraus zu machen.

Barfuß durchquerte sie das Zimmer, öffnete die Tür und trat hinaus in den loftartigen Wohnraum.

Ricardo stand in der offenen Küche, ohne Shirt, nur mit einem Paar tief sitzender Jogginghosen bekleidet. Er war schlank, aber hatte definierte Muskeln. Kein Bodybuilder-Typ, aber für die hatte Harper ohnehin nie etwas übriggehabt. Sein dunkles Haar war zerzaust, so als wäre er gerade erst aufgestanden – was vermutlich tatsächlich zutraf.

Er hielt ein Glas Orangensaft in der Hand, und als er Harper bemerkte, glitt ein kleines Lächeln über seine Lippen. „Guten Morgen, cariño.“

Harper straffte die Schultern. „Morgen.“

Ricardo nahm einen Schluck von seinem Saft. „Gehst du schon?“

Sie verschränkte die Arme vor der Brust und gab vor, nicht zu bemerken, wie sein Blick über ihren Körper wanderte. „Was hast du erwartet? Frühstück im Bett?“

Er lachte leise und stellte das Glas ab. „Nein. Aber ich dachte, du würdest zumindest noch einen Kaffee mit mir trinken.“

„Nicht unbedingt.“ Sie ging auf die Tür zu. „Wir haben die Nacht miteinander verbracht, Ricardo. Lass es uns nicht komplizierter machen, als es sein muss.“

Einen Moment lang sah er sie einfach nur an. Sein Lächeln verblasste, und sie konnte den neuen Ausdruck auf seinem Gesicht nicht deuten. Es frustrierte sie, dass er nicht protestierte. Stattdessen nickte er nur, nahm sein Shirt von der Stuhllehne, auf der es gestern Nacht gelandet war, und zog es sich über den Kopf. „Was immer du sagst, Harper.“

Sollte sie nicht froh sein, dass er einfach so mitspielte? Warum störte es sie dann?

Sie streckte die Hand nach dem Türknauf aus, doch bevor sie ihn umfassen konnte, hörte sie Ricardos Stimme erneut: „Nur eine Sache noch, cariño.“

Sie blickte über die Schulter zurück. „Was?“

Er lehnte am Küchentresen, die Arme verschränkt und ein gefährliches Glitzern in den Augen. „Wenn es nichts war … Wenn es dir gar nichts bedeutet hat … warum läufst du dann davon?“

Sie holte tief Luft. Dann verließ sie ohne ein weiteres Wort die Wohnung. Doch seine Frage verfolgte sie.

Warum lief sie davon?

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