Haben Sie kein Herz, Dr. Wolfe?

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Als Dr. Thomas Wolfe mit seiner Ex-Frau Rebecca zusammenarbeitet, merkt er gleich: Er begehrt sie noch immer! Allerdings hat ihre Beziehung nur eine neue Chance, wenn er endlich um ihre tote Tochter trauert. Kann er es wagen, die schützende Mauer um sein Herz einzureißen?


  • Erscheinungstag 31.01.2019
  • ISBN / Artikelnummer 9783733739157
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Es würde nicht leicht sein, das hatte er gewusst.

Auch, dass manche Fälle ganz besonders schwer sein würden.

Doch Dr. Thomas Wolfe hatte nach der dringend benötigten Pause ebenfalls gewusst, dass er bereit war, sich wieder seiner ersten Liebe zu widmen: der Kinderkardiologie.

Gebrochene kleine Herzen zu heilen …

Und natürlich auch die größeren. Das Paddington Children’s Hospital behandelte Kinder und Jugendliche jeden Alters, vom Neugeborenen bis zum Achtzehnjährigen. Nachdem er jahrelang nur mit Erwachsenen zu tun gehabt hatte, war Thomas im Umgang mit Heranwachsenden sicherer geworden, doch im Laufe der letzten Monate hatte er seine Faszination für Babys wiederentdeckt. Und für die Kinder, die alt genug waren, um zu begreifen, wie krank sie waren – tapfere Kinder, von denen sich viele Erwachsene eine Scheibe hätten abschneiden können.

Das Schicksal einiger Kinder berührte ihn besonders, was ihm vor Augen führte, wie wichtig es war, dass er seine Arbeit so gut wie möglich machte. Doch man musste vorsichtig sein. Wenn man die Dinge zu nah an sich heranließ, beeinträchtigte es nicht nur das eigene Urteilsvermögen, es bestand auch die Gefahr, dass es einen am Ende zerstörte.

Und das würde Thomas Wolfe nie wieder zulassen.

Er musste eine kurze Pause einlegen und blieb im Hauptkorridor der kardiologischen Station stehen, direkt neben den riesigen bunten Figuren von Pu dem Bären und seinen Freunden, die den Wandabschnitt zwischen den Fenstern der Patientenzimmer dekorierten. Tiger schien mitten im Sprung auf ihn herabzugrinsen, während Thomas so tat, als würde er eine neue Nachricht auf dem Pager lesen.

Dieser Fall hatte sich seit seiner Rückkehr nach Paddington als der schwierigste entpuppt. Ein kleines Mädchen, das es einem fast unmöglich machte, sichere Distanz zu wahren. Die sechsjährige Penelope Craig, von allen nur „Penny“ genannt, berührte nicht einfach nur die Herzen der Menschen in ihrer Nähe. Sie nahm sie regelrecht gefangen, dass es schmerzte.

Er musste sich nicht daran erinnern, wie wichtig es war, Distanz zu wahren, denn diese Fähigkeit hatte er von dem Augenblick an trainiert, als er erneut durch die Tür dieses erstaunlichen alten Krankenhauses getreten war. Sie war ihm bereits so in Fleisch und Blut übergegangen, dass er sie automatisch anwendete. Er musste nur sicherstellen, dass es in seiner inneren Barriere keine Lücken gab, ansonsten würde Penny sie finden und durchbrechen.

Und das durfte nicht geschehen.

Er nickte, als hätte er auf dem Pager eine wichtige Nachricht gelesen, hob den Kopf und ging zur nächsten Tür. Ohne zu zögern. klopfte er und betrat lächelnd den Raum.

Für den Bruchteil einer Sekunde geriet sein Lächeln ins Wanken, als ihm Pennys Mutter Julia Craig in die Augen sah. In ihrem Blick lag die allgegenwärtige, unausgesprochene Frage:

Ist es heute so weit?

Seine Antwort war ebenso lautlos:

Nein. Heute nicht.

Die Kommunikation zwischen ihnen war so routiniert, dass sie kaum länger als einen Wimpernschlag dauerte. Penny hatte es sicher nicht bemerkt.

„Sehen Sie, Dr. Wolfe! Ich kann tanzen.“

Die Tatsache, dass Penny aufgestanden war, bedeutete, dass heute einer ihrer guten Tage war. Noch immer war die Nasenkanüle mit Klebeband an beiden Wangen befestigt, der lange Plastikschlauch verlief über den Rücken bis zu der Stelle, wo er an die Sauerstoffzufuhr angeschlossen war, aber Penny war auf den Beinen.

Nein, eigentlich stand sie auf den Zehenspitzen und ließ die Arme anmutig über die Rüschen ihres hellrosa Tutus baumeln. Und dann versuchte sie, sich im Kreis zu drehen, doch der Schlauch war im Weg. Sie verlor das Gleichgewicht und setzte sich ruckartig hin, was andere Kinder wahrscheinlich verstört hätte.

Penny lachte einfach.

„Huch.“ Julia schloss ihre Tochter in die Arme, als sich das Gelächter in Keuchen verwandelte.

„Ich kann …“ Penny schnappte erneut nach Luft. „Ich kann … es schaffen. Seht nur!“

„Nächstes Mal.“ Julia setzte Penny aufs Bett. „Dr. Wolfe ist hier, um nach dir zu sehen, und er ist sehr beschäftigt. Er muss sich heute um viele Kinder kümmern.“

„Aber nur um eines, das tanzen kann.“ Thomas lächelte. „Wie ein Ballerinabär.“

Pennys Lächeln konnte einen ganzen Raum erhellen. Sie richtete ihre großen grauen Augen auf den Fernseher an der Wand, wo ihre Lieblings-DVD lief. Eine Truppe flauschiger Bären in Tutus führte einen Tanz auf, der eine Zeichentrickversion von „Schwanensee“ darstellte.

„Ich möchte nur dein Herz abhören, wenn das okay ist.“ Thomas nahm sich das Stethoskop vom Hals.

Penny nickte, wandte den Blick aber nicht vom Fernseher ab. Sie hob die Arme über den Kopf und krümmte einen Finger, während sie versuchte, die Bewegungen der tanzenden Bären zu imitieren.

Thomas fiel die bläuliche Farbe auf, die die Lippen seiner kleinen Patientin angenommen hatten. Er legte den Kopf des Stethoskops an ihre Brust, die Narben von mehreren großen Operationen trug, und lauschte den Klängen ihres Herzens, das sein Bestes gab, um den kleinen Körper ausreichend mit Blut zu versorgen, aber jeden Tag ein wenig mehr versagte.

Die neuen Medikamente halfen, doch es reichte nicht. Vor einigen Wochen war Penny auf die Warteliste für eine Herztransplantation gesetzt worden, und es war die Aufgabe von Thomas und seinem Team, sie bis dahin zu stabilisieren. Einerseits bekam sie Medikamente, die ihr Herz unterstützten, andererseits mussten Komplikationen überwacht werden wie die Ansammlung von Flüssigkeit im Gewebe und in ihrer Lunge. Leider war es mittlerweile notwendig, ihre körperliche Aktivität einzuschränken, und wenn Penny das Zimmer verlassen wollte, musste sie im Rollstuhl sitzen.

Die Chancen, dass rechtzeitig ein passendes Herz verfügbar wurde, standen nicht allzu gut. Doch so erschütternd diese Tatsache auch war, war es doch nicht der Grund, warum dieser spezielle Fall sich als so viel schwieriger erwies als die anderen Patienten, die auf der Transplantationswarteliste standen.

Penny war eine direkte Verbindung zu seiner Vergangenheit.

Der Vergangenheit, vor der er hatte fliehen müssen, um zu überleben.

Er hatte Penny vor mehr als sechs Jahren kennengelernt. Im Grunde schon, bevor sie auf die Welt kam – als sich bei Ultraschalluntersuchungen herausgestellt hatte, dass das Baby einen der schwersten angeborenen Herzfehler besaß: eine der Herzkammern war zu klein. Die erste Operation hatte sie im Alter von nur wenigen Wochen gehabt, und er war der Arzt gewesen, der sie davor und danach betreute.

Er hatte viel Zeit mit Pennys Eltern Julia und Peter Craig verbracht und dabei ihre Ängste so unmittelbar gespürt, als wären es seine eigenen.

So etwas konnte geschehen, wenn man selbst ein Kind hatte …

Gwen war nur etwas älter als Penny und wäre nun acht Jahre alt. Hätte sie die Ballerinabären genauso geliebt? Wäre sie womöglich zum Ballettunterricht gegangen und hätte sich ein rosa Tutu über ihre Sachen gezogen, sogar über den Pyjama?

Der Gedanke war kaum mehr als ein schwacher Stich in seinem Inneren. Thomas hatte gewusst, dass die Arbeit mit Kindern an dem Schmerz rühren würde, den er sorgfältig verdrängt hatte, doch er konnte damit umgehen.

Er wusste, dass er sich von der Gefahrenzone entfernen musste.

Er trat vom Bett zurück. „Heute ist ein schöner Tag“, fand er und hängte sich das Stethoskop wieder um den Hals. „Vielleicht kann Mummy mit dir für eine Weile nach draußen in die Sonne gehen.“

Während er sprach, kam eine Schwester ins Zimmer. Er sah die Nierenschale, die sie in einer Hand hielt, und das Glas Saft in ihrer anderen. „Nachdem du deine ganzen Tabletten geschluckt hast.“

„Haben Sie es eilig?“ Julia erhob sich ebenfalls. „Hätten Sie eine Minute?“ Sie warf ihrer Tochter einen Blick zu, die noch immer wie gebannt den tanzenden Bären zusah. „Ich bin in einer Minute zurück, Schatz. Sei ein gutes Mädchen und schluck die Tabletten für Rosie, okay?“

„Okay.“ Penny nickte abwesend.

„Natürlich macht sie das“, erwiderte Rosie. „Und dann will ich noch mal die Namen sämtlicher Bären hören. Wie heißt der mit dem glitzernden blauen Fell?“

„Saphir“, hörte Thomas Penny sagen, als er Julia die Tür aufhielt. Wenn sie sich um den Zustand ihrer Tochter sorgte, mussten sie woanders hingehen, um darüber zu sprechen.

Das Angehörigenzimmer, das sich ein Stück entfernt befand, war leer. Thomas schloss die Tür hinter ihnen und bedeutete Julia, auf einem der bequemen Stühle Platz zu nehmen.

„Sind Sie sicher, dass Sie Zeit haben?“

„Natürlich.“

„Ich wollte nur … Ich wollte Sie noch etwas zu dem fragen, was Sie gestern gesagt haben. Am Abend habe ich versucht, es Peter zu erklären, aber ich glaube, dass es sich aus meinem Mund sehr viel schlimmer angehört hat … als aus Ihrem …“ Julia kämpfte mit den Tränen.

Thomas schob die Schachtel Taschentücher auf dem Beistelltisch näher, und dankbar zog sich Julia mehrere heraus.

„Sie meinen das ventrikuläre Unterstützungssystem, das VAD?“

Sie nickte und drückte sich die zusammengeknüllten Taschentücher ins Gesicht. „Sie haben gesagt … Sie haben gesagt, es wäre der nächste Schritt, wenn … falls … es schlimmer wird.“

Thomas sprach mit sanfter Stimme. „Es klingt furchteinflößend, ich weiß, aber so etwas wird häufig als Überbrückung bis zur Transplantation verwendet, wenn ein Herzversagen mit medizinischen Mitteln nicht mehr verhindert werden kann, so, wie es bei Penny der Fall ist.“

„Und Sie glauben, dass es ihr damit in der Zwischenzeit deutlich besser gehen wird?“

„Es verbessert die Durchblutung und kann andere Organschäden rückgängig machen, die durch ein Herzversagen verursacht werden.“

„Aber es ist riskant, nicht wahr? Es ist ein großer Eingriff …“

„Ich würde es nicht vorschlagen, wenn eine Operation riskanter wäre, als so weiterzumachen wie bisher. Penny hat heute einen guten Tag, aber Sie wissen, wie schnell sich das ändern kann, und es ist von Mal zu Mal schwieriger zu beherrschen.“

Sie putzte sich die Nase. „Als sie das letzte Mal auf die Intensivstation musste, dachten wir … Wir dachten, wir würden sie verlieren …“

„Ich weiß.“ Er musste einen tiefen Atemzug nehmen. Innerlich auf Abstand gehen und sich wieder auf eine sichere Basis begeben. Eine professionelle Basis.

„Ein VAD könnte Penny wieder mobiler machen und ihren Gesamtzustand verbessern, sodass die Erfolgschancen höher wären, sobald ein Spenderherz verfügbar ist. Es ist eine Langzeitlösung, um ein Herzversagen zu verhindern, und es kann Jahre halten, aber ja, es ist ein großer Eingriff. Das Gerät wird am Herzen befestigt und übernimmt praktisch die Arbeit der linken Herzkammer. Lassen Sie uns einen Termin vereinbaren, damit ich mich mit Ihnen und Peter zusammensetzen und es Ihnen ausführlich erklären kann.“

Julia hatte mit dem Weinen aufgehört. Ihre Augen wurden groß. „Was meinen Sie mit ‚mobiler‘? Könnten wir Sie wieder mit nach Hause nehmen, während wir warten?“

„Das hoffe ich.“ Er nickte. „Sie wäre wieder in der Lage, alles zu tun, was sie normalerweise zu Hause gemacht hat. Vielleicht sogar mehr.“

Julia presste sich die Finger an die Lippen. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Wie … Tanzstunden, vielleicht?“

Oh … Er musste den Blick von dem hoffnungsvollen Glanz hinter Julias frischen Tränen abwenden. Lieber sah er die Wand an.

„Ich werde es Peter erzählen, sobald er von der Arbeit kommt. Wann können wir einen Termin machen, um darüber zu sprechen?“

„Sprechen Sie mit Maria an der Stationsrezeption. Sie kennt meinen Terminkalender genauso gut wie ich.“ Er erhob sich und riskierte noch immer keinen direkten Blick in Julias Gesicht.

Im Augenwinkel sah er, wie sie den Kopf zur Seite wandte. Fragte sie sich, was ihn abgelenkt hatte?

Er war unhöflich und wandte sich wieder der Mutter seiner Patientin zu, doch nun starrte sie an die Wand.

„Mein Leben scheint voller Teddybären zu sein“, meinte sie.

Thomas blinzelte bei dieser zusammenhanglosen Bemerkung. „Sie meinen tanzende Bären?“

„Und hier, sehen Sie. Da geht es um die Teddybären in Regent’s Park. Nun, eigentlich auf Primrose Hill. Für Familien von Transplantationspatienten.“

Er hatte das Poster nur als verschwommenen Farbklecks an der Wand wahrgenommen, doch nun betrachtete er es aufmerksam. Und dann wünschte er sich, er hätte es nicht getan.

Genau in der Mitte einer heiteren Fotocollage war ein Bild von einer Chirurgin in einem grünen OP-Kittel, die ein kleines Kind in den Armen hielt. Es trug nur eine Windel, sodass die Narbe auf seiner Brust als deutlicher Beweis für seine große Herzoperation sichtbar war. Das engelhafte kleine Mädchen mit den großen blauen Augen und dem goldenen Lockenkopf strahlte zu seiner Ärztin hinauf, und aus deren Lächeln sprachen sowohl die Zufriedenheit darüber, ein kleines Leben gerettet zu haben als auch die tiefe Zuneigung zu ihrer kleinen Patientin.

„Das ist Dr. Scott“, sagte Julia. „Rebecca. Aber das wissen Sie natürlich.“

Natürlich wusste er es.

„Sie hat Penny operiert, als sie ein Baby war – aber auch das wissen Sie. Wie dumm von mir. Sie haben sie damals auch behandelt.“ Julia setzte eine bedauernde Miene auf. „Seitdem ist so viel passiert, dass manchmal alles verschwimmt.“

„Ja.“ Thomas starrte noch immer in Rebeccas Gesicht. Ihre hübschen schokoladenbraunen Augen waren ihm sofort aufgefallen, als er sie zum ersten Mal vor vielen Jahren in einer Vorlesung an der medizinischen Fakultät entdeckt hatte. Das glänzende glatte Haar war am Hinterkopf zu einem Knoten hochgesteckt, wie immer, wenn sie arbeitete.

Ihr Lächeln …

Zuletzt hatte er sie so glücklich gesehen, bevor … bevor ihre gemeinsame Tochter gestorben war.

In den Monaten seit seiner Rückkehr ans Paddington hatte sie ihm zweifellos nicht einmal die Andeutung eines solchen Lächelns gezeigt.

Wusste Julia denn nicht, dass sie verheiratet gewesen waren, als sie Penny in den Wochen nach ihrer Geburt gemeinsam behandelt hatten?

Nun, warum sollte sie? Sie hatten ihre Nachnamen beibehalten, um Verwirrung am Arbeitsplatz zu vermeiden, und waren stets professionell geblieben. Dennoch waren sie freundlich miteinander umgegangen – ganz anders als die spannungsreiche Beziehung, die sie nun führten. Außerdem hatten Julia und Peter ganz andere Sorgen gehabt, als sich Gedanken über die Beziehung zweier Mitglieder des Ärzteteams zu machen, das versuchte, das Leben ihrer kleinen Tochter zu retten.

„Damals war sie nur Chirurgin.“

Thomas musste sich seinen Widerspruch verkneifen. Rebecca war niemals „nur“ Chirurgin gewesen. Sie war talentiert, brillant und hatte seit dem Abschluss ihres Medizinstudiums eine steile Karriere eingeschlagen.

„Ist es nicht toll, dass sie sich inzwischen auf Transplantationen spezialisiert hat?“

„Mhm.“ Manchmal konnten traumatische Ereignisse dem Leben eine neue Richtung geben, doch auch das durfte er nicht laut aussprechen. Wenn Julia nichts von dem persönlichen Hintergrund wusste, der Rebecca dazu veranlasst hatte, sich jahrelang auf einem neuen Gebiet zu qualifizieren, würde er es ihr gewiss nicht erzählen.

Es war absolut tabu, so etwas zu offenbaren, wenn man professionelle Distanz zu Patienten und deren Familien wahrte. Und zu seiner Exfrau.

„Jedenfalls ist es toll für uns“, fuhr sie fort. „Denn es bedeutet, dass sie Pennys Transplantation vornehmen kann, wenn wir das Glück haben, ein neues Herz für sie zu finden …“ Ihre Stimme klang zittrig. „Vielleicht gehen wir nächstes Jahr zu einem dieser Picknicks. Ich habe davon gehört. Haben Sie vor einiger Zeit die Fernsehsendung gesehen, wo all diese Leute darüber gesprochen haben, wie schrecklich es wäre, wenn das Paddington’s schließen muss?“

„Ich glaube nicht.“ In den Medien wurde so viel über die drohende Schließung berichtet, dass es schwer war, alles zu verfolgen. Erst recht, seit Scheich Al Khalil letzten Monat verkündet hatte, dass er im Anschluss an die Operation seiner Tochter eine beträchtliche Summe spenden würde.

„Also, man hat einen Ausschnitt des letztjährigen Picknicks gesehen. Sie haben mit einer Mutter gesprochen, die ihren Sohn bei einem schrecklichen Unfall verloren und seine Organe zur Entnahme freigegeben hat. Angeblich hat sie sich nie getraut, Kontakt mit einer der Familien aufzunehmen, die seine Organe erhalten haben, aber sie ist zum Picknick gekommen und hat sich vorgestellt, dass sich ein paar davon unter den Besuchern befinden. Sie hat gesehen, wie die Kinder Wettrennen und Spiele veranstaltet haben und wie glücklich sie waren. Und wie glücklich ihre Familien waren …“

Julia musste sich unterbrechen, weil sie wieder weinte, obwohl sie zugleich lächelte. Thomas war mehr als erleichtert. Er hätte nicht länger zuhören können. Sie zog ihn in etwas hinein, das er mittlerweile vermied, so gut es ging.

„Ich muss jetzt wirklich mit meinem Rundgang weitermachen“, sagte er.

„Natürlich. Es tut mir so leid …“ Sie presste sich eine weitere Handvoll Taschentücher an die Nase, als er ihr die Tür des Angehörigenzimmers aufhielt.

„Kein Problem“, versicherte er. „Ich bin immer hier, wenn Sie mich brauchen. Und natürlich auch für Peter. Lassen Sie uns möglichst bald einen Termin vereinbaren, um über das VAD zu sprechen.“

Sie nickte, doch ihre Miene verfinsterte sich erneut, als ihre Gedanken zweifellos von dem Picknick für Transplantationspatienten zu etwas sehr viel Unerfreulicherem zurückkehrten. Der Drang, ihr als Trost und Beruhigung eine Hand auf die Schulter zu legen, war so groß, dass Thomas sie zur Faust ballen musste, um sich zurückzuhalten.

„Äh …“ Er räusperte sich. „Möchten Sie, dass ich jemanden hole, der sich eine Weile zu Ihnen setzt?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich komme zurecht. Gehen Sie nur. Ich muss mich nur ein wenig sammeln, bevor ich zu Penny zurückkehre. Sie soll nicht sehen, dass ich geweint habe.“

Man sah der Frau schon von Weitem ihren Kummer an, doch es war die steife Körperhaltung des Mannes neben ihr, die sofort Dr. Rebecca Scotts Aufmerksamkeit weckte, als sie den Aufzug verließ und zur kardiologischen Station am anderen Ende des Korridors ging.

Sie seufzte, lief etwas langsamer und unterdrückte den Impuls, sich umzudrehen und sofort wieder in den Aufzug zu steigen. Flucht war keine Alternative. Sie hatte einen Patienten in der kardiologischen Abteilung, der morgen früh operiert werden sollte, und wusste, dass die Eltern beruhigende Worte brauchten. Dieses kleine Zeitfenster in ihrem geschäftigen Tag war die einzige Möglichkeit, die ihr blieb, also musste sie einfach hoch erhobenen Hauptes in Kauf nehmen, dass sich ihr Weg mit dem ihres Exmannes kreuzte.

Wie traurig war es, dass sie Thomas allein daran erkannt hatte, wie distanziert er gegenüber seiner Gesprächspartnerin wirkte!

Er mochte seine Arbeit am Paddington wieder aufgenommen haben, doch der Thomas Wolfe, den Rebecca gekannt und geliebt hatte, war nicht zurückgekehrt.

Oh, er sah noch immer genauso aus: schlank, fit und so groß, dass er sie um Haupteslänge überragte. Seine Augen waren noch dieselben – sie hatten sie von Anfang an fasziniert, weil sie je nach Stimmung die Farbe änderten. Sie waren blau, wenn es ihm gut ging und grau, wenn er wütend, besorgt oder traurig war.

Als sie sich zum ersten Mal nach so langer Zeit wiedergesehen hatten, hatten sie die Farbe eines Schieferdachs an einem verregneten Tag besessen, und seitdem war ihr keine Veränderung aufgefallen. Er blieb ihr gegenüber auf Abstand, wie er es auch bei seinen Patienten und deren Familien tat.

Es würde nicht leicht sein, das hatte sie gewusst. Doch als sie von Thomas’ Rückkehr ans Paddington hörte, glaubte Rebecca, dass sie damit zurechtkäme. Sie fragte sich tatsächlich, ob sie einen Teil der Vergangenheit hinter sich lassen und vielleicht sogar eine Art Freundschaft aufbauen könnten.

Diese Hoffnung starb, als sie sich zum ersten Mal begegneten, ohne vorher miteinander gesprochen zu haben. Als er sie mit einem kühlen Blick bedachte, als wäre sie nur irgendeine Kollegin, mit der er irgendwann mal zusammengearbeitet hatte.

Der alte Thomas war nie so gewesen. Er hatte ein unbefangenes Lächeln besessen, womit er Kollegen häufig zu einem kurzen Plausch einlud. Er hatte gescherzt, mit seinen jungen Patienten gespielt und sich immer gut mit den Eltern verstanden – erst recht, nachdem er selbst Vater geworden war. Sie liebten ihn, weil er ihnen das Gefühl gab, dass sich der beste Arzt für sie einsetzte. Jemand, der genau verstand, wie schwierig alles war. Jemand, der sich um ihr Kind kümmerte, als wäre es sein eigenes.

Der neue Thomas mochte immer noch ein begnadeter Arzt sein, doch er war nur ein schwacher Abglanz des Mannes, der er einmal gewesen war.

Er hatte gelernt, zu den Menschen in seiner Umgebung auf Abstand zu gehen. Bei seinem Anblick wurde Rebecca das Herz schwer, doch vor allem war sie wütend. Wahrscheinlich hatte sich die Wut in den letzten Monaten angestaut, als sie die Behandlung ihrer Patienten mit einem gegenseitigen professionellen Respekt besprochen hatten, der an Kälte grenzte.

Sie sagten „Thomas“ und „Rebecca“ zueinander. Anders als früher kam ihnen niemals ein „Tom“ oder „Becca“ über die Lippen. Sie diskutierten über Testergebnisse, Medikamente und Eingriffe, als hätten die Patienten weder ein Privatleben noch besorgte Angehörige.

Es war schlimm genug, dass er ihre Ehe zerstört hatte, indem er sich in seine kalte harte Schale zurückgezogen hatte, doch damit kam sie zurecht. Immerhin besaß sie darin jahrelange Erfahrung. Mitanzusehen, welche Wirkung es auf andere hatte, war jedoch weitaus schwieriger. Immerhin sprach er mit Pennys Mutter. Sie beide kannten Julia, seit sie mit ihrem ersten und einzigen Kind schwanger gewesen war. Während der ersten Wochen und Monate im Leben des Mädchens hatte sie sich zu tausend Prozent auf Thomas und Rebecca verlassen können. Damals war er noch der alte Thomas gewesen.

Doch dann hatte er sich ausgeklinkt. Pennys anschließende Operationen hatte er anderen überlassen, genauso wie die Termine während der erfreulichen Jahre, die zeigten, wie gut es dem kleinen Mädchen ging und wie glücklich und hoffnungsvoll die Familie war. Er war nicht dabei gewesen, als die Angst zurückkehrte und sich ihr Zustand erneut verschlechterte, doch nun war er wieder mittendrin und tat so, als wäre Penelope Craig einfach irgendeine Patientin. Als gäbe es keine persönliche Verbindung …

Wie konnte er Julia einfach so stehen lassen, obwohl sie so aufgebracht war, dass sie das Gesicht in einer Handvoll Taschentüchern begrub und erneut Zuflucht im Angehörigenzimmer suchte, um ungestört zu sein?

Rebecca blieb stehen, als Thomas näher kam. Sie war sich bewusst, dass sie ihn wütend anstarrte, doch dieses Mal würde sie ihre Gefühle nicht hinter einer ruhigen, professionellen Maske verbergen.

„Was ist los?“, fragte sie und klang dabei forscher als beabsichtigt. „Warum ist Julia so aufgebracht?“

Er sah sich um und wollte offenbar sichergehen, dass niemand in Hörweite war. Dann blickte er zur Sitzgruppe vor den Fenstern, wo erstaunlicherweise niemand saß. Sie war weit genug von den Aufzugtüren entfernt, damit man dort ein Gespräch unter vier Augen führen konnte.

Nun gut. Es wäre unprofessionell gewesen, über Details eines Falles zu diskutieren, wenn andere mithörten. Rebecca folgte ihm, ohne sich jedoch in einem der Sessel niederzulassen. Thomas tat es ihr gleich.

„Ich wollte dir ein Memo schicken“, begann er. „In den nächsten Tagen treffe ich mich mit Julia und Peter, um mit ihnen über die Möglichkeit zu sprechen, dass Penelope ein VAD erhält. Es ist nur eine Frage der Zeit, bevor ihr Herz versagt.“

„Okay …“ Sie biss sich auf die Unterlippe. Kein Wunder, dass Julia so aufgelöst war. Ein VAD war ein enormer Eingriff. Rebecca vertraute auf Thomas’ Urteil, und es würde ihnen definitiv mehr Zeit geben.

Er sah ihr nur einen Herzschlag lang in die Augen, doch sie ertappte sich dabei, wie sie ihm ins Gesicht starrte und darauf wartete, dass er sie wieder ansah. Sicher verstand er doch die Wirkung dessen, was er Julia mitgeteilt hatte? Wie konnte er einfach so gehen und sie alleine lassen?

Thomas betrachtete die Londoner Innenstadt durch die großen Sprossenfenster. Wahrscheinlich sah er die geschäftigen Hauptstraßen mit den roten Doppeldeckerbussen und den Menschenmengen, die an Kreuzungen warteten oder versuchten, ein schwarzes Taxi zu rufen. Vielleicht glitt sein Blick auch über die grünen Baumwipfel im nahegelegenen Regent’s Park. „Hast du Erfahrung mit VADs?“, fragte er und riss sie aus ihren Gedanken. „Wärst du einverstanden, den Eingriff vorzunehmen?“

„Ja, natürlich. Es ist eine seltene Operation, aber ich war schon an einigen beteiligt. Möchtest du, dass ich bei dem Treffen mit Pennys Eltern dabei bin und es mit ihnen bespreche?“

„Lass uns damit warten, bis es nicht mehr anders geht. Ich kann ihnen erklären, was es bedeutet und warum es eine gute Alternative ist.“

Rebecca ließ ihren Blick ebenfalls zum Fenster schweifen. Sie trat näher und sah hinunter. Die Demonstranten standen noch immer vor den Toren und hielten ihre Schilder hoch. Sie waren schon seit Monaten da – seit die drohende Schließung publik geworden war. Der Wert dieses erstklassigen Grundstücks in der Londoner Innenstadt war so hoch, dass das Direktorium tatsächlich überlegte, das Paddington Children’s Hospital zu verkaufen und mit dem Riverside Hospital außerhalb der Stadtgrenze zusammenzulegen, worüber nicht nur das Personal entsetzt war.

Autor

Alison Roberts
Alison wurde in Dunedin, Neuseeland, geboren. Doch die Schule besuchte sie in London, weil ihr Vater, ein Arzt, aus beruflichen Gründen nach England ging. Später zogen sie nach Washington. Nach längerer Zeit im Ausland kehrte die Familie zurück nach Dunedin, wo Alison dann zur Grundschullehrerin ausgebildet wurde.
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