Halbzeit oder Hochzeit?

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Verliebt? Auf keinen Fall empfindet Larissa mehr für Jack McGarry! Wenn sie seinen muskulösen Körper berührt, geschieht dies aus beruflichen Gründen. Denn sie ist nicht nur die persönliche Assistentin des Exfootballspielers, sondern auch als Masseurin in seinem Unternehmen angestellt. Doch als ihre Mutter ausplaudert, wie es angeblich um ihr Herz bestellt sein soll, verändert das alles zwischen ihr und Jack. Ist dies das Aus für ihr freundschaftliches Verhältnis oder etwa der Anstoß für etwas ganz Besonderes?

"Susan Mallery ist eine meiner absoluten Lieblingsautorinnen."


SPIEGEL ONLINE-Bestsellerautorin Debbie Macomber

  • Erscheinungstag 10.06.2016
  • Bandnummer 22
  • ISBN / Artikelnummer 9783956495380
  • Seitenanzahl 304
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

VORWORT

Als „Mom“ eines süßen, verwöhnten kleinen Hundes kenne ich die Freuden, die Haustiere in unser Leben bringen können. Deshalb unterstütze ich schon lange den Tierschutz, und zwar indem ich an Seattle Humane spende. Bei ihrer Spendengala im Jahr 2013 habe ich angeboten, „Ihr Tier in einem Liebesroman“ zu ersteigern.

In diesem Buch werden Sie einer wundervollen Katze namens Dyna begegnen. Sie ist eine hübsche Ragdoll mit unglaublichen Augen und einem liebevollen, sanften Wesen. Ihre Familie war einer der beiden Gewinner der Auktion, und das hier ist ihre Geschichte.

Einer der Aspekte, die das Schreiben für mich so besonders machen, ist es, auf verschiedene Weise mit Menschen in Berührung zu kommen. Mit manchen unterhalte ich mich zu Recherchezwecken. Einige Leser wollen mit mir über Charaktere und Handlungen sprechen. Andere sind fabelhafte „Eltern“ für ihre Haustiere. Dynas Familie ist ihr hingebungsvoll zugetan. Ich habe es geliebt, all die Geschichten aus ihrem Leben zu hören. Was für eine Süße! Sie ist so eine schöne Katze, dass sie mich zu einer ganzen Reihe humorvoller Unterhaltungen zwischen meiner Heldin und ihrer neuen Katze inspiriert hat. Larissa, meine menschliche Heldin, ist ein wenig unsicher, ob sie es mit Dynas Schönheit aufnehmen kann.

Mein Dank geht an Dynas Familie, an Dyna selbst und an die wundervollen Menschen bei Seattle Humane (www.seattlehumane.org). Weil jedes Haustier eine liebevolle Familie verdient hat.

1. KAPITEL

Sie wissen, warum ich hier bin“, verkündete Mrs. Nancy Owens mit fester Stimme und unnachgiebigem Blick. Was ziemlich beeindruckend war.

Unglücklicherweise hatte Jack McGarry keine Ahnung, was sie meinte.

Er wusste vieles. Zum Beispiel, dass die L. A. Stallions dieses Jahr nicht am Super Bowl teilnehmen würden, dass seine rechte Schulter schmerzte, wenn Regen kam, dass in seiner Küche ein vollmundiger Merlot auf ihn wartete und dass er bleiben würde, obwohl er viel lieber aus der Tür stürmen würde, als dieses Gespräch zu führen. Denn Mrs. Owens war Larissas Mutter, und selbst wenn sie es nicht gewesen wäre, war sie alt genug, um seine Mutter sein zu können. Und er war nun mal dazu erzogen worden, höflich zu sein.

„Ma’am?“

Mrs. Owens seufzte. „Ich rede von meiner Tochter.“

Stimmt. Aber die Frau hatte drei Töchter. „Larissa?“

„Natürlich Larissa, von wem denn sonst? Sie haben Ihre Firma in dieses gottverlassene Nest verlegt, und meine Tochter ist mit Ihnen gezogen und lebt jetzt hier.“

Eine perfekte Zusammenfassung, dachte er, doch es gelang ihm nicht, zu erkennen, worauf sie hinauswollte.

„Sie mögen Fool’s Gold nicht“, sprach er das Offensichtliche aus.

„Weder mag ich diese Stadt, noch mag ich sie nicht.“ Ihre Stimme deutete an, dass sie ihn für einen Idioten hielt. „Das ist auch vollkommen irrelevant. Larissa ist hier.“

Er wusste das, denn immerhin unterzeichnete er ihren Gehaltsscheck – natürlich eher im übertragenen als im wörtlichen Sinne – und sah sie jeden Tag. Aber auch das wusste Mrs. Owens bereits.

„Sie ist hier … bei Ihnen.“ Mrs. Owens seufzte erneut schwer. „Sie liebt ihre Arbeit.“

Okay, gut. Er war gewillt, es zuzugeben. Er war nur ein durchschnittlicher Kerl. Vielleicht ein wenig größer und mit einem ehemals besseren Wurfarm und dem starken Drang zu siegen, aber tief in seinem Herzen war er genauso wie jeder andere Bier trinkende und Truck fahrende Mann in Amerika. Abgesehen natürlich von dem Merlot in seinem Weinschrank und dem Mercedes in der Garage.

Nancy Owens, eine attraktive Frau Anfang fünfzig, schlug mit beiden Händen flach auf den Tisch und stöhnte. „Muss ich es Ihnen buchstabieren?“

„Offensichtlich ja, Ma’am.“

„Larissa ist achtundzwanzig Jahre alt, Sie Trottel. Ich will, dass sie heiratet und mir Enkelkinder schenkt. Das wird aber nicht passieren, solange sie für Sie arbeitet. Vor allem nicht, nachdem sie hierhergezogen ist. Ich will, dass Sie sie feuern. Dann wird sie nach Los Angeles zurückziehen, einen netten Mann zum Heiraten finden und sesshaft werden.“

„Warum kann sie das nicht hier tun?“

Mrs. Owens stieß wieder einen Seufzer aus, wie es nur Menschen konnten, die mit einer Intelligenz und Weitsicht gesegnet waren, von der die meisten Menschen nur träumten.

„Weil ich ziemlich sicher bin, Mr. McGarry, dass meine Tochter in Sie verliebt ist.“

Larissa Owens starrte die blauäugige Katze an, die mitten in ihrer kleinen Wohnung stand. Dyna war eine achtjährige Ragdoll mit großen, wunderschönen Augen, einem süßen Gesicht und dickem Fell. An der Brust und den Vorderpfoten war das Fell weiß, im Gesicht hatte sie kleine graue Markierungen. Sie war das Katzen-Äquivalent eines Supermodels. Was irgendwie einschüchternd war.

Es lag einfach in Larissas Natur, Lebewesen zu retten. Katzen, Hunde, Schmetterlinge, Menschen. Es war egal, wen oder was. Sie wusste, ihre Freunde würden sagen, sie hätte sich mal wieder in etwas hineingestürzt, ohne vorher darüber nachzudenken, aber sie war noch nicht gewillt, das zuzugeben. Zumindest nicht einfach so. Als sie also gehört hatte, dass diese Katze ein neues Zuhause suchte, hatte sie angeboten, sie bei sich aufzunehmen. Nur hatte sie nicht damit gerechnet, dass die Katze so schön war.

„Du bist ein wenig überwältigend“, meinte Larissa, während sie die kleine Küche durchquerte und Wasser in eine Schüssel füllte. „Muss ich mich jetzt, wo wir WG-Partner sind, besser kleiden?“

Dyna schaute sie an, als unterzöge sie Larissas übliche Arbeitskleidung aus Yogahose und T-Shirt einer genauen Inspektion, bevor sie sich daranmachte, das kleine Apartment zu erkunden. Sie schnüffelte am Sofa, schaute in die Ecken, betrachtete die große Matratze im Schlafzimmer und ignorierte das kleine Badezimmer.

„Ja, ich weiß.“ Larissa stellte den Wassernapf auf das Set neben der Hintertür und schlenderte dann hinter Dyna her. „Das Badezimmer ist wirklich winzig.“

Es gab nur ein Standwaschbecken, eine Toilette und eine kleine Dusche.

Okay, ihre Wohnung war nicht sonderlich toll. Doch Larissa brauchte nicht viel. Außerdem war es hier sauber, und die Miete war günstig. Womit ihr mehr von ihrem Gehalt blieb, um es zu spenden. Denn da war immer eine Organisation, die ihre Unterstützung nötig hatte.

„Die Fensterbänke sind schön breit, und es kommt viel Licht herein“, erklärte Larissa der Katze. „Die Morgensonne ist besonders schön.“

Ihre kleine Wohnung hatte einen unerwarteten Vorteil – eine Wäschekammer. Larissa hatte Dynas Katzenklo neben den Trockner gestellt. Die Katze warf einen prüfenden Blick hinein, danach ging sie in die Küche, sprang auf die Arbeitsplatte und tapste zur Spüle. Von dort warf sie Larissa einen erwartungsvollen Blick zu.

Das war genau der Grund, warum Larissa sich bisher geweigert hatte, ein Tier bei sich aufzunehmen. Sie hatte sich eingeredet, es läge an ihrem Lebensstil – dass sie so darauf konzentriert war, alle zu retten, dass sie nicht nur mit einem Tier zusammen sein konnte. Aber tief im Herzen wusste sie, dass sie einfach Angst davor hatte, es nicht zu können. Und jetzt, als sie in die großen blauen Augen schaute, erkannte sie, dass sie damit recht gehabt hatte.

„Was?“, fragte sie leise. „Wenn du mir sagst, was ich tun soll, tue ich es.“

Dyna schaute zum Wasserhahn und wieder zurück zu Larissa.

„Du willst aus dem Wasserhahn trinken?“, fragte sie und stellte das kalte Wasser an.

Die Katze beugte sich vor und trank. Larissa grinste triumphierend. Vielleicht würde sie diese Haustiersache doch noch meistern.

Sie wartete, bis Dyna fertig war, anschließend nahm sie sie hoch. Die Katze entspannte sich in ihren Armen und schaute sie eine Sekunde an, bevor sie langsam die Augen schloss und ein tiefes, sanft grummelndes Schnurren ertönen ließ.

„Ich mag dich auch“, erklärte Larissa ihrer neuen Mitbewohnerin. „Das wird einfach super.“

Sie setzte Dyna auf dem Sofa ab und sah dann auf die Uhr. „Es tut mir echt leid, dass ich dich jetzt schon wieder allein lassen muss“, meinte sie, „doch ich muss zur Arbeit. Ich bin nur ein paar Stunden weg und dann wieder zu Hause.“ Sie schnappte sich ihre abgetragene Handtasche und ging zur Haustür. „Überleg dir in der Zwischenzeit schon mal, was wir heute Abend im Fernsehen schauen wollen. Du darfst entscheiden.“

Damit schloss sie die Tür hinter sich und lief die Treppe ins Erdgeschoss hinunter und auf die Straße.

Sie wohnte erst seit ein paar Monaten in Fool’s Gold, trotzdem liebte sie die Stadt schon. Sie war groß genug, um alles zu bieten, was man sich wünschen konnte, und doch so klein, dass jeder ihren Namen kannte. Oder zumindest genügend Menschen, um ihr das Gefühl zu geben, hierherzugehören. Sie hatte einen tollen Job, Freunde und war angenehme 425 Meilen von ihrer Familie entfernt.

Es war nicht so, dass sie ihre Eltern, ihre Stiefeltern, ihre Schwestern und deren Ehemänner oder Kinder nicht liebte, aber manchmal fand sie eine derart große Familie etwas überwältigend. Anfangs war Larissa nicht sicher gewesen, ob es eine gute Idee war, Los Angeles zu verlassen, aber jetzt wusste sie, dass sie das Richtige getan hatte. So angenehm der zweitägige Besuch ihrer Mutter auch gewesen war, so intensiv waren auch deren Bemühungen gewesen, sie dazu zu überreden, wieder zurückzuziehen.

„Das wird nicht passieren“, murmelte Larissa fröhlich.

Zehn Minuten später betrat sie das Büro von Score, der PR-Agentur, für die sie arbeitete. Die Eingangshalle war riesig, hatte hohe Decken und viele überlebensgroße Fotografien an den Wänden. Eine davon zeigte die vier Inhaber der Agentur, aber der Rest der Wände war allein Jack, Kenny und Sam vorbehalten.

Die drei Jungs waren NFL-Stars gewesen. Sam als erfolgreicher Kicker, Kenny als Rekorde brechender Receiver und Jack als brillanter und talentierter Quarterback.

Es gab Bilder von ihnen in Aktion bei verschiedenen Spielen und andere, die sie auf unterschiedlichen Promi-Events zeigten. Sie waren kluge, erfolgreiche, attraktive Männer, denen es nichts ausmachte, ihren Ruhm für den Erfolg ihrer Firma zu nutzen. Taryn, die einzige weibliche Partnerin, hielt sie auf Kurs – was teilweise eine echte Herausforderung war angesichts der Egos, mit denen sie es zu tun hatte. Larissa war Jacks persönliche Assistentin und außerdem die private Masseurin der Jungs.

Beide Aspekte ihres Jobs gefielen ihr gleich gut. Für Jack zu arbeiten war sehr angenehm und stellte keine allzu große Herausforderung dar. Am besten war, dass er ihre wohltätigen Aktionen unterstützte und sie seine Spenden verwalten ließ. Was ihre Arbeit als Masseurin betraf, wusste sie, dass jeder der Männer als Profi in einem harten Sport tätig gewesen war. Sie alle hatten Verletzungen und chronische Schmerzen. Larissa kannte die Stellen, wo es ihnen wehtat und warum, und wenn sie es richtig machte, konnte sie dafür sorgen, dass es ihnen danach besser ging.

Jetzt steuerte sie auf ihr Büro zu. Sie musste ein paar Rückrufe erledigen. In ein paar Wochen sollte in Fool’s Gold ein ProAm-Golfturnier stattfinden, und sie musste Jacks Terminplan mit den PR-Leuten der Stadtverwaltung abstimmen. Später würde sie sich um die Anfragen eines Wohltätigkeitsvereins für Familien mit Mitgliedern, die eine Organspende benötigten, kümmern – das war die gute Sache, die Jack am meisten unterstützte. Manchmal wurde er gebeten, sich persönlich bei den Familien zu melden. Manchmal spendete er Geld, damit die Familie in der Nähe ihres im Krankenhaus liegenden Kindes wohnen konnte. Er hatte öffentlich Reden gehalten und bei mehreren Anzeigenund Internetkampagnen mitgewirkt. Larissa war seine Kontaktperson. Sie konnte abschätzen, wie viel er zu einem bestimmten Zeitpunkt zu tun bereit war und wann es besser für ihn war, einfach einen Scheck auszustellen.

Ihre anderen Pflichten waren eher persönlicher Natur. Er hatte gerade keine Beziehung, also gab es keine Geschenke zu kaufen oder Blumen zu schicken. Denn was das betraf, war Jack ziemlich durchschnittlich. Er mochte Frauen, und sie mochten ihn. Was bedeutete, dass es in seinem Leben immer mal wieder neue Beziehungen gab. Zu seinem Glück lebten seine Eltern am anderen Ende der Welt, sodass er keine Mutter hatte, die verlangte, dass er sesshaft wurde und Enkelkinder produzierte …

Larissa hatte kaum Platz genommen, da kam Jack auch schon in ihr Büro.

„Du bist zu spät“, verkündete er, bevor er sich ihr gegenüber hinsetzte und seine langen Beine ausstreckte. Seine Worte klangen eher wie eine Feststellung als wie eine Beschwerde.

„Das habe ich dir doch gesagt. Ich musste meine Mutter verabschieden und dann Dyna abholen.“

Er zog eine dunkle Augenbraue hoch. „Dyna?“

„Meine neue Katze.“ Sie stützte die Ellbogen auf den Tisch. „Ich habe dir von ihr erzählt, erinnerst du dich?“

„Nein.“

Das war so typisch für Jack. „Das kommt daher, dass du mir nie zuhörst.“

„Das kann gut sein.“

„Sie ist aus dem Tierheim.“

„Woher sollte sie auch sonst sein.“

Sie wartete darauf, dass er mehr sagen oder ihr erklären würde, warum er hier war. Aber es herrschte nur Schweigen. Die Art Schweigen, die Larissa genauso klar verstand wie Worte.

Sie war 2010 angestellt worden, als Jack gerade die L. A. Stallions verlassen und bei Score angefangen hatte. Anfangs war er stiller Teilhaber in der Firma gewesen. Larissa hätte zu gern gewusst, wie Taryn reagiert hatte, als Jack von dem Mann, der ihr das Geld für die Agenturgründung vorgestreckt hatte, zu einem aktiven Mitglied des Teams geworden war. Da Jack und Taryn eine gemeinsame Vergangenheit hatten, konnte sie sich vorstellen, dass das ein ziemliches Feuerwerk gegeben hatte. Vielleicht aber auch nicht.

Larissa hatte nach ihrem Collegeabschluss vorgehabt, für eine Non-Profit-Organisation zu arbeiten. Doch es war unmöglich gewesen, einen bezahlten Job in ihrem Bereich zu finden. Sie hatte schnell gemerkt, dass sie sich mit ehrenamtlicher Arbeit nicht über Wasser halten konnte. Also hatte sie sich nach einem anderen Job umgesehen.

Sie war niemand, der sich in gesichtslosen Unternehmen wohlfühlte, und hatte während der Ausbildung zur Masseurin als Kellnerin gejobbt. Dann hatte ihr eine Freundin von der Stelle als persönliche Assistentin in einer PR-Agentur erzählt. Das hatte nach einer finanziell wesentlich besseren Position geklungen als die Schichtarbeit im Diner.

Das Vorstellungsgespräch hatte sie mit Taryn geführt. Es hatte zwei Stunden gedauert und mit Worten geendet, die Larissa niemals vergessen würde.

„Jack ist ein gut aussehender Mann mit wunderschönen Augen und einem knackigen Hintern. Aber täuschen Sie sich nicht. Er ist an keiner festen Beziehung interessiert, hat nur gern seinen Spaß. Wenn Sie sich in ihn verlieben, sind Sie dumm. Haben Sie trotzdem noch Interesse?“

Larissa war fasziniert gewesen. Dann hatte sie Jack kennengelernt und zugeben müssen, dass Taryn recht gehabt hatte, was seine Ausstrahlung anging. Ein Blick auf seinen stattlichen Körper und sein attraktives Gesicht, und Schauer hatten sie durchlaufen. Aber anstatt mit ihr zu flirten, hatte der ehemalige Quarterback sich die Schultern gerieben und geflucht.

Sie hatte erkannt, dass er Schmerzen hatte, und instinktiv reagiert. Mit beherztem Griff hatte sie ihre Finger tief in die vernarbten und verspannten Muskeln gegraben und dabei erklärt, dass sie in wenigen Wochen ihre Ausbildung zur Masseurin beenden würde. Dreißig Sekunden später hatte sie das Jobangebot erhalten.

In den letzten vier Jahren war Larissa Teil der Score-Familie geworden. Am Ende der zweiten Woche hatte sie aufgehört, in Jack irgendetwas anderes als ihren Chef zu sehen. Sechs Monate später waren sie ein gutes Team und gute Freunde geworden. Sie schalt ihn regelmäßig wegen seiner Frauenwahl und sorgte dafür, dass er Eis und Entzündungshemmer benutzte, wenn seine Schultern sich meldeten. Außerdem bot sie allen drei Jungs und Taryn tägliche Massagen an. Sie liebte ihren Job und war froh, dass sie nach Fool’s Gold gezogen war. Zu Hause wartete eine neue Katze auf sie. Ja, das Leben war sehr, sehr gut.

Erneut richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf Jack und wartete. Ja, es herrschte genau das Schweigen im Raum, das ihr verriet, dass er ihr etwas zu sagen hatte.

„Gehst du mit irgendjemandem aus?“

Die Frage überraschte sie. „Du meinst, mit einem Mann?“

Er zuckte mit den Schultern. „Du hast nie erwähnt, dass du auf Frauen stehst, aber das Geschlecht ist mir eigentlich auch egal.“

„Nein, im Moment gehe ich mit niemandem aus. Ich habe in dieser Stadt noch niemanden kennengelernt, außerdem bin ich zu beschäftigt.“

„Aber wenn, wäre es ein Mann?“

Seine dunklen Augen funkelten amüsiert.

Jack gehörte zu den von den Göttern gesegneten Männern. Groß, attraktiv, sportlich, charmant. Er hatte einfach alles. Doch nur wenige Menschen wussten von den Dämonen, die ihn quälten. Er gab sich selbst die Schuld an etwas, das nicht sein Fehler gewesen war. Das war ein Charakterzug, mit dem Larissa sich nur zu gut identifizieren konnte, denn auch sie fühlte sich ständig für alles verantwortlich.

„Ja, es wäre ein Mann.“

„Gut zu wissen.“ Er fuhr fort, sie zu mustern. „Deine Mutter macht sich Sorgen um dich.“

Larissa ließ sich gegen die Stuhllehne sinken. „Sag mir bitte, dass sie nicht mit dir geredet hat. Bitte, bitte, bitte.“

„Doch, hat sie.“

„Mist. Ich wusste es. Sie hat dich besucht, oder? Ich habe geahnt, dass irgendwas im Busch ist.“ Unentschlossenheit konnte man ihrer Mutter nicht vorwerfen. „Lass mich raten. Sie hat dich gelöchert, ob ich einen Freund habe. Ich hoffe, du hast ihr gesagt, dass du keine Ahnung hast. Oder dass ich einen habe? Denn das würde mir sehr helfen.“

„Sie hat mich nicht gefragt, ob du einen Freund hast.“

„Oh.“ Sie richtete sich wieder auf. „Was wollte sie dann wissen?“

„Sie will, dass ich dich feuere, damit du nach Los Angeles zurückkommst, dich verliebst, heiratest und ihr Enkelkinder schenkst.“

Larissa spürte, dass ihre Wangen ganz heiß wurden. Es war so schwer, nachzudenken, wenn man sich so gedemütigt fühlte, ganz zu schweigen davon, mit einer halbwegs intelligenten Antwort aufzuwarten.

„Sie hat bereits zwei verheiratete Töchter“, murmelte sie. „Warum kann sie mich nicht in Ruhe lassen?“

„Sie liebt dich.“

„Dann hat sie aber eine seltsame Art, das zu zeigen. Wirst du mich rausschmeißen?“

Jack zog beide Augenbrauen hoch.

Erleichtert atmete sie tief ein. „Das werte ich als Nein. Es tut mir leid. Ich werde mich bemühen, sie, so gut es geht, von hier fernzuhalten. Die gute Nachricht ist, dass Muriels Kind in drei Monaten auf die Welt kommen soll und das neue Baby meine Mom dann erst mal ablenkt.“ In der Zwischenzeit würde Larissa einen Weg finden, ihre Mutter davon zu überzeugen, dass sie nach Borneo gezogen war.

„Gibt es sonst noch was?“, fragte sie.

„Ja. Deine Mutter sagte, du wirst dich nie mit einem anderen Mann einlassen und heiraten, weil du in mich verliebt bist.“

Jack hatte nicht gewusst, wie Larissa reagieren würde, aber er hätte vermutet, dass es eine ziemliche Show würde. Und sie enttäuschte ihn nicht. Ihr Gesicht wurde erst rot, dann weiß und wieder rot. Ihr Mund öffnete und schloss sich. Dann stieß sie zwischen fest zusammengebissenen Zähnen etwas wie „Ich werde sie umbringen“ hervor, doch er war sich nicht ganz sicher.

Nancy Owens Worte hatten ihn wie der Angriff eines Linebackers getroffen. Larissa sollte in ihn verliebt sein? Das war unmöglich. Zum einen kannte sie ihn besser als jeder andere Mensch auf der Welt – abgesehen von Taryn. Und ihn zu kennen hieß, zu verstehen, dass er nur schöner Schein ohne jegliche Substanz war. Zum anderen brauchte er sie. Liebe endete meist in einer Beziehung, und eine Beziehung zu haben bedeutete, dass sie irgendwann gehen würde. Nein. Auf keinen Fall konnte Larissa in ihn verliebt sein.

Aber er hatte die Worte nicht vergessen können und bald erkannt, dass er die einzige Person, die es mit Sicherheit wusste, nach der Wahrheit fragen musste.

Larissa atmete tief durch. „Ich liebe dich nicht. Wir sind Freunde. Ich arbeite gerne für dich, und die Wohltätigkeitsarbeit ist fantastisch, und ich kann mich auf dich verlassen, aber ich bin nicht in dich verliebt.“

Erleichterung löste die Spannung in Jacks ständig schmerzender rechter Schulter. Er behielt einen neutralen Gesichtsausdruck bei.

„Bist du sicher?“, hakte er nach.

„Ja. Ganz sicher.“

Er schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht … Ich bin ziemlich heiß. Ich könnte verstehen, wenn du in mich verknallt wärst. Du hast mich nackt gesehen. Und jetzt, wo ich so darüber nachdenke, ist deine Reaktion darauf unausweichlich.“ Er seufzte. „Du liebst mich. Gib es zu.“

Um Larissas Mundwinkel zuckte es. „Jack, so toll bist du nun auch wieder nicht.“

„O doch. Erinnerst du dich noch an den weiblichen Fan, der sich mein Bild auf die Brust hat tätowieren lassen? Und an die Frau, die mich angefleht hat, ihr ein Kind zu machen? Und dann die eine in Pittsburgh, die wollte, dass ich sie mit meiner Zunge …“

Larissa legte die Arme auf den Schreibtisch und ließ ihren Kopf darauf sinken. „Hör auf. Du musst sofort damit aufhören.“

„Es sind schon stärkere Frauen als du meinem Charme erlegen.“

„In deinen Träumen.“

„Nein. Aber offensichtlich in deinen.“

Sie schaute ihn aus großen blauen Augen an und lächelte. „Ich gebe auf.“

„Das tun sie am Ende alle.“

Ihr Lächeln schwand. „Das mit meiner Mutter tut mir leid.

Sie hätte das nicht sagen sollen. Ich schwöre, ich bin nicht in dich verliebt und werde es niemals sein. Ich liebe meine Arbeit, und du bist ein großer Teil davon. Aber wir sind Freunde, oder? Das ist viel besser. Außerdem hast du einen fürchterlichen Geschmack, was deine Trennungsgeschenke angeht.“

„Weshalb ich sie von dir kaufen lasse.“ Er zögerte eine Sekunde. „Zwischen uns ist also alles gut?“

„Bestens.“ Sie lächelte.

Der kleine Rest seiner Besorgnis schwand. Das hier war die Larissa, die er kannte. Gleichzeitig lustig und ernst. Das Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden und ohne den kleinsten Hauch Schminke im Gesicht. Sie trug gerne Yogahosen und T-Shirts und hatte immer irgendeinen wohltätigen Zweck parat, über den sie mit ihm sprechen wollte. Sie glaubte, dass die Welt es wert war, gerettet zu werden, und es war ihm egal, wenn sie sein Geld benutzte, um es zu versuchen. Sie waren ein gutes Team. Er wollte nicht ohne sie auskommen müssen, und wenn sie ihn lieben würde … Nun, das hätte alles geändert.

Jo’s Bar war ein Ort, wie man ihn nur in einer skurrilen Kleinstadt finden konnte. Von außen sah sie ganz normal aus, aber sobald man durch die Tür trat, wusste man, dass diese Bar anders war als alle anderen.

Zum einen war sie gut beleuchtet. Es gab keine dunklen Schatten, keine fragwürdigen Flecken auf dem Boden. Alles war in frauenfreundlichen Mauve- und Gelbtönen gehalten, die Fenster hatten keine Vorhänge, und auf den großen Fernsehern, die überall an den Wänden hingen, liefen Style Network und Project Runway.

Larissa ging hinein. Sie sah den Countdown, der die Tage anzeigte, bis die neue Staffel von Dallas Cowboy Cheerleaders: Wer schafft es ins Team? anfing, und grinste. Ja, das Leben hier war anders, und es gefiel ihr.

Sie schaute sich um und entdeckte ihre Freundinnen in einer Nische am Fenster, die sie zu sich winkten.

Als sie damals beschlossen hatte, Los Angeles den Rücken zu kehren und nach Fool’s Gold zu ziehen, hatte der Gedanke an einen Neuanfang sie nervös gemacht. Was, wenn sie nicht hier-herpasste? Was, wenn es ihr nicht gelänge, Freunde zu finden? Aber diese Ängste sind unnötig gewesen, dachte sie, während sie zurückwinkte und zu dem Tisch hinüberging.

„Ich habe dir einen Platz frei gehalten“, sagte Isabel und klopfte auf den leeren Stuhl neben sich. „Du kommst gerade rechtzeitig, um dich in die Diskussion einzuschalten, ob wir Nachos und Margaritas bestellen und so tun, als müssten wir heute nicht mehr arbeiten, oder ob wir brav sind und ganz normales Mittagessen ordern und Eistee trinken.“

Larissa setzte sich, blickte zu Taryn hinüber und grinste. „Meine Meinung hängt von meiner Chefin ab. Wenn sie trinkt, bin ich dabei.“ Denn in diesem Moment klang ein Drink genau richtig.

Was hatte ihre Mutter sich nur gedacht? Diese Frage kreiste schon den ganzen Morgen durch ihren Kopf. Ihr Auftritt war nicht nur peinlich, sondern auch vollkommen unangebracht. Sobald sie, Larissa, sich beruhigt hätte und rational darüber reden könnte, würde sie eine sehr ernste Unterhaltung mit ihrer Mutter führen.

Sie hatte Glück, dass Jack die Situation mit seinem üblichen Charme gehandhabt hatte. Aber mein Gott. Was, wenn er geglaubt hätte, das, was ihre Mutter gesagt hatte, würde stimmen? Darüber wollte sie nicht einmal nachdenken.

Sie und in Jack verliebt? Sie hatte ihre Fehler, aber dumm zu sein gehörte nicht dazu. Außerdem waren sie ein großartiges Team. Das würde sie niemals aufs Spiel setzen.

„Alles okay?“, fragte Taryn leise.

„Ja. Super.“

Denn so zu tun als ob, war wesentlich einfacher, als die Wahrheit zu sagen.

Taryn, wie immer in einem stylishen Designerkostüm, das vermutlich mehr als die halbjährliche Miete für Larissas kleine Wohnung gekostet hatte, warf ihre Speisekarte auf den Tisch. „Was soll’s. Lasst uns wild sein.“

Dellina, die örtliche Eventplanerin und Sams Verlobte, legte ihre Speisekarte ebenfalls hin. „Ich habe heute Nachmittag keine Kundentermine.“

Isabel lachte. „Ich muss meinen Laden führen. Ich bin besser vorsichtig, sonst ordne ich noch die neuen Sachen im Regal für den Schlussverkauf ein.“

„Ich liebe es, böse zu sein“, verkündete Taryn. „Ich liebe es einfach.“

„Du bist schon immer böse gewesen“, merkte Dellina an. „Du bist einfach der Typ. Das spüre ich.“

Larissa lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und freute sich darauf, einfach nur zuzuhören. Sie genoss es, mit diesen Frauen zusammen zu sein. Sie waren klug, erfolgreich und doch so unterschiedlich. Taryn war eine Geschäftsführerin von Score. Auch wenn alle vier gleichberechtigte Partner waren, würden die drei Jungs sofort zugeben, dass Taryn ein bisschen gleichberechtigter war als der Rest von ihnen. Sie war sehr gut darin, ihre „Jungs“ im Griff zu haben.

Larissa hatte sie schon immer bewundert. Taryn kleidete sich wunderschön, stöckelte auf zwölf Zentimeter hohen Absätzen herum und besaß eine Handtaschenkollektion, die eines Museums würdig gewesen wäre. Doch was noch besser war: Taryn war eine gute Freundin.

Dellina kümmerte sich um alle Events in der Stadt. Geburtstagsfeiern, Hochzeiten. Vor ein paar Monaten hatte sie ein großes Wochenendevent für die wichtigsten Kunden von Score organisiert. Und seit Kurzem war sie mit Sam verlobt.

Isabel gehörte Paper Moon. Ein Laden, der auf der einen Seite Hochzeitskleider verkaufte, auf der anderen normale Kleidung für Frauen. Alle drei Frauen am Tisch waren professionell gekleidet und trugen Kostüme oder Kleider. Larissa schaute auf ihre Yogahose. Vielleicht werde ich in meinem nächsten Leben mit einem gut ausgebildeten Mode-Gen geboren, dachte sie sehnsüchtig. Bis dahin würde sie sich weiterhin bequem und praktisch anziehen.

Jo, die Besitzerin der Bar, kam zu ihnen und nahm ihre Bestellung auf. Taryn bestellte Nachos für alle und einen Pitcher Margarita. Jo hob eine Augenbraue.

„Ihr habt wohl nicht vor, heute Nachmittag noch zu arbeiten?“, fragte sie.

„Wir gucken mal, wie es so läuft“, erwiderte Taryn.

„Das habe ich schon mal gehört.“

„Sie glaubt nicht, dass wir uns verantwortungsbewusst verhalten können“, murmelte Dellina, nachdem Jo wieder gegangen war.

„Dann ist meine Arbeit hier getan“, verkündete Taryn. „Also, was gibt’s für Neuigkeiten?“

„Ich bin gerade schwer mit der Herbstmode beschäftigt.“ Isabel lächelte. „Ihr müsst mal wieder vorbeikommen und euch die neuen Sachen angucken. Da sind ein paar sehr schöne Stücke dabei.“ Sie wandte sich an Taryn. „Vor allem eine Wildlederjacke, die du lieben wirst.“

„Wenn wir hier fertig sind, komme ich gleich vorbei, um sie mir anzusehen.“

Dellina schüttelte den Kopf. „Ich werde auf keinen Fall mitkommen“, erklärte sie ihrer Freundin. „Du wirst mich dann nur wieder mit wunderschönen Sachen verführen.“

Isabel lachte. „Das ist ja der Sinn der Sache.“

„Ich spare mein Geld.“

„Für eine Hochzeit?“, fragte Larissa und ließ ihren Blick zu Dellinas glitzerndem neuen Verlobungsring gleiten.

„Nein. Ich werde mir ein Büro mieten. Sams Haus ist toll, und er hat mir angeboten, mein Büro dort einzurichten, aber ich glaube, es ist an der Zeit, dass ich mich in die echte Welt hinauswage und ein richtiges Büro habe.“ Sie zog die Nase kraus. „Ich bin sogar langsam an dem Punkt, an dem ich eine Assistentin einstellen muss. Und dafür benötige ich mehr Platz.“

„Wow, das ist ja toll.“ Isabel beugte sich vor und umarmte ihre Freundin. „Das ist ein großer Schritt. Herzlichen Glückwunsch.“

„Ja, herzlichen Glückwunsch“, stimmte Larissa mit ein. Sie freute sich, dass es ihrer Freundin so gut ging.

„Du bist ein Tycoon“, neckte Taryn sie. „Das ist beeindruckend.“

„Ich bin kein Tycoon, aber die Firma läuft gut. Also, was ist bei euch so los?“

Taryn erzählte von einem neuen Kunden, den Score gerade gewonnen hatte, dann richteten sich alle Augen auf Larissa. Sie erstarrte und war sich schmerzlich bewusst, dass ihr Leben so ganz anders war als das ihrer Freundinnen. Sie hatte keine eigene Firma. Und ehrlich gesagt liefen ihre Tage in einer gewissen Eintönigkeit ab, die beinahe traurig war. Das Neueste in ihrem Leben war das Gespräch ihrer Mutter mit Jack, und das würde sie auf keinen Fall erwähnen.

„Ich habe eine Katze aufgenommen“, sagte sie stattdessen. „Ihre dreiundneunzigjährige Besitzerin ist gestorben, und deren Kinder konnten die Katze nicht zu sich nehmen, also habe ich es getan. Sie heißt Dyna, ist eine Ragdoll und unglaublich schön.“

Sie holte ihr Handy heraus und zeigte ein paar Fotos.

Dellina riss die Augen auf, als sie die Bilder sah. „Mein Gott, sie ist umwerfend.“ Es zuckte um ihre Mundwinkel. „Taryn, wenn sie ein Mensch wäre, würde sie dir ernsthafte Konkurrenz machen.“

„Mich beeindruckt viel mehr, dass du dich einem einzelnen Tier verschrieben hast“, meinte Taryn an Larissa gewandt.

Isabel runzelte die Stirn. „Das verstehe ich nicht. Larissa stürzt sich doch auf jeden guten Zweck. Diese Katzenrettungsaktion letzten Monat war fantastisch.“

Unruhig rutschte Larissa auf ihrem Stuhl hin und her. „Taryn meint, dass ich eher zu großen Gesten neige und vierzig Katzen rette, anstatt eine zu mir zu nehmen.“

Jo kam mit einem großen Pitcher Margarita und vier Gläsern an den Tisch. Sie schenkte ein und sagte, dass die Nachos gleich gebracht würden.

Isabel hob ihr Glas. „Auf die Frauen, die ich anbete. Danke, dass ihr euch mit mir betrinkt. Schon sehr bald werden Ford und ich schwanger sein, und ich muss mich in den antialkoholischen Winterschlaf begeben.“

„Jederzeit“, sagte Larissa. Sie wollte noch etwas hinzufügen, aber da schlug Taryn mit flachen Händen auf den Tisch.

„Okay“, meinte sie. „Ich kann es nicht länger für mich behalten. Ich werde heiraten.“

Larissa schaute Isabel und Dellina an. Sie schienen von der Ankündigung gleichermaßen verwirrt zu sein.

„Äh, du bist verlobt“, merkte Larissa sanft an. „Du trägst einen ziemlich großen Ring. Das ist uns allen schon aufgefallen.“

„Ja, aber ich habe mich zu einer echten Hochzeit entschlossen. Angel und ich werden richtig heiraten.“

Langsam nickte Larissa. „Das wird nett.“

„Ich helfe dir gerne bei der Planung“, fügte Dellina ähnlich vorsichtig an.

„Ich habe ein paar wunderschöne Kleider, die ich dir gerne zeigen würde“, lud Isabel sie ein. „Designerware, in der du aussehen wirst wie eine sexy Märchenprinzessin. Oder eine nuttige, ganz wie du willst.“

Taryn schloss die Augen und öffnete sie dann wieder. „Wirklich? Ihr meint, das ist in Ordnung?“

Da erst verstand Larissa, was ihre Freundin so besorgte. Sie und Angel waren keine zwanzig mehr. Und sie waren beide schon einmal verheiratet gewesen. Taryn wollte das wunderschöne Kleid und die traditionelle Feier, aber sie war nicht sicher, ob sie das verdient hatte. Denn jede Frau hatte ihre Schwächen. Einige waren nur besser darin, sie zu verbergen.

Entschlossen griff Larissa quer über den Tisch und berührte die Hand ihrer Freundin. „Du solltest die größte Hochzeit aller Zeiten haben. Und dabei ein Kleid tragen, das so schön ist, dass es uns alle zum Weinen bringt.“

Taryns Lippen zitterten. Sie drückte Larissas Finger, fasste sich und nahm ihr Margaritaglas in die Hand. „Danke.“

Eifrig holte Dellina einen Terminplaner aus ihrer Handtasche. „Ich rufe dich in ein paar Tagen an, und dann reden wir.“

Isabel wandte sich an Larissa. „Beinahe hätte ich es vergessen. Deine Mom war gestern bei mir. Sie hat ein Kleid und eine Handtasche gekauft. Jetzt ist sie mein neuer Lieblingsmensch. Hattet ihr eine schöne Zeit zusammen?“

Larissa griff nach ihrer Margarita und trank einen großen Schluck.

„Oh, oh“, murmelte Taryn. „Das ist nicht gut. Ich dachte, der Besuch wäre gut gelaufen. Das hast du zumindest heute Morgen gesagt.“

Schön wär’s, dachte Larissa. „Das war, bevor ich herausgefunden habe, was meine Mom getan hat.“

Erstaunt schauten ihre drei Freundinnen sie an. „Und was wäre das?“, hakte Isabel nach.

Diese Frauen lieben mich, rief Larissa sich in Erinnerung. Sie würden nicht lachen oder mit dem Finger auf sie zeigen. Oder falls doch, dann nicht, solange sie im gleichen Raum war, was beinahe das Gleiche war.

„Meine Mom hat Jack einen Besuch abgestattet. Sie hat ihn gebeten, mich zu feuern, damit ich nach L. A. zurückziehe, heirate und ihr Enkelkinder schenke.“

Dellina runzelte die Stirn. „Okay, das ist nicht so toll, aber auch nicht wirklich schlimm.“

„Da ist noch mehr“, gab Larissa zu. „Sie hat gesagt, der Grund, warum ich Fool’s Gold verlassen muss, ist, dass ich insgeheim in Jack verliebt bin.“

Sie hielt inne und wartete auf das hysterische Gelächter. Oder irgendein Gelächter. Doch stattdessen tauschten die drei Frauen nur einen Blick.

Larissa fühlte, wie sie errötete. „Ich bin nicht in Jack verliebt“, beharrte sie. „Wirklich nicht. Ich arbeite für ihn. Er ist super. Aber zwischen uns ist nichts.“

„Wenn du das sagst“, meinte Isabel wissend.

„Wenn Felicia hier wäre, würde sie sagen, dass die Romanze zwischen Chef und Sekretärin ein klassischer Archetypus ist“, erklärte Dellina.

„Ich bin nicht seine Sekretärin.“

„Aber nah dran“, erklärte Taryn und nahm ihr Glas in die Hand. „Wenn du sagst, dass du nicht in ihn verliebt bist, glaube ich dir.“

In dem Moment tauchte Jo mit den Nachos auf, und das Thema wurde fallen gelassen. Larissa griff nach einem Nacho, merkte allerdings auf einmal, dass sie überhaupt keinen Hunger mehr hatte.

Das ist alles Moms Schuld, dachte sie grimmig. Ihre Mutter hatte in ein Wespennest gestochen, und nun lag es an ihr, Larissa, jedes einzelne Insekt einzufangen und dorthin zurückzubringen, wo es hingehörte.

2. KAPITEL

Zu einem Termin bei Bürgermeisterin Marsha einbestellt zu werden ist ein bisschen, wie gegen ein rivalisierendes Team zu spielen, über das man nichts weiß, dachte Jack, als er die Stufen zum Büro der Bürgermeisterin hinaufging. Es barg immer das Potenzial, dass etwas Un-gewöhnliches passierte – und nicht auf die gute Art.

Bürgermeisterin Marsha war die am längsten regierende Bürgermeisterin Kaliforniens. Sie engagierte sich nicht nur persönlich in den Belangen der Einwohner ihrer Stadt, sie schien auch alles zu wissen. Vor solchen Leuten war Jack immer ein wenig auf der Hut. Er sah die Dinge mitunter gern etwas unscharf. Ehrlichkeit konnte unangenehm sein. Wie diese Unterhaltung mit Larissas Mom. Er hätte sein Leben gut weiterführen können, ohne ihre Worte jemals gehört zu haben.

Larissa hatte ihm versichert, dass da nichts dran war, was er sehr zu schätzen wusste, aber erleichtert zu sein und das Ganze vergessen zu können waren zwei sehr verschiedene Paar Schuhe.

Vor dem Büro der Bürgermeisterin blieb er stehen. Eine hübsche Rothaarige lächelte ihn an. „Hi, Jack. Sie können gleich reingehen.“

Er nickte. Kannte er die Empfangsdame? Er glaubte, sie schon einmal getroffen zu haben. Sie ist mit Taryn und Larissa befreundet, dachte er, als er das Büro der Bürgermeisterin betrat.

Bürgermeisterin Marsha war Mitte sechzig, hatte weiße Haare und die Angewohnheit, Perlen zu tragen. Jetzt, da er darüber nachdachte, war er sicher, dass er diese Frau noch nie in etwas anderem als einem Kostüm gesehen hatte.

Was ihm jedoch mehr Sorgen machte als ihr Aussehen, war, dass sie Menschen dazu brachte, Dinge zu tun, die sie eigentlich nicht tun wollten. Auf keinen Fall werde ich mich zu irgendetwas überreden lassen, sagte er sich. Er war ein zäher Exprofisportler. Sie konnte es nicht mit ihm aufnehmen.

„Jack“, sagte sie warmherzig und stand auf. „Danke, dass Sie vorbeigekommen sind.“

„Ma’am.“ Er ging zu ihrem Tisch und schüttelte ihr die Hand.

Sie deutete auf die Sessel in der Ecke. „Machen wir es uns doch ein wenig bequemer.“

Als sie zu der Sitzecke gingen, fiel ihm wieder ein, dass sie ein paar Wochen lang verreist gewesen war. „Wie war Ihr Urlaub?“, fragte er.

„Sehr entspannend.“ Sie setzte sich in einen der Sessel.

Er nahm auf dem Sofa Platz und erkannte sofort, dass er jetzt tiefer saß als sie. Clever, dachte er und bewunderte ihre Fähigkeit, mit so einer simplen Geste ihre Macht zu demonstrieren. Er täte gut daran, wachsam zu sein.

„Ich bin in Neuseeland gewesen“, fuhr sie fort. „Ein wunderschönes Land. Wussten Sie, dass viele unserer Skifahrer im Sommer dorthin fahren, um zu trainieren? Natürlich herrscht dort dann Winter.“

Jack bemühte sich, interessiert zu wirken, während er darauf wartete, dass die Bürgermeisterin auf den Punkt kam. Er war sicher nicht hierherbestellt worden, um sich übers Skifahren zu unterhalten.

Sie ließ ihren Blick auf seinem Gesicht ruhen. „Ich habe Ihre philanthropische Arbeit mit einigem Interesse verfolgt.“

Unwillkürlich verspannte Jack sich. Während er darauf wartete, dass sie weitersprach, versuchte er die Schultern zu lockern.

„Die Organtransplantationen …“, fügte sie an.

Star der NFL zu sein hat viele Vorteile und bringt einige Verpflichtungen mit sich, dachte Jack. Eine davon war die Erwartung, dass er sich für einen guten Zweck einsetzte. Den zu finden war leicht gewesen, und im Laufe seiner Karriere hatte er oft über die Wichtigkeit von Organspenden und Organtransplantationen gesprochen.

„Ich bin froh, helfen zu können“, sagte er leichthin, weil er wusste, dass es stimmte. Larissa kümmerte sich um die Logistik, und er zeigte sich hier und da in der Öffentlichkeit. So konnte sie ihr Helfersyndrom ausleben, was sie liebte, und er konnte so tun, als wäre er engagiert. Eine Situation, die für sie beide funktionierte.

„Die Verbindung zu den Familien macht diese Arbeit bestimmt noch bedeutungsvoller“, sagte die Bürgermeisterin.

Jack hatte gewusst, dass das kommen würde, also nickte er. „Natürlich.“

„Sie haben einen Bruder verloren“, fuhr die Bürgermeisterin fort. „Stimmt das?“

„Ja.“

„Einen Zwillingsbruder?“

„Ja.“

Einen eineiigen Zwillingsbruder, fügte Jack stumm hinzu. Nur hatte sich Lucas’ Herz irgendwo im Uterus nicht richtig ausgebildet. Zellen hatten aufgehört, sich zu teilen, oder etwas in der Art. Die Ärzte hatten es nie geschafft, es ihm so zu erklären, dass er es verstanden hätte. Oder vielleicht haben sie es auch einfach nicht gewusst, dachte er grimmig. Also war ein Bruder vollkommen gesund auf die Welt gekommen … und der andere nicht.

Jack wollte nicht darüber nachdenken. Er wollte sich nicht daran erinnern, wie es gewesen war, sich als Kind ständig Sorgen um seinen Zwilling zu machen, wollte die Schuldgefühle nicht empfinden, die damit einhergegangen waren, derjenige zu sein, der niemals krank wurde, sich nie schwach fühlte, sich nie fragte, ob er seinen fünften oder zehnten Geburtstag erleben würde.

Jack wusste jetzt, wohin dieses Gespräch führen würde. Bürgermeisterin Marsha wollte seine Hilfe. Oder genauer gesagt, das Geld, das seine Anwesenheit einbringen würde. Sie kannte eine Familie, die Unterstützung benötigte, um eine Operation zu bezahlen oder eine vorübergehende Wohnung zu finden, während ihr Kind eine schreckliche, aber lebensrettende Operation durchmachte.

Das ist leicht wie ein Picknick, dachte er. Oder in seinem Falle: leicht, wie Larissa zu sagen, was getan werden musste.

„Um welche Familie geht es?“, fragte er.

Die ältere Frau lächelte. „Oh, ich brauche Ihre Hilfe nicht für einen Transplantationspatienten, Jack. Es geht um etwas ganz anderes. Wissen Sie, dass wir hier in der Stadt ein College haben?“

Dieser Themenwechsel überraschte ihn. „Äh, sicher. UC Fool’s Gold.“

„Cal U Fool’s Gold, um ehrlich zu sein, aber ja. Es hat einen hervorragenden akademischen Ruf und arbeitet mit der UC Davis zusammen, um den Önologie-Zweig auszubauen.“

„Den was?“

„Die Weinkunde. Unsere Weinberge hier sind sehr gut, und wir bekommen langsam den Ruf, eine kleine, aber wertvolle Region zu sein. Wir haben gerade bei der Behörde für Alkohol und Tabak einen Antrag gestellt, Fool’s Gold zu einer AVA zu erklären.“ Sie hielt inne. „Das steht für American Viticultural Area – eine amerikanische Weinanbauregion. Hier in Kalifornien ist Napa zum Beispiel eine AVA. Außerdem gibt es noch Red Mountain in Washington State. Wir wollen eine Fool’s Gold AVA.“

„Okay“, sagte Jack langsam. „Ich weiß überhaupt nichts über Weinanbau oder AVAs.“ Obwohl er einen guten Merlot immer zu schätzen wusste.

„Natürlich nicht“, erklärte Bürgermeisterin Marsha. „Ich habe Sie hierher eingeladen, um mit Ihnen über Football zu sprechen.“

Jacks Kopf schmerzte von den blitzschnellen Themenwechseln. Die alte Dame wusste, wie man einen Mann verwirrte.

„Sie brauchen Hilfe bei Ihrem Fantasy-Football-Team?“, fragte er vorsichtig.

Bürgermeisterin Marsha lachte. „Nein, aber danke für das Angebot. Mein Problem ist eins aus der realen Welt. Die Cal U Fool’s Gold braucht einen neuen Footballtrainer. Na ja, ehrlich gesagt ist es damit nicht getan. Sie braucht ein ganz neues Programm.“

Trainer? Programm? „Das ist leider nicht mein Fachbereich. Um so etwas kümmert sich der Sportdirektor gemeinsam mit dem Dekan und dem Präsidenten des Colleges. Außerdem gibt es Headhunter, die sich darauf spezialisiert haben, Trainer zu finden.“

„Das alles wird gerade angestoßen. Aber es gibt auch eine Beraterposition in dem Komitee. Und da kommen Sie ins Spiel, Jack. Ich möchte, dass Sie unser Berater sind. Sie sind ein erfahrener Spieler, haben Ahnung, was einen guten Trainer ausmacht, und zu wissen, dass Sie helfen, wird die Gruppe motivieren. Sie verfügen über eine einzigartige Qualifikation für diesen Posten. Sie haben Fool’s Gold zu Ihrem Zuhause gemacht. Ich hoffe, Sie sind bereit, der Gemeinde etwas zurückzugeben, die Sie aufgenommen und willkommen geheißen hat.“

Er grinste. „Sie sind nicht gerade subtil, was das Einreden von Schuldgefühlen angeht.“

„Dazu sehe ich auch keinen Anlass. Wir wissen beide, dass Sie zustimmen werden. Früher würde mir besser passen als später, aber wenn Sie noch ein wenig Überzeugungsarbeit benötigen, kann ich das auch in die Wege leiten.“

„Irgendwie weiß ich, dass Taryn darin eine Rolle spielen würde.“

„Sie ist nur eine von vielen Optionen, die ich zur Verfügung habe.“

„Ich weiß Ihre Ehrlichkeit zu schätzen.“

Sie lächelte, sagte aber nichts.

Jack schüttelte den Kopf, weil er wusste, dass es keinen Sinn hatte, das Unausweichliche hinauszuschieben. „Ich bin sicher, dass Sie Besseres zu tun haben, als mich zu manipulieren. Also ja, ich werde dem Komitee beitreten. Sie können den Verantwortlichen gerne meine Kontaktinformationen übermitteln.“

Bürgermeisterin Marsha erhob sich und streckte ihm die Hand hin. „Das habe ich bereits getan. Danke, Jack. Ich freue mich über Ihr Angebot.“

Er schüttelte ihr die Hand. „Sie sind eine Furcht einflößende Frau, aber das wissen Sie, oder?“

Sie lächelte verschmitzt. „Darauf zähle ich.“

Larissa mochte es nicht, unsicher zu sein. Das war überhaupt nicht ihre Art. Wenn es ein Problem gab, stürzte sie sich kopfüber hinein. Wenn etwas gerettet werden musste, war sie da. Aber soweit sie wusste, brauchten gerade keine Säugetiere, Vögel oder Reptilien ihre Hilfe. Wobei es ihr sowieso nicht mehr erlaubt war, Reptilien zu retten. Ein paar Wochen zuvor hatte es einen unglücklichen Zwischenfall gegeben, bei dem giftige Schlangen und Taryns Verlobter Angel eine Rolle gespielt hatten. Larissa hatte deswegen immer noch ein schlechtes Gewissen.

Sie tigerte durch ihr, wie sie jedenfalls fand, viel zu großes Büro, das eine Verbindungstür zu Jacks Büro besaß. Sie hatte einen Computer, auf dem sie seine Termine managte, und ein paar Aktenschränke, die zum Großteil leer waren. Sie war nicht wirklich der Ablagetyp, sondern zog es vor, Sachen zu stapeln. Und wenn die Stapel zu hoch wurden, steckte sie sie in den Schrank. Vielleicht kein sonderlich ordentliches System, aber für sie funktionierte es.

Dieses Büro war etwas, das sie akzeptierte, aber nicht wirklich mochte. Ihr kleines Königreich war das Massagezimmer am Ende des Gebäudes. Dieser Raum war genauso eingerichtet, wie sie es wollte. Von den Farben an den Wänden über das Soundsystem bis zu dem Massagetisch hatte sie alles nach ihren Wünschen anfertigen lassen. Die Laken waren weich, aber saugstark. Sie hatte besondere Öle bestellt, die Entzündungen hemmen und Schmerzen stillen konnten, ohne dass die Jungs wie ein Strauß Blumen rochen. Für Taryn hatte sie eine Sammlung an biologischen Ölen angeschafft, spezielle Musik für jeden ihrer Kunden zusammengestellt und persönlich die Bademäntel und Handtücher ausgesucht, die im Massageraum, den Duschen und der Sauna benutzt wurden.

An diesem Ort fühlte sie sich wohl. Ruhig. Hier hatte sie die Kontrolle. Aber im Rest ihres Lebens … tja, da war alles reine Glückssache.

Larissa schaltete ihren Computer aus und ging über den Flur zu Taryns Büro. Ihre Freundin telefonierte gerade, winkte sie aber herein. Larissa durchquerte den mit einem flauschigen Teppich ausgelegten Raum. Dieser Fußbodenbelag war nötig, weil Taryn die Angewohnheit hatte, ihre Schuhe in der Sekunde von sich zu schleudern, in der sie sich an die Arbeit machte. Sie verbrachte den Großteil des Tages barfuß – etwas, das Larissa überhaupt nicht verstand. Warum kaufte man sich Schuhe, die so unbequem waren? Aber andererseits verstand sie überhaupt nichts davon, wie Taryn sich kleidete.

An diesem Tag trug ihre Chefin ein ärmelloses Kleid mit schwarzen und weißen Blockstreifen. Über dem Besucherstuhl hing eine Jacke, und neben dem Tisch lag ein Paar tödlich aussehender Schuhe. Sie waren ebenfalls schwarz und weiß und aus einer Art Fell mit breiten weißen Streifen, dazu hatten sie einen Furcht einflößenden, zwölf Zentimeter hohen, geometrisch geformten Absatz.

Während Taryn ihr Telefonat beendete, schlüpfte Larissa aus ihren eigenen, bequemen Slippern und zog Taryns Schuhe an. Die hohen Absätze ließen sie gefährlich schwanken, und sie musste sich am Tisch festhalten, um nicht umzuknicken. Sobald sie ihr Gleichgewicht einigermaßen gefunden hatte, zog sie die Jacke über und ging vorsichtig zu den geschlossenen Türen hinter Taryns Schreibtisch.

„Sicher, Jerry“, sagte Taryn und unterdrückte ein Lachen. „Ich kann es kaum erwarten. Würde Ihnen Dienstag passen?“

Larissa öffnete die rechte Tür und betrachtete sich in dem großen Spiegel.

Die Jacke war zu klein. Taryn mochte zwar größer sein als sie, aber sie war eine gute Kleidergröße dünner. Aber obwohl die Jacke an den Schultern spannte und Larissa sie nicht zumachen konnte, sah sie, wie der Schnitt ihren Oberkörper definierte und ihre Taille verschwinden ließ.

Die Schuhe mochten farblich gesehen zu ihrer schwarzen Yogahose passen, wirkten in dieser Kombination aber vollkommen lächerlich. Und es war unmöglich, in ihnen zu gehen. Trotzdem sind sie sexy, dachte sie sehnsüchtig. Sexy und stylish.

„Ich schwöre bei Gott, du wirst dich eines Tages noch umbringen“, sagte Taryn, die hinter ihr aufgetaucht war. „Du weißt, dass du auf hohen Absätzen nicht gehen kannst.“

Larissa drehte sich vorsichtig zur Seite, um die Schuhe aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. „Ich weiß, aber du siehst immer so stylish aus. Ich hingegen wirke, als ob ich im Secondhandladen einkaufen würde.“

„Weil du genau das tust.“

„Meine Sachen sind neu.“ Larissa versuchte, nicht zu defensiv zu klingen. Was schwer war, weil sie sich in die Enge getrieben fühlte. „Na ja, sie waren es zumindest, als ich sie gekauft habe.“

„Aha.“ Taryn klang nicht überzeugt. „Wir führen diese Unterhaltung alle paar Wochen. Du sagst, du willst dich besser anziehen, ich biete dir an, dir zu helfen. Du versprichst, einen Termin zum Shoppen mit mir zu machen, und tust es dann doch nicht.“

Larissa schlüpfte aus den Schuhen und reichte die Jacke ihrer Freundin. „Ich weiß. Ich bin nicht wirklich der Typ für eine Veränderung. Ich mag es gerne einfach.“ Sie betrachtete ihr Gesicht im Spiegel. Es war ungeschminkt und ihre Haut schön. Ihr Haar hatte eine gute Farbe. Mittelblond mit ein paar hellen Strähnen, die sie alle sechs oder acht Monate färben ließ.

„Ein wenig Wimperntusche würde dich nicht umbringen“, erklärte Taryn. „Ich sage ja nicht, dass du dich anziehen sollst wie ich. Du könntest dich weiterhin bequem kleiden, aber eben ein wenig schicker.“

„Sagst du das als meine Freundin oder als meine Chefin?“

Taryn verdrehte die Augen. „Du arbeitest für Jack. Ihn musst du glücklich machen. Ich weise lediglich darauf hin, dass du ungefähr einmal im Monat hier reinkommst, etwas von mir anprobierst und dann darüber sprichst, etwas zu verändern. Das muss doch irgendeinen tieferen Sinn haben.“

Larissa war ziemlich sicher, dass dem so war, aber deswegen war sie nicht hier.

„Ich muss mit dir reden“, sagte sie stattdessen.

Sofort deutete Taryn auf das Sofa in der Büroecke. „Klar. Was gibt’s?“

Larissa setzte sich auf die bequeme Couch und zog die Beine unter. Dann beugte sie sich leicht zu ihrer Freundin vor. „Es geht darum, was gestern passiert ist. Mit meiner Mom und Jack und dem, was sie zu ihm gesagt hat.“

Sie wartete, hoffte, dass Taryn lachen und sagen würde: Natürlich glaubt keiner, dass du in Jack verliebt bist. Das ist doch lächerlich.

Aber Taryn schwieg.

Larissa atmete tief ein. „Ich liebe ihn nicht. Wir sind Freunde. Wir arbeiten gut zusammen. Ich mag ihn – er ist ein liebenswerter Kerl. Nur … meine Mom will, dass ich heirate, und ich glaube, ich will das auch. Aber erst irgendwann.“

Von außen betrachtet wirkte eine Ehe wirklich toll. Aber tatsächlich – zumindest nach dem zu urteilen, was sie bei ihren Eltern beobachtet hatte – war sie schrecklich.

Sie nahm an, dass ihre Einschätzung ein wenig hart war. Nachdem ihre Eltern sich hatten scheiden lassen, waren sie beide wesentlich glücklicher gewesen. Das hatten alle so gesehen. Ihre Eltern machten gerne Witze, dass sie besser nicht geheiratet hätten. Und das hätten sie auch nicht, wenn es nicht eine ungeplante Schwangerschaft gegeben hätte. Und zwar mit ihr, Larissa.

„Ich kann hier in Fool’s Gold genauso gut den Richtigen finden wie in Los Angeles. Vielleicht sogar leichter. In Los Angeles ist es schwer, Männer kennenzulernen. Die haben alle so unrealistische Erwartungen wegen der ganzen Filmstars, die da wohnen.“ Sie presste die Lippen zusammen. „Warum sagst du nichts?“

„Weil du das auch ohne mich ganz gut machst“, erklärte Taryn.

„Glaubst du, dass ich in Jack verliebt bin?“

„Ich glaube, ihr habt eine interessante und symbiotische Beziehung.“

„Das ist keine Antwort.“

„Vielleicht nicht, aber es ist die Wahrheit. Jack will in der Welt etwas bewirken, ohne sich zu sehr einzubringen. Du willst die Welt retten, aber es mangelt dir an den entsprechenden Mitteln. Du hast das Herz, und Jack hat das Geld. Gemeinsam seid ihr ein tolles Team.“

„Ganz genau“, bestätigte Larissa schnell. „Wir sind ein Team. Kein Paar. Wir sind Freunde. Auch Freunde lieben einander, aber das ist etwas anderes. Es ist nicht romantisch. Wenn ich vorübergehend einen Platz für diese drei Kampfhunde brauche, lässt Jack mich sein Haus nutzen.“

Um Taryns Mundwinkel zuckte es. „Du meinst, du hast die Hunde in seinem Haus untergebracht, bevor du es ihm gesagt hast, und dann haben sie ihn nicht reingelassen, und er musste für eine Woche im Hotel wohnen und war trotzdem nicht böse auf dich?“

„So muss man es ja nun auch nicht ausdrücken.“ Larissa stieß einen verächtlichen Laut aus. „Aber ja, das ist ein Beispiel dafür, wie wir als Team zusammenarbeiten.“ Auch wenn sie nicht sicher war, dass Jack ihre Meinung diesbezüglich teilen würde.

„Jack ist ein guter Mann“, sagte Taryn. „Er unterstützt dich in allem, was du willst, weil es ihm ermöglicht, etwas zu tun, ohne sich engagieren zu müssen. Dir gefällt es, dass Jack immer im Hintergrund ist, um dich zu retten, falls du ihn brauchst. Du kannst Risiken eingehen, ohne wirklich etwas zu riskieren.“

Larissa zuckte zusammen. „Der ehrliche Teil dieser Unterhaltung gefällt mir nicht sonderlich.“ Sie wollte der Einschätzung ihrer Freundin widersprechen, wusste aber nicht, wie.

Taryn berührte sie am Arm. „Ich liebe dich, aber hierbei kann ich dir nicht helfen. Was du mit Jack hast, ist kompliziert. Ihr habt beide Vorteile dadurch, aber diese Beziehung hält euch auch beide davon ab, nach mehr zu suchen. Du weißt, dass Jack keine sichere Bank ist, also achtest du darauf, dass es zwischen euch nicht zu weit geht. Was klug ist. Aber ich frage mich, ob deine Mom gemeint hat, dass du gerade so viel in diese Beziehung investierst, dass du nicht daran interessiert bist, dich nach jemand anderem umzusehen.“

Larissa sprang auf, ging zur Tür, hielt inne und drehte sich um.

„Ich verstecke mich nicht davor, mich zu verlieben.“

Taryn hob die Augenbrauen.

„Also zumindest nicht wirklich“, warf Larissa stirnrunzelnd ein. „Ich … ich bin nur einfach nicht in Jack verliebt.“

„Dann beweise es. Verliebe dich in jemand anderen.“

„Nicht jeder will gleich heiraten.“

„Was hat das denn damit zu tun, eine Beziehung einzugehen? Willst du nicht mehr als nur Freundschaft? Willst du nicht erst einmal Leidenschaft und Sex und Romantik und wissen, dass es da jemanden gibt, den du um zwei Uhr morgens anrufen kannst und der da sein wird, egal, worum es geht?“

Larissa nickte, weil das die Reaktion war, die Taryn erwartete. Die Wahrheit war wesentlich komplizierter. Ja, sie wollte Leidenschaft und Sex und Romantik. Aber wenn sie morgens um zwei jemanden anrufen müsste, wüsste sie, dass alle vier Inhaber von Score sofort an ihrer Seite wären, und Jack würde die Parade anführen. War es das, was Taryn versuchte, ihr zu sagen? Dass Larissa den Richtigen noch nicht gefunden hatte, weil sie es nicht musste?

Sie bezweifelte, dass die Wahrheit so einfach war.

Das Hunan Palace lag in der Nähe von Larissas Wohnung. Das Gemüse war frisch, die Soßen köstlich, und Jack musste zugeben, dass die Frühlingsrollen die besten waren, die er je probiert hatte. Da er kein Mann war, der gern kochte, und Larissa zu sehr damit beschäftigt war, die Welt zu retten, um überhaupt einkaufen zu gehen, holten sie das Essen für ihre gemeinsamen Dienstagabende immer hier und trafen sich bei ihr in der Wohnung. Er brachte das Essen mit, sie kümmerte sich um Bier oder Wein. Das war nett. Einfach. Bequem.

Als er die Straße überquerte, nickte er den Leuten zu, die er kannte oder zumindest schon einmal gesehen hatte. Fool’s Gold war so eine Stadt, in der man das tat. Es wurde erwartet, dass man sich einbrachte. Verdammt, selbst Sam gab ein paar Mal im Monat Unterricht in Finanz- und Rechnungswesen für Kleinunternehmer. Es wird nicht lange dauern, bis auch Kenny in irgendetwas hineingezogen wird, dachte Jack. Was bedeutete, dass die Anfrage, ob er helfen könnte, einen neuen Footballtrainer auszusuchen, keine große Überraschung war. Außerdem hätte er Spaß daran. Auch wenn er nicht mehr spielen konnte, war die Liebe zu diesem Sport nie versiegt.

Er erreichte das Haus, in dem sich Larissas Wohnung befand. Sie hatte das Apartment ganz oben, und es gab keinen Fahrstuhl – was so typisch für sie war. Er wusste, dass sie sich etwas Netteres und Größeres leisten konnte, aber das war nicht ihre Art. Sie wollte ihr Geld lieber für wohltätige Zwecke einsetzen. Und mein Geld auch, dachte er grinsend. Und wenn schon. Schließlich hatte er genug davon.

Er klopfte einmal und öffnete dann die Tür. Mit dem Abschließen hatte Larissa es auch nicht so.

„Ich bin’s“, rief er und betrat ihre kleine Einzimmerwohnung.

Larissa schaute von dem Buch auf, das sie las. „Hi. Darf ich dir Dyna vorstellen?“

Er schaute nach unten und sah eine Katze auf sich zulaufen. Sie hatte langes Fell und beinahe menschlich wirkende blaue Augen.

„Du hast wirklich eine Katze.“

„Das habe ich dir doch gesagt.“

„Ich weiß, aber ich dachte, du machst Witze.“

Dyna schlängelte sich um seine Beine und verteilte bei jedem Schritt helle Katzenhaare auf seiner Anzughose.

„Nett“, murmelte er und machte sich eine mentale Notiz, bei seinem nächsten Besuch Jeans zu tragen, selbst wenn das bedeutete, ein Paar in seinem Büro zu lagern.

Larissa stand auf und kam zu ihm. „Hör auf zu jammern. Ist sie nicht wunderschön?“

Sie nahm die Katze hoch, die sich in ihren Armen sofort entspannte.

Dynas Fell war vorne am Körper cremeweiß und wurde nach hinten immer dunkler – am Schwanz war es beinahe dunkelbraun.

„Sie ist super“, sagte Jack.

„Sie schüchtert mich ein wenig ein“, gab Larissa zu. „Ich hatte noch nie eine so schöne Katze.“

„Eure Augen haben die gleiche Farbe. Das ist irgendwie komisch.“

Larissa lachte und setzte die Katze wieder auf den Fußboden. „Hast du Angst, wir könnten eine übernatürliche Verbindung haben? Dass wir zusammen Objekte bewegen und Gedanken lesen?“

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