Happy End in Dolphin Cove?

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Bei ihrer ersten Begegnung ist es um Drew geschehen. Wie kann er die misstrauische Caro bloß davon überzeugen, in ihm mehr als einen Kollegen zu sehen?


  • Erscheinungstag 10.09.2026
  • ISBN / Artikelnummer 9783751547727
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Leseprobe

Annie Claydon

Happy End in Dolphin Cove?

1. KAPITEL

Drew Trevelyan hievte sich aus seinem Auto und hielt einen Moment inne, um die Meeresluft tief einzuatmen. Die Frische des frühen Morgens hatte er schon immer geliebt, wenn die Wogen des Meeres jenseits der schützenden Bucht pausenlos ihre Farben wechselten. Während der Bauarbeiten an der Tierklinik von Dolphin Cove war er oft hergekommen, um eine halbe Stunde lang einfach nur hier zu sitzen, bevor er seine Arbeit in der Tierarztpraxis, die er sich mit Ellie Stone teilte, begann …

Drew lächelte. Vieles hatte sich in den letzten Wochen geändert. Nach Monaten im Krankenhaus und der Rehaklinik hatte er bei seiner Rückkehr nach Dolphin Cove erfahren müssen, dass sein Stellvertreter gekündigt hatte. Als Ersatz fand sich kein anderer als sein alter Freund Lucas Williams, Ellies früherer Lebensgefährte. Hilflos hatte Drew zusehen müssen, wie sie miteinander stritten. Nun hatte sich aber das Blatt gewendet, und aus Ellie Stone war Ellie Stone-Williams geworden.

An der Klinik hatte sich nichts verändert, und die Morgenstunden waren immer noch so friedvoll wie vor zwei Jahren, als Ellie und er eingezogen waren. Die Gebäude auf dem weitläufigen Gelände wurden allmählich eins mit ihrer Umgebung. An den steinernen Wänden wuchs Moos, und die Balken des Hauptgebäudes nahmen die herbstlichen Farben der Wälder an, die jenseits der Zufahrt begannen. In den hohen Fensterscheiben glitzerte die tief stehende Sonne wie auf dem Meer.

Er war zurück. Offiziell eigentlich noch nicht, er wollte sich nur wieder mit diesem so geliebten Ort vertraut machen. Sein Terminkalender war immer noch so leer wie in den letzten vier Monaten. Hierherzukommen war aber ein weiterer Schritt auf dem Weg, den traumatischen Unfall und seine Folgen hinter sich zu lassen.

Drew wandte sich um, griff sich seinen Gehstock, lehnte sich schwer darauf und ging zum Heck des Wagens, wo er Phoenix die Leine anlegte. Anschließend setzte er die zehn Wochen alte schokoladenbraune Labradorhündin auf den Boden. Sie schnupperte kurz und zog dann an der Leine, als wüsste sie, dass auch sie hier zu Hause war.

Es war Ellies Idee gewesen, ihm einen Welpen zum Liebhaben und Versorgen zu schenken, wenn alle Welt von ihm erwartete, dass er sich schonte und bedienen ließ. Drew verstand ja ihre Fürsorge, aber er wollte auch mal eine Unterhaltung führen, bei der nicht irgendwann die Frage nach seinem Befinden auftauchte.

Natürlich meinten die Leute es gut. Als seine Verlobte vor zwei Jahren bei einem Tauchunfall in Puerto Rico ums Leben gekommen war, waren alle rührend zu ihm gewesen. Als das Schicksal entschied, noch nicht fertig zu sein mit ihm, und bei seinem Auto die Bremsen versagten, hatte das ganze Dorf ihm beigestanden, ihm geschrieben und ihn im Krankenhaus besucht. Es hatte lange gedauert, bis sein zerschmettertes Bein geheilt war, und auch jetzt noch machte es ihm sehr zu schaffen.

„Weißt du, wo du bist, Phoenix?“ Als er die Tür zum Empfangsbereich der Klinik aufschloss, kläffte der Welpe aufgeregt und kratzte an der Scheibe. „Nicht so laut, Phoenix, sonst hören uns Ellie und Lucas.“

Damit war kaum zu rechnen, denn deren Wohnung befand sich am anderen Ende des Gebäudes im ersten Stock. Drew wollte aber erst einmal allein hier sein. Im Eingangsbereich stand eine Eiche in einem großen Blumentopf. Sie schien ein paar Zentimeter gewachsen zu sein. Vielleicht bildete er sich das auch nur ein. Sonst hatte sich hier nicht viel verändert.

Alles bestens, Drew. Wir kommen ohne dich zurecht. Werd du nur wieder gesund …

Er wusste, dass das eine Lüge war, auch wenn Ellie die edelsten Absichten hegte. Es war ihr sehr schwergefallen, die Klinik ohne ihn zu führen. Besonders die letzten Wochen hatten ihr zugesetzt. Sie hatte zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt geschwankt, der Ausgang hatte auf Messers Schneide gestanden.

Lass gut sein, Drew. Ellie und ich kriegen das schon irgendwie hin. Schon dich noch ein bisschen.

Lucas sollte recht behalten. Die beiden hatten sich zusammengerauft. Drew fand, seine Schonzeit war nun endgültig um.

Der verlassene Eingangsbereich roch nach Bohnerwachs und Hoffnung. Die Sprechzimmer waren unverändert. Bei Ellie hingen massenhaft gerahmte Fotos ihrer vierbeinigen Patienten, bei Lucas waren es bisher nur einige. Drews Raum war leer. Aufgeräumt und ohne ein Staubkorn erwartete er ihn. Drew lächelte.

„Drew! Was zum Kuckuck machst du hier?“

Je größer das Tier war, mit dem Ellie es zu tun hatte, desto barscher wurde ihr Ton. Die jetzige Lautstärke hatte sie wohl für angreifende Nashörner reserviert.

Drew tat das einzig Sinnvolle. Er ließ Phoenix los. Die Kleine jagte mit schleppender Leine davon, und Ellie fiel auf die Knie, um sie in die Arme zu nehmen. Das funktionierte immer.

Na ja, fast immer.

„Raus damit. Was willst du hier?“ Ellie stand auf, sah ihn an und versuchte, nicht zu lächeln, als die Hündin ihr den Hals leckte.

„Dasselbe könnte ich dich fragen. Solltest du jetzt nicht über deinen Cornflakes sitzen und Lucas verträumt in die Augen sehen? Ihr seid doch noch in den Flitterwochen.“

Ellie errötete, wahrscheinlich weil von Lucas’ Augen die Rede war. „Du lenkst ab. Und Cornflakes gab es nicht zum Frühstück. Lucas ist nicht da. Er bringt Mav in die Schule.“

„Du führst ihn also sanft in die Freuden der Vaterschaft ein.“ All die Eltern am Schultor dürften für Lucas schwerer zu ertragen sein als die gesamten sechs Jahre als beliebtester TV-Tierarzt des Landes.

„Er sagte, dass er sich gestern vorkam wie beim Spießrutenlauf unter Erdmännchen. Aber es stört ihn nicht wirklich.“

„Er genießt es. Das weißt du.“

Ellie nickte lächelnd. Sie liebte Lucas schon, seit die drei zusammen Tiermedizin studiert hatten. Lucas war dann fortgegangen und prominent geworden, während Ellie nach Dolphin Cove zurückkehrte und mit Drew zusammen eine Praxis aufmachte. Seit Mav, Lucas’ und Ellies Sohn, zur Welt gekommen war, hatte er die beiden Freunde täglich daran erinnert, wie sehr sie Lucas vermissten.

Aber nun war Lucas wieder da. Ellie hatte nie einen anderen geliebt. Drew freute sich für die beiden.

„Du hast mir noch immer nicht geantwortet.“

Eigentlich hatte er es Ellie heute noch nicht sagen wollen, aber irgendwann musste es schließlich sein. „Komm, setzen wir uns in mein Sprechzimmer.“

„Nun mache ich mir aber wirklich Sorgen. Willst du dich einschmeicheln?“

Drew lachte. „So ist es. Außerdem soll Phoenix hier nicht frei herumlaufen, bevor sie nicht vollständig geimpft ist.“

Er erlaubte Ellie, ihn unterzuhaken, vermied aber, sich beim Gehen auf sie zu stützen. Schon viel zu lange hatte er ihre Hilfe dankbar in Anspruch genommen. Damit musste Schluss sein, sonst kam er nie zu Kräften.

Ellie ließ sich auf einen Stuhl fallen und setzte Phoenix auf ihren Schoß. Drew nahm hinter seinem Schreibtisch Platz, dessen Platte aussah, als wäre sie täglich poliert worden.

„Ich komme wieder arbeiten, Ellie.“

Ihre Augenbrauen schossen hoch, aber sie bremste ihre Reaktion ab. „Wir erwarten dich erst Ende des Monats. Bist du denn wiederhergestellt? Was sagt deine Physiotherapeutin?“

„Sie sagt, ich könne es ja mal langsam versuchen. Wenn es mir zu viel wird, soll ich aufhören.“

„Das klingt doch ganz gut.“

„Weißt du, zu Hause drehe ich langsam durch. Ich brauche die Arbeit. Bitte unterstütze mich. Lucas und du, ihr könnt doch Hilfe gebrauchen.“

„Stimmt.“ Ellies Stimme wurde sanft, als sie sagte: „Lucas wird dich nie ersetzen können, Drew. Das weißt du.“

Vielleicht doch. Die komplizierten chirurgischen Eingriffe, die Drew in besonderem Maße beherrschte, verlangten Kraft und Ausdauer. Selbst das positivste Denken garantierte ihm nicht, dass er zu solchen Operationen jemals wieder imstande sein würde. Aber er hatte noch viel zu geben, und wenn irgendjemand ihn ersetzen musste, sollte es Lucas sein.

Von seinen nächtlichen Panikattacken, wenn er fürchtete, nie wieder richtig arbeiten zu können, brauchte Ellie jetzt nichts zu erfahren.

„Du bist nicht die Einzige, die sich über Lucas’ Rückkehr freut. Wir waren ja eng befreundet. Er hat mir auch sehr gefehlt.“

„Du hast nie was davon gesagt.“

Drew verdrehte die Augen. „Natürlich nicht. Wo du ihn doch so viel mehr vermisst hast. Übrigens hast du auch nicht drüber geredet.“

Ellie seufzte tief. „Okay. Ich unterstütze dich. Nur übertreib nicht, sonst jage ich dich gnadenlos vom Acker.“

„Abgemacht.“

„Ich glaube, die Rechnungen müssen durchgesehen werden.“ Sie sah ihn listig an. Natürlich war ihr klar, dass er diese Arbeit im Sitzen erledigen konnte.

„Mache ich.“ Er hatte sie durchschaut. „Bist du nicht dieses Jahr damit dran? Vielleicht können wir das auf Lucas abwälzen. Er ist der Neue hier.“

Ellie ging nicht darauf ein. „Dann sind wir dir eben beide zu Dank verpflichtet. Nachher kommt Mrs. Cartwright mit Tabitha.“ Die alte Dame war eine Plaudertasche und nagelte einen stundenlang fest.

„Na gut. Ich opfere mich.“

Ellie stützte sich auf die Schreibtischplatte und gab ihm ein Küsschen auf die Wange. „Ich bin so froh, dass du wieder da bist.“

„Nun werd mal nicht sentimental, Ells.“ Er spürte, wie sein Hals sich zuschnürte.

„Harter Bursche, was?“ Sie sah ihn prüfend an.

„Ach, nein. Ich will nur nicht, dass es bei mir losgeht.“

„Wäre vielleicht gar nicht verkehrt, Drew. Du warst immer für mich da, und nun wollen Lucas und ich eben für dich da sein.“

„Ja. Danke.“ Er wollte einfach nicht darüber reden.

Als Ellie weg war, ließ er erst einmal alles auf sich wirken. Er saß wahrhaftig an seinem Schreibtisch und hatte etwas zu tun. Die Rechnungen zu prüfen und Mrs. Cartwright zu unterhalten, waren nicht gerade der Gipfel tierärztlichen Wirkens, aber immerhin ein Anfang.

Nach einer Stunde, während deren Mrs. Cartwright Drews ungeteilte Aufmerksamkeit genossen hatte, steckte Lucas seinen Kopf zur Tür herein.

„Hey. Ellie schickt mich.“ Lucas lächelte.

„Sag ihr, ich gehe nicht heim. Es geht mir bestens.“

Lucas lachte. „Das musst du ihr schon selbst sagen. Sie ist gerade mit einer Schlange beschäftigt.“ Er legte eine Broschüre auf Drews Schreibtisch.

„Was ist das?“

„Erinnerst du dich, dass ich dir von der Prothese erzählt habe, die wir einem Hund angepasst haben, als du weg warst? Das ist der OP-Bericht. Die Ingenieurin, die uns dafür die Robotertechnik entwickelt hat, möchte mit uns zusammen an Hochleistungsprothesen arbeiten.“

„Danke. Das schaue ich mir gern an.“ Drew fand es sehr nett von seinem Freund, ihn mit einzubeziehen.

„Ich hatte eigentlich gehofft, dass du das ganz übernimmst. Ich habe nicht die Zeit dafür.“

„Bestimmt? Ich könnte dir etwas anderes abnehmen. Du wirst das doch selbst machen wollen.“ Drew griff nach den Papieren, zog die Hand aber gleich wieder zurück. Das Projekt klang faszinierend. Lucas würde es sicher selbst leiten wollen.

„Zurzeit möchte ich meine Abende und Wochenenden lieber freihalten. Du tätest mir einen großen Gefallen.“

„Wenn das so ist … danke vielmals.“ Drew blätterte den OP-Bericht durch. Auf dem Deckblatt standen die Namen all derer, die mit Lucas zusammengearbeitet hatten. Einen davon kannte Drew nicht.

„Diese Caro Barnes … ist sie die Robotik-Ingenieurin?“

„Genau. Ich habe sie mal wegen eines meiner TV-Projekte konsultiert. Sie hat enorm viel Talent und gehört zu den wenigen Leuten, mit denen ich nach meiner Zeit beim Fernsehen den Kontakt noch aufrechterhalten wollte. Als etwas mit ihrem Robotik-Projekt in Kalifornien schiefging, nahm sie eine Idee von mir auf und forscht nun über Prothesen für Tiere. Sie ist jetzt wieder in England, hat eine Zeit lang in Oxford gearbeitet und allerhand Forschungsstipendien angeboten bekommen.“

„Dann muss sie ja gut sein.“ Forschungsstipendien der Universität Oxford waren heiß umkämpft.

„Caro ist führend auf ihrem Gebiet. Manchmal ist sie allerdings ein bisschen anstrengend …“

Damit hatte Drew kein Problem. Je anstrengender, desto besser. „Was ist denn mit ihrem Projekt schiefgelaufen?“

„Weiß ich nicht genau. Irgendein Streit wegen eines Patents. Sie hat wohl die Rechte an einer Sache verloren, die sie selbst entwickelt hat. Sie wollte ganz offensichtlich nicht darüber reden. Und wenn Caro nicht will, dann will sie nicht. Übrigens ist sie niemand, der leichtfertig abspringt, solltest du das von ihr denken. Sie hat sich für unser Projekt entschieden und bringt es zum Abschluss.“

„Du wirkst, als ob du dir nicht sicher wärst.“

„Doch, doch. Nur arbeitet sie auf ihre ganz spezielle Weise. Ich finde es einfacher, mich da rauszuhalten.“

„Okay. Also, was braucht sie von uns?“

„Weiß ich eigentlich auch nicht. Sie sagt, sie will die Zusammenarbeit auf das Notwendigste beschränken. Bisher scheine ich noch nicht notwendig gewesen zu sein. Ich habe den Eindruck, dass sie seit der Geschichte mit dem Patent in jedem einen potenziellen Verräter sieht. Sie wohnt auf Smuggler’s Top.“

„Was?“ Für jemanden, der vollkommene Isolation wollte, war Smuggler’s Top ideal. „Das Haus ist doch völlig verwahrlost. Da kann sie doch nicht wohnen.“

Lucas lachte. „Du bist nicht auf dem Laufenden, Junge. Das Haus ist renoviert und wird an Feriengäste vermietet. Caro hat es zum Sonderpreis für den ganzen Winter gemietet.“

„Dann muss ihr ihre Privatsphäre aber sehr wichtig sein.“

„Allerdings. Das ist der richtige Ort für sie. Wenn man von ihren Macken absieht, ist sie ganz in Ordnung. Sie kann tagelang kein Wort mit dir reden, weil sie gerade einen Gedanken verfolgt. Sie hat wirklich was von einer zerstreuten Professorin. Am Wochenende waren Mav und ich bei ihr. Sie hat ihm eine Drohne mit Greifarmen geschenkt. Das Ding ist cool. Wir haben es durch die Wohnung fliegen lassen und Sachen damit hochgehoben und wieder abgesetzt.“

„Na, da wird Ellie sich gefreut haben.“

„Ihre Lieblingsvase hat etwas gelitten. Du musst bald mal zu uns zum Essen kommen. Mav will dir das Ding unbedingt vorführen.“

Drew fragte sich, ob die Einladung aus Mitleid ausgesprochen wurde, entschied sich aber dagegen. Aus Mitleid hätte Lucas ihn in den Hungry Pelican geschleppt, um die Sorgen zu ertränken.

„Also, ich übernehme die verrückte Forscherin auf ihrem Hochsicherheitsfelsen. Sonst noch was?“

Lucas grinste breit. „Nö. Das ist es so ziemlich.“

„Alles klar.“

2. KAPITEL

Drew parkte am Eingang des Hohlwegs, der zum Strand führte. Bei Flut war der Felsen, den die Einheimischen Smugglers’Top nannten, nur mit einem Boot zu erreichen. Bei Niedrigwasser konnte man vom Strand aus zum Haus hinaufklettern.

In drei Stunden kam das Wasser zurück, dann war der Felsen völlig abgetrennt. Die Zeit würde reichen, um hinaufzugelangen, Caro Barnes kennenzulernen und wieder hinunterzukommen. Drew hatte sich den ganzen Vortag ausgeruht, um für den Aufstieg fit zu sein.

„Na, dann los, Phoenix.“ Er machte die Heckklappe auf, und die Hündin hob sofort den Kopf. Ein Spaziergang war in Aussicht. „Das kann jetzt anstrengend für uns beide werden, aber wir schaffen das.“

Drew warf sich die Tasche aus Segeltuch, in der das Hundefutter war, über die Schulter und ging langsam los, während der Welpe um ihn herumflitzte. Eile mit Weile war kein Leitspruch für das junge Tier. Auf halber Strecke war dann alle Kraft verbraucht, und Herrchen musste sie hochtragen.

Zum Glück hatte die alte Treppe neue, solide Geländer bekommen. Mit dem Stock und dem Handlauf kam Drew besser voran, als er befürchtet hatte.

Trotzdem war der Aufstieg ganz schön lang. Ellie hatte es ihm ausreden wollen, zumal Caro angeboten hatte, in die Klinik zu kommen. Er wollte sie aber lieber in ihrem eigenen Umfeld erleben, um sie besser einschätzen zu können.

„So. Jetzt wollen wir mal verschnaufen.“ Sie waren auf halber Höhe. Drew setzte sich auf eine Stufe und nahm Phoenix auf den Schoß. Nach ein paar Minuten ließ der Schmerz in seinem Bein nach, und das Ende des Weges schien nicht mehr ganz so weit weg.

„Beim nächsten Mal geht es leichter, was?“ Drew hatte sich angewöhnt, seinen eigenen Zuwachs an Kraft mit dem von Phoenix gleichzusetzen. Schon bald würden sie einen ganzen Tag lang gehen können, ohne rasten zu müssen.

Doch jetzt konnte Phoenix nicht mehr. Sie lag im Windschutz seiner Arme und schien zu schlummern. Sie umsorgen zu müssen, gab ihm neue Kraft. Aus seiner Tasche holte er eine Babytrage und schnallte sie sich unter die Jacke. Das Ding war prima, wenn man einen müden Welpen tragen wollte, aber beide Hände frei haben musste. Phoenix kuschelte sich an seine Brust.

Oben angekommen mussten sie sich erst einmal ausruhen. Er wollte nicht vor Erschöpfung schwankend in der Tür stehen.

Smugglers’ Top war ganz so, wie er es aus Kindertagen in Erinnerung hatte. Knorrige Bäume bogen sich im Wind und verdeckten ein altes steinernes Haus. Der Weg von der Treppe dorthin war aber neu, und nicht nur der. Die alten Bretter, mit denen damals Tür und Fenster verrammelt gewesen waren, hatten einer frisch gestrichenen Haustür und Isolierscheiben Platz gemacht. Die dicken Mauern waren gereinigt, das Schieferdach neu gedeckt. Das Ganze sah sehr einladend aus.

Seltsamerweise gab es sogar eine Klingel. Dass Zufallsbesucher sich an diesen einsamen Ort verirrten, war höchst unwahrscheinlich, und für erwartete Gäste konnte man einfach die Tür offen lassen. Er drückte die Klinke, aber die Tür ging nicht auf. Also klingelte er.

Schon fragte er sich, ob die Klingel überhaupt funktionierte, als dann doch die Tür aufgerissen wurde. Drews erster Gedanke war „verrückte Forscherin“.

Caro Barnes war einen Kopf kleiner als er. Ihr blondes Haar hatte sie zu einem Zopf geflochten, der sich halbwegs aufgelöst hatte. Sie trug eine ausgeblichene Jogginghose, die einmal rot gewesen sein mochte, dazu ein T-Shirt und eine übergroße grüne Strickjacke, in der ihre zierliche Figur nahezu verschwand.

„Ja bitte?“

„Ich bin Drew. Drew von der Tierklinik. Komme ich zu früh?“ Er sah auf seine Uhr. Eigentlich hätte er fünf Minuten eher da sein sollen.

„Ähm … Nein. Wahrscheinlich nicht. Ich habe gearbeitet und die Zeit vergessen.“ Sie zuckte mit den Schultern, als passierte ihr das andauernd. „Komm rein.“

Sie trat beiseite und schien von Phoenix wenig begeistert. Als die auch noch an ihren flauschigen Pantoffeln schnupperte, zuckte sie zurück.

„Das ist hübsch hier. Ein klein bisschen anders als früher.“

„Kennst du das Haus? Musst du ja wohl. Du wohnst ja in der Nähe.“

„Ja. Als Kinder haben wir hier oben gespielt. Es war ganz verfallen und verlassen.“

„Wohnst du schon immer hier?“ Caro sah ihn an, als käme er von einem anderen Stern. Das war ihm keineswegs unangenehm. Ihre Augen waren groß und hatten die Farbe von dunklem Honig, wach und schön.

Das tat jetzt nichts zur Sache. Auch wie ihr Haar wohl glänzen würde, wenn sie es bürstete, war nebensächlich. Er war gekommen, um ihre intellektuellen Fähigkeiten zu begutachten.

„Ja. Ich bin in Dolphin Cove geboren und aufgewachsen. Cornwall ist meine Heimat.“ Darauf war er ein wenig stolz.

„Das klingt schön, an einem Ort aufgewachsen zu sein.“ Sie schien nicht ganz zufrieden mit der Aussage dieses Satzes. „Ich meine … natürlich bin ich auch aufgewachsen, nur eben an vielen verschiedenen Orten.“

„Das hört sich doch auch gut an.“ Auf einmal hatte er das Verlangen, es ihr leicht zu machen. „Lucas hat mir erzählt, dass du in Kalifornien gearbeitet hast, bevor du hierherkamst?“

„Ja.“ Das Thema wollte Caro anscheinend nicht vertiefen. „Ich koche dir einen Kaffee und … ähm … mache mich ein bisschen frisch. Nur fünf Minuten.“

Ihm schien, dass sie die ganze Nacht an etwas gearbeitet haben musste. Wie sie sich ihre Tage einteilte, ging ihn nichts an, also verkniff er sich seine guten Ratschläge.

„Lass dir Zeit. Den Kaffee kann ich machen, wenn du mir zeigst, wo die Küche ist.“

„Nein. Das geht schon.“ Sie warf einen Blick auf seinen Gehstock. „Du solltest dich lieber hinsetzen. Dann fühle ich mich nicht so mies, weil ich dich hierherbestellt habe, um dir dann im Pyjama die Tür zu öffnen.“

Für gewöhnlich fand er die Aufforderung, Platz zu nehmen, immer ein wenig verletzend. Diesmal nicht. Neben Caro fühlte er sich stark und sicher wie schon lange nicht mehr. Sie war auf seltsame Weise bezaubernd, unverhüllt ehrlich. Das Wort „unverhüllt“ sollte er in diesem Zusammenhang besser nicht benutzen. Die grüne Jacke verbarg ihre Figur so erfolgreich, dass seine Fantasie sofort zu spielen begann.

Vor dem Kamin des Wohnbereichs standen zwei Sofas. Auf eines ließ Drew sich sinken, ohne seinen Seufzer der Erleichterung entweichen zu lassen. Phoenix behielt er an der Leine, damit sie Caro nicht behelligte, die nervös in den Küchentrakt eilte, von sehnsüchtigen Hundeblicken verfolgt.

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