Historical Saison Band 128

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MISS ANNA UND DER EARL von CATHERINE TINLEY

Kaum betritt Miss Anna Lennox die Sommerparty des Earl of Garvald, überkommt sie ein merkwürdiges Déjà-vu. Hat sie etwa als kleines Mädchen hier auf Lammermuir House gewohnt? Ihre Vergangenheit ist mysteriös. Aber noch viel rätselhafter sind für sie die Gefühle, die der überaus attraktive Earl in ihr weckt …

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  • Erscheinungstag 22.08.2026
  • Bandnummer 128
  • ISBN / Artikelnummer 8090260128
  • Seitenanzahl 400

Leseprobe

Catherine Tinley, Eva Shepherd

HISTORICAL SAISON BAND 128

Catherine Tinley

PROLOG

Elgin, Schottland, 1797

„Mama, erzähle uns die Geschichte von ZanZan und Milady!“ Voller Begeisterung sah Anna ihre Mutter an.

Ihre Mutter lachte. „Schon wieder? Na gut, doch danach müsst ihr sofort schlafen. Nun rutscht ein Stück, damit ich mich setzen kann.“

Die Drillinge – Anna, Izzy und Rose – rückten auf ihrem großen Bett zur Seite, und Mama streckte sich neben ihnen aus. Sie strich ihr schlichtes braunes Kleid glatt. Ihre Finger waren von den vielen Stunden, die sie heute am Schreibtisch verbracht hatte, mit Tinte befleckt.

„Es waren einmal drei kleine Prinzessinnen“, begann sie. „Sie lebten in einem wunderschönen Schloss …“

„Nicht in etwas wie unser Cottage!“, rief Izzy, wobei sie kurz den Daumen aus dem Mund nahm.

„Nein, ganz und gar nicht. Unser kleines Cottage ist auf seine eigene Weise wunderschön, und wir sind sehr dankbar, es zu haben. Also, die Prinzessinnen lebten in einem wunderschönen Schloss mit ihren lieben Freunden …“

„Milady!“, warf Rose ein.

„Und ZanZan!“, fügte Anna hinzu. ZanZan mochte sie am liebsten.

„Ja, die Prinzessinnen und ihre Mutter lebten mit ZanZan und dessen Mutter in dem wunderschönen Schloss. Es hatte beinahe einhundert Zimmer, und die Kinder spielten und lachten den ganzen Tag.“

„Es gab auch eine große Treppe“, sagte Rose, die Arme ausgestreckt, um zu zeigen, wie groß.

„Und ein Piano“, sagte Izzy.

„Und geheime Orte. Erzähl uns von den geheimen Orten, Mama!“ Anna konnte einige davon vor ihrem inneren Auge sehen: den Bücherschrank in der Bibliothek, der in Wahrheit eine Tür war; das geheime Schubfach, das aufsprang, wenn man die dritte geschnitzte Blume von links drückte; der Speicher im Stall, von dem niemand wusste. Sie erinnerte sich an alles.

„Einmal“, fuhr Mama in einem nun anderen Tonfall fort, „blieb die Mutter der Prinzessinnen drei ganze Wochen in einem Gasthaus!“

„Warum, Mama? Warum denn?“

„Um sich auf die Hochzeit mit dem Vater der Prinzessinnen vorzubereiten. Ihr zukünftiger Ehemann blieb an einem anderen Ort, wie es sich gehörte, und jeden Sonntag verlas der Pfarrer ihre Namen bei der Messe, um zu sehen, ob jemand die Hochzeit verhindern wollte.“

Anna war fasziniert. „Weshalb sollte das jemand tun?“

„Seine Familie wollte nicht, dass er heiratete. Doch sie konnten ihn nicht finden.“ Mama schüttelte den Kopf. „Es war für sie beide eine glückliche Zeit.“

„Wie jetzt, Mama?“, fragte Rose.

Mama lächelte. „Ja, wie jetzt.“ Es folgten viele weitere Geschichten, bis Mama schließlich sagte: „Jetzt lasst uns gemeinsam The Lady Blue singen, dann sprechen wir das Nachtgebet. Aber denkt daran, ihr dürft niemals über euren Vater reden. Versprecht es mir!“

„Ich verspreche es, Mama.“ Sagte jede Einzelne.

1. KAPITEL

Die Lady Blue zeigt her den Schuh

Folge der Spur zum Vieh in der Flur

Der Schlüssel ist drei, und dreimal drei

Ein Schatz so fein, dein und mein

Cross Keys Inn, Kelso, Samstag, 8. August 1812

Ich verspreche es, Mama.

Anna erwachte mit feuchten Wangen und schmerzendem Herz, den Kopf voller verschwommener Bilder von Kirchen und Gefahren. Was hatte sie versprochen? Sie konnte sich nicht erinnern. In ihrem Traum war eine Hochzeit vorgekommen, doch irgendeine Gefahr war damit einhergegangen.

Die Hochzeiten ihrer Schwestern? Sowohl Izzy als auch Rose hatten erst kürzlich geheiratet. Diesem Traum aber haftete ein seltsames Gefühl an – das einer Bedrohung.

Ich verspreche es, Mama.

Diese Worte hingen noch in der Morgenluft. Hatte sie vielleicht von der Hochzeit ihrer Eltern geträumt? Seufzend erkannte sie, dass ihr unterbrochener Schlaf seinen Ursprung in der Rastlosigkeit hatte, die sie ständig quälte.

Es gab keinen Beweis für eine Heirat ihrer Eltern, auch wenn Mama als Mrs. Lennox bekannt gewesen war. Hatte Mama vielleicht etwas dazu gebracht, von zu Hause fortzulaufen und ihre Kinder in einem verschlafenen Dorf im hohen Norden Schottlands großzuziehen? Ein solcher Skandal wäre durch eine Ehe aber doch gewiss unterbunden worden, selbst wenn ihre Mama zu der Zeit bereits schwanger gewesen wäre?

Die Drillinge waren gerade zehn Jahre alt, als Mama nach einer zehrenden Krankheit starb – ein Verlust, den Anna nie ganz verkraftet hatte. Und der es Mrs. Lennox’ Töchtern unmöglich machte, zu erfahren, wer sie wirklich waren. Während die Jahre dahingingen, wurden die Momente der Trauer weniger, doch der Schmerz blieb.

Ihren Vater nie gekannt und dann ihre Mutter verloren zu haben, war für Anna und ihre Schwestern ein herber Schlag gewesen. Glücklicherweise hatte Mamas Dienstherr Mr. Marnoch die Vormundschaft für sie übernommen, und Jahre später hatte dessen Schwester Lady Ashbourne den Drillingen eine Londoner Saison ermöglicht.

Nun war eben diese Saison vorüber und Anna auf dem Weg zu einem Landhaus in Schottland für ein Sommerfest des tons. Noch immer wunderte sie sich hin und wieder, wodurch ihr und ihren Schwestern so viel Glück vergönnt war. Sie hatten Bälle und Soireen besucht, waren ins Theater gegangen und hatten die Sehenswürdigkeiten Londons besichtigt.

Selbst die Gunst der Königin hatten sie erlangt – aber auch die Ablehnung einiger kritischerer Ladys des tons. Anna sank das Herz ein wenig, als sie an Leute wie Lady Renton und Mrs. Thaxby dachte, denen es missfiel, dass drei Niemande ohne familiäre Verbindungen vom ton gefeiert wurden. Die beiden Ladys waren, zusammen mit ihren Ehemännern, ebenfalls zu der bevorstehenden Party auf Lammermuir House geladen, und Anna rechnete während der nächsten drei Wochen mit einigen angespannten Situationen.

Vielleicht, sinnierte Anna hoffnungsvoll, würden sich diese Animositäten ihnen gegenüber durch die kürzlichen Ereignisse nun legen. Annas Schwestern hatten zum Ende der Saison äußerst gut geheiratet. Die jüngste, Rose, hatte James, Viscount Ashbourne – den Neffen ihres Gönners – geheiratet, und Izzy einen entfernten Cousin der Königin – Prince Claudio of Andernach.

Obwohl sie die Älteste war – um ganze zwanzig Minuten! – und ihren Schwestern glich wie ein Ei dem anderen, hatte sie keinen einzigen Antrag erhalten.

Daher schlief sie ganz alleine in diesem bequemen Bett in einem gut ausgestatteten Zimmer im Cross Keys Inn, mit einem Dienstmädchen in einem Beistellbett, um ihren Ruf zu wahren, während ihre Schwestern in anderen Zimmern in den Armen ihrer Ehemänner lagen.

Als Anna aufstand und sich für den letzten Teil ihrer Reise bereit machte, dachte sie darüber nach. Vermutlich war es kaum verwunderlich, dass sie noch unverheiratet war. Als Älteste hatte sie immer die Last einer ungesehenen Verantwortung getragen und war daher nicht ganz so impulsiv wie Izzy und etwas bodenständiger als Rose.

Sie war reserviert und das willentlich. Die Kunst zu flirten, lag ihr nicht; sie konnte sich ebenso wenig verbiegen, dümmlich tun oder unentwegt lächeln, wie sie fliegen konnte – was bedeutete: gar nicht. Und auch wenn sie ein törichtes tendre für den Earl of Garvald entwickelt hatte, dem Gastgeber des Sommerfests, war sie viel zu praktisch veranlagt, um eine solche Regung ernst zu nehmen.

Unlängst hatten die Drillinge herausgefunden, dass der Mädchenname ihrer Mama Maria Berkeley gewesen war und die formidable Lady Kelgrove somit ihre Urgroßmutter. Selbige hatte entschieden, die Verbindung anzuerkennen, wenngleich Anna wusste, einige der Prinzipienreiter des tons spöttelten hinter ihren bemalten Fächern auch weiterhin über die Lennox-Drillinge.

Während sie die Treppe hinunter zum Frühstückssalon ging, rief sie sich erneut einige der wertvollen, aber blassen Erinnerungen an ihre Kindheit ins Gedächtnis. Sie erinnerte sich an die Jahre mit ihrer Mutter in ihrem kleinen Cottage in Elgin – ein Haus, das traurigerweise inzwischen kaum mehr wiederzuerkennen war. Ein Bauer hatte es gekauft und so weit ausgebaut, dass es dem bescheidenen Cottage, das zu Lebzeiten ihrer Mama ihr glücklicher Hafen gewesen war, kein bisschen mehr ähnelte.

Dann gab es da noch den Ort, an dem sie vor dem Cottage gelebt hatten – den Ort, an den sie sich als Märchenschloss mit einer großen Treppe erinnerte. Sie und ihre Schwestern waren dort geboren worden, wie Mama ihnen so viele Male erzählt hatte.

Das wenigstens weiß ich, so wenig es auch sein mag.

Sie waren fünf gewesen, als Mama mit ihnen nach Elgin gezogen war, und zehn, als sie sie verlassen hatte, um im Himmel zu leben. Anna hatte immer noch glückliche Erinnerungen an ihre Zeit in diesem Schloss, auch wenn sie inzwischen einundzwanzig war, was bedeutete, dass seither sechzehn Jahre vergangen waren.

The Lady Blue, dieses kleine Lied, das Mama sich ausgedacht hatte, verfolgte sie an diesem Morgen.

Träumte ich auch davon?

Die Hebamme hatte Anna und ihren Schwestern Bänder um die Handgelenke gebunden, damit ihre Mutter sie leichter auseinanderhalten konnte – Blau für Anna, Grün für Izzy und Rosa für Rose. Später hatte Mama Izzy stets Greensleeves vorgesungen und Rose Ring a Ring O’Roses. Annas Lied war The Lady Blue gewesen. Irgendwann hatten die Mädchen bemerkt, dass es Izzys und Roses Lieder wirklich gab, The Lady Blue dagegen nicht, und so hatte Anna sich als etwas Besonderes gefühlt.

Für jedes Lied hatte es einen eigenen Tanz gegeben, bestehend aus verschiedenen Klatschmustern und Schrittfolgen. Bei The Lady Blue streckten sie zuerst die rechte Fußspitze vor, während sie, die Arme pompös ausgestreckt, in einen Knicks sanken. Danach schlängelten sie sich drei Mal umeinander, ehe sie schließlich die Handflächen gegen die der jeweils anderen klatschten, und dann von dem Schatz sangen.

Es war albern und bedeutungslos, und Mama hatte behauptet, sich das nur ausgedacht zu haben, doch für Anna sagte es etwas über Mamas Lebhaftigkeit und Kreativität aus, und die Tatsache, dass ihre Mädchen der Mittelpunkt ihrer Welt gewesen waren. Selbst an ihrem zehnten Geburtstag, als Mama schon Tag und Nacht im Bett gelegen hatte, hatte sie die Drillinge noch gebeten, ihr The Lady Blue vorzusingen.

„Der wahre Schatz“, hatte Mama ihnen gesagt, als das Ende nahte und sie beinahe nur noch schlief, „ist die Liebe, die wir teilen. Vergesst das niemals, Annabelle, Isobel, Rosabella: meine Belles.“

Anna hatte es nie vergessen. Nach der Beerdigung und Mr. Marnochs linkischer Freundlichkeit, als er ihnen mitteilte, sie in der Belvedere School für junge Ladys am Rande Elgins untergebracht zu haben, hatte Anna gewusst, dass sie drei aufeinander achten mussten, komme, was wolle.

Nun waren ihre Schwestern verheiratet, und sie würde sich daran gewöhnen müssen, ohne sie zurechtzukommen. Roses und James’ Hochzeit hatte in derselben Kapelle stattgefunden wie Mamas Begräbnisfeier. Izzy und Prince Claudio waren nach ihrer Hochzeit in London für einige Wochen nach Shropshire gereist. Das hatte die Drillinge in Paare aufgeteilt, verschiedene Paare an verschiedenen Orten; Anna hatte noch nie auf beide Schwestern gleichzeitig verzichten müssen. Zum Glück waren sie jetzt alle wieder vereint und reisten gemeinsam nach Schottland zur Landhausparty des Earls of Garvald.

Anna und ihre Schwestern waren nun einundzwanzig. So viel Zeit war vergangen, dass ihre kostbaren Erinnerungen anstatt Bildern nur noch Eindrücken und Gefühlen glichen. Doch wann immer sie ein unbekanntes Gebäude betrat, suchte Annas Geist nach Ähnlichkeiten – eine Tür, ein Fenster oder die Biegung einer Treppe, die sie vage an das Schloss erinnerte. Weiß getünchte Wände, geflieste Böden und große, offene Kamine erinnerten sie immer an das Cottage, in dem sie so zufrieden gelebt hatten.

Letzte Nacht hatte das Gebälk des Gasthauses sie an ihr Schlafzimmer in dem Schloss denken lassen. Leider verblassten die Erinnerungen weiter mit jedem Tag, jedem Monat, jedem Jahr. Bald schon, das wusste sie, würde die Erinnerung an ihre Mutter nur noch ein flüchtiger Schimmer sein, wie die Orte, an denen sie gelebt hatten. Zu viel Zeit war vergangen.

Sie war noch sehr klein gewesen, als sie vom Schloss nach Elgin gezogen waren, doch Anna erinnerte sich daran, glücklich gewesen zu sein. Es war idyllisch: Spiele mit ihren Schwestern und ihrem Freund ZanZan, ihre erste Pianostunde mit Mama und Milady und eine vage Erinnerung, ein Pony geritten zu haben. Mit dem Pianospielen hatte sie nie aufgehört, mit dem Reiten schon, und inzwischen fürchtete sie sich sogar ein wenig vor Pferden.

Vielleicht, wenn wir dort geblieben wären …

Aber nein. Anna war vernünftig, pragmatisch und logisch. Es nützte nichts, sich vorzustellen, was hätte sein können. Rose mochte träumen und Izzy jede Gelegenheit beim Schopfe packen, doch Anna würde ihr Los einfach akzeptieren. Wie immer.

Lammermuir House, Schottland

William Alexander Edward Henderson, Earl of Garvald, betrat den Frühstückssalon, in dem eine schlanke, attraktive Frau mittleren Alters am Tisch saß und an einer Scheibe Toast knabberte.

„Guten Morgen, meine Liebe“, grüßte er seine Mutter und küsste ihre Wange. „Meine Güte, du siehst bezaubernd aus heute Morgen.“

„Gefällt es dir?“ Lady Garvald betrachtete zweifelnd ihr Tageskleid aus gemustertem Musselin. „Die Schneiderin versicherte mir, meine neuen Kleider seien alle nach der aktuellen Mode. Ich war seit deiner Geburt nicht mehr in London und weiß nicht, was gerade modern ist. Die Gäste treffen heute ein, und ich möchte dich nicht mit hausbackenen Kleidern beschämen, Will!“

„Das könntest du gar nicht. Und ich versichere dir, dein Kleid ist, ähm, der letzte Schrei.“

Sie rümpfte die Nase. „Nun, das freut mich, wenn ich auch das Gefühl habe, ich sollte deine Ausdrucksweise nicht gutheißen.“

„Und deshalb bist du so ein Schatz, Mama. Weil du mich nie tadelst – du hast immer nur das Gefühl, du solltest es tun!“

„Um ehrlich zu sein, gab es dazu, selbst als du ein Kind warst, kaum einmal einen Grund – abgesehen von dem furchtbaren Jahr, in dem du neun wurdest.“ Sie runzelte die Stirn. „Du warst so unglücklich, wie auch ich, und ich wusste nicht, was ich mit dir anfangen sollte!“

Will verzog das Gesicht. „Bis heute erinnere ich mich an meine Wut. Kinder können solche Dinge wohl nicht verstehen.“ Mama hatte damals unter einer Depression gelitten und nicht die Kraft gehabt, sich mit einem zutiefst unglücklichen Achtjährigen zu befassen. Doch das war lange her. Es nützte nichts, darüber nachzugrübeln. Er lächelte. „Gewiss aber bekamst du durch mich einige graue Haare, während ich zur Universität ging?“

Sie verdrehte die Augen. „Selbst im tiefsten Schottland hörte ich Geschichten von deinen Eskapaden. Ja, viele junge Männer müssen eine Weile über die Stränge schlagen, doch tief in mir wusste ich, dieser Unfug würde nur von kurzer Dauer sein. Und ich behielt recht!“ Sie warf ihm einen Seitenblick zu. „Ich stelle mir vor, du wirst bald heiraten. Es wäre wundervoll, wieder Kinder in diesem großen Haus zu haben.“

„Aber, Mama …“ Skeptisch hob er eine Braue. „Ich bin erst fünfundzwanzig und habe noch jede Menge Zeit.“ Diese Unterhaltung hatten sie schon viele Male geführt. Er wusste, er wich der Verantwortung aus, zu heiraten und einen Erben zu zeugen. Doch in seinem Alter unverheiratet zu sein war durchaus akzeptabel, und da ihn der Gedanke an die Ehe mit Unbehagen erfüllte, war er offenbar nicht bereit, sich an eine Frau zu binden. Jedenfalls nicht an die falsche Frau.

„Deine Busenfreunde Lord Ashbourne und Mr. Phillips heirateten beide dieses Jahr, nicht? Selbst der Prinz wird seine frisch Angetraute mit zu unserer Party bringen – und er ist jünger als du!“

Er presste sich eine Hand auf die Brust. „Das hat gesessen, Mama! Das kann ich nicht leugnen. Doch nur weil sie alle heirateten, folgt daraus nicht …“ Er machte große Augen. „Schnaubtest du eben, Lady Garvald? Wie undamenhaft! Ah, das ist schon besser!“ Sie war in hilfloses Gelächter ausgebrochen. „So, Frühstück!“

„Ich sorge mich um Lady Kelgrove.“

Annas jüngere Schwester Izzy gesellte sich beim Frühstück in dem hübsch eingerichteten Privatsalon zu ihr.

Annas Herz zog sich zusammen. Die betagte Großmutter ihrer Mama hatte die Drillinge bereitwillig und großherzig in ihrer Familie aufgenommen, in ihrem Heim und ihrem Herzen.

„Oh, nein! Geht es ihr nicht gut?“

Izzy nickte. „Vielleicht nur müde – zu müde. Als ich eben in ihr Zimmer kam, war sie übellaunig und sprach von ihren alten Knochen und Kopfschmerzen.“

„Wir wussten, diese Reise würde zu viel für sie sein. Ich wünschte, sie wäre sicher in London geblieben.“

„Sicher? Sie ist niemand, der es sicher mag.“ Izzy dachte kurz nach. „Ich glaube, das ist eine ihrer bewundernswertesten Eigenschaften.“

Nachdem sie die Einladung zu der Party nach Lammermuir House erhalten und erfahren hatte, wer sonst noch zugegen sein würde, hatte Lady Kelgrove sofort verkündet, die Reise antreten zu wollen.

„Ich mag vierundachtzig sein“, hatte sie ob des Protests der Schwestern entgegnet, „aber ich liege noch nicht unter der Erde! Lady Garvald, die Mutter des Earls, ist, soweit ich mich erinnere, ein anständiges Mädchen mit Verstand. Solche Leute sind selten und müssen gefeiert werden. Außerdem“, sinnierte sie weiter, „habe ich die Absicht, gewisse andere Gäste zu beobachten.“

„Wen denn, Urgroßmutter?“

Lady Kelgroves Augen funkelten boshaft. „Es hat mit eurem Vater zu tun, doch während der Hausparty wird genug Zeit bleiben, euch zu sagen, was ich weiß, was ich vermute und was ich herauszufinden gedenke!“

Das war ausgesprochen interessant, besonders da Anna und ihre Schwestern doch erst kürzlich die Familie ihrer Mutter ausfindig gemacht hatten und Lady Kelgrove einmal angedeutet hatte, sie ahne, wer ihr Vater war. Intrigen schienen Lady Kelgrove aufblühen zu lassen.

„Also“, fuhr Izzy fort, „schlug ich vor, ein paar Tage länger hierzubleiben. The Cross Keys ist eines der besten Gasthäuser.“

„Willigte sie ein?“

„Ja, was gleichermaßen beruhigend wie besorgniserregend ist.“

Anna wusste genau, was sie meinte. „Frühstückt sie auf ihrem Zimmer?“

„Natürlich nicht! Sie ist unbeugsam!“

Keine halbe Stunde später erschien Lady Kelgrove in Begleitung ihrer treuen Zofe Hill, deren Miene jedoch nichts über den Gesundheitszustand ihrer Herrin verriet.

Bei ihnen war Prince Claudio, Izzys Ehemann, der völlig vernarrt in sie war und der Grund, aus dem sie nun den Titel Princess Isobel of Andernach trug – äußerst skurril, wenn besagte Prinzessin einem einst bei kindlichen Wutanfällen an den Haaren gezogen hatte. Lady Kelgrove hatte eben Platz genommen, als Rose, die Jüngste der drei, mit ihrem Ehemann Viscount Ashbourne eintrat. Dessen Tante, die Dowager Viscountess, hatte die Einladung abgelehnt, um stattdessen ihren Bruder zu besuchen.

„Ich entschied“, verkündete Lady Kelgrove, nachdem sich alle gesetzt hatten, „einige Tage in Kelso zu bleiben. Es scheint eine nette Stadt zu sein, und mir gefällt das Gasthaus. Ihr werdet aber die letzten vierzig Meilen heute hinter euch bringen, denn Lady Garvald erwartet uns auch heute. Ein verspäteter Gast mag als Unannehmlichkeit abgetan werden, doch eine ganze Gesellschaft wäre untragbar! Es wäre eine Beleidigung unserer Gastgeberin gegenüber, wie die Töchter meiner lieben Maria hoffentlich verstehen werden.“ Seufzend fügte sie hinzu: „Das Kelgrove-Anwesen gehört nicht zum Erbgut, wisst ihr.“

Sie tauschten verwirrte Blicke aus, doch sie erklärte weiter: „Mein Anwalt hatte keinen Grund, die entfernteste Verwandtschaft meines Gatten nach dessen Tod nach einem männlichen Erben zu durchforschen, da ich alles erbte – wie auch ihr Mädchen es einmal werdet. Ihr seid nun alle waschechte Erbinnen und müsst euch als solche dem kritischen Auge des tons stellen!“

Anna klappte die Kinnlade herunter. Über diesen Umstand hatte sie bisher nicht nachgedacht, doch sie verstand sofort, dass sie keine Erbin sein musste, da ihre Schwestern beide gut geheiratet hatten. Mehr Sorge bereitete ihr Lady Kelgroves Andeutung bezüglich ihres eigenen Ablebens. Ging es ihr schlechter, als sie vorgab?

Izzy – wie immer die Schnellste mit einer Antwort – erklärte sogleich, selbst unter Kopfschmerzen zu leiden, was, da sie unlängst eine Grippe überstanden hatte, niemand anzweifeln konnte.

„Ich fühle mich nicht gut genug zum Reisen“, log sie, ohne mit der Wimper zu zucken. „Eigentlich bin ich froh, dass du bleibst, das bietet mir genau die Entschuldigung, nach der ich suchte!“

Lady Kelgrove warf Izzy einen skeptischen Blick zu, focht ihre Worte jedoch nicht an, und so saß Anna eine Stunde nach dem Frühstück mit Rose in Lord Ashbournes Kutsche, begleitet von ihrem Ehemann zu Pferde. Izzy, Prince Claudio und Lady Kelgrove würden in zwei Tagen nachkommen.

„Zum Glück kann Urgroßmutter sich vor der anstrengenden Hausparty des Earls noch ausruhen“, bemerkte Rose. „Und war es nicht klug von Izzy, sich einen Grund zu überlegen, auch zu bleiben?“

„Allerdings! Izzys schneller Geist erwies sich einmal mehr als nützlich.“ Anna dachte einen Moment nach. „Ist es nicht immer noch seltsam zu wissen, wer Mama war? Und noch seltsamer, in den kommenden Wochen vielleicht auch noch mehr über unseren Vater zu erfahren – wenn Lady Kelgrove recht mit ihrer Vermutung über seine Identität hat.“

„Wir wissen schon, dass Mamas Familie ganz wundervoll ist.“ Rose runzelte die Stirn. „Nun, Lady Kelgrove ist wundervoll. Ihr Ehemann dagegen scheint eher rau gewesen zu sein, nach dem bisschen, was wir über ihn wissen.“

Anna zuckte die Schultern. „Wir wissen nur, dass er, statt seiner Frau zu sagen, dass ihr einziges lebendes Enkelkind davongelaufen ist, vorgab, es sei an den Pocken gestorben. Vielleicht wollte er ihre Gefühle schonen oder einen Skandal verdecken.“

„Vielleicht. Aber warum lief Mama davon? Sie kann noch nicht in anderen Umständen gewesen sein, da wir erst fast ein ganzes Jahr später geboren wurden. Sie kann erst einige Monate, nachdem sie fortlief, schwanger geworden sein.“

„Bald erfahren wir vielleicht etwas mehr über unseren Vater. Woraus wir vielleicht schließen können, weshalb sie fortlief.“

Roses Miene erhellte sich. „Richtig! Und Mama sprach immer warmherzig von unserem Vater. Wenn Lady Kelgrove also weiß, wer er war, will ich unbedingt mehr über ihn erfahren – was für ein Mann er war.“

„Ein Dienstbote vielleicht oder ein Kaufmann.“ Anna vermutete schon lange, dass Mamas Liebster von ihrer Familie als unpassend erachtet worden war. „Unser Nachname – Lennox – schien Lady Kelgrove jedenfalls unbekannt.“

„Da könntest du recht haben. Aber sie hätte ihn dennoch einfach heiraten können?“

„Stimmt. Und weshalb sagte Lady Kelgrove, dass sie einige der Gäste beobachten will? Könnte es eine Verbindung geben?“

„Ich habe keine Ahnung, doch ich fand die Bemerkung seltsam.“

Anna kicherte. „Unsere Urgroßmutter ist gerne merkwürdig und kryptisch, außerdem exzentrisch, glaube ich! Sie wird gewiss Schwung in diese Party bringen!“

„Und wir werden Lord Garvalds Mutter kennenlernen. Merktest du, dass Lady Kelgrove sie lobte?“

Anna nickte. „Sie spricht nicht oft ein Lob aus, also muss Lady Garvald wohl wirklich ein guter Mensch sein.“

„Was sehr beruhigend ist, denn ich gestehe, ihr Sohn schüchtert mich ein wenig ein.“ Rose verzog das Gesicht. „Oh, ich weiß, ich sollte das nicht sagen, weil er ein enger Freund meines Ehemannes ist, aber …“

Anna nickte verständnisvoll, konnte jedoch nichts erwidern, denn sie wusste selbst nicht, was sie wegen Lord Garvald unternehmen sollte. Sie schaute aus dem Kutschenfenster und stellte ihn sich vor, wie sie ihn das letzte Mal gesehen hatte, vor zwei Wochen im Salon der Ashbournes. Seine kraftvolle Statur und das attraktive Gesicht standen ihr deutlich vor Augen – dunkles Haar, eine kräftige Kinnpartie und Augen von einem Blau, das manchmal vom Himmel, manchmal von der See erzählte.

Blau war Annas Lieblingsfarbe; sie schmückte all ihre weißen Musselinkleider mit blauen Bändern und Stickereien – teils, damit andere sie von ihren Schwestern unterscheiden konnten, doch teils auch, weil Blau ihrer Meinung nach die schönste Farbe in der Natur war. Ein Hauch von Blau an einem bewölkten Himmel war Hoffnung. Die schier endlose blaugrüne See vor Stotfield oder Garmouth, wohin sie in ihrer Kindheit gelegentlich Ausflüge gemacht hatten, hatte sie immer fasziniert, beruhigt und beeindruckt. Und sie hatte nie vergessen, dass ihr diese Farbe gleich nach ihrer Geburt von der Hebamme zugeteilt geworden war. Ja, von Geburt an sollte sie alles Blaue bevorzugen.

Lord Garvalds Rock war aus feinstem blauem Stoff gewesen, erinnerte sie sich. Es hatte ihm gestanden. Es war zwei Wochen her, und noch immer wusste sie nicht, weshalb er eine derartige Wirkung auf sie hatte. Während ihrer Saison in London war sie ständig in seiner Gesellschaft gewesen – bei Bällen, Soirees, Musikveranstaltungen und dergleichen. Der ton war letzten Endes nicht so groß. Der Lord war weltgewandt, angesehen und besonnen, ohne farblos zu wirken. Er war seriös und würdevoll und hatte zuweilen einen recht trockenen Humor. Wann immer er sie ansah, schienen seine Augen – diese blauen, blauen Augen – direkt in ihre Seele zu blicken.

Niemand sonst hatte etwas dazu bemerkt, jeder begegnete ihm mit Herzlichkeit, warmer Gefälligkeit oder schlichter Höflichkeit. Ein paar wenige, wie Rose, fanden ihn beängstigend. Nur Anna schien diese merkwürdige Affinität zu ihm zu empfinden. Immer wenn sie bei ihm war, schien ihr Herz zu schmelzen, und er nahm all ihre Aufmerksamkeit in Anspruch.

Erneut sagte sie sich, das sei unsinnig. Es war Izzy, mit der immer die Fantasie durchging, und Rose, die sich in Träumereien verlor. Annas Einstellung war schlicht, direkt und unbeeinflusst von närrischen Gedanken.

Vielleicht zieht mich genau das zu Lord Garvald hin. Der Earl schien ebenso immun gegen die Launen, Übertreibungen und Skandale der Saison wie sie.

Vielleicht teilen wir die Liebe zum Praktischen und nichts weiter.

Den nächsten Monat in seiner Gesellschaft zu verbringen würde dieses Rätsel gewiss lösen. Und vielleicht hatte sie sich nur eingebildet, er bringe ihre Sinne durcheinander, denn sie hatte ihn ganze vierzehn Tage nicht gesehen und konnte jetzt an ihn denken, ohne irgendeine Auswirkung auf ihre Sinne, außer einem kaum wahrnehmbaren Kribbeln in ihrem Innersten und einem um eine Winzigkeit erhöhten Pulsschlag. Ja, daran war nichts ungewöhnlich. Kein bisschen.

2. KAPITEL

„Willkommen Freunde.“ Lord Garvald verneigte sich förmlich, dann wandte er sich der Lady neben sich zu. „Mama, du erinnerst dich an meinen lieben Freund Lord Ashbourne? Darf ich dir seine Frau Lady Ashbourne vorstellen?“

Als Lord Garvald mit der formellen Begrüßung begann, herrschte in Annas Kopf ein gehöriger Aufruhr. Schon seit die Kutsche irgendwo hinter Haddington in die Einfahrt abgebogen und schließlich das Haus in Sicht gekommen war, befand sich ihr Innerstes in heller Aufregung – eine ebenso unerwartete wie unerwünschte Entwicklung.

Sein Blick war gerade flüchtig dem ihren begegnet und hatte ihr einen Schock versetzt, als hätte sie der Blitz getroffen. Was um Himmels willen war nur los? Zwar war dies ihre erste Landhausparty des tons, doch in den Ballsälen und Salons von Mayfair hatte sie sich während der Saison gut gemacht. Umso mehr überraschte sie diese plötzliche Nervosität.

Oder hatte es mit dem Mann selbst zu tun und ihrer vorherigen Überlegung, dass er eine gewisse Wirkung auf sie zu haben schien? Eine unangenehme Vorstellung. Und doch konnte sie nicht leugnen, dass sich ihre gesamte Aufmerksamkeit auf den großen, dunkelhaarigen Gentleman richtete.

Weshalb sollte es sie derart beeinflussen, ihn wiederzusehen? Die Auswirkung war jedenfalls immens. Nach nur zwei Wochen ohne seine Gesellschaft drängte es sie so sehr, ihre Blicke hungrig über ihn gleiten zu lassen, dass sie sich bewusst davon abhalten musste und sich damit ablenkte, die Fassade von Lammermuir House zu betrachten.

Etwas daran erinnerte sie an das Schloss aus ihrer Kindheit – wenn jenes Schloss auch viel größer gewesen war als dieses hier. Abgesehen davon war das Heim des Earls gediegen und schön anzusehen, es war solide und hatte irgendwie … etwas Friedliches, wie Anna fand.

„Und dies ist Miss Lennox.“

Anna sank in ihren Knicks, beruhigt, eine Freundlichkeit in Lady Garvalds Augen zu sehen, die man bei Leuten des tons nicht oft fand. Die Mutter des Earls war zierlich, warm und einnehmend und hatte ihre Augenfarbe eindeutig ihrem Sohn vererbt. Sie sahen einander sehr ähnlich, was erklärte, weshalb sie Anna auf den ersten Blick vertraut erschien.

Viscount Ashbourne erklärte dann, weshalb der Rest ihrer Gesellschaft erst am Montag eintreffen werde, was Lady Garvald hoffentlich keine Umstände machen werde.

„Keineswegs, Mylord – unsere Gäste treffen nach eigenem Ermessen ein. Und es ist leichter, zu wenig Gäste zum Dinner zu haben als zu viele, nicht wahr?“ Ihre Augen funkelten, und Anna entspannte sich ein wenig. In Anbetracht des eher steifen Earls war es eine Erleichterung, dass seine Mutter so angenehm war.

„Lord und Lady Renton sind bereits eingetroffen“, teilte sie mit, während sie die Gäste hereinführte. „Ebenso Mr.und Mrs. Thaxby – sie kommen direkt von ihrem prächtigen Anwesen in Edinburgh und werden nach unserer Party auch wieder dorthin zurückkehren. Nun werde ich Ihnen Gibson und Mrs. Lowe vorstellen.“ Der Butler und die Haushälterin erwarteten sie in der Halle. „Sicher möchten Sie sich vor dem Dinner etwas ausruhen; Mrs. Lowe wird Ihnen Ihre Zimmer zeigen.“

Anna folgte den anderen die breite, zweifach gewundene Treppe hinauf, im mittleren Teil befanden sich Fenster und auf dem Treppenabsatz ein bogenförmiger Durchgang – eine übliche Anordnung, doch eine, die etwas in Annas Erinnerung anstieß. Ihr Schloss musste eine ganz ähnliche Treppe gehabt haben. Herrgott, würde ihr Leben immer so sein – immer auf der vergeblichen Suche nach etwas, das vergangen war? Das Jetzt zählte, oder nicht?

Und doch, als Mrs. Lowe sie den Korridor entlangführte, fiel ihr eine kleine Tür zu ihrer Rechten ins Auge. Es war nur eine Tür, schmaler als die anderen und mit einem altmodischen Riegel, doch aus irgendeinem Grund verweilte ihr Blick darauf, als sie daran vorbeigingen. Jäh erschauderte sie. Schottische Schlösser aus dem Mittelalter bis heute hatten stets eine ähnliche Architektur; Lammermuir House musste aus der gleichen Zeit stammen wie ihr Geburtshaus.

„Da ist es, Miss.“ Die Haushälterin öffnete die Tür zu dem Zimmer, das Anna beziehen würde.

„Danke, Mrs. Lowe. Wie hübsch!“ Das Bett war groß, aus dunklem, mit Schnitzereien geziertem Holz und einem Baldachin. Ein passender Wandschirm, Beistelltischchen, Pult und Stuhl vervollständigten die Einrichtung. Außerdem stand ein weich gepolsterter Sessel beim Kamin und lud Anna regelrecht ein, sich hineinzuschmiegen und zu lesen. Die Gardinen waren in Blau und Gold gehalten, die Wandbehänge in einer warmen Goldschattierung.

Als die Haushälterin gegangen war, sah Anna aus dem Fenster, das zur Vorderseite hinauszeigte. Unten luden die Dienstboten gerade das Gepäck aus den Kutschen.

Sally, Annas eigene Zofe, hatte sie von Ashbourne House in London herbegleitet. Anna hatte bis zu diesem Jahr nie die Dienste einer eigenen Zofe genossen und war überaus froh, sie zu haben. Sally wusste, wie sie ihr Haar gerne trug und welche Kleider ihr für welche Anlässe besonders gut standen. Anna war fest entschlossen, sich und ihre Familie während ihres Aufenthaltes hier nicht zu enttäuschen.

Zudem war es wichtig, sich stets von ihrer bestmöglichen Seite zu zeigen. Etwas an diesem Gedanken störte sie jedoch, denn sie war es nicht gewöhnt, sich sonderlich um ihre Erscheinung zu kümmern. Sie verwarf den Gedanken, legte ihr Retikül auf den Stuhl und zog ihre Schühchen aus. Ja, hier würde sie sich wohlfühlen. Ganz bestimmt.

„Sagen Sie, Miss Lennox, waren Sie vorher schon einmal in Schottland?“

Es kostete Anna einige Mühe, sich auf den Gentleman an ihrer Seite zu konzentrieren. Mr. Ashman war der Sohn von Sir Walter Ashman, dem örtlichen Richter, und sowohl er als auch sein Vater waren zum Dinner eingeladen, vermutlich um die Tatsache auszugleichen, dass sie und Lady Kelgrove die ‚überschüssigen‘ Damen der Party waren. Durch Lady Kelgroves verspätete Ankunft war diese Gesellschaft heute dennoch im Ungleichgewicht.

Lady Garvald saß am Fuß des Tisches, ihrem Sohn gegenüber, zu dessen einer Seite Rose und James saßen, die Gäste von höchstem Rang. Diese Ehre würde an Izzy und Claudio gehen, wenn sie am Montag eintrafen. Anna würde beim Dinner nie neben ihm sitzen. Nicht, dass ihr so etwas wichtig wäre.

„Meine Schwestern und ich wuchsen sogar in Schottland auf. Wir besuchten bis zu diesem Jahr die Belvedere School in Elgin.“

„Ach, tatsächlich? Ich hörte, Elgin soll eine hübsche Stadt sein. Leider war ich nie dort.“

„Wir mögen es sehr“, sagte Anna und fügte hinzu: „Was ist mit Ihnen, Mr. Ashman? Lebten Sie immer in diesem Bezirk?“

„Ja, und wie Sie Elgin mögen, mag ich es hier. Es ist immer schön, eine Verbindung zu seinem Geburtsort zu behalten, finden Sie nicht?“

„Allerdings – doch ich muss dazusagen, ich wurde nicht in Elgin geboren. Die ersten fünf Jahre unseres Leben lebten wir woanders.“

Belustigung funkelte in seinen Augen. „Und dürfe ich erfahren, wo? Auch irgendwo in Schottland?“

„Ganz bestimmt Schottland, doch die Wahrheit ist, ich weiß es nicht genau. Dieses Wissen ging mit dem Tod unserer Mutter verloren.“

„Es tut mir leid, das zu hören. Meine Mutter ist auch schon von uns gegangen.“

Einen Moment sahen sie einander voller Verständnis an, dann fuhr Mr. Ashman fort, ihr von der Schönheit der Gegend zu berichten. Annas Blick ging flüchtig zum Kopf des Tisches, wie so oft während des Dinners, doch jetzt zuckte sie zusammen, als ihr Blick den des Earls traf. Wie lange sah er sie schon an? Hatte er ihrer Unterhaltung mit Mr. Ashman zugehört? Und weshalb sah er so verstimmt aus?

Rose sagte etwas, worauf er seine Aufmerksamkeit ihr zuwandte, als gerade die Dienstboten begannen, den nächsten Gang zu servieren. Das war das Zeichen für Lady Garvald, die Gespräche am Tisch in die andere Richtung zu lenken, und so wandte Anna sich zu ihrer Rechten, um sich mit Lord Renton zu unterhalten – ein umgänglicher Gentleman, der eine so strenge Gattin gar nicht verdient hatte.

Nach dem Dinner führte Lady Garvald die Damen in den Gelben Salon, in dem sie sich, wie sie sagte, nach dem Dinner für gewöhnlich mit ihrem Sohn unterhielt. Die Gentlemen wurden ihrem Port überlassen und würden sich ihnen zu gegebener Zeit anschließen.

Anna wählte ein mit Satin bezogenes Sofa in der Nähe des Pianos und sah begehrlich zu dem herrlichen Instrument. Sie liebte es zu spielen und fragte sich, ob Lady Garvald es ihr einmal gestatten würde.

Sie schaute sich um, beäugte unauffällig die anderen, während die ihre Plätze einnahmen. Rose saß nah bei ihr und strahlte vor Zufriedenheit – deren Queell gewiss ihre kürzliche Hochzeit war. Lady Renton war geradewegs auf einen Sessel am Kamin zugesteuert – der zweifellos gemütlichste Platz im Raum und sonst vermutlich von ihrer Gastgeberin besetzt. Anna hätte so etwas im Traum nicht gewagt, Lady Renton dagegen hatte offenbar keine Skrupel.

Anna ließ den Blick weiter schweifen. Mit dem üblichen Stirnrunzeln betrachtete Mrs. Thaxby abschätzend die Einrichtung und die Kunstwerke. Gewiss hätte sie in Kürze etwas dazu zu sagen. Schließlich begegnete Anna dem Blick ihrer Gastgeberin, die warm lächelte.

„Ich kann gar nicht ausdrücken, wie froh ich bin, wieder Gäste in diesem Haus empfangen zu dürfen! Die Nachbarn lade ich oft ein, doch es ist ewig her, dass alte Freunde und Bekannte aus London hier waren. Und natürlich auch neue Freunde!“ Sie deutete zu Anna und Rose und hätte wohl weitergesprochen, wäre Mrs. Renton ihr nicht zuvorgekommen.

„Ich erinnere mich, vor fünfzehn Jahren hier gewesen zu sein“, verkündete sie. „Meine Tochter war zu der Zeit krank und konnte nicht reisen, also ließ ich sie in der Obhut ihrer Kinderfrau. Wer will schon ein kleines Kind am Rockzipfel haben, während man eine Hausparty genießen möchte?“ Ihr Blick ging ins Nichts. „Ich dachte immer, ich würde mehr Kinder haben.“ Dann erhellte sich ihre Miene. „Wenigstens war ich nicht unfruchtbar.“

Darauf wusste niemand so recht eine Antwort – besonders, da jeder wusste, dass Mrs. Thaxby keine Kinder hatte.

Nach kurzer Stille sagte Lady Garvald: „Wie Sie, Lady Renton, habe auch ich nur ein Kind, doch Will ist alles, was eine Mutter sich wünschen kann. Ich bin so stolz auf den Mann, der er geworden ist, doch manchmal vermisse ich den Jungen, der er einmal war.“

Also wurde der Earl Will genannt. Irgendwie passte das nicht zu ihm. Es war zu … zu zwanglos und zu englisch. Eines der Dinge, die Anna aufrichtig an Garvald bewunderte, war sein Stolz darauf, Schotte zu sein, während der ganze ton derzeit alles Englische von Haus aus für besser hielt. Außerdem war die ganze Haltung des Earls vielmehr die eines Williams als eines Wills.

Was sie unweigerlich daran denken ließ, wie er sie vorhin angefunkelt hatte. Sie zuckte innerlich die Schultern und schüttelte dieses Unbehagen ab, vielleicht sein Missfallen erregt zu haben. Dass er sie guthieß, schien kurz wichtig gewesen zu sein, doch generell fand sie, hing ihr Wert nicht von der Billigung eines Einzelnen ab – auch nicht von einem finster dreinblickenden Earl, der viel, viel zu gut aussah. Ihr Wert lag darin, selbst zu wissen, wer sie war – eine gute Schwester, Freundin und, in dieser Situation, ein guter Hausgast.

Außerdem musste sie sich das eingebildet haben, denn es war Garvalds … äh, Williams … Eigenart, finster dreinzublicken. Dann erinnerte sie sich, dass William auch ein schottischer Name war: William the Lion; William Wallace.

„Hätten sie sich nicht noch eine Tochter gewünscht, Lady Garvald?“, fragte Lady Renton unverblümt.

Lady Garvald schaute flüchtig zu Anna und Rose. Sie nickte. „Doch schon, nur leider verstarb mein Ehemann kurz nach der Geburt meines Sohnes.“ Sie lächelte. „Ich hoffe, Will wählt eine passende Frau, denn sie käme einer Tochter am nächsten.“ Sie berührte das Diamantarmband an ihrem Handgelenk. „Es wäre herrlich, ihr dieses Erbstück zu überlassen.“

„Ein schönes Stück.“ Mrs.Thaxbys Augen glimmten hart. „Ließen Sie es schätzen?“

„Natürlich nicht! Sein wahrer Wert liegt in seiner Bedeutung für die Familie.“

Mrs. Thaxby lachte knapp. „Der wahre Wert liegt in diesen Steinen, Lady Garvald, und in dem Gold, in das sie gefasst sind. Wir hatten einen ähnlichen Familienschatz – das Fletcher-Collier. Eine Traube aus Diamanten um einen birnenförmigen Saphir. Leider wurde es vor vielen Jahren gestohlen, und wir sahen es nie wieder.“

Offenkundig entsetzt, fragte Lady Garvald: „Und fingen sie den Dieb?“

Mrs. Thaxby schüttelte den Kopf. „All der Reichtum für immer fort!“ Vor sich hin murmelnd fügte sie hinzu: „Diese Kette war ein verdammtes Vermögen wert!“

Anna biss die Zähne zusammen. Für Mrs. Thaxby zählte nur Reichtum, und der ton wusste das. Einen Sinn für Familienerbstücke, die nach wer weiß wie vielen Generationen verloren waren, besaß sie jedoch nicht.

„Gedenkt Ihr Sohn denn zu heiraten, Lady Garvald?“ Dieses Mal war Anna froh über Lady Rentons direkte Art und ihre Hartnäckigkeit, denn diese Antwort würde auch sie gerne hören.

„Oh, nein. Doch irgendwann wird er natürlich heiraten. Dieser Ort hier und der Familienname verlangen es.“

Ich hätte nicht gedacht, dass er heiraten würde!

Anna spürte eine merkwürdige Anspannung in sich. Das Wort ‚irgendwann‘ war allerdings beruhigend. Die jähe Furcht in ihr wich, auch als sie sich ihrer seltsamen Reaktion bewusst wurde. Weshalb sollte es sie kümmern, ob und wen der Earl heiratete?

„Und wenn Sie seine Braut wählen könnten? Was erwarteten Sie von der nächsten Lady Garvald?“ Mrs. Thaxbys Tonfall war schneidend.

Gott, was für ein Paar!

Anna tauschte einen kurzen Blick mit ihrer Schwester. Lady Garvald sah sich geradezu der Inquisition gegenüber.

„Oh, in solche Angelegenheiten mische ich mich nicht ein.“

„Ach, aber es ist doch kaum ein Einmischen, wenn man sichergehen will, dass seine Kinder gut heiraten – jemanden von Bedeutung, mit reiner Abstammung und vornehmem Rang.“ Lady Renton war beharrlich, so viel stand fest.

Mrs. Thaxby lächelte süßlich. „Lady Renton, Ihre Tochter heiratete doch jüngst Mr. Phillips, nicht?“, fügte sie selbstgefällig an. „Liebste Lady Garvald, Sie kennen Mr. Phillips womöglich nicht, gehört er doch nicht dem Londoner Kreis an.“ Sie neigte den Kopf, als dächte sie über die Sache nach. „Ich bin nicht sicher, ob Mr. Phillips einen vornehmen Rang hat, doch er entspricht gewiss Ihren Maßstäben, Lady Renton.“

Autsch! Der ton wusste, Lady Renton war mit der Wahl ihrer Tochter nicht unbedingt einverstanden gewesen.

Lady Garvald reckte das Kinn. „Ich traf Mr. Phillips bei einigen Gelegenheiten und halte ihn für einen exzellenten jungen Mann. Wen unsere Kinder heiraten, bleibt ihnen selbst überlassen, denke ich. Was mich betrifft, hoffe ich, mein Sohn wählt eine Frau mit Charakter. Familiärer Hintergrund ist wichtig, doch wir beurteilen die Leute üblicherweise danach, was wir von ihnen halten, nicht?“

Lady Renton rümpfte die Nase, ihre Augen sprühten Funken. „Da muss ich widersprechen, Lady Garvald. Ich beurteile die Menschen ganz gewiss nach ihren Verbindungen. Jene mit einer … sagen wir fragwürdigen Vaterschaft … können doch von vernünftig Denkenden nie ganz akzeptiert werden, ganz gleich, wie gut sie heiraten.“

Schockiert – denn diese Spitze zielte zweifellos auf sie und ihre Schwestern – erstarrte Anna, dennoch bemerkte sie das Schmunzeln, das Mrs. Thaxby bei Lady Rentons Worten zu verbergen versuchte.

Denen ist es wirklich gleich, wer von ihren Pfeilen getroffen wird!

Die beiden Ladys hackten unentwegt aufeinander herum und teilten auch gelegentlich gegen jede andere in Hörweite aus.

Ruhig lenkte Lady Garvald ein: „Ich muss etwas aufklären, Lady Renton. Sie waren vor sechzehn Jahren hier, nicht fünfzehn. Ich erinnere mich so gut, weil mein Sohn in diesem Sommer acht war – fast neun – und ich zu dieser Zeit außerdem einen meiner liebsten Freunde zum letzten Mal sah.“

Herrje, ist sie kühn!

Sie hatte Lady Renton gewandt korrigiert und im selben Satz die Aufmerksamkeit von jedem im Raum mit fragwürdiger Herkunft abgelenkt. Anna verspürte einen Anflug von Bewunderung für ihre Gastgeberin.

Obwohl sie die Boshaftigkeit Londoner Salons nicht gewöhnt war, war Lady Garvald Respekt einflößend und scharfsinnig.

„Sie haben recht, Lady Garvald.“ Mrs. Thaxby nutzte die Gelegenheit für einen weiteren Hieb in Lady Rentons Richtung. „Ich war auch auf dieser Hausparty und es war 1796. Doch sagen Sie, wer war dieser liebe Freund, den Sie nie wiedersahen? Ich weiß noch, die Kelgroves waren auch zugegen, und Lord Kelgrove ist seither verstorben, doch gewiss war er nicht dieser besondere Freund?“

Bei der Art, wie sie das Wort ‚besondere‘ betonte, sträubten sich Anna die Nackenhaare. Diese Anspielung war so offensichtlich wie beleidigend.

Warum nur lud Lady Garvald diese zwei abscheulichen Frauen ein?

Es ergab keinen Sinn – es sei denn, die Ladys waren vor sechzehn Jahren noch freundlicher, was Anna jedoch bezweifelte. Lady Rentons Charakter war allseits bekannt, und die Runzeln in Mrs. Thaxbys Gesicht zeugten von einem Leben voller Leid und Klage.

„Selbstverständlich nicht!“, entgegnete Lady Garvald scharf, fuhr dann aber milder fort: „Es war eine Freundin, die fortzog. Sie war nicht bei unserer Party.“

„Ich halte Freundschaften unter Frauen für überflüssig“, verkündete Lady Renton. „Ich habe viele Bekannte unter den Ladys des tons, doch ich würde wohl keine als Freundin bezeichnen.“

Anna klappte beinahe der Mund auf. Lady Renton schien sich in keiner Weise bewusst, dass ihr eigenes Betragen, und sonst nichts, der hauptsächliche Grund für ihren Mangel an Freundschaften war.

„Ich dagegen habe mehr Freunde, als ich zählen kann“, kam es von Mrs. Thaxby. Anna blinzelte. Die Thaxbys wurden aufgrund ihre Herkunft und ihres Reichtums überall empfangen, doch Anna wüsste niemanden, der Mrs. Thaxby eine Freundin nennen würde.

„Einschließlich der Dowager Viscountess Ashbourne“, fuhr Mrs. Thaxby fort. „Die eine liebe, liebe Freundin ist.“ Anna stockte bei so viel Verlogenheit der Atem. „Ich bin sehr enttäuscht, dass sie nicht hier ist. Als Anstandsdame für Miss Lennox sollte sie wirklich anwesend sein.“

Nun sahen alle Anna an. „Meine Schwester, die neue Lady Ashbourne, ist überaus geeignet für diese Aufgabe“, sagte sie ruhig.

Lady Renton rümpfte die Nase. „Zu meiner Zeit hätte man eine so junge Frau niemals als adäquate Anstandsdame angesehen. Herrje, ihr seid beide genau gleich alt!“ Sie lachte, als hätte sie etwas besonders Geistreiches geäußert.

Anna wollte voller Verzweiflung die Augen schließen. Die kommenden Wochen würden endlos werden. Vielleicht hätten sie nie herkommen sollen. Aber Ashbourne und Garvald waren Busenfreunde, und Anna hatte sich insgeheim gefreut, den Sommer hier in Garvalds Zuhause verbringen zu dürfen – teils, weil sie sich fragte, ob sie hier eine andere Seite von ihm sehen würde. Nun jedoch, mit den Rentons und den Thaxbys, die jedermanns Frieden störten, schien es ihr das nicht mehr wert zu sein.

Zum Glück schwang in diesem Moment die Tür auf, und die Gentlemen traten ein. Instinktiv sah Anna zuerst zu Garvald. Als sich ihre Blicke trafen, runzelte er die Stirn, als könne er ihre Bedrängnis spüren. Sofort setzte sie eine, wie sie hoffte, ausdruckslose Miene auf. Er schaute weiter zu seiner Mutter, und das Runzeln vertiefte sich.

„Will, so früh schon hier!“ Schwang da etwa Erleichterung in Lady Garvalds Ton mit? Lady Renton und Mrs. Thaxby schienen sich der angespannten Stimmung jedenfalls kein bisschen bewusst.

„Wir konnten nicht länger fernbleiben“, erklärte Lord Ashbourne galant, ging geradewegs zu seiner Frau und küsste ihr die Hand, ehe er sich neben sie setzte. Mr. Thaxby und Lord Renton suchten sich Plätze so weit wie möglich entfernt von ihren Gattinnen, während Garvald sich zu seiner Mutter setzte und Mr. Ashman und dessen Vater neben Anna auf dem Sofa Platz nahmen.

Was um Himmels willen ist nur geschehen?

Will spürte die Spannung im Raum. Miss Lennox war nervös, seine Mutter ebenso – wenn beide es auch hinter einer höflichen Maske verbargen.

Als er sich in den leeren Sessel neben seiner Mutter setzte, hoffte er, die Rückkehr der Gentlemen möge jegliche Spannung zwischen den Ladys mildern. Er kannte die Rentons und Thaxbys schon ewig, doch der betagte Lord Renton war der Einzige, für den er etwas übrighatte.

„Wir sprachen über Garvalds Ländereien“, informierte Lord Renton. „Wir hoffen, jeden Tag ausreiten zu können, solange das Wetter hält.“

Darauf wechselte Miss Lennox einen kläglichen Blick mit ihrer Schwester.

Was hat das zu bedeuten?

Mrs. Thaxby hatte diesen Austausch wohl ebenso bemerkt.

„Was? Gefallen Ihnen unsere Pläne nicht, Miss Lennox?“ Mrs. Thaxby durchbohrte sie regelrecht mit Blicken, passend zu ihrem Tonfall. Will bekam eine Ahnung von der Art der Gespräche, ehe er in den Salon gekommen war.

„Ich fürchte, meine Schwester und ich reiten nicht, Mrs. Thaxby.“ Miss Annas Ton war ruhig. „Doch gewiss werden wir uns anderweitig unterhalten, während Sie alle unterwegs sind.“

„Sie reiten nicht?“ Lady Renton war verblüfft. „Junge Ladys, die nicht reiten? Was wird nur aus dieser Welt?“ Sie schüttelte traurig den Kopf. „Einmal mehr bin ich stolz auf die Fähigkeiten meiner Tochter.“

„Inklusive ihrer brillanten Hochzeit?“ Mrs. Thaxby verfehlt ihr Ziel nie, dachte Will und sah zu ihrem Ehemann, der ihr eben ein Glas Wein reichte. Will hatte den Butler vor einigen Tagen darauf hingewiesen, dass Mrs. Thaxbys Beziehung zum Wein eher auf Quantität denn auf Qualität beruhte.

„Ich bin mit Mr. Phillips als Schwiegersohn sehr zufrieden“, sagte Lord Renton bestimmt. „Ein vernünftiger junger Mann. Unsere Tochter traf eine gute Wahl.“

Mrs. Thaxby presste die Lippen zusammen.

Gut gesprochen, Renton!

Als Gastgeber musste Will sich seine üblichen bissigen Bemerkungen verkneifen. Mama hatte ihm geraten, sich zurückzuhalten, und er würde alles tun, um die größtmögliche Harmonie zwischen den Gästen zu gewähren.

Er sah zu Miss Anna, und sie teilten einen ironischen Moment, während sie das soeben Gesagte zur Kenntnis nahmen. Ihre blauen Augen funkelten vergnügt, und verwirrt stellte er fest, dass sein Herz klopfte und sein Mund ganz trocken wurde.

Wie macht sie das?

„Ich werde dir das Reiten beibringen, Liebste.“ Die Zuneigung in Lord Ashbournes Stimme war offensichtlich. „Und auch deiner Schwester.“

Will hüstelte, um sich seinem Freund bemerkbar zu machen. „Ich habe ein paar ruhige Stuten, die sich gut eignen würden.“

„Oh, nein!“, protestierte Rose. „Ich möchte dich nicht von deinem Sport abhalten, James!“

„Wir reden später darüber“, beruhigte Lord Ashbourne sie.

Die Gruppe war nun groß genug, dass verschiedene Unterhaltungen stattfinden konnten und Will die Möglichkeit hatte, einige beruhigende Worte mit seiner Mutter zu wechseln.

Miss Anna saß bei Mr. Ashman und Sir Walter und schien sich ganz entspannt mit ihnen zu unterhalten – ihre Schultern waren gelöst, ihr Lächeln nicht mehr erzwungen. Er sollte froh sein, dass sie sich wohlfühlte, doch etwas in ihm wünschte sich, er hätte ihre Sorgen gelindert, nicht Ashman.

Schließlich wurde der Tee serviert, und alle zerstreuten sich – Will ging mit einigen Gentlemen in den Billardsalon, Mama begleitete Miss Anna zu ihrem Schlafzimmer. Er sah ihnen nach, in seinem Herzen eine Mischung aus Sorge, Hoffnung und Freude. Was würden die kommenden Tage und Wochen bringen?

Anna ging neben ihrer Gastgeberin die Treppe hinauf zu ihrem Zimmer, erleichtert, dass dieser Abend zu Ende war. Zwar waren die Garvalds angenehme Gastgeber und die Ashmans eine erfreuliche Gesellschaft, doch das Gezänk zwischen den Ladys Thaxby und Renton hatte ihr zugesetzt.

Zudem beunruhigte sie, dass Ausritte offenbar die tägliche Hauptbeschäftigung sein würden. Sie und ihre Schwestern wären dabei arg im Nachteil, und das Angebot ihres Schwagers ließ sie eher verzagen. So gerne Anna auch das Reiten lernen wollte, allein der Gedanke, einem dieser großen, stolzen, unberechenbaren Geschöpfe nahe zu kommen, machte sie entsetzlich nervös. Rose hatte ihren Ehemann, der für ihre Unversehrtheit sorgen würde. Doch die beiden waren so fixiert aufeinander, dass James vermutlich einfach vergaß, dass Anna auch da war, geschweige denn, sich um ihre Sicherheit kümmern würde.

„Ist Ihr Zimmer zu Ihrer Zufriedenheit, Miss Lennox?“

„Oh, ja, Mylady. Es ist hübsch und gemütlich und hat eine so schöne Aussicht!“

„Das freut mich.“ Sie machte eine Pause. „Mein Sohn erzählte mir, Sie hätten bis zu diesem Jahr immer in Schottland gelebt – Elgin, glaube ich. Und davor an einem anderen Ort?“

„Das stimmt.“ Sie konnte sich nicht erinnern, Garvald je direkt davon erzählt zu haben, doch es war kein Geheimnis. „Wir zogen nach Elgin, als wir gerade fünf waren, davor sind die Erinnerungen sehr verschwommen.“

„Ich verstehe. Es gibt da etwas, dass ich Ihnen sagen wollte. Vor vielen Jahren hatte ich …“

„Mylady!“

Beide zuckten zusammen. Es war Mrs. Lowe, die mitteilte, einer der Gäste wünsche ein Bad – um elf Uhr abends! –, doch sie wusste nicht, wie sie jetzt noch das Wasser hinaufschaffen sollte, da sämtliche Dienstboten bereits zu Bett gegangen waren und morgens um fünf wieder aufstehen mussten.

Lady Garvald entschuldigte sich bei Anna und folgte ihrer Haushälterin. Mitleidig schüttelte Anna den Kopf. Irgendwie ahnte sie, dass höchstwahrscheinlich nur Lady Renton oder Mrs. Thaxby für eine derartige Forderung infrage kamen, doch wer auch immer von beiden, sie tat es vermutlich vorsätzlich, um Lady Garvalds Dienstboten, ihre Gastfreundschaft oder Geduld auf die Probe zu stellen.

Unerhört!

Wenn sie nur irgendwie helfen könnte! Aber nein, sie spielte hierbei keine Rolle. Sie half am besten, indem sie auf ihr Zimmer ging und dort blieb – und kein mitternächtliches Bad verlangte!

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