Ich sehne mich so nach deiner Liebe

– oder –

Im Abonnement bestellen
 

Rückgabe möglich

Bis zu 14 Tage

Sicherheit

durch SSL-/TLS-Verschlüsselung

„Ich brauche eine Ehefrau. Für ein Jahr.“ Hat Tali sich verhört? Aber ihr italienischer Boss Dario Lorenti meint es bitterernst: Um sein Erbe anzutreten, muss er heiraten. Lehnt sie die Zweckehe mit ihm ab, verkauft er sein englisches Landgut. Das sie verwaltet und das das einzige Zuhause ist, das sie jemals hatte! Also sagt sie Ja – und erliegt während der Flitterwochen seiner erotischen Anziehungskraft. Sehnsüchtig beginnt Tali, von einer echten Ehe mit Dario zu träumen. Während er noch immer die Scheidung nach den vereinbarten zwölf Monaten will …


  • Erscheinungstag 09.06.2026
  • Bandnummer 2756
  • ISBN / Artikelnummer 0800262756
  • Seitenanzahl 144

Leseprobe

Heidi Rice

Ich sehne mich so nach deiner Liebe

1. KAPITEL

„Tali, ein Helikopter von Lorenti Corp ist gerade hinten auf dem Paddock gelandet!“

Tali Whittaker entfernte die Ohrstöpsel, den Klang der Hip-Hop-Hymne noch im Ohr. Mit der Mistgabel in der Hand schob sie sich an Gracie vorbei, dem einzigen Kutschpferd, das noch in den einst prestigeträchtigen Ställen lebte, und trat aus der Box auf den Stallgang hinaus. George, Westwicks langjähriger Stallknecht, nahm ihr die Forke ab, während sie sich hastig die Handschuhe auszog.

Hatte sie ihn richtig verstanden? Westwick Hall gehörte Lorenti Corp schon seit sieben Jahren – seit dem Tod des letzten Lord Westwicks. Sein Sohn Dario Lorenti beanspruchte weder den Titel noch den Nachnamen seines Vaters und hatte sich bislang beharrlich geweigert, das Anwesen zu besuchen, selbst bei seinen Aufenthalten in Großbritannien.

Auf die vielen E-Mails, die Tali seinem Büro in Mailand geschickt hatte, seit sie den Job als Verwalterin übernommen hatte, hatte sie nie eine Antwort bekommen.

Seit zwei Jahren versuchten sie und der klägliche Rest des Personals alles, was in ihrer Macht stand, um den Besitz zumindest irgendwie instand zu halten. Aber all der Profit, den sie durch den Bauerngarten erwirtschafteten, das Zeltlager auf der Wiese im Sommer, die Führungen, die Teestube und die übrigen Veranstaltungen, reichte nicht für den Unterhalt des riesigen Schlosses. In die Bausubstanz des georgianischen Landsitzes waren seit mehr als zehn Jahren keine Investitionen mehr geflossen, und das war inzwischen offensichtlich.

Alle, die hier noch arbeiteten, waren darauf angewiesen, dass sie Gewinn erzielten. Aber das Gewicht der Verantwortung ruhte hauptsächlich auf Tali. Mit achtzehn hatte sie ihren Schulabschluss gemacht und war hergekommen, um als Assistentin des früheren Verwalters zu arbeiten.

Der Gedanke, dass sie der Aufgabe einfach nicht gewachsen war, ließ sie nachts schon länger nicht mehr ruhig schlafen.

„Ja! Und Lorenti selbst saß darin. Er ist endlich hier, Tali!“ Georges faltiges Gesicht strahlte. „Ich habe ihn und ein paar Leute im Anzug aus dem Helikopter steigen sehen.“

Ihre Hoffnung wuchs.

„Er humpelt immer noch“, sagte George. Auch er erinnerte sich natürlich noch an die Zeit, als Lorenti nach einem schrecklichen Autounfall mehrere Monate lang in Westwick verbracht hatte, um sich von seinen Verletzungen zu erholen. Bei dem Unglück war er beinahe ums Leben gekommen und hatte danach lange schwere Schmerzen gehabt.

Auch Tali erinnerte sich noch an den Siebzehnjährigen, der im Bett gelegen und ihre Mutter auf Italienisch wütend angeschrien hatte.

Sie waren damals neu in Westwick gewesen. Ihre Mum hatte gerade die Position der Haushälterin übernommen. Tali hatte strikte Anweisungen erhalten, sich vom Sohn des Hausherrn fernzuhalten. Aber sie war damals erst acht gewesen und den Sommer über viel sich selbst überlassen geblieben.

Einmal hatte sie ihre Mutter zu einem der Zimmermädchen sagen hören, „der arme Junge“ sei einsam. Vom Personal hatten Tali und ihre Mutter erfahren, dass Dario und seine Schwester bis zum Tod ihrer Mutter in Italien gelebt hatten und auch nach dem Umzug nach England nur wenig Zeit in Westwick Hall verbrachten. Ihr Vater hatte die beiden aufs Internat geschickt.

All das hatte Talis Neugier geweckt. Sie hatte begonnen, Dario zu besuchen, obwohl er anfänglich auch sie angeschrien hatte. Aber er hatte sie fasziniert. Wie die verletzten Tiere, die sie in das Cottage ihrer Mutter brachte, um sie gesund zu pflegen.

Sein Vater schien ihn nicht zu mögen. In all dieser Zeit war er jedenfalls nur einmal zu Besuch gekommen. Darin erkannte Tali eine Gemeinsamkeit. Ihr eigener Vater hatte sie auch nicht gewollt, nachdem er erst einmal seine „neue“ Familie gegründet hatte.

„Du beeilst dich besser.“

George strahlte immer noch, aber Tali ergriff Panik. „Verdammt.“ Sie starrte auf ihre Jeans und ihr Flanellhemd. An ihren Stiefeln klebte Pferdemist. Blieb ihr Zeit, sich umzuziehen? Sie wollte einen guten Eindruck machen, denn sie musste so vieles mit Dario Lorenti besprechen.

„Er wird sicher sofort mit dir reden wollen“, sagte George, dann zögerte er. „Glaubst du, er erinnert sich an dich? Ihr wart damals so gute Freunde.“

„Ich bezweifle es.“ Jedenfalls wollte sie nicht darauf hoffen. Der Altersunterschied zwischen ihnen war groß. Und waren sie wirklich Freunde gewesen? Durch den Unfall ans Bett gefesselt, hatte Dario ihr schlicht nicht entkommen können.

Anfangs hatte er sich über sie geärgert. Dann hatte er die Ablenkung vom Schmerz und der Langeweile begrüßt. Seine Genesung war nur schleppend vorangegangen.

Von ihrer Mutter und dem übrigen Personal hatte Tali gehört, ein guter Freund von ihm habe den Unfall verursacht und ihn – im Beifahrersitz eingeklemmt – am Straßenrand zurückgelassen. Als sie Dario gefragt hatte, ob das stimmte, hatte er auf Italienisch geflucht und hinterher tagelang geschmollt. Also hatte sie es nicht noch einmal angesprochen.

Dass er seit dem Tod seines Vaters kein einziges Mal in Westwick gewesen war – oder auf ihre E-Mails geantwortet hatte –, war ein klarer Hinweis, dass er sie nicht mit dem kleinen Mädchen in Verbindung brachte, das ihm damals den Sommer über kaum von der Seite gewichen war. Und sie würde ihn nicht daran erinnern, nur um ihn dazu zu bringen, in Westwick Hall zu investieren. Das wäre unprofessionell.

Tali lief aus dem Stall und überquerte den Hof auf dem Weg in den Anbau, der früher den Kutschenmeister beherbergt hatte und in dem nun das Büro und ihre winzige Wohnung lagen.

Endlich hatte sie die Chance, Dario Lorenti all ihre Ideen vorzustellen, um die Einkünfte zu erhöhen, die sie hier erwirtschafteten.

Allen Berichten zufolge war er Milliardär. Er hatte Geld. Es wäre unvernünftig, diesen wunderbaren Landsitz verfallen zu lassen, selbst wenn er nicht hier leben wollte.

Sie hielt an, als sie um die Ecke bog. Vor der Bürotür stand ein kleiner, rundlicher älterer Mann, der missbilligend die Stirn runzelte.

Das musste einer der Anzugträger sein, die George erwähnt hatte.

„Hallo. Ich bin Tali Whittaker.“ Sie lächelte freundlich.

„Signora, ich suche nach dem Verwalter hier. Signor Lorenti wartet“, sagte der Mann knapp in perfektem Englisch, aber mit ausgeprägtem italienischem Akzent.

„Ja, natürlich.“ Das hieß, sie konnte weder duschen noch sich umziehen, sondern musste versuchen, in ihrer schmutzigen Jeans einen vorteilhaften Eindruck zu machen. „Ich komme sofort mit Ihnen.“

„Signor Lorenti möchte nur mit dem Verwalter sprechen“, unterbrach der Anzugträger sie ungeduldig. „Sagen Sie mir bitte, wo ich ihn finden kann.“

Ihn? Ernsthaft?

Also hatte Lorenti ihre E-Mails nicht einmal gelesen.

„Sie stehen vor ihm. Oder vielmehr, vor ihr. Ich bin die Verwalterin.“

Der Mann hob die Augenbrauen und musterte sie von oben bis unten. Einen Moment später nickte er. „Dann lassen Sie uns gehen. Signor Lorenti wartet schon lange genug.“

Leicht verärgert folgte Tali Lorentis hochmütigem Assistenten ins Haupthaus, hoch in die Bibliothek im ersten Stock, wo Lorenti schon lange genug wartete.

Seit geschätzt zehn Minuten.

Während sie jahrelang darauf gewartet hatte, endlich mit ihm sprechen zu können.

2. KAPITEL

Während Lorentis Assistent an die Tür klopfte und auf Antwort wartete, bürstete Tali flüchtig ihre Kleidung ab, fasste ihr langes Haar zu einem Knoten zusammen und atmete einmal tief durch.

Mit zweiundzwanzig war sie noch jung für ihre Position als Verwalterin und machte im Moment sicher keinen sehr seriösen Eindruck. Aber sie wusste alles über Westwick, was es zu wissen gab. Sie lebte hier, seit ihre Mutter die Position der Haushälterin übernommen hatte – in dem Frühjahr, bevor Lorenti den Unfall gehabt hatte.

Sie hoffte nur, dass kein Schmutz in ihrem Gesicht klebte.

Entrare.

Sie schluckte, als sie die ungeduldige Stimme hörte.

Der Assistent öffnete die Tür und stellte sie auf Italienisch vor.

Tali setzte ein Lächeln auf, das hoffentlich professionell wirkte, und betrat den Raum. Hinter ihr schloss sich die Tür.

Es roch nach Leder und Zitronenpolitur, ein tröstlicher, vertrauter Geruch.

Sie hatte die Bibliothek immer geliebt – die vielen, vielen Bücher, etliche davon kostbare Erstausgaben, in Regalen, die sich über zwei Stockwerke erstreckten. Die obere Hälfte war durch eine Galerie zugänglich, zu der eine schmiedeeiserne Wendeltreppe hinaufführte. Am anderen Ende des Raums stand der Mahagonischreibtisch des ehemaligen Hausherrn. Dahinter stand Lorenti mit dem Rücken zu ihr und schaute aus dem großen Sprossenfenster mit Blick auf die runde Einfahrt und den Angelteich dahinter.

Im Morgensonnenschein sah Tali nur seine Silhouette. Er war groß, mit muskulösen Schultern und schmalen Hüften, trug einen stahlgrauen Designeranzug und hielt sich sehr aufrecht. Seine sichtbare Anspannung erfüllte die sonst so gemütliche Bibliothek mit einer rastlosen Energie.

Sollte sie sich bemerkbar machen?

Er fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. Es war deutlich kürzer als damals, als es ihm bis zum Kragen gereicht hatte.

Er ist kein verletzter, einsamer Teenager mehr. Bestimmt erinnert er sich nicht mehr an mich, und das ist wahrscheinlich auch besser so.

Im Moment schien er vergessen zu haben, dass sie überhaupt da war.

Die große Pendeluhr neben der Tür tickte. Talis Anspannung wuchs. Schließlich räusperte sie sich. „Mr. Lorenti, Sie wollten mit mir sprechen. Es sei dringend, haben Sie gesagt.“

Er versteifte sich und drehte sich um. Selbst im Zwielicht konnte sie spüren, wie sein Blick sie taxierte. Die Intensität darin ließ ihre Haut prickeln und weckte eine Hitze tief in ihr. Röte stieg ihr in die Wangen.

Vieni qui ... Kommen Sie hierher ins Licht“, sagte er.

Sie trat vor, so entschlossen, wie sie konnte. Er schien durch sie hindurchzusehen.

Che cosa?

„Entschuldigung, ich spreche kein Italienisch.“ War ihm bewusst, dass er in seiner Muttersprache gesprochen hatte? Tali hatte die letzten zwei Jahre mit einer Sprachlern-App versucht, Italienisch zu lernen, nur für den Fall, dass sich doch einmal jemand von Lorenti Corp hier blicken ließ, aber sie traute sich noch nicht, frei auf Italienisch zu sprechen.

Er runzelte die Stirn. „Wer sind Sie?“

„Ich bin die Verwalterin von Westwick Hall. Ihr Assistent sagte mir, Sie wollten mich sprechen.“

Inzwischen konnte sie sein Gesicht erkennen. Es half nicht, ihren aufgewühlten Magen zu beruhigen. Seine Gesichtszüge waren jetzt markanter, schärfer. Aber seine Augen – die dunkelbraunen Augen mit Sprenkeln aus flüssigem Gold, in denen so viele Geheimnisse schlummerten – waren noch dieselben. Die Narbe auf seiner linken Wange war nach wie vor zu sehen, aber sie war gut verheilt und entstellte ihn nicht. Im Gegenteil, sie verlieh ihm Charisma.

Was Tali vor allem überraschte, war, dass die Kombination aus alldem ihn unglaublich attraktiv machte.

Sie holte tief Luft. Nein, attraktiv traf es nicht.

Atemberaubend schon eher.

Sie hatte sich nie erlaubt, sich von gut aussehenden Männern beeindrucken zu lassen. Meistens waren sie Egoisten.

Es durfte keine Rolle spielen, wie heiß und sexy Dario Lorenti aussah. Er war ihr Chef.

Außerdem – nicht, dass sie viel auf Gerüchte gab – genoss er den Ruf eines Playboys. Das sollte jeder Fantasie einen Dämpfer verpassen.

Ihn beeindruckte ihr Äußeres anscheinend ganz und gar nicht. Er kniff die Augen zusammen. „Wie alt sind Sie?“

„Zweiundzwanzig.“ Sie versuchte, nicht defensiv zu klingen.

Er hob die dunklen Augenbrauen. „Wie können Sie in diesem Alter genug Erfahrung haben, um einen so großen Besitz zu verwalten?“

Tali verzog das Gesicht. Tatsächlich hatte sie dafür nicht genug Erfahrung, auch wenn sie zwei Jahre lang für den ehemaligen Verwalter gearbeitet und Kurse an der Landwirtschaftsschule belegt hatte. Aber das war nicht ihre Schuld.

„Als Mr. Chambers vor zwei Jahren gekündigt hat, war niemand da, der den Job übernehmen wollte – nicht zu dem geringen Gehalt, das wir anbieten konnten. Und Lorenti Corp hat auf meine E-Mails nicht reagiert.“ Sie steckte die Hände in die Seitentaschen ihrer Jeans, weil sie ein wenig zitterten. Warum war er ihr gegenüber so feindselig? „Also habe ich die Position als Zwischenlösung übernommen.“

Und das könntest du längst wissen, wenn du auch nur eine einzige E‍-‍M‍a‍i‍l gelesen hättest.

Lorenti presste die Lippen zusammen. Seine Narbe trat stärker hervor. „Wie heißen Sie?“

„Tallulah Whittaker.“

Sie wusste nicht, warum sie ihm ihren vollen Namen genannt hatte. Alle nannten sie Tali, und sie hatte immer gefunden, dass der altmodische, ein bisschen schwülstige Name nicht zu ihr passte. Es war der Name ihrer Großmutter väterlicherseits. Noch ein Geschenk ihres Vaters – wie sein Desinteresse und die tiefe Depression, in die ihre Mutter abgerutscht war, nachdem er sie verlassen hatte.

Aber angesichts Lorentis Missfallen war ein solcher Name wie ein Schutzschild.

Wieder musterte er sie von Kopf bis Fuß.

Sollte sie ihm sagen, dass sie sich kannten? Vielleicht hatte er das kleine Mädchen von damals nicht ganz vergessen.

Andererseits war dieses Treffen schon unangenehm genug, ohne dass sie ihn an seine Vergangenheit erinnerte. Und während sie den Jungen von damals gekannt haben mochte, war der Mann vor ihr ein Fremder.

Schließlich nickte er. „Ich schätze, Ihre Qualifikationen sind jetzt ohnehin nicht mehr wichtig.“

Was sollte das heißen? Mit einem unguten Gefühl im Magen sah Tali zu, wie er zum Schreibtisch hinüberhumpelte und sich auf den Stuhl setzte.

Hatte er immer noch Schmerzen? Seine Bewegungen waren steif und etwas unbeholfen, aber sein Gesicht war nicht länger schmerzverzerrt und blass wie nach dem Unfall.

Er öffnete einen Laptop, der auf dem Schreibtisch stand.

Tali holte tief Atem, vertrieb alle Gedanken an damals und konzentrierte sich auf die Ansprache, die sie seit Monaten in schlaflosen Nächten übte. „Ich bin sehr froh, dass Sie endlich hier sind, Mr. Lorenti.“ Er hob den Kopf mit einem leicht verächtlichen Ausdruck in den Augen, der sie einen Moment zögern ließ. Aber sie würde keinen Rückzieher machen. „Es gibt viel zu besprechen, was Westwick betrifft. Ich habe einen detaillierten Plan erstellt, wie sich das Ruder herumreißen ließe. Das Anwesen hat so viel Potenzial. Die Personalknappheit ist ein Problem, aber ...“

Fermare.“ Abwehrend hielt er die Hand hoch.

Eingeschüchtert von seinem kühlen Tonfall verstummte Tali.

Irgendetwas lief hier gründlich falsch.

„Ihre Pläne sind nicht mehr wichtig, Ms. Whittaker.“ Die Gleichgültigkeit in seiner Stimme war beinahe noch schlimmer als seine vorherige Ablehnung. „Ich bin hier, um Ihnen zu kündigen. Das Land wird in Parzellen aufgeteilt und so bald wie möglich verkauft.“ Er schaute sich in der Bibliothek um, während Tali noch versuchte, das Gehörte zu verkraften. „Das Gebäude selbst wird abgerissen.“

3. KAPITEL

„Aber ... Wie bitte? Das ... das können Sie unmöglich tun, Mr. Lorenti.“

Dario starrte die junge Frau an, die vor seinem Schreibtisch stand. Ihr Brustkorb hob und senkte sich unter dem formlosen Flanellhemd.

Waren das Tränen in ihren leuchtend blauen Augen?

Er unterdrückte jede Gefühlsregung, die sich heiß und wogend in ihm regte, seit er sie das erste Mal richtig gesehen hatte.

Sie war nicht die Art von Frau, mit der er sich je einlassen würde, in ihrer verschmutzten Arbeitskleidung. Ihre ungebändigte karamellfarbene Lockenpracht war zu einem unordentlichen Knoten hochgesteckt. Make-up trug sie keins. Sie wirkte zu jung für den Job, den sie ausübte. Zu jung, um sich überhaupt mit Männern einzulassen. Für einen Mann wie ihn war sie definitiv zu jung, selbst wenn sie die Wahrheit über ihr Alter sagte.

Die Frustration, die ihn heute hierher begleitet hatte, machte sich erneut bemerkbar, begleitet von einem tief sitzenden Groll.

Sieben Jahre dauerten die Verhandlungen zwischen Lorenti Corp und den Treuhändern, die sein Vater eingesetzt hatte, nun schon. Sie weigerten sich, ihm den Palazzo seiner Mutter auf Capri offiziell zu überschreiben, bevor er nicht die Bedingungen erfüllt hatte, die im Testament seines Vaters festgehalten waren. Dario liebte das alte Anwesen und hatte massiv in Gebäude und Grundstück investiert. Aber seine Anwälte fanden einfach keinen Ausweg.

Es machte ihn mehr als wütend, dass sein Vater selbst im Grab noch die Macht besaß, über sein Leben zu bestimmen.

Eine besondere Ironie lag darin, dass ihm sein Vater Westwick Hall, das er immer gehasst hatte, vermacht hatte, ohne Bedingungen daran zu knüpfen. Aber den Palazzo seiner Mutter würde er nur erben, wenn er eine Engländerin heiratete.

Es hatte dem alten Bastard nicht gefallen, dass sein Sohn sich als Italiener sah und nie den Versuch unternommen hatte, sich in die Rolle des englischen Aristokraten zu fügen. Mit achtzehn hatte sein Vater ihm den Geldhahn zugedreht, um ihn zu zwingen, mitzuspielen. Aber anstatt zu kapitulieren, hatte Dario sich Geld geliehen und erfolgreich ein eigenes Tech-Unternehmen gegründet. Ohne jede fremde Hilfe hatte er in den Jahren danach Milliarden gemacht.

Das Testament war der letzte verzweifelte Versuch Lord Westwicks gewesen, Dario zum Gehorsam zu zwingen, indem er ihm den Palazzo vorenthielt, mit dem Dario glückliche Erinnerungen an seine Kindheit und seine Mutter verband.

Als Dario vor sieben Jahren beim Tod seines Vaters davon erfahren hatte, war er zuversichtlich gewesen, dass sich ein Schlupfloch finden würde. Aber die Clique alter Aristokraten, die sein Vater als Treuhänder eingesetzt hatte, hatte all seine Versuche, die Klausel zu umgehen, erfolgreich abgewehrt.

Und gleichzeitig einen nicht unbeträchtlichen Teil des Treuhandvermögens dafür ausgegeben, vor Gericht mit ihm zu streiten.

Das war ihm egal gewesen. Um das Geld ging es ihm nicht. Aber der abschließende Rechtsstreit war zu seinen Ungunsten ausgegangen, und die Wut darüber, dass er den Palazzo niemals besitzen würde, hatte ihn bewogen, zum ersten Mal seit fünfzehn Jahren nach Westwick Hall zurückzukehren.

Zu allem Überfluss hatte ihn auf dem Weg hierher die Hochzeitseinladung seiner Schwester Mia erreicht. Sie würde Sante Trovato heiraten. Den Mann, der Dario damals schwer verletzt im Auto zurückgelassen hatte.

Dass Dario an dieser Hochzeit teilnehmen musste, frustrierte ihn. Er sollte es einfach nicht tun. Wenn Mia dumm genug war, auf Trovatos zweifelhaften Charme hereinzufallen, dann war das eben so. Vor ein paar Wochen erst hatte sie mehr als deutlich gemacht, dass ihr Darios Ratschläge egal waren. Schon seit Jahren weigerte sie sich, Geld von ihm anzunehmen, obwohl ihr Vater sie enterbt hatte. Aber Mia war ihre verdammte Unabhängigkeit so wichtig, dass sie lieber verhungern würde, als Unterstützung zu akzeptieren.

Trotzdem. Er war ihr einziger naher Verwandte und musste wenigstens einen letzten Versuch unternehmen, sie umzustimmen. Was bedeutete, dass er zur Hochzeit nach Sizilien fliegen würde – in zwei Wochen.

Dass die Hochzeit so übereilt stattfand, wertete er als zusätzliches Alarmsignal.

Immerhin hatte ihm die Einladung geholfen, eine längst fällige Entscheidung zu treffen. Er würde Westwick Hall abreißen lassen und das Land verkaufen. Zumindest auf diese Weise konnte er sich an seinem Vater rächen.

Nimm das, du Mistkerl.

Er verhärtete sein Herz gegen den Ausdruck blinden Entsetzens im Gesicht der Verwalterin.

„Es gibt keinen Grund, sich aufzuregen“, sagte er, denn sie sah ganz so aus, als würde sie gleich hysterisch werden. „Sie und Ihr Personal werden Ihr Gehalt noch sechs Monate beziehen, ohne dafür arbeiten zu müssen, sobald wir hier alles geräumt haben.“

Natürlich könnte er das Schloss auch einfach verkaufen. Selbst in seinem verwahrlosten Zustand war es Millionen wert. Aber für den Groll, den er schon so lange in sich trug, war die Vorstellung, es abzureißen, viel befriedigender.

„Bitte, tun Sie das nicht!“ Die junge Frau trat vor und stemmte die Arme auf die Tischplatte. „Sie wissen nicht, was Sie tun. Sie haben kein Recht dazu. Westwick ist ein Teil der Geschichte, es ist ...“

„Ich versichere Ihnen, ich habe jedes Recht der Welt.“ Es gelang ihm nur mit Mühe, den Ärger aus seiner Stimme zu verbannen. „Es ist nicht persönlich“, log er.

„Aber es ergibt keinen Sinn. Warum sollten Sie etwas so Schönes zerstören?“

Die aufrichtige Bestürzung in ihrer Stimme ließ ihn innehalten.

Er musterte sie erneut. Einen Moment lang rührte sie an etwas in seiner Erinnerung. Verstörender als das jedoch war der Hauch von Begierde, der sich bei ihrem Anblick in ihm regte. Ihr Hemd war so weit aufgeknöpft, dass er den Ansatz ihrer Brüste sehen konnte.

„Sie mögen es für wunderschön halten.“ Er erhob sich etwas mühsam aus dem Stuhl und ging zum Fenster hinüber. Der Schmerz in seinem lädierten Bein half ihm, sich auf das Wesentliche zu besinnen. „Ich nicht.“

„Aber es steht unter Denkmalschutz. Sie können es nicht einfach abreißen.“

Dario wandte sich um. „Was bedeutet das?“

„Die historische Bedeutung des Schlosses macht es zum nationalen Erbe. Niemand wird es abreißen, wenn es dafür keine Erlaubnis gibt. Und die werden Sie nicht bekommen.“

Puttana!“ Dario fluchte wütend. Dann werde ich es eben verfallen lassen!

Aber als er zu der jungen Frau schaute, die sichtlich erschrocken die Arme um sich schlang, blieb ihm diese Drohung im Hals stecken.

Westwick Hall war gespickt mit schlechten Erinnerungen. Er war nicht mehr hier gewesen, seit er als Teenager monatelang hier festgesessen hatte, einsam und voller Verzweiflung und Wut über den Verrat seines besten Freundes.

Er war nicht länger der Junge von damals. Sein Bein würde nie wieder komplett verheilen. Er hätte es damals beinahe verloren. Und im Anschluss an den Unfall hatte er sein Herz verhärtet, gegen Sante Trovato und jeden anderen Menschen, der ihn verraten könnte. Oder ihn bemitleiden.

„Wenn Sie mir einfach die Gelegenheit geben würden, Ihnen die Pläne vorzustellen, die ich für Westwick habe“, sagte die Verwalterin nun. Ihre Stimme zitterte ein wenig. „Dann sehen Sie, wie viel mehr Profit wir erwirtschaften könnten. Das Geld, das wir brauchen, um es wieder in altem Glanz erstrahlen zu lassen, würde sich sehr schnell rentieren.“

Er starrte sie finster an. Meinte sie das ernst?

Ihm hatte Westwick nie gefallen. Er erinnerte sich noch, wie er nach dem Tod seiner Mutter mit dreizehn Jahren hergekommen war. Ein kalter Regentag, matschiger Boden, wolkenverhangener Himmel. Er hatte gefroren. Mia hatte sich an ihn geklammert und so verloren ausgesehen, wie er sich gefühlt hatte. Unterdessen hatte Lord Westwick – ihr Vater, an den er keine Erinnerungen gehabt hatte – sie beide abfällig angesehen und ihnen befohlen, gefälligst Englisch zu sprechen.

Capri und seine Mutter, das freie, sonnige Leben, das er und Mia dort gehabt hatten, waren endlos weit weg gewesen.

Die frühen Morgenstunden, an denen er den Pfad hinunter vom Palazzo zur privaten Lagune gelaufen und im Meer geschwommen war. Die Tage, an denen er Reste aus der Küche erbettelt hatte, um mit Mia ein Picknick im Garten zu veranstalten, während das Personal die Überreste der ausschweifenden Party der letzten Nacht beseitigte. Die Nachmittage, die er mit Segeln oder Angeln zugebracht hatte – oder im Winter an seinem Computer mit Spielen und den ersten Versuchen, das Programmieren zu lernen. Die Abende, an denen seine Mutter mit Freunden ausgelassen gefeiert hatte.

Gabrielle Lorenti hatte nicht gern nach festen Regeln gelebt. Sie hatte ihre beiden Kinder geliebt, war aber kein sonderlich verantwortungsbewusster Mensch gewesen. Manchmal hatte Dario sich ein geordneteres Leben gewünscht. Mehr Stabilität, besonders für Mia, die genauso impulsiv und unbezähmbar war wie ihre Mutter.

Aber als er nach England gekommen war, in die Kälte und die Feuchtigkeit, und unter dem tyrannischen Regime seines Vaters hatte leben müssen, hatte er begriffen, dass er sehr viel mehr verloren hatte als seine Mutter.

England war leblos, geschmacklos, steril, erstickend und öde. So wie sein Vater und dieser riesige, verfluchte Steinhaufen.

Aber die Frau vor ihm fühlte eindeutig nicht so. Sie sah ihn aus ihren kornblumenblauen Augen verzweifelt an. „Bitte, Mr. Lorenti, wenn Sie mir nur ein Jahr Zeit geben würden! Ich habe einen Kostenplan aufgestellt. Wir brauchen ein bisschen Kapital, und die laufenden Kosten werden etwas steigen, aber es wird sich rentieren.“

Autor

Heidi Rice

Heidi Rice wurde in London geboren, wo sie auch heute lebt – mit ihren beiden Söhnen, die sich gern mal streiten, und ihrem glücklicherweise sehr geduldigen Ehemann, der sie unterstützt, wo er kann. Heidi liebt zwar England, verbringt aber auch alle zwei Jahre ein paar Wochen in den Staaten: Sie...

Mehr erfahren