Julia Ärzte Spezial Band 2

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Kleines Herz in Not

SIE HABEN EINE TOCHTER, DR. ADAM!
von JENNIFER TAYLOR

Nur einer kann die leukämiekranke kleine Hannah retten: ihr Vater Dr. Adam Knight. Er weiß jedoch nicht, dass er eine Tochter von der verstorbenen Claire hat, bis deren Schwester Beth es ihm sagt. Sofort ist er zur Knochenmarkspende bereit. Hilft Beths Liebe ihm, die schwere Zeit zu überstehen?

EIN BABY FÜR DR. JAKE
von FIONA MCARTHUR

Wie Feuer und Wasser sind die temperamentvolle Hebamme Poppy und der konservative Kinderarzt Dr. Jake Sheppard. Trotzdem sind sie verrückt nacheinander. Als sie ein Baby erwartet, ist sie glücklich, er aber voller Sorge. Er fürchtet, dass es bei der Geburt schwere Komplikationen gibt!

DIR GEHÖRT MEIN HERZ
von ALISON ROBERTS

Schwester Jessica lebt nur für ihren kleinen Sohn Ricky - sie hat keine Augen für ihren verliebten Kollegen Joe. Erst als der Rettungssanitäter sein Leben riskiert, um ihren Jungen aus den Trümmern eines eingestürzten Gebäudes zu befreien, merkt sie, wie viel auch er ihr bedeutet ... Zu spät?

  • Erscheinungstag 26.11.2021
  • Bandnummer 2
  • ISBN / Artikelnummer 9783751508605
  • Seitenanzahl 400
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Jennifer Taylor, Fiona McArthur, Alison Roberts

JULIA ÄRZTE SPEZIAL BAND 2

1. KAPITEL

Elizabeth Campbells Hände zitterten, als sie nach dem Telefonhörer griff. In wenigen Sekunden würde sie ihr Versprechen brechen! Nicht irgendein Versprechen, sondern das feierlichste Versprechen, das sie jemals in ihrem Leben gegeben hatte! Vor sieben Jahren hatte sie ihrer Schwester Claire schwören müssen, dass sie niemals versuchen würde, mit Adam Knight in Kontakt zu treten! Mit gemischten Gefühlen hatte sie damals Claires Wunsch erfüllt und ihr Wort gehalten.

Bis heute. Bis jetzt.

Ihre meergrünen Augen verdunkelten sich, als sie begann, die Nummer zu wählen. Es war nicht einfach gewesen, ihn ausfindig zu machen. Adam Knight schien wie vom Erdboden verschluckt! Resigniert hatte sie die Suche einstellen wollen, als ihr gestern Abend der Zufall zu Hilfe kam. Sie hatte sich noch einmal in Claires alte Kalendernotizen vertieft und dabei seine damalige Telefonnummer entdeckt!

Beth machte sich keine Illusionen. Es war eher unwahrscheinlich, dass sie ihn nach all den Jahren unter der angegebenen Nummer erreichen würde, aber wie die Dinge standen, musste sie nach jedem Strohhalm greifen, der sich bot! Für Zimperlichkeiten war es zu spät …

Nachteilig war, dass sie fast nichts über Adam Knight wusste. Claire hatte ihr seinerzeit nur ein paar spärliche Informationen gegeben und ihn später nie mehr erwähnt. Beth wusste, dass sich die beiden in einer Londoner Klinik während ihrer Praktikumszeit begegnet waren.

Adam war nicht ihre große Liebe gewesen. Daran hatte Claire nie Zweifel gelassen. Nach einer kurzen Affäre hatten sich ihre Wege wieder getrennt. Ein paar Monate später hatte sie ihm einen Brief geschrieben, auf den nie eine Antwort erfolgt war.

Beth stockte der Atem, als die Verbindung hergestellt und das Telefon zu läuten begann. Plötzlich überfielen sie heftige Zweifel. Konnte sie Adam Knight um Hilfe bitten, sollte er tatsächlich den Hörer abnehmen? Hatte er nicht durch sein jahrelanges Schweigen sein Desinteresse klar und deutlich zum Ausdruck gebracht?

„Ja?“

Die Stimme war tief, männlich und sehr ungeduldig. Beth nahm allen Mut zusammen.

„Ich … ich … kann ich Adam Knight sprechen?“

„Am Apparat. Allerdings bin ich im Begriff, das Haus zu verlassen. Ich bin in großer Eile. Ich habe eine halbe Minute Zeit, Ihnen zuzuhören. Mehr nicht.“

„Oh … dann versuche ich es später noch einmal“, stammelte Beth verwirrt. Sie konnte immer noch nicht fassen, dass er tatsächlich am Apparat war!

„Ein guter Vorschlag. Sollte ich nicht da sein, dann hinterlassen Sie Ihre Nummer auf dem Anrufbeantworter. Ich werde Sie gelegentlich zurückrufen. Auf Wiederhören.“

Er hatte aufgelegt, noch bevor sie etwas sagen konnte. Beth holte tief Luft. Was für ein Start! Sie runzelte nachdenklich die Stirn. Nicht sehr viel versprechend die Art und Weise, wie er sie abgefertigt hatte! Andererseits entsprach sein Verhalten dem, was sie erwartet hatte. Ein liebenswürdiger, entgegenkommender, aufgeschlossener Adam Knight hätte sie mehr verwundert!

Sie ging ins Schlafzimmer, um sich für die Arbeit fertig zu machen. Seit einem Monat war sie als Krankenschwester in der großen Hausarztpraxis von Dr. Wright in Winton beschäftigt. Sie liebte ihren neuen Job und war glücklich, dass sie die Stelle bekommen hatte. Sie hatte sich sofort nach Erscheinen der Anzeige darum beworben, um so rasch wie möglich ihren alten Arbeitsplatz, die kardiologische Abteilung der St. Jude Klinik, verlassen zu können. Mit dem neuen Job in Winton war auch eine Dienstwohnung über der Praxis verbunden, was in ihrer Situation von unschätzbarem Wert war. In der Stadt hätte sie sich allenfalls ein kleines Single-Apartment leisten können. Aber sie brauchte mehr Platz, ein gemütliches, geräumiges Zuhause, wenn Hannah kam …

Sie band ihr schulterlanges rotblondes Haar im Nacken zusammen und griff nach der Fotografie im Silberrahmen, die vor ihr auf der Frisierkommode stand.

Hannah! Das Bild ihrer Nichte war vor einem Jahr aufgenommen worden. Ein glückliches, strahlendes Mädchen lächelte ihr entgegen, das stolz sein neues blaues Kleid mit den gelben Blümchen vorführte! Ihr zartes Gesicht mit den großen blauen Augen war umrahmt von einer dichten dunklen Lockenpracht.

Seufzend stellte Beth das Bild zurück an seinen Platz. Es tat weh, das Foto der strahlenden Hannah zu betrachten, das so wenig mit der Realität von heute zu tun hatte. Aber es half ihr auch, sie in ihrem Entschluss zu bestärken, mit Adam Knight in Verbindung zu bleiben. Sie würde ihn nach der Arbeit wieder anrufen. Diesmal würde sie sich nicht abspeisen lassen, sondern dafür sorgen, dass er sich anhörte, was sie ihm mitzuteilen hatte!

Mit diesem Vorsatz verließ Beth ihre Wohnung und lief die Treppen hinunter in die Praxis. Es war kurz vor acht, und Christopher Andrews, der Juniorpartner von Dr. Wright, saß schon an seinem Schreibtisch. Beth wunderte sich nicht darüber. In der vergangenen Woche hatte es in der Praxis einen ernsten Zwischenfall gegeben. Jonathan Wright war notfallmäßig in die Klinik eingeliefert worden, wo er sich einer lebensrettenden Bypassoperation unterziehen musste. Der Vorfall war für alle ein Schock gewesen. Niemand hatte geahnt, dass Jonathan leidend sein könnte. Er war stets gut gelaunt, tatkräftig, belastbar, ein engagierter Arzt, dem nichts zu viel schien.

„Guten Morgen, Chris! Haben Sie Neuigkeiten von Jonathan?“, fragte Beth.

Chris war Ende Dreißig und nach Aussagen von Eileen Marshall, der Praxissekretärin, mit seinem Beruf verheiratet. Zum ersten Mal fiel Beth auf, wie blass und müde er an diesem Morgen aussah.

„Laut Klinik den Umständen entsprechend“, sagte Chris achselzuckend. „Wir wissen beide, was das heißt, nicht wahr?“

Beth nickte. „Alles und nichts. Ich habe selbst auf der kardiologischen Station gearbeitet und diesen Satz oft benutzt. Er ist unverfänglich und nach allen Seiten offen, nicht wahr?“

„So ist es!“ Chris sah auf. „Es kommt mir vor, als ob Sie schon immer zu unserem Team gehört haben, Beth“, bemerkte er. „Sie haben sich problemlos eingefügt und machen Ihre Sache sehr gut. Das hat Jonathan noch letzte Woche zu mir gesagt. Vermissen Sie manchmal Ihren alten Arbeitsplatz?“

„Überhaupt nicht! Auch ich fühle mich in der Winton-Praxis wie zu Hause, obwohl ich erst vier Wochen hier bin. Hoffentlich kommt Dr. Wright wieder auf die Beine!“

Chris nickte sorgenvoll. „Das hoffen wir alle. Aber wir müssen mit Monaten rechnen. Wenn überhaupt …“

„Werden wir einen Vertreter bekommen?“

„Auf jeden Fall! Allein kann ich das nicht schaffen! Dafür ist die Praxis zu groß.“ Er sah auf. „Mary hat schon Schritte unternommen und ihren Neffen gebeten, für seinen Onkel einzuspringen. Er soll bereits unterwegs sein.“

„Jonathan und Mary haben einen Neffen, der Arzt ist? Das trifft sich gut, nicht wahr?“

„Ja, er war bis jetzt im Ausland, hat in Ruanda und Indien für die Weltgesundheitsorganisation gearbeitet. Ich habe ihn flüchtig kennen gelernt, als ich hier anfing. Damals war er auf Heimaturlaub. Ein sympathischer Typ, seinem Onkel sehr ähnlich. Belastbar, tüchtig und engagiert.“

„Das glaube ich sofort! Wer sich für die Dritte Welt einsetzt, muss harte Bedingungen auf sich nehmen.“

„Absolut! Es wird eine große Umstellung für ihn sein. Aber auch bei uns gibt es genug zu tun!“ Chris fuhr sich über die Augen. „Ich zähle die Stunden bis zu seinem Eintreffen. Die Praxis könnte gut drei Ärzte beschäftigen, ohne dass Langeweile aufkäme, hab ich recht?“

Er hatte recht! Als die Sprechstunde begann, war das Wartezimmer bis auf den letzten Platz besetzt, sodass Eileen noch ein paar Ersatzstühle aufstellen musste.

An diesem Vormittag kam Beth nicht mehr zum Nachdenken. Ein Patient folgte dem nächsten. Da war der dreizehnjährige zuckerkranke Junge, der an einem Schulungsprogramm für Diabetiker teilnahm und nun mit ihrer Hilfe lernte, sich die lebensnotwendigen Insulinspritzen selbst zu geben. Auch der alte Mr. Kent, der seit Wochen mit einem offenen Bein kämpfte, musste täglich begutachtet und frisch verbunden werden. Hinzu kamen die vielen Patienten, für die Chris Blutabnahmen, Gewichts- und Blutdruckkontrollen verordnet hatte. Kurzum, über Langeweile konnte Beth nicht klagen!

Sie wollte sich gerade einen Kaffee gönnen, als Eileen sie bat, sich um das weinende Kind zu kümmern, das gerade mit einem blutenden Knie von seiner Großmutter in die Praxis gebracht worden war.

„Was ist passiert?“, fragte sie auf dem Weg in ihr Zimmer.

Mrs. Thomas machte ein unglückliches, besorgtes Gesicht. „Ich war mit Michael im Park. Plötzlich rannte er los, stolperte und fiel hin. Auf den Kiesweg. Er hat sich das rechte Knie aufgeschlagen. Ich habe mir die Wunde angesehen und viele kleine Steinchen entdeckt. Das ist der Grund, warum ich in die Praxis gekommen bin. Die Wunde ist tiefer, als ich dachte, und ich traue mir nicht zu, die Steinchen selber zu entfernen.“

Beth nickte verständnisvoll, hob den Jungen hoch und setzte ihn auf die Untersuchungsliege. „Ich weiß, dass es wehtut, Michael, aber du brauchst keine Angst zu haben. Ich werde dein Knie säubern, und nachher bekommst du einen schönen dicken Verband!“

Der kleine Junge hörte auf zu weinen. Er sah Beth mit großen Augen an. Dann nickte er zustimmend. Seine Großmutter lächelte erleichtert. „Ich habe ihn nur eine Sekunde aus den Augen gelassen“, erklärte sie schuldbewusst.

„Man kann Kinder nicht ununterbrochen bewachen“, tröstete Beth. „Wie alt ist Michael?“

„Vier!“ Es war Michael, der die Antwort gab.

Beth lachte. „Du bist ein sehr tapferer Junge“, lobte sie und holte eine Lupe, um sich die Wunde anzusehen. „Oh, ich sehe ein paar kleine Kieselsteine in deinem Knie! Soll ich sie herausholen?“

Michael nickte ernsthaft und sah gespannt zu, wie sein Knie verarztet wurde. Während der ganzen Prozedur verhielt er sich ruhig, nur einmal zuckte er zusammen, als Beth die Wunde vorsichtig desinfizierte.

„Bekomme ich jetzt den weißen Verband?“, fragte er begierig.

„Ich habe einen viel besseren Vorschlag!“ Beth lächelte vielversprechend. „Wie gefällt dir das große Pflaster mit der Mickeymaus drauf?“

„Schön!“ Michael klatschte begeistert in die Hände.

Alle waren zufrieden. Beth, weil alles so glatt gegangen war, Michael, weil ein auffälliges buntes Mickeymauspflaster sein Knie zierte, und Mrs. Thomas, weil der Sturz ihres Enkels glimpflicher verlaufen war, als sie anfangs befürchtet hatte.

Beth begleitete Großmutter und Enkel zur Tür. Auf dem Rückweg blieb sie bei Eileen an der Rezeption stehen. „Ich verschwinde für ein paar Minuten im Aufenthaltsraum. Mich dürstet nach einem Kaffee!“

„Genehmigt“, lachte Eileen, „heute geht es zu wie in einem Bienen…“ Sie brachte den Satz nicht zu Ende, sondern starrte mit offenem Mund zur Tür. „Was sehen meine grau-grünen Augen“, rief sie verblüfft. „Sag, bist es du es wirklich, Fremder?“

Eileens überraschter poetischer Ausruf ließ auch Beth inne halten. Sie drehte sich um … und erschrak! Der große dunkelhaarige gut aussehende Mann, der soeben die Praxis betreten hatte, versetzte ihr eine Art Schock! Ein Frösteln ergriff sie, obwohl die Temperaturen sommerlich warm waren! Unfähig, sich von seinem Anblick zu lösen, blieb sie wie angewurzelt stehen und starrte ihn an! Sie war sicher, dass sie diesen Mann niemals zuvor gesehen hatte, aber unerklärlicherweise kam er ihr bekannt vor!

„Ich bin gestern Nacht angekommen. Zu sehr später Stunde!“ Er lachte, ein dunkles, sympathisches, ansteckendes Lachen, während Eileen auf ihn zuging und ihn herzlich umarmte.

„Diese Begrüßung weckt meine müden Lebensgeister“, erklärte er charmant. „Wie schön, dich wieder zu sehen, Eileen. Du siehst toll aus! Kompliment!“

Die fünfzigjährige Eileen errötete wie ein junges Mädchen! Beth fröstelte zum zweiten Mal. Auch die Stimme des Fremden klang vertraut! Wo und wann hatte sie diese Stimme mit dem dunklen Timbre schon einmal gehört?

Während sie sich krampfhaft bemühte, Klarheit in ihre verwirrten Gedanken und Erinnerungen zu bringen, trat der Fremde mit gerunzelter Stirn auf sie zu.

„Ich weiß, dass es komisch klingt“, begann er zögernd, „aber kann es sein, dass wir uns schon einmal begegnet sind?“ Er starrte sie ungeniert an und zuckte dann leicht mit den Schultern. „Sie kommen mir irgendwie vertraut vor! So, als hätte ich Sie früher einmal gekannt. Ist das nicht verrückt?“

„Verrückt nicht, es ist nur die uralte Annmache“, rief Eileen lachend. „Aber wenn du glaubst, dass Beth darauf hereinfällt, dann wirst du eine herbe Enttäuschung erleben! Heutzutage muss man sich flottere Sprüche einfallen lassen, wenn man beeindrucken will!“

Er lachte entschuldigend. „Tut mir leid. Ich fürchte, ich bin etwas aus der Übung. Dennoch bleibe ich bei dem, was ich gesagt habe!“ Er kam einen Schritt näher und streckte seine Hand aus.

Beth zögerte sekundenlang, ehe sie die Hand ergriff. Ein rascher Blick in seine dunkelblauen Augen bestätigte ihr unheimliches Gefühl. Dieser Mann war ein Fremder und doch kein Fremder!

Er war lässig gekleidet, mit bequemen Jeans und Polohemd. Ein Mann, der es nicht nötig hatte, durch seine Kleidung aufzufallen! Er war groß, breitschultrig, schmalhüftig und langbeinig. Beth hatte niemals einen attraktiveren Mann gesehen!

„Verraten Sie mir endlich Ihren Namen, und befreien Sie mich aus meiner quälenden Ungewissheit“, bat er eindringlich. „Sicher können Sie mir sagen, wann und wo wir uns schon einmal über den Weg gelaufen sind! Helfen Sie meinem Gedächtnis auf die Sprünge! Der Jetlag hat sich ungünstig auf meine grauen Zellen ausgewirkt! Ich rechne mit Ihrer Großzügigkeit und hoffe, dass Sie mir den Blackout verzeihen!“

Ob Beth wollte oder nicht, sie musste lachen! „Sie brauchen Sie nicht zu entschuldigen! Ich glaube nicht, dass wir uns schon einmal begegnet sind. Allerdings muss ich zugeben, dass auch Sie mir irgendwie bekannt vorkommen.“ Sie zuckte die Schultern. „So etwas gibt es, nicht wahr?“

„Wenn Sie es sagen …“ Wieder lächelte er, aber Beth sah, dass er nicht überzeugt war. Ein leichtes Stirnrunzeln verriet seine Zweifel.

Das Telefon klingelte, und Eileen eilte davon. Sie hatte mit wachsender Neugier das Intermezzo verfolgt und bedauerte ganz offensichtlich, dass sie den Fortgang der amüsanten Unterhaltung verpasste!

„Ich kenne immer noch nicht Ihren Namen“, erinnerte der Fremde, ohne ihre Hand loszulassen.

„Oh … Ich heiße Beth Campbell und bin die neue Praxisschwester …“ Sie hielt inne, als er überrascht die Augen aufriss und seine Finger sich fest um ihre Hand klammerten, als wollte er sie festhalten!

„Sie sind Claires Schwester, nicht wahr? Das ist des Rätsels Lösung! Sie sehen ihr sehr ähnlich!“ Plötzlich huschte ein Schatten über sein Gesicht. „Es tut mir aufrichtig leid, dass Claire verunglückt ist. Ich habe von ihrem Tod erst lange nachher erfahren. Ich war im Ausland. Es war ein großer Schock für mich, obwohl wir seit Jahren keinen Kontakt mehr hatten.“

„Sie haben Claire gekannt?“ Beth entzog ihm abrupt ihre Hand. Sie wollte nicht, dass er ihr Zittern spürte! In ihrem Kopf herrschte Chaos! Dieser Mann war … Mein Gott, gab es wirklich solche Zufälle im Leben?

„Ja. Wir haben zusammen in London gearbeitet. Vor vielen Jahren. Wir waren sogar kurz befreundet. Ich heiße übrigens Adam Knight. Vielleicht hat sie mich mal erwähnt?“

„Ja, das hat sie.“ Beth fühlte sich schwindelig. Der Schock war zu groß! Sie musste allein sein, musste in Ruhe über alles nachdenken! Sie rang um Haltung und warf einen Blick auf die Uhr. „Ich muss weitermachen“, brachte sie mühsam hervor. „Ich habe noch zu tun.“

„Natürlich. Auch ich sollte nicht länger herumstehen, sondern Chris aufsuchen und ihm sagen, dass ich zur Verfügung stehe. Eigentlich wollte ich heute Morgen pünktlich kommen, aber dann entschloss ich mich, zuerst ins Krankenhaus zu fahren, um Onkel Jonathan zu besuchen.“

„Dr. Wright ist Ihr Onkel?“, fragte Beth tonlos. Langsam kam ein Bild zum anderen. Dieser Adam Knight würde in den nächsten Wochen und Monaten die Stelle seines Onkels in der Praxis einnehmen!

„Ja. Und er ist auch der Grund, dass Claire und ich uns näher kennen gelernt haben! Sie hat zufällig mitbekommen, dass ich einen Onkel in Winton habe und mir erzählt, dass auch sie aus der Grafschaft Cheshire stammt, aus einem Ort ganz in der Nähe von Winton.“ Er seufzte. „Ist das nicht merkwürdig? Manchmal frage ich mich, ob alles im Leben Zufall oder Fügung ist.“

Dieselbe Frage brannte auch Beth auf der Zunge!

Sie zuckte vage die Schultern, lächelte mechanisch und schaffte es irgendwie, einen geordneten Rückzug in ihr Zimmer anzutreten! Sie hatte nur einen Wunsch! Sie musste allein sein, wenigstens ein paar Minuten lang!

Sie schloss die Tür hinter sich und starrte ratlos aus dem Fenster. Adam Knights unerwartetes Auftauchen als Vertreter seines Onkels in der Praxis veränderte die Situation völlig! Konnte sie jetzt noch wagen, ihn um Hilfe zu bitten? Und wie würde er auf ihre Bitte reagieren?

Sie war stets überzeugt gewesen, dass er wusste, warum Claire ihn damals um ein Treffen gebeten hatte. Er hatte ihren Brief nie beantwortet. Was lag näher als die Vermutung, dass er nicht bereit gewesen war, sich seiner Verantwortung zu stellen?

Sie seufzte. Es war etwas anderes, einen fremden Mann um einen Gefallen zu bitten als einen Kollegen im selben Team! Wenn er ablehnte, würde das weitreichende Konsequenzen haben. Ihre Zusammenarbeit würde nicht länger funktionieren, und Sie würde den Job, den sie liebte, aufgeben müssen und mit ihm die schöne preiswerte bequeme Wohnung!

Aber da war Hannah! Nichts war wichtiger als Hannah!

Sie holte tief Luft.

Nicht der Job, nicht die Wohnung, nicht Adam Knights Gefühle zählten, wenn es um das Wohl des Kindes ging. Nur Hannah war wichtig. Nichts und niemand sonst auf der Welt!

Es gelang Beth, ihre privaten Sorgen beiseite zu schieben und mit der Sprechstunde fortzufahren. Aber sie atmete erleichtert auf, als der letzte Patient gegangen war. Eileen befand sich noch in der Rezeption, als sie den Stapel Krankenakten zurückbrachte.

„Lass sie liegen, Beth. Ich kümmere mich nach der Lunchpause darum“, bot Eileen an. „Es war ein hektischer Morgen, nicht wahr? Aber nun, da Adam eingetroffen ist, können wir aufatmen, denke ich.“ Sie sah auf die Uhr. „Ich bin zum Lunch im Bistro verabredet. Bis später!“ Sie winkte flüchtig, ergriff ihre Handtasche und verließ eilig die Praxis.

Im selben Moment tauchten Chris und Adam auf. „Wie ich höre, habt ihr euch schon miteinander bekannt gemacht, sodass ich mir weitere Formalitäten ersparen kann“, sagte Chris und warf einen fragenden Blick in die Runde.

Beth und Adam nickten bestätigend.

„Gut. Dann werde ich gleich mit den Hausbesuchen beginnen. Adam hat sich bereit erklärt, nach der Mittagspause die Schwangerensprechstunde zu übernehmen. Das erspart mir eine Menge Zeit. Wenn ich Glück habe, komme ich ausnahmsweise wieder einmal zu einem ordentlichen Lunch!“ Er wandte sich an Adam. „Sie können sich gar nicht vorstellen, wie erleichtert ich bin, dass Sie so schnell kommen konnten, Adam! Wenn Sie Fragen haben, wenden Sie sich an Beth! Bei ihr sind Sie in guten Händen!“

Beth schwieg verlegen, nachdem Chris gegangen war. Sie überlegte, wie sie sich verhalten sollte. War es sinnvoll, Adam schon jetzt reinen Wein einzuschenken? Sie würden heute Nachmittag zusammenarbeiten, und vielleicht war es klüger, wenn sie ihr Wissen vorerst für sich behielt, um die Arbeitssituation nicht unnötig zu belasten. Andererseits …

„Hat Claire manchmal von mir gesprochen?“

Beth zuckte zusammen. Die Frage kam wie aus der Pistole geschossen! Sie spürte, wie ihr die Röte in die Wangen schoss, als sie die Augen hob und sich zwang, Adam anzusehen. „Eigentlich nicht“, sagte sie wahrheitsgemäß.

„Dann hat sie also auch nichts Negatives über mich gesagt? Ich hatte nämlich vorhin den Eindruck, dass Sie unangenehm überrascht waren, als Sie hörten, wer ich bin!“

„Warum sollte ich?“, fragte Beth vorsichtig.

Er zuckte die Schultern. „Keine Ahnung! Bis jetzt war ich der Meinung, dass Claire und ich freundschaftlich auseinander gegangen sind. Jedenfalls gab es keine Probleme.“

„Dann ist ja alles okay, nicht wahr?“ Beth wollte gehen und wandte sich zur Tür.

Adam kam ihr zuvor und blockierte den Weg. „Was hat Ihre Schwester Ihnen über unsere Beziehung erzählt?“, fragte er ohne Umschweife.

Sie blieb stehen. „Nicht viel, wie ich schon sagte, und schon gar keine Einzelheiten. Ich weiß nur, dass Claire und Sie eine kurze Affäre hatten. Genügt Ihnen das?“

„Ja.“ Er sah ihr direkt in die Augen. „Ist es Ihnen unangenehm, unter diesen Umständen mit mir zu arbeiten?“

„Keineswegs“, log Beth. „Und Ihnen?“

„Nein. Warum auch? Es ist Jahre her, dass ich mit Ihrer Schwester zusammen war. Mit der Gegenwart hat das nichts mehr zu tun. Allerdings werde ich das Gefühl nicht los, dass Sie ein Problem mit meiner Person haben, auch wenn Sie das Gegenteil behaupten.“ Er musterte sie prüfend.

Sie wich seinem Blick aus und versuchte, Zeit zu gewinnen. Noch war es zu früh, ihm zu sagen, was sie wusste. Sie wollte ihn etwas besser kennen lernen, bevor sie ihn mit ihrer Bitte konfrontierte.

„Es war die Überraschung, die mich verwirrt hat“, sagte sie achselzuckend. „Wie gesagt, Claire hat kaum über Sie gesprochen. Ich hatte keine Ahnung, dass Sie mit Dr. Wright verwandt sind.“

Er nickte verstehend. „Dann hat Sie mein Erscheinen wie ein Schock getroffen, nicht wahr?“

„Ja!“ Eine ehrlichere Antwort hätte sie ihm nicht geben können, und sein Misstrauen verschwand. Seine Stirn glättete sich, und er lächelte gewinnend. Beth hielt unwillkürlich den Atem an. Dieser Mann war sehr attraktiv, das hatte sie auf den ersten Blick bemerkt, aber er wurde unwiderstehlich, wenn er lächelte!

„Ehrlich gesagt, mir ging es genauso“, gestand er. „Tut mir leid, wenn ich versucht habe, Sie wie eine Zitrone auszupressen! Es war nicht meine Absicht. Es war die Überraschung, die mich dazu trieb.“ Sein Lächeln vertiefte sich. „Claire hat oft von Ihnen gesprochen. Sie hing sehr an Ihnen, Beth.“

„Ich auch an ihr. Wir waren miteinander sehr verbunden … Claire und ich.“ Sie spürte den Kloß in der Kehle und versuchte, die aufkommenden Tränen zurückzudrängen.

„Verzeihen Sie mir“, bat er bestürzt. „Ich wollte Sie nicht traurig machen.“

Sie schüttelte den Kopf. „Es ist nicht Ihre Schuld. Es war ein schwieriges Jahr. Zuerst Claires Tod, und dann …“ Erschreckt hielt sie inne, als ihr klar wurde, dass sie im Begriff war, sich zu verplaudern!

„Sprechen Sie weiter, Beth“, sagte Adam merkwürdig ruhig. „Sie wollten mir mehr sagen, nicht wahr?“

„Nein … wie kommen Sie darauf?“

„Ich spüre es!“

Beth schluckte. Das war die Gelegenheit, ihre Bitte vorzubringen. Aber gleichzeitig wusste sie, dass es zu früh war! Zu viel hing von seiner Antwort ab. Sie durfte keinen Fehler machen und ihn am falschen Ort zur falschen Zeit konfrontieren! Sie hatte ohnehin die größten Zweifel. Bis jetzt sprach alles gegen ihn! Er hatte Claires Brief ignoriert. Das durfte sie nicht vergessen!

„Entschuldigen Sie“, unterbrach Adam ihre Gedanken. „Ich habe schon wieder versucht, Sie auszufragen. Ich hoffe, dass es das letzte Mal gewesen ist!“

Sie zuckte mit den Schultern. „Es ist die merkwürdige Situation, die uns zu schaffen macht“, erwiderte sie mit gespielter Leichtigkeit.

„Da haben Sie recht. Weder Sie noch ich konnten mit einem solchen Zufall rechnen, nicht wahr?“

Nicht in meinen kühnsten Träumen, dachte Beth und warf einen Blick in seine Richtung.

Er lachte. „Ich weiß, was Sie denken! Ihr Blick spricht Bände! Sie fürchten sich vor der Sprechstunde mit mir, nicht wahr? Ich gebe zu, dass mein Aussehen nicht gerade vertrauenserweckend ist! Aber ich schwöre Ihnen, dass ich ein qualifizierter, mit allen Wassern gewaschener Allgemeinpraktiker bin, auch wenn meine Jeans verbeult und mein Hemd eine Spur zu sportlich ist, um seriös zu wirken!“

Beth errötete, aber sie war erleichtert, dass er das Thema wechselte. „Ich nehme an, Sie haben Ihren Koffer noch nicht ausgepackt“, bemerkte sie.

„Richtig. Dazu kam ich nicht, denn er ist unterwegs verloren gegangen.“

„Oh …“

„Ja, irgendwo zwischen Tanger und Düsseldorf!“ Er lachte vergnügt und machte nicht den Eindruck, als ob er das verlorene Gepäckstück schmerzlich vermisste! „Ich bekam keinen Direktflug und musste zwei Mal umsteigen. Dabei ist der Koffer wahrscheinlich in den falschen Flieger geraten. Wie auch immer, ich habe nie viel Aufhebens um Kleidung gemacht. Meine Prioritäten liegen woanders.“

„Im Schrank hängen ein paar saubere Kittel“, erklärte Beth. „Einer davon wird Ihnen sicher passen.“

„Okay, was muss ich noch wissen?“

„Das ist alles. Es handelt sich um eine ganz normale routinemäßige Vorsorgesprechstunde für werdende Mütter. Meistens haben wir Glück, und alles verläuft reibungslos.“

In diesem Augenblick läutete das Telefon. „Ich nehme den Anruf entgegen“, bot Adam an. „Gehen Sie unbesorgt in Ihre Mittagspause.“

„Danke. Wir sehen uns später!“ Mit diesen Worten eilte Beth zur Tür. Sie war froh, endlich gehen zu können. Sie hatte keine Lust auf weitere inquisitorische Fragen! Außerdem hatte sie Wichtigeres vor! Die Lunchpause war gerade lang genug, um einen Kurzbesuch bei Hannah zu machen.

Sie seufzte.

Hannah! Sie war der Mittelpunkt ihres Lebens. Alles drehte sich um Hannah. Erst jetzt wurde ihr klar, wie schwer es sein würde, Adam von ihrer Nichte zu erzählen.

2. KAPITEL

„Okay, Mrs. Graham, dann wollen wir mal sehen, wie es dem Baby geht.“ Adam lächelte aufmunternd. „Wie viele Tage ist es überfällig?“

„Vier Tage, Doktor“, berichtete Elaine Graham sorgenvoll. „Dabei hatte ich so gehofft, dass dieses Baby pünktlich ist! Mein Jüngster hat nämlich übermorgen Geburtstag. Ich habe ihm eine Kinderparty versprochen, weil ich annahm, dass bis dahin das neue Geschwisterkind längst auf der Welt ist.“

„Es kann noch ein paar Tage dauern“, stellte Adam nach der Untersuchung fest. „Aber Grund zur Sorge besteht nicht. Die Lage des Babys ist normal, und theoretisch kann es jederzeit losgehen.“

„Dieselben Worte habe ich auch bei meinen anderen Kindern gehört! Immer stand die Geburt unmittelbar bevor, aber die Babys schien das nicht zu kümmern. Sie ließen sich Zeit. Alle drei!“

Adam lachte. Sein tiefes, ansteckendes Lachen. Elaine Grahams Frust löste sich in Nichts auf. Ihre besorgtes Gesicht erhellte sich.

„Sehen Sie es positiv, Mrs. Graham“, empfahl er. „Den Babys gefällt es bei Ihnen so gut, dass sie keine Eile haben, den sicheren Hort auf dem schnellsten Weg zu verlassen!“

„Das haben Sie schön gesagt, Doktor“, sagte Elaine beeindruckt und lächelte geschmeichelt.

Beth wunderte sich nicht darüber. Adams erste Sprechstunde war ein voller Erfolg. Seine entspannte, offene Art kam bei den werdenden Müttern gut an.

„Schwester Campbell wird noch einmal Ihren Blutdruck kontrollieren“, sagte Adam nach beendeter Untersuchung. „Als Sie kamen, waren die Werte etwas zu hoch.“

Elaine machte ein schuldbewusstes Gesicht. „Wahrscheinlich bin ich mal wieder zu viel herumgerannt“, bekannte sie. „Aber mit drei kleinen lebhaften Jungen gibt es immer etwas zu tun.“

„Das kann ich mir vorstellen. Trotzdem möchte ich, dass Sie sich in den nächsten Tagen mehr Ruhe gönnen, damit Ihr Blutdruck nicht in die Höhe schnellt. In diesem Stadium der Schwangerschaft ist es ein normaler Blutdruck sehr wichtig.“

„Ich werde mein Bestes tun, Dr. Knight“, versprach Elaine, und wieder kam Beth aus dem Staunen nicht heraus. Nur zu gut erinnerte sie sich an die geduldigen väterlichen Ermahnungen von Dr. Wright, die Elaine immer wieder auf die leichte Schulter genommen hatte. Eine einzige Empfehlung des jungen charmanten Neffen hingegen schien auf fruchtbaren Boden zu fallen! Ein beunruhigender Gedanke, fand sie.

Überhaupt musste sie feststellen, dass der Mann, mit dem sie heute Nachmittag zum ersten Mal zusammen arbeitete, nicht in das Bild passte, das sie sich von ihm gemacht hatte. Jonathan Wrights Neffe war nicht nur ein tüchtiger, kompetenter Arzt, er war auch ein natürlicher, herzlicher, mitfühlender Mensch, den man einfach gern haben musste …

Dieser Gedanke erschreckte sie noch mehr, und sie schüttelte unwillig den Kopf. Adam Knight war für sie nur insofern wichtig, als er für Hannah wichtig war! Sie stieß einen unbewussten Seufzer aus, den Adam mit gerunzelter Stirn registrierte. Aber er sagte nichts.

Beth konzentrierte sich auf ihre Arbeit. Das waren die Blut- und Harnproben für das Labor, die beschriftet und verpackt werden mussten, die Mütterpässe, in die die aktuellen Daten einzutragen waren und die vielen anderen Tätigkeiten, die in einer Sprechstunde anfielen.

Als die letzte Patientin gegangen war, begann Beth, das Untersuchungszimmer wieder in Ordnung zu bringen. Die Abendsprechstunde fing erst um sechs Uhr an, sodass sie Zeit genug hatte, sich in ihrer Wohnung mit einer Tasse Tee zu regenerieren.

„Ich möchte helfen!“

Beth sah sich überrascht um. Adam war zurückgekommen, nachdem er die letzte Patientin verabschiedet und zur Tür begleitet hatte. Ohne ihre Antwort abzuwarten, begann er routiniert, die Untersuchungsliege neu zu beziehen!

„Lassen Sie! Das mache ich“, rief Beth unsicher.

„Warum? Zu zweit geht es schneller!“ Adam grinste. „Ich habe in der Entwicklungshilfe gearbeitet. Da ist kein Platz für Hierarchie und Kompetenzgerangel! Man packt an, wo es nötig ist!“ Er sah sich um. „Wo ist die Spraydose mit der Desinfektionslösung?“

Beth gab sie ihm und sah zu, wie er den feinen Nebel sachgerecht versprühte. Dabei bückte er sich, und sein Polohemd rutschte nach oben. Eine Handbreit braun gebrannte Haut kam zum Vorschein. Beth schluckte. Irritiert wandte sie sich ab.

„Fertig. Was gibt es noch zu tun? Oh, die Krankenakten! Sie gehören in die Rezeption, nicht wahr?“

Beth nickte hilflos. Er sah es und kniff die Augen zusammen. „Alles in Ordnung?“, fragte er prüfend.

Sie lachte nervös. „Natürlich! Kommen Sie zur Abendsprechstunde?“

Er schüttelte den Kopf. „Ich habe es angeboten, aber Chris wollte nicht. Ich soll mich ausschlafen und erst morgen früh wieder auftauchen.“

Sie nickte. „Chris hat recht. Unser Praxisalltag ist zeitweise sehr hektisch. Die letzte Woche steckt uns allen noch in den Knochen!“

„Das hat Chris auch gesagt. Es muss schon vor Jonathans Erkrankung turbulent zugegangen sein!“

„Dr. Wright hat mir erzählt, dass sich die Patientenzahl im letzten Jahr verdoppelt hat“, berichtete Beth. „Am Stadtrand wurde eine neue Siedlung gebaut. Das ist der Grund.“

„Damit wurde auch für meinen Onkel die Arbeit zu viel. Er muss schon seit einiger Zeit unter pektanginösen Beschwerden gelitten haben. Leider hat er sich nicht die Zeit genommen, einen Spezialisten aufzusuchen. Er hat es vorgezogen, sich selbst zu behandeln.“

„Davon wusste ich nichts!“

„Niemand wusste es. Jonathan wollte nicht, dass es jemand erfährt. Er fürchtete zu Recht, dass man ihn aufgefordert hätte, mit der Arbeit kürzer zu treten! Selbst meine Tante ahnte nichts von seinen Beschwerden. Sie hat es erst vom Kardiologen in der Klinik erfahren!“ Er lachte. „Tante Mary ist eine Seele von Mensch, aber das wird sie ihrem Mann nicht so schnell verzeihen! Sobald er wieder auf den Beinen ist, wird er zu hören bekommen, was sie von dieser Art Versteckspiel hält!“

„Sie wird es ihm verzeihen“, versicherte Beth. „Die Hauptsache ist doch, dass er wieder gesund wird, nicht wahr?“

„Sicher. Die beiden sind ein wunderbares Team. Ich kenne kein Paar, dass nach so vielen Ehejahren immer noch restlos zufrieden und glücklich miteinander ist. Man sollte sie nach ihrem Geheimrezept fragen!“

„Haben Sie es getan?“, fragte Beth neugierig.

„Nein! Ich will nicht heiraten. Das habe ich schon vor langer Zeit beschlossen. ‚Gebranntes Kind scheut das Feuer‘!“

Beth runzelte die Stirn. Er hatte also eine Enttäuschung hinter sich! Sie konnte nicht umhin, sich zu fragen, ob ihre Schwester der Grund war. Zwar hatte Claire immer versichert, dass die Beziehung zu Adam niemals eine ernste Sache gewesen war, jedenfalls nicht für sie! Aber vielleicht für ihn?

„Sie erinnern mich nicht nur äußerlich an Claire“, unterbrach er ihre Gedanken. „Ich kann mich mit Ihnen ebenso gut unterhalten wie seinerzeit mit Ihrer Schwester.“

Beth brachte ein Lächeln zustande, obwohl ihr sein Vergleich nicht behagte. Sosehr sie Claire geliebt hatte, es störte sie, dass Adam sie an ihrer Schwester maß! „Ich nehme es als ein Kompliment“, sagte sie ausweichend und sah auf die Uhr. „Aber jetzt gehe ich nach oben in meine Wohnung, um mich noch etwas auszuruhen. Bis morgen, Adam.“

Er hob überrascht die Brauen. „Sie bewohnen die Dienstwohnung?“

„Ja. Ich hatte großes Glück, dass sie frei war. In der Stadt hätte ich nichts Vergleichbares gefunden. Vielleicht ein kleines möbliertes Mansardenzimmer, das nur für mich gereicht hätte …“ Sie hielt inne. Gerade noch rechtzeitig!

„Sie leben mit jemand zusammen?“ Seine Frage kam postwendend!

„Nein!“ Beth zog schmerzlich die Brauen zusammen. Die Erinnerung tat immer noch weh. „Ich war verlobt. Die Beziehung ging vor ein paar Monaten auseinander. Als Ihr Onkel mich einstellte, brauchte ich eine neue Bleibe. Ich konnte nicht länger im Haus meines Ex-Freunds leben.“

„Natürlich nicht! Sie müssen schlimme Zeiten hinter sich haben. Tut mir leid, Beth, ich wollte nicht taktlos sein.“ Er ergriff ihre Hand und drückte sie fest.

Sie spürte, dass es nicht nur eine konventionelle Geste war. Sein Händedruck vermittelte echtes Mitgefühl, so als wüsste er aus eigener Erfahrung, wie man sich fühlt, wenn eine Beziehung vorbei ist.

Sie trennten sich, und Beth lief die Treppen hinauf in ihre Wohnung. Sie machte sich einen Tee und trat nach draußen auf den kleinen Holzbalkon, von dem aus eine schmale Treppe nach unten auf den Parkplatz führte. Sie hatte den Balkon mit einer Holzbank und ein paar Blumenkästen wohnlich hergerichtet, sich ein intimes Refugium geschaffen, eine Oase der Stille, die sie aufsuchte, wenn sie ungestört nachdenken wollte.

Da war Adam Knight, der Mann, den sie so lange gesucht und den sie heute gefunden hatte. Adam Knight, der so ganz anders war, als sie sich vorgestellt hatte!

Alle atmeten auf, als die Abendsprechstunde überstanden war!

„So eine lange Patientenliste hatten wir noch nie“, stellte Eileen kopfschüttelnd fest.

„Es ist Heuschnupfenzeit“, gab Beth zu bedenken. „Die Allergien nehmen zu, wie wir wissen.“

Chris kam dazu. Er seufzte. „Im Winter sind es die grippalen Infekte, im Sommer die Allergien! Die Jahreszeiten spielen keine Rolle mehr“, sagte er resigniert. „Manchmal denke ich, dass ich den falschen Beruf ergriffen habe. Es muss doch noch mehr im Leben geben als diese Schufterei! Ich träume immer öfter von einem langen, langen Urlaub, ganz weit weg!“

„Es wird besser, jetzt, wo Adam da ist“, tröstete Beth.

„Ja, aber leider wird er nicht bleiben.“ Chris zuckte die Schultern. „Adam ist der typische Nomade! Freiheitsliebend und ungebunden. Es treibt ihn immer wieder fort, hinaus in die weite Welt. Er kennt nur eine feste Bindung. Das ist seine Arbeit. Früher konnte ich das nicht verstehen, aber mittlerweile finde ich die Vorstellung ziemlich attraktiv!“

Beth schwieg. Was Chris über Adam geäußert hatte, überraschte sie nicht. Dennoch war sie beunruhigt. Sie fürchtete, dass er ihre Bitte abschlagen könnte …

Sie setzten die Unterhaltung nicht fort. Alle waren müde und wollten so schnell wie möglich nach Hause. Auch Beth eilte in ihre Wohnung, streifte erleichtert die Uniform ab, zog Jeans und Sweatshirt aus dem Schrank, löste ihr gebundenes Haar im Nacken und schüttelte es, bis die rotblonde Haarfülle locker über ihre Schultern fiel. Dann trat sie hinaus auf den Balkon, um die letzten Strahlen der untergehenden Sonne zu genießen. Sie musste blinzeln, so sehr blendete sie das gleißende Licht. Den Mann auf der Holzbank sah sie nicht.

„Hallo, Beth. Kann ich Sie einen Augenblick sprechen?“

Sie zuckte zusammen. „Adam! Mein Gott, haben Sie mich erschreckt!“ Sie presste instinktiv die Hand an die Brust.

„Entschuldigen Sie!“ Er erhob sich und deutete auf die offene Balkontür. „Können wir hineingehen?“

Beth wusste nicht, was sie antworten sollte. Sie war verwirrt und unsicher. „Ich wollte gerade an die frische Luft. Hat es nicht Zeit bis morgen?“

„Leider nein. Ich möchte es nicht länger aufschieben. Ich finde, wir haben lange genug um den heißen Brei herumgeredet!“ Er nahm wieder auf der Holzbank Platz. „Sie haben mich heute Morgen angerufen, nicht wahr?“

Beth antwortete nicht, und Adam lächelte kühl.

„Wäre ich nicht so müde und unausgeschlafen gewesen, dann hätte ich Ihre Stimme heute in der Praxis wiedererkannt. So ist mir die moderne Technologie zu Hilfe gekommen.“ Er räusperte sich. „Ich will es kurz machen. Der Telefonapparat hat Ihre Nummer registriert. Eine Nummer, die ich zufällig auswendig kenne. Ich habe nämlich früher bei meinen Heimatbesuchen öfter in dieser Wohnung gelebt. So weit, so gut. Was mich umtreibt ist die Frage, warum Sie mich heute Morgen angerufen haben. Sie sagten doch, dass wir uns vorher niemals begegnet sind. Ist das richtig?“

„Ja … das ist richtig“, stammelte Beth. „Allerdings versuche ich schon seit einiger Zeit, Sie zu erreichen.“

„Darf ich den Grund erfahren, oder haben Sie vor, wieder auszuweichen … so wie Sie es heute mehrmals getan haben?“, fragte er ruhig.

Sie errötete. „Es tut mir leid. Ich stand unter Schock. Wie konnte ich ahnen, dass Sie plötzlich leibhaftig vor mir stehen würden? Ich hatte keine Ahnung von Ihrer Beziehung zu dieser Praxis. Claire hat es nie erwähnt.“

„Claire … immer wieder Claire. Alles scheint mit Ihrer Schwester zusammenzuhängen, nicht wahr? Als ich feststellte, dass Sie die frühe Anruferin waren, wurde mir klar, dass es mit Claire zu tun haben musste. Sie ist die einzige Verbindung, die wir beide haben. Ich habe Ihnen gesagt, dass ich eine Zeitlang mit Ihrer Schwester zusammen war. Aber das ist lange her. Ich habe sie später nie mehr getroffen. Natürlich frage ich mich jetzt, was Sie veranlasst haben könnte, mich ausfindig zu machen?“

Beth schluckte. Ihr Herz klopfte bis zum Hals. Plötzlich hatte sie furchtbare Angst, alles zu verderben! Sie starrte ihn an, unfähig, etwas zu sagen. Dann drehte sie sich um und rannte in ihr Schlafzimmer. Die Stunde der Wahrheit war gekommen!

Sie griff nach dem Foto im Silberrahmen, presste es fest an ihre Brust, holte tief Luft und ging zurück zu Adam. „Hier“, sagte sie mit heiserer Stimme, „bitte sehen Sie sich dieses Bild an!“ Dann wandte sie sich ab.

Der Himmel am Horizont war glutrot. Sie dachte an Claire und an das Versprechen, dass sie ihr gegeben hatte, ein Versprechen, das sie um Hannahs willen nicht mehr halten konnte.

„Wer ist das?“

Sie vernahm das Zittern in seiner Stimme. Mein Gott, so schwer hatte sie sich die Realität nicht vorgestellt. Tausend widerstrebende Gefühle mischten sich in ihrer Brust. Mitleid, Angst, Unsicherheit …

„Sie heißt Hannah, und sie ist sechs Jahre alt“, hörte sie sich sagen. „Sie ist Claires Tochter.“ Sie sah, dass sein Atem stockte, aber sie wusste, dass sie jetzt nicht mehr zurückkonnte. „Sie ist auch Ihre Tochter, Adam.“

Die Stille, die folgte, war bleischwer. Beth hatte keine Ahnung, wie lange sie andauerte. Sie hatte gesagt, was sie sagen musste. Jetzt war er an der Reihe.

„Das wusste ich nicht. Ich hatte keine Ahnung …“ Er atmete schwer. „Claire hat mir nie etwas gesagt. Zu keiner Zeit!“

„Das weiß ich.“ Beth sah den Schmerz in seinen Zügen. Sie empfand Mitleid. Das Gespräch war noch nicht zu Ende. Das Schlimmste erwartete ihn noch.

„Claire hat es in ihrem Brief an Sie nicht erwähnt, aber …“

„Welcher Brief?“, unterbrach er. „Ich habe niemals einen Brief von ihr bekommen.“

„Claire hat Ihnen geschrieben, als sie wusste, dass sie schwanger war“, erklärte Beth geduldig. „Sie wollte es nicht, aber ich habe sie überredet.“

„Ich habe keinen Brief bekommen“, wiederholte Adam heftig, und Beth spürte instinktiv, dass er die Wahrheit sagte.

Sie zuckte die Schultern. „Ich weiß, dass Sie Ihnen geschrieben hat, aber ich kann Ihnen nicht sagen, warum der Brief Sie nicht erreicht hat. Ich habe keine Ahnung. In dem Brief hat Claire Sie um ein Treffen gebeten. Sie wollte Ihnen von der Schwangerschaft erzählen, wenn sie das Gefühl gehabt hätte, dass es für alle Beteiligten das Beste ist.“

„Wie bitte?“ Er starrte sie verständnislos an. „Was soll das heißen, das Beste für alle Beteiligten? Es war auch mein Kind! Ich hatte ein Recht, es zu erfahren!“

„Claire wollte die perfekte Lösung“, sagte Beth. „Für alle. Für Sie, das Baby und für sich.“

„Wirklich? Wie außerordentlich großzügig von ihr, nicht wahr?“ Seine Stimme klang zornig und frustriert. „Mit anderen Worten, Ihre Schwester hat sich vorbehalten, über meinen Kopf hinweg zu entscheiden, ohne mich vorher einzuweihen. Sie wollte erst sehen, ob ich würdig bin zu erfahren, dass ich ein Kind haben werde! Das ist egoistisch und selbstherrlich!“

„Bitte versuchen Sie, Claire zu verstehen! Sie wollte wirklich nur Ihr Bestes.“

„Mein Bestes!“ Er schüttelte ungläubig den Kopf. Seine Finger krampften sich um das Bild.

Beth setzte sich neben ihn auf die Bank. „Sie und Claire hatten sich getrennt, nicht wahr? Eine gemeinsame Zukunft hatte niemals zur Debatte gestanden. Also auch kein Kind. Das war der Grund, warum meine Schwester so zögerlich war. Sie wollte Ihnen Konflikte ersparen. Sie kannte Ihre Träume von einem Leben im Ausland. Sie wollte erst sicher sein, wie Sie über Kinder denken, bevor Sie Ihnen mehr sagte.“

„Und dann hat sie sich entschieden zu schweigen, als ich den Brief nicht beantwortete, richtig? Damit war für sie die Sache erledigt! Sie zog ihre einseitigen voreiligen Schlüsse. Keine Antwort, kein Interesse, nicht wahr? Das haben Sie doch gedacht, oder irre ich mich?“

Er irrte sich nicht. Beth machte keinen Versuch, es zu leugnen. „Sie konnte nicht wissen, dass Sie den Brief nicht bekommen haben“, wandte sie ein.

„Natürlich nicht, aber das hätte sie sich denken können. Jedes Kind weiß, wie leicht ein Brief verloren gehen kann. Auch Claire hätte das wissen müssen. Zudem hätte sie mich jederzeit über meinen Onkel erreichen können. Warum hat sie das nicht versucht? Ich kenne die Antwort! Sie wollte es nicht! Sie hat vorgezogen, mir mein Kind zu unterschlagen!“

Beth berührte behutsam seinen Arm. „Ich kann nicht mehr zu Claires Verteidigung vorbringen. Ich kann Sie nur bitten, an ihre lauteren Motive zu glauben. Sie war wirklich überzeugt, das Richtige zu tun.“

„Das ist leichter gesagt als getan. Erst jetzt erfahre ich, dass ich seit Jahren ein Kind habe!“ Er starrte auf das Foto. „Ich kann es immer noch nicht fassen! Wenn Sie es mir nicht gesagt hätten, würde ich es nie erfahren haben …“ Er schüttelte ungläubig den Kopf. Dann sah er auf. „Warum haben Sie es gesagt? Sie sagten, dass sie schon eine Zeitlang versucht haben, mich zu finden. Sie hätten es mir nach dem Tod Ihrer Schwester mitteilen können! Warum jetzt? Sie hatten genug Zeit, mich früher zu informieren. Warum haben Sie bis jetzt gewartet?“

Beth schluckte. Der alles entscheidende Moment war gekommen. Sie musste es sagen. Sie wusste, dass sie keine andere Wahl hatte.

„Hannah braucht Ihre Hilfe“, begann sie mit gepresster Stimme. „Es begann vor sechs Monaten. Sie klagte über Müdigkeit, war antriebslos und lethargisch. Anfangs schob ich es auf die Trauer um ihre Mutter. Aber als es nicht besser wurde und alle Hausmittelchen fehlschlugen, wurde ich unruhig und ging mit ihr zum Arzt. Er ordnete ein paar Tests an. Das Ergebnis war ein Schock. Hannah war an einer akuten lymphatischen Leukämie erkrankt.“

„Mein Gott!“ Adam sprang erschreckt auf. „Wie reagiert sie auf die Therapie? Ich nehme an, sie liegt im Krankenhaus?“

„Ja, sie ist jetzt seit fünf Monaten im St. Jude. Die Therapie bekommt ihr sehr gut.“

„Wie ist die Prognose? Was sagt ihr Arzt?“

„Dr. Guest ist sehr zufrieden. Er sagt, dass er damit rechnet, dass sie demnächst in die Remission kommt.“

„Gott sei Dank!“ Er holte tief Luft. „Was kommt dann?“

„Sobald sie in der Remission ist, wird sie eine Knochenmarktransplantation bekommen.“ Beth zögerte einen Moment lang, ehe sie weitersprach. „Das Problem ist, dass die Klinik bis jetzt keinen geeigneten Spender für Hannah gefunden hat. Die bekannten Transplantationsbanken konnten nicht aushelfen. Auch ich habe mich testen lassen. Leider erfolglos. Das ist der Grund, warum ich Sie gesucht habe. Ich habe gehofft, dass Sie bereit sein werden, sich testen zu lassen. Wenn wir keinen geeigneten Spender für Hannah finden, wird sie sterben. Sie sind ihre letzte Chance, Adam. Denken Sie darüber nach.“

Wieder sprang er auf. „Darüber brauche ich nicht nachzudenken“, rief er. „Natürlich lasse ich mich testen! Für wen halten Sie mich? Es ist mein Kind, über das wir sprechen! Meine Tochter! Ich würde mein Leben für sie geben, wenn es ihr helfen könnte!“

Beth traute ihren Ohren nicht. „Das wollen Sie wirklich tun? Sie wollen sich testen lassen, Adam?“

„Ja! Und jetzt will ich sie sehen! Wir werden sie gemeinsam besuchen. Ich habe das Auto meines Onkels zur Verfügung. Kommen Sie!“

„Aber …“

„Kein Aber, Beth! Ich will Hannah sehen. Ich habe die ersten sechs Jahre ihres Lebens verpasst. Ich werde mich keine Minute länger aufhalten lassen!“

Beth wusste, dass er meinte, was er sagte. „Gut, fahren wir. Aber bedenken Sie, dass Hannah nichts von Ihrer Existenz weiß. Claire war der Ansicht, dass es besser ist, wenn … wenn sie es nicht erfährt.“

„Und Sie haben ihrer Entscheidung zugestimmt und das Geheimnis für sich behalten, nicht wahr? Sie beide haben mir Hannah vorenthalten. Aber damit ist jetzt Schluss!“

„Was heißt das?“, fragte Beth angstvoll.

„Das heißt, dass ich eine Menge aufzuholen habe. Sechs lange Jahre, Beth! Hannah braucht einen Vater! Sie braucht mich mehr als irgendeine andere Person auf der Welt!“

Seine Antwort verschlug ihr die Sprache. Als wollte er beweisen, wie ernst er es meinte, stürmte er die Treppen hinunter zum Parkplatz. Beth blieb nichts anderes übrig, als ihm zu folgen.

Der Motor lief schon, als sie einstieg und sich anschnallte. Er fuhr sofort los. Beth starrte aus dem Fenster. Sie verstand seine Erregung, seine Ungeduld, seinen Zorn! Dumpfe Schuldgefühle bedrückten sie. Was würde die Zukunft bringen? Wie würde Hannah auf die Nachricht reagieren, dass sie plötzlich einen Vater hatte?

Dieser Gedanke brachte sie zur Besinnung. Unter keinen Umständen würde sie zulassen, dass Hannah sich an einen Vater gewöhnte, der sie über kurz oder lang wieder verlassen würde! Sie dachte an Chris’ Prophezeiungen. Adam war ein ruheloser Charakter, ein Nomade, den es immer wieder in die weite Welt zog! Aber ein Kind brauchte Stabilität! Claire hatte gewusst, wo Adams Prioritäten lagen und daher beschlossen, ihn seinen Weg gehen zu lassen.

Sie warf Adam einen ängstlichen Blick zu. Er sah aus wie ein Mann, der zu allem entschlossen war. Ihre Angst wurde größer. Sie musste alles tun, um Hannah zu schützen!

3. KAPITEL

„Adam“, begann Beth vorsichtig, als sie die Klinik erreicht hatten, „denken Sie nicht, dass ich Ihre Reaktion auf die unerwarteten Neuigkeiten nicht verstehe! Das Gegenteil ist der Fall! Dennoch muss ich Sie bitten, auch an Hannah zu denken. Versprechen Sie mir, dass Sie das Kind nicht … nicht unnötig erschrecken.“

Er maß sie mit eisigen Blicken. „Warum sagen Sie nicht geradeheraus, was Sie wollen, Beth? Sie fürchten, dass ich Hannah mit der Wahrheit konfrontieren könnte, hab ich recht?“

„Ja.“ Sie schluckte. „Hannah weiß nichts von Ihnen. Wenn Sie ihr sagen, wer Sie sind, wird sie verstört und ängstlich reagieren. Sie ist erst sechs, und in den vergangenen zwölf Monaten musste sie immer wieder über ihre Grenzen hinauswachsen. Sie hat sehr viel mitgemacht.“

„Für wen halten Sie mich eigentlich?“, fragte er empört. „Glauben Sie ernsthaft, dass ich ein krankes Kind mit Nachrichten überfalle, denen es nicht gewachsen ist?“

Beth wurde blutrot! „Adam, ich wollte Sie nicht kränken. Es tut mir leid, dass …“

„Sparen Sie sich Ihr Mitgefühl“, unterbrach er schroff, „zeigen Sie mir lieber den Weg zu Hannahs Zimmer!“

Sie betraten die Klinik, und Beth ging voran. Ihr Herz hämmerte, und sie hatte keine Ahnung, was auf sie zukam. Hannah war ein ruhiges, zurückhaltendes Kind, das seit dem Tod seiner Mutter noch eine Spur introvertierter geworden war. Fremden gegenüber war sie scheu und schweigsam. Sie brauchte mehr Zeit als andere Kinder, um sich zu öffnen.

Sie betraten die pädiatrische Krebsstation, und obwohl die Klinik sich große Mühe mit der Dekoration der Zimmer und Flure gegeben hatte, konnten die bunten Comicfiguren und lustigen Tierbilder nicht darüber hinwegtäuschen, dass die kleinen Patienten sehr, sehr krank waren. Die große Anzahl der Infusionsflaschen und die blassen schmalen Gesichter der Kinder sprachen ihre eigene Sprache. Beth sah, dass Adams entschlossene Miene beim Anblick der Kinder verschwunden war und einem besorgten, fast angstvollen Ausdruck Platz gemacht hatte. Sie wunderte sich nicht darüber. Auch sie musste sich immer wieder aufs neue wappnen, wenn sie die Station betrat.

„Die armen Kinder“, flüsterte Adam betroffen.

Sie nickte. „Jeder ist schockiert, der zum ersten Mal diese Station betritt. Man denkt immer noch, dass Krebs eine Alterskrankheit ist, nicht wahr?“

„Ja, damit tröstet man sich.“

„Da ist Hannah!“ Beth winkte und ergriff unbewusst Adams Hand. „Wundern Sie sich nicht, wenn sie nur wenig spricht. Sie ist scheu Fremden gegenüber.“ Sie ließ seine Hand wieder los, eilte an Hannahs Bett und begrüßte sie mit einem Kuss.

„Hallo, Darling, leider konnte ich nicht früher kommen. Die Sprechstunde hat so lange gedauert.“ Sie strich flüchtig über Hannahs Kopf und spürte schmerzlich die kurzen Haarstoppel. Hannahs dichte schwarze Locken waren durch die Chemotherapie ausgefallen, und obwohl sie wusste, dass die Haare nach beendeter Therapie nachwachsen würden, hatte sie immer noch Schwierigkeiten, sich mit dem Verlust abzufinden. Die glänzenden Locken hatten symbolhaft für eine gesunde Hannah gestanden …

Beth wagte einen raschen Blick in Adams Gesicht und sah den Schmerz in seinen Augen. Vor einer Stunde hatte er ein Foto von einem schönen, gesunden Kind in der Hand gehalten … seiner Tochter! Jetzt stand er ihr zum ersten Mal gegenüber. Ein blasses Mädchen mit riesigen blauen Augen im schmalen Gesicht, das früher von dichten schwarzen Locken umrahmt gewesen war. Beth zwang sich zu einem heiteren, unbefangenen Lächeln.

„Adam, das ist Hannah!“

Er trat ans Bett und ergriff die kleine, zarte Hand. „Hallo, Hannah! Ich hoffe, du hast nichts dagegen, dass ich deine Tante begleite. Sie hat mir so viel von dir erzählt, dass ich neugierig wurde und dich unbedingt kennen lernen wollte!“

Beth spürte den Kloß in ihrem Hals. Adams Stimme hatte so zärtlich und liebevoll geklungen! Sie hielt den Atem an. Was würde Hannah sagen?

„Bist du ein Freund von Tante Beth?“, fragte das Kind schüchtern und hob seine Augen, um Adam anzusehen.

„Ja, das bin ich, Kleines.“ Er lächelte charmant, und Hannah nickte.

„Dann ist es okay“, sagte sie altklug, und ein scheues Lächeln erhellte ihr Gesicht.

Beth lachte erleichtert, und Adam grinste geschmeichelt.

„Wie war dein Nachmittag, Darling“, wollte Beth wissen. Sie setzte sich auf den Besucherstuhl neben Hannahs Bett. Adam stellte sich hinter sie. Sie spürte seine Hände, als er die Stuhllehne umschloss.

„Ich habe ein Bild gemalt“, berichtete Hannah und warf Adam einen scheuen Blick zu.

„Das interessiert mich“, rief er spontan. „Kann ich es sehen?“

Hannah nickte und fischte ein Zeichenblatt aus der Nachttischschublade. „Hier.“

Adam beugte sich vor, um die Zeichnung entgegenzunehmen. Dabei streifte er Beth’ Arm.

Wieder begann ihr Herz zu hämmern! Erst jetzt bemerkte sie, dass er sich nach der Sprechstunde umgezogen hatte. Diesmal trug er helle Jeans und ein verwaschenes, ehemals schwarzes T-Shirt. Seine nackten Arme waren muskulös und sonnenverbrannt, und sie konnte nicht umhin festzustellen, wie gut ihn das legere, sportliche Outfit kleidete.

Um sich von ihren irritierenden Gedanken abzulenken, warf sie rasch einen Blick auf Hannahs Zeichnung. Auch Adam studierte das Werk und runzelte angestrengt die Stirn. Beth lachte. „Ich weiß, was es ist“, verkündete sie und kniff Hannah liebevoll in die Wange.

Hannah grinste verlegen.

„Hey, wollt ihr mich ausschließen“, beschwerte sich Adam. „Was bedeutet die Figur oben in der Ecke?“

„Das ist ein Hund“, erklärte Beth. „Hannah wünscht sich zu ihrem Geburtstag einen kleinen Hund, und in jeder Zeichnung findet sich ein mehr oder weniger versteckter Hinweis darauf!“

Adam nickte verstehend. „Sieht aus wie ein Labrador! Wann hast du Geburtstag, Hannah?“

„Nächsten Monat. Dann werde ich sieben.“

Beth drückte ihre Hand. „Wenn du noch hier bist, feiern wir deinen Geburtstag mit einer Party!“ Sie wandte sich an Adam. „Es ist üblich, dass die Schwestern und Pfleger Feste organisieren, wenn ein Kind Geburtstag hat.“

„Das ist schön“, sagte Adam. „Freust du dich darauf, Hannah?“

„Ja, aber nicht so wie letztes Jahr, als Mummy für mich und meine Schulfreunde eine Party gegeben hat.“

Noch bevor die Erwachsenen etwas sagen konnten, erschien Rose Johnson, eine der Krankenschwestern, um Hannahs Infusionsflasche zu überprüfen. „Alles okay“, sagte sie nach einer Weile und bedachte Adam mit einem neugierigen Blick.

Beth und Rose waren Freundinnen. Sie hatten sich während ihrer Schwesternausbildung kennen gelernt.

„Du hast heute noch einen Besucher, Hannah“, bemerkte Rose. „Willst du ihn nicht vorstellen?“

„Das ist Adam. Er ist ein Freund von Tante Beth.“

„Oh … ist er das?“ Rose hob erstaunt die Brauen, sodass Beth errötete! „Freut mich, Sie kennen zu lernen, Adam. Werden wir Sie jetzt öfter zu Gesicht bekommen?“

„Ja, ich habe vor, Hannah regelmäßig zu besuchen.“

„Das ist schön. Wir freuen uns über jeden Besucher!“ Sie lächelte unbefangen, nickte und setzte zu Beth’ Erleichterung ihren Weg fort.

Was immer Rose denken mochte, sie lag falsch! Auch wenn sie und Adam um Hannahs willen Freundschaft demonstrieren mussten, so waren sie in Wahrheit weit davon entfernt! Adam warf ihr und Claire vor, dass sie gemeinsame Sache gegen ihn gemacht und ihm sein Kind vorenthalten hatten!

Sie blieben noch eine Weile, aber als Hannah sichtbar müde wurde, stand Beth auf, küsste sie zärtlich auf die Wange und verabschiedete sich. „Bis Morgen, Süße. Träum was Schönes!“

„Kommst du morgen wieder, Adam?“, fragte Hannah.

„Natürlich komme ich, wenn du willst.“

„Ja!“

Adam beugte sich über das Bett und gab ihr einen Kuss. „Gute Nacht, Hannah! Ich freue mich, dass ich dich endlich persönlich kennen gelernt habe.“

Hannah lächelte, seufzte leise und schloss die Augen. Sie schlief schon, als Beth und Adam auf Zehenspitzen das Krankenzimmer verließen.

„Sie ist so klein und zart. Man könnte denken, dass ein Windhauch genügt, sie umzustoßen“, sagte Adam unterwegs zum Fahrstuhl.

„Sie ist sehr zäh“, beruhigte Beth. „Sie hat eine echte Kämpfernatur! Ich weiß es, weil ich gesehen habe, wie tapfer sie sich bisher geschlagen hat. Das hat mir immer wieder Hoffnung gegeben.“

„Aber sie hat noch einen weiten Weg vor sich. Selbst wenn die Knochenmarktransplantation hinter ihr liegt, weiß man nicht, ob sie es wirklich geschafft hat.“

„Eine Garantie kann uns niemand geben“, pflichtete Beth ihm bei, „wir müssen einfach optimistisch sein und uns immer wieder sagen, dass die Transplantation erfolgreich sein wird.“ Sie zuckte die Schultern. „Die Hoffnung ist das Einzige, was wir haben, und deshalb ist es so wichtig, sie niemals, niemals aufzugeben!“

„Sie haben recht, Beth. Die letzten Monate müssen sehr schlimm für Sie gewesen sein.“ Er sah sie prüfend an. Sie kannte den Blick. Seine blauen Augen hatten dieselbe Farbe wie Hannahs Augen. Auch Hannah, so jung sie war, hatte manchmal denselben eindringlichen Blick! Beth gestattete sich einen tiefen Seufzer.

„Leicht war es nicht“, gab sie zu. „Aber für Hannah war es noch viel schwerer. Erst hat sie ihre Mutter verloren, und dann begann auch schon der Kampf um ihr Leben.“

Adam ergriff ihre Hände und hielt sie fest. „Ja, aber Sie hatten die ganze Last der Verantwortung. Sie waren allein mit Ihrem Kummer und mit dem Albtraum dieser Krankheit. Tag für Tag! Nacht für Nacht!“ Er drückte ihre Hände. „Danke, Beth. Danke für alles, was Sie für Hannah getan haben!“

Sie entzog sich ihm und schüttelte abwehrend den Kopf. „Hören Sie damit auf, Adam, sonst könnte es passieren, dass ich die Fassung verliere, mich an Ihre Brust werfe und so lange heule, bis Sie völlig durchnässt sind!“

Er hob mit gespieltem Entsetzen beide Hände! „Bloß nicht! Nehmen Sie Rücksicht auf meine kostbare Garderobe! Ich habe nicht viel zum Wechseln. Habe ich Ihnen gesagt, dass mein Koffer unterwegs verloren gegangen ist?“

„Ja, das haben Sie!“ Beth lachte erleichtert, dankbar, dass er versuchte, die gedrückte Stimmung aufzulockern. Es war verrückt, aber plötzlich war sie froh, dass Adam da war! Die Last, die sie so lange allein getragen hatte, wog nicht mehr ganz so schwer. Neben ihr stand ein Mensch, nicht irgendein Mensch, sondern Hannahs Vater, mit dem sie jetzt ihre Sorgen und Ängste teilen konnte.

Beth lächelte immer noch, als sie um die Ecke bogen und fast mit einem Mann kollidiert wären.

„Verzeihung“, rief sie und blieb erschreckt stehen, als sie Ian Patterson, ihren Ex-Verlobten erkannte!

„Hallo, Beth! So trifft man sich wieder!“ Ian lächelte säuerlich. „Wie ist der neue Job, draußen in der Pampa? Ich nehme an, du vermisst inzwischen längst die Abwechslung der Stadt!“

„Nein! Ich bin sehr zufrieden in Winton“, antwortete sie kühl. Sie hatte Ian länger nicht gesehen, aber die Erinnerung an ihre gemeinsame Vergangenheit war immer noch schmerzlich. Nach Claires Tod hatte sie Hannah zu sich und Ian geholt, damit das Kind wieder ein liebevolles Zuhause bekam. Sie war davon ausgegangen, dass ihr zukünftiger Ehemann ebenfalls den Wunsch hatte, das verwaiste Mädchen, die Nichte seiner Verlobten, aufzunehmen. Aber sie hatte sich getäuscht!

„Hannah geht es übrigens recht gut. Die Behandlung schlägt an, und ich habe alle Hoffnung der Welt“, erklärte sie mit erhobenem Kopf. „Ich nehme an, du wolltest dich gerade nach ihr erkundigen, nicht wahr?“

„Du kennst meine Meinung zu diesem Thema“, erwiderte Ian kalt. „Wenn du dich immer noch um anderer Leute Kind kümmern willst um den Preis deines eigenen Lebens, dann ist das deine Angelegenheit. Ich muss weiter. Ich habe zu tun.“

Aber Adam kam ihm zuvor! Er stellte sich ihm wie unabsichtlich in den Weg und lächelte höflich. „Wir kennen uns noch nicht“, sagte er und streckte die Hand aus. „Ich bin Adam Knight.“

Beth sah, dass ihr Ex-Verlobter Adams ausgestreckte Hand am liebsten ignoriert hätte! Ian umgab sich nicht gern mit Leuten, die er für minderwertig hielt! Sein abfälliger Blick auf Adams verwaschenes T-Shirt sprach Bände! Notgedrungen und mit sichtbarem Widerwillen ergriff er schließlich seine Hand.

„Pardon, ich habe Ihren Namen nicht verstanden“, sagte Adam so ausgesucht höflich, dass Beth den Atem anhielt. Ian hatte nämlich nicht für nötig gefunden, sich vorzustellen!

„Ian Patterson, erster Oberarzt der Kardiologie und Stellvertretender Chefarzt!“

„Oh!“ Adam schien beeindruckt, und Ian lächelte gnädig.

Beth fühlte sich zunehmend unbehaglicher. Sie kannte Ians Neigung zur Angeberei. Er war weder einer der Oberärzte, geschweige denn der Stellvertreter des Chefs. Ian Patterson war Stationsarzt auf der Koronarstation.

„Dann tragen Sie eine große Verantwortung“, fuhr Adam fort. „Auf der Herzstation geht es doch oft um Entscheidungen, die über Leben und Tod bestimmen, nicht wahr? Das muss sehr stressig sein.“

„Daran bin ich gewöhnt“, erklärte Ian selbstbewusst. „Mir macht es nichts aus. Man muss nur die richtige Einstellung mitbringen.“

„Das müssen Sie mir näher erklären“, bat Adam mit gespielter Bewunderung. Und wieder hielt Beth den Atem an. Ians Selbstgefälligkeit war nur schwer zu ertragen.

„Nicht jedem ist es gegeben“, sagte Ian salbungsvoll. „Viele Ärzte machen den Fehler, sich emotional auf den Patienten einzulassen. Das ist grundfalsch! Für mich ist ein Patient ein Fall, den ich zu lösen habe. Alles andere ist sentimentales Gewäsch!“

„Und James ist derselben Ansicht?“, fragte Adam ruhig.

„James?“ Ian hielt verblüfft inne. „Kennen Sie etwa James Dickinson, unseren Chefarzt?“

„Ja. Habe ich das vorhin nicht erwähnt? James und ich sind gut befreundet. Wir waren vor Jahren Kollegen auf derselben Station, während unserer Assistentenzeit.“ Er lachte unbefangen. „Das verbindet! Grüßen Sie James von mir, und sagen Sie ihm, dass ich wieder zurück bin.“

„Ja … entschuldigen Sie mich, ich bin wirklich in Eile!“

Beth holte tief Luft, als sie endlich im Fahrstuhl waren. „Das hat er verdient“, erklärte sie zufrieden.

„Ganz meine Meinung“, bestätigte Adam grimmig.

„Früher ist mir Ians unerträglicher Hochmut nicht aufgefallen. Ich wusste, dass er ehrgeizig war und um jeden Preis zur so genannten besseren Gesellschaft gehören wollte, aber das habe ich eher als eine Marotte betrachtet“, gab Beth zu.

Der Fahrstuhl hielt im Erdgeschoss, und sie stiegen aus.

„Liebe macht blind, sagt man.“

Beth zuckte die Schultern. „Trotzdem kann ich heute nicht mehr verstehen, dass ich einmal mit Ian verlobt war. Ich wollte ihn heiraten!“

„Dann ist er der Mann, von dem Sie sich kürzlich getrennt haben?“

Draußen war es dunkel geworden.

„Ja. Ich war zwei Jahre mit ihm befreundet. Vor einem Jahr haben wir uns verlobt, einen Monat bevor Claire verunglückte.“ Beth starrte in die Dunkelheit. „Ich hielt mich für die glücklichste Frau der Welt, als Ian mir einen Heiratsantrag machte!“

„Was ging schief?“, fragte Adam.

„Nach Claires Tod habe ich Hannah zu uns geholt. Ian und ich hatten ein paar Monate vorher ein Haus gekauft. Wir hatten genug Platz.“ Sie zuckte die Schultern. „Ich dachte keine Sekunde, dass Ian dagegen sein könnte. Schließlich musste Hannah irgendwo wohnen.“

„An was hatte er gedacht?“

„Das weiß ich nicht. Aber er wusste, dass Claire außer mir keine Verwandten hatte. Anfangs hat er nicht viel gesagt. Hannah war nach dem Tod ihrer Mutter sehr verschlossen, und Ian hat sie kaum zu Gesicht bekommen. Ich beschloss, weniger zu arbeiten, um mehr Zeit für Hannah zu haben. Aber davon wollte Ian absolut nichts wissen! Mein Vorschlag war der Anlass zu unserem ersten großen Streit. Ian wollte nicht um des Kindes willen auf mein Ganztagsgehalt verzichten. Wir hätten unseren Lebensstil etwas einschränken müssen. Das kam für ihn nicht infrage.“ Beth schwieg.

„Und?“

„Ich wusste jetzt, dass wir ein Problem hatten“, fuhr sie fort. „Aber noch immer ahnte ich nichts von der ganzen Tragweite. Die Sache spitzte sich zu, als Hannah anfing zu kränkeln. Ian hatte für Weihnachten einen Urlaub mit Freunden geplant. Er wusste, dass ich mir Sorgen um Hannahs Gesundheit machte, aber er nahm es nicht ernst, sondern schob es auf mein übertriebenes Gluckenverhalten! Als die Diagnose feststand und Hannah umgehend in die Klinik zur Therapie eingewiesen wurde, hat er mehr Aufhebens um die angefallenen Stornogebühren der Reise gemacht als um Hannahs Gesundheit! Unglaublich, nicht wahr?“

„Unglaublich?“, wiederholte Adam mit verhaltener Wut. „Das trifft es nicht! Seine Reaktion war unbarmherzig und grausam!“ Seine Stimme zitterte vor Empörung. „Als Nächstes hat er die Verlobung aufgelöst, richtig?“

„Mehr oder weniger. Wir hatten noch eine letzte heftige Diskussion. Er sagte, dass er nicht bereit sei, für ein fremdes Kind Opfer zu bringen. Dann stellte er mir ein Ultimatum. Ich hatte die Wahl zwischen ihm und Hannah.“ Beth schnaubte verächtlich. „Wie konnte er annehmen, dass ich lange wählen müsste! Es war klar, dass ich bei Hannah bleiben würde!“

„Nicht jede Frau hätte so entschieden, Beth“, gab Adam zu bedenken. „Immerhin stand Ihre ganze Lebensplanung zur Debatte. Ein fremdes Kind ist eine Sache, ein krankes fremdes Kind …“

„Hannah ist kein fremdes Kind“, unterbrach Beth leidenschaftlich. „Hannah ist meine Nichte. Ich liebe sie, als ob sie mein eigenes Kind wäre. Und ich werde so lange für sie da sein, wie sie mich braucht.“

„Das sagen Sie jetzt. Aber was geschieht, wenn Sie wieder einen Mann kennen lernen, der so denkt wie Ian?“

Beth hob den Kopf. Es war fast dunkel, aber dennoch sah sie die Entschlossenheit in Adams Gesicht. Dieselbe Entschlossenheit, mit der er an diesem Abend in die Klinik gefahren war, um Hannah kennen zu lernen.

„Das wird nicht geschehen“, erklärte sie heftig.

„Wie auch immer“, sagte Adam. „Es ist nicht mehr Ihre Sache. Sie werden Hannahs wegen nicht mehr in einen Konflikt kommen, Beth. Denn Hannah ist nicht Ihr Kind. Sie ist meine Tochter!“

„Was wollen Sie damit sagen?“ Beth starrte ihn an.

„Damit will ich sagen, dass Sie nicht länger die Verantwortung für Hannah tragen müssen. Ich bin dankbar für alles, was Sie getan haben, Beth. Aber ich bin ihr Vater, und es ist an der Zeit, dass ich mich um meine Tochter kümmere.“ Mittlerweile hatten sie den erleuchteten Parkplatz der Klinik erreicht. „Ich habe sieben lange Jahre im Leben meiner Tochter nicht existiert. Nun will ich alles tun, um die verpasste Zeit nachzuholen.“

Beth zitterte. Sie konnte nicht fassen, was sie hörte. Was er vorhatte, war ganz und gar unmöglich! Es war der Schock, der seine Gedanken verwirrte! Sie riss sich zusammen.

„Adam, ich verstehe Sie sehr gut, und Sie müssen mir glauben, dass ich weiß, wie Ihnen zu Mute ist …“

„Das wissen Sie nicht“, unterbrach er heftig. „Sie haben sich zwar bemüht, mir die unselige Entscheidung Ihrer Schwester verständlich zu machen, aber ich sage nach wie vor, dass es für Claires Verhalten keine Entschuldigung gibt! Ich hatte ein Recht zu wissen, dass ich ein Kind habe, so wie Hannah das Recht hatte von der Existenz ihres Vaters zu erfahren!“

Beth schwieg. Er hatte ausgesprochen, was sie selbst in der Vergangenheit immer wieder gedacht hatte. Aber da war die Solidarität, zu der ihre Schwester sie verpflichtet hatte!

„Ich habe Ihnen alles erklärt“, sagte sie leise. „Claire war der Meinung, dass sie sich richtig verhalten hat.“

„Es tut mir leid, aber sie hat sich geirrt. Und nichts und niemand wird mich eines anderen belehren!“ Er öffnete die Autotür. „Es ist spät. Ich bin müde. Fahren wir nach Hause. Für heute ist genug geredet worden!“

Beth stieg ein. Adams Verbitterung war echt! Er empfand Claires Schweigen wie einen Verrat! Verrat an was? An seiner Liebe zu Claire?

Ein Verdacht erhärtete sich. Claire hatte immer nur von einer kurzen, unbedeutenden Affäre gesprochen. Vielleicht hatte das nur für sie gegolten! Vielleicht waren Adams Gefühle tiefer gewesen? Vielleicht hatte Claire die Beziehung einseitig beendet?

Das würde einiges erklären. Adam hatte Claire geliebt. Als ihre Schwester wusste, dass sie schwanger war, hatte sie sich keine große Mühe gegeben, ihn ausfindig zu machen. Unter den gegebenen Umständen hatte sie Schweigen für die bessere Lösung gehalten.

Ja, so konnte es gewesen sein! Beth holte tief Luft. Seltsamerweise fand sie keine Erleichterung. Im Gegenteil! Der Gedanke, dass Adam immer noch in Claire verliebt sein könnte, war alles andere als tröstlich!

4. KAPITEL

„Gut, Mr. Hopkins, dann steigen Sie jetzt bitte noch auf die Waage, damit ich eintragen kann, wie viel Sie in der vergangenen Woche abgenommen haben!“

Beth sah auf die Uhr. Erst zehn, und schon jetzt war sie hundemüde! Die Aufregungen des gestrigen Tages hatte sie mit einer ruhelosen Nacht bezahlt. Erst gegen Morgen war sie in einen dumpfen Schlaf gefallen. Noch war sie Adam nicht begegnet, aber sie wusste, dass sie sich spätestens in der Lunchpause treffen würden. Irgendwie würden sie zu einer Lösung kommen müssen, einer Lösung, bei der Hannahs Wohl an oberster Stelle stand!

„Eigentlich habe ich wenig Zeit, Schwester“, unterbrach Mr. Hopkins ihre Gedanken. „Ich habe heute noch viel Arbeit vor mir!“

Autor

Jennifer Taylor

Jennifer Taylor ist Bibliothekarin und nahm nach der Geburt ihres Sohnes eine Halbtagsstelle in einer öffentlichen Bibliothek an, wo sie die Liebesromane von Mills & Boon entdeckte. Bis dato hatte sie noch nie Bücher aus diesem Genre gelesen, wurde aber sofort in ihren Bann gezogen. Je mehr Bücher Sie las,...

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