Julia Ärzte zum Verlieben Band 216

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  • Erscheinungstag 02.05.2026
  • Bandnummer 216
  • ISBN / Artikelnummer 8031260216
  • Seitenanzahl 384

Leseprobe

Charlotte Hawkes, Sue MacKay, Fiona McArthur

JULIA PRÄSENTIERT ÄRZTE ZUM VERLIEBEN BAND 216

Charlotte Hawkes

1. KAPITEL

Connor Mason brachte sein Motorrad, eine beeindruckende italienische Rennmaschine, in der Parkbucht zum Stehen und blickte auf das Tal hinab zu den malerischen Häusern, die in der sommerlichen Abendröte strahlten. In diesem ganz besonderen Licht zeigten sich die idyllisch anmutenden Dörfer Upper Meadwood und Little Meadwood von ihrer besten Seite.

Die beiden Orte hatten jedoch nie einen Reiz auf Connor ausgeübt, zumindest keinen positiven. Er schloss die Finger fester um den Lenker, während er den Blick von einer Seite des Tals bis zur anderen schweifen ließ. An der Südwestseite erstreckten sich weite Wiesen mit Kühen und Schafen, während die Nord- und Ostseite noch immer von einem ausgedehnten Waldgebiet bedeckt war.

Meadwood, wo Wiesen und Wald zusammentrafen, lag zwischen zwei breiten Armen eines Flusses, der das ganze Jahr über das Ziel eifriger Fischer war. Die Postkartenhäuser mit ihren hübschen Strohdächern, die aus örtlichem Stein erbaut waren, umgaben einen großen Dorfanger, auf dem sich von Bauernmärkten, Sommerfesten und Weihnachtsmärkten bis hin zu Laufveranstaltungen das Leben abspielte.

Connor hasste dies alles. In der Stadt konnte er sich frei bewegen. Unbemerkt und anonym. An einem Ort wie diesem jedoch, wo jeder über jeden Bescheid wusste, war es unmöglich, irgendwas zu tun, ohne dass das ganze Dorf seine Meinung dazu kundtat. Welche Verachtung und Ablehnung waren ihm damals entgegengeschlagen, als er als Kind einer drogensüchtigen Mutter in dieses vermeintliche Paradies eingedrungen war. Kein Wunder, dass er diesem Dorf kurz vor seinem sechzehnten Geburtstag endgültig den Rücken gekehrt hatte. Wenn er früher hätte gehen können, hätte er es getan.

Doch jetzt war er nicht mehr das armselige, wilde Kind, das in den Augen der Dorfbewohner nichts taugte. Er musste nicht hier sein, wenn er das nicht wollte. Er brauchte nur Gas zu geben und von diesem verdammten Ort wegzufahren, und niemand würde je erfahren, dass er zurückgekommen war. Doch das würde auch bedeuten, dass er Vivian nicht sehen konnte.

Vivian. Seine ehemalige Pflegemutter war der einzige Mensch, dem er je etwas bedeutet hatte. Seine leibliche Mutter hätte nicht einmal bemerkt, ob er da war oder nicht, wenn sie ihn nicht schon als kleines Kind für ihre zahlreichen Diebstähle missbraucht hätte.

Mutterliebe kannte Connor nicht. In seiner frühen Kindheit hatte er nie erfahren, wie es war, geliebt und umsorgt zu werden – bis Vivian ihn bei sich aufgenommen hatte. Von dem Tag an, an dem er als verwahrloster und unterernährter Sechsjähriger zu ihr gekommen war, bis zu dem Tag, an dem er mit fünfzehn Jahren und zehn Monaten wieder ausgezogen war, um zur Armee zu gehen, hatte er erfahren dürfen, was es bedeutete, ein Zuhause und einen Menschen zu haben, der sich um ihn kümmerte und für ihn sorgte.

Was auch immer geschah, Vivian war die Einzige, die immer bedingungslos hinter ihm stand, das wusste er. Schon damals hatte sie sich von niemandem beirren lassen, der schlecht über ihn geredet hatte und der Meinung gewesen war, sie verschwende nur ihre Zeit mit einem so unnützen Jungen wie ihm.

Connor musste unwillkürlich lächeln, wenn er an Vivian dachte. Die sonst so ruhige, sanftmütige und fürsorgliche Frau konnte regelrecht zur Furie werden, wenn jemand eines ihrer Pflegekinder schlecht behandelte, das hatte er selbst so manches Mal miterlebt.

Von ihrer schlechten gesundheitlichen Verfassung hatte sie ihm jedoch nichts erzählt, und Connor war froh, dass er es vor einigen Monaten über die Witwe seines ehemaligen Armeekommandanten erfahren hatte, der einst einer von Vivians Kontakten für ihre Pflegekinder gewesen war. Connor verdankte Vivian alles, und jetzt brauchte sie ihn. Und das bedeutete, dass es keine Option war, umzukehren und wieder wegzufahren.

Verdammt!

Connor gab etwas Gas und wollte gerade aus der Parkbucht fahren, als plötzlich ein lautes Rattern die Stille durchbrach und ein alter Pick-up vor ihm aus der Senke auftauchte. Das Fahrzeug fuhr in rasender Geschwindigkeit die schmale, kurvenreiche Landstraße bergauf – und zwar auf der falschen Straßenseite – und steuerte direkt auf Connor zu.

Er reagierte blitzschnell und lenkte sein Motorrad in den Graben, kurz bevor der Pick-up an ihm vorbeirauschte. Nur wenige Sekunden später geriet der Wagen von der Straße ab und landete etwa zwanzig Meter weiter ebenfalls im Graben.

Connor rappelte sich auf, zog seinen Helm ab und verspürte einen Schmerz im rechten Bein, den der leichte Sturz verursacht hatte. Wahrscheinlich hatte er sich eine Prellung zugezogen, doch das spielte im Moment keine Rolle. Er hatte den Fahrer hinter dem Steuer gesehen. Es war ein alter Mann, und Connor hatte das Gefühl, dass mit ihm etwas nicht stimmte.

Schnell eilte er zur Unfallstelle, und Adrenalin schoss durch seinen Körper, als er den alten Pick-up sah. Das Heck ragte aus dem Graben, ein Rad streifte gerade noch die Straße, das andere hing in der Luft. Und noch etwas nahm Connor sofort wahr, während er auf den Wagen zuging – den Geruch von brennendem Öl.

Er hastete zur Fahrertür und blickte durch das Fenster. Der Fahrer war bewusstlos, seine Stirn lag auf dem Lenkrad, und er blutete am Kopf. Connor war sich ziemlich sicher, dass der Mann zum Zeitpunkt des Unfalls bereits ohnmächtig gewesen war, vielleicht hatte er einen Herzinfarkt erlitten.

Connor packte den rostigen Griff der Autotür und versuchte sie aufzureißen. Das Metall knarrte, doch die Tür ließ sich nicht öffnen, da der Fahrzeugrahmen durch den Aufprall völlig verzogen war. Connor versuchte es noch einmal, vergebens. Kurz überlegte er, die Scheibe einzuschlagen, verwarf dann aber den Gedanken, denn die Scherben hätten den Bewusstlosen treffen und ihn noch mehr verletzen können.

Fluchend schwang Connor sich über die Motorhaube auf die andere Seite. Der Wagen lag so schräg im Graben, dass jeder Versuch, die Beifahrertür zu öffnen, ebenso aussichtslos sein würde. Also blieb nur eine Möglichkeit, nämlich, das Fenster einzuschlagen.

Connor holte tief Luft, drehte den Kopf zur Seite und schlug die Scheibe mit dem Ellenbogen ein. Dann stieg er vorsichtig durch das Fenster auf den schmutzigen Beifahrersitz.

Sofort nahm er den unangenehmen Geruch von Alkohol wahr, noch beunruhigender aber war der beißende Geruch von auslaufendem Benzin. Er musste den alten Mann da rausholen, und zwar schnell!

„Hey!“, rief Connor laut, während er den Puls des Mannes fühlte. „Können Sie mich hören?“

Der Mann reagierte nicht, und Connor überlegte fieberhaft, wie er ihn aus dem Fahrzeug schaffen sollte. Schließlich lehnte er sich im Sitz zurück, streckte vorsichtig ein Bein über dem Verletzten aus und trat kräftig gegen die Fahrertür, die tatsächlich mit einem ächzenden Geräusch nachgab.

Connor stieg, so schnell er konnte, durch das Fenster wieder aus, lief um den Wagen herum und schaffte es nun, die Fahrertür ganz aufzureißen. Dann griff er dem Mann unter die Arme, um ihn herauszuziehen.

„Halt, warten Sie!“

Connor hob den Kopf und sah eine Joggerin den Hügel hinunter auf ihn zulaufen. Er kniff die Augen zusammen – und hatte plötzlich das Gefühl, als würde er vom Blitz getroffen. Die junge Frau hatte langes, blondes Haar, das zu einem Pferdeschwanz gebunden war, und war zweifellos hübsch, jedoch nicht so auffallend schön, dass Connor sich seine starke Reaktion auf sie erklären konnte. Sein Herz begann heftiger zu schlagen, und er fühlte sich auf einmal wie gebannt.

Und das auch noch in Meadwood!

Ärgerlich schob er das verwirrende Gefühl beiseite und konzentrierte sich erneut auf den Verletzten.

„Lassen Sie ihn, wie er ist“, wies die junge Frau ihn an, als sie schließlich bei ihm war. „Ich habe schon einen Notruf abgesetzt, ein Rettungshubschrauber und die Feuerwehr sind unterwegs.“ Sie schob ihr Handy zurück in die Hosentasche. „Sie dürfen den Mann nicht bewegen, bevor wir wissen, ob er schwerere Verletzungen hat.“

„Das ist mir schon bewusst“, erwiderte Connor grimmig, da er es nicht gewohnt war, Anweisungen von fremden Menschen entgegenzunehmen, und schon gar nicht, wenn er gerade dabei war, einen Verletzten zu bergen.

„Dann warten Sie bitte, bis ich ihn mir angesehen habe, ich bin Ärztin.“

Sie sah ihn an, und der Blick in ihre atemberaubenden Augen traf Connor wie ein zweiter Blitz. Sie leuchteten so faszinierend wie das Blau des Morpho-Schmetterlings, den er auf seinen Reisen durch Südamerika gesehen hatte.

Woher, zum Teufel, kam dieser absurde Gedanke? Connor zwang sich, sich wieder auf den Verletzten zu konzentrieren, doch die Frau hatte sich schon über ihn gebeugt.

„Lester? Ich bin’s, Nell. Hörst du mich?“

Lester?

Der Name löste eine Welle heftiger und gleichsam unerwünschter Emotionen bei Connor aus. Das war Lester Jones? Der alte Farmer Jones? Einer der Dorfbewohner, die Connors Kindheit in Meadwood noch schlimmer gemacht hatten, als sie ohnehin gewesen war? Der Mann, der ein ganzes Jahrzehnt damit verbracht hatte, ein bösartiges Gerücht nach dem anderen über das armselige Kind zu verbreiten, das Vivian Macey bei sich aufgenommen hatte?

Connor hatte aufgehört zu zählen, wie viele feindliche Kämpfer er in den letzten zehn Jahren gerettet hatte, doch er hätte jeden von ihnen Lester Jones vorgezogen. Ein Glück für diesen Mann, dass er, Connor, den hippokratischen Eid geschworen hatte!

Die Frau namens Nell blickte zu ihm auf. „Würden Sie ihn bitte loslassen?“

„Nein.“ Connor wusste nicht, warum es ihm so schwerfiel, ruhig zu bleiben, denn normalerweise behielt er in Stress- und Gefahrensituationen immer einen kühlen Kopf. „Riechen Sie das nicht?“

Sie hielt kurz inne und runzelte die Stirn. „Diesel?“

„Ja. Der Tank scheint auszulaufen. Bei dem schweren Motorschaden kann er jederzeit in die Luft gehen. Deshalb gehen Sie jetzt besser weg.“

„Ganz bestimmt nicht, wir ziehen ihn gemeinsam raus. Sie heben ihn an, und ich packe seine Beine.“

„Haben Sie mich nicht verstanden?“, fragte Connor ärgerlich. „Sie müssen aus der Gefahrenzone gehen, der Tank kann jeden Moment hochgehen.“

„Vergessen Sie’s. Wir machen das zusammen.“

Connor atmete tief ein. Sosehr es ihn auch fuchste, dass diese Frau nicht machte, was er sagte, so sehr beeindruckte sie ihn auch mit ihrem Selbstbewusstsein und ihrer Entschlossenheit. Und sie hatte recht. Gemeinsam war es auf jeden Fall leichter, den Verletzten aus dem Wagen zu ziehen.

„Also gut. Auf der Rückbank hab ich eine Decke gesehen, würden Sie die bitte holen? Die können wir als eine Art behelfsmäßige Trage benutzen.“

„Okay.“ Nell folgte seiner Aufforderung, breitete die alte Decke auf dem Kiesboden aus und kam dann zurück zu Connor. „Sind Sie bereit?“

Connor nickte. „Auf drei. Eins, zwei, drei!“

Vorsichtig zogen sie den Bewusstlosen aus dem Wagen, legten ihn auf die Decke und zogen ihn dann etwa zehn Meter von der Unfallstelle weg. Dann untersuchten sie den Mann gemeinsam, und Connor stellte erleichtert fest, dass sein Zustand besser als befürchtet war. Auch sein Puls war inzwischen wieder kräftiger geworden.

„Atmung und Puls scheinen in Ordnung zu sein, er hat keine Knochenbrüche, und es gibt im Moment noch keine Anzeichen für innere Blutungen“, erklärte Connor. „Er müsste aber besser stabilisiert werden.“

„Ich weiß. Der Rettungshubschrauber muss jeden Moment kommen, die Basis ist nur dreißig Meilen Luftlinie von hier entfernt.“

Connor sah sie an, und wieder löste der Blick in ihre tiefblauen Augen ein seltsames Prickeln bei ihm aus.

Er räusperte sich, um seine Gefühle zu verbergen. Dann blickte er erneut zum Unfallwagen. Der ausströmende Dieselgeruch wurde immer stärker, und Connor wusste, dass es jetzt gefährlich werden konnte. „Wir sollten ihn noch weiter wegbringen, der Tank kann jeden Moment explodieren.“

Nell nickte. „Okay.“

Sie packten die Decke an beiden Enden und zogen den Verletzten bis zu der Stelle, an der Connors Motorrad lag. Kaum waren sie dort angekommen, ertönte eine laute Explosion, und der Pick-up ging in Flammen auf.

„Puh, das war knapp“, meinte Nell und sah Connor an. „Gute Arbeit.“

„Wir müssen den Mann stabilisieren, bis der Helikopter kommt“, sagte er, ohne auf das Kompliment einzugehen. „In meinem Motorradkoffer ist eine medizinische Notfalltasche, ich hole sie gleich.“

In den nächsten zehn Minuten arbeiteten sie schnell und effizient zusammen und versorgten den Verletzten, so gut es mit den Mitteln ging, die ihnen zur Verfügung standen. Währenddessen konnte Connor nicht umhin, die junge Ärztin namens Nell verstohlen zu betrachten. Ihre ruhige, besonnene Art und ihr kompetentes Handeln beeindruckten ihn sehr, und er war überrascht, dass ihre Zusammenarbeit so gut klappte, obwohl sie sich überhaupt nicht kannten. Als der Rettungshubschrauber wenig später auf dem Feld neben ihnen landete, war Connor sicher, dass der alte Mann diesen Unfall überstehen würde.

„Connor Mason, Unfallchirurg“, stellte er sich dem Rettungssanitäter vor, der zuerst zur Stelle war „Männlicher Patient, etwa Mitte siebzig, ist vor einer knappen halben Stunde bei hoher Geschwindigkeit von der Straße abgekommen und in den Graben gefahren. Er war schon vor dem Unfall bewusstlos.“

Der Sanitäter zog erstaunt die Brauen hoch. „Wie kommen Sie darauf?“

„Weil er mich fast umgefahren hätte. Er kam mir frontal auf der falschen Straßenseite entgegen, und ich habe es gerade noch geschafft, mein Motorrad in den Graben zu lenken. Als er dann an mir vorbeigerauscht ist, habe ich gesehen, dass sein Kopf auf dem Lenkrad lag.“

„Er hat eine Platzwunde auf der Stirn, was bedeutet, dass eine schwerere Kopfverletzung nicht ausgeschlossen werden kann“, fügte Nell hinzu.

„Haben Sie ihn aus dem Wagen geholt und hierhergebracht?“, fragte der Sanitäter, während er sich neben Lester auf den Boden kniete, um selbst eine erste Einschätzung vorzunehmen.

„Ja. Ich hielt es für besser, ihn von der Unfallstelle wegzubringen, weil Diesel aus dem Fahrzeug ausgelaufen ist. Kurz darauf ist der Tank tatsächlich explodiert.“

Der Sanitäter nickte und gab alle Informationen an den Arzt weiter, der inzwischen herbeigeeilt war. Connor wollte noch etwas sagen, doch Nell legte ihre Hand auf seinen Arm.

„Jetzt sind die anderen dran. Sie haben gute Vorarbeit geleistet, aber das ist jetzt nicht mehr Ihr Patient.“

Connor zögerte ein paar Sekunden, dann nickte er, denn sie hatte recht. Er trat zurück und sah schweigend zu, wie der Arzt den Verletzten untersuchte und schließlich bestätigte, dass er stabil genug für den Transport sei. Dann wurde er auf die Trage gelegt und in den Hubschrauber transportiert.

„Sie sind es nicht gewöhnt, die Führung abzugeben, stimmt’s?“, fragte Nell, als das Rettungsteam schließlich außer Hörweite war.

„Stimmt, ich nehme die Dinge lieber selber in die Hand“, gab Connor unumwunden zu und fragte sich gleichzeitig, wie er dazu kam, einer völlig Fremden so etwas Persönliches von sich preiszugeben. Sonst machte er das nie, noch nicht einmal bei seinen ärztlichen Kollegen.

Während sie zusahen, wie der Helikopter mit lautem Surren der Rotoren abhob, kam das nächste eigenartige Gefühl in Connor auf. Er fand es schade, dass er sich von dieser bemerkenswerten Frau nun trennen musste.

„Puh, so habe ich mir meinen Samstagnachmittag nicht vorgestellt“, sagte sie und seufzte.

„Ich mir meinen auch nicht.“ Connor zögerte kurz, dann gab er sich einen Ruck und fragte: „Darf … ich Sie zu einem Drink einladen?“

„Oh, das … ist sehr nett, aber ich kann leider nicht. Ich müsste eigentlich schon längst woanders sein. Ich muss jetzt wirklich gehen.“

„Kein Problem.“ Connor zwang sich zu einem Lächeln, obwohl er enttäuscht war, dass sie seine Einladung ausgeschlagen hatte. Tatsächlich hätte er gern den Abend in einer gemütlichen Kneipe mit ihr verbracht, um mehr über sie zu erfahren.

Aber warum wollte er das überhaupt? Weshalb interessierte diese Frau ihn eigentlich so sehr?

Connor verdrängte die Gedanken und ging zu seinem Motorrad, und Nell folgte ihm. Zum Glück hatte die Maschine den Sturz fast unbeschadet überstanden, lediglich ein paar kleine Dellen und Kratzer waren an einer Flanke zu erkennen.

Connor hob die schwere Maschine auf und setzte seinen Helm auf. „Ich würde Sie ja gerne mitnehmen, aber leider habe ich keinen zweiten Helm dabei.“

Wieder wunderte er sich über sich selbst. Bisher hatte er noch niemandem angeboten, auf seinem Motorrad mitzufahren. Es gehörte nur ihm allein, er wollte es mit niemandem teilen.

„Das macht nichts, ich habe es nicht weit.“ Nell verlagerte ihr Gewicht von einem Fuß auf den anderen, als würde sie sein Angebot, noch etwas mit ihm trinken zu gehen, doch noch überdenken. „Und Sie?“, fragte sie dann. „Wo fahren Sie jetzt hin?“

Connor spannte unwillkürlich die Muskeln an, denn er mochte es nicht, wenn man ihm so direkte Fragen stellte. Außerdem war er hier, um Vivian zu sehen, und nicht, um eine Frau kennenzulernen, sei sie auch noch so attraktiv. „Ich … bin hier, um jemanden zu besuchen“, antwortete er deshalb ausweichend.

„Okay, dann … viel Spaß dabei.“ Nell lächelte ihn an, dann joggte sie davon, den Hügel hinunter in Richtung Little Meadwood.

Während Connor ihr nachsah, schossen ihm zig Gedanken durch den Kopf. Wie kam er nur dazu, eine wildfremde Frau zu einem Drink einzuladen? Es musste an diesen irrationalen Gefühlen liegen, die ihn bei ihrem Anblick überfallen hatten. Er konnte sich nicht erinnern, jemals eine so starke Anziehungskraft zu einer Frau verspürt zu haben, und dass das ausgerechnet hier passierte, war besonders aufwühlend.

Connor hasste Little Meadwood, und er war für das Landleben einfach nicht geschaffen. Er fand es langweilig, kleinbürgerlich und ereignislos, das genaue Gegenteil von dem Leben, das er in der Stadt führte. Er suchte den Nervenkitzel, war risikofreudig und liebte Herausforderungen.

Doch es ging um viel mehr als nur um das.

So schön das malerische Little Meadwood auch aussah, Connor wusste, dass das alles nur Fassade war. Ein bloßer Schleier, mit dem die Menschen sich umgaben, die ihm nie wirklich das Gefühl gegeben hatten, dazuzugehören. Jedem alten Säufer oder Kleinkriminellen wurden seine Sünden vergeben, nur, weil er in diesem Dorf geboren und aufgewachsen war, während Neuankömmlinge, wie Connor es als Sechsjähriger gewesen war, der einfach nur einen schlechten Start ins Leben gehabt hatte, immer mit Argwohn und Misstrauen beobachtet wurden.

Wieder einmal wurde ihm bewusst, dass der Schmerz und der Groll von damals noch immer in ihm brodelten, nach all den Jahren. Oder vielleicht war es eher Angst, die ihm zu schaffen machte. Angst, sich zu sehr an das traurige, verlorene Kind zu erinnern, das er einst gewesen war.

Als er dieses Dorf vor zwanzig Jahren verlassen hatte, um der Armee beizutreten, hatte er sich geschworen, nie wieder hierher zurückzukehren, und an diesen Schwur hatte er sich lange Zeit gehalten. Er hatte die ganze Welt bereist, von Zypern bis Belize, vom Irak bis in die USA, und war dabei nie zu lange an einem Ort geblieben. Er hatte das Leben von zehn anderen Männern gelebt, vielleicht sogar von hundert. Und er hatte seine bittere, schmutzige Kindheit tief in der Vergangenheit vergraben, wo sie hingehörte.

Bis jetzt.

Bis zu dem unerwarteten Telefonat, bei dem er von Vivians schwerer Krankheit erfahren hatte. Der Gedanke, dass diese unvergleichliche Frau bald nicht mehr am Leben sein würde, legte sich wie eine eiserne Klammer um sein Herz und machte ihm das Atmen schwer.

Mit einem kräftigen Tritt warf Connor sein Motorrad an, und das Brummen hallte durch das Tal, während er auf der engen, kurvenreichen Straße bis ins Dorf hinunterfuhr.

In die Hölle, durch die er zehn Jahre lang gegangen war.

2. KAPITEL

Nell ging aufgewühlt in Vivians Wohnzimmer auf und ab. Seit ihrer Begegnung mit Connor Mason konnte sie kaum an etwas anderes mehr denken. Es war unfassbar, welch starke Wirkung dieser Mann auf sie gehabt hatte. Wie breitschultrig, wie männlich, ja, wie unverschämt gut er aussah. So gut, dass allein der Gedanke an ihn ihr Herz schneller schlagen ließ.

Was in aller Welt war nur los mit ihr? Sie hatte doch noch nie so reagiert, wenn sie einem attraktiven Mann begegnet war. Irgendwie fühlte es sich an, als hätte Connor etwas Neues in ihr geweckt, etwas, das sie mit ihren dreiunddreißig Jahren noch nie bei sich erlebt hatte.

Wie sonst sollte sie sich ihre Reaktion auf ihn erklären? Dort draußen an der Unfallstelle hätte sie sich nur auf den verletzten Lester konzentrieren sollen. Stattdessen war sie sich Connor Masons Nähe nur zu sehr bewusst gewesen. Schon seine bloße Anwesenheit hatte die Luft zwischen ihnen zum Vibrieren gebracht.

Wieder dachte Nell daran, wie die schwarze Motorradlederhose seine kräftigen Beine wie eine zweite Haut umschlossen hatte und wie verwegen sein leicht zerzaustes dunkles Haar ihn hatte aussehen lassen.

Ärgerlich schüttelte sie den Kopf. Sie wollte sich nicht zu einem heißen Biker Boy hingezogen fühlen, der, sobald er seine Pflicht bei Vivian erfüllt hatte, vermutlich genauso schnell aus ihrem Dorf verschwunden sein würde, wie er gekommen war.

Dennoch konnte sie die Auswirkungen ihrer zufälligen Begegnung nicht abschütteln. Obwohl sie nun schon seit über einer Stunde zu Hause war, waren ihre Nerven immer noch angespannt. Jedes Mal, wenn sie draußen ein Motorengeräusch hörte, sah sie aus dem Fenster in der Hoffnung, dass es Connor war.

Nell seufzte auf. Sie wusste, dass es lächerlich war, aber sie konnte einfach nicht aufhören, an ihn zu denken. Sie fühlte sich … irgendwie merkwürdig. Voller Unruhe und so ganz anders als sonst, und das lag nur an Connor Mason.

Es war die Art, wie er aussah, mit seinem markanten Gesicht, den rauchgrauen Augen und der Wahnsinnsfigur. Oder die Art und Weise, wie er sich bewegte, so geschmeidig, selbstbewusst und männlich. Vielleicht waren es aber auch die Geschichten, die sie in den letzten zwanzig Jahren von Vivian über ihn gehört hatte, kombiniert mit dem Schock, ihm völlig unerwartet persönlich zu begegnen.

Was auch immer es war, die Wirkung war so heftig gewesen, dass ihr Herz sogar jetzt noch kräftig pochte. Fast fühlte sie sich wie in einem Rausch, der von ihr Besitz ergriffen hatte.

Andererseits war es lächerlich zu glauben, dass ein Mann wie Connor Mason jemanden wie sie überhaupt ansehen würde, denn er war eindeutig all das, was sie nicht war: selbstbewusst, verwegen und unverschämt sexy.

Nell blieb an der Kommode stehen und griff nach dem Bild des sechzehnjährigen Connor in Militäruniform. Ein Foto, das Vivian geschossen hatte, als er das letzte Mal hier gewesen war, und einige Monate, bevor Nell als kürzlich verwaiste Dreizehnjährige bei ihr eingezogen war. Obwohl sie Connor nie kennengelernt hatte, war er für sie nie wirklich ein Fremder gewesen, da sie seine Entwicklung in den vergangenen zwanzig Jahren durch Vivians Erzählungen hatte verfolgen können.

Die Liebe und der Stolz, die sie für alle ihre Pflegekinder empfand, waren offensichtlich, am meisten jedoch in Bezug auf Connor, der fast zehn Jahre lang in ihrer liebevollen Obhut gewesen war. Überall im Cottage hingen Fotos von ihren Schützlingen, die sie im Lauf der Jahrzehnte betreut hatte – darunter auch eins von Nell, als sie ihren Abschluss als Ärztin gemacht hatte. Es tat jedem Pflegekind gut zu sehen, wie viel sie ihrer unendlich fürsorglichen und gütigen Pflegemutter bedeuteten.

Jedem in Meadwood hatte Vivian voller Stolz erzählt, wie gut es ihren ehemaligen Schützlingen ging, und Connor Mason war da keine Ausnahme. Er war ein karrierebewusster, engagierter Unfallchirurg geworden, der die Welt bereist und sein Handwerk unter anderem auch in verschiedenen Kriegsgebieten erlernt hatte. Nell kannte die Geschichten fast auswendig. Trotzdem, ihn heute persönlich zu erleben, zu sehen, wie zielstrebig und konzentriert er gehandelt und dem alten Lester Jones das Leben gerettet hatte, löste etwas in ihr aus, das sie tief berührte.

Connor Mason hatte etwas Magisches an sich, das sie so noch nie bei einem Mann gesehen und das sie sofort angezogen hatte. Vielleicht waren es seine ausdrucksvollen grauen Augen oder die Art und Weise, wie er sie angeschaut hatte – mit einem Hauch von Neugier und etwas anderem, das sie nicht so recht zu deuten wusste und das sie zittrig und schwindelig werden ließ.

Nell atmete tief ein und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Sie musste sich auf Vivian konzentrieren, nicht auf diesen mysteriösen, attraktiven Connor. Sie war hier, um sich um ihre geliebte Pflegemutter zu kümmern, so wie diese sich all die Jahre um sie gekümmert hatte.

Doch als sie in die Küche ging, um für sich und Vivian Tee zu kochen, spürte sie schon wieder Schmetterlinge im Bauch, denn jeden Moment würde Connor auftauchen. Nell konnte sich des Gefühls freudiger Erregung nicht erwehren, auch wenn sie wusste, dass er nur Vivians wegen herkam und nicht, um mit ihr oder irgendjemand anderem Zeit zu verbringen.

Als es schließlich läutete, zuckte sie zusammen, obwohl sie wusste, dass Vivian heute Abend auch noch zwei ihrer anderen ehemaligen Pflegekinder erwartete. Mit klopfendem Herzen ging sie zur Tür, und als sie öffnete und Ruby und Ivan vor ihr standen, versuchte sie sich einzureden, dass ihre Enttäuschung darüber, dass es nicht Connor war, einzig und allein Vivian galt. Und nicht, weil sie, Nell, ihn wiedersehen wollte.

Connor war das Gefühl des Unbehagens nicht losgeworden, während er auf Little Meadwood zusteuerte. Es hatte so sehr an ihm genagt, dass er zuerst durch das Dorf hindurch und in die nächste Grafschaft gefahren war. Er wollte Vivian treffen, doch er wollte nicht nach Little Meadwood. Nicht einmal, wenn er dadurch vielleicht die Chance bekam, diese faszinierende junge Ärztin namens Nell wiederzusehen.

Schließlich hatte er sich dazu gezwungen, kehrtzumachen und zurückzufahren, denn es half ja nichts. Vivian erwartete ihn, und er wollte sie auf keinen Fall enttäuschen.

Als er schließlich vor ihrem Cottage am Ortsrand hielt, kam eine Welle von Erinnerungen in ihm auf. Das Haus sah noch genauso aus wie damals. Klein und beschaulich, mit einem urtümlichen Strohdach und blau gestrichenen Holzfensterrahmen. Vivians wunderschöner Garten war so farbenprächtig wie eh und je, und Connor hatte das Gefühl, in die Vergangenheit zurückversetzt zu werden. Für einen Moment vergaß er, warum er hier war, dann holte er tief Luft, stieg vom Motorrad ab, zog Helm und Handschuhe aus und ging über den Kiesweg zum Haus.

Plötzlich fiel ihm ein bemalter Stein am Wegrand auf, und er blieb stehen. Wie hatte er die niedliche Steinfroschfamilie vergessen können? Vivian hatte jedes Pflegekind dazu ermutigt, sich einen eigenen Stein auszusuchen und zu bemalen – einen grünen, gelben oder blau-roten Frosch, ganz egal – und ihn dann irgendwo im Vorgarten aufzustellen. Die Idee dahinter war, dass jedes ihrer Pflegekinder wissen sollte, dass Vivian immer an sie denken würde. Dass Kinder, wie er eins gewesen war, sich an dem Gedanken festhalten konnten, dass sie hier eine Art Familie hatten.

Natürlich hatte er sich zuerst dagegen gewehrt und schließlich einen schwarz-orangenen Pfeilgiftfrosch gemalt – seine Art, andere zu warnen, sich von ihm fernzuhalten. Daraufhin hatte Vivian eine Bromelie auf einen anderen Stein gemalt und ihn neben seinen gelegt, und dann hatte sie ihm die symbiotische Beziehung zwischen den beiden erklärt und dass Pfeilgiftfrösche oft in Bromelien, diesen trichterförmigen Pflanzen, ihre Larven ablegten. Es war das erste Mal in seinem Leben gewesen, dass Connor sich von einem Menschen wirklich ernst genommen und verstanden fühlte.

Es war seltsam, wieder hier zu sein, an diesem Ort, der einem Zuhause am nächsten kam. Connor hielt noch einen Moment inne, dann ging er weiter auf die Haustür zu, als ihm ein vertrauter Duft entgegenkam. Brombeeren! Wie automatisch griff Connor über die Mauer und pflückte ein paar pralle, saftige Beeren von dem verlockenden Brombeerstrauch des Nachbarn, der schon immer dort gewesen war. Wie oft hatte ihn der alte Luddlington damals angeschrien, weil er heimlich Brombeeren oder Äpfel aus seinem Garten gepflückt hatte.

Ob der alte Mann noch lebte? Connor schob sich die Brombeeren in den Mund und nahm sich einen Moment Zeit, um den süßsauren Geschmack zu genießen. Und dann kam eine weitere Erinnerung zurück. Wieder an Vivian und das erste Mal, als sie ihn zum Brombeerpflücken in die dichten Hecken bei den Feldern der Bauern mitgenommen und ihm danach gezeigt hatte, wie sie ihre leckere Brombeermarmelade machte. Sie hatte ihm an diesem Nachmittag mehr über die Natur beigebracht als irgendjemand sonst in seinem Leben. Es war der Tag, an dem er seine Liebe zur Natur entdeckt hatte, was ihn später dazu führte, Survival-Kurse in der Wildnis zu belegen und schließlich zur Armee zu gehen. Vivian hatte ihm an diesem Tag wahrscheinlich das Leben gerettet. Ohne sie hätte er seine Freizeit zweifellos mit zunehmend kriminellen Aktivitäten verbracht, anstatt Baumhäuser und Höhlen zu bauen und zu lernen, sich in der Natur zurechtzufinden.

Connor schritt den Rest des Weges entlang und klopfte schließlich an die Haustür. Doch als sie Sekunden später aufschwang und ihm ein zauberhaftes Gesicht entgegenblickte, hatte er das Gefühl, als träfe ihn ein elektrischer Schlag. Connor brauchte einen Moment, um zu begreifen, wer da vor ihm stand, und einen weiteren, um sich zu sammeln.

„Sie?“, brachte er hervor, und seine eigene Stimme kam ihm dabei fremd vor. Doch jetzt war es zu spät, um kehrtzumachen und wegzulaufen.

„Ja, ich. Und ich heiße Nell.“ Sie blickte nun so grimmig drein, als ob sie glaubte, er hätte ihren Namen schon vergessen.

Das hatte er natürlich nicht, denn die Wirkung, die diese Frau auf ihn gehabt hatte, war gigantisch. Die Empfindungen, die sie in ihm auslöste, waren so irrational und heftig, dass er nicht mehr klar denken, geschweige denn sprechen konnte. Und er hasste sich selbst für diesen Kontrollverlust.

Connor stand nur da und starrte sie an. Sie trug jetzt keine Laufklamotten mehr, sondern ein dunkelblaues T-Shirt mit V-Ausschnitt, das sich an ihre weiblichen Formen schmiegte und den Farbton ihrer schönen Augen noch verstärkte. Augen, die noch genauso fesselnd und lebendig waren wie ein paar Stunden zuvor.

Im sanften Licht des Abends wirkte ihr Haar honigfarben und ihre Haut seidig. Ob sie sich wohl genauso zart anfühlte, wie sie aussah? Connor schob die Hände in die Taschen seiner Lederjacke, um sich davon abzuhalten, Nell zu berühren. Dabei versuchte er, den Blick nicht zu ihrem sündhaft einladenden Mund wandern zu lassen, zu diesen vollen Lippen, die einen sanften Glanz aufwiesen, der ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ so wie die Beeren von vorhin. Bestimmt schmeckten diese Lippen noch viel besser als die süßesten Beeren, die er je gekostet hatte …

Plötzlich schrien ein paar Kinder vom Spielplatz unten auf der Wiese, und der Zauber war gebrochen. Wenigstens konnte er jetzt wieder denken. Was auch immer der Grund für die Anziehungskraft dieser Frau war, sie war völlig unangebracht, und Connor weigerte sich, ihr nachzugeben. Er verdrängte all die verwirrenden Gedanken, setzte ein höfliches Lächeln auf und streckte ihr die Hand entgegen.

„Ich glaube, ich sollte mich diesmal richtig vorstellen. Ich bin Connor Mason, eins von Vivians ehemaligen Pflegekindern, und ich nehme an, Sie sind ihre Ärztin?“

„Ich weiß, wer Sie sind.“

Nell versuchte krampfhaft, ihre Nervosität zu verbergen. Es war eine Sache, an der Seite dieses verboten attraktiven Mannes einen Verletzten zu versorgen, aber eine ganz andere, ihm jetzt privat gegenüberzustehen. Seine Größe füllte den ganzen Türrahmen aus, mit Schultern, die so breit waren, dass Nell spontan Lust bekam, sich in seine Arme zu schmiegen. Wie oft hatte sie sich seine Fotos in Vivians Alben angesehen und sich gefragt, wie dieser Mann wohl in Wirklichkeit aussehen mochte?

„Und ich bin nicht Vivians Ärztin“, beantwortete sie schließlich seine Frage und trat zur Seite, um ihn hereinzulassen.

„Nicht?“

„Nein“, sagte sie schroff, weil sie spürte, wie sehr dieser Mann ihr unter die Haut ging. „In Anbetracht der Tatsache, dass Sie fast zwanzig Jahre weg waren, bin ich mir nicht sicher, ob Sie das Recht haben, hier hereinzuplatzen und zu fragen, wer jeder ist und was er hier tut.“

Sein ernster Blick verwandelte sich in einen amüsierten. „Erstens bin ich nicht hereingeplatzt, und zweitens habe ich nicht gefragt, wer jeder ist“, betonte er. „Ich habe lediglich gefragt, wer Sie sind.“

Die Frage war berechtigt, das musste sie zugeben. Doch warum reagierte sie dann so gereizt, was völlig untypisch für sie war? „Ich … Also, ich war auch eines von Vivians Pflegekindern.“

„Tatsächlich?“

„Ja, fünf Jahre lang, von meinem dreizehnten bis zum achtzehnten Lebensjahr. Ich kam ein paar Monate, nachdem Sie weggegangen sind. Vivian hat oft über Sie gesprochen.“

„Dann wussten Sie also schon vorhin an der Unfallstelle, wer ich bin?“

„Nicht sofort, ich war zu sehr mit Lester beschäftigt. Erst als ich wieder zu Hause war, ist es mir bewusst geworden.“

Connor sagte dazu nichts, und Nell atmete tief durch. „Hören Sie, Vivian hat sich vorhin ein bisschen hingelegt, aber sie müsste jeden Moment runterkommen. Möchten Sie schon mal ins Wohnzimmer gehen?“

Sie wies auf den schmalen Flur und war froh, dass Connor ihrer Aufforderung folgte, denn einen Moment lang hatte sie befürchtet, er würde sich umdrehen, sich auf seine Rennmaschine schwingen und wieder davonrauschen. Dann schloss sie hinter ihm die Tür und folgte ihm den Flur entlang ins Wohnzimmer.

„Ruby und Ivan sind auch schon da. Beide waren auch Pflegekinder von Vivian.“

Connor blieb so abrupt stehen, dass Nell ihm beinahe in den Rücken lief. Sie wollte etwas sagen, hielt dann aber inne, als sie den erstaunten Gesichtsausdruck der beiden Männer sah.

„Ivan?“

„Connor?“

Sowohl Nell als auch Ruby beobachteten überrascht, wie die Männer aufeinander zugingen und sich umarmten.

„Wie lange ist es her?“, fragte Ivan voller Emotionen.

„Viel zu lange“, grollte Connor. „Zwanzig Jahre.“

„Ich wusste zwar, dass ihr beide euch kennt“, meinte Nell. „Aber nicht, dass ihr euch so nahesteht.“

„Das könnte man so sagen“, antwortete Connor.

„Und das heißt was?“, fragte Ruby.

„Das heißt, wenn einer von uns beiden in der Klemme saß oder von irgendwelchen miesen Typen verprügelt wurde, kam der andere ihm zu Hilfe.“

„So ist es“, bestätigte Ivan.

Mehr wollte offensichtlich keiner von beiden dazu sagen, und Nell und Ruby akzeptierten dies, denn beide wussten nur zu gut, wie zerbrechlich die Welt von Pflegekindern oftmals war und wie schwer es für sie sein konnte, in Gegenwart anderer, vor allem fremder Menschen, Privates von sich preiszugeben. Nell wollte weder Connor noch Ivan zu nahetreten, aber trotzdem fiel es ihr schwer, nicht weiter nachzuhaken, weil sie unbedingt mehr über Connor wissen wollte. Eigentlich wollte sie alles über ihn erfahren.

Dann hörten sie Vivian die Treppe runterkommen, und Nell ging ihr gleich entgegen.

„Du hast heute ein volles Haus“, sagte sie lächelnd, und ihre ehemalige Pflegemutter drückte zärtlich ihren Arm.

„Wirklich? Was habe ich getan, dass ich so wundervolle Pflegekinder wie euch verdient habe?“

Nell spürte einen Kloß im Hals und schluckte schwer. „Alles, Vivian. Du hast alles für uns getan.“ Vivian war immer so stark gewesen, so voller Leben und voller Liebe. Sie jetzt so schwach und gebrechlich zu sehen, tat Nell im Herzen weh, und sie war sicher, dass die anderen ebenso empfanden.

„Na, wenn das nicht meine Lieblingspflegekinder sind!“, rief Vivian erfreut, als sie ins Wohnzimmer trat. Dann umarmte sie zuerst Ruby und danach Ivan.

„Das sagst du doch zu uns allen“, erwiderte er lächelnd, während er sie in die Arme schloss.

„Deshalb ist es aber trotzdem wahr. Und es bedeutet, dass ich wahrhaftig gesegnet bin.“

Schließlich wandte sie sich Connor zu, der etwas seitlich stand und den sie zuerst nur aus dem Augenwinkel wahrgenommen hatte. „Connor, mein Junge“, sagte sie gerührt. „Du bist tatsächlich hier.“

„Hallo, Vivian.“ Er beugte sich zu ihr hinab und umarmte sie fest.

Nell traten Tränen in die Augen, als sie die beiden so zusammen sah, und sie fragte sich in dem Moment, wie es sich wohl für Connor anfühlen mochte, nach all den Jahren wieder hier zu sein. So wie Vivian erzählt hatte, war das Militär sein Weg gewesen, Little Meadwood und sein altes Leben hinter sich zu lassen.

Nell hatte immer das Gefühl gehabt, dass sein Weggang Vivian traurig gemacht und sogar ein wenig enttäuscht hatte, so als hätte sie gedacht, nicht genug für ihn getan zu haben. Als Nell jedoch sah, wie innig und lange die beiden sich umarmten, wusste sie, dass nichts zwischen ihnen lag. Vivian war immer für alle ihre Pflegekinder da gewesen, sie war die einzige Konstante, die sie damals hatten.

„Du siehst gut aus, mein Junge“, sagte sie, als sie sich schließlich voneinander lösten. „Sehr gut sogar.“

„Du auch“, erwiderte Connor mit einem Lächeln, das von Traurigkeit geprägt war. Natürlich sah er Vivian deutlich an, wie schlecht es ihr gesundheitlich ging.

Vivian lachte leise. „Du warst noch nie ein guter Lügner, Connor, zumindest mir gegenüber nicht. Weißt du, ich sitze zwar die meiste Zeit in meinem Wohnzimmersessel und kann nicht mehr allzu viel machen, aber mein Kopf funktioniert noch einwandfrei.“

Nell sah, wie ein kleiner Muskel in seinem Gesicht zuckte, ein Zeichen dafür, dass es ihm schwerfiel, die Fassung zu bewahren. Keiner von ihnen konnte den Gedanken ertragen, Vivian bald schon zu verlieren.

Sie war der Grund, weshalb Nell und Ruby Little Meadwood nie verlassen hatten, und Ivan und einige andere ehemalige Pflegekinder waren vor kurzer Zeit zurückgekehrt und wollten eine Weile bleiben, um Vivian so oft wie möglich zu besuchen.

Und was war mit Connor? Hatte auch er vor, auf unbestimmte Zeit zu bleiben, oder würde er genauso plötzlich verschwinden, wie er gekommen war?

Als alle Platz genommen hatten, um entspannt miteinander zu plaudern, konnte Nell einfach nicht umhin, Connor immer wieder zu betrachten. Er faszinierte sie so sehr, dass sie sich schon fragte, wie es wohl wäre, mit den Fingern durch sein dichtes dunkles Haar zu streichen und die Muskeln seiner breiten Schultern und Arme zu berühren.

Hitze durchströmte ihren Körper, und sie versuchte, die Gedanken abzuschütteln. Was war nur mit ihr los? Seit wann gab sie sich solch erotischen Fantasien in Bezug auf fremde Männer hin?

Sie musste sich irgendwie ablenken. Unter dem Vorwand, Tee zu kochen, stand sie auf und ging in die Küche. Während sie den Wasserkocher füllte und das Teegeschirr aus dem Schrank nahm, hörte sie die anderen im Wohnzimmer lebhaft plaudern und lachen, und wieder fiel ihr dabei Connors tiefe, aufregende Stimme auf.

Nell blickte nachdenklich aus dem Fenster. Ruby und sie hatten Little Meadwood nie verlassen, und Ivan, obwohl er ein viel beschäftigter Chirurg geworden war, hatte Vivian die ganze Zeit über mindestens einmal im Jahr besucht. Connor hingegen war zwanzig Jahre lang nicht hier gewesen, allerdings hatte er Vivian alle paar Jahre auf eine gemeinsame Reise eingeladen, damit sie sich eine Pause gönnen und Zeit mit ihm verbringen konnte.

Das Wasser kochte, und Nell goss es in die Teekanne. Was war es nur, das Connor Mason so faszinierend für sie machte? Schon vom ersten Augenblick an hatte sie sich zu ihm hingezogen gefühlt, er ging ihr unter die Haut wie kein anderer zuvor, noch nicht einmal auf Jonathon hatte sie so reagiert.

Nell gab mehrere Teebeutel in die Kanne und setzte den Deckel auf. Dann vernahm sie Schritte hinter sich, und ihre feinen Nackenhärchen sträubten sich, denn ohne sich umzudrehen, wusste sie, wer gekommen war.

3. KAPITEL

„Kann ich dir irgendwie helfen?“

Nells Herz schlug sofort schneller, obwohl es eine ganz banale Frage war. Dazu hatte Connor sie auch noch geduzt, wahrscheinlich, weil er sich durch Vivian irgendwie mit ihr verbunden fühlte. Allein seine Anwesenheit spannte ihre Nerven an, und sie wusste nicht, wie sie damit umgehen sollte.

„Alles in Ordnung?“, fragte er prompt, und Nell spürte, wie sie rot wurde.

Auch das noch!

„Ja, ja, alles gut“, versicherte sie schnell, um ihre Nervosität zu überspielen. „Ich habe gerade Tee gekocht und bringe ihn gleich rüber, du kannst ruhig zurück zu den anderen gehen.“

„Das mach ich gleich, aber zuerst wollte ich dich fragen, wie es Vivian wirklich geht. Ich glaube, sie hat mir nicht die ganze Wahrheit gesagt, als wir miteinander telefoniert haben. Sie meinte nur, es wäre alles halb so schlimm.“ Connor runzelte die Stirn. „Ich hätte früher kommen sollen.“

Nell zuckte mit den Schultern. „Du weißt doch, wie sie ist. Sie mag nie zugeben, wenn es ihr schlecht geht. Sie ist sehr krank und kämpft dagegen an. Aber sie hat Ruby und mich und muss das alles nicht allein durchstehen.“ Sie lächelte. „Aber pass bloß auf, dass sie dich nicht dabei erwischt, wie du hinter ihrem Rücken über sie redest. Sie würde dir gehörig den Kopf waschen, egal, wie erwachsen du geworden bist.“

Connor lachte, was so schön in Nells Ohren klang, dass sie eine Gänsehaut bekam. „Daran hab ich keinen Zweifel. Im Moment weiht sie gerade Ivan und Ruby in ihre Planung für das Dorffest ein, wo sie einen Stand einrichten will.“

„Ich weiß. Sie möchte eine Art Fotostand mit Bildern von Einheimischen und Little Meadwood. Und ich soll einen zweiten Stand mit Secondhand-Klamotten aufbauen oder so was in der Art. Wundert mich, dass sie nicht auch schon irgendwas für dich auserkoren hat.“

„Keine Sorge, das kommt bestimmt noch.“

„Hm, vielleicht geht der Krug an dir vorbei“, überlegte Nell. „Weil du so weit weg wohnst und außerdem noch bei der Armee bist.“ Der Gedanke, dass sie ihn heute vielleicht zum letzten Mal sehen würde, gefiel ihr allerdings gar nicht. Connor war jahrzehntelang nicht nach Little Meadwood zurückgekehrt, wieso sollte er also länger bleiben wollen als unbedingt nötig?

„Ich bin nicht mehr bei der Armee“, erklärte er zu ihrer Überraschung.

„Oh, tatsächlich? Weiß Vivian das?“

„Nein, ich habe ihr noch nichts davon erzählt. Ich bin erst vor ein paar Monaten ausgetreten.“

„Und warum? Vivian hat mir immer erzählt, die Armee wäre dein Leben.“

Sein Gesichtsausdruck veränderte sich plötzlich, und seine Miene wirkte verschlossen. „Die Dinge ändern sich eben“, sagte er ernst und Nell sah ihm an, dass er nicht darüber sprechen wollte. „Ich arbeite jetzt als Assistenzarzt in einem Zivilkrankenhaus.“

„Hier in der Nähe?“

„Auf der anderen Seite des Landes.“

Zahlreiche Fragen schwirrten Nell durch den Kopf, doch sie verkniff sie sich. Es war offensichtlich, dass dies kein Thema war, über das Connor mit ihr reden wollte. Also suchte sie stattdessen nach etwas Unverfänglichem.

„Es hat mich überrascht, dass du mit Ivan damals so eng befreundet warst. Als ich zu Vivian kam, wirkte er ziemlich ernst und verschlossen, und ich dachte damals, das wäre eben seine Art. Aber jetzt glaube ich, dass er nur so war, weil er dich vermisst hat.“

Connor schwieg ein paar Sekunden, und Nell dachte schon, er würde ihre indirekte Frage nicht beantworten. Dann nickte er jedoch. „Wir kamen aus ähnlichen Verhältnissen, was uns wohl verbunden hat. Ich hätte vielleicht genauso empfunden, wenn er derjenige gewesen wäre, der weggegangen ist.“ Connors Stimme wirkte angespannt, als wäre er es nicht gewohnt, persönliche Dinge von sich preiszugeben. „Wie dem auch sei, ich nehme an, dass ihr drei viel Zeit miteinander verbracht habt?“

„Ja, Ivan und ich waren Langzeitpflegekinder.“ Nell stellte die Kanne und das Teegeschirr auf ein Tablett. „Als ich zu Vivian kam, war ich dreizehn und er fünfzehn. Meine Eltern waren kurz zuvor bei einem Autounfall ums Leben gekommen.“

„Das tut mir leid.“

Nells Magen krampfte sich zusammen, wie immer, wenn sie über ihre Eltern sprach. Es war nicht mehr ganz so schlimm wie in den ersten Jahren nach deren Tod, doch der Schmerz hatte nie aufgehört, an ihr zu nagen. Jeder in Little Meadwood kannte ihre Geschichte, und die Leute sprachen sie fast nie auf ihre Eltern an, weil sie wussten, wie sehr deren Tod sie immer noch belastete. Das war einer der Vorteile, wenn man in einer kleinen Dorfgemeinschaft lebte, was auch einer der Gründe dafür war, warum sie Little Meadwood nie verlassen hatte. Das hatte Jonathon jedoch nie verstanden. Er hatte ihr stets vorgeworfen, sich in diesem Dorf vor der realen Welt zu verstecken.

Nell verdrängte die unangenehmen Gedanken und goss etwas Milch in jede Tasse. „Jedenfalls sind Ruby und ich ein paar Monate danach zu Vivian gekommen und wurden schnell Freundinnen. Ivan verließ uns etwa ein Jahr später, aber Ruby kam regelmäßig zurück. Ihre Mutter war chronisch krank, und immer, wenn sie zur Behandlung oder für eine Operation in die Klinik musste, wurde Ruby bei uns untergebracht. Manchmal nur für ein paar Tage und manchmal für Wochen oder sogar Monate.“

„Verstehe.“ Connor zögerte kurz, bevor er weitersprach. „Ich hatte vorhin irgendwie das Gefühl, dass … Na ja, wie soll ich sagen? Dass zwischen ihr und Ivan etwas läuft.“

Genau das Gefühl hatte Nell seit einiger Zeit auch, also hatte er es auch bemerkt? Das überraschte sie nicht, denn Connor Mason vermittelte den Eindruck, dass ihm nichts entging. Vielleicht sollte sie Ruby heute Abend darauf ansprechen, wenn sie wieder in ihrem Cottage waren. Sie bewohnten gemeinsam das Haus nebenan, seit sie offiziell aus Vivians Obhut entlassen worden waren.

„Um deine Frage zu beantworten, wie es Vivian wirklich geht“, griff Nell den Faden von vorher wieder auf, ohne weiter auf Ruby und Ivan einzugehen. „Wenn sie nicht gerade so tut, als wäre alles in Ordnung, kann ich nur sagen, dass Vivian einfach Vivian ist.“

Connor schmunzelte. „Mit anderen Worten, wenn man ihr den Arm abtrennen würde, würde sie behaupten, es wäre nur der kleine Finger.“

Nell lachte. „So ungefähr.“

Er stimmte in ihr Lachen ein, und wieder spürte sie ein Kribbeln im Bauch. Weshalb wirkte dieser Mann nur so auf sie? Ein einziges Lachen von ihm genügte, und ihr Herz sprang im Galopp. „Hast du vor, länger hierzubleiben?“, fragte sie spontan. „Ich meine, in Little Meadwood.“

Da wurde er schlagartig ernst, offenbar behagte ihm die Frage nicht.

„Nein, das hatte ich nicht vor“, antwortete er knapp.

„Dann wolltest du heute Abend nur kurz bei Vivian vorbeischauen, und … das war’s dann?“

„Mein Leben ist hektisch“, erwiderte er schroff. „Und ich bin viel auf Reisen.“

Nell hob abwehrend die Hände. „Schon gut, schon gut, das sollte kein Vorwurf sein, sondern nur eine Frage.“ Zumindest hatte es nicht vorwurfsvoll klingen sollen. Nell hatte schon vor langer Zeit gelernt, Menschen nicht zu verurteilen, wenn sie nicht wusste, was ihre Beweggründe für bestimmte Verhaltensweisen waren.

„Wie dem auch sei, das war nicht mein Plan, aber jetzt …“

„Aber jetzt, wo du sie gesehen hast, willst du doch ein bisschen länger bleiben?“

„So ungefähr.“ Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar. „Aber so einfach ist das alles nicht. Ich habe einen Vollzeitjob im Krankenhaus und muss jeden Tag vor Ort sein. Andererseits gefällt mir der Gedanke nicht, dass Vivian hier ganz allein ist.“

„Sie ist nicht allein, Ruby und ich sind für sie da. Und jetzt ist auch noch Ivan hier.“

„Schon, aber ich … Ich dachte, ich könnte vielleicht ein kleines Haus mieten oder ein Apartment in der Nähe. Dann hätte ich was, wo ich wohnen kann, wenn ich sie besuchen komme.“

Nells Herz schlug schon wieder schneller. Also wollte er doch öfter kommen als gedacht, und sie würde ihn wiedersehen!

„Im Dorf gibt es leider nichts zu mieten“, erklärte sie.

„Wieso nicht? Hier gab’s doch immer Ferienhäuser, die waren nie alle ausgebucht.“

„Das hat sich in den letzten zwanzig Jahren drastisch geändert. Sowohl Upper als auch Little Meadwood sind jetzt Teil des Pendlergürtels, und viele Leute leben hier, arbeiten aber in der Stadt. Sie haben sogar eine neue Wohnsiedlung mit rund zweitausend Häusern gebaut, drüben am Ostrand.“

„Ich weiß, ich habe sie gesehen, als ich vorbeigefahren bin. Schön finde ich die allerdings nicht.“

„Ich auch nicht, aber es war dringend nötig, neuen Wohnraum zu schaffen. Und frag mich besser nicht, was diese Häuser kosten, sie sind heiß begehrt. Es bricht jedes Mal ein regelrechter Bieterkrieg aus, wenn eines davon auf den Markt kommt.“

Connor atmete tief ein. „Wie dem auch sei, ich möchte nicht, dass Vivian in ihrem Zustand viel allein ist. Ihr seid zwar in der Nähe, aber ihr müsst alle arbeiten und wohnt auch nicht bei ihr im Haus.“

„In ihrem Haus nicht, aber direkt nebenan.“

„Direkt nebenan?“, wiederholte Connor überrascht.

„Ja, ich habe das Cottage nebenan vor zehn Jahren gekauft, zum Glück hab ich es damals noch zu einem vernünftigen Preis bekommen.“

„Du bist in Little Meadwood geblieben? Bist nie von hier weggezogen?“

„Doch, mit achtzehn bin ich ausgezogen, um Medizin zu studieren. Und als ich mit dem Studium fertig war und eine Stelle im City Hospital bekam, bin ich wieder zurückgekommen.“

„Warum?“

Nell runzelte die Stirn, denn sie verstand die Frage nicht. „Warum denn nicht?“

„Warum um alles in der Welt willst du in einem Provinznest wie Little Meadwood leben, wenn du so viele andere Möglichkeiten hast?“

„Vielleicht, weil ich es gar nicht so provinziell finde?“, erwiderte sie leicht gereizt, denn sie mochte es nicht, wenn man sie dafür kritisierte, dass sie hier so gerne lebte.

Connor schnaubte spöttisch. „Little Meadwood ist kleinbürgerlich, langweilig und unbedeutend. Kein Ort, an dem ich leben wollte.“

„Ich schon, mir gefällt es hier. Ich fühle mich hier wohl, sicher und zu Hause. Und Ruby geht’s genauso.“

„Es ist sicher schwer für Ruby, Vivian so zu sehen, oder?“

„Ja, das ist es“, stimmte Nell zu. „Aber sie weiß ihre Gefühle vor Vivian zu verbergen, und sie hängt immer noch sehr an ihr. Als unsere Zeit als Pflegekinder zu Ende war, wollten wir trotzdem in Vivians Nähe bleiben. Und als ich dann das Haus gekauft habe, ist Ruby bei mir eingezogen.“

„Das ist praktisch. So könnt ihr euch die Kosten teilen und seid gleichzeitig ganz in Vivians Nähe.“

Nell nickte. „Ja, und ich lebe gerne hier. Der Weg zu meinem Arbeitsplatz im Krankenhaus ist zwar etwas weit, aber ich nehme das gern in Kauf, um hier zu wohnen.“

„Das hat Vivian auch gesagt. Ich meine, dass es sich lohnt, einen etwas weiteren Weg in Kauf zu nehmen, um in der Natur zu wohnen anstatt in der lauten Stadt.“

Nell schmunzelte. Also hatte Vivian tatsächlich schon versucht, in diese Richtung auf ihn einzuwirken. Die Frage war nur, ob er auf sie hören würde. „Hat sie dich auch schon gefragt, ob du für längere Zeit in Little Meadwood bleiben willst?“, fragte sie, weil sie genau das hoffte.

„Indirekt ja. Zuerst hat sie nur von Ivan gesprochen und mir erzählt, dass er letzte Woche eine befristete Stelle im City Hospital angenommen hat. Dann hat sie mich gefragt, ob ich mir nicht auch vorstellen könnte, dort zu arbeiten, zum Beispiel in der Notaufnahme.“

Wieder musste Nell lächeln, denn das war typisch Vivian. „Sie hat dich nur gefragt? Hat sie nicht schon längst dort angerufen und verlangt, dass sie eine Stelle für dich schaffen?“

Connor lachte. „Das würde zu ihr passen. Aber jetzt mal Spaß beiseite, ich hatte noch keine Gelegenheit, ihr zu sagen, dass ich nicht mehr beim Militär bin.“

„Wenn sie das erfährt, wird sie dich erst recht dazu überreden wollen hierzubleiben. Selbst, wenn du die ganze Zeit auf ihrer Wohnzimmercouch nächtigen müsstest.“

Connor grinste. „Da bin ich Schlimmeres gewöhnt. Bei meinen Auslandseinsätzen musste ich oft auf dem nackten Boden schlafen. Ich bin auch schon auf der Suche nach einem Hotel oder irgendeiner anderen Schlafgelegenheit.“

Nell hielt den Atem an. „Du spielst tatsächlich mit dem Gedanken, hier zu arbeiten?“

„Warum nicht? Mein aktueller Arbeitsvertrag läuft demnächst aus, und ich hatte sowieso nicht vor, ihn zu verlängern.“

„Und dein Arbeitgeber? Möchte der dich nicht behalten?“

„Doch, er hat mir auch schon ein Angebot gemacht, aber ich habe nicht die Absicht, es anzunehmen.“

„Du könntest also hierherziehen?“ Nell war nun so aufgeregt, dass sie Mühe hatte, ihre Stimme unter Kontrolle zu halten. „Also, wenn du wolltest, meine ich.“

„Sagen wir mal so – ich ziehe es in Betracht.“

Sie musterte Connor prüfend, sein Gesichtsausdruck war unergründlich. Was mochte ihm wohl durch den Kopf gehen, wie tickte dieser Mann? Was hatte ihn dazu bewogen, mit nicht einmal sechzehn Jahren Little Meadwood zu verlassen und der Armee beizutreten? Und weshalb war er ausgerechnet jetzt ausgetreten, nachdem er erst vor ein paar Monaten mit einer prestigeträchtigen militärischen Auszeichnung geehrt worden war, wie Vivian gelesen hatte?

Connor Mason war wie ein Mysterium, das Nell erforschen wollte, doch sie hatte momentan so viel zu tun, dass sie sich besser nicht damit befassen sollte, so verlockend dies auch sein mochte.

Sie nahm das Tablett, denn es wurde Zeit, den anderen den Tee zu bringen. „Wie dem auch sei“, sagte sie lächelnd. „Ich bin sicher, dass du die richtige Entscheidung triffst.“

„Ich auch“, erwiderte er fest. „Aber ich komme nicht mehr mit ins Wohnzimmer, ich hatte nämlich das Gefühl, dass wir Vivian müde machen. Vier Leute auf einmal sind einfach zu viel für sie.“

„Aber du kommst doch morgen wieder, oder? Vivian würde sich seh...

Autor

Sue Mac Kay
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Fiona Mc Arthur

Fiona MacArthur ist Hebamme und Lehrerin. Sie ist Mutter von fünf Söhnen und ist mit ihrem persönlichen Helden, einem pensionierten Rettungssanitäter, verheiratet. Die australische Schriftstellerin schreibt medizinische Liebesromane, meistens über Geburt und Geburtshilfe.

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