Julia Ärzte zum Verlieben Band 218

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WENN IN MANHATTAN DIE LIEBE ERWACHT von JC HARROWAY

Herzchirurgin Harper tritt ihren neuen Job am Manhattan Memorial Hospital an – und arbeitet auf derselben Station wie ihr Ex-Mann Logan! Noch immer leben sie in unterschiedlichen Welten. Und trotzdem erwachen in Harper verloren geglaubte Gefühle: Zärtlichkeit, Verlangen – Liebe?

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  • Erscheinungstag 27.06.2026
  • Bandnummer 218
  • ISBN / Artikelnummer 8031260218
  • Seitenanzahl 384

Leseprobe

JC Harroway, Tessa Scott, Susan Carlisle

JULIA PRÄSENTIERT ÄRZTE ZUM VERLIEBEN BAND 218

JC Harroway

1. KAPITEL

Die ernste Miene, die sie vor dem Spiegel eingeübt hatte, halb hinter der OP-Maske verborgen, betrat Harper Dunn OP-Saal 6. Ihre Nerven flatterten. Als Vertretungsärztin am Manhattan Memorial Hospital, kurz MMH, würde sie ihm unausweichlich begegnen. Allerdings hatte sie nicht vor, sich auf dem Weg zur begehrten Position einer leitenden Chefärztin für angeborene Herzdefekte an Manhattans größtem Krankenhaus von einem lästigen Ex-Ehemann aufhalten zu lassen.

Sie blickte sich im OP-Saal um und entdeckte seine hochgewachsene, athletische Gestalt sofort. Logan Grant stand zwar mit dem Rücken zu ihr, in schlichter grüner OP-Kleidung, doch seine Haltung, seine Ausstrahlung waren unverwechselbar. Einst hatte sie jeden Zentimeter seines Körpers mit Händen und Fingerspitzen, mit dem Mund und sinnlichen Küssen erforscht. Doch jetzt, kurz vor dem Wiedersehen mit dem Mann, den sie geliebt und seit zehn Jahren nicht gesehen hatte, stieg Übelkeit in ihr auf.

Eine OP-Schwester trat vor sie hin, in den Händen einen sterilen Kittel.

„Danke“, sagte Harper, während sie den Drang zu fliehen bekämpfte, und schob die Arme in die Ärmel und die Hände in sterile Handschuhe. Die Schwester band den Kittel zu, und Harper blickte auf, direkt in Logans Augen.

„Dr. Grant“, sagte sie mit klarer Stimme, froh, dass sie das erste Wort hatte, obwohl es ihr nicht leichtfiel, gleichzeitig zu sprechen und zu atmen. Sie mochte über ihn hinweg sein, aber er war immer noch der letzte Mensch, bei dem sie auch nur einen Hauch Schwäche zeigen wollte. Nach der Scheidung war Harper nach London geflohen, um sich neu zu erfinden. Freunde waren sie nicht geblieben.

„Harper“, entgegnete er, und seine tiefe raue Stimme weckte verschüttete Erinnerungen. Daran, wie er auf verschiedene Art ihren Namen sagte – lachend, verärgert oder mit einem leidenschaftlichen Stöhnen ausgestoßen, während er sie fest an sich presste. In solchen Momenten war sie so sicher gewesen, dass sie ein Leben lang zusammenbleiben würden. Sie hätte es besser wissen müssen. Auf die Liebe konnte man sich nicht verlassen.

Überrascht hatte Logan jedoch nicht geklungen.

„Anscheinend hast du mich erwartet.“ Natürlich wusste Logan als Chefarzt der Neonatal-Herzchirurgie, was in seiner Abteilung vorging.

„Ja. Willkommen.“

Zweifellos war ihm bewusst, dass sie sich auf einen Job beworben hatte, den er für sich beanspruchte. So ein Pech, dass sie hier war und seine Pläne durchkreuzte …

„Wollen wir die bemühte persönliche Unterhaltung beenden und uns auf den Patienten konzentrieren?“ Harper trat neben ihn an die Bildschirme, wo Ultraschallaufnahmen und Röntgenbilder den Zustand des Säuglingsherzens zeigten.

In Logans Augenwinkeln bildeten sich feine Fältchen, er schien hinter der Maske zu lächeln. Der Anblick war so vertraut, dass er weitere Erinnerungen aus den vier Jahren, in denen sie ein Paar gewesen waren, heraufbeschwor. An die erste elektrisierende Begegnung auf einer Uni-Party, sein triumphierendes Lächeln, als sie kaum zwei Jahre später einwilligte, seine Frau zu werden, aber auch an seinen resignierten Gesichtsausdruck, als er zwei Jahre danach das Ende ihrer Ehe akzeptieren musste und widerstrebend die Scheidungspapiere unterzeichnete. Aber sie hatte es nicht persönlich genommen. Logan hasste es grundsätzlich, zu versagen.

„Schön, dich zu sehen, Harper“, verblüffte er sie nun.

„Tatsächlich?“, antwortete sie, während sie zu ignorieren versuchte, dass die silbergrauen Strähnen an seinen Schläfen ihn reifer und distinguierter wirken ließen, aber nicht älter. Er war schon immer ein attraktiver Mann gewesen.

„Es fällt mir schwer, das zu glauben“, fügte sie hinzu. „Dass deine Ex-Frau sich für denselben leitenden Posten bewirbt wie du, wird dir nicht schmecken. Ich wäre deine Vorgesetzte.“ Sie blickte auf. Früher hatte sie es geliebt, dass er mit einem Meter neunzig so viel größer war als sie mit einem Meter achtundsechzig. Jetzt gefiel es ihr gar nicht mehr.

„Falls es dazu kommt“, meinte er und zog die Brauen hoch. „Noch hast du den Job nicht. Und nur weil wir beruflich in Konkurrenz stehen, müssen wir uns nicht bekämpfen.“

„Wie sonst soll ich dir zeigen, dass ich nicht mehr die alte Harper bin?“, konterte sie. „Die Auseinandersetzungen vermieden hat, die dich so wahnsinnig geliebt hat, dass sie sich völlig verbog, um in deine Welt zu passen?“ Speziell in die seiner anmaßenden reichen Familie.

„Was ich nie von dir verlangt habe“, sagte er ruhig und sah sie intensiv an.

„Keine Sorge“, bluffte sie. „Unsere Scheidung hat mir gutgetan. Nicht zuletzt meine Zeit am London Children’s Hospital, wo ich mit Bill McIntyre zusammenarbeiten durfte, war ein Karriere-Booster. Ich würde sagen, das Rennen um den Leitungsposten wird ein fairer Kampf.“ Ihr Ex musste sich damit abfinden, dass sie gekommen war, um zu bleiben. Ihr Vater Charlie brauchte sie.

„Wenn das so ist … möge der beste Chirurg gewinnen“, sagte er mit dem ihm eigenen Selbstbewusstsein, das sie damals so bewundert hatte. Heute war es ihr egal.

Lächelnd beglückwünschte sie sich dafür. „Wie ich sehe, hast du dich nicht verändert.“

„Aber du schon?“ In seinen Augen blitzte etwas auf.

Harper tat, als studiere sie die Röntgenaufnahmen des Babys. Länger in Logans Augen zu blicken, hätte weitere Erinnerungen bedeutet. An die vielen Male, wenn sie sich geliebt hatten, daran, wie sie ihn seinen dunkelsten Stunden gehalten, mit ihm über die kleinen Dinge des Lebens gelacht und sein Lächeln aufgesaugt hatte wie eine welkende Sonnenblume die ersten Regentropfen.

Tatsächlich war sie bestens informiert, seit sie wusste, dass sie zusammen mit Logan operieren würde. Sie hatte die Patientenakte gründlich gelesen, kannte sämtliche Testergebnisse und war früher zum Dienst erschienen, um das Baby zu untersuchen und mit den besorgten Eltern zu sprechen.

„Definitiv“, antwortete sie. „Anders als in unserer Ehe, bin ich stärker geworden. Ich bin nicht mehr bereit, alles zu tolerieren, um ein leichtes Leben zu haben. In den letzten zehn Jahren habe ich viel über mich gelernt.“

„Wirklich? Zum Beispiel, dass du durch bist mit ernsthaften Beziehungen? Weil ich nämlich gehört habe, dass du immer noch Single bist.“

Hinter der Maske blieb ihr der Mund offen stehen. „Von wem?“, fragte sie wütend. „Ach, weißt du was, du musst nicht antworten. Mein Privatleben geht dich nichts an. Außerdem kennst du sicher den Spruch: Gebranntes Kind scheut das Feuer. Ein Ex-Mann reicht mir!“

Herausfordernd begegnete sie seinem Blick, das Kinn angriffslustig vorgeschoben. Zu ihrer Schande musste sie gestehen, dass sie ihn gelegentlich im Internet gestalkt hatte, um zu erfahren, wo er arbeitete und was er sonst so trieb. Sie mochte sich nicht erklären, warum sie sogar ab und zu die Heiratsanzeigen gecheckt hatte.

„Wie geht es Charlie?“, wechselte er das Thema, als wären sie zwei alte Bekannte, die sich lange nicht gesehen hatten.

„Meinem Vater geht es gut, danke.“ Logan brauchte nicht zu wissen, dass sie nach Manhattan zurückgekehrt war, weil ihr geliebter Dad an Diabetes erkrankt war. Seit Harpers Mutter die Familie verlassen hatte, als Harper zehn Jahre alt war, hatte er nicht wieder geheiratet.

„Und deine Familie? Biddie und Carter?“, fragte sie nach seinen Eltern, jedoch mehr aus Höflichkeit statt echtem Interesse. Sie wünschte den Grants nichts Schlechtes. Schließlich war Logan es gewesen, der sie zu oft im Stich gelassen hatte, wenn sie sich einmischten oder Ansprüche stellten. Was letztendlich wesentlich zum Scheitern ihrer Ehe beitrug. In Staten Island bei einem alleinerziehenden Vater aufgewachsen, war Harper von den Grants nie akzeptiert worden. Die Familie gehörte zum alten Geldadel von New York, veranstaltete die prunkvollsten Wohltätigkeitsgalas, die die Stadt je gesehen hatte, und besaß einen Haufen Immobilien in Manhattans 1-A-Lage.

„Danke, gut, als ich sie das letzte Mal sah.“ Er blickte sich um, als fragte er sich, wo ihr kleiner Patient blieb. „Ich werde ihnen erzählen, dass du nach ihnen gefragt hast.“

„Das letzte Mal? Heißt das, deine Eltern halten sich endlich raus, statt ständig zu versuchen, dein Leben zu bestimmen?“ Sie lachte ironisch auf. „Kaum zu glauben …“

Als sie mit ihm noch zusammen war, warfen seine aufdringlichen Eltern mit ihrem Geld nur so um sich, schlugen regelmäßig einflussreiche Spitzen der Gesellschaft vor, die sie unbedingt kennenlernen sollten, und erwarteten, dass sich das jung verheiratete Paar auf jedem hochkarätigen Charity-Event präsentierte. Hohe Ansprüche und Erwartungen hatten Logan von Kindheit an geprägt, sodass er immer das Gefühl hatte, etwas beweisen zu müssen. Arzt zu werden, war jedoch seine Entscheidung gewesen, nicht die seiner Eltern. Die hatten ihren ältesten Sohn gedrängt, das Familienunternehmen mitzutragen – ein alteingesessenes, milliardenschweres Immobilien-Imperium, gegründet von seinem Urgroßvater. Auf Listen der reichsten Menschen der Welt war der Name Grant eine unverrückbare Größe.

„Ich führe mein eigenes Leben“, sagte er. Hörte sie da ein leichtes Unbehagen heraus? Harper war sich nicht sicher, als er schon fortfuhr: „Vielleicht sollten wir den Fall besprechen, bevor der Patient hier ist.“

„Klar.“ Sie war nicht hier, um sich wieder einmal mit Logans elitären Familiendramen zu befassen. Ihr Dad bereitete ihr schon genug Sorgen. Charlie Dunn hatte niemanden außer seiner Tochter. „Aber sei unbesorgt, ich bin gut vorbereitet.“

Harper hielt den Blick fest auf die Bildschirme gerichtet, um sich nicht davon ablenken zu lassen, dass Logan dicht bei ihr stand. Zu dicht für ihren Seelenfrieden. „Erwartest du bestimmte Komplikationen?“

Im Einleitungsraum bereitete der Anästhesist gerade den winzigen Patienten vor – einen zwei Wochen alten Jungen mit Fallot-Tetralogie, einer seltenen lebensbedrohlichen Herzfunktionsstörung. Dazu gehörten ein Ventrikelseptumdefekt, eine Pulmonalstenose, eine nach rechts verlagerte Aorta und eine vergrößerte rechte Herzkammer.

„Der VSD ist groß“, sagte Logan und deutete mit dem Kinn auf den Monitor, wo das Loch in der Herzscheidewand deutlich zu sehen war. „Aber er lässt sich gut flicken.“

Harper nickte. „Willst du die Pulmonalklappe ersetzen oder eine Valvuloplastie vornehmen?“

„Das möchte ich erst entscheiden, wenn ich den Zustand mit eigenen Augen sehe. Was ist deine bevorzugte Methode?“

Verwundert schaute sie auf. Der Logan, den sie gekannt hatte, war so selbstsicher gewesen, dass ihm selten in den Sinn kam, es könnte neben seiner Ansicht noch andere geben.

„Ich stimme dir zu“, antwortete sie zögernd, weil ihr die Worte fast im Hals stecken blieben. „Ich muss auch erst mit eigenen Augen sehen, womit ich es zu tun habe. Allerdings kann ich kaum glauben, dass dich meine Meinung interessiert.“

In den zwei stürmischen Jahren ihrer Ehe waren sie sich selten einig gewesen. Wo sie wohnen sollten – seine Wohnung mit Blick auf den Central Park war größer und besser. Berufliche Kompromisse – da er drei Jahre älter war, eher das Studium abgeschlossen und erste Stufen auf der Karriereleiter erklommen hatte, richtete sie sich nach seinem Job. Familiäre Erwartungen – ihr Vater war ein bodenständiger Typ, Highschool-Lehrer mit naturwissenschaftlichen Fächern und inzwischen pensioniert. Im Gegensatz dazu genossen die Grants Glanz und Glamour in der New Yorker High Society, stets auf den richtigen Partys mit den richtigen Leuten, und erwarteten von Sohn und Schwiegertochter das Gleiche. Eine junge Frau, die horrende Schulden aufgenommen hatte, um ihr Studium zu finanzieren, und als Kind von der Mutter im Stich gelassen worden war, fiel in ihrer Welt auf wie ein bunter Hund. Besonders unangenehm war es, wenn Logan sie allein ließ, weil ihm seine Arbeit wichtiger war.

„Schön, dass wir uns einig sind.“ Wieder zeigten die Fältchen an den Augen, dass er lächelte. „Sollte alles glattgehen.“ Er blickte auf, als der Anästhesist den Patienten hereinbrachte.

Zeit, sich auf die Arbeit zu konzentrieren. Sie operierten zum ersten Mal gemeinsam. Er ist nur ein Mann, ein Kollege, dem ich nicht mehr als professionelle Höflichkeit schulde, sagte Harper sich, um ihre Nerven zu beruhigen.

„Welche Seite bevorzugst du?“, fragte er und deutete mit dem Kopf auf den OP-Tisch. „Links, wenn ich mich recht erinnere, aber vielleicht hast du dich ja geändert.“

Harper wurde rot. Natürlich leistete sich Logan diesen kleinen Seitenhieb.

„Oh, und wie!“, konterte sie. „Aber da du – vorerst kommissarisch – die Leitung innehast, überlasse ich dir die Wahl. Was natürlich nicht so bleiben wird, sobald ich den Posten übernommen habe. Also genieße es, solange es dauert.“

Seine Maske bewegte sich, seine Augen lächelten, und Harper sah weg, froh, dass ihr der Blick auf seinen Mund verwehrt wurde – auf die vollen Lippen, das charmante Grübchen. Flüchtig fragte sie sich erneut, ob es klug gewesen war, an das Krankenhaus zurückzukehren, wo Logan arbeitete. Doch ihr Fachgebiet war stark spezialisiert, die Konkurrenz groß. Da blieben ihr nicht viele Alternativen.

„Dann lass uns anfangen.“ Logan trat an die andere Seite des OP-Tischs.

Harper war noch nie so erleichtert gewesen, eine hochkomplexe Operation zu beginnen.

Die Operation an Baby Connor war beendet, der Anästhesist holte den kleinen Patienten aus der Narkose. Logan dehnte seine Rückenmuskeln, zog die OP-Maske ab und die Handschuhe aus.

„Das ging wie erwartet glatt über die Bühne.“ Angesichts der feindseligen Scheidung und der Tatsache, dass sie das erste Mal gemeinsam am OP-Tisch standen, hatten sie hervorragend zusammengearbeitet. Aber verdammt, sie war eine gute Chirurgin, so gut wie er.

„Ja.“ Hastig warf sie Kittel und OP-Kappe in den Wäschebehälter, sodass Logan vermutete, sie wollte schnell das Weite suchen.

Doch es fühlte sich nicht gut an, sie einfach davongehen zu lassen. Sie waren nun einmal Kollegen und konnten sicher zivilisiert miteinander umgehen, oder? Trotz der Scheidung hatte er Harper nie alle Schlechtigkeiten der Welt an den Hals gewünscht. Schließlich hatte er diese Frau einst wahnsinnig geliebt.

„Hattest du schon eine Willkommenstour durchs Krankenhaus?“ Während er ebenfalls Kittel und Kappe in die Wäsche beförderte, schlug sein Herz genau wie damals, als er sie um ein erstes Date gebeten hatte.

„Nein“, antwortete sie, den Blick auf das Waschbecken gerichtet, wo sie sich gründlich die Hände wusch. „Aber ich finde mich schon zurecht. Kennst du ein Krankenhaus, kennst du sie alle.“

„Angst, mit mir allein zu sein?“, fragte er und war nicht stolz auf die Genugtuung, die er dabei empfand. „Ich weiß, wir tun beide so, als ließe ihn der andere kalt, aber wem wollen wir etwas vormachen – nach unserer Geschichte?“

Es wäre einfacher, wenn sie so tun könnten, als hätte ihre Ehe nie existiert, doch selbst nach zehn Jahren Trennung erinnerte er sich auch an die guten Zeiten. Die Leidenschaft, das Lachen, das Gefühl, die Liebe seines Lebens gefunden zu haben.

„Sei nicht albern.“ Sie zupfte Papiertücher aus dem Spender und trocknete sich die Hände. „Ich gebe gar nichts vor, Logan. Und warum sollte ich Angst haben, wenn ich mich kaum an uns erinnern kann? Es ist so lange her.“

„Autsch …“, murmelte er, während er sich die Hände abspülte. Er glaubte ihr kein Wort!

„Und da meine Nähe dich unruhig macht – willst du wirklich mehr von meiner Gesellschaft?“ Sie richtete sich auf und blickte ihm direkt die Augen. „Seit wann hast du eine masochistische Ader?“

Ihr zum ersten Mal seit zehn Jahren ins Gesicht zu sehen, entfachte eine verwirrende Hitze in seinem Bauch. Harper sah hinreißend aus. Was hatte er erwartet? Schließlich hatte sie ihn schon immer verzaubert. Allerdings wirkte ihr langes dunkles, zurückgebundenes Haar voller, als er es in Erinnerung hatte. Ihre goldbraunen Augen mit den dichten Wimpern spiegelten ihre Gefühle und funkelten herausfordernd. Und ihre Lippen … voll und weich mit dem ausgeprägten Amorbogen.

Logan zuckte lässig mit den Schultern, obwohl sein Herz raste. „Wer könnte dir besser als ich – als leitender Chefarzt – deinen neuen Arbeitsplatz zeigen? Wir sollten einen Weg finden, harmonisch zusammenzuarbeiten.“

Inzwischen bedauerte er sein Angebot jedoch. Er wollte nicht spüren, wie sehr sie ihn körperlich immer noch anzog. Obwohl er Wochen Zeit gehabt hatte, um sich auf ihre Ankunft vorzubereiten, schaffte sie es trotzdem, ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen. In gewisser Weise hatte sie sich tatsächlich verändert. Mit siebenunddreißig war sie natürlich etwas älter, aber immer noch intelligent, schlagfertig und sexy wie die Sünde. Gut, dass er sich auf seine Arbeit konzentrieren musste!

„Ich schätze, wir müssen uns zivilisiert verhalten.“ Sie lächelte knapp. „Deshalb freue ich mich auf eine Besichtigungstour – vorausgesetzt, es gibt unterwegs irgendwo Kaffee.“

„Das lässt sich arrangieren, die Cafeteria ist oben“, sagte er und hielt ihr die Tür auf. Wieder nahm er ihren zarten blumigen Duft wahr, den er trotz der sterilen Umgebung im OP-Saal sofort erkannt hatte. Wenn er wollte, könnte er sich bestimmt an den Namen des verdammten Parfüms erinnern. Während ihrer Beziehung hatte er es ihr oft gekauft. Aber in den letzten zehn Jahren hatte er gelernt, die größte Niederlage seines Leben zu verwinden. Ausgeschlossen, dass er sich die hart erarbeitete Ruhe vor seinen Erinnerungen an einem einzigen Morgen wieder nehmen ließ!

Während er sie zum nächsten Treppenhaus führte, versuchte er nicht daran zu denken, wie fantastisch sie aussah und duftete. „Da du dich hier auf einen bedeutenden Posten bewirbst, heißt das, du ziehst wieder nach Manhattan?“ Er musste wissen, woran er war.

Zwar verabredete er sich regelmäßig auf ein Bier mit Harpers Vater Charlie, aber sie redeten meistens über Baseball und Angeln. Es herrschte eine stillschweigende Übereinkunft, das Thema Harper nicht anzuschneiden. Dennoch hatte Charlie erwähnt, dass sie London verlassen würde, um nach New York zurückzukehren. Als er hinzufügte, sie hätte nach ihm keine neue Liebe gefunden, ging Logan schweigend darüber hinweg. Jetzt fragte er sich, ob Charlie seiner Tochter jemals erzählt hatte, dass er sich mit seinem Ex-Schwiegersohn traf.

„Ich fürchte, ja“, antwortete sie und warf ihm noch einen dieser herausfordernden Blicke zu, die neu und gleichzeitig irgendwie vertraut waren. Harper wirkte engagierter und ehrgeiziger. „Aber du wirst der Konkurrenz sicher nichts schenken, oder?“

Sein Puls beschleunigte. Machte sie das Rennen um den Job absichtlich spannend? Also hatte sie nicht vergessen, dass er gern gewann. Unwichtig, sagte er sich und lächelte. Er würde nicht mit seiner Ex-Frau flirten. Und was Wettkämpfe betraf, gewann er immer.

„Natürlich nicht. Die Harper, die ich gekannt habe, war eine großartige Ärztin. Egal, für wen von uns sich das MMH entscheidet, sie werden einen Weltklasse-Chirurgen bekommen.“

„Wie ich sehe, hast du dich in puncto Arroganz in den letzten zehn Jahren nicht verändert“, meinte sie trocken, ignorierte sein Kompliment und betrat das Krankenhaus-Café im Erdgeschoss.

„Ich habe mich genau wie du geändert, Harper“, sagte er leise und holte tief Luft, während sie sich in die Warteschlange einreihten. „Wir werden uns neu kennenlernen müssen.“

„Das wird nicht nötig sein“, entgegnete sie steif. „Ich weiß, was ich wissen muss, um meine Arbeit zu machen. Alles Weitere interessiert mich nicht.“

„Du brauchst mir nicht immer wieder unter die Nase zu reiben, wie wenig du an meiner Person interessiert bist. Ich hab’s verstanden. Aber weißt du was? Wenn ich dir glauben soll, dass du über mich hinweg bist, ohne Bedauern oder was auch immer, dann solltest du die Feindseligkeiten lassen. Sonst könnte ich vermuten, dass es gar nicht stimmt.“

Flüchtig wirkte sie alarmiert, doch schnell wurde ihr Blick wieder ausdruckslos. „Wusste ich’s doch – du hast dich nicht im Geringsten geändert. Du bist egoistisch wie immer, musst jeden Kampf gewinnen. Kein Wunder, dass kein neuer Ehering an deinem Finger steckt …“

Sein Herz schlug schneller, halb aus Ärger, halb vor Erregung. Obwohl sie die Kühle spielte und Seitenhiebe verteilte, war sie neugierig. Genauso neugierig wie er, was ihr Privatleben anging. „Wie du bereits sagtest – eine Scheidung genügt.“ Er zuckte mit den Schultern. In Wirklichkeit ging ihm diese Frau unter die Haut. Immer schon und einer der Gründe, warum ihr Liebesleben so gut gewesen war. Kein Feuer ohne Funken …

„Und du hast recht“, setzte er hinzu. „Ich habe vor, diesen besonderen Kampf zu gewinnen. Nur weil wir zwei eine Vorgeschichte haben, erwartest du doch nicht ernsthaft, dass ich mir von dir den Job stehlen lasse, auf den ich in meiner ganzen Karriere hingearbeitet habe?“

Sie stemmte die Fäuste in die Seiten. „Ich habe auch mein Berufsleben lang darauf hingearbeitet.“ Ihre schönen Augen verengten sich. „Vielleicht härter als du, weil ich eine Frau bin und keine privilegierte Familie mit den richtigen Kontakten im Hintergrund habe.“

„Da haben wir’s wieder …“, murmelte er überrascht, dass der tief verwurzelte Groll, die Quelle ihrer ehelichen Differenzen, so schnell zur Sprache kam. Logan wusste, dass er sich geändert hatte, Harper beteuerte das Gleiche von sich, und es waren viele Jahre vergangen. Trotzdem schien keiner von ihnen die Probleme gelöst zu haben, die letztendlich zu ihrer Scheidung geführt hatten. „Ich bin nicht sicher, ob mir Ihre Anspielung gefällt, Dr. Dunn“, fuhr er ruhig fort. „Sollte ich die Stelle bekommen, hätte ich sie mir ebenso sehr verdient wie du.“ Wenn sich etwas nicht geändert hatte, dann die Fähigkeit, den anderen auf die Palme zu treiben!

„Klar.“ Sie lächelte spöttisch. „Dein Nachname hat nie irgendwelche Türen geöffnet. In diesem Krankenhaus gibt es sogar einen Grant-Flügel.“

Logan presste frustriert die Kiefer zusammen. „Ja, benannt nach meinem Urgroßvater, wie du genau weißt.“ Er war es leid, Kämpfe wegen eines Erbes auszufechten, das er nie wollte. Selbst als seine Eltern ihn fast enterbt hätten, weil er sich weigerte, ins Familienbusiness einzusteigen, war er seinen eigenen Weg gegangen. Und der hatte ihn zur Medizin geführt.

„Ich kann nichts für die Familie, in die ich hineingeboren wurde“, fügte er hinzu. „Dieselbe Familie, in die du eingeheiratet hast.“ Früher, vor langer Zeit, hatte sie ihn so sehr geliebt, dass es sie nicht kümmerte, dass er ein Grant war.

Sie wandte sich ihm zu, starrte ihn an, eine Hand auf der Hüfte, was ihre Sanduhr-Figur betonte. Fast hätte er der Versuchung nachgegeben und auf ihre Brüste geblickt, die schmale Taille, die sanft geschwungenen Hüften. „Weil ich dich wollte, nicht deine Familie. Allerdings fühlte es sich oft an, als bekäme ich deine Eltern mehr zu sehen als dich.“

Logan wusste einen Moment lang nicht, was er sagen sollte. Ihre Bemerkung, dass sie ihn gewollt hatte, trug ihn zurück in die Zeit, als sie verrückt nacheinander gewesen waren und kaum die Hände voneinander lassen konnten. Er hatte diese Frau so sehr geliebt, dass er sie manchmal im Schlaf betrachtete und sein Glück nicht fassen konnte. Doch das Glück trübte sich schnell. Sie hatten überstürzt geheiratet, und er hatte sie einmal zu viel vernachlässigt. Allerdings trug Harper auch ihren Teil dazu bei.

„Du wolltest mich?“, fragte er. „Du hattest eine merkwürdige Art, es zu zeigen. Nicht lange nach der Hochzeit zeigten sich die ersten Risse, und es war nicht alles nur meine Schuld. Du hast mich emotional ausgeschlossen.“ Jeder von ihnen hatte seine eigenen Dämonen. Sie zog sich jedes Mal zurück, wenn sie daran erinnert wurde, dass sie als Kind von ihrer Mutter verlassen worden war. Und er, getrieben von Schuldgefühlen, weil er das Familienunternehmen im Stich gelassen hatte, stürzte sich auf seine chirurgische Karriere. Dabei vernachlässigte er Harper und versagte kläglich darin, seinen Eltern Grenzen zu setzen. Zu oft hatte er geduldet, dass sie sich in sein Leben einmischten.

„Es war nicht nur meine Schuld!“, fuhr sie ihn an.

„Das habe ich nie behauptet.“ Logan fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. In aller Öffentlichkeit schmutzige Wäsche zu waschen, war das Letzte, was er wollte. Sie waren nicht allein in der Cafeteria. Abgesehen davon durfte die Vergangenheit ihre Arbeit nicht beeinträchtigen.

„Deine Eltern haben jede Gelegenheit genutzt, uns beiden zu zeigen, wie wenig sie mit deiner Wahl einverstanden sind“, fuhr sie fort, ohne auf seinen Einwurf zu reagieren. „Ein mutterloser Niemand aus Staten Island war nicht die Schwiegertochter, die sie sich gewünscht hatten. Sie haben mich nie gemocht.“

„Doch ich wollte dich“, sagte er leise.

Verwundert sah sie auf, eine feine Falte zwischen den Brauen. Sein Puls dröhnte ihm in den Ohren, die anderen in der Warteschlange schienen zu verschwinden, als Harper und er sich ärgerlich anstarrten.

„Das Gleiche wie immer, Dr. Grant?“, fragte die Frau hinter der Kasse und holte ihn unsanft in die Gegenwart zurück.

Während sie sich in nutzlosen alten Streitereien verloren hatten, war die Schlange vorgerückt. Logan nahm sich zusammen und lächelte. „Ja, danke.“ Zu Harper gewandt, setzte er hinzu: „Die Kaffees gehen auf mich, ich habe ein Guthaben hier.“

Harper hatte andere Vorstellungen. „Danke, ich bezahle meinen Kaffee selbst“, sagte sie und schenkte der verdutzten Servicekraft ein zuckersüßes Lächeln.

Widerstrebend fügte Logan sich und trat beiseite.

„Hör zu, Harper“, begann er geduldig, als sie zu ihm an die Kaffee-Ausgabe trat. „Es war klar, dass wir uns anpassen müssen, wenn wir zusammen arbeiten.“ Er hatte gedacht, dass es funktionieren würde. Inzwischen hoffte er, dass sie sich die Arbeit teilen konnten, ohne ständig auf Kriegsfuß zu stehen.

„Anpassen …?“, wiederholte sie verächtlich. „Wir schaffen es ja nicht einmal, einen halben Tag miteinander zu verbringen, ohne auf die altbekannten, mit Groll und Ärger gepflasterten Wege zurückzukehren.“

Logan presste die Lippen aufeinander. Sie hatte recht. Bevor er sie wiedergesehen hatte, war er zuversichtlich gewesen, dass er die Vergangenheit ruhen und mit seiner Ex-Frau zusammenarbeiten könnte wie mit jeder anderen Kollegin. Mittlerweile war er sich dessen nicht mehr so sicher.

„Ich finde, wir sollten noch einmal neu starten“, schlug er vor. „Die Arbeit ist uns beiden sehr wichtig. Hier ist kein Platz für Egoismus und Konkurrenz. Wie gut wir uns ins Team einfügen, wird auch das Gremium beeinflussen, wenn der Posten vergeben wird.“

„Richtig“, antwortete sie, ohne ihn anzusehen. „Doch diese Krankenhaus-Tour war offensichtlich ein Fehler. Wir müssen zwar Kollegen sein, müssen Patientinnen und Patienten an erster Stelle sehen und professionell zusammenarbeiten. Aber wir können eindeutig keine Freunde sein.“ Abscheu schwang in ihrer Stimme mit, als wäre es undenkbar, dass sie jemals gut miteinander auskommen würden. „Dafür ist zu viel zwischen uns passiert.“

„Vielleicht hast du recht“, antwortete er seufzend. „Schließlich war es nicht Freundschaft, was uns zusammengebracht hat.“ Sie waren vom ersten Moment an scharf aufeinander gewesen, voller Leidenschaft, die lichterloh brannte.

„Ich schlage vor, wir konzentrieren uns einfach auf unsere Arbeit“, sagte sie knapp. „Deshalb – und nur deshalb – bin ich hier. Wir kooperieren, wo es nötig ist, und gehen uns ansonsten aus dem Weg. Keine persönlichen Gespräche mehr. Was uns betrifft, gibt es nichts mehr zu sagen.“

Logan seufzte wieder. Er hätte eine Menge zu sagen gehabt. In den vergangenen zehn Jahren hatte er oft darüber nachgedacht, was in seiner Ehe schiefgelaufen war, und sich gewünscht, die Zeit zurückzudrehen, um es in Ordnung zu bringen. Da das unmöglich war, lebte er mit der Schuld, seine Ehe vernachlässigt und seine Eltern nicht genügend in die Schranken gewiesen zu haben. Nichts hatte er getan, um Harper vor ihren überzogenen Erwartungen zu schützen. Hätte er es getan, wären sie vielleicht noch zusammen.

„All das hättest du dir überlegen können, bevor du die Vertretungsstelle hier angenommen hast“, meinte er resigniert. „Es gibt andere Krankenhäuser.“ Allerdings war das MMH das größte und die säuglingschirurgische Abteilung im Bundesstaat führend. Und natürlich konnte er physisch Abstand halten. Trotzdem beschlich ihn das ungute Gefühl, dass Harper seine Gedanken mehr beherrschen könnte, als ihm lieb war. Schließlich hatte er nach der Scheidung Jahre gebraucht, um sie zu vergessen.

„Glaub mir, ich hatte keine Wahl“, zischte sie. „Ich bin Einzelkind. Mein Vater hat nie wieder geheiratet, und er …“ Sie verstummte, als ihre Stimme kippte.

Harper hatte schon immer Schwierigkeiten gehabt, sich emotional auf ihn zu stützen. Er schrieb es dem traumatischen Erlebnis zu, dass ihre Mutter die Familie verlassen hatte, als Harper noch ein Kind war. Oft genug hatte er während ihrer Ehe hilflos davorgestanden, wenn sie sich verschloss wie hinter trutzigen Mauern. Und im Moment hatte sie noch weniger Grund, sich ihm anzuvertrauen.

„Bist du wegen Charlie zurückgekommen?“, fragte er dennoch. Er mochte und respektierte ihren Vater, betrachtete ihn als Freund. Als er ihn das letzte Mal gesehen hatte, schien es ihm gut zu gehen.

Sie schluckte, nahm sich zusammen. „Es geht ihm nicht gut“, antwortete sie vage. „Ich möchte in seiner Nähe sein.“

Die Vergangenheit war augenblicklich vergessen. „Das tut mir leid. Ich hatte keine Ahnung. Was hat er? Hoffentlich nichts Ernstes?“ Er unterdrückte den Impuls, tröstend nach ihrer Hand zu greifen. Zuletzt hatte er Charlie vor einem Monat gesehen. Der alte Mann bestellte statt des üblichen Biers eine Limonade, sagte, er müsste abnehmen. Logan dachte sich nichts weiter dabei, zumal Charlie wie immer munter und fröhlich war. Sie redeten über den aktuellen Sieg der Yankees und Urlaubspläne, bevor Charlie erwähnte, dass Harper London verlassen und nach New York zurückkehren würde. Über seine Gesundheit verlor er kein Wort.

„Ich will nicht darüber reden“, sagte sie. Vor allem nicht mit dir … Die ungesagten Worte knäuelten sich zwischen ihnen wie Stacheldraht.

„Okay“, stieß Logan hervor, frustriert, dass er mehr Fragen als Antworten hatte. Er würde Charlie direkt fragen.

Ihre Kaffees waren fertig. Während sie ihren Becher entgegennahm, lächelte sie den Barista strahlend an. Völlig irrational wurde Logan von Eifersucht gepackt. Vor langer Zeit, bevor er sie im Stich ließ, hatte sie ihn auch so angelächelt.

Als sie sich abwenden wollte, berührte er sie am Arm. Er hasste es, sich hilflos und ausgeschlossen zu fühlen. Aber verdammt, ihre Haut war so weich, wie er sie erinnerte, und so nahe waren ihre Augen noch schöner. „Tut mir leid wegen Charlie. Wenn ich irgendetwas tun kann …“

„Danke“, antwortete sie mechanisch und betrachtete argwöhnisch seine Hand, als hätte er eine ansteckende Krankheit. „Ich muss los. Meine Assistenzärztin Jess wartet auf der NICU.“

„Schön.“ Logan ließ sie los. „Du kannst dich darauf verlassen, dass ich wie gebeten Abstand halte – solange es nicht zu Lasten der Patienten geht.“

Sie blickte auf. „Gut.“ Ein kurzes Zögern im Blick, dann straffte sie die Schultern, die Augen wurden ausdruckslos, und sie sagte höflich: „Hab einen guten Tag.“

Seufzend blickte er ihr nach, wie sie die Cafeteria verließ, mit schwingendem Pferdeschwanz bei jedem energischen Schritt. Zusammenarbeiten war eine Sache. Dass sie es konnten, hatten sie heute Morgen bewiesen. Aber Harper Dunn ignorieren, die er immer noch verdammt sexy fand?

Das stand auf einem anderen Blatt.

2. KAPITEL

Natürlich hatte sie nicht gut geschlafen. Abgesehen von der erfolgreichen Operation, war die Wiederbegegnung mit Logan so desaströs gewesen wie erwartet. Sosehr sie auch versucht hatte, sich dagegen zu wehren – der Mann ließ sie nicht kalt. Ihre Auseinandersetzung in der Cafeteria beschäftigte sie. Vor allem sein Vorwurf, sie hätte emotional dichtgemacht, sorgte dafür, dass sie stundenlang wach lag. Selbst jetzt am Morgen drehten sich ihre Gedanken um das tiefsitzende Gefühl der Verlassenheit, das ihre Kindheit und Jugend bestimmt hatte. Aber warum sollte sie darüber reden, wenn sie weder an der Ursache noch an den Folgen etwas ändern konnte?

Als Harper mit ihrer Assistenzärztin Jess die NICU, die Säuglingsintensivstation, betrat, war sie entschlossen, Logan aus ihren Gedanken zu verbannen. Während sie sich an einem der Waschbecken die Hände wusch, blickte sie sich um – und entdeckte Logan und seinen Assistenzarzt Greg im Gespräch mit Eltern. Sofort war der Druck im Magen wieder da. Logan sah gut aus in der OP-Kleidung. Urban und professionell. Wäre sie die Mutter eines kranken Babys, sie würde seinem ärztlichen Urteil sofort vertrauen.

Was nicht heißen sollte, dass Harper ihm vertraute!

„Wo wollen Sie anfangen?“, fragte Jess.

„Da Dr. Grant bereits hier ist, lassen Sie uns doch dort drüben anfangen.“ Heute war ein neuer Tag. Logan zu ignorieren, bis sie zusammenarbeiten mussten, schien ein guter Plan zu sein. Er würde ihr helfen, die unerwartete und überraschend starke Anziehung in den Griff zu bekommen.

Jess und sie begannen gerade mit der Visite, als ein ohrenbetäubender Alarm losging. Fast gleichzeitig mit Logan und Greg liefen sie los. Die Krankenschwestern waren schon dabei, die Vorhänge um das Bettchen zu ziehen, und Harper sah bestürzt, dass es Connors war. Des Babys, das Logan und sie gestern operiert hatten.

Es wurde hektisch. Alle vier arbeiteten Seite an Seite zusammen mit den Neonatal-Schwestern. Schläuche und Elektroden wurden gecheckt, Vitalzeichen gemessen und Blut abgenommen.

„Sauerstoffsättigung ist gesunken“, erklärte Greg und passte die Sauerstoffzufuhr an. „Aber über Nacht war er stabil.“

Während sie die Monitore studierte, überlegte Harper fieberhaft mögliche Ursachen für die Atemnot. Die Atmung des Babys war beschleunigt, die Herzfrequenz verlangsamt und der Sauerstoffgehalt in seinem Blut alarmierend niedrig.

Logan hatte die Stethoskopbügel in den Ohren und hielt das Bruststück an die winzige Babybrust. Harper griff nach ihrem Stethoskop und platzierte die Membran neben die von Logans. Ihre Finger streiften sich im beengten Raum des Inkubators, aber es blieb keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen. Eine Komplikation wie diese, vierundzwanzig Stunden nach der OP, war höchst beunruhigend.

Nach wenigen Sekunden blickte Logan auf und sah Harper besorgt an.

„Verminderte Atemgeräusche links, denke ich“, sagte sie und war erleichtert, als er nickte. „Vermutlich Pneumothorax.“

„Sehe ich auch so. Wir verständigen die Radiologie, er muss dringend geröntgt werden.“

Jess nickte, zog ihr Handy heraus und entfernte sich ein paar Schritte.

„Hat er Fieber?“, wandte sich Logan an Greg.

Der schüttelte den Kopf. Eine Infektion so kurz nach der OP konnte der kleine Körper auch nicht gebrauchen, doch ein Pneumothorax war lebensbedrohlich. Der Blutdruck des Babys fiel erneut ab, und die Geräte schlugen Alarm.

„Wir können nicht auf das Röntgenbild warten, uns läuft die Zeit davon“, sagte Logan.

„Stimmt. Lass uns versuchen, den Druck rauszunehmen.“ Harper schnappte sich eine sterile Nadel und Spritze vom Instrumentenwagen und reichte sie Logan. Während er die Packungen aufriss, tupfte sie die linke Seite des Babys mit einem desinfizierenden Alkoholtupfer ab.

„Danke.“ Viel Raum zum Arbeiten hatten sie nicht, aber jede Sekunde zählte.

Sobald die Kanüle in Connors Brusthöhle eingeführt war, zog Logan an der Spritze und holte 20 cm3 Luft heraus, die der Babylunge entwichen war. Fast sofort verbesserten sich die Sauerstoffwerte, und der Blutdruck stabilisierte sich.

„Sehr gut.“ Harper seufzte erleichtert auf und las in Logans Augen die gleiche Regung. Zumindest medizinisch waren sie auf derselben Wellenlänge.

„Trotzdem sollten wir ein Herzecho machen“, schlug er vor.

„Können Sie die Thoraxdrainage übernehmen?“, fragte Harper ihre Assistenzärztin.

Jess nickte, und Greg sagte: „Wir erledigen das zusammen.“

Die medizinische Technologin für Radiologie brachte ein fahrbares Röntgengerät, und alle traten beiseite, damit sie die Aufnahmen machen konnte.

„Sagen Sie bitte Connors Eltern, was passiert ist“, bat Harper die Intensivschwester. „Versichern Sie ihnen, dass Dr. Grant Connor behandelt hat und ihr Sohn stabil ist. Sobald sie hier sind, werden Dr. Grant oder ich ihnen alles Weitere erklären.“

Logan streifte sich die Handschuhe ab und ging zum Waschbecken, um sich die Hände zu waschen. Harper folgte ihm.

„Haben wir etwas übersehen? Gestern Abend, bevor ich ging, war er stabil.“

„Davon hatte ich mich auch überzeugt. Während der Nacht war alles in Ordnung. Und wir waren beide mit dem Ergebnis der OP zufrieden.“

Dankbar, dass sie die Verantwortung gemeinsam trugen, nickte sie. Trotz persönlicher Differenzen konnten sie im Klinikalltag gut zusammenarbeiten. Das war sehr beruhigend. Gestern hatte sie gesehen, dass Logan als Chirurg tatsächlich Weltklasseformat besaß. Dafür schuldete sie ihm professionellen Respekt. Und es berührte sie seltsam, ihn mit winzigen Babys zu sehen. Vielleicht, weil sie sich einst, vor langer Zeit, vorgestellt hatte, mit ihm Babys zu bekommen …

„Warten wir die Testergebnisse ab, bevor wir uns große Sorgen machen“, sagte er in der ihm eigenen sachlich logischen Art.

„Du hast recht“, antwortete sie. Logan war der Letzte, bei dem sie Halt gesucht hätte. Und nur, weil sie seinem ärztlichen Urteil vertraute, hatte sie ihre Meinung nicht geändert: Sie konnten nicht befreundet sein. Zum einen war die Anziehung noch zu stark, und zum anderen hatten sie gestern bewiesen, dass sie keine persönliche Unterhaltung führen konnten, ohne aneinanderzugeraten.

Harper zögerte. Allerdings wären ihr fast die Tränen gekommen, als er sie am Arm berührte und anbot, für Charlie da zu sein. Es war lange her, dass sie sich emotional auf jemand anders als sich selbst gestützt hatte. Sie hatte auf die harte Tour gelernt, dass es nur im Schmerz endete, wenn sie sich auf andere verließ – erst, als ihre Mutter ohne einen Blick zurück ging, und dann, als ihre Ehe in die Brüche ging.

„Warum überlassen wir es nicht Jess und Greg, die Ergebnisse zu bewerten?“

Harper blickte zurück zu Connors Bettchen, wo ihre Assistenzärzte ins Gespräch vertieft waren. Sehr vertieft … ihr Flüstern und die Körpersprache verrieten, dass sie einander viel näher waren als einfach zwei Kollegen auf derselben Station. „Sind sie ein Paar?“

Logan folgte ihrem Blick. „Ja“, sagte er und sah sie an. „Junge Liebe. Weißt du noch, wie sich das angefühlt hat?“

Harper erstarrte innerlich. „Vage …“, log sie, bevor sie wieder zu den beiden hinüberschaute. „Ich hoffe, dass sie nicht erfahren müssen, wie flüchtig die Liebe sein kann. Und dass es besser ist, sich nur auf sich selbst zu verlassen, wenn man glücklich sein will.“

Ein herausfordernder Ausdruck trat in seine Augen. „Sie wirken ziemlich gefestigt“, entgegnete Logan. „Tatsächlich sind sie verlobt.“ Sein Blick fiel auf ihre Lippen, und sie leckte unwillkürlich mit der Zunge darüber. „Wenn du am MMH bleibst, bekommst du vielleicht eine Einladung zur Hochzeit.“

Er trat vom Waschbecken zurück, zielte mit den zerknüllten Papierhandtüchern auf den Abfallkorb und traf.

Verärgert schürzte Harper die Lippen. Anscheinend machte es ihm weniger aus als ihr, über die Vergangenheit zu reden. „Ich sagte dir ja, dass ich bleibe, und ich habe dir auch gesagt, warum.“ Und schon waren sie wieder in ein persönliches Gespräch geschlittert …

Eine schmale Falte erschien zwischen seinen Brauen. „Geht es Charlie gut? Ich habe ihm gestern Abend eine Nachricht geschickt, aber noch nichts von ihm gehört.“

Ihr fiel fast die Kinnlade herunter. „Du tauschst Textnachrichten mit meinem Vater aus?“

„Ja“, meinte Logan achselzuckend und schob die Hände in die Hosentaschen. „Nach dem, was du mir erzählt hast, habe ich mir Sorgen gemacht. Ist das so schwer vorstellbar? Hast du so eine geringe Meinung von mir?“

Harper schüttelte den Kopf. „Man hat Diabetes Typ 2 bei ihm festgestellt. Er hat einen Blutzucker-Sensor am Arm und spritzt Insulin. Aber du musst dir keine Sorgen machen.“

Logan hatte die Arme vor der Brust verschränkt und rieb sich in der für ihn typischen Art das glattrasierte Kinn. „Ich bin überrascht, das zu hören“, sagte er und trat näher, senkte die Stimme. „Wir haben uns erst kürzlich gesehen – dein Vater war immer so gesund und tatkräftig.“

„Meine Großmutter war Diabetikerin“, antwortete sie, verwirrt, dass er Charlie so gut zu kennen schien. „Schlechte Gene, vermutlich. Wo hast du ihn gesehen?“ Eigentlich wollte sie persönliche Themen vermeiden, aber wenn ihr Vater und ihr Ex über sie geredet hatten, musste sie es wissen.

„Wir haben uns auf einen Drink in Brooklyn verabredet. Allerdings hat er keinen Alkohol getrunken, und nun verstehe ich, warum.“

Harper schnappte nach Luft. „Du gehst mit meinem Vater einen trinken?“, fragte sie ungläubig. Warum? War es nicht das erste Mal? Hatten sie über sie gesprochen?

Logan wirkte völlig entspannt. „Es hat sich so ergeben, dass wir uns in den letzten zehn Jahren einmal im Monat getroffen haben. Charlie und ich haben uns schon immer gut verstanden“, fügte er hinzu und blickte ihr dabei in die Augen.

„Das glaube ich nicht“, murmelte sie. „Du hattest seit der Scheidung Kontakt zu meinem Vater?“ Welcher Ex-Mann machte so etwas? Sie hatte angenommen, dass er nichts mehr mit ihr, ihrer Familie oder sonst irgendwelchen Erinnerungen an die gemeinsame Zeit zu tun haben wollte. Offensichtlich hatte sie sich geirrt. Während sie nach London geflüchtet war, um Logan zu vergessen, hielt er die Beziehung zu ihrem Vater aufrecht, als wären sie immer noch zusammen.

„Ja.“ Immer noch blickte er sie intensiv an.

„Worüber redet ihr?“, entfuhr es ihr, während der Druck in ihrem Magen zunahm.

„Das könnte ich dir sagen“, erwiderte Logan. „Aber du hast alles verboten, was nicht unsere Arbeit betrifft.“ Er sah auf seine Armbanduhr. „Tut mir leid, ich muss mit der Visite weitermachen.“

Harper nickte. „Natürlich. Ich auch.“

Logan beugte sich zu ihr hinüber. Der Duft seines Aftershaves reizte ihre Sinne. „Bitte richte Charlie meine Grüße aus.“ Er hob die Hand, um Gregs Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, und schaute dann auf Harper hinunter. „Und falls du jemals beschließen solltest, über uns zu reden, weißt du ja, wo du mich findest.“

Damit ging er zur anderen Seite der Intensivstation, wo Greg auf ihn wartete. Harper sah ihm nach, völlig konfus. Wie hatte sie sich wieder in ein persönliches Gespräch locken lassen können, obwohl sie das doch überhaupt nicht wollte! Und warum fühlte es sich so an, als hätte ihr Ex-Mann die Oberhand gewonnen?

Zwei Tage später, nach einem langen Tag, stand Logan in einem kleinen Raum der Säuglingsintensivstation, um ein Baby zu untersuchen, als Harper und Jess an der Tür erschienen.

„Ist es okay, wenn wir zusehen?“, fragte Harper und griff nach einer Maske aus dem Behälter an der Tür.

„Natürlich.“ Logan sah sie an, und sein Herz machte einen Satz. Nach dem Notfalleinsatz um den kleinen Connor waren sie sich erfolgreich aus dem Weg gegangen. Hatten nur miteinander gesprochen, wenn es wegen einer gemeinsamen Behandlung nötig war. Aber es hatte ihn nicht davor bewahrt, ständig an Harper zu denken oder nach ihr Ausschau zu halten. „Warum ziehst du dir nicht einen Kittel über, falls ich ein Extrapaar Hände brauche?“

„Okay“, sagte sie, als könne sie es kaum erwarten. Harper legte eine Bleischürze an, wusch sich die Hände und zog einen sterilen Kittel und Handschuhe an.

Jess stellte sich neben Greg zum medizinisch-radiologischen Technologen, wo sie den Monitor im Auge behielten, der die Herzkatheter-Prozedur zeigte. Beide befanden sich außerhalb der sterilen Zone. Harper nahm ihre Position Logan gegenüber ein, zwischen ihnen lag der kleine Patient.

„Dies ist Alex, drei Wochen alt, mit PDA.“ Ein persistierender Ductus arteriosus bestand, wenn sich die im fetalen Stadium wichtige Verbindung zwischen Aorta und Lungenarterie nach der Geburt nicht geschlossen hatte.

„Die medikamentöse Behandlung hat nicht angeschlagen“, fuhr er fort. „Deshalb verschließe ich das Gefäß heute.“

„Verwendest du einen Okkluder oder einen Gefäßverschlussstopfen?“, wollte Harper wissen.

„Ich ziehe einen Okkluder vor.“ Logan blickte zur Anästhesistin hinüber, die ihm das Zeichen gab, mit dem Eingriff zu beginnen. „Okay, wenn alle bereit sind, fangen wir an.“

Während Anästhesistin und Neonatalschwester die Vitalzeichen überwachten – Puls, Blutdruck, Sauerstoffsättigung und Atemfrequenz –, lokalisierte Logan die Oberschenkelarterie in der Leistengegend des Babys. Schließlich schob er den Führungsdraht in das Gefäß ein und lenkte ihn langsam zum Herzen. Das MRT unterstützte den Vorgang mit Echtzeit-Röntgenbildern.

„Gut, ich führe jetzt den Okkluder ein“, sagte er und versuchte, nicht den Atem anzuhalten. Sobald das Implantat in der richtigen Position lag, betrachtete er eine letzte Röntgenaufnahme, um endgültig sicherzugehen.

„Sieht perfekt aus“, meinte Harper und warf ihm einen ermutigenden Blick zu.

Logan nickte zufrieden und begann langsam, den Führungsdraht zurückzuziehen. Plötzlich schoss Babys Herzfrequenz in die Höhe, und ein ohrenbetäubender Alarm ertönte.

Logan erstarrte, sein Blick flog zum Herzmonitor, der eine abnorm schnelle Herzfrequenz anzeigte.

„Ventrikuläre Tachykardie.“ Die Anästhesistin sprang auf. „Blutdruck fällt.“

Adrenalin schoss durch Logans Körper. Gleichzeitig mit Harper tastete er nach einem Puls. Ihre Blicke trafen sich.

„Nichts“, sagte sie. „Bei dir?“

Logan schüttelte den Kopf. Ihm zog sich der Magen zusammen. „Herzstillstand.“

Harper umfasste die Brust des Säuglings mit beiden Händen, sodass ihre Daumen über dem Sternum lagen, und begann mit der Herzdruckmassage. Logan griff zum Defi und schaltete ihn ein.

„Weg vom Bett“, sagte er, wartete, bis Harper die Hände weggezogen hatte, und schockte den kleinen Körper. Logan starrte auf den Herzmonitor. Eine Sekunde verging, die zweite auch, dann schlug das Herz wieder in normalem Sinusrhythmus. Grenzenlose Erleichterung erfasste Logan. Sicherheitshalber prüfte er den Leistenpuls und spürte ihn unter der Fingerspitze.

„Blutdruck wird wieder aufgezeichnet“, sagte die Narkoseärztin, und alle im Raum schienen hörbar aufzuatmen.

Logan zitterte innerlich nach dem Adrenalinstoß. Das Wort Herzstillstand gehörte zu den erschreckendsten, erst recht, wenn es um solche kleinen, verletzlichen Patienten ging. Obwohl dieser minimalinvasive Eingriff eher Routine und weniger riskant war als eine Operation am offenen Herzen, wusste Logan, dass er immer auf alles gefasst sein musste. Herzrhythmusstörungen waren bei Babys mit angeborenem Herzfehler eher zu erwarten. Die Prozedur mochte sie in diesem Fall ausgelöst haben, aber Logan hatte nichts falsch gemacht. Trotzdem flammte das Gefühl, versagt zu haben, in ihm auf.

„Gut gemacht“, flüsterte Harper. Als er aufblickte, las er Erleichterung auch in ihren Augen.

„Können wir fortfahren?“, fragte er. Die Verantwortung lag bei ihm. Er leitete die Abteilung, und es war sein Patient.

Die Anästhesistin nickte, Harper ebenfalls. Logan fuhr fort, den Führungsdraht langsam zurückzuziehen, und beendete den Eingriff ohne weitere Zwischenfälle.

„Lassen Sie uns ein paar Bluttests vornehmen“, sagte er zu Greg, während er Handschuhe und Maske abzog, um zu verbergen, wie aufgewühlt er immer noch war. Sein Assistenzarzt nickte und entnahm eine Blutprobe über den intravenösen Zugang.

„Sorgen Sie bitte dafür, dass ein Herzultraschall gemacht wird“, wandte sich Harper an Jess. Die junge Ärztin nickte und setzte sich an den Computer.

„Achten Sie auf Alex’ Urinmenge“, trug Logan der Säuglingsschwester auf. „Und ich möchte bis auf Weiteres halbstündliche Kontrollen.“

Während das Team das Baby für den Transport zurück zur Intensivstation vorbereitete, zog Logan seinen Kittel aus und schrieb einen kurzen Bericht. Rational betrachtet konnte jedem, auch Harper, so etwas wie eben passieren. Trotzdem mochte er nicht in ihre Richtung sehen. Zu sehr hatte ihn der brenzlige Zwischenfall mitgenommen. Sicher wusste sie genau, wie er sich fühlte. Sie kannte ihn so gut, wie er sie kannte. Und da die alten Verletzungen der Vergangenheit noch nicht ausgeräumt waren, wollte er nicht, dass sie ihn verletzlich sah.

„Ich spreche mit den Eltern“, sagte er zu Greg und verließ den Raum. Auf dem Weg zum Familienzimmer dachte er immer noch über seine Reaktion nach. Als seine Frau hatte Harper ihn besser gekannt als jeder andere Mensch. Ob ihr bewusst war, wie schwer er es ertrug, zu versagen – ob nun im Beruf oder privat? Ihm war klar, woher sein perfektionistischer Anspruch kam: Seine Eltern hatten von jeher hohe Erwartungen in ihn gesetzt.

Und was Harper betraf … Sie zu verlieren, betrachtete er als sein größtes Versagen überhaupt. Das musste sie nun wirklich nicht erfahren …

Der kleine Alex war stabil und erholte sich auf der Intensivstation von dem Eingriff. Harper wollte das Krankenhaus verlassen, zögerte jedoch, als sie an Logans Büro vorbeikam. Mit wild klopfendem Herzen blieb sie stehen und starrte auf die geschlossene Tür. War er noch da oder schon nach Hause gegangen?

Da sie ihn gut kannte, hatte sie sofort gemerkt, wie sehr ihn der Herzstillstand des Babys erschüttert hatte. Ihr wäre es nicht anders gegangen. Jeder im Raum hatte die Panik, die Dringlichkeit gespürt. Ein Kind zu verlieren, war die schlimmste Erfahrung, die man in ihrem Beruf machen konnte.

Sie holte tief Luft, hin- und hergerissen zwischen dem Versprechen, sich fernzuhalten, und dem Bedürfnis, sich davon zu überzeugen, dass es ihm gut ging. Logan war ein exzellenter Chirurg, der immer das beste Ergebnis anstrebte. Ohne Frage würde er genau analysieren, was passiert war, und überlegen, was er hätte anders machen können. Aber es ging sie nichts an, wie er die psychologischen Aspekte seiner Arbeit handhabte. Warum konnte sie nicht einfach gehen?

Harper beschloss, ihr Gewissen zu beruhigen und sich zu vergewissern, dass er okay war. Sie klopfte an die Tür. Vielleicht fühlte sie sich auch verpflichtet, weil er ihr seine Unterstützung wegen Charlies Diabetes angeboten hatte. Oder weil sie die ganze Woche an ihn gedacht hatte. Oder einfach nur, weil die gemeinsame Vergangenheit eine Verbindung geschaffen hatte, die sie nicht ignorieren konnte. Wenn sie jetzt nach Hause ging, ohne nach ihm zu sehen, hätte sie doch keine Ruhe und wieder eine schlaflose Nacht vor sich.

Dann kamen ihr Zweifel. Vielleicht wollte er ihren Beistand gar nicht. Sie hatten ja nicht gerade ein unkompliziertes Verhältnis. Außerdem schien er sowieso nicht mehr da zu sein. Gerade als sie sich abwandte, ging die Tür auf.

Logan stand im Türrahmen, hatte die Krawatte abgenommen, die oberen beiden Hemdknöpfe geöffnet. Ein Blick in sein Gesicht genügte, und sie wusste, dass er den Herzstillstand noch nicht verarbeitet hatte.

„Hi“, sagte sie und unterdrückte den Impuls, sich zu räuspern. „Ich wollte nur sehen, ob alles okay ist, bevor ich verschwinde.“

Erinnerungen an den Tag, als er seinen geliebten Großvater verlor, überfielen sie. Damals hatte sie ihn in einer langen, schlaflosen Nacht in den Armen gehalten, sich mit ihm in den frühen Morgenstunden geliebt, das Herz so voller Liebe, dass sie sich nicht vorstellen konnte, es könnte jemals enden. Der Impuls, ihn zu berühren, wurde so stark, dass sie unwillkürlich die Hände zu Fäusten ballte.

„Komm rein“, sagte er und trat von der Tür zurück.

Harper sah einen Schreibtisch, ein Sofa und sogar eine kleine Küchenzeile mit Spülbecken und Minibar-Kühlschrank. Sie schloss die Tür, verschränkte nervös die Hände. Vielleicht war dies ein Fehler. Sie wollte ihm doch aus dem Weg gehen!

„Es hätte jedem passieren können, Logan“, sagte sie, weil sie seine Stimmung erspürte und wusste, wie sehr er es hasste, zu versagen. „Wir haben es alle schon einmal erlebt. Ich hoffe, du machst dir keine Vorwürfe.“

Logan zuckte kaum merklich zusammen, wandte sich ab. „Wie hättest du dich gefühlt, wenn du die Verantwortung für den Eingriff gehabt hättest?“ Er nahm zwei Flaschen Wasser aus dem Kühlschrank und reichte eine Harper, ohne ihr in die Augen zu sehen. „Würde es helfen, zu wissen, dass es auch anderen passiert, wenn du den besorgten Eltern erklären musst, dass ihr Baby unter deinen Händen einen Herzstillstand hatte?“

Weil sie auf einmal weiche Knie hatte, setzte Harper sich auf die Sofakante. „Vermutlich nicht“, gab sie zu. „Aber du verlangst viel mehr von dir als andere von sich. Damals jedenfalls …“ Je mehr sie den älteren Logan erlebte, umso unsicherer wurde sie, ob sie ihn wirklich richtig gekannt hatte. Sicher wusste sie nur, dass sie sich anfangs umworben und geliebt fühlte, später jedoch einsam, verlassen und minderwertig. Oder waren da alte Gefühle hochgekommen, wegen ihrer Mutter …

„Nicht, dass ich mich antreibe“, sagte er und rollte mit seinem Stuhl hinter dem Schreibtisch hervor zu ihr, bis er ihr gegenübersaß. „Ich … hasse es nur, zu versagen.“

Harper lächelte traurig. „Kommt aufs Gleiche raus.“ Seine Worte überraschten sie. Während ihrer Ehe war es ihm nicht leichtgefallen, sich verletzlich oder Gefühle zu zeigen, was sicher mit den Erwartungen seiner Eltern zu tun hatte. Und sie, als Kind von der Mutter verlassen, war ähnlich gewesen, sodass sie ihn nicht dazu gedrängt hatte. Ja, sie waren beide in bestimmten Bereichen sehr verschlossen gewesen.

„Wie auch immer“, sagte er, schraubte den Deckel ab und trank einen Schluck aus der Flasche. „Ich dachte, wir dürfen nicht über früher sprechen.“ Logan sah sie auf eine Weise an, die ihr plötzlich bewusst machte, dass sie allein waren, am späten Abend. Im Krankenhaus herrschte Stille, es arbeitete nur die Nachtbesetzung.

„Tun wir ja nicht.“ Sie sah auf ihren Schoß. „Ich erkundige mich nur, wie es einem Kollegen nach einem alarmierenden Notfall geht. Also arbeitsbezogen. Du hättest dich genauso verhalten, wenn ich den Eingriff geleitet hätte.“

„Ja.“ Es geschah etwas, während sie sich stumm ansahen.

Die Sekunden tickten dahin. Ihr Herz hämmerte.

„Vielleicht war es ein Fehler“, sagte sie schließlich, ste...

Autor

Tessa Scott
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Susan Carlisle

Als Susan Carlisle in der 6. Klasse war, sprachen ihre Eltern ein Fernsehverbot aus, denn sie hatte eine schlechte Note in Mathe bekommen und sollte sich verbessern. Um sich die Zeit zu vertreiben, begann sie damals damit zu lesen – das war der Anfang ihrer Liebesbeziehung zur Welt der Bücher....

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