Julia Arztroman Band 49

– oder –

 

Rückgabe möglich

Bis zu 14 Tage

Sicherheit

durch SSL-/TLS-Verschlüsselung

IHR EINSATZ, DR. BECKETT! von JOANNA NEIL

Ordnung ist das halbe Leben? Falsch. Für Dr. Tyler Beckett ist es das ganze Leben. Völlig anders hält es seine neue Kollegin Ärztin Saskia Reynolds, die immer etwas chaotisch ist. Warum also lässt er sich dazu hinreißen, etwas komplett Untypisches zu machen – Saskia zu küssen?

EINE NACHT MIT DIR, EIN JA FÜR IMMER von MARION LENNOX

In den Armen von Dr. Noah McPherson fühlt Addie etwas, wonach sie sich immer gesehnt hat: begehrt zu werden! Dabei ahnt die Ärztin, eine Zukunft mit ihm bleibt nur ein Traum! Doch als ihre Liebesnacht süße Folgen hat, überrascht Noah sie mit einem unglaublichen Angebot …

WENN LIEBE HERZEN HEILT ... von LUCY RYDER

Ein Blick in Sam Kellans goldbraun glitzernde Augen genügt, schon verspürt Cassidy ein verräterisches Kribbeln. Doch sie soll den gut aussehenden Bad Boy verarzten, statt sich nach ihm zu verzehren! Schließlich bedeutet jemand wie er Gift für ihr gebrochenes Herz …


  • Erscheinungstag 29.08.2026
  • Bandnummer 49
  • ISBN / Artikelnummer 8203260049
  • Seitenanzahl 448

Leseprobe

Joanna Neil, Marion Lennox, Lucy Ryder

JULIA ARZTROMAN BAND 49

Joanna Neil

1. KAPITEL

„Boomer, lass los! Aus!“

Im Halbschlaf drehte sich Saskia im Bett um und kuschelte sich wieder in ihre Decke. Doch der Lärm war nicht zu ignorieren. Was war da los? Das war doch eindeutig die Stimme der achtjährigen Becky … Müde öffnete Sakia die Augen.

Weiches Sonnenlicht drang durch die Vorhänge und versah die Glastüren des antiken Kleiderschrankes und das fein gemaserte Holz des Frisiertisches mit funkelnden Reflexen. Es war ein hinreißendes Zimmer, aber für einen Moment war Saskia verwirrt. Wo war sie hier? Und was sollte dieses Geschrei?

Als ein lautes Heulen ertönte, setzte sie sich erschrocken im Bett auf. Leise stöhnend schlug sie die Decke zurück und stand auf. Wie spät war es eigentlich?

Sie griff nach dem kurzen Seidenmorgenmantel, der über einem Stuhl hing, und zog ihn über ihr kurzes Nachthemd, das ihr gerade bis zu den Oberschenkeln reichte. Schlagartig fiel ihr wieder ein, wie drastisch sich ihr Leben in den letzten Tagen verändert hatte. Sie war hier, um sich um die Kinder zu kümmern. Allein bei dem Gedanken bekam Saskia schon leichte Panik. Warum lag sie noch im Bett, während die Kinder schon wach waren?

„Böser Hund! Ich mag dich nicht mehr. Geh weg, Boomer.“

Nach einem flüchtigen Klopfen wurde unvermittelt die Tür zu Saskias Schlafzimmer aufgerissen, und eine aufgebrachte Becky stürmte herein. Tränen liefen über ihr wütendes Gesicht.

„Boomer hat auf Millys Nuckelflasche herumgekaut und jetzt ist sie kaputt – schau!“ Verschlafen starrte Saskia auf etwas, das einmal die Nuckelflasche einer Puppe gewesen war. Becky hatte recht. Sie war kaputt, so viel stand fest.

Tröstend legte Saskia einen Arm um die Schultern ihrer Nichte und drückte ihre Wange an die blonden Locken des Mädchens. „Wir finden bestimmt eine neue, wenn wir das nächste Mal einkaufen. Solche Sachen musst du von Boomer fernhalten, weißt du? Auch wenn er schon zwei Jahre alt ist, verhält er sich noch oft wie ein Welpe.“

„Er ist ein böser Hund.“

„Ja.“ Saskia warf einen Blick auf die Uhr auf ihrem Nachttisch und erschrak. War es wirklich schon zehn Uhr? Dann erinnerte sie sich daran, dass sie im Augenblick ja keine Arbeit hatte, zu der sie zu spät kommen könnte. Außerdem war Samstag. Es gab also keinerlei Grund zur Aufregung!

Doch bereits eine Minute später klingelte es an der Tür, und die Ruhe war wieder dahin.

Saskia war gerade ins Wohnzimmer gehuscht, um nach Beckys Geschwistern zu sehen. Beim Geräusch der Türklingel begann Boomer, der lebhafte Spaniel der Familie, laut zu bellen, und Saskia runzelte die Stirn.

Wer konnte das sein? Sie war nicht unbedingt in der Stimmung für Besucher. Außerdem herrschte im Haus das reine Chaos – überall standen Taschen, Umzugskisten und halb ausgepackte Kartons.

Der sechsjährige Charlie spielte trotz des Lärms zufrieden in einer Ecke des Zimmers mit seinen Spielzeugautos und schaute kaum auf, als Saskia ihn begrüßte.

Doch Boomer verstummte, als er sie sah, raste schwanzwedelnd auf sie zu und warf sie beinahe um vor Begeisterung. Sie streichelte sein seidiges schokoladenbraunes Fell und sah sich dabei um. Von Caitlin fehlte jede Spur. Bestimmt lag der Teenager noch gemütlich im Bett. Beneidenswert.

„Vielleicht sollten Sie hereinkommen“, hörte sie Becky vom Flur her zögernd sagen. „Meine Mummy ist nicht da, aber Sie können mit meiner Tante sprechen, wenn Sie möchten.“

Sofort lief Saskia los, um eine Katastrophe zu verhindern. Sie war doch noch gar nicht ordentlich angezogen – wie konnte sie in diesem Aufzug jemandem gegenübertreten?

Aber sie kam zu spät … ein Mann, der ein großes Paket trug, folgte Becky bereits über den Flur in Richtung Wohnzimmer.

Für den Bruchteil einer Sekunde stockte Saskia der Atem. Der fremde Mann sah einfach umwerfend gut aus! Sie schätzte ihn auf etwa Mitte dreißig, er war groß und schlank, und wirkte geradezu verboten fit. Seine Kleidung war sportlich-elegant: dunkles Hemd, beigefarbene Hose und Slipper. Wow! fuhr es Saskia durch den Kopf. Die Scilly-Inseln haben wirklich etwas zu bieten.

Seine kohlrabenschwarzen Haare waren extrem kurz geschnitten, was ganz wunderbar zu seinen kantigen Gesichtszügen passte. Und seine blauen Augen … Errötend wurde Saskia bewusst, dass ihr Gegenüber inzwischen bemerkt haben musste, dass sie ihn anstarrte.

Allerdings schien dieses unerwartete Aufeinandertreffen auch den gut aussehenden Fremden aus dem Gleichgewicht zu bringen. Er holte scharf Luft und sie sah, wie seine Augen sich weiteten, als er sie eingehend von Kopf bis Fuß musterte. Sie spürte seinen Blick wie eine heiße Berührung auf ihrer Haut.

Es fühlte sich an, als würde eine elektrische Spannung zwischen ihnen bestehen, und eine sinnliche Hitzewelle lief durch Saskias Körper. Sie konnte sich nicht rühren, wusste nicht, wie ihr geschah.

Dann gab der Fremde einen rauen Ton von sich, als wollte er etwas sagen. Aber die Worte schienen ihm im Hals stecken zu bleiben.

Das brach den Bann. Umständlich zupfte Saskia am Saum ihres Morgenmantels, um ein wenig mehr von ihrem nackten Oberschenkel zu bedecken, doch dadurch zog sie den Stoff nur weiter auseinander. Schnell wickelte sie den Stoff fester um sich und verknotete den Gürtel – hoffentlich hielt er.

„Ich … äh …“ Zögernd sah der unverhoffte Besucher ihr ins Gesicht. Genau wie ihr schien es ihm schwerzufallen, sich wieder zu fangen. „Ich vermute, Sie sind nicht Mrs. Reynolds …“

„Oh … nein, ich bin ihre Schwägerin … Saskia Reynolds.“

„Ah, ich verstehe.“ Er nickte, atmete tief durch und straffte die Schultern. „Ich bin Tyler, Tyler Beckett.“ Mit dem Kinn deutete er auf die große Kiste mit dem Aufkleber „Vorsicht! Glas!“, die er noch immer in den Händen hielt. „Ich habe vor ein paar Tagen ein Paket für Mrs. Reynolds angenommen.“

„Oh! Danke!“ Saskia runzelte die Stirn. „Richtig. Mein Bruder hat erzählt, dass Megan eine neue Lampe bestellt hat … das ist sie dann wohl. Sie hatte beim Vermieter nachgefragt, ob sie einige Dinge verändern kann.“

„Ja, ich habe ihr erklärt, dass es in Ordnung ist, solange sie zuerst nachfragt.“

Er war der Vermieter? Das überraschte sie jetzt doch. Als sie ihm das Paket abnehmen wollte, wandte er ein: „Es ist ziemlich schwer. Vielleicht wäre es besser, wenn ich es für Sie irgendwo abstelle, wo es sicher ist?“

„Oh … ja, natürlich.“ Sie musterte ihn verstohlen. Wenn ihm das Haus gehörte, wie würde er wohl darauf reagieren, wie sein makelloses Eigentum aussah, nachdem drei Kinder und ein Hund hindurchgetobt waren? Schon jetzt war an einer der Wände eine Schramme zu sehen …

Erwartungsvoll sah er sie an, darum gab Saskia sich einen Ruck. Schnell verdrängte sie die nervöse Anspannung und führte ihn in das L-förmige Wohnzimmer. Barfuß tapste sie über den glatten Eichenfußboden in den Essbereich. „Hier könnten Sie es abstellen.“

Leider stand auf dem Esstisch noch schmutziges Geschirr – die Überreste des gestern Abend eilig zusammengestellten Abendessens. Danach war sie zu müde gewesen, um noch aufzuräumen.

Hastig schob sie alles etwas beiseite und deutete mit der Hand auf den freien Platz auf dem großen, stabilen Holztisch.

Ihr Bruder hatte das Haus teilmöbliert gemietet, und nach dem, was sie bis jetzt gesehen hatte, schien ihr neuer Vermieter ein gutes Auge für Qualität zu haben.

Im Moment sah er sich allerdings verblüfft um. Charlie hatte sein Spielzeug großzügig im Raum verteilt – das war die erste Kiste gewesen, die sie ausgepackt hatten, weil er es nicht erwarten konnte, seine Sachen wieder in der Hand zu haben. Dazwischen lag Boomers Spielzeug verstreut.

Tyler runzelte die Stirn, und Saskia zuckte zusammen. Insgeheim fragte sie sich, ob er wohl mit dem Chaos, das ein Familienleben mit Kindern mit sich brachte, vertraut war. So, wie er die Schultern straffte, eher nicht. Trotzdem sagte er nichts dazu. „Ich hatte die letzten Tage auf der Arbeit viel zu tun“, erklärte er, als er das Paket abstellte, „und gestern waren Sie bis spät abends mit dem Umzugswagen beschäftigt, da wollte ich nicht stören.“

„Das war sehr rücksichtsvoll“, murmelte sie und beugte sich vor, um ihm zu helfen, als sie bemerkte, dass er sie erneut intensiv musterte. Verlangend glitt sein Blick über ihre kupferroten Locken, die ihr ovales Gesicht einrahmten und ihr bis auf die Schultern reichten.

Zu spät erkannte sie, dass ihre Schulter nackt war. Der weite Ausschnitt ihres Nachthemds war irgendwie über ihren Arm gerutscht. Hastig zog sie den Morgenmantel zusammen.

„Ich … äh … ich muss mich für meinen Aufzug entschuldigen. Sie haben mich überrascht. Ich habe verschlafen. Das passiert mir sonst nicht“, fügte sie eilig hinzu. „Es ist nur so, dass … äh …“ Es war nur so, dass sie die halbe Nacht an ihrem Laptop gesessen hatte, um den Schulweg zu recherchieren und eine geeignete Betreuung für die Kinder nach der Schule zu organisieren sowie eine ganze Reihe anderer Dinge, die er nicht wissen musste und die sie erst tun konnte, nachdem die Kinder im Bett lagen. „Wir sind am Donnerstag lange gefahren, um hierher zu kommen. Dann zweieinhalb Stunden mit der Fähre, und schließlich noch vom Hafen hierher. Mir kommt es vor, als hätten wir seitdem keine Pause gemacht. Ich bin noch gar nicht richtig bei mir angekommen.“

„Das ist in Ordnung. Sie müssen sich nicht erklären.“ Er sah sie etwas seltsam an, und sie konnte sich gut vorstellen, was er dachte. Dass hier schon alles verloren war.

Sie trat vom Tisch zurück, und sein Blick glitt zu ihren nackten Füßen und verweilte dort, als hätte er gerade erst bemerkt, dass ihre Fußnägel pink lackiert waren. Er wirkte fasziniert, sogar neugierig, und schien es auch nicht eilig zu haben, wieder zu gehen. Ob sie ihm einen Kaffee anbieten sollte? Das wäre doch nachbarschaftlich, oder?

„Kann ich Ihnen …“ Sie unterbrach sich, als Boomer sie plötzlich spielerisch ansprang und völlig aus dem Gleichgewicht brachte.

Schnell hielt Tyler sie fest. „Was wollten Sie sagen?“

„Oh …“ Seine Nähe brachte sie ganz durcheinander, und es dauerte einen Moment, bis sie ihre Gedanken wieder geordnet hatte. Seine Hände umfassten sanft ihre Arme, schon allein diese Berührung durchflutete ihren Körper mit Wärme. Solange er sie so festhielt, konnte sie einfach nicht klar denken.

„Kaffee“, platzte sie schließlich heraus. „Ich wollte Ihnen Kaffee anbieten.“

„Danke, das wäre sehr nett.“ Er ließ sie los, und sie atmete auf. „Dann können sie mir vielleicht ein, zwei Dinge erklären“, fügte er hinzu. „Zum Beispiel, was mit Ihrem Bruder und seiner Frau passiert ist.“

Sie nickte, aber gleichzeitig durchfuhr sie ein schmerzhafter Stich. Sam und Megan lagen beide im Krankenhaus und würden sich nicht so schnell wieder erholen. Als ihr Vermieter hatte er vermutlich ein Recht, das zu erfahren, aber es fiel ihr einfach schwer, darüber zu sprechen. Der Unfall hatte sie alle geschockt.

Es war aus heiterem Himmel passiert, mitten auf einer viel befahrenen Straße …

Boomer folgte ihnen in die Küche, stupste sie immer wieder sanft an, als wollte er sie unbedingt in die richtige Richtung lenken. Da fiel ihr siedend heiß ein, dass er wahrscheinlich Hunger hatte. „Okay, Boomer, du kriegst was zu fressen. Gib mir nur eine Minute.“

In der Küche saß Caitlin an dem runden Tisch in einer Ecke. Ihr mittelbraunes Haar fiel ihr wie ein Vorhang über die Wange, während sie sich über ihr Handy beugte. „Er ist daran gewöhnt, um acht Uhr gefüttert zu werden“, bemerkte der Teenager leicht kritisch, als Saskia Trockenfutter in Boomers Futterschüssel gab. Schwungvoll warf sie ihr Haar zurück. „Gestern hast du ihn schon zu spät gefüttert, und vorgestern auch.“

„Wir hatten die letzten Tage ja auch viel zu tun“, verteidigte sich Saskia, weil ihr unangenehm bewusst war, dass Tyler interessiert zuhörte. „Ich bin viel organisierter, wenn ich erst mal den Dreh raus habe.“

„Ja, genau. Wahrscheinlich ist es besser, wenn ich mich um sein Futter kümmere.“ Caitlin seufzte und schob eine Schale mit trockenem Müsli in Saskias Richtung. „Das kann ich nicht essen. Mum kauft immer die richtige Marke.“ Missmutig presste sie ihre Lippen zusammen. „Und Charlie hat wieder die Milch alle gemacht.“

„Oh je.“ Saskia runzelte die Stirn. Natürlich war der Unfall ihrer Eltern schrecklich belastend für die vierzehnjährige Caitlin. Doch zu allem Übel schien sie nun auch noch eine mürrische Phase durchzumachen …

„Machen Sie sich keine Gedanken über den Kaffee“, mischte Tyler sich ein. „Das ist nicht so wichtig.“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich habe hier irgendwo ein paar Päckchen Kaffeepulver.“ Suchend sah sie sich um. Wo hatte sie die Schachtel nur hingelegt?

Auch Tyler schaute sich um. „Hier gibt es einige Schachteln zur Auswahl, oder?“ Sein Blick blieb an dem Geschirr und den Kochbüchern hängen, die auf der Arbeitsplatte ausgebreitet waren. Langsam schloss er die Augen, als wollte er diese unbekannte Welt ausschließen, in die er hineingestolpert war.

„Nein, das ist schon okay. Im Schrank“, erwiderte Saskia triumphierend. „Ich erinnere mich, dass ich sie in die Nähe des Wasserkessels geräumt habe. Juhu!“ Sie eilte dorthin, um sie zu holen, doch plötzlich …

„Au, au, au …“ Sie jammerte vor Schmerz, als sie auf einen von Boomers Kauknochen trat, hopste auf einem Bein auf dem gefliesten Boden herum und umklammerte ihren Fuß.

„Was ist los?“, fragte Caitlin und stand auf, um zu sehen, was passiert war. „Oh … da ist Blut.“ Sie schluckte schwer. „Du blutest, Sass. Ist alles in Ordnung?“

Saskia holte tief Luft. „Natürlich.“ Vorsichtig trat sie auf. „Mir geht es gut.“ Die Kinder sollten sich nicht auch noch um sie sorgen, sie mussten schon so viel verkraften. Stattdessen schaltete sie den Wasserkocher an und versuchte, den Schmerz zu ignorieren, während sie das Kaffeepulver in zwei Tassen gab.

„Ich vermute, Sie haben keinen Erste-Hilfe-Kasten zur Hand, oder?“, fragte Tyler.

Saskia überlegte. „Irgendwo habe ich ihn gesehen.“

„Dann hole ich schnell meinen.“

„Das ist wirklich nicht nötig. Mir geht es gut.“

Er musterte sie kurz. „Aber nicht mehr lange, wenn Sie so weitermachen. Sie wollen sich doch keine Infektion einfangen, oder?“

„N…nein, natürlich nicht.“

„Gut, dann setzen Sie sich, und warten Sie hier, bis ich zurückkomme.“

Nachdem er gegangen war, kümmerte sich Caitlin um den Kaffee und musterte den Kauknochen. „Ich entsorge den besser“, verkündete sie. „Vielleicht sollten wir Boomer in den Garten lassen. Er hat viel zu viel Energie.“

„Eine gute Idee. Vielleicht möchte Charlie ja draußen mit ihm spielen? Er und Becky müssen doch auch noch ihr Kaninchen füttern.“

„Ja, ich sag’s ihnen, sobald ich den Boden gewischt habe.“

Dankbar lächelte Saskia sie an. „Danke, Caitlin. Du bist ein Schatz.“

Nach wenigen Minuten kam Tyler zurück und stellte zuerst einen Karton Milch in den Kühlschrank, bevor er seinen Erste-Hilfe-Kasten auf dem Küchentisch auspackte.

„Ich schätze, die Blumenrabatte sind Geschichte“, murmelte er bedauernd, als er zur Spüle ging, um warmes Wasser zu holen. Das Küchenfenster bot einen perfekten Blick auf den Hund, der draußen mit den beiden jüngeren Kindern herumtobte …

„Das alles tut mir wirklich sehr leid“, entschuldigte sich Saskia und deutete mit der Hand auf die Kaffeetassen. „Bedienen Sie sich.“ Vielleicht fühlte er sich danach besser.

„Danke.“ Er packte weiter seine Ausrüstung aus.

Saskia biss sich auf die Unterlippe. „Vielleicht könnte ich einen dekorativen Zaun aufstellen, um ihn von den Blumen fernzuhalten. Sie haben uns leider zu einem ganz schlechten Zeitpunkt erwischt, wir wollten heute alles in Ordnung bringen – nun, über das Wochenende. Caitlin ist gerade oben, um weiter auszupacken und um ein wenig aufzuräumen.“

Er nickte, zog einen Stuhl vor sie und legte ein Handtuch über die Sitzfläche. „Legen Sie Ihren Fuß hier drauf. Ich wasche den Fuß zuerst, um den Schmutz aus der Wunde zu spülen.“

„Gut … danke.“ Sie sah ihm zu, wie er sich hinhockte und anfing. Gründlich säuberte er ihren Fuß und trocknete ihn danach sanft ab.

„Da sind mehrere kleine Verletzungen“, bemerkte er. „Ich drücke etwas Gaze darauf, bis es nicht mehr blutet.“

„Sie scheinen das schon mal gemacht zu haben“, murmelte sie und musterte seinen Erste-Hilfe-Kasten neugierig.

„Das stimmt, obwohl ich normalerweise mit schwereren Verletzungen zu tun habe“, antwortete er sachlich. „Ich bin Arzt hier im Krankenhaus auf der Insel, in der Notaufnahme. Außerdem unterstütze ich die Rettungsassistenten, wenn sie die Hilfe eines Arztes brauchen.“

„Ah, das erklärt es“, murmelte sie.

„Wie bitte?“ Er hob den Blick und ließ seine Hand dabei abwesend auf ihrem Bein ruhen, bevor er kontrollierte, ob die Wunde noch blutete.

Sie räusperte sich. Seine Berührung löste wirklich seltsame Dinge in ihr aus. Dinge, von denen sie dachte, sie hätte sie längst vergessen. „Sie haben so eine kompetente Ausstrahlung“, erklärte sie, „als wären Sie sehr gut organisiert und wüssten genau, was getan werden muss. Vermutlich ist unser Chaos ein kleiner Schock für Sie.“

Er antwortete zwar nicht, doch seine Mundwinkel hoben sich leicht. Geübt trug er ein Desinfektionsmittel auf und versorgte Saskias Fuß dann mit einem perfekten Verband.

„Das sollte für Sie etwas angenehmer sein“, sagte er. Schließlich stand er auf, griff nach seinem Kaffee und trank einen großen Schluck. Dann stockte er und starrte verwirrt auf seine Tasse. Überraschte es ihn, dass der Kaffee ihm schmeckte? „Wie passen Sie in dieses Bild hier?“, fragte er. „Haben Sie beschlossen, hierher zu ziehen, um bei Ihrem Bruder und seiner Familie zu sein, oder wohnen Sie schon auf der Insel?“

„Oh, ich bin hergekommen, weil mein Bruder und seine Frau … aufgehalten wurden.“ Sie wollte nicht darüber sprechen, was passiert war, und hoffte, dass er nicht weiter nachbohrte. „Die Kinder müssen in die Schule, und der Umzug war auch schon geplant und gebucht. Es sollte alles glattlaufen.“

Er nickte. „Was halten Sie von unserer Insel? Waren Sie schon einmal hier?“

Als Saskia lebhaft den Kopf schüttelte, hüpften ihre seidigen, kupferroten Locken hin und her. „Ich habe am Donnerstag zum ersten Mal einen Fuß darauf gesetzt. Aber sie ist so schön, dass es mir den Atem verschlagen hat – die herrlichen Strände und das klare, blaue Wasser, die Palmen … wie ein subtropisches Paradies.“

Seine Mundwinkel hoben sich. „Das ist es.“ Er stand auf und räumte gerade seine Ausrüstung zusammen, als die Küchentür aufflog und Charlie hereinstürmte.

„Boomer hat auf die Blumen gekotzt“, verkündete er. „Das ist echt eklig. Er hat sein ganzes Frühstück herausgewürgt und auch eine Menge Gras.“

Saskia stöhnte auf. „Habt ihr ihn heute früh etwa in den Garten gelassen?“

„Becky hat das gemacht.“

Ergeben seufzte sie. „Gut, ich komme gleich, und spüle das weg. Könnt ihr ihn ruhig halten? Schafft ihr das? Er muss noch ein bisschen draußen bleiben, bis sich sein Magen wieder beruhigt hat.“

„Okay.“ Charlie lief wieder nach draußen, woraufhin Tyler ihr einen kurzen, mitfühlenden Blick zuwarf.

„Ich gehe besser. Wie es aussieht, haben Sie alle Hände voll zu tun.“

Sie nickte und sah ihn bedauernd an. „Wie ich schon sagte, über das Wochenende sollte sich das alles klären.“

Dann stand sie auf und trat vorsichtig auf. „Das fühlt sich gut an“, sagte sie. „Danke für Ihre Hilfe. Und auch für die Milch – dafür bin ich wirklich sehr dankbar. Damit haben Sie sich bei Caitlin einige tausend Pluspunkte verdient.“

Er lächelte. „Gern geschehen.“ Dann ging er zur Küchentür hinaus, und sie hörte, wie er sich von den Kindern verabschiedete. Als sie aus dem Fenster sah, streichelte er Boomer gerade kurz über den Kopf.

Niedergeschlagen musterte sie das Durcheinander um sich herum. Es hätte wirklich keinen ungünstigeren Zeitpunkt für ihren Vermieter gegeben, ihnen einen Besuch abzustatten, aber das war noch nicht einmal das Schlimmste. Sie hatten den gleichen Beruf, da sie ebenfalls Ärztin war. Was würde wohl passieren, wenn er von ihrer Bewerbung in dem Krankenhaus hörte, in dem er auch arbeitete? Sie konnte sich nicht vorstellen, dass er darüber allzu begeistert wäre.

So freundlich er auch zu ihr gewesen war, vermutlich hielt er nicht viel von ihrer nachlässigen Art. Sie hatte das untrügliche Gefühl, dass alles von Anfang an gut organisiert abgelaufen wäre, wenn er hier an ihrer Stelle das Sagen gehabt hätte …

Trotzdem wünschte sie, es wäre anders gelaufen. Schließlich war er die Art Mann, von der Frauen träumten, und sie war keinesfalls immun dagegen … auch wenn sie den Männern abgeschworen hatte. Ihr Körper prickelte, wenn er nur in der Nähe war. Und als er ihr nacktes Bein berührt hatte … puh!

Saskia seufzte. Vielleicht sollte sie für den schlechten ersten Eindruck dankbar sein. So wurden diese Dinge gleich im Keim erstickt. Außerdem sollte sie ihre Lektion doch gelernt haben. Wenn man einen Mann näher kennenlernte, fingen die Probleme erst an.

2. KAPITEL

„Charlie, beeil dich! Wir müssen los, sonst kommen wir zu spät!“

Saskia sah sich in der Küche um, während sie in Gedanken eine Liste abhakte. „Becky, vergiss deine Sportsachen nicht.“

„Ja, gut.“

„Caitlin, hast du alles, was du brauchst?“ Sie schaute in den Flur, wo der Teenager stirnrunzelnd in den Spiegel starrte und versuchte, einzelne Haarsträhnen in Form zu bürsten. Das tat sie jetzt schon einige Minuten. „Was ist mit deinen Geometriesachen? Hast du sie eingepackt? Vielleicht sollte ich kurz nachsehen, nur um sicher zu sein.“

Blitzschnell riss Caitlin ihren Rucksack an sich, bevor Saskia auch nur in die Nähe kam. „Ich kann mich allein um meine Sachen kümmern“, fauchte sie. Dann wandte sie sich ab und rieb sich die Stirn, als hätte sie Kopfschmerzen. „Mich muss niemand kontrollieren.“

Saskia zuckte zusammen. Bis jetzt lief nichts nach Plan. So viel zu einem ruhigen Morgen, an dem alles reibungslos ablief: Caitlin war gereizt, seit sie sich aus dem Bett gequält hatte, Becky bestand darauf, draußen ihr Kaninchen zu streicheln, und Charlie blendete einfach alles aus, was um ihn herum passierte. Keine Chance, alle organisiert und rechtzeitig aus dem Haus zu bringen.

„Charlie, schaltest du das Computerspiel bitte aus? Wir gehen jetzt.“

Für ihren Nachbarn musste es toll sein, sich in seinen glänzenden BMW zu setzen und sorgenfrei ins Krankenhaus zu fahren. Sie hatte gesehen, wie er vor einer halben Stunde das Haus verlassen hatte: in einem makellosen dunklen Anzug, die Haare perfekt gestylt. Sein Leben verlief wahrscheinlich schnurgerade.

Schnell schob sie alle zur Tür, aber als sie gerade gehen wollten, rief Becky drängend: „Saskia … warte. Ich glaube, Boomer übergibt sich in der Küche. Ich kann ihn hören.“ Das kleine Mädchen lief zurück, um nachzusehen. „Iiiih! Da sind Stücke von Papiertüchern drin.“

Saskia seufzte. Von solchen Katastrophen blieb Tyler garantiert verschont. Sie warf Charlie einen ernsten Blick zu. „Hast du Boomer wieder Papiertücher zu fressen gegeben?“

Er schüttelte heftig den Kopf, konnte ihr aber nicht in die Augen sehen.

„Das ist nicht gut für ihn“, ermahnte sie ihn eindringlich. „Und uns hilft es auch nicht, weil ich das jetzt sauber machen muss, wo wir sowieso schon spät dran sind. Komm mit und hilf mir. Lass ihn in den Garten, für den Fall, dass er sich noch einmal übergeben muss.“

Etwas später lag Boomer friedlich in seinem Korb, und sie konnten endlich aufbrechen. Wie gut, dass die Schulen der Kinder auf demselben Gelände liegen, dachte sich Saskia. Das vereinfachte alles etwas. Außerdem war der Weg so kurz, dass sie zu Fuß gehen konnten.

Saskia durfte sich heute auf keinen Fall verspäten. Schließlich hatte sie ein Vorstellungsgespräch im Krankenhaus, sobald die Kinder in der Schule waren. Und weil sie diese Stelle so dringend brauchte, war sie etwas nervös. Eigentlich hatte sie sogar ziemlich weiche Knie. Die Miete wurde zwar vom Konto ihres Bruders bezahlt, aber für alles andere kam im Augenblick Saskia auf. Sie musste jetzt drei zusätzliche Mäuler stopfen, und die Rechnungen stapelten sich. Ihre Ersparnisse reichten nicht ewig.

Endlich an der Schule angekommen, umarmte sie Becky und Charlie und brachte sie noch kurz hinein. Der immer noch mürrischen Caitlin hatte sie lieber ohne Umarmung einen schönen Tag gewünscht. Öffentliche Zuneigungsbekundungen wurden von Teenagern meist nicht so gut aufgenommen. Und schon gar nicht vor den Augen von Mitschülern!

Als sie gerade wieder gehen wollte, wurde sie angesprochen: „Ah, Miss Reynolds … oder sollte ich Sie Dr. Reynolds nennen? Ich habe gesehen, wie Sie Charlie eben in der Garderobe geholfen haben, seinen Kleiderhaken zu finden, und da wurde mir klar, dass das die neuen Schüler an unserer Schule sein müssen.“

Saskia musterte die Frau, die auf sie zukam. Sie war groß und trug ihre mittellangen, dunkelbraunen Haare als modischen Bob. Ihre respektgebietende Aura war unverkennbar. „Hallo. Ja, das stimmt. Ich bin Dr. Reynolds.“

Die Frau lächelte. „Elizabeth Hunter, ich bin die Schulleiterin – wie gut, dass ich Sie hier treffe.“

Die Direktorin erklärte, dass sie gern mit Saskia über die Eltern der Kinder sprechen wollte und darüber, wie die Kinder den Autounfall der Eltern verkrafteten. In einem kurzen Gespräch erklärte Saskia die Situation. Es war so wichtig, den Kindern die Eingewöhnung an ihrer neuen Schule möglichst zu erleichtern. Doch unterbewusst hörte sie die Uhr ticken, sie musste wirklich los.

Schließlich konnte sie sich auf den Weg zum Krankenhaus machen. Jedoch wurde ihr beim Blick auf ihre Armbanduhr mulmig. Auf keinen Fall würde sie es jetzt noch pünktlich zu ihrem Vorstellungsgespräch schaffen!

Das Krankenhaus war relativ klein, ein weißes Gebäude mit einem tiefen, flachen Dach. Daneben befanden sich ein Gesundheitszentrum und eine Apotheke. Nervös eilte Saskia durch die automatischen Glastüren des Eingangs.

Die Empfangsschwester sprach gerade mit einer jungen, schlanken Frau, deren kastanienbraunes Haar zu einem schicken Zopf geflochten war. Sie ist Ärztin, vermutete Saskia, als sie das Stethoskop um ihren Hals bemerkte.

„Hallo. Kann ich Ihnen helfen?“ Die Schwester unterbrach das Gespräch mit der Ärztin, damit sie sich um den Neuankömmling kümmern konnte.

„Hallo. Ja, danke“, antwortete Saskia, leicht außer Atem vom schnellen Gehen. „Ich bin Dr. Reynolds und habe einen Termin bei Dr. Gregson.“

„Oh, natürlich“, erwiderte die Schwester lächelnd und hakte Saskias Namen auf einer Liste ab. „Sie sind der Neun-Uhr-fünfzehn-Termin und werden bereits erwartet. Wenn Sie mir folgen möchten, ich bringe Sie zum Büro.“

Die Ärztin sah auf ihre Uhr und verzog das Gesicht. Saskia konnte sich gut vorstellen, was sie dachte. Das war kein guter Start.

„Sagen Sie Dr. Beckett bitte, dass ich seine Hilfe in der neuen Herzambulanz zu schätzen wüsste? Das wäre nett“, murmelte die Ärztin. „Eventuell kann er später ein paar Minuten für mich erübrigen?“

„Ich bin sicher, er wird sich die Zeit nehmen“, antwortete die Empfangsschwester, bevor sie mit Saskia über den Flur ging. Vor einer Tür, an der mit dicken Buchstaben „Dr. James Gregson“ stand, blieb sie stehen und klopfte leicht an.

Eine raue Stimme antwortete: „Herein.“

Saskia atmete noch einmal tief durch, bevor sie eintrat und sich beiläufig umsah. Der Raum wurde dominiert von einem großen Tisch aus Mahagoniholz, an dem ein gut gekleideter, distinguierter Mann saß, der sie interessiert über die Gläser seiner randlosen Lesebrille musterte. Ihm zur Seite saßen zwei jüngere Männer.

Einer der beiden hielt den Kopf gesenkt und studierte Papiere in einer Aktenmappe, doch als sie auf den dunkelhaarigen Kopf starrte, schwante Saskia Übles, und ihr Herz begann zu rasen. War das ihr Nachbar?

„Dr. Reynolds, schön, Sie zu sehen. Bitte nehmen Sie Platz.“ Dr. Gregson stand auf und deutete auf einen Lederstuhl vor seinem Tisch. Er war ein Mann von mittlerer Größe, mit kantigen Gesichtszügen, dunklem Haar und ergrauten Schläfen. Seinen wachsamen braunen Augen schien nichts zu entgehen.

„Ich darf Ihnen meine Kollegen vorstellen“, sagte er. „Das ist Dr. Matheson – Noah Matheson. Er leitet die Abteilung zur Behandlung leichterer Verletzungen.“

Dr. Matheson stand auf, um ihr die Hand zu schütteln. Er war Anfang dreißig, attraktiv, groß, sportlich und offensichtlich auf den ersten Blick sehr von Saskia angetan. Seine haselnussbraunen Augen funkelten interessiert, als er ihre roten Haare musterte und den Blick über ihre schlanke, kurvige Figur gleiten ließ. Sie trug ein cremefarbenes Kostüm bestehend aus einem Bleistiftrock und einer taillierten Jacke – ein feminines und gleichzeitig geschäftsmäßiges Outfit, das ihr Selbstvertrauen stärkte, weil sie wusste, dass sie darin gut aussah.

„Freut mich, Sie kennenzulernen.“ Noah hielt ihre Hand etwas länger fest als nötig.

„Und das ist Dr. Beckett – Tyler Beckett. Er leitet die Notaufnahme.“

Spätestens bei diesen Worten zerplatzten ihre Hoffnungen wie eine Seifenblase.

Tyler stand auf und drückte fest ihre Hand. Anerkennend musterte er sie und lächelte sie warm und freundlich an. Dadurch entspannte sie sich etwas. Vielleicht wurde es doch nicht so schlimm. Er sah fantastisch aus, schlank, trainiert, genauso wie sie ihn das erste Mal gesehen hatte. Sein Jackett war offen, zeigte ein dunkelblaues Hemd und eine silbergraue Krawatte.

„Dr. Reynolds und ich kennen uns bereits“, erklärte er seinen Kollegen. „Wie sich herausgestellt hat, ist sie meine Nachbarin.“ Er sah in ihre grünen Augen und ergänzte mit leiser Stimme: „Ich kannte den Namen unseres Bewerbers bis heute Morgen nicht, und selbst dann war ich mir nicht sicher, ob Sie das sind.“ Seine Mundwinkel hoben sich. „Aber als es immer später wurde, hätte ich drauf kommen können. Das passt irgendwie.“ Sie verstand seine Anspielung nur zu gut.

Er ließ ihre Hand los, und sie setzte sich vorsichtig. Dann räusperte sie sich. „Ich muss mich für meine Verspätung entschuldigen“, sagte sie und sah jedem der drei in die Augen. Wie viel sollte sie ihnen erzählen? „Ich hatte heute Morgen mit ein paar familiären Dingen zu kämpfen – und leider war mir nicht bewusst, wie lange ich zum Krankenhaus laufe.“ Innerlich stöhnte sie auf. Sie plapperte, oder? Das interessierte niemanden. „Das war mein Fehler, aber von jetzt an werde ich alles besser organisieren.“

„Da bin ich sicher.“ Dr. Gregson nahm einen Hefter in die Hand und blätterte ihn durch. „Würden Sie uns etwas über Ihre letzte Stelle erzählen? Ich glaube, Sie haben in einem Krankenhaus in Cornwall gearbeitet?“

„Das stimmt.“ Zum Glück ein sicheres Thema. „Ich habe dort als Assistenzärztin in der Notaufnahme gearbeitet. Außerdem wurde ich in der Kinderstation eingesetzt.“

„Das ist eine wertvolle Erfahrung. Gut … gut …“ Dr. Gregson blätterte durch ihre Bewerbungsunterlagen. „Ihre Referenzen sind alle in Ordnung, soweit ich sehen kann, und Ihre Qualifikationen sind einwandfrei. Sie sind spezialisiert auf Notfallmedizin und Kinderheilkunde, haben sogar einige Zeit in der Allgemeinmedizin gearbeitet – ausgezeichnet, genau, was wir suchen.“ Er sah sie an. „Obwohl es etwas ungewöhnlich ist, sich erst so spät auf eine Richtung festzulegen, oder?“

Sie stockte kurz. „Oh … das ist richtig … ich war mir anfangs nicht sicher, worauf ich mich spezialisieren sollte.“ Unruhig rutschte sie hin und her. Tyler Beckett war bestimmt nie unsicher, oder? „Ein Jahr lang habe ich in einer Hausarztpraxis gearbeitet, und die Arbeit hat mir auch großen Spaß gemacht, aber nachdem ich während dieser Zeit mehrere Notfälle bearbeitet hatte, wurde mir klar, dass ich das mehr als alles andere tun wollte.“

Dr. Gregson nickte. „Ich verstehe.“ Er wandte sich an seine Kollegen. „Habt ihr noch Fragen an Dr. Reynolds?“

Tyler nickte. „Ich hätte eine“, meldete er sich sachlich zu Wort. „Es geht um die Referenzen …“ Er blätterte durch seine Kopie der Unterlagen, und Saskia war plötzlich alarmiert.

„Gibt es ein Problem?“

„Nicht direkt ein Problem … ich bin nur etwas besorgt über einen Aspekt Ihrer Arbeit, der hier nicht angesprochen wurde …“

Verwirrt runzelte sie die Stirn. „Ich wüsste nicht, was ich ausgelassen haben könnte.“

Er sah sie direkt an. „Bis auf … diesen Zwischenfall, wo Ihnen eine Patientin … verloren gegangen ist. Würden Sie uns davon erzählen? Was ist passiert?“

Saskia holte scharf Luft. „Aber woher haben Sie …? Ich dachte …“ Unsicher verstummte sie.

Noah hingegen warf Tyler einen ungläubigen Blick zu, als könnte er nicht verstehen, warum sein Kollege auf diese Weise die Pferde scheu machte.

„Ihr damaliger vorgesetzter Facharzt hat das nur erwähnt.“ Tyler sprach mit ruhiger Stimme, als wollte er sie beruhigen. „Ich habe die Einzelheiten nicht ganz verstanden und dachte, Sie könnten das für uns aufklären.“

„M…mein vorgesetzter Facharzt?“ Betroffen sah sie ihn an, ihre grünen Augen wirkten beunruhigt.

„Ja. Ich habe heute Morgen im Krankenhaus in Truro angerufen“, erklärte er, „um mich nach einem meiner Patienten zu erkundigen, der kürzlich dort aufgenommen wurde, und wurde zu Michael Drew durchgestellt. Er war doch Ihr vorgesetzter Facharzt, oder?“

Michael. Ihr Magen verkrampfte sich. Sie hatte den Fehler gemacht, sich mit ihm einzulassen. Von da an war alles bergab gegangen …

Zuerst war alles wunderbar gewesen. Sie waren eine Zeit lang ausgegangen, und sie hatte seine Gesellschaft genossen, aber als er sie immer stärker kontrollierte, hatte Saskia schließlich die Notbremse gezogen und die Beziehung beendet. Leider hatte Michael das nicht gut aufgenommen, und die Situation war so weit eskaliert, dass die Arbeit mit ihm unerträglich wurde. Das war ein Grund, warum sie sich entschieden hatte, sich nach einer anderen Stelle umzusehen.

Leider war ihr nichts anderes übrig geblieben, als seinen Namen als Referenz anzugeben, doch er hatte ihr versichert, dass sie nichts zu befürchten hatte. Und jetzt das … Was konnte er Tyler erzählt haben?

Aufmerksam beobachtete Tyler ihren Gesichtsausdruck und sagte leise: „Als mir klar wurde, dass sie beide zusammengearbeitet hatten, sind wir ins Plaudern gekommen, und dabei hat er Ihre Patientin erwähnt. Er hat es nur beiläufig als lustige Anekdote erzählt.“ Saskia verzog ironisch den Mund, und er hielt kurz inne. „Er meinte, nachdem sie die verschwundene Patientin wiedergefunden hatten, musste sie wegen einem anderen Leiden behandelt werden.“ Er ließ seine Hände auf den Unterlagen ruhen und verschränkte die Finger. „Es mag hinterher lustig erschienen sein, aber Sie verstehen sicher, warum das geklärt werden muss, oder? Wir müssen uns darauf verlassen können, dass unsere Patienten bestmöglich versorgt werden.“

„Ja, natürlich, das verstehe ich durchaus.“ Saskia leckte sich über ihre trockenen Lippen, und war sich leider nur zu bewusst, dass ihr sowohl Noah als auch Dr. Gregson aufmerksam zuhörten. „In Wahrheit fand ich daran gar nichts witzig, weder währenddessen noch hinterher. Und ich habe diese Patientin auch nicht wirklich verloren – zumindest nicht direkt.“

„Also, was ist passiert?“

„Die Patientin war eine etwa sechzigjährige Frau, die unter Demenz zu leiden schien. Ein Passant hatte sie ins Krankenhaus gebracht, weil sie sich bei einem Sturz am Arm verletzt hatte.“

Kurz hielt sie inne und erinnerte sich an die Hektik in der Notaufnahme an diesem Tag. „Wir hatten an diesem Morgen viel zu tun in der Notaufnahme und waren unterbesetzt. Einige der Schwestern hatten sich einen Virus eingefangen, der gerade umging, darum konnte mir niemand assistieren, aber ich wollte unbedingt weitere Tests an meiner Patientin durchführen – neben meiner Sorge um ihren Arm war ich nicht davon überzeugt, dass sie wirklich unter Demenz litt. Jedenfalls habe ich sie gebeten, am Behandlungsplatz zu bleiben, während ich jemanden gesucht habe, der die Blutproben ins Labor bringt. Aber als ich ein paar Minuten später zurückkam, war sie verschwunden.“

„Das war Pech“, sagte Noah mitfühlend.

Saskia nickte. „Es war sehr beunruhigend, denn wir konnten sie nirgendwo finden. Dann dachte ich, sie ist vielleicht nach draußen gegangen, darum bin ich die Treppe zum Ausgang hinuntergegangen. Auf der untersten Stufe saß sie mit einem geschwollenen Knöchel. Sie schien den Halt verloren zu haben und war dadurch umgeknickt.“

Tyler verzog ironisch den Mund. „Das war nicht ihr Tag, oder?“

„Nein, leider nicht.“

„Und wie lautete die endgültige Diagnose?“, fragte er nachdenklich, während seine blauen Augen sie einschätzend musterten.

„Sie litt unter einem Schilddrüsenproblem – ihr Körper hat zu wenig Schilddrüsenhormone produziert, und der Mangel hat demenzähnliche Symptome ausgelöst. Zusätzlich dazu hatte sie noch einen gebrochenen Arm von ihrem vorherigen Sturz und einen verstauchten Knöchel von ihrem Ausflug über die Treppe.“

Dr. Gregson schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln. „Nun, ich denke, das haben Sie für uns aufgeklärt, Dr. Reynolds. Danke dafür.“ Er sah sie über seine Brille hinweg an. „Und es ist gut zu wissen, dass Sie nicht alles unbesehen glauben.“

Sie nickte kurz und versuchte, langsam und gleichmäßig zu atmen, um diese wirklich unangenehme Situation zu verdauen. Offensichtlich war Tyler jemand, der alles genau wissen musste. Musste das sein? Wie leicht hätte Michael ihr alles verderben können.

„Für diese Stelle müssen Sie auf jeden Fall auf Draht sein“, bemerkte Dr. Gregson. „Hier ist es nicht ganz so wie auf dem Festland, wo alle möglichen Ressourcen zur Verfügung stehen. Die Patienten, die zu krank sind, um in unserem kleinen Krankenhaus behandelt zu werden, müssen zur Behandlung nach Cornwall geflogen werden.“

„Ich bin sicher, ich komme mit allem zurecht, was von mir erwartet wird, Dr. Gregson. Ich musste erst kürzlich eine große Veränderung verkraften, aber ich denke, das ist kein Problem.“

Das schien Noah sehr zu interessieren. „Möchten Sie uns mehr darüber erzählen?“

Kurz schloss sie die Augen und wünschte, sie könnte die Worte zurücknehmen, wappnete sich gegen den Schmerz. „Mein Bruder und seine Frau waren in einen schlimmen Verkehrsunfall verwickelt.“ Sie holte tief Luft. „Im Moment werden sie im Krankenhaus in Truro behandelt – und es sieht so aus, als ob sie noch eine ganze Weile dort sein werden.“

Tyler runzelte die Stirn und beugte sich vor. „Das haben Sie im Haus gar nicht erwähnt.“

„Nein – vielleicht hätte ich das tun sollen, aber es ist sehr schmerzhaft für mich, darüber zu sprechen. Ich muss den Schock noch verarbeiten.“ Sie zögerte, bevor sie weitersprach: „Mein Bruder arbeitet für den Wildlife Trust und wurde hierher auf die Scilly-Inseln versetzt. An dem Tag war er mit seiner Familie auf dem Weg hierher, um das neue Haus anzuschauen. Sie wollten etwas Zeit hier verbringen, die Insel erkunden, aber noch bevor sie hier ankommen konnten, gab es eine Kollision mit einem Lkw, der eine Kurve zu weit genommen hatte. Zum Glück haben die Kinder den Unfall unverletzt überstanden, obwohl sie natürlich einen gewaltigen Schock bekommen haben.“

„Das tut mir leid.“ Tyler klang aufrichtig besorgt. „Das muss schrecklich für Sie gewesen sein. Und ich vermute, Sie kümmern sich in der Zwischenzeit um die Kinder?“

„Das stimmt. Deswegen bin ich hier, und darum suche ich auch nach Arbeit.“

„Gibt es sonst niemanden, der sich um sie kümmern kann?“ Noah wirkte mitfühlend und verständnisvoll, obwohl er gleichzeitig eine Gelegenheit zu wittern schien, die er nutzen konnte. „Gibt es denn niemanden, der Sie unterstützt? Sind Sie nicht gebunden?“

Tyler warf ihm einen scharfen Blick zu, woraufhin sich Noah sichtlich zurücknahm.

Saskia schüttelte den Kopf. „Nicht im Moment … zumindest nicht in der Nähe.“ Sie vermutete sehr stark, dass Noah mit seinem Aussehen und seiner unbekümmerten Art eine Frau leicht eroberte. Sie wollte gar nicht wissen, wie viele seinem Charme schon erlegen waren.

„Ich bewundere Ihre Loyalität“, bemerkte Tyler, bevor er stirnrunzelnd noch einmal die Unterlagen durchsah, „und ich verstehe, warum es für Sie wichtig ist, hier Arbeit zu finden … aber hatten Sie Ihre alte Stelle nicht schon vor dem Unfall Ihres Bruders gekündigt?“

Verlegen zuckte Saskia die Schultern. Entging ihm denn eigentlich gar nichts? „Ich hatte bereits entschieden, dass ich mich verändern möchte.“

„War das nicht etwas unverantwortlich – Ihre Stelle aus einer Laune heraus aufzugeben?“

Kurz presste sie ihre Lippen fest aufeinander. Auf keinen Fall würde sie hier ihre gescheiterte Beziehung erwähnen. „Vielleicht“, räumte sie ein, „aber meiner Meinung nach werden Notärzte eigentlich überall in Großbritannien gebraucht.“

Er nickte. „Auf dem Festland vielleicht. Sie werden feststellen, dass die Nachfrage hier draußen nicht so groß ist.“

„Ja, das wird mir langsam klar.“ Ihr Mut sank. Das lief ganz und gar nicht so, wie sie gehofft hatte. Nach den Zweifeln, die er zum Ausdruck brachte, sah es ganz danach aus, als wollte er sie nicht für diese Stelle, und sie konnte es ihm kaum verübeln.

Für jemanden, der so gründlich und organisiert war wie Tyler Beckett, musste es gegen jeden Instinkt gehen, eine junge Frau einzustellen, die impulsiv entschied, wo sie arbeitete und die einfach ihrem Herzen folgte.

Sie wusste nicht, wie viele Kandidaten zu einem Gespräch eingeladen worden waren, aber sie war bestimmt nicht die Einzige. Auf der Liste der Empfangsschwester hatten wenigstens drei Namen gestanden.

„Zu der Zeit hatte ich eine Stelle in Cornwall in Aussicht“, erklärte sie, „und war zum Gespräch eingeladen, aber nach dem Unfall haben sich meine Pläne komplett verändert.“

Dr. Gregson entschied, dass es Zeit war einzugreifen. „Im Hinblick auf die Stelle, für die Sie sich hier bewerben, sollten Sie wissen, dass Sie nicht nur hier im Krankenhaus arbeiten würden. Wir fahren auch oft auf die anderen Inseln, um Patienten in Notsituationen zu besuchen.“

„Oh, ich verstehe.“ Sie schluckte nervös, versuchte aber, es zu überspielen. Als sie behauptet hatte, sie würde mit allen Anforderungen der Stelle klarkommen, hatte sie mit allem gerechnet, aber nicht mit Bootsfahrten. Dabei wäre es logisch gewesen. Vielleicht hatte sie einfach nicht darüber nachdenken wollen.

Denn seit ihrer Kindheit litt sie unter Seekrankheit – aber wie könnte sie ihnen das erzählen? Dann bekam sie die Stelle auf gar keinen Fall.

„Stört Sie das?“ Tyler beobachtete sie genau. „Sie wirken etwas abgelenkt.“

Sie setzte ein hoffentlich überzeugendes Lächeln auf. „Nein, überhaupt nicht. Das ist für mich gar kein Problem.“

Dr. Gregson wirkte zufrieden. „Nun dann, Dr. Reynolds, meine Kollegen und ich haben noch einen weiteren Kandidaten eingeladen, bevor wir zusammen entscheiden. Aber wir können Ihnen bestimmt bis gegen Mittag unsere Entscheidung mitteilen. In der Zwischenzeit möchten Sie sich vielleicht unser Krankenhaus ansehen – Janine, meine Sekretärin, führt Sie gern herum. Sie sollten etwas Zeit in der Abteilung zur Behandlung leichterer Verletzungen verbringen, um zu sehen, wie wir die Dinge hier handhaben, und sich dann mit der Notaufnahme vertraut machen.“

Sie nickte. „Ja, danke. Das Angebot nehme ich gerne an.“ Zumindest konnte sie hierbleiben, bis sie sich entschieden hatten.

Seine Sekretärin zeigte ihr die verschiedenen Stationen des Krankenhauses, besonders die Herz-Kreislauf-Station und die Abteilung für Geburtshilfe. Währenddessen unterhielten sie sich locker, aber innerlich fühlte sich Saskia entmutigt. In ihrer Vorstellung war das Gespräch ganz anders abgelaufen.

„Wir haben ein paar Betten für stationäre Patienten“, erklärte Janine ihr, „aber wir sind wahrscheinlich anders als die Krankenhäuser, an die Sie gewöhnt sind. Hier ist alles im kleineren Stil.“

Saskia nickte. „Aber das, was ich bis jetzt gesehen habe, beeindruckt mich. Es wirkt alles sehr effizient.“

Schließlich erreichten sie die Notaufnahme. Es gab einige Reanimationsräume, mehrere Behandlungsplätze und einen Bereich, in dem die Ärzte ihre Notizen abtippen und den Computer nutzen konnten.

„Mir gefällt, wie dieser kleine Bereich für die jüngeren Patienten abgeteilt ist“, bemerkte Saskia. „Das Wandbild lenkt sie bestimmt etwas ab.“

„Das ist toll, stimmt’s?“ Janine lächelte. „Dr. Beckett hat es bei einem Verwandten eines seiner Patienten in Auftrag gegeben. Die Kinder sind ganz wild darauf, die Hühner zu suchen, die sich auf dem Bauernhof verstecken. Und das Deckenbild lenkt sie ab, wenn sie sich hinlegen müssen.“

„Ja, das kann ich mir gut vorstellen.“ Es zeigte einen strahlendblauen Himmel mit Schäfchenwolken, vielen verschiedenen Vögeln und bunten Kastendrachen.

Wenn sie doch nur auch so leicht abzulenken wäre. Innerlich seufzte sie und dachte an die Mitglieder des Einstellungsgremiums, die wahrscheinlich in diesem Moment über ihr Schicksal entschieden. Ihr Magen verkrampfte sich.

Eine Schwester kam auf sie zu, als sie in Richtung Schwesternstation gingen. „Janine, ich habe Dr. Beckett angepiept – weißt du, ob er heute im Krankenhaus ist? Gerade ist ein Patient mit einer Handgelenksverletzung hereingekommen, die muss er sich ansehen.“

„Er hat seit heute Morgen Bewerbungsgespräche geführt, doch er sollte jetzt fertig sein. Ich denke, er kommt in ein oder zwei Minuten.“

„Gut, danke.“

Janine warf Saskia einen Blick zu. „Sie möchten vielleicht dabei sein – um zu sehen, wie es hier so läuft.“

„Sind Sie sicher?“, fragte Saskia. „Ich möchte nicht im Weg sein.“

Doch Janine schüttelte den Kopf. „Ich bin sicher, das ist kein Problem. Wir sind hier alle sehr freundlich und ungezwungen.“

„Ihr habt einen Patienten für mich?“ Forsch betrat Dr. Beckett die Notaufnahme. Saskia versteifte sich. Waren sie bereits zu einer Entscheidung gekommen?

„Er ist dort“, meldete sich die Triage-Schwester zu Wort und deutete auf einen der Behandlungsräume. „Wir haben ihn geröntgt und ihm etwas gegen die Schmerzen gegeben.“ Sie reichte Dr. Beckett die Patientenakte.

„Danke.“ Er warf einen Blick auf die Aufzeichnungen, ging dann zum Computer und musterte die Aufnahmen. „Ich brauche jemanden, der mir assistiert. Wer ist frei?“

Die Schwester schüttelte den Kopf. „Im Moment leider niemand. Ich werde an mehreren Stellen gleichzeitig gebraucht, und die anderen … wir kämpfen gerade mit einem Ansturm von Patienten. Es gab eine kleine Explosion auf einer Baustelle, und wir haben viele Verletzte … es hatte wohl mit einem Propangaszylinder zu tun. Zum Glück sind keine ganz schweren Verletzungen dabei, nur ein paar böse Verbrennungen.“

Er nickte zustimmend. „Gut, dann warte ich, bis jemanden frei ist.“

„Ich könnte helfen, wenn Sie möchten“, bot Saskia an.

Tyler warf ihr einen Blick zu. „Sind Sie sicher?“

„Natürlich. Wenn ich etwas tun kann …“ Sie runzelte die Stirn. „Ich habe gehört, dass der Mann ein gebrochenes Handgelenk hat. Hängt das mit der Explosion zusammen?“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, damit hat das nichts zu tun. Er ist vom Motorrad gestürzt, als er eine Kurve zu scharf genommen hat.“

„Oh je.“

Gemeinsam betraten sie den Behandlungsraum, in dem ein junger Mann Anfang zwanzig auf sie wartete und sein Handgelenk hielt.

„Nun, Mason“, sagte Tyler, zog sich einen Stuhl heran und untersuchte die Verletzung sorgfältig, „ich hätte dir auch ohne Röntgenaufnahme sagen können, dass du dir das Handgelenk gebrochen hast.“ Er warf Saskia einen Blick zu. „Haben Sie diese Art Fraktur schon einmal gesehen?“

Sie nickte. „Das ist eine Smith-Fraktur“, murmelte sie und sah Mason an. „Ich vermute, Sie sind beim Sturz vom Motorrad unglücklich auf Ihrem Handrücken gelandet. Sie können sich wahrscheinlich glücklich schätzen, dass Sie keine weiteren Verletzungen haben – abgesehen von den Schnitten und Abschürfungen natürlich.“

Der junge Mann lächelte kläglich. „Ich schätze, da haben Sie recht. Obwohl sich das auch schon schlimm genug anfühlt.“

„Da bin ich mir sicher.“

„Das kriegen wir schnell wieder hin“, versprach Tyler. „Ich betäube das örtlich und gebe dir ein Beruhigungsmittel, dann richten wir die Knochen und verpassen dir eine Schiene.“ Er sah zu Saskia. „Sie müssen den Ellbogen ruhig halten, während ich den Bruch richte – ist das für Sie in Ordnung?“

„Ja, natürlich.“

Nachdem die Betäubung wirkte, richteten sie die Knochen wieder aus. Tyler überprüfte die Form des Handgelenks, testete den Puls. „Gut. Wir schienen das jetzt und röntgen noch einmal, um sicherzugehen, dass alles so ist, wie es sein sollte.“

Mason schien erleichtert zu sein, als schließlich alles fertig war.

„Gut, ich sehe dich dann in ein paar Tagen zur Kontrolle“, erklärte Tyler ihm. „Und bis dahin verschreibe ich dir Schmerzmittel.“

Auf sein Zeichen kam eine Schwester, um Mason zur Schwesternstation zu bringen, damit er entlassen werden konnte und seine Medikamente bekam. Dann wandte sich Tyler an Saskia: „Danke für Ihre Hilfe. Ich bin sicher, er war froh, das hinter sich zu bringen.“ Er musterte sie flüchtig. „Sie waren sehr geduldig. Sind Sie nicht neugierig, wie die Entscheidung ausgefallen ist?“

„Wurde denn schon entschieden?“, fragte Saskia aufgeregt.

Er schüttelte den Kopf. „Noch nicht. Ich habe den anderen meine Meinung mitgeteilt, bevor ich das Meeting verlassen habe, darum denke ich, dass wir es bald erfahren werden. Sollen wir in mein Büro gehen, während wir warten? Ich vermute, Sie können einen Kaffee vertragen.“

„Das wäre wunderbar, danke“, erwiderte sie, obwohl sie eigentlich nur verschwinden wollte. Denn sie glaubte nicht wirklich an eine positive Entscheidung.

Sein Büro sah genau so aus, wie sie es sich vorgestellt hätte. Ein heller Raum mit großen Fenstern, gestrichen in sanften Grau- und Blautönen, die eine ruhige Atmosphäre verbreiteten, und ausgestattet mit hellen Möbeln aus Buchenholz. Ein Schreibtisch stand auf einer Seite des Raumes, an einer anderen Wand wechselten sich Regale mit verglasten Bücherschränken ab. Es gab sogar einige Pflanzen, bauschige Farne, die ein angenehmes Grün beisteuerten.

„Bitte setzen Sie sich.“ Er deutete auf einen Stuhl, bevor er die Kaffeemaschine anschaltete. Schnell erfüllte köstlicher Kaffeeduft den Raum.

„Es tut mir leid, wenn ich heute Morgen etwas hart war“, entschuldigte er sich und stellte eine Tasse auf den Tisch neben sie. „Das muss schwer für Sie gewesen sein.“

Sie nippte an der heißen Flüssigkeit. „Ich hatte das Gefühl, dass Sie mich nicht gern als Teil des Teams haben wollen“, murmelte sie, „obwohl ich nicht ganz verstehe, was Sie gegen mich haben.“

„Es ist nicht so, dass ich Sie nicht will“, wandte er zögernd ein und stellte sich mit dem Rücken zum Fenster. „Ich habe nur ein oder zwei Bedenken, das ist alles. Vor allem habe ich den Eindruck, dass Sie zu Impulsivität neigen – was nicht unbedingt schlecht ist, aber in einer Notaufnahme trifft man besser keine impulsiven Entscheidungen. Außerdem habe ich das Gefühl, Sie verschweigen etwas. Ich bin mir nur noch nicht sicher, was.“

Eindringlich musterte er sie, aber sie konzentrierte sich stumm auf ihren Kaffee, als wäre er ihr Lebensretter.

Für eine Weile schien er in Gedanken versunken, bevor er weitersprach: „Meine größte Hürde ist wahrscheinlich, dass ich eine bestimmte Art Kandidat im Kopf hatte – jemanden, der auf Draht ist, wachsam und bereit, sich allen Herausforderungen der Arbeit zu stellen.“ Er lächelte amüsiert. „Aber stattdessen kamen Sie – und nach dem, was ich im Haus erlebt habe, kommen Sie mir … reichlich unorganisiert vor. Außerdem sind Sie im Augenblick gestresst, weil Sie sich um Ihre Familie kümmern müssen. Medizin darf man nicht auf die leichte Schulter nehmen, und ich habe einfach das Gefühl, dass das nicht der beste Zeitpunkt für Sie ist, um eine verantwortungsvolle Position anzunehmen.“

Bestürzt starrte sie ihn an. „Sie beurteilen mich nach nur einem Zusammentreffen? Ihnen muss doch klar sein, dass Sie uns zu einem besonders schwierigen Zeitpunkt besucht haben.“

„Schon … aber das hat einen tiefen Eindruck hinterlassen.“ Er verzog das Gesicht. „Das Problem dabei ist, dass es mir schwer fällt, unvoreingenommen zu sein, wenn es um diese Entscheidung geht. Sosehr ich auch versuche, einen klaren Kopf zu behalten, wenn ich Sie ansehe, habe ich eine wunderschöne, halb nackte, junge Frau vor Augen, umgeben von Chaos. Es ist nicht leicht, dieses Bild abzuschütteln.“

Saskia errötete heftig. „Ich … Sie haben mich überrascht. Ich war noch nicht bereit, Besuch zu empfangen.“

Leise lachte er. „Das ist mir schnell klar geworden, und ich hätte auch sofort wieder gehen sollen, aber ich muss zugeben, die Verlockung zu bleiben, war einfach zu groß.“

Sie holte scharf Luft. „Ich brauche diese Stelle dringend.“

„Ich weiß.“ Er nickte und wurde wieder ernst. „Und wir brauchen dringend eine Frau im Team, die alles etwas ausbalanciert. Sie sind vielleicht nicht genau das, was ich mir vorgestellt habe, aber ich schätze, da wir zu Anfang zusammenarbeiten würden, könnte ich Sie im Auge behalten.“

Saskia riss die Augen auf. „Soll das heißen, Sie haben für mich gestimmt?“

„Ja, wenn auch unter Vorbehalt.“ In dem Moment klingelte das Telefon, und er kam zu seinem Schreibtisch herüber, setzte sich auf die Kante und nahm den Hörer ab. Jetzt war er ihr so nah, dass sie sah, wie sich der Stoff seiner Hose über seinem Oberschenkel spannte, und ihr lief plötzlich ein heißer Schauer über den Rücken.

„Gut, danke“, sagte er zu demjenigen am anderen Ende der Leitung. „Werde ich.“

Dann legte er den Hörer auf und sah sie an. „Das war Dr. G...

Autor

Marion Lennox
Marion wuchs in einer ländlichen Gemeinde in einer Gegend Australiens auf, wo es das ganze Jahr über keine Dürre gibt. Da es auf der abgelegenen Farm kaum Abwechslung gab, war es kein Wunder, dass sie sich die Zeit mit lesen und schreiben vertrieb. Statt ihren Wunschberuf Liebesromanautorin zu ergreifen, entschied...
Mehr erfahren
Lucy Ryder
Mehr erfahren