Julia Best of Band 304

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UNSER PARADIES IN DER KARIBIK

Mit dem sinnlichen Ethan verlebt Anne-Marie so herrliche Tage und so leidenschaftliche Nächte auf der wunderschönen Karibikinsel Bellefleure, dass sie endlich wagt, ihm ihre Gefühle zu gestehen. Doch anstatt ihre Liebeserklärung zu erwidern, zieht er sich von ihr zurück …

MEIN BABY GEHÖRT MIR!

Eine einsame Insel – wie geschaffen für die Liebe. Alicia schmiegt sich in Dexters Arme und genießt ihren Hochzeitstag mit dem Mann, dessen Kind sie erwartet. Doch dann findet sie einen Brief, der alles infrage stellt. Sie verlässt ihn, obwohl sie nie zuvor so sehr geliebt hat!

HEIMLICHE LIEBE

Seit Jahren haben sie sich nicht gesehen, doch Sally und Jake kommt es vor, als seien sie keinen Tag getrennt gewesen. Erneut brennen ihre Herzen lichterloh! Aber ihr Wiedersehen steht unter keinem guten Stern, denn Sally soll schuld sein am Tod von Jakes Ehefrau!


  • Erscheinungstag 09.05.2026
  • Bandnummer 304
  • ISBN / Artikelnummer 0812260304
  • Seitenanzahl 384

Leseprobe

Catherine Spencer

JULIA BEST OF BAND 304

Catherine Spencer

1. KAPITEL

Merkwürdig, dachte Anne-Marie Barclay und nippte an ihrem Champagner. Seit der Hochzeitstermin feststeht, sprechen alle nur noch von Ethan Beaumont. Monsieur Ethan Beaumont. Sein Name wird so ehrfürchtig ausgesprochen wie der eines regierenden Fürsten!

Dabei heiratete ihre beste Freundin Solange nicht Ethan, sondern dessen Bruder Philippe. Gewöhnlich stand bei einer Hochzeit das Brautpaar im Vordergrund. Hier dagegen drehte sich alles um den Bruder des Bräutigams. Warum lässt Solange das nur zu? wunderte sich Anne-Marie.

„Wenn Sie steuerbord aus dem Fenster sehen, Mademoiselle, können Sie die Insel Bellefleur schon erkennen.“ Der Flugbegleiter bewegte sich für einen Mann seiner Größe überraschend lautlos und geschmeidig. Anne-Marie hatte gar nicht bemerkt, wie er aus der Bordküche des Privatflugzeugs getreten war. Jetzt beugte er sich über ihre Schulter und zeigte auf einen Punkt jenseits der Flügelspitze. „Es ist die halbmondförmige Insel dort drüben.“

Sie betrachtete die vielen kleinen smaragdfarbenen Sprenkel, die die saphirblaue Wasseroberfläche zierten. Einer davon war Bellefleur. „Ja, ich sehe sie.“ Beim Anblick der Insel beschlich sie ein ungutes Vorgefühl. „Wann werden wir landen?“

„In wenigen Minuten. Bitte bleiben Sie sitzen, und halten Sie den Gurt geschlossen.“ Strahlend weiß blitzten die Zähne beim Lächeln in dem ebenholzschwarzen Gesicht des Stewards auf. „Eigentlich bräuchte ich Ihnen das nicht zu sagen. Sie haben sich während des Fluges kein einziges Mal bewegt. Haben Sie Angst vor dem Fliegen, Mademoiselle?“

„Normalerweise nicht.“ Vor dem Fenster war nichts als tiefblauer Himmel, als das Flugzeug eine steile Kurve flog. „Ich fliege sonst nie in einer so kleinen Maschine.“ Und nicht über so viel Wasser, dachte sie schaudernd.

Er lächelte freundlich. „Sie sind in den besten Händen. Kapitän Morgan ist ein sehr fähiger Pilot. Monsieur Beaumont stellt nur die Besten ein.“

Wieder fiel ihr der ehrfürchtige Ton auf, in dem der Flugbegleiter von ihrem Gastgeber sprach. Anne-Marie überkam erneut eine instinktive Abneigung gegen diesen Ethan Beaumont.

„Er ist ganz anders als sein Halbbruder Philippe, obwohl sie einander sehr ähnlich sehen“, hatte Solange ihr am Telefon erzählt. „Ethan wird hier behandelt wie ein Prinz. Wenn er durch die Stadt fährt, grüßen alle respektvoll. Viele verbeugen sich sogar. Ich verstehe, warum Philippe ein bisschen nervös ist bei dem Gedanken, Ethan von unserer Verlobung zu erzählen. Ethan ist eben un peu formidable.“

„Mit anderen Worten, er ist ein Despot.“ Anne-Marie hatte es kaum glauben können. „Ein erwachsener Mann scheut sich davor, seiner Familie zu erzählen, dass er heiraten wird! Das ist ja wie im Mittelalter. Diesem Ethan Beaumont sind wohl seine Macht und sein Geld zu Kopf gestiegen.“

Solange hatte einen Moment nachgedacht. „Oui, er ist sehr mächtig, aber er ist ein guter Mensch. Natürlich ist er nicht so ein Kuschelbär wie mein Philippe. Dafür ist er viel zu diszipliniert. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er sich je gehen lässt, nicht einmal im Bett.“

„Immerhin hat er einen Sohn. Er muss also mindestens einmal im Leben seinen Gefühlen nachgegeben haben“, bemerkte Anne-Marie trocken.

„Aber seine Frau hat ihn verlassen. Vielleicht hat er von seiner englischen Mutter zu viel vornehme Zurückhaltung geerbt.“ Solange seufzte. „Wie schade! Was für eine Verschwendung!“

„Was für ein Segen, meinst du wohl! Keine Frau braucht einen Ehemann, der ihr ihr Kind wegnimmt! Der kleine Junge tut mir leid, mit so einem Vater.“

„Aber es war doch nicht Ethans Fehler, Anne-Marie! Die Mutter hat ihren Mann und ihren Sohn aus freien Stücken verlassen.“

„Das zeigt nur, wie unerträglich die Ehe für sie gewesen sein muss. Lieber hat sie ihr Baby aufgegeben, als ihren Mann länger zu ertragen!“

Solange, deren perlendes Lachen anfangs wie Musik durch die Telefonleitung geklungen war, verstummte plötzlich. Dann sagte sie: „So etwas darfst du hier auf Bellefleur nur äußern, wenn wir miteinander allein sind. Die Leute hier mögen es nicht, wenn man ihren Seigneur kritisiert.“

Ihren Seigneur! dachte Anne-Marie kopfschüttelnd. Dieser Ethan ist ja ein wahrer Feudalherr. Sie lehnte sich in ihrem Sitz zurück und schloss die Augen, während der Jet in den Sinkflug überging und die tiefblaue karibische See immer näher kam.

Eine schwarze Mercedeslimousine brachte Anne-Marie vom Flughafen zur Residenz der Beaumonts. Der Chauffeur lenkte den schweren Wagen souverän durch die engen, gewundenen Gassen der kleinen Inselhauptstadt. Passanten blieben stehen und grüßten respektvoll. Dunkeläugige Kinder winkten fröhlich mit pummeligen Händchen.

Anne-Marie überlegte, ob sie zurückwinken sollte. Ob der Seigneur es wohl gutheißen würde? Wahrscheinlich nicht. Es ärgerte sie, dass sie sich auf einmal unsicher fühlte. Gewöhnlich war sie eine sehr selbstbewusste Frau.

„Ethan wird dir gegenüber sehr höflich und zuvorkommend sein. Aber erwarte nicht, dass er dich wie ein kanadischer oder amerikanischer Gastgeber behandelt“, hatte Solange sie vorgewarnt. „Er ist sehr förmlich. Wahrscheinlich wird er dich die ganze Zeit über siezen und dich mit ‚Mademoiselle Barclay‘ ansprechen. Es hat lange gedauert, bis er mich beim Vornamen nannte.“

Als sie vorhin aus dem Flugzeug aufs Rollfeld getreten war, war ihr die Hitze wie eine Wand entgegengeschlagen. Sie war froh gewesen, im kühlen Halbdunkel des klimatisierten Mercedes’ Zuflucht zu finden. Aber während die Limousine das Städtchen hinter sich ließ und den Berg hinauffuhr, musste Anne-Marie wieder an die Warnungen ihrer Freundin denken und fühlte sich immer unwohler.

Einen ganzen Monat lang vor einem selbst ernannten Inselfürsten buckeln zu müssen kann einem wirklich die gute Laune verderben, dachte sie. Dabei hatte sie sich so darauf gefreut, als Trauzeugin ihrer besten Freundin auf die Karibikinsel Bellefleur zu reisen.

Dass der unbekannte Ethan einen Schatten auf Solanges Hochzeit warf, war in Anne-Maries Augen unverzeihlich. Noch beunruhigender fand sie es, dass der Einfluss von Philippes Bruder sich womöglich auch auf die künftige Ehe des Brautpaars erstrecken würde. Sie hatte den Bräutigam Philippe Beaumont einmal getroffen und fand ihn sehr sympathisch. Er und Solange passten gut zueinander. Aber er hatte auf Anne-Marie nicht sehr durchsetzungsfähig gewirkt.

Sie hatte ein mulmiges Gefühl in der Magengegend, als der Mercedes das Tor zur Residenz der Beaumonts passierte, die Auffahrt hinauffuhr und auf dem Vorplatz vor dem Haupthaus zum Stehen kam. Anne-Marie hatte ein vornehmes Internat besucht, hatte viel von der Welt gesehen und sich nie Gedanken um Geld oder materielle Sicherheit zu machen brauchen. Luxus war ihr nicht fremd. Trotzdem überwältigte der Anblick der Beaumontschen Villa sie.

Sie konnte sich gut vorstellen, dass Angehörige von Königshäusern die Nacht unter diesem Dach verbracht hatten, wie Solange ihr erzählt hatte. Das Haus war beinah ein Schloss, das selbst unter der gleißenden tropischen Sonne eine kühle, distanzierte Würde ausstrahlte.

„Mademoiselle?“

Anne-Marie zuckte zusammen. Die Autotür war von außen geöffnet worden. Ein Diener in makellos weißen Bermudashorts und einem perfekt gebügelten, kurzärmeligen weißen Hemd reichte ihr die Hand, um ihr aus dem Wagen zu helfen. Sie rutschte über den Ledersitz zur Tür und stieg aus.

Im nächsten Augenblick fand sie sich in einer anderen Welt wieder. Ein leuchtend buntes Blumenmeer umgab sie. Überall rankten sich prächtige Blütenzweige in Lila, Rot und Orange aus riesigen Keramikschalen über die cremefarbenen Stuckwände der Villa.

Das Plätschern eines Springbrunnens war zu hören. Ein paar bunt gefiederte Vögel schrien heiser. Der würzig süße Duft von Gardenien, Ingwerblüten und anderen exotischen Blumen stieg ihr in die Nase.

Der Diener hielt einen bunten, hübsch bemalten Sonnenschirm über sie und geleitete sie ins Haus. Die schlossartige Villa schien keinen Haupteingang zu besitzen. Stattdessen führte ein kunstvoll geschmiedetes, filigranes Eisengitter direkt in einen geschützten Innenhof, der groß genug war, um als Ballsaal zu dienen.

Dort wartete Solange. In ihren Augen glänzten Tränen. „Ich habe dich so vermisst“, rief sie und eilte auf Anne-Marie zu, um sie auf beide Wangen zu küssen. „Willkommen auf Bellefleur, ma chère, chère amie! Ich bin so froh, dass du endlich hier bist.“

„Froh?“ Auch Anne-Marie hatte Tränen in den Augen. Sie blickte ihre Freundin forschend an. „Warum weinst du dann?“

„Vor Glück.“

„Du siehst aber nicht glücklich aus, Solange.“

Solange zuckte auf ihre typisch französische Art die Schultern und blickte sich verstohlen um. „Komm, ich zeige dir dein Quartier. Dort können wir frei reden. Ethan hat das Personal angewiesen, dich in dem Gästebungalow neben meinem unterzubringen.“

„Wohnst du etwa nicht hier im Haupthaus?“

„Nicht vor der Hochzeit. Ethan möchte das nicht. Philippe könnte in Versuchung geraten, sich nachts in mein Bett zu schleichen.“

„So wie früher in Paris?“

„Pst.“ Solange hielt sich erschrocken einen Finger vor die Lippen. „Das darf hier niemand wissen. Die moralischen Maßstäbe sind hier ein wenig anders.“

„Das merke ich“, murmelte Anne-Marie und folgte ihrer Freundin auf eine Terrasse oberhalb eines riesigen Swimmingpools. Der Blick aufs Meer und auf die Insel war atemberaubend. Kokospalmen, die sich leicht im Wind wiegten, vervollständigten das Panorama aus blauem Himmel und Ozean. „Müssen wir uns hier die ganze Zeit im Flüsterton unterhalten?“

„In unseren Bungalows sind wir ganz unter uns.“ Solange ging auf einem schattigen Weg voran, der an einigen künstlich angelegten Teichen vorbeiführte. Diese waren durch Miniatur-Wasserfälle und Bäche miteinander verbunden. „Wir sind ein gutes Stück vom Haupthaus entfernt. Aber unsere Suiten sind sehr schön und geräumig.“

„Das ist gut. Ich brauche nämlich Platz, um an den Kleidern zu arbeiten.“

Für einen Moment zeigte sich Solanges übliche Lebhaftigkeit auf ihrem Gesicht. „Ich kann es kaum abwarten, mein Brautkleid zu sehen. Die Zeichnungen, die du mir geschickt hast, waren traumhaft.“

„Du kannst es gleich anprobieren.“

„Das hat Zeit bis morgen. Wir essen früh zu Abend. Du warst schließlich den ganzen Tag unterwegs.“

„Dann werde ich wohl dem großen Ethan Beaumont vorgestellt werden.“ Anne-Marie schnitt ein Gesicht. „Ich habe jetzt schon Magenschmerzen!“

„Nein, heute Abend noch nicht“, sagte Solange und lachte. „Ich habe unser Essen in meine Suite bestellt. Ethans Onkel und Tante sind bis morgen Nachmittag bei Freunden zu Besuch, und er ist geschäftlich unterwegs.“

„Ich dachte, seine Geschäfte bestünden darin, über die Insel und ihre Bewohner zu herrschen.“

Mon Dieu, non! Er hat Geschäftsverbindungen überall auf der Welt. In letzter Zeit hat er einiges an Philippe übergeben und sich vorwiegend auf das Ölgeschäft konzentriert. Deswegen ist er jetzt auch verreist.“

„In den Nahen Osten? Gut! Ich habe es nämlich nicht eilig damit, ihn kennenzulernen.“

„Nein, so weit ist er nicht weg. Er hat vor der venezolanischen Küste zu tun. Das ist von hier nur einen Katzensprung entfernt. In ein paar Tagen wird er wieder hier sein. Bis dahin musst du dich mit seiner Tante und seinem Onkel begnügen, die auch hier leben, und mit Adrian.“

„Wer ist Adrian?“

„Ethans Sohn.“ Ihre Stimme klang weicher. „Er ist ein entzückender kleiner Junge. Du wirst ihn mögen.“

Der Pfad endete auf einer weiten Rasenfläche. Solange wies auf zwei hübsche kleine Villen hoch über dem Meer. „Wir sind da, chérie. Das ist unser Zuhause für die nächste Zeit.“

Nach allem, was sie bisher vom Anwesen der Beaumonts gesehen hatte, hätte Anne-Marie eigentlich nicht überrascht sein dürfen. Aber der Anblick der üppigen Blumenbeete und des überdachten Wandelgangs, der die beiden Häuser miteinander verband, beeindruckte sie doch. Die kleinen Villen waren Miniaturausgaben des Haupthauses und verfügten jeweils über die gleiche großzügige Veranda und die gleichen kunstvoll geschmiedeten Tore. Der Swimmingpool mit der Umrandung aus Zierkacheln war eine kleinere Version des großen Pools am Haupthaus.

„Dein zukünftiger Schwager scheint zu wissen, wie man Gäste gut behandelt“, rief Anne-Marie begeistert aus. Die heitere Anmut der Anlage nahm sie gefangen. „Das ist ein Paradies, Solange! Wir werden es uns hier in den nächsten Wochen richtig gut gehen lassen!“

Solange lächelte wehmütig. „Hoffentlich hast du recht.“

„Ganz bestimmt. Die Tage vor der Hochzeit sollten für die Braut eine glückliche Zeit sein. Aber du machst ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter. Was ist los, Solange? Hast du Zweifel bekommen, ob es richtig ist, Philippe zu heiraten? Es ist es noch nicht zu spät, um alles abzusagen.“

„Es ist nicht wegen Philippe. Ich liebe ihn über alles. Wenn er bei mir ist, bin ich glücklich. Aber den Rest der Zeit …“ Sie machte ein trauriges Gesicht. „Ich fühle mich so fremd hier.“

„Aber wie kann das sein? Immerhin hat die Insel früher einmal zu Frankreich gehört, und du bist Französin. Stell dir vor, man spräche hier Spanisch oder Portugiesisch und du würdest kein Wort verstehen!“

„Trotzdem fühle ich mich als Ausländerin.“ Hilflos wies sie auf das üppige Grün um sich herum und den dunklen Urwald auf dem Hügel oberhalb des Grundstücks. „Es gibt zwei Sorten von Menschen hier, Anne-Marie: diejenigen, die auf der Insel geboren wurden, und die, die nicht hierhergehören.“

„Wenn das stimmt, wie kannst du dann auf Dauer hier leben?“

„Philippe sagt, wenn wir erst einmal verheiratet sind und Kinder haben, würde ich anders empfinden. Vielleicht hat er ja recht. Ich war in letzter Zeit einfach zu viel allein.“

„Warum ist Philippe denn nicht bei dir?“

„Er hatte geschäftlich in Europa zu tun. Ethan will, dass Philippe sich als zukünftiger Ehemann mehr um die Familiengeschäfte kümmert.“

Ethan sagt, Ethan findet, Ethan will, dachte Anne-Marie. „Hat eigentlich schon einmal jemand den Mut gehabt zu sagen, zum Kuckuck mit Ethan?“

Erschrocken riss Solange die Augen weit auf. „Mon Dieu, sag so etwas bloß nicht, wenn jemand dabei ist! Das wäre ja …“ Sie gestikulierte nervös und suchte nach dem richtigen Wort.

„Majestätsbeleidigung?“, spottete Anne-Marie. „Wer ist dieses verschüchterte Geschöpf, das gehorsam einem Despoten das Wort redet? Solange, ich erkenne dich gar nicht wieder!“

„Innerlich bin ich immer noch dieselbe.“ Solange straffte ihre Haltung und bemühte sich, ein fröhliches Gesicht zu machen. „Es fällt mir nur nicht leicht, mich hier einzugewöhnen.“

Sie hatten die Gästepavillons erreicht. Die Tür zu Anne-Maries Haus stand offen. Ihr Gepäck war heraufgebracht worden, und ein Hausmädchen hatte bereits mit dem Auspacken begonnen.

„Die Hochzeitsgarderobe packe ich lieber selbst aus“, sagte Anne-Marie. „Aber wir reden später weiter, Solange. Vielleicht kannst du den anderen etwas vormachen mit deinem sanften, zurückhaltenden Lächeln, aber mir nicht. Etwas ist faul im Paradies, und ich werde der Sache auf den Grund gehen.“

„Es ist nur die Aufregung vor der Hochzeit und das Eingewöhnen“, beharrte Solange. Zögernd bewegte sie sich auf ihr eigenes Haus zu. „Ich war immer ein wenig schüchtern, das weißt du doch. Es ist nicht einfach, sich an ein neues Leben zu gewöhnen, vor allem, da Philippe so viel weg ist.“

Und das geht auf das Konto des allmächtigen Ethan Beaumont, dachte Anne-Marie.

Eigentlich hatte Anne-Marie am nächsten Morgen ausschlafen wollen. Aber sie wachte schon bei Sonnenaufgang auf. Bis zum Frühstück waren noch ein paar Stunden Zeit. Nach dem üppigen Abendessen gestern brauche ich ein bisschen Bewegung, dachte sie. Vor allem, wenn ich bis zur Hochzeit in mein Kleid passen will.

Vorausgesetzt, die Hochzeit findet überhaupt statt, ging es ihr durch den Kopf, während sie unter ihrem Moskitonetz hervorkam und in den Schubladen der Kommode nach ihrem Bikini suchte. Wenn dieser Ethan die Hochzeit nicht wünscht, kommt vielleicht noch etwas dazwischen, befürchtete sie.

Der Gästepool glitzerte einladend, als Anne-Marie aus dem Haus trat. Aber aus Solanges Bungalow war noch nichts zu hören. Anne-Marie beschloss, ihre Freundin nicht zu stören. Solange brauchte sicher ihren Schlaf. Schnell zog Anne-Marie ein kurzes Strandkleid über den Bikini und hängte sich den Fotoapparat um. Sich die Füße von der warmen karibischen See umspülen zu lassen, würde ihr ebenso guttun wie ein Bad im Pool.

Den Weg zum Strand zu finden war schwieriger, als sie erwartet hatte. So früh am Morgen, wenn die Wege noch im Schatten der Bäume lagen, war es fast unmöglich, sich in dem Dickicht des Waldes zu orientieren.

Zwei Mal langte Anne-Marie wieder dort an, wo sie losgegangen war. Dann fand sie sich oben auf einer steilen Klippe wieder. Sie war nicht sicher, ob sie den Weg zurück zu ihrem Bungalow finden würde. Da entdeckte sie einen Mann, der vor einem der Fischteiche kniete.

Er hatte ihr den Rücken zugewandt. Der Ärmste verbringt wohl den größten Teil seines Lebens damit, sich für Ethan Beaumont in der Sonne zu schinden, dachte sie. Offensichtlich war es hier nur einem Hilfsarbeiter gestattet, mit nichts als einem Paar abgeschnittener Jeans bekleidet herumzulaufen. Alle anderen Dienstboten waren makellos gekleidet.

„Bonjour“, begann sie vorsichtig. Sie war nicht sicher, was die Etikette für ein Gespräch mit einem Gärtner vorschrieb. Beim Abendessen am Vorabend war ihr aufgefallen, dass hier jede Einzelheit genau geregelt war.

Anne-Marie hielt es für möglich, dass es diesem niedrigen Hilfsgärtner, der sich tief über das Wasser des Teichs beugte, nicht gestattet war, mit den Gästen des Hauses zu reden. Oder er verstand ihr Französisch nicht.

„Excusez-moi“, sagte sie lauter und trat näher. „S’il vous plaît, monsieur …“

Gereizt gab er ihr ein Handzeichen. „Sprechen Sie leise. Ich habe Sie auch beim ersten Mal gehört.“

Sein Englisch war ausgezeichnet, obwohl er einen leichten Akzent hatte. Aber seine Manieren ließen zu wünschen übrig. Empört erwiderte Anne-Marie: „Tatsächlich? Was würde Ihr Chef sagen, wenn er wüsste, wie unfreundlich Sie seine Gäste behandeln?“

„Es würde ihm nicht gefallen“, antwortete der Mann und beugte sich tiefer über den Teich. „Aber es würde ihm noch viel weniger gefallen, dass ein Gast die komplizierte Pflege seiner preisgekrönten Zierkarpfen stört.“

„Sie sind wohl sein Fischpfleger?“

„So könnte man es ausdrücken.“

„Wie bezeichnet Ihr Chef Sie?“

„Überhaupt nicht“, antwortete er. „Er hat mir nie einen Titel verliehen. In seinen Augen bin ich dafür wohl nicht wichtig genug.“

„Trotzdem arbeiten Sie hier? Sie müssen Ihre Arbeit lieben, sonst würden Sie sich diese Behandlung sicher nicht gefallen lassen.“

„Oh ja, Lady.“ Er ahmte mit seiner tiefen dunklen Stimme den Singsang-Tonfall der karibischen Inselbewohner nach. „Master lässt mich Fische versorgen, gibt mir Hütte zum Wohnen und Rum zu trinken. Ich sehr glücklich.“

„Sie haben keinen Grund, sich über mich lustig zu machen. Es ist nicht meine Schuld, wenn Ihre Arbeit so wenig geschätzt wird.“ Sie neigte den Kopf, um besser sehen zu können, womit er sich so konzentriert beschäftigte. „Was tun Sie da eigentlich?“, fragte sie neugierig.

„Ein Raubvogel hat die Kois angegriffen. Ich versorge die Wunden.“

„Ich wusste nicht, dass das möglich ist. Wie machen Sie das?“

„Ich locke die Fische an die Wasseroberfläche, dann behandle ich sie.“

„Die Fische gehorchen Ihnen aufs Wort und halten so lange still, bis Sie ihnen einen Verband angelegt haben?“, fragte sie ungläubig.

„Nicht ganz. Aber sie bleiben lange genug oben, bis ich die Wunde desinfiziert habe.“

Sie trat näher. Der Mann hatte nicht übertrieben. Ein Zierkarpfen von fast einem halben Meter Länge fraß ihm aus der einen Hand, während er ihm mit der anderen etwas Salbe auf die Wunde am Rücken strich.

„Die Fische liegen Ihnen sehr am Herzen, nicht wahr?“ Sie war beeindruckt.

„Ich habe Respekt vor ihnen. Einige sind über fünfzig Jahre alt. Sie verdienen es, gut behandelt zu werden. Was machen Sie eigentlich um diese Tageszeit hier im Garten?“

„Ich suche einen Weg hinunter zum Strand. Ich hatte Lust zu baden.“

„Warum schwimmen Sie nicht im Gästepool?“

„Meine Freundin schläft noch. Ich wollte sie nicht stören. Es ging ihr in letzter Zeit nicht sehr gut.“

„Warum? Heiratet sie nicht demnächst ihren Traummann?“

„Der Mann, der ihr Kummer bereitet, ist nicht ihr künftiger Ehemann.“

Er strich dem Zierkarpfen, den er gerade versorgt hatte, über den Rücken. „Es ist ein anderer Mann im Spiel? Das ist keine gute Voraussetzung für eine Ehe.“

„So habe ich es nicht gemeint. Aber ich sollte mit Ihnen gar nicht darüber sprechen. Das würde Monsieur Beaumont bestimmt nicht gutheißen.“

„Das glaube ich auch“, stimmte er zu. „Auf dieser Seite des Grundstücks gibt es übrigens keinen Weg zum Strand. Wenn Sie schwimmen möchten, schlage ich vor, Sie benutzen den großen Pool beim Haupthaus.“

„Lieber nicht. Es verstößt wahrscheinlich gegen die Etikette, wenn ein Gast auch nur die große Zehe in den Pool der Familie taucht, ohne eingeladen zu sein.“

„Sie scheinen die Beaumonts nicht besonders zu mögen. Kennen Sie sie gut?“

„Nur den Bräutigam. Den großen Boss habe ich noch nicht kennengelernt. Aber was ich über ihn gehört habe, hat mir nicht sehr gefallen.“

Er wischte sich die Hände an den abgeschnittenen Jeans ab und sprang auf. Seine Bewegungen waren geschmeidig, obwohl er sehr groß war. „Der große Boss wird am Boden zerstört sein, wenn er das hört.“

„Wer soll es ihm denn sagen? Sie vielleicht?“

Er lachte und wandte sich zu ihr um. In diesem Moment ging die Sonne über einem der Hügel auf, sodass Anne-Marie ihn zum ersten Mal deutlich sehen konnte. Am liebsten wäre sie im Erdboden versunken.

Dieser Mann war kein gewöhnlicher Arbeiter. Die hohen Wangenknochen verliehen seinem Gesicht etwas Aristokratisches. Er hatte ein markantes Kinn, einen noblen Mund und dunkle Augenbrauen, unter denen tiefblaue Augen leuchteten. Sie brauchte ihm nicht vorgestellt zu werden, um zu wissen, wer er war.

„Sie arbeiten nicht hier“, sagte sie schwach.

„Doch, das tue ich. Sogar sehr hart.“

„Aber Sie sind nicht der Fischpfleger. Sie sind Ethan Beaumont.“

Er neigte den Kopf. „Wo steht geschrieben, dass ich nicht beides sein kann?“

Da bin ich ja schön ins Fettnäpfchen getreten, ärgerte sie sich. „Warum haben Sie nicht schon früher etwas gesagt?“

„Weil es mich interessiert hat, was Sie noch alles ausplaudern würden. Gibt es noch etwas, das Sie mir gern über mich sagen wollen?“

„Nein.“ Das Ganze war ihr schrecklich peinlich.

„Dann gestatten Sie mir, Sie hinauf zum Haus zu begleiten. Sie sind herzlich eingeladen, so lange im Pool zu schwimmen, wie Sie möchten.“

„Ich habe keine Lust mehr zu schwimmen. Ich gehe wohl besser zurück in meinen Gästebungalow.“

„Und riskieren es, die zerbrechliche junge Braut aufzuwecken? Das kommt überhaupt nicht infrage.“ Er überragte sie deutlich, als er auf sie zutrat und ihren Arm nahm. Es war ein Griff, der keinen Widerspruch duldete. „Kommen Sie, Mademoiselle. Verschwenden wir keine Zeit mit sinnlosen Diskussionen. Der große Boss hat entschieden.“

2. KAPITEL

„Sie sollten doch in Venezuela sein und nach Öl graben!“ Anne-Marie versuchte vergeblich, mit Ethan Schritt zu halten.

„Man gräbt nicht nach Öl, man bohrt.“

„Sie wissen genau, was ich meine.“

„Allerdings. Sie haben eine unmissverständliche Art, sich auszudrücken“, meinte er ironisch.

Es fiel ihr nicht leicht, sich bei ihm zu entschuldigen. Aber sie wusste, was sich gehörte. „Ich hätte nicht so mit Ihnen reden dürfen. Es tut mir leid.“

„Das sollte es auch. Redet man dort, wo Sie herkommen, vor Angestellten schlecht über seinen Gastgeber?“, fragte er sarkastisch.

„Nein“, erwiderte sie. „Aber wo ich herkomme, verhält sich ein Gastgeber auch nicht so ungastlich.“

„Ungastlich?“ Er zog überrascht die kräftigen, schön geschwungenen Brauen hoch. „Entspricht die Unterbringung etwa nicht Ihren Erwartungen? Schmeckt Ihnen das Essen nicht? Lassen meine Angestellten es an Aufmerksamkeit fehlen?“

„Das Essen war köstlich, Ihre Angestellten könnten kaum zuvorkommender sein, und mein Quartier lässt nichts zu wünschen übrig.“ Sie dachte an das kunstvoll geschmiedete Himmelbett mit der wunderschönen Bettwäsche und dem zarten Moskitonetz. „Aber die Atmosphäre hier gefällt mir nicht.“

„Das ist eine Empfindung, die meine künftige Schwägerin offenbar teilt. Darf ich fragen, warum?“

„Sagen wir einfach, sie gibt nicht gerade das perfekte Werbefoto für eine glückliche Braut ab.“

Er hielt die Wedel eines Riesenfarns zur Seite und ließ Anne-Marie vorbei. Der schmale Pfad schlängelte sich wie ein schillerndes grünes Band durch das Unterholz. Es roch nach Dschungel, nach tausenderlei verborgenen Blüten – und nach Ethan Beaumonts persönlichem Duft nach kühlem Wasser und Morgensonne. Er strahlte eine unbändige Kraft aus, als ob er mühelos allen Elementen trotzte. Neben ihm kam sie, Anne-Marie, sich klein und unbedeutend vor. Es lag nicht nur an seiner Körpergröße, sondern vor allem an der Würde und Autorität, die er ausstrahlte.

„Gehen Sie voran“, forderte er sie auf. „Und erklären Sie mir bitte Ihre letzte Bemerkung.“

Sie ging schnell an ihm vorbei und murmelte: „Ich habe vergessen, was ich gesagt habe.“

„Sie sagten, Solange stelle nicht gerade das perfekte Werbefoto für eine glückliche Braut dar.“

„Sind Sie etwa anderer Meinung?“

„Ich kenne sie nicht gut genug, um das beurteilen zu können.“

„Jeder wildfremde Mensch würde auf Anhieb erkennen, dass sie nicht gerade vor Glück strahlt.“

„Sie scheint ein bisschen launisch und schwierig zu sein.“ Er zuckte die Schultern. „Das sind ziemlich ungünstige Eigenschaften für eine angehende Ehefrau.“

Die beiläufige Art, mit der er Solange verurteilte, ärgerte sie. Scharf erwiderte Anne-Marie: „Beinah so schlimm, wie einen Schwager zu bekommen, der fest entschlossen ist, nur das Schlechteste von einem zu denken.“

„Wenn ich sie falsch eingeschätzt habe …“

„Ich kenne Solange seit mehr als zehn Jahren. Ich versichere Ihnen, sie ist normalerweise ausgeglichen und fröhlich. Aber in einem Gästebungalow fernab des Haupthauses einquartiert zu werden, als hätte sie eine ansteckende Krankheit, ist ziemlich kränkend.“

„Ich schütze nur ihren guten Ruf.“

„Sie sorgen dafür, dass sie sich unwillkommen fühlt.“

„Das ist doch lächerlich!“, entgegnete er brüsk. „Tagsüber kann sie so viel Zeit mit dem Rest der Familie verbringen, wie sie will.“

Sie hatten die Terrasse erreicht. „Solange ist völlig verunsichert“, erklärte Anne-Marie. Sie blieb einen Moment stehen, um ein Beet voll hochgewachsener rosa Lilien mit tiefdunkelroten Blättern zu bewundern. „Sie möchte nicht aufdringlich erscheinen. Deshalb hält sie sich zurück, wenn Philippe nicht hier ist.“

„Er wird auch nicht immer hier sein, wenn sie verheiratet sind. Philippe hat bisher ein ziemlich unbeschwertes Junggesellenleben geführt. Um seinen künftigen Pflichten als Familienvater nachkommen zu können, muss er eine Menge über die Geschäftswelt lernen. Dafür wird er die Insel hin und wieder verlassen müssen.“

„Ach ja?“, fragte sie spitz. „Versuchen Sie vielleicht, eine Ehe zu sabotieren, die Ihnen nicht passt?“

Er verzog verächtlich den Mund. „Ich habe es nicht nötig, mich solcher Manöver zu bedienen. Wenn mir etwas nicht passt, sage ich das offen und unternehme etwas dagegen.“

„Und wenn das nicht möglich ist?“

„Es ist immer möglich“, erwiderte er unbeeindruckt. „Aber in einem Punkt kann ich Sie beruhigen. Es macht mir keinen Spaß, zerbrechliche junge Frauen unglücklich zu machen. Was auch immer Solange belastet, sie hat von mir nichts zu befürchten. Ich will nur ihr Bestes.“

„Das würde ich gern glauben.“

„Es gehört nicht zu meinen Gewohnheiten zu lügen, Mademoiselle.“

Die Würde, mit der er sprach, beschämte sie. Sie errötete leicht. Welche Fehler er auch haben mochte, er war aufrichtig und integer.

Er wies auf den Pool, dessen Oberfläche sich unter der leichten morgendlichen Brise ein wenig kräuselte. „Genießen Sie Ihr Bad. Sie sehen aus, als bräuchten Sie etwas Abkühlung.“

Ethan stand hinter dem Gitter seiner Schlafzimmerveranda und beobachtete Anne-Marie, wie sie auf das flache Ende des Beckens zuging. Vorsichtig ließ sie sich ins Wasser gleiten. Sie war genauso, wie er sich Solanges kanadische Freundin vorgestellt hatte. Er fand sie frech, vorlaut und übertrieben selbstbewusst wie die meisten nordamerikanischen Frauen.

Es überraschte ihn, wie zögernd sie sich dem Wasser näherte. Ihre Scheu irritierte ihn. Er wollte nichts über ihre verletzliche Seite wissen.

„Papa!“ Die Tür wurde aufgerissen, und Adrian stürmte ins Zimmer. „Wann bist du nach Hause gekommen?“

„Gestern Nacht“, antwortete er und schloss seinen Sohn in die Arme.

„Du hast mir keinen Gutenachtkuss gegeben.“

„Natürlich habe ich das. Aber du hast schon geschlafen.“

„Ich habe Angst, wenn du fort bist, Papa.“ Das Kind legte die Ärmchen um Ethans Nacken. „Was ist, wenn du vergisst, wieder nach Hause zu kommen?“

„Hab keine Angst, mon petit“, sagte er. „Eltern vergessen ihre Kinder nicht.“

„Doch, manchmal schon. Tante Josephine hat neulich gesagt, dass ich deswegen keine Mama habe.“

Innerlich verfluchte Ethan seine Exfrau dafür, was sie ihrem Kind angetan hatte. „Mich wirst du immer haben, mein Sohn.“ Er nahm sich vor, mit seiner Tante zu sprechen, damit sie solche Dinge nicht mehr sagte, wenn der Junge in der Nähe war.

Adrian rutschte zu Boden und griff nach der Hand seines Vaters. „Üb mit mir schwimmen, Papa.“

Ethan blickte hinaus zum Pool. Anne-Marie hatte sich etwas tiefer hineingewagt und ließ sich jetzt auf dem Rücken treiben. Ihr blondes Haar umgab ihren Kopf wie eine Seeanemone. Wenn sie sich mehr bewegte, würde sie ihren winzigen Bikini verlieren, dachte er. Er betrachtete ihre schlanke, verführerisch weibliche Figur. Schnell wandte er sich ab. „Jetzt nicht, Junge. Vielleicht später.“

„Aber du hast versprochen, dass wir schwimmen üben, wenn du nach Hause kommst. Und du bist schon seit Stunden zu Hause.“

„Du hast recht.“ Er seufzte und wusste, dass er nachgeben würde.

„Du sagst immer, dass man ein Versprechen halten muss.“

„Du hast schon wieder recht.“ Er unterdrückte ein Lächeln. „Gut, du hast gewonnen. Lass mir zehn Minuten Zeit, um aufzuräumen und mich umzuziehen, dann üben wir vor dem Frühstück noch ein bisschen schwimmen.“

Vielleicht ist die Kanadierin bis dahin verschwunden, und wir haben den Pool für uns allein, hoffte er.

Das Wasser umspülte Anne-Marie wie ein warmes Bad. Daran könnte ich mich gewöhnen, dachte sie. Mit der Zeit lerne ich vielleicht sogar, Wasser zu mögen.

Aus dem Haus war gedämpftes Geschirrgeklapper zu hören. Dienstbare Geister eilten auf Gummisohlen über die Marmorfliesen. Sie hatte keine Ahnung, wie spät es war. Aber wenn die Dienstboten bereits das Frühstück für die Familie vorbereiteten, wurde es Zeit, von hier zu verschwinden. Sie hatte keine Lust auf eine weitere Begegnung mit Ethan Beaumont.

Aber als sie sich im Wasser umdrehte und langsam auf die Stufen in der Ecke des Pools zuschwamm, kam ein Kind in einer leuchtend blauen Badehose über die Terrasse gerannt. Der Junge quietschte vor Vergnügen. Direkt hinter ihm kam Ethan aus dem Haus.

„Warte!“, rief er.

Aber der Kleine hörte nicht, sondern sprang mit einem fröhlichen Schrei vom Beckenrand ab und schlug direkt vor Anne-Marie im Wasser auf. Die ruhige Wasseroberfläche verwandelte sich in einen wilden Strudel. Wasser schwappte Anne-Marie ins Gesicht, sodass sie nichts mehr sehen konnte und keine Luft mehr bekam. Erschrocken versuchte sie, den Beckenrand zu erreichen. Aber sie hatte sich in der Entfernung verschätzt, griff daneben und ging unter.

Eigentlich hätte sie sich nur aufrecht hinzustellen brauchen. Das Wasser hätte ihr kaum bis zur Taille gereicht. Trotzdem geriet sie in Panik und schlug um sich wie eine Ertrinkende. Dass sie sich lächerlich machte, war schlimm genug. Noch schlimmer war es, an den Haaren aus dem Wasser gezogen zu werden.

Prustend tauchte sie auf und fand sich Auge in Auge mit Ethan Beaumont. Er kniete am Beckenrand und konnte das Lachen kaum zurückhalten. „Sie kleine Idiotin“, sagte er sanft.

„Sie Neandertaler!“, schimpfte sie. „Packen Sie Frauen immer an den Haaren?“

„Nur wenn sie dabei sind, im flachen Wasser zu ertrinken.“ Er ließ sie los und stand auf. Er hatte die abgeschnittenen Jeans mit einer schwarzen Badehose vertauscht und zeigte mehr nackte, sonnengebräunte Haut, als Anne-Marie lieb war. „Bleiben Sie, wo Sie sind. Ich bringe Ihnen bei, wie man im Wasser überlebt.“

„Nein danke“, lehnte sie ab, aber Ethan ging bereits in langen Schritten auf das andere Ende des Pools zu. Einen Moment lang dachte sie daran, einfach davonzulaufen, aber ein Blick auf ihn genügte, um es sich anders zu überlegen. Er bewegte sich mit einer kraftvollen Anmut, wie sie nur wenige Männer besaßen.

Neben ihr spritzte Wasser auf. Das Kind hielt sich durch kräftiges Wassertreten an der Oberfläche. „Das ist mein Papa“, keuchte es stolz. Sein niedliches Gesichtchen strahlte. „Er kann Ihnen das Schwimmen beibringen. Mein Papa kann alles.“

Bestimmt nicht alles, dachte Anne-Marie und blickte wieder zu Ethan Beaumont hinüber, der gerade mit einem eleganten Kopfsprung in den Pool tauchte, ohne auch nur die kleinste Welle zu verursachen. Er tauchte direkt neben ihr wieder auf. Das dunkle Haar klebte ihm nass am Kopf. Das Wasser lief ihm in kleinen glitzernden Bächen am Oberkörper hinab. „Lektion Nummer eins“, begann er. „Lernen Sie, sich mit dem Gesicht unter Wasser zu entspannen.“

„Das ist unmöglich“, entgegnete sie. „Jedenfalls für mich.“

„Das hat Adrian am Anfang auch behauptet. Aber er hat seine Meinung inzwischen geändert.“ Er blickte sie fragend an. „Haben Sie meinen Sohn schon kennengelernt?“

„Nicht offiziell. Ich hatte gehofft, ihn gestern Abend noch zu sehen. Aber er war schon im Bett, als wir mit dem Essen fertig waren.“

„Dann gestatten Sie, dass ich Sie vorstelle.“ Er streckte die Hand aus, damit der kleine Junge danach greifen konnte. „Das ist Adrian. Er ist gerade fünf geworden.“

„Hallo, Adrian.“ Sie lächelte dem Kleinen zu. Er war ein hübsches Kind. Sein Haar war so schwarz wie das seines Vaters. Seine großen dunkelbraunen Augen wurden von langen schwarzen Wimpern umrahmt. „Ich bin Anne-Marie.“

Der Junge erwiderte ihr Lächeln, aber Ethan runzelte tadelnd die Stirn. „Ich würde es vorziehen, wenn er Sie ‚Mademoiselle‘ nennt.“

Es lag ihr schon auf der Zunge, zu sagen, dass es ihr gleichgültig war, was er vorzog. Aber sie beschloss, damit zu warten, bis sie allein waren. „Ich sollte jetzt wohl besser zurück in mein Quartier gehen. Solange wird inzwischen wach sein und sich wundern, wo ich bin.“

Ethan hielt sie mit seiner freien Hand am Handgelenk fest. „Ich habe Ihre Freundin bitten lassen, das Frühstück mit uns auf der Terrasse einzunehmen. Sie müsste jeden Moment hier sein. Wir werden die Zeit nutzen, bis sie kommt, und mit Ihrer Schwimmstunde beginnen.“

„Sie meinen es bestimmt gut, Ethan.“ Sie amüsierte sich insgeheim darüber, dass er bei der vertraulichen Anrede missbilligend die Lippen zusammenpresste. „Aber ich würde es vorziehen, Ihr großzügiges Angebot abzulehnen. Ihr Sohn freut sich offensichtlich darauf, Zeit mit Ihnen zu verbringen. Ich möchte ihn nicht enttäuschen.“

Er ließ sie einen Moment los, um Adrian aus dem Becken zu helfen. Er flüsterte dem Jungen etwas ins Ohr, woraufhin dieser zu einer kleinen Kabine lief, in der Handtücher und Wassersportgeräte aufbewahrt wurden. Dann wandte Ethan sich wieder Anne-Marie zu und sagte unerbittlich: „Adrian macht es nichts aus, ein paar Minuten zu warten. Zuerst einmal bekommen Sie eine Taucherbrille.“

„Ich möchte keine Taucherbrille. Ich möchte auch keinen Schwimmunterricht. Wie klar muss ich mich denn noch ausdrücken?“

„Sie haben Angst.“

„Ja, ich habe Angst. Lassen Sie mich jetzt in Ruhe?“

„Nein. Solange Sie in meinem Swimmingpool baden, bin ich für Ihre Sicherheit verantwortlich. Ich könnte Ihnen auch verbieten, die Pools hier zu benutzen. Aber bei dem Klima hier ist Schwimmen eher eine Notwendigkeit als ein Luxus. Ich muss also darauf bestehen, Ihnen ein Minimum an Überlebenstechnik beizubringen.“ Er maß sie mit einem spöttischen Blick. „Was ein Fünfjähriger lernen kann, müsste eine Frau in Ihrem Alter eigentlich auch begreifen.“

Sie funkelte ihn zornig an, ohne etwas zu sagen. Aber es war offensichtlich, dass er Schweigen nicht als Antwort gelten lassen würde. Schließlich gab sie nach. „Ich gebe es ungern zu, aber Sie haben recht.“

Er nahm eine der beiden Taucherbrillen, die Adrian zum Beckenrand gebracht hatte. „Natürlich habe ich recht. Also los, fangen wir an.“ Er streifte ihr die Brille über den Kopf und schnallte sie fest. „Wie sitzt die Brille?“

„Gut.“ Sie war sich die ganze Zeit der Tatsache, dass sie beide fast nackt waren, nur zu bewusst. Die Situation mochte von außen betrachtet harmlos erscheinen, aber für Anne-Marie hatte sie etwas erregend Intimes.

„Ausgezeichnet.“ Schnell zog er die zweite Taucherbrille über, nahm Anne-Maries Hände und führte sie von der Treppe weg.

Sofort bekam sie wieder Angst. „Bitte nicht ins tiefe Wasser“, bat sie und sträubte sich dagegen, weiterzugehen.

„Entspannen Sie sich, Mademoiselle! Wir werden uns nur den Boden des Pools ansehen. Ich mache es Ihnen vor.“ Er atmete tief ein und tauchte dann das Gesicht ins Wasser, atmete ein paar Luftblasen aus und hob den Kopf. „Ganz einfach, oder? Und völlig sicher.“

„Bei Ihnen sieht es einfach aus.“

„Das ist es auch. Probieren Sie es, und überzeugen Sie sich selbst.“

Vorsichtig folgte sie seinen Anweisungen. Überrascht stellte sie fest, dass es bei Weitem nicht so schlimm war, wie sie befürchtet hatte. Die hellblauen Fliesen am Boden des Pools reflektierten das schräg einfallende Sonnenlicht. Als Anne-Marie leicht den Kopf drehte, konnte sie die Stufen in der Ecke des Pools sehen. Der Anblick beruhigte sie. Als ihr die Luft ausging, hob sie mühelos den Kopf und atmete tief ein.

„Ich habe es geschafft!“ Sie war erstaunt, wie sehr sie sich über ihren kleinen Erfolg freute.

„Das war sehr gut“, lobte er. Ohne Vorwarnung hob er sie hoch, sodass ihre Füße den Kontakt mit dem Boden verloren. „Der nächste Schritt ist, sich im Wasser treiben zu lassen.“

„Nein!“, rief sie ängstlich aus, doch er hielt sie weiter fest. Sie musste es geschehen lassen, dass er sie immer weiter weg von den sicheren Stufen brachte.

„Konzentrieren Sie sich“, ermahnte er sie, während er sie mühelos neben sich herzog. „Kopf hoch und einatmen, Kopf unter Wasser und ausatmen.“

Sie folgte seinen Anweisungen so konzentriert, dass sie gar nicht bemerkte, wie weit er sie gezogen hatte. Erst als ein Schatten übers Wasser fiel, blickte sie auf und stellte fest, dass sie sich unter dem Sprungbrett am tiefen Ende des Pools befand. Erneut breitete sich Panik in ihr aus, aber Ethan verstärkte seinen Griff und sagte beruhigend: „Sie sind ganz sicher, Mademoiselle. Ich werde nicht zulassen, dass Ihnen etwas passiert.“

„Ich glaube Ihnen“, brachte sie hervor. Erstaunlicherweise entsprach das der Wahrheit. Ein wildfremder Mann hatte sie in tiefes Wasser verschleppt, und aus Gründen, die sie selbst nicht verstand, vertraute sie ihm völlig. Seit ihrer Kindheit hatte sie sich nicht mehr so geborgen gefühlt, und es gefiel ihr.

Etwas in ihrer Stimme musste ihm verraten haben, was in ihr vorging. Er schob seine Taucherbrille hoch. Zum ersten Mal, seit sie einander begegnet waren, lächelte er. Sie vergaß zu atmen und geriet völlig aus dem Rhythmus. Wenn er lächelte, sah er nicht nur gut, sondern einfach umwerfend aus. Er hatte strahlend weiße Zähnen und tiefblaue Augen.

Langsam entzog er ihr seine Hand, als fiele es ihm ebenso schwer, loszulassen, wie ihr. „Eine kleine Übung noch, dann ist Adrian an der Reihe“, sagte er und versetzte ihr einen leichten Schubs. „Schwimmen Sie in Ihrem eigenen Tempo zu der Leiter dort drüben.“ Bevor sie protestieren konnte, fügte er hinzu: „Sie können auch zurück zum flachen Ende des Pools schwimmen. Aber das ist fünf Mal so weit.“

Sie wollte vor ihm nicht als Feigling dastehen. Gleichzeitig ärgerte sie sich darüber, dass seine Meinung ihr etwas bedeutete. Mit heftig klopfendem Herzen schwamm sie zur Leiter, griff nach der untersten Sprosse und nahm die Taucherbrille ab. Sie spürte Ethans Blick, als sie aus dem Wasser kletterte und sich an den Beckenrand setzte. Am liebsten hätte sie überprüft, ob ihr Bikini richtig saß, aber sie beherrschte sich. „Danke für den Unterricht.“

Betont lässig schlenderte sie zu der Bank am flachen Ende des Pools, wo Solange mit Adrian wartete. „Da bist du ja endlich. Ich dachte, du würdest nie kommen“, sagte sie leise zu ihrer Freundin und nahm sich ein Handtuch.

Ein Lächeln spielte um Solanges Mundwinkel. „Ich hatte nicht den Eindruck, dass du mich vermisst hast.“

Anne-Marie wartete, bis Adrian in die ausgebreiteten Arme seines Vaters gesprungen war und planschend auf einen großen roten Ball zuschwamm. Dann fragte sie: „Was meinst du damit?“

„Dass du und mein zukünftiger Schwager so miteinander beschäftigt wart, dass ihr weder mich noch jemand anderen bemerkt habt.“

„Er hat darauf bestanden, mir das Schwimmen mit einer Taucherbrille beizubringen.“ Sie frottierte sich das nasse Haar und wickelte dann das Handtuch wie einen Sarong um sich. „Anscheinend hat ihm nie jemand beigebracht, dass Nein tatsächlich Nein bedeutet. Er ist ziemlich stur.“

„Und du bist ziemlich durcheinander.“

Sie wollte nicht darüber diskutieren und wechselte schnell das Thema. „Wie geht es dir heute Morgen? Du wirkst ein bisschen fröhlicher als gestern Abend.“

„Das liegt daran, dass du hier bist. Ich fühle mich nicht mehr so allein.“ Sie wies auf die Terrasse. „Das Frühstück ist fertig. Sollen wir hinübergehen und uns an den Tisch setzen?“

Anne-Marie warf einen verstohlenen Blick auf Ethan, der immer noch im Pool mit seinem Sohn spielte. „Sollten wir nicht warten, bis der Herr und Meister uns erlaubt zu essen?“

„Er ist kein Ungeheuer, Anne-Marie! Wir können uns ruhig eine Tasse Kaffee nehmen. Trockne dich ab, und lass uns gehen. Mit mir ist nicht viel anzufangen, bevor …“

„Bevor du deinen Café au Lait getrunken hast“, ergänzte Anne-Marie und lachte. Sie zog ihr Strandkleid über und hakte sich bei Solange unter. „Wie konnte ich das vergessen!“

Der Ball prallte an Ethans Schulter ab und fiel ins Wasser. „Papa“, rief Adrian vorwurfsvoll. „Du passt überhaupt nicht auf.“

„Ich weiß.“ Es fiel Ethan schwer, bei der Sache zu bleiben, während Anne-Marie spärlich bekleidet auf der Terrasse saß und ihr Lachen durch die Luft zu ihm drang wie Musik. Doch das konnte er seinem Sohn schlecht erklären, daher atmete er schnuppernd ein und sagte: „Es gibt Frühstück! Jeanne hat Pfannkuchen mit Früchten zum Frühstück gemacht.“ Er hob den Jungen aus dem Becken. „Los, laufen wir um die Wette. Wer zuerst auf der Terrasse ist!“

Die beiden Frauen unterhielten sich angeregt, als Ethan kam. Solange wirkte lebhafter als die Tage zuvor. „Du siehst erholt aus, ma petite“. Er küsste sie leicht aufs Haar. „Mademoiselle Barclay scheint dir gutzutun.“

Oui, ich bin sehr glücklich, dass sie hier ist.“

„So glücklich wie mit Philippe?“

Sie merkte nicht, dass er sie nur necken wollte. „Aber nein, Ethan!“, protestierte sie erschrocken. „Niemand kann ihn ersetzten.“

„Das freut mich. Er kommt nämlich heute Abend nach Hause.“

Solanges Gesicht leuchtete auf. Sie ist wirklich hübsch, dachte Ethan. Darum hat Philippe sich wohl auch in sie verliebt. Aber sie schien ihm ein wenig zu empfindlich und bemühte sich zu sehr, es allen recht zu machen. Ihre Freundin, diese Anne-Marie Barclay mit den langen, sonnengebräunten Beinen, dem knappen Bikini und ihrer direkten Art, war für die beeindruckbare Solange nicht der richtige Einfluss.

„Also, Mademoiselle“, wandte er sich an Anne-Marie und nahm ihr gegenüber Platz. „Erzählen Sie mir ein wenig von sich.“

3. KAPITEL

„Was möchten Sie denn wissen?“, fragte Anne-Marie zurück. Ethans überhebliche Art ärgerte sie.

„Was Sie gern erzählen möchten. Fangen wir mit Ihrer Arbeit an. Sie haben Solanges Hochzeitskleid und die Kleider der Brautjungfern entworfen?“

„Ja.“

„Machen Sie das beruflich, oder tun Sie Ihrer Freundin einen Gefallen?“

„Beides“, antwortete sie. „Ich habe in Paris an einer der besten Modeschulen der Welt studiert.“

„Sehr lobenswert. Wo leben Sie jetzt?“

„In Vancouver, an der Westküste Kanadas.“

„Ich kenne Vancouver gut. Eine schöne Stadt, aber ich hatte nicht den Eindruck, dass es eine Metropole der Haute Couture ist. Für welches Modehaus arbeiten Sie?“

„Für mein eigenes.“

Sein Lächeln wirkte herablassend. „Ich verstehe.“

„Wirklich?“, fragte sie und ahmte seinen arroganten Tonfall nach. „Dann wissen Sie sicher auch, dass ich mit meinen Entwürfen mehrere Designpreise gewonnen haben.“

„Anne-Marie hat sogar schon Kostüme für Hollywoodfilme gemacht“, kam Solange ihrer Freundin zu Hilfe. „Einmal war sie sogar für einen Oscar nominiert.“

„Hollywood?“ Er machte ein Gesicht, als hätte er ein Insekt auf seinem Mangopfannkuchen entdeckt, den der Butler ihm gerade serviert hatte.

„Ja“, antwortete Anne-Marie honigsüß. Sein Entsetzen amüsierte sie. „Ich habe mich schon immer für Theater- und Filmkostüme interessiert.“

„Aber jetzt haben Sie mit der Filmwelt hoffentlich nichts mehr zu tun. Bestimmt haben Sie sich inzwischen einen seriöseren Kundenkreis aufgebaut.“

„Eigentlich nicht. Wir haben in Vancouver eine blühende Filmindustrie. Darum hat es mich auch zurück in meine Heimatstadt gezogen. Durch meine Kontakte dort und in Kalifornien zähle ich inzwischen einige bekannte Stars zu meinen Privatkunden. Aber natürlich arbeite ich auch für alle möglichen anderen Leute.“

„Und ausgerechnet Sie entwerfen Solanges Brautkleid“, sagte er finster. „Mon Dieu!“

„Warum stört Sie das, Ethan?“, erkundigte sie sich. „Ich versichere Ihnen, die Braut und die Brautjungfern werden angemessen gekleidet sein.“

Er presste die Lippen zusammen. „Wir sind eine kleine konservative Gemeinschaft hier auf Bellefleur. Tradition spielt in unserem Leben eine große Rolle. Eine Beaumont-Hochzeit ist ein gesellschaftliches Ereignis. Wir haben repräsentative Verpflichtungen.“

„Wie schade“, sagte sie unverbindlich. „Wo ich herkomme, ist eine Hochzeit ein fröhliches Fest, wo Freunde und Angehörige zusammen mit der Braut und dem Bräutigam deren großen Tag feiern. Gewöhnlich ist bei einer Hochzeit die Braut die Hauptperson.“

„Der Mann, dessen Frau eine solche Einstellung hat, tut mir leid.“

„Warum?“

„Mangelnde Rücksicht auf die Wünsche des Bräutigams ist kein gutes Vorzeichen für die Ehe.“

„Was für ein Unsinn“, rief sie empört aus und achtete nicht auf Solange, die schockiert nach Luft schnappte. „Die Ehe ist ein lebenslanger gemeinsamer Weg, auf dem es um Respekt und gegenseitige Rücksichtnahme ankommt. Eine Hochzeit dagegen ist ein einziger Tag, an dem die Braut traditionsgemäß der Star ist. Da Sie solchen Wert auf Traditionen legen, hätte ich erwartet, dass Sie das wissen.“

„Sind Sie überhaupt kompetent, Aussagen über die Ehe zu machen?“

„Ich war nie verheiratet, wenn Sie das meinen.“

„Dann werden Sie sicher verstehen, wenn ich Ihre Meinung nicht ganz ernst nehme.“

„Natürlich“, antwortete sie mit einem sonnigen Lächeln. „Sie werden sicher verstehen, wenn ich es mit Ihrer Meinung genauso halte, da Sie ja geschieden sind. Offenbar wissen Sie auch nicht, worauf es in der Ehe ankommt.“

Nur strahlend blaue Augen wie seine konnten so hart und metallisch glitzern. „Wir sind ein wenig vom Thema abgekommen“, sagte er kalt. „Eigentlich geht es um die Hochzeit von Philippe und Solange.“

„Von der Sie befürchten, dass ich sie in ein geschmackloses Hollywoodspektakel verwandle.“

Er neigte den Kopf. „Ich wollte Sie nicht kränken.“

Der kleine Adrian verfolgte den Wortwechsel aufmerksam, auch wenn er nicht verstand, worum es ging. Darum unterdrückte Anne-Marie den Wutausbruch, dem sie nahe gewesen war, und sagte betont freundlich: „Sie haben mich offen angegriffen, Ethan, und ich verstehe nicht ganz, warum. Sie wissen doch kaum etwas über mich.“

„Ich weiß, dass Sie Angst vor Wasser haben“, sagte er leichthin, um die Situation ein wenig zu entspannen. Anne-Marie ging nicht darauf ein.

„Aber ich habe keine Angst vor Ihnen. Es ist mir gleichgültig, was Sie von mir und meinem beruflichen Erfolg halten. Ich bin hier, um Solange moralisch zu unterstützen, nicht, um Sie zu beeindrucken.“

„Ich schätze Ihre Loyalität, Mademoiselle Barclay. Aber Sie sind nicht die Einzige, der Solanges Wohl am Herzen liegt.“

„Dann haben wir eigentlich keinen Grund, uns zu streiten, Ethan. Sie können mich übrigens gern Anne-Marie nennen.“

Er verschluckte sich an seinem Kaffee. „Danke vielmals“, sagte er, als er sich von seinem Hustenanfall erholt hatte. „Darf ich fragen, was für Pläne Sie für den Rest des Tages haben, Mademoiselle?“

„Ich werde an Solanges Brautkleid arbeiten.“

„Möchten Sie mit uns zu Mittag essen und am Nachmittag vielleicht eine kleine Tour über die Insel machen?“

„Nein danke.“

Er zog leicht die Brauen hoch. Offenbar war er es nicht gewohnt, dass jemand ein Angebot von ihm ablehnte. Daran wird er sich gewöhnen müssen, dachte Anne-Marie und schob ihren Stuhl zurück.

Als perfekter Gentleman stand er ebenfalls auf. „Sie gehen schon? Ich hoffe, es ist nicht meinetwegen.“

„Nehmen Sie sich nicht so wichtig, Ethan. Wie ich bereits sagte, habe ich zu arbeiten.“

„Also gut. Darf ich Ihnen zur Unterstützung unsere Hausschneiderin schicken?“

„Das ist nicht nötig. Ich kann meine Arbeit allein bewältigen.“ Er kann sich wohl nicht vorstellen, dass die Welt sich auch ohne seine Hilfe dreht, dachte sie.

„Haben Sie hier alles, was Sie brauchen?“, erkundigte er sich.

„Ja, sicher. Abgesehen von …“

Er begann breit zu lächeln, als freute er sich darüber, dass sie doch nicht ganz ohne seine Hilfe auskam.

„Ich brauche ein Bügelbrett.“

„Wir haben hier Angestellte, die für uns bügeln.“

„Aber nicht für mich. Niemand außer mir fasst meine Arbeit an.“

„Wie Sie wünschen.“ Er neigte den Kopf wie ein Herrscher, der einem Untertanen gerade eine unverdiente Gnade erwiesen hat. „Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?“

„Ja“, sagte sie. Sie beschloss, es ihm möglichst schwer zu machen. „Ich brauche einen Arbeitstisch, etwa zwei Meter fünfzig breit und neunzig Zentimeter tief, mit einer gepolsterten, stoffbespannten Tischplatte, um meine empfindlichen Stoffe zu schonen.“

„Ich werde dafür sorgen, dass der Tisch in Ihre Suite geliefert wird“, antwortete er, ohne zu zögern. Es war ihr nicht gelungen, ihn auch nur einen Moment aus der Fassung zu bringen. „Es ist Ihnen hoffentlich klar, dass das Ihren Wohnraum stark einschränken wird.“

„Das ist kein Problem. Solange hat bestimmt nichts dagegen, ihr Wohnzimmer mit mir zu teilen.“

„Sie können sich jederzeit hier im Haupthaus aufhalten.“

Lieber wohne ich in einer Hütte am Strand, als eine Minute mehr als nötig unter Ihrem Dach zu verbringen! hätte sie am liebsten geantwortet. Aber sie spürte, wie nervös Solange war, darum sagte sie nur: „Danke. Ich weiß Ihr Angebot zu schätzen.“

...

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