Julia Exklusiv Band 402

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MEHR ALS EIN SINNLICHES SPIEL? von NINA SINGH

In einem Luxusresort auf Hawaii flirtet Rita hemmungslos mit Unternehmer Clint Fallon – nur um ihm zu helfen, eine aufdringliche Verehrerin abzuwehren! Denn ein neuer Mann ist das Letzte, was sie nach ihrer Scheidung will. Doch warum knistert es dann so erregend zwischen ihnen?

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  • Erscheinungstag 23.05.2026
  • Bandnummer 402
  • ISBN / Artikelnummer 0851260402
  • Seitenanzahl 448

Leseprobe

Nina Singh, Carol Marinelli, Nina Milne

JULIA EXKLUSIV BAND 402

Nina Singh

1. KAPITEL

Seine Schwester fing an, ihm gehörig auf die Nerven zu gehen.

Er liebte Lizzie über alles, aber er fand, dass sie seine Liebe zu ihr etwas überstrapazierte, seitdem sie verlobt war.

Clint hielt sich das Telefon ans Ohr und ließ trotzdem ihr neuestes Klagelied geduldig über sich ergehen. Er war klug genug, ihr nicht mit beruhigenden Einwänden zu kommen. Beim letzten derartigen Versuch hatte sie ihn mit einer wüsten Schimpfkanonade bedacht, die selbst seine Bauarbeiter vor Scham hätte rot werden lassen.

Er konnte sie ja verstehen. Oder er versuchte es zumindest. Sie war eben gestresst, so kurz vor der Hochzeit. Er selbst hatte sich gerade von einem Taxi am Flughafen absetzen lassen, um nach Maui zu fliegen, wo Lizzie und ihr Verlobter in wenigen Tagen den Bund fürs Leben schließen würden. Nun wollte sie im letzten Moment beim Catering noch etwas geändert haben. Irgendeine Kleinigkeit, über die sie sich maßlos aufregte.

Ein Scheck an die richtige Adresse, und die Sache war erledigt. Auf ein paar Kosten mehr kam es bei dieser Heirat nun auch nicht mehr an. Gleich nach der Ankunft wollte er sich darum kümmern, doch auch das behielt er für sich. Lizzie musste erst einmal Dampf ablassen.

Seine Schwester hatte schon immer einen Hang zur Theatralik gehabt, aber mit ihren Hochzeitsvorbereitungen trieb sie es wirklich auf die Spitze. An Tagen wie diesen fragte er sich entnervt, wie viele Frauen eigentlich einzig und allein zu dem Zweck auf der Welt waren, um ihm das Leben schwer zu machen.

„Und wie geht es dir so? Irgendwelche Neuigkeiten?“, wechselte sie völlig überraschend das Thema, damit war das Drama vorerst beendet. Umso besser.

Sollte er ihr sagen, was Sache war? Dass Maxine ihm ein Ultimatum zu viel gestellt hatte und er nach einem Riesenkrach mit ihr nun allein zur Hochzeit kam?

Er entschied sich dagegen. Lizzie würde alle Details wissen wollen, und er hatte keine Lust, darüber zu reden. Er würde es ihr erzählen, wenn er in dem hawaiianischen Urlaubsresort ankam.

„Mir geht’s gut“, erwiderte er, was auch stimmte. Tatsächlich war er erleichtert, die Beziehung zu der jungen, aufstrebenden Schauspielerin endgültig beendet zu haben. Maxine war im Lauf der letzten Monate immer anspruchsvoller und nörgeliger geworden. Dumm nur, dass er bereits ihren Flug, Aufenthalt und diverse Extras wie ein ausgiebiges Wellness- und Beautyprogramm bezahlt hatte. Doch wenn er recht darüber nachdachte, war es ihm das wert. „Ich wollte gerade einchecken.“

„Dann lass ich dich wohl lieber in Ruhe, großer Bruder.“ Lizzie legte eine Pause ein, blieb aber in der Leitung, und Clint ahnte, was auf ihn zukam. Es war ihm jedes Mal unangenehm, wenn seine Schwester sich wie jetzt mit gerührter Stimme bei ihm bedankte: „Du weißt, wie viel es mir bedeutet, dass du all das für mich tust. Danke, Clint.“

Wofür? Sie war die einzige Angehörige, die er noch hatte! Er hatte schon für sie gesorgt, als sie beide noch Teenager waren, da verstand es sich von selbst, dass er ihre Hochzeit finanzierte. Und alles andere, was ihr über die miese Kindheit hinweghalf, die sie beide gehabt hatten. Er betrachtete es als seine Pflicht, dafür zu sorgen, dass sie eine schöne Feier hatte.

Wozu leider auch gehörte, sich ihr Gejammer anzuhören, wenn sie wieder einmal über irgendeine Minikatastrophe in Verzweiflung geriet.

„Nichts zu danken, Lizzie“, sagte er nur und beendete das Gespräch.

Das fing ja gut an! Der weitere Morgen gestaltete sich auch nicht erfreulicher, nachdem er eingecheckt hatte. Er hatte genau die Zeit eingeplant, die er brauchte, um vor dem Abflug noch schnell seine wichtigsten Mails zu bearbeiten und dann in Ruhe an Bord der Maschine zu gehen. Doch noch ehe er sein Tablet auspacken und sich ins Intranet seiner Firma einloggen konnte, kam die Durchsage der Airline.

Clint unterdrückte einen Fluch. Sein Flug würde sich um mindestens eine Stunde verspäten! Und sein Privatjet war nicht verfügbar, weil er gerade durchgecheckt wurde. Ein denkbar schlechtes Timing.

Nun, er würde bestimmt nicht hier in der lauten, überfüllten Wartezone herumsitzen. Dann schlug er die Zeit lieber in der für Premiumkunden reservierten Privatlounge tot, da konnte er wenigstens in Ruhe Zeitung lesen.

Als er die dicke Glastür öffnete, musste er allerdings feststellen, dass ihm auch hier weder Ruhe noch Frieden vergönnt waren.

Dies war zweifellos die peinlichste Lage, in der sie sich je in ihrem Leben befunden hatte. Rita wäre am liebsten im Boden versunken, als die Flughafenangestellte sie betont höflich zur Rede stellte. Nicht genug, dass die anderen drei Gäste sie neugierig anstarrten – jetzt betrat noch ein weiterer den Raum, wie sie aus den Augenwinkeln bemerkte. Es war ein großer, dunkelhaariger Mann mit lederner Aktentasche.

Na wunderbar! Noch jemand, der Zeuge ihrer entsetzlichen Demütigung wurde.

„Es tut mir außerordentlich leid, Madam, aber es ist niemand registriert, der die Kosten für Ihren Aufenthalt in dieser Lounge übernimmt“, wiederholte die makellos gestylte Angestellte gerade, deren Namensschild sie als Sheila auswies. „Ich fürchte, ich muss Sie bitten, Ihr Frühstück zu bezahlen und die Lounge zu verlassen.“

„Oh, aber … ich verstehe das nicht! Meine Freundin sagte, ich könne mich hier aufhalten, und ich dachte, weil mein Flug Verspätung hat …“ Rita verhaspelte sich, was ihr immer passierte, wenn sie unter Druck geriet. Diese hochnäsige Frau behandelte sie wie Dreck unter dem Absatz ihrer eleganten Designerpumps.

Sheila verzog keine Miene, musterte sie nur kühl und ohne einen Funken von Mitgefühl in den Augen.

Was soll’s, dachte Rita frustriert. Das Pilzomelett war es nicht wert, dafür einen Aufstand zu machen. Auch wenn es zugegebenermaßen das köstlichste Frühstück war, das sie je serviert bekommen hatte.

„Also gut. Was bin ich schuldig?“

„Zusammen mit dem Getränk fünfundsiebzig Dollar, bitte.“

Rita fiel fast das Portemonnaie aus der Hand. „Fünfundsiebzig Dollar?“ Wie war das möglich? Hatten sie die Pilze direkt aus Japan einfliegen lassen und einen Fünfsternekoch mit der Zubereitung beauftragt?

Sheila nickte hoheitsvoll, doch Rita entging nicht das schadenfrohe kleine Lächeln auf ihren Lippen. Da sie zwischenzeitlich ohne Arbeit war, verfügte sie nur über ein äußerst knappes Budget. Fünfundsiebzig Dollar waren ein herber Verlust. Mit zittrigen Fingern zog sie ihre Kreditkarte hervor, wohl wissend, dass ihr Kontostand bereits gefährlich nah am Limit war. Außerdem war sie gerade im Begriff, für eine Woche nach Hawaii zu fliegen! Die Kosten für ihren Aufenthalt waren zwar im Rahmen der Hochzeit abgedeckt, aber Taschengeld würde sie trotzdem brauchen.

Plötzlich schob sich eine breite Wand in Form eines marineblauen Männerhemds zwischen sie und die Flughafenangestellte. Es war der Neuankömmling, der nun mit dem Rücken zu ihr das Wort ergriff: „Verzeihen Sie, wenn ich mich einmische, aber die junge Dame ist mein Gast. Setzen Sie das Frühstück auf meine Rechnung.“

Wie bitte?

Wie tief war sie gefallen, wenn schon wildfremde Männer glaubten, ihr ein Essen spendieren zu müssen! „Danke, nicht nötig“, sagte sie zu dem Mann in Blau. Du meine Güte, er hatte ganz schön breite Schultern! Unter seinem maßgeschneiderten Hemd zeichneten sich deutlich seine kräftigen Muskeln ab.

„Ich bestehe darauf“, sagte er über die Schulter zu ihr.

„Sehr gern, Sir. Schön, Sie wieder einmal bei uns zu haben.“ Sheila war plötzlich ganz kleinlaut geworden, wie Rita nicht ohne Genugtuung feststellte. Trotzdem konnte sie nicht zulassen, dass ein Wildfremder ihr Frühstück bezahlte.

„Ich sagte doch, das ist nicht nötig“, wiederholte sie energisch, sprang auf und versuchte, sich an ihm vorbeizuschieben.

Und er? Er streckte den Arm aus und versperrte ihr den Weg!

Rita war empört. Okay, der Mann war im Begriff, ihr einen Gefallen zu tun, aber ihr praktisch den Mund zu verbieten, das ging entschieden zu weit. Der Betrag würde ein riesiges Loch in ihre Kasse reißen, aber sie konnte ihn sich gerade noch leisten.

Zu spät!

„Vielen Dank, Mr. Fallon“, flötete Sheila und stöckelte mit der Kreditkarte des Fremden in der Hand davon.

Mr. Fallon? Rita blinzelte verwirrt, als er sich zu ihr umdrehte. Beim Blick in seine tiefbraunen Augen schlug ihr Herz plötzlich höher. Allmählich dämmerte ihr, wen sie vor sich hatte. Das dunkle Haar, die vertrauten Gesichtszüge – kein Zweifel, er war es.

„Ich wollte Sie nicht kränken“, sagte er, „aber die Dame ist mir schon öfter unangenehm aufgefallen. Vielleicht sollte ich mich bei der Direktion über sie beschweren.“

„Nein, bitte nicht. Ich möchte nicht, dass sie meinetwegen ihren Job verliert“, erwiderte sie hastig. „Ich hätte gar nicht erst herkommen sollen.“

Er sah ihr tief in die Augen. „Das hätte ich aber äußerst schade gefunden.“

Ihr wurde ganz heiß unter seinem Blick. Flirtete er etwa mit ihr? Jetzt wurde es langsam wirklich peinlich. Clinton Fallon hatte offenbar keine Ahnung, wer sie war. Er erinnerte sich überhaupt nicht an sie.

Clint wusste genau, wie die junge Frau sich fühlen musste. Vor noch nicht allzu langer Zeit hätten die Sheilas dieser Welt ihn ebenso verächtlich abgekanzelt wie sie. Offenbar glaubte das Schicksal, ihm hin und wieder vor Augen führen zu müssen, woher er kam.

Gut so. Es bewahrte ihn davor, zu selbstzufrieden zu werden und sein Glück als selbstverständlich hinzunehmen.

„Ich sollte mich wohl bei Ihnen bedanken“, sagte sie.

Sollte? Er musterte sie amüsiert. „Keine Ursache. Gern geschehen.“

Sie griff nach ihrem Rollkoffer. „Dann gehe ich jetzt mal.“

War sie ein bisschen verwirrt? „Nein, Sie müssen nicht gehen! Ihr Frühstück ist doch bezahlt.“

Was er in ihren Augen aufblitzen sah, war keine Dankbarkeit, sondern gekränkter Stolz. Warum auch immer.

„Ich lege keinen Wert darauf, noch länger hierzubleiben.“

„Wollen Sie nicht wenigstens Ihr Omelett aufessen?“

„Das ist jetzt sowieso kalt“, erwiderte sie missmutig. „Sorry. Ich habe mich sehr auf diese Reise gefreut, aber der Auftakt ist alles andere als erfreulich.“

„Verstehe.“ Und er verstand sie tatsächlich. Besser, als sie ahnte.

Rita zupfte am Kragen ihrer Bluse und versuchte, das Flattern in ihrem Magen unter Kontrolle zu bringen. Clinton Fallon schien noch immer keinen blassen Schimmer zu haben, wer sie war. Offenbar hatte sie damals, als sie mit seiner Schwester zusammen auf dem College war, keinen allzu großen Eindruck auf ihn gemacht. Was sich umgekehrt ganz anders verhielt. Wie oft hatte sie in den vergangenen Jahren an ihn gedacht und sich gefragt, was er wohl machte? Was schon peinlich genug war, auch ohne diese unglückselige Begegnung hier am Flughafen.

Höchste Zeit, dass sie sich ihm vorstellte. Besser gesagt, sich ihm erneut vorstellte. Während sie noch überlegte, wie sie ihm beibringen sollte, wer sie war, streckte er ihr schon die Hand hin. „Ich bin Clinton …“

„Ich weiß, wer du bist“, platzte sie heraus.

Er blickte sie verwirrt an. „Entschuldigung, aber ich wüsste nicht …“

Enttäuschung macht sich in ihr breit. Er erinnerte sich tatsächlich nicht an sie. Warum überraschte sie das? Männer wie er nahmen keine Notiz von Frauen wie ihr. Weder damals noch heute.

Und wer war sie heute? Eine frisch geschiedene Frau, eine arbeitslose Tierärztin, eine in Ungnade gefallene Tochter.

„Hier, vielleicht hilft das deiner Erinnerung auf die Sprünge“, sagte sie und raffte ihr langes Haar mit dem Haargummi, das sie am Handgelenk trug, zum Pferdeschwanz zusammen. Dann zog sie ihre Ersatzbrille mit den dicken Gläsern aus der Tasche, setzte sie auf und sah ihn erwartungsvoll an.

In seiner Miene spiegelte sich nur blanke Ratlosigkeit.

Rita seufzte. „Ich war mit Lizzie zusammen auf dem College. Wir sind uns dort bei diversen Familientreffen begegnet“, erklärte sie und schüttelte ihm die Hand. „Rita Paul. Ich nehme an, du bist auch auf dem Weg zu der Hochzeit deiner Schwester.“

Er schenkte ihr ein breites Lächeln. „Oh, natürlich. Es tut mir leid. Ich kann mir Gesichter so schlecht merken.“ Netter Versuch, aber nicht wirklich überzeugend.

Nervös entzog sie ihm ihre Hand, die er noch immer umfasst hielt. „Kein Problem.“

„Ich hätte mir denken können, dass ich noch andere Gäste treffe. Normalerweise fliege ich mit meinem Privatjet, aber der steht gerade nicht zur Verfügung.“

Privatjet? Er hatte es wirklich weit gebracht. Das war kein Wunder, so ehrgeizig und begabt, wie er schon damals gewesen war. „Wenn ich mich recht erinnere, bist du gerade ins Baugewerbe eingestiegen, als Lizzie und ich studiert haben.“

Er nickte. „Richtig. Mein damaliger Chef hat mich sehr gefördert. Ich habe seine Firma von ihm übernommen …“

„Und eine steile Karriere hingelegt, stimmt’s?“

„Ich bin ganz gut im Geschäft.“

Ganz gut? Der Mann besaß einen Privatjet, hatte seiner Schwester das Studium finanziert und spendierte ihr jetzt eine Luxushochzeit auf Hawaii.

Clinton Fallon war der typische Selfmademan. Nach ihrem Collegeabschluss hatte Rita seinen Werdegang noch eine Weile in den Medien verfolgt. Alle Welt hatte den talentierten jungen Aufsteiger in den höchsten Tönen gelobt, während sie selbst noch immer auf der Stelle trat. Im Gegensatz zu Clints Erfolgsgeschichte war ihr Leben eine Aneinanderreihung von Niederlagen.

Diese Reise bot ihr die Chance, ihre Misere für eine Weile zu vergessen. In den nächsten Tagen würde sich alles nur um Lizzie und ihr Liebesglück drehen.

In diesem Moment wurde der verspätete Flug aufgerufen.

„Ich muss mich beeilen“, sagte Rita. „Ich sitze ganz hinten und muss sicher als eine der Ersten an Bord gehen.“

Clint hielt sie am Arm zurück. „Der Platz neben mir ist frei. Ich sorge dafür, dass du ihn bekommst.“

„Aber es hieß, die Maschine sei ausgebucht!“

„Nun, meine …“, er räusperte sich, „meine Begleiterin musste die Reise in letzter Minute absagen. Du kannst mit mir erster Klasse fliegen.“

Rita begriff. In den Medien war Clint nie ohne eine schöne Frau im Arm zu sehen gewesen, allerdings immer mit einer anderen. Keine seiner glamourösen Affären schien länger als eine Saison zu überdauern. Pech für ihn. Jetzt musste er allein zur Hochzeit seiner Schwester fliegen.

„Danke, das ist nett von dir, aber …“

„Bitte, tu mir den Gefallen. Ich könnte ein bisschen Gesellschaft gebrauchen.“ Bevor sie erneut protestieren konnte, hatte er schon jemanden von der Airline am Apparat. Er schien eine Direktleitung nach ganz oben zu haben, denn Sekunden später verkündete er zufrieden: „Alles geregelt. Gehen wir an Bord.“

Rita unterdrückte ihren Ärger. Sie wollte nicht undankbar erscheinen, aber es ärgerte sie, dass Clinton Fallon ihr Ticket, das erste, das sie jemals selbst gebucht und bezahlt hatte, einfach verfallen ließ. So viel zu ihrer neu gewonnenen Unabhängigkeit!

Doch er wusste ja nichts von ihrer derzeitigen Lebenssituation. Oder von der symbolischen Bedeutung, die diese Reise für sie hatte.

Rita schien seine Bemerkung, er könne Gesellschaft gebrauchen, nicht ernst genommen zu haben. Jedenfalls wechselte sie während des Fluges kaum zwei Worte mit ihm. Maxie an ihrer Stelle hätte ihm dagegen jede Einzelheit aus ihrem spannenden Leben geschildert, angefangen bei ihrem letzten Engagement bis hin zu ihrem ausgiebigen Schönheitsprogramm.

Ein Mittelding wäre Clint ganz recht gewesen.

Eigentlich hätte er die Zeit nutzen müssen, um zu arbeiten, doch die Frau neben ihm lenkte ihn zu sehr ab. Der zarte Rosenduft, den ihr volles schwarzes Haar verströmte, ließ ihn keinen klaren Gedanken fassen. Das sah ihm gar nicht ähnlich.

Auch im Taxi nach Kaanapali auf Maui, wo Lizzies Hochzeit stattfinden sollte, schwieg Rita beharrlich. Offenbar hatte sie kein Interesse daran, sich mit ihm zu unterhalten, wie Clint leicht pikiert zur Kenntnis nahm.

Der Wagen hielt vor dem Luxusresort, in dem die Hochzeitsgesellschaft für die kommenden Tage untergebracht war. Während der Fahrer noch das Gepäck auslud, kam Lizzie angelaufen und fiel Clint um den Hals.

„Hey, da bist du ja!“ Erst als sie ihn nach einer langen, stürmischen Umarmung wieder losließ, fiel ihr Blick auf Rita. „Oh, und du auch! Seid ihr zusammen gekommen?“

Freudestrahlend schloss sie auch ihre Freundin in die Arme. Clint, der die beiden beobachtete – Rita mit ihrem dichten, dunklen Haar und den dunklen Augen, seine Schwester, rotblond und hellhäutig –, merkte ihnen an, wie nah sie einander standen.

„Rita und ich haben uns am Flughafen getroffen“, erklärte er.

„Wie schön!“ Lizzie blickte lächelnd von einem zum anderen.

„Ja, vor allem für mich“, bemerkte Rita, aber sie klang nicht so, als würde sie sich besonders darüber freuen. „Clint hat mich aus einer peinlichen Situation gerettet und mir zu einem Platz in der ersten Klasse verholfen.“

Clint fragte sich, ob er etwas verpasst habe. Die Frauen, mit denen er normalerweise zu tun hatte, neigten eher dazu, ihm mangelnde Aufmerksamkeit vorzuwerfen.

„Das müsst ihr mir später noch genauer erzählen. Aber wo ist Maxie?“, fragte Lizzie mit einem irritierten Blick in das leere Taxi.

„Kleine Planänderung“, erwiderte Clint ausweichend, denn es war ihm unangenehm, die Sache in Ritas Gegenwart zu diskutieren. „Du musst wohl mit mir allein vorliebnehmen.“

„Ach?“ Lizzies blaue Augen weiteten sich. „Wie kommt’s?“

„Es hat nicht gepasst.“

„Was du nicht sagst!“ Seine Schwester konnte sich ein triumphierendes Lächeln nicht verkneifen. Sie hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie die Frauen, mit denen er sich umgab, für albern und oberflächlich hielt.

Womit sie nicht ganz unrecht hatte, aber Clint bevorzugte oberflächliche Beziehungen, nachdem er all die Jahre für sie hatte sorgen müssen. Was wusste sie schon davon?

„Ach Rita, entschuldige bitte!“ Lizzie schlug sich betroffen die Hand vor den Mund. „Ich wollte nicht taktlos sein. Es tut mir leid, dass es mit Jay und dir nicht geklappt hat.“

Clint wurde hellhörig. Er sah zu Rita hinüber und bemerkte den traurigen Ausdruck, der über ihr Gesicht huschte.

„Schicksal“, erwiderte sie. „Doch jetzt bin ich hier, um deine und Jonathons Hochzeit zu feiern, und das ist ein Grund zur Freude.“

Clint folgte den beiden Frauen, als diese Arm in Arm zur Rezeption gingen. Sein Blick ruhte dabei auf Rita. Er konnte sich nicht daran erinnern, ihr schon einmal begegnet zu sein, aber er fand sie ungewöhnlich faszinierend.

Auch sie hatte offenbar gerade eine Beziehung hinter sich, eine langjährige, vermutlich. Er selbst hatte kein Interesse an festen Beziehungen. Zumindest nicht in den nächsten Jahren. Er hatte für seine Schwester getan, was er konnte. Nun war sie erwachsen, gut ausgebildet und stand kurz vor der Hochzeit. Er aber hatte endlich Zeit, sich ganz auf sein Unternehmen zu konzentrieren und alles nachzuholen, was er versäumt hatte, seit seine Eltern tödlich verunglückt waren und ihn mit der damals vierzehnjährigen Lizzie alleingelassen hatten.

Lizzie drehte sich ungeduldig zu ihm um. Nun mach schon!, sagte ihr Blick. Dafür, dass sie die Jüngere war, konnte sie ganz schön dominant sein. „Das ist der Mann mit der Kreditkarte“, informierte sie den Empfangschef, der Clint höflich begrüßte.

„Herzlich willkommen, Mr. Fallon. Ihre Suite ist vorbereitet. Ich habe eine Flasche Champagner und frisches Obst für Sie hinaufbringen lassen.“

Lizzie klatschte begeistert in die Hände. „Sehr gut! Den Champagner werden Rita und ich dir sofort stibitzen, großer Bruder. Wir haben nämlich etwas zu feiern.“

„Na gut, bedient euch“, antwortete er großmütig. „Was gibt’s denn zu feiern, außer dass du unter die Haube kommst?“

Lizzie legte den Arm um Rita. „Dass meine liebe Freundin frisch geschieden und wieder frei ist!“

Rita senkte den Blick. Auf Clint machte sie allerdings nicht den Eindruck, als wäre ihr nach Feiern zumute. Nachdenklich sah er ihr nach, als sie mit Lizzie zum Lift ging, während er die Formalitäten an der Rezeption erledigte. Er hätte zu gern erfahren, wer dieser Jay war.

Viel interessanter aber war die Frage, warum er das wissen wollte.

2. KAPITEL

Rita fand nicht, dass ihre Scheidung ein Grund zum Anstoßen war.

Sie hatte sich noch gar nicht daran gewöhnt, wieder Single zu sein. Zwar hatte sie die Scheidung eingereicht, aber deshalb war das Ende ihrer Ehe für sie noch lange kein Anlass zur Freude. Jay war kein schlechter Mensch. Er war auch kein schlechter Ehemann. Eines Tages würde er eine Frau sehr glücklich machen.

Nur eben nicht sie.

Doch ihre Freundin Lizzie hatte das Herz am rechten Fleck, also würde sie trotzdem mit ihr Clints Champagner trinken. Täuschte sie sich, oder hatte dieser sie äußerst interessiert angesehen, als Lizzie ihre Trennung von Jay erwähnt hatte? Und auch jetzt noch meinte sie, seinen Blick im Rücken zu spüren.

Unsinn!

Wahrscheinlich war sie nur verwirrt über das Wiedersehen mit dem Mann, in den sie einmal verknallt gewesen war. Verknallt, wohlgemerkt. Mehr nicht.

„Heute Abend geht es los!“, verkündete Lizzie fröhlich neben ihr.

Sie meinte das Unterhaltungsprogramm, das die Hochzeitsgesellschaft in den nächsten Tagen bei Laune halten sollte. So viel immerhin hatte Rita mitbekommen, obwohl sie nur mit halbem Ohr zuhörte. Für den Abend war ein typisch hawaiianisches luau geplant, ein traditionelles Fest mit Essen, Musik und Tanz.

Rita war froh, dass Lizzie so redselig war, denn sie selbst war es gerade gar nicht. Das hatte auch Clint zu spüren bekommen. Worüber hätte sie sich auch mit ihm unterhalten sollen? Über ihre fragliche berufliche Zukunft? Ihre gescheiterte Ehe? Das angespannte Verhältnis zu ihren Eltern?

Immerhin war sie nicht die Einzige, die allein zu Lizzies Hochzeit angereist war. Auch Clint war ohne Begleitung hier. Anscheinend ging für sie beide gerade ein Lebensabschnitt zu Ende.

Jetzt öffnete Clint ihnen die Tür zu seiner Suite, die so groß war wie eine ganze Wohnung. Bodentiefe Fenster zeigten hinaus auf den Ozean und auf den Inselberg in der Ferne. Rita bedauerte die Frau, die das alles hier verpasste.

Und alles andere, was Clint zu bieten hatte.

Sie sah ihm nach, als er den Wohnraum durchquerte und die gläserne Schiebetür zur Veranda aufmachte. Sie hatte auf jeden Fall guten Geschmack bewiesen, als sie sich vor Jahren in ihn verguckt hatte. Er war groß, schlank und durchtrainiert, und anders als bei seiner rotblonden Schwester kam in seinen feinen, regelmäßigen Gesichtszügen das exotische Erbe durch, das laut Lizzie auf irgendwelche Vorfahren in der Familie Fallon zurückging. Dieser leicht asiatische Einschlag verlieh ihm das besondere Etwas, das ihn aus jeder Menge hervorhob.

„Der ist nur vom Feinsten“, lobte Lizzie, als sie die Champagnerflasche aus dem Eiskübel nahm und das Etikett studierte.

„Für euch doch immer“, meinte Clint galant.

„Vielleicht lassen wir dir sogar ein Schlückchen übrig. Was meinst du, Rita? Heute Abend beim luau bekommen wir sicher genug zu trinken.“

„Ja, klar“, erwiderte Rita zerstreut.

„Ach, Clint, da fällt mir ein … Tessa Campbell hat schon nach dir gefragt. Die ist übrigens deine Zimmergenossin, Rita.“

Clint, der inzwischen die Champagnerflasche entkorkt und jeder von ihnen ein Glas eingeschenkt hatte, fragte stirnrunzelnd: „Tessa wer?“

Lizzie verdrehte in komischer Verzweiflung die Augen. „Du wirst dich doch wohl noch an Tessa erinnern! Sie ist seit der zehnten Klasse hinter dir her. Warte nur, bis sie spitzkriegt, dass du allein hier bist.“

„Ach, jetzt weiß ich, wen du meinst. Kann ich ihr irgendwie aus dem Weg gehen?“

„Keine Chance. Sie gehört zum engen Kreis der Hochzeitsgäste.“

Clint stöhnte. „Na großartig.“ Er klang, als müsste er sich tagtäglich mit Scharen lästiger Bewunderinnen herumschlagen. Was vermutlich auch der Fall war.

Lizzie bekam einen Lachanfall. Sie lachte so heftig, dass ihr die Champagnerbläschen aus der Nase kamen, was auch Rita zum Lachen brachte.

„Was ist denn so witzig?“, wollte Clint wissen.

„Ich stelle mir vor, wie du jedes Mal hinter einer Palme in Deckung gehst, wenn Tessa sich nähert“, prustete Lizzie los, und nun musste Rita erst recht lachen.

Clint blickte grimmig von einer zur anderen. „Ja, macht euch nur über mich lustig.“

„Sorry“, sagte Rita, konnte aber ein erneutes Glucksen nicht unterdrücken. Wann hatte sie das letzte Mal so herzlich gelacht? Das Gefühlschaos der vergangenen Monate hatte sie ganz schön mitgenommen. Gut, dass sie nun hier war und ihre Probleme für eine Weile vergessen konnte.

Obwohl … Ein Blick in Clints braune Augen, und sie war wie elektrisiert. Sein Lächeln und die Art, wie er sie ansah, brachten ihre Gefühle heftig in Aufruhr. Wenn da nur kein neues Problem auf sie lauerte!

Clint hatte eigentlich vorgehabt, vor dem Fest am Abend noch eine Runde zu schlafen, doch daraus wurde nichts. Die Erinnerung an samtbraune Augen und ein Gesicht, umrahmt von einer Woge glänzend schwarzer Haare, ließ ihn immer wieder hochschrecken. Was war nur mit ihm los?

Er war hier, um seine Schwester zum Traualtar zu führen. Nicht, um sich auf ein flüchtiges Abenteuer mit einer ihrer Freundinnen einzulassen.

Wenn er noch duschen wollte, musste er sich beeilen. In Kürze würde der Shuttlebus eintreffen, der die Hochzeitsgäste in die Stadt brachte, und Lizzie duldete keine Trödeleien. Auch nicht von ihm, ihrem großen Bruder, der den ganzen Firlefanz bezahlte.

Im Gegensatz zu ihm hatte sie es geschafft, sich nicht vom Zynismus ihrer Großmutter anstecken zu lassen. Vielleicht würde es ihr ja gelingen, allen Unkenrufen zum Trotz eine gute Ehe zu führen und die Serie tragisch endender Beziehungen zu unterbrechen, die wie ein Fluch über der Familie Fallon lag.

Er selbst hatte keinerlei Ambitionen in dieser Richtung. Wenn ihn das zum Zyniker machte, na schön, damit konnte er umgehen.

Wenigstens Lizzie hatte ihre große Liebe gefunden. Doch sie war schon immer eine Träumerin gewesen und er der Vernünftige. Er hatte auch gar keine andere Wahl gehabt, als diese Rolle zu übernehmen, nachdem sie beide als Vollwaisen in die Obhut ihrer verbitterten alten Großmutter gekommen waren.

Im Großen und Ganzen, so sagte er sich, hatte er seine Sache recht gutgemacht. Jedenfalls war er stolz darauf, was aus Lizzie geworden war. Außerdem freute er sich, dass sie jemanden gefunden hatte, den sie liebte. Jonathon war ein feiner Kerl. Er würde ihr ein guter Ehemann sein und irgendwann ein guter Vater ihrer Kinder.

Allerdings wünschte Clint sich nicht gerade, allzu bald Onkel zu werden.

Während er unter der Dusche stand, musste er immer wieder an Rita denken. Er fragte sich, ob sie bei dem Fest in seiner Nähe sitzen würde. Jetzt bereute er es, sich nicht mehr an der Hochzeitsplanung beteiligt zu haben. Dann wäre ihm auch die Peinlichkeit am Flughafen erspart geblieben, als er sie nicht erkannt hatte.

Hatte er sich überhaupt schon dafür entschuldigt? Das musste er unbedingt nachholen. Es war ein guter Vorwand, um nach ihr Ausschau zu halten. Verdammt, warum ging sie ihm einfach nicht aus dem Kopf?

Jetzt wurde die Zeit wirklich knapp. Hastig zog er Kakishorts und ein Hawaiihemd an, das er der Einfachheit halber offen ließ. Statt auf den Lift zu warten, stürmte er ins Treppenhaus und prallte prompt mit einer anderen Person zusammen, die auch auf dem Weg nach unten war. Diese Person fühlte sich überraschend weich und geschmeidig an. Zum Glück besaß er die Geistesgegenwart, sie in seinen Armen aufzufangen, sonst wäre sie kopfüber die Treppe hinuntergestürzt.

Wie sich herausstellte, brauchte er Rita nicht erst zu suchen. Sie war direkt vor ihm und sah ihn aus vor Schreck geweiteten Augen an.

„Oh Mann!“ Ihr Blick glitt zu seiner nackten Brust, dann zurück zu seinem Gesicht.

„Es tut mir furchtbar leid“, sagte er atemlos. „Ist dir etwas passiert?“

Sie blickte ihn vorwurfsvoll an. „Du bist nicht mal richtig angezogen!“

Er ließ sie los, um sein Hemd zuzuknöpfen. „Ja, ich habe es ein wenig eilig.“

„Ein wenig?“

„Okay, sehr eilig, sorry. Habe ich dir wehgetan?“

„Nein, aber du hast mich zu Tode erschreckt.“ Sie strich ihr Kleid glatt. Es war ein ausgesprochen schönes zartblaues Sommerkleid mit schmalen Trägern, das wunderbar zu ihrem Teint und zu ihren goldgesprenkelten braunen Augen passte, wie Clint sehr genau registrierte. Wann hatte er bei einer Frau jemals auf solche Details geachtet?

„Entschuldige, es war keine Absicht.“ Die Gründe, weshalb er sich bei Rita entschuldigen musste, häuften sich. „Aber wieso nimmst du nicht den Lift? Du wohnst doch ein paar Stockwerke weiter oben.“

„Ich benutze immer die Treppe, das hält fit.“

Fit war sie wirklich, daran ließ das leichte Minikleid keinen Zweifel, das ihre schmale Taille und ihre langen, schlanken Beine äußerst wirksam zur Schau stellte. Clint sah bewundernd an ihr herab, bis ihm plötzlich auffiel, wie lächerlich er sich benahm.

Erst stieß er Rita fast die Treppe hinunter, dann riss er sie an seine nackte Brust, und jetzt stand er hier und starrte sie an. Und das alles in einem leeren Treppenhaus!

„Wir müssen los“, stieß er atemlos hervor und gab sich alle Mühe, nicht auf ihren hübschen runden Po zu starren, als sie vor ihm die Treppe hinunterlief.

Auf dem Drehspieß über der Feuerschale wurde ein ganzes Schwein geröstet, mit Kopf und Klauen und allem drum und dran. Rita war mitnichten eine strenge Vegetarierin, aber als Tierärztin wurde ihr bei dem Anblick trotzdem flau im Magen.

Während der Rest der Gesellschaft sich mit lauten Ah- und Oh-Rufen um den Grill scharte, ging sie hinunter zum Strand. Das Fest fand direkt am Meer statt, in einer Bucht mit kristallklarem Wasser und einem herrlichen Blick auf die Berge auf der anderen Seite der Insel. Mit Bananenblättern gedeckte Pavillons waren kreisförmig um eine Tribüne angeordnet. Darauf befanden sich lange Holztische, beladen mit inseltypischen Köstlichkeiten.

Clint Fallon war freigebig, wenn es um die Hochzeit seiner Schwester ging, so viel war sicher. Rita grub die Zehen in den warmen Sand und äugte zu ihm hinüber. Wie Lizzie ganz richtig vermutet hatte, hing Tessa seit dem Moment, da er aus dem Bus gestiegen war, wie eine Klette an ihm. Besonders glücklich wirkte er nicht darüber, wie Rita aus seinem gequälten Lächeln schloss.

Sie hätte zwar nichts dagegen gehabt, wenn die beiden einander nähergekommen wären. Einen kleinen Stich versetzte ihr die Vorstellung aber schon.

Sie dachte an ihren Beinaheunfall auf der Treppe, als sie sich unverhofft in Clints Armen wiedergefunden hatte. Du meine Güte, hatte der Mann sich gut angefühlt! Stark und solide wie eine Mauer.

„Ich dachte schon, du hättest dich abgesetzt. Ist das gegrillte Fleisch nicht nach deinem Geschmack?“

Sie fuhr herum. Da stand Clint, kaum einen Meter von ihr entfernt, so als hätte sie ihn kraft ihrer Gedanken herbeigezaubert.

„Sorry, hat man mir das so deutlich angemerkt?“

„Deine Miene sprach Bände.“ Er hatte sie also beobachtet. Hoffentlich hielt er sie nicht für eine hochnäsige Tussi, der das regionale Essen nicht gut genug war.

„Wenn du deine Tage damit verbringst, kranke Tiere zu heilen, ist es nicht unbedingt lustig, eins über dem Grillfeuer baumeln zu sehen“, beeilte sie sich zu erklären.

Clint sah sie durchdringend an, schlug sich dann plötzlich mit der Hand an die Stirn. „Ach, du bist das!“

Sie sah ihn fragend an.

„Sarita mit den grellbunten Haaren, Lizzies Zimmergenossin aus dem College. Du hast damals Veterinärmedizin studiert.“

Nun erinnerte er sich also doch noch an sie. „Wow, das fällt dir aber früh ein! Ich bin beeindruckt“, sagte sie spöttisch.

Er besaß immerhin den Anstand, beschämt den Kopf einzuziehen. „Verzeih mir. Zu meiner Entlastung kann ich nur anführen, dass du bei den wenigen Gelegenheiten, als wir einander begegnet sind, immer anders ausgesehen hast.“

Womit er allerdings recht hatte. Ihre kläglichen Rebellionsversuche als Collegegirl hatten hauptsächlich darin bestanden, dass sie alle naselang ihre Haare umfärbte. Ihr Vater hatte es gehasst, was der Zweck der Übung gewesen war. Doch Clint hätte ruhig früher darauf kommen können, wer sie war.

„Außerdem heißt du nicht Rita.“

„Rita ist die Kurzform von Sarita. Du heißt ja auch nicht Clint, sondern Clinton.“

„Na schön, aber …“

„Hey, Clint, da bist du ja!“ Tessa kam mit neckisch erhobenem Zeigefinger auf ihn zugelaufen. „Ich habe dich schon überall gesucht.“

Clints Stoßseufzer schien sie nicht weiter zu stören, wohl aber die Tatsache, dass Clint überraschend Rita die Hände um die Taille legte. Was diese mindestens ebenso verblüffte wie Tessa, die sie beide mit offenem Mund anstarrte.

„Rita und ich haben uns schon am Flughafen getroffen“, erklärte er. „Ich habe mich riesig gefreut, sie wiederzusehen.“

Ach wirklich? Rita blickte ihn durchdringend an, ließ sich aber von seinem flehenden Blick erweichen und kam ihm zur Hilfe. „Ja, ich bin schon ganz gespannt darauf zu hören, was Clint in den letzten Jahren so getrieben hat.“

Doch so leicht gab Tessa nicht auf. „Ich kann nicht zulassen, dass ihr beide euch absetzt. Das ist eine Party, da wird gefeiert!“ Unverdrossen hakte sie sich bei Clint unter.

„Du hast ja so recht.“ Charmant lächelnd befreite er sich von ihrem Arm. „Rita und ich kommen gleich nach, versprochen.“

„Na gut, aber beeilt euch.“ Schmollend zog Tessa ab.

„Raffiniert, Mr. Fallon. So wimmelt man lästige Verehrerinnen ab.“

„Ich habe nichts als die reine Wahrheit gesagt“, behauptete Clint und schlug sich an die Brust. „Ich möchte mich wirklich gern mit dir unterhalten, Rita.“

„Nachdem dir zum Glück gerade noch rechtzeitig eingefallen ist, wer ich bin.“

„Okay, ich gebe zu, ich könnte eine Pause von Tessa gebrauchen, aber das ist nur ein angenehmer Nebeneffekt. Tu mir den Gefallen, und bleib an meiner Seite.“

„Warum sollte ich?“

Er neigte den Kopf leicht zur Seite und lächelte. „Weil du meinem umwerfenden Charme nicht widerstehen kannst?“

Rita zeigte mit dem Daumen nach unten. „Netter Versuch, aber das zieht nicht.“

„Weil du Mitleid mit mir hast?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Komm schon. Nur heute Abend, damit ich das Fest entspannt genießen kann.“

Rita überlegte. Warum sollte sie ihm den Gefallen nicht tun? Es war schließlich auch seine Feier. Außerdem hatte sie allen Grund, ihm dankbar zu sein, denn auch sie hatte damals im College von seiner Großzügigkeit profitiert. Sie dachte an das Auto, das er Lizzie gekauft hatte, damit sie beide den langen Weg zwischen Campus und Wohnheim im tiefsten Winter nicht zu Fuß zurücklegen mussten. Und an die Unterkunft, die er ihnen besorgt hatte, als sie dringend eine brauchten.

Ganz davon abgesehen, gab es Schlimmeres, als einen Abend in Clinton Fallons Gesellschaft zu verbringen.

„Na gut, warum nicht?“, erwiderte sie und zuckte lässig die Schultern.

Sarita. Clint musterte sie von der Seite, als sie zusammen zum Büfett schlenderten. Kein Wunder, dass er sie nicht wiedererkannt hatte! Nichts an ihr erinnerte mehr an das schüchterne Mädchen mit der Brille und den grell gefärbten Haaren, das ihm bei seinen Besuchen im College gelegentlich über den Weg gelaufen war.

„Ich nehme an, du verzichtest auf den Hauptgang?“

„Ja, aber wie du siehst, muss ich trotzdem nicht hungern“, erwiderte sie lächelnd.

Clint kannte nicht einmal die Hälfte der regionalen Spezialitäten, die für die Gäste bereitstanden. In der Mitte eines jeden Tisches, umgeben von unzähligen Sorten von Obst, Fleisch, Fisch und gegrilltem Gemüse, befand sich eine Schüssel von der Größe einer Bowlingkugel mit einer puddingartigen rosafarbenen Masse darin.

„Hast du eine Ahnung, was das ist?“, fragte er.

„Ich glaube, es nennt sich poi.“

„Po… was?“

Lachend reichte sie ihm einen leeren Teller und nahm sich selbst auch einen. „Soviel ich weiß, wird es aus der Knolle der Palo-Pflanze gemacht, auch Taro genannt. Das Zeug steckt voller Vitamine und Mineralien, und angeblich ist es gut für …“, sie unterbrach sich, „… egal, auf jeden Fall ist es sehr gesund.“

„Gut wofür? Klär mich auf, ich bin neugierig.“

„Na ja …“, sie lächelte verlegen, „es ist wohl besonders bei Männern beliebt.“

„Und warum?“

Sie griffen beide nach demselben Servierlöffel, und es durchzuckte ihn wie ein kleiner Stromstoß, als sich ihre Fingerspitzen berührten. Im selben Moment begriff er, was Rita gemeint hatte. Diesem poi wurde offenbar eine potenzsteigernde Wirkung nachgesagt.

„Oh, verstehe“, sagte er. „In dieser Hinsicht müsste ich mir allerdings keine Sorgen machen.“ Die dämliche Bemerkung war ihm einfach so herausgerutscht, und er versuchte, die Situation zu retten, indem er rasch hinzufügte: „Das sollte übrigens nur ein Witz sein.“

„Ach so“, meinte Rita mit unschuldigem Augenaufschlag. „Dann hast du das Zeug also doch nötig?“

„Was? Aber nein! Ich meine …“ Verdammt, diese Frau machte ihn so nervös, dass er schon dummes Zeug daherredete.

Sie schob sich lächelnd ein Stück Ananas in den Mund und zwinkerte ihm zu, was so sexy aussah, dass er beinahe zu atmen vergaß. Nur um sie zum Lachen zu bringen, häufte er sich eine extra große Portion poi auf den Teller.

Als sie ihre Plätze vor der Bühne einnahmen, hatte die Vorführung bereits begonnen. Clint musste immer wieder zu Rita hinsehen, die völlig fasziniert das Schauspiel der einheimischen Darsteller verfolgte. Die Geschichte handelte von ihren Vorfahren, die ihre alte Heimat verlassen hatten, um sich auf den fruchtbaren Inseln Hawaiis anzusiedeln. Von Königinnen und Königen, die ihr Volk über das Meer geführt hatten, und von ihrem kulturellen Erbe, das mit dem der Ureinwohner verschmolzen war.

Rita mit ihren langen, dunklen Haaren sah aus wie eine von ihnen. Eine stolze Prinzessin aus einem fernen, fremden Land. Ihr Sommerkleid bauschte sich im lauen Abendwind, die brennenden Fackeln brachten ihre Augen zum Funkeln. Die Blumenkette, die jeder von ihnen bei der Ankunft erhalten hatte, trug sie wie ein Diadem um ihren Kopf geschlungen. Sie sah einfach hinreißend aus.

So hinreißend, dass Clint kaum mitbekam, wie die Vorführung auf der Bühne in eine Hula-Tanzshow überging. Stampfende Trommelrhythmen erfüllten die Luft, die Tänzerinnen und Tänzer wirbelten über die Bretter und verbogen ihre Körper zu halsbrecherischen Posen. Lizzie und Jonathon, die am Nebentisch saßen, erhoben sich, als die Moderatorin auf der Bühne verkündete: „Wie ich hörte, befindet sich ein Brautpaar unter uns. Kommt her und lasst uns alle zusammen tanzen!“

Auch andere Paare folgten der Aufforderung. Lizzie griff im Vorbeigehen nach Clints Arm. „Los, großer Bruder, das darfst du dir nicht entgehen lassen!“

„Nein, lass mal. Ich bin kein Tänzer.“

„Heute Abend schon“, beharrte Lizzie und zog ihn vom Stuhl hoch.

Clint seufzte. Seine Schwester wollte, dass er das Tanzbein schwang. Vor Publikum. Zu hawaiianischer Hula-Musik. Nun, er würde sich nicht allein blamieren!

„Rita, darf ich bitten?“

Sie sah ihn entsetzt an. „Danke, aber ich glaube, ich verzichte lieber.“

„Komm schon, lass mich nicht hängen.“ Er hatte den Satz kaum zu Ende gesprochen, als eine der hawaiianischen Tänzerinnen Rita an den Händen fasste und sie mit sich zog. Clint würde der Frau ewig dankbar sein.

Auf der Tanzfläche stellten sich die Paare im Kreis auf, die Frauen vor den Männern, und ließen nach Anleitung der Vortänzer die Hüften kreisen. Rita war offenbar ein Naturtalent. Ihr Hüftschwung machte Clint ganz schwindelig.

Vielleicht hätte er nicht so viel von dem poi essen sollen. Obwohl er natürlich auch ohne poi … egal.

Das Joggen am frühen Morgen sollte ihm den Kopf freipusten. Stattdessen hatte Clint ständig die Bilder von Rita vor Augen, während er in mörderischem Tempo am Wasser entlangrannte. Rita, wie sie ihn mit der puddingrosa Inselspezialität aufzog. Rita, wie sie anmutig die Hüften schwang.

Rita, wie sie auf ein Surfboard kletterte, während ein strohblonder, sonnengebräunter Mann sie um die Taille fasste … Nein, das war keine Einbildung, das war Realität! Offenbar nahm sie gerade Surfunterricht. Wie oft hatte es ihn selbst am Abend zuvor in den Fingern gejuckt, sie so zu berühren, wie der Surflehrer es jetzt tat!

Er beobachtete, wie sie lachend auf dem Brett stand, das Gleichgewicht verlor und zum wiederholten Mal ins Wasser fiel, woraufhin der blonde Hüne ihr wieder hinaufhalf. Clint fasste eine spontane Abneigung gegen den Mann.

Schluss jetzt! Er musste aufhören, ständig an Rita zu denken. In seinem Leben war kein Platz für eine Beziehung, schon gar nicht mit einer Frau wie Rita. Sie verdiente einen Mann, der es ernst mit ihr meinte. Er aber war nicht bereit, sich auf eine ernsthafte Beziehung einzulassen. Und würde es vielleicht auch niemals sein.

Zum Glück waren tagsüber keine gemeinsamen Aktivitäten geplant. Erst um Mitternacht würden sich alle wieder versammeln, um auf dem Berg Haleakala den Sonnenaufgang zu bestaunen. Ab jetzt wollte er sich von Rita fernhalten.

„Wenn ein Fallon-Mann sich verliebt, dann mit Haut und Haaren und ganzer Seele“, hatte seine Großmutter immer gesagt, und vermutlich hatte sie recht.

Dabei war er keinesfalls in Rita verliebt. Es lag sicher nur an der Hochzeitsstimmung und der malerischen Kulisse, dass er so anfällig für romantische Fantasien war.

3. KAPITEL

Wenn ihre Zähne noch heftiger aufeinanderschlugen, dann würde mit Sicherheit einer ihrer Backenzähne zu Bruch gehen. Rita hatte nicht damit gerechnet, dass ihr auf diesem Ausflug so bitterkalt sein würde. Schließlich befanden sie sich in einer der wärmsten Gegenden der Welt. Andererseits war es halb fünf Uhr in der Frühe, und da war es nur logisch, dass es auf dem Gipfel eines der größten Vulkanberge der Welt nicht mollig warm war. Doch mit Logik hatte sie momentan ohnehin nicht viel im Sinn.

Die anderen um sie herum waren offenbar schlauer als sie, denn alle waren in dicke Mäntel, Schals oder Decken gehüllt. Nur sie war wieder einmal nicht richtig vorbereitet. Wie so oft in ihrem Leben. Zitternd vor Kälte zog sie ihr Sweatshirt enger um sich. Es war nicht einmal ein besonders dickes.

In diesem Moment hörte sie Schritte hinter sich, drehte sich um und sah Clint auf sich zukommen. Sie wusste gleich, dass er es war, obwohl er im Morgennebel kaum zu erkennen war.

„Du bebst ja am ganzen Körper“, stellte er fest.

„A… ach, t… t… tatsächlich?“

„Komm, nimm meinen Mantel.“ Er machte Anstalten, sich aus seinem dicken Ledermantel zu schälen.

„N… nein, s… so egoistisch bin ich nicht.“ Rita legte ihm eine Hand auf die Brust, um ihn zu stoppen.

„Du bist die Letzte, die ich als egoistisch bezeichnen würde.“

Das erstaunte sie, zumal sie sich in den letzten Monaten ständig hatte anhören müssen, wie egoistisch sie sei. Und das nur, weil sie unbedingt ihren eigenen Weg gehen und herausfinden wollte, was sie wirklich glücklich machte.

Natürlich hatte sie insgeheim gehofft, dass Clint sich zu ihr gesellen würde, aber … „Ich kann deinen Mantel nicht annehmen“, sagte sie zähneklappernd.

„Und ich kann nicht zulassen, dass du erfrierst.“ Ehe sie begriff, wie ihr geschah, legte er von hinten die Arme um sie, sodass sie beide in seinen Mantel gehüllt waren. „Das ist doch ein echter Kompromiss, oder?“

Rita fand sich in einem Kokon aus wohliger Wärme und herb-würzigem Männerduft wieder, was so angenehm war, dass sie nicht weiter protestierte.

„Danke“, flüsterte sie.

„Das ist das Mindeste, was ich für dich tun kann, nachdem du mir gestern Abend aus der Klemme geholfen hast.“

„Du meinst das Tessa-Abwehrmanöver?“

„Es scheint geklappt zu haben. Die Dame umschlingt gerade einen der Trauzeugen.“

„Sie möchte sich sicher nur wärmen.“

„Bestimmt.“

„Sehr glücklich wirkte sie aber nicht, als sie gestern Nacht ins Zimmer kam.“

„Sie wird dir verzeihen, wenn sie es nicht schon getan hat. Es sieht so aus, als hätte sie bereits Ersatz für mich gefunden.“

„Ich wünsche es ihr. Sie hat sich gewundert, warum du allein hier bist.“

„Ihr habt über mich gesprochen?“

Oh, oh! „Nur kurz. Sie meinte, es stecke bestimmt eine pikante Story dahinter, wenn du ohne deine Freundin hier anreist.“

„Nicht wirklich. Wir hatten einfach eine Auseinandersetzung zu viel. Es war ohnehin nichts Festes, und jetzt war der richtige Zeitpunkt, es zu beenden.“

„Dann habt ihr euch in gegenseitigem Einvernehmen getrennt?“

Er schwieg, und Rita hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen. Clint sollte nicht denken, dass sie irgendwie an ihm interessiert war!

„Sorry, das geht mich nichts an.“

Ein kalter Windstoß veranlasste sie, sich enger an ihn zu schmiegen, was gar keine gute Idee war. Sie war nicht unerfahren – Himmel, sie war verheiratet gewesen! Doch Clints muskulöser Körper an ihrem löste unerwartet heftige Gefühle in ihr aus.

Sie hatte Jay geliebt. Ja, das hatte sie. Doch sie konnte sich nicht erinnern, jemals so heiß prickelndes Verlangen nach ihm verspürt zu haben wie jetzt nach Clint.

„Und du?“, fragte er. „Soweit ich mich erinnere, war Lizzie vor ein paar Jahren zu einer traditionellen indischen Hochzeit eingeladen. Ich nehme an, das war deine.“

„Stimmt.“

„Und jetzt bist du allein hier.“

„Es hat eben nicht gepasst, wie du so schön gesagt hast.“

„Das tut mir leid“, sagte er und schloss sie fester in die Arme. Hoffentlich nicht aus Mitleid, das hatte ihr gerade noch gefehlt. „Eine Scheidung ist immer ein einschneidendes Erlebnis.“

Er hatte ja keine Ahnung, wie einschneidend. Jemand wie Clint konnte sich nicht vorstellen, wie es war, sich niemals frei und ungebunden zu fühlen. Zuerst als Tochter, dann als Ehefrau. Nie war sie einfach nur Rita gewesen. Einfach nur sie selbst.

„Gab es einen bestimmten Grund für eure Trennung?“

Nicht einen, mehrere. „Wir hatten unterschiedliche Vorstellungen von unserem Leben.“ Jay hatte Dinge gewollt, für die sie noch nicht bereit gewesen war: Kinder, ein eigenes Haus. Dinge, die sie zum Bleiben gezwungen hätten, und das aus den falschen Gründen. „Es ist kompliziert.“

Mehr wollte sie dazu nicht sagen. Lieber genoss sie mit Clint zusammen das atemberaubende Naturschauspiel, das ihnen hier oben in Sichtweite des Vulkankraters geboten wurde. Gerade zeigte sich der erste orangerote Lichtstreifen am Horizont. Ein ehrfurchtsvolles Raunen ging durch die Menge, die sich versammelt hatte, um zu sehen, wie die ersten Sonnenstrahlen den Morgendunst durchbrachen und den Himmel wie in Zeitlupe zum Leuchten brachten.

Rita vergaß, dass ihr jemals kalt gewesen war. Diese wunderbaren Minuten im Angesicht der aufgehenden Sonne, die sie hier warm und geborgen in Clints Armen erleben durfte, würden ihr für immer in Erinnerung bleiben.

Clint konnte sich einfach nicht von ihr fernhalten. Sie zog ihn an wie ein Magnet. Hätte er denn mit ansehen sollen, wie sie sich in diesem Fähnchen von einem Sweatshirt in der eisigen Kälte den Tod holte? Er war doch nicht aus Stein!

Clint zog Rita enger an sich. Es gab niemanden, mit dem er diesen spektakulären Sonnenaufgang lieber erlebt hätte als mit ihr. Es war lange her, dass er sich so rundum wohlgefühlt hatte wie jetzt mit dieser faszinierenden Frau in seinen Armen, während sich der graue Morgenhimmel allmählich glutrot färbte.

Ganz in der Nähe stimmte ein alter Mann in landestypischer Tracht eine rituelle Weise an.

„Das ist ein Gebet und ein Gruß an die aufgehende Sonne“, flüsterte Rita.

Die tiefe, volltönende Stimme des Mannes verlieh der Szenerie einen erhabenen Zauber, und ergriffen lauschten sie dem fremdartigen Gesang.

„Das war unglaublich“, sagte Rita leise, nachdem das Lied verklungen war, sie rührte sich aber nicht von der Stelle. Auch Clint blieb reglos stehen. Nie zuvor hatte er einen so tiefen inneren Frieden verspürt.

Erst als sich jemand hinter ihnen vernehmlich räusperte, löste Rita sich aus seinen Armen. Clint ließ sie nur ungern gehen, aber auch er war verlegen, als er sich plötzlich Lizzie und ihrem Verlobten gegenübersah, die sie beide überrascht ansahen.

„Mir war kalt, und Clint hat mich gewärmt“, erklärte Rita rasch.

Lizzie blickte mit hochgezogenen Augenbrauen von ihr zu Clint.

„Sie zitterte vor Kälte“, bestätigte er.

„Verstehe“, sagte Lizzie langsam, und Jonathon schien plötzlich husten zu müssen.

Rita zog ihr Sweatshirt glatt. „Das war einfach wundervoll.“

„Oh ja, das war es.“ Die Ironie in Lizzies Stimme war nicht zu überhören.

Clint nahm sich vor, bei Gelegenheit ein Hühnchen mit ihr zu rupfen. Lizzie wusste, dass er nicht auf eine Beziehung aus war. Auch nicht mit ihrer Collegefreundin.

„Also, kommt ihr?“, fragte Jonathon, nachdem er sich wieder gefangen hatte. „Im Bus gibt es heiße Schokolade und Kaffee, und die Fahrräder für die Tour bergab stehen bereit.“

Clint schien sich sehr viel mehr anstrengen zu müssen als der Rest der Gruppe. Rita drehte sich immer wieder nach ihm um, aber er kam kaum hinterher.

Obwohl sie gern Fahrrad fuhr und normalerweise keine Herausforderung scheute, hatte sie die Tour den Berg hinunter zunächst ausschlagen wollen. Seit ihrer Trennung von Jay fühlte sie sich oft unsicher und hinterfragte jede Entscheidung zweimal. Doch Clint hatte sie zum Mitfahren überredet, und nun war sie froh darüber, denn es war herrlich, durch die frische, klare Morgenluft zu radeln.

Clint aber schien sichtlich Mühe zu haben, mit ihr mitzuhalten. Obwohl er wacker in die Pedale trat, blieb er immer weiter zurück. Dabei sah er so fit aus!

Nun, der äußere Eindruck konnte täuschen. Rita hatte in der Tierklinik genug hochgezüchtete Pitbulls und Dobermänner gesehen, richtige Muskelpakete, denen es jedoch an Kraft und Ausdauer mangelte.

Na wunderbar! Jetzt verglich sie den Mann schon mit diversen Hunderassen. Doch es war schon erstaunlich, wie langsam er vorankam, obwohl es bergab ging. Zumal er ganz sicher nicht der Typ war, der sich gern abhängen ließ. Wie fest er sie oben am Vulkankrater in den Armen gehalten hatte …

Aber darüber wollte sie jetzt nicht weiter nachdenken. Lieber konzentrierte sie sich auf die nächste Haarnadelkurve, die bedrohlich nah an der Schlucht vorbeiführte. Der Guide hatte ihnen eine kurze Einweisung gegeben, aber ganz so aufregend hatte sie sich die Tour nicht vorgestellt.

Lizzies fröhliches Lachen schallte zu ihr herüber. Lizzie und Jonathon, die an der Spitze fuhren, schienen so etwas wie ein Spiel zu veranstalten, indem sie einander während der Fahrt immer wieder an den Händen fassten, um dann rasch loszulassen, wenn eine enge Kurve kam. Die beiden schienen sich köstlich zu amüsieren.

Rita überlegte, ob Jay und sie jemals so ausgelassen miteinander gelacht hatten. Wenn ja, dann musste es sehr lange zurückliegen. Das war wohl der Preis dafür, wenn man eher aus Pflichtgefühl als aus Liebe heiratete.

Clint hatte ihre Hochzeitsfeier erwähnt. Sie selbst dachte selten daran zurück. Es war ein rauschendes Fest gewesen, aber sie hatte die ganze Zeremonie wie eine Schlafwandlerin über sich ergehen lassen. Ihr Vater war glücklich gewesen, ihre Mutter dementsprechend auch, was schon alles über die Beziehung der beiden aussagte.

Ihre und Jays Familie waren schon ewig befreundet. Seit dem Tag, da ihr Vater in die Vereinigten Staaten eingewandert war. Jay und sie waren praktisch zusammen aufgewachsen. In der dritten Klasse hatte er ihr erklärt, dass er sie heiraten würde. Damals hatte sie ihm die Zunge herausgestreckt.

Obwohl ihre Mutter so amerikanisch wie apple-pie war, war sie immer mit allem einverstanden, was Ritas Vater anordnete. Das war das Geheimrezept ihrer Ehe.

Ein Keuchen hinter ihr riss Rita aus ihren Gedanken. Es war Clint, der sich immer noch abstrampelte, um das Tempo zu halten. Schweißperlen standen auf seiner Stirn.

...

Autor

Carol Marinelli

Carol Marinelli wurde in England geboren. Gemeinsam mit ihren schottischen Eltern und den beiden Schwestern verbrachte sie viele glückliche Sommermonate in den Highlands. Nach der Schule besuchte Carol einen Sekretärinnenkurs und lernte dabei vor allem eines: Dass sie nie im Leben Sekretärin werden wollte! Also machte sie eine Ausbildung zur...

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Nina Milne

Nina Milne hat schon immer davon geträumt, für Harlequin zu schreiben – seit sie als Kind Bibliothekarin spielte mit den Stapeln von Harlequin-Liebesromanen, die ihrer Mutter gehörten. Auf dem Weg zu diesem Traumziel erlangte Nina einen Abschluss im Studium der englischen Sprache und Literatur, einen Helden ganz für sich allein,...

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