Julia Extra Band 507

– oder –

Im Abonnement bestellen
 

Rückgabe möglich

Bis zu 14 Tage

Sicherheit

durch SSL-/TLS-Verschlüsselung

SÜSSE LÜGEN AUF ITALIENISCH
von JESSICA GILMORE

Schockiert erkennt Charlie: Matteo weiß nichts mehr von ihrer geplanten Scheidung, er hat durch seinen Unfall das Gedächtnis verloren! Gemeinsam fliegen sie nach Italien. In seiner Luxus-Villa will Matteo sich erholen und Charlie ihre Ehe retten - bevor Matteos Erinnerung zurückkehrt …

DIESER MILLIARDÄR BRAUCHT LIEBE
von BARBARA WALLACE

Als sie sich wiedersehen, knistert es zwischen ihnen sofort heiß. Aber die hübsche Autorin Jamie ist gewarnt: Milliardär Whit Martin glaubt heute sicher genauso wenig an die Liebe wie damals! Trotzdem sagt sie spontan Ja, als Whit ihr ein verführerisches Angebot macht …

VERLIEB DICH NICHT IN DEINEN BOSS!
von MIRANDA LEE

Der Job schien perfekt: Ruby wird Haushälterin bei dem Filmproduzenten Sebastian Marshall, der immer unterwegs ist. In seiner Villa fühlt sie sich sicher und geborgen - bis sie den sexy Traummann das erste Mal sieht! Wie soll sie sich da nicht in ihren Boss verlieben?

EIN FEST DER LIEBE IN PARIS
von NINA SINGH

Sie hat mit Zayn zusammen ein Weingut geerbt? Dabei wollte Izzy ihn nie wiedersehen, weil er sie damals sitzengelassen hat. Doch jetzt muss sie mit ihm zu einer Weinmesse ins weihnachtliche Paris fahren. Ein Ort wie geschaffen fürs Verzeihen - und für eine neue Liebe …

  • Erscheinungstag 12.10.2021
  • Bandnummer 507
  • ISBN / Artikelnummer 9783751500678
  • Seitenanzahl 450
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Jessica Gilmore, Barbara Wallace, Miranda Lee, Nina Singh

JULIA EXTRA BAND 507

JESSICA GILMORE

Süße Lügen auf Italienisch

Warum reagiert Charlie bloß so seltsam, als er sie heiß küsst? Sie sind doch verheiratet! Matteo ahnt nichts von ihrer geplanten Scheidung. Seit seinem Unfall hat er jede Erinnerung verloren …

BARBARA WALLACE

Dieser Milliardär braucht Liebe

„Hey Jamie.” Whit weiß, dass diese Begrüßung viel zu cool ist. Denn seine Ex ist einfach umwerfend! Sie hätte die Wahrheit verdient: „Ich habe dich damals so geliebt. Gibst du mir eine zweite Chance?“

MIRANDA LEE

Verlieb dich nicht in deinen Boss!

Das ist die neue Haushälterin? Sebastian ist alarmiert. Er dachte an eine gesetzte Dame, stattdessen schwimmt eine junge Beauty in seinem Pool und lächelt ihn an, als habe sie nur auf ihn gewartet!

NINA SINGH

Ein Fest der Liebe in Paris

Was hat sich Tante Myrna nur dabei gedacht? Sie hat ihm und Izzy gemeinsam ihr Weingut im Napa Valley vermacht! Dabei weiß Zayn genau, was sie dachte: Myrna glaubte, dass er und Izzy zusammengehören ….

1. KAPITEL

„Wer war das, Charlie?“

„Nur der Briefträger.“ Charlotte Samuels sah auf den großen Umschlag in ihrer Hand, dessen Empfang sie gerade gegengezeichnet hatte, und hoffte, dass das Zittern ihrer Stimme nicht zu deutlich zu hören war.

„Oh, ist das mein neues Kleid? Ich hatte schon Angst, dass es nicht rechtzeitig kommen würde.“ Phoebe kam in den Flur geeilt und blieb stehen. Besorgt sah sie Charlie an. „Ist alles okay?“

„Ja, natürlich, alles in Ordnung.“ Charlie merkte, dass sie etwas schrill klang, und zwang sich zu einem Lächeln, als sie sich zu ihrer Cousine, ihrer besten Freundin und Mitbewohnerin umdrehte. Phoebe war zwar zierlich, aber trotzdem kräftig. „Das sind nur die Papiere.“

„Die Papiere?“

„Ja, die Scheidungsunterlagen.“ Sie wollte möglichst nonchalant klingen, scheiterte jedoch kläglich.

Phoebe warf einen kurzen Blick auf den Umschlag. „Jetzt schon? Es ist doch erst ein paar Wochen her, dass du und Matteo …“ Sie brach ab, und Charlie ergriff gleich wieder das Wort, um das peinliche Schweigen zu durchbrechen. Denn wenn sie einfach weiterredete, konnte sie sich und ihre Freundin vielleicht davon überzeugen, dass alles gut war. Man durfte nie zurückschauen, das war ihr Motto, und es galt jetzt mehr denn je.

„Na ja, du kennst doch Matteo. Es gibt nichts, was er nicht erreichen kann, wenn er es sich in den Kopf gesetzt hat.“ Einschließlich der Tatsache, ihr dabei zu helfen, eine schnelle Scheidung zu bewirken. Fast so schnell wie ihre Heirat.

„Aber das ist doch gut, oder? Jetzt kannst du dich als freie Frau auf Reisen begeben.“ Phoebe lächelte sie an, doch es wirkte nicht sehr überzeugend, denn ihre grauen Augen waren überschattet.

„J…ja.“ Natürlich konnte sie ab jetzt reisen, und das würde sie auch tun. Möglicherweise überzeugten diese offiziellen Unterlagen ihr dummes Herz ja auch davon, ihrem Kopf zu folgen und zu akzeptieren, dass ihre ebenso kurze wie alberne Ehe endgültig vorbei war. „Jedenfalls bin ich auf dem Weg dorthin. Anscheinend ist der Richter bereit, uns zu scheiden. Matteo ist damit einverstanden, zuzugeben, dass sein Verhalten inakzeptabel war, wie mein Anwalt und ich ihm vorgeschlagen haben. Wenn alles nach Plan läuft, wird es nach meiner Rückkehr dann so sein, als hätte meine Ehe gar nicht existiert.“

Dann konnte sie tatsächlich nach vorn schauen. Denn selbst für ihre Verhältnisse war die Tatsache, eine Ehe nach weniger als einem Jahr zu beenden, ganz schön heftig. Doch entgegen der landläufigen Meinung ihrer Freunde war die Scheidung von Matteo kein verrückter Impuls, sondern das Beste, was sie tun konnte.

Phoebe warf noch einen raschen Blick auf den Umschlag. „Ich habe eine gute Idee. Lass uns aus deiner Abschiedsparty eine Scheidungsparty machen!“

„Eine Scheidungsparty?“ Charlie rümpfte die Nase. „Ist das nicht ein bisschen kitschig?“

Ausnahmsweise wollte sie einmal nicht feiern, sondern sich so schnell wie möglich außer Landes begeben. Sie hoffte nur, dass nach ihrer Rückkehr niemand im Ort mehr über ihre gescheiterte Ehe sprechen würde und dass sie den örtlichen Laden betreten konnte, ohne von allen angestarrt zu werden.

„Keineswegs“, erwiderte Phoebe streng. „Schließlich musst du ja irgendetwas von dieser Ehe haben, auch wenn es nur eine Party ist. Ich finde übrigens immer noch, dass du die Abfindung hättest akzeptieren sollen.“

Charlie seufzte. Sie wusste, dass Phoebe nicht die Einzige war, die dachte, dass es idiotisch von ihr war, mit nichts als dem, was sie in die Ehe eingebracht hatte, auch wieder hinauszugehen. Denn schließlich hatte Matteo mehr als genug Geld, um mehrere Exfrauen zu unterhalten. Aber sie hatte ihn ja auch nicht wegen seines Geldes, sondern der Liebe wegen geheiratet.

Seufzend schüttelte sie den Kopf. „Das konnte ich nicht, Phoebe. Dann hätte ich das Gefühl gehabt, mich zu verkaufen.“

„Ich kann nur hoffen, dass deine Prinzipien dich auch des Nachts wärmen“, erwiderte ihre Cousine missbilligend, und Phoebe lachte.

„Keine Angst, ich werde schon nicht verhungern. Denn dank Gran habe ich schließlich ein Dach über dem Kopf.“ Selbst wenn es ein bisschen peinlich war, dass sie mit achtundzwanzig immer noch bei ihrer Großmutter wohnte. „Und bestimmt kann ich auch noch zusätzliche Unterrichtsstunden bekommen. Ich brauche keine Millionen, und wahrscheinlich war das von Anfang an auch Teil des ganzen Problems.“

Vor allem aber war es ein Problem gewesen, dass Matteo praktisch nie da gewesen war. Er war eindeutig ein Workaholic, und seine Tendenz, das Geld mit vollen Händen zum Fenster rauszuwerfen, war für sie irgendwann nicht mehr auszuhalten gewesen.

„Nur eine kleine Party“, griff Phoebe das Thema wieder auf. „Ein paar Freunde, Drinks und Snacks, um deinen Start in ein neues Leben zu feiern.“

„Mal sehen, ich werde darüber nachdenken“, erwiderte sie und ging dann zurück in die helle, einladende Küche im hinteren Teil des Cottages. Sie hatte diesen Raum mit den gelb gestrichenen Wänden, den Schränken aus Holz und den Vorhängen in derselben Farbe immer geliebt. Einen größeren Kontrast zu der ultramodernen Küche in ihrer Wohnung in Kensington hätte man sich kaum vorstellen können.

Seufzend ließ Charlie sich in den gemütlichen Lehnstuhl fallen, und sofort sprang die Katze ihrer Großmutter auf ihren Schoß. Bedrückt streichelte sie sie und dachte erneut an die bevorstehende Scheidung. Gran hatte sie gewarnt, Matteo so überstürzt zu heiraten, doch sie hatte nicht auf sie gehört.

In diesem Moment klingelte ihr Handy, und sie nahm den Anruf entgegen. „Ja?“

„Spreche ich mit Charlotte Samuels?“

„Ich … ja. Was ist los?“

„Ich fürchte, es gab einen Unfall und …“

„Matteo Harrington?“, fragte Charlie die Frau hinter dem Empfangstresen, und die zeigte auf eine Ärztin, die in diesem Moment hinter ihr erschien.

„Frau Doktor? Können Sie mir sagen, wie es Matteo Harrington geht?“

„Sind Sie Charlotte Samuels? Hallo, ich bin Dr. Lewis. Mr. Harrington hatte sehr viel Glück. Er hat eine schwere Gehirnerschütterung, und ein paar Rippen sind auch gebrochen. Aber es hätte schlimmer kommen können.“

Besorgt sah sie Charlie an, der plötzlich schwindelig wurde. Sie führte sie zu einem Stuhl, auf den sie sich mit weichen Knien niederließ. Dann schaute sie die Ärztin verwirrt an.

„Was ich nicht verstehe … warum ist Matteo denn überhaupt hier? Ich dachte, er wäre in London. Was ist passiert?“

„Bestimmt wird Ihnen die Polizei Genaueres sagen können. Soweit ich weiß, ist er mit seinem Wagen aus der Kurve geschleudert worden, vielleicht weil er einem Hindernis ausweichen wollte.“

Sie schüttelte den Kopf. „Er ist ein sehr versierter Autofahrer, er würde nie die Geschwindigkeit überschreiten. Kann ich ihn sehen?“

„Ja, natürlich. Keine Angst, es sieht schlimmer aus, als es ist, aber er braucht jetzt absolute Ruhe und darf sich nicht aufregen. Allerdings wird er sich bestimmt freuen, Sie zu sehen, denn er hat extra nach Ihnen gefragt.“

Ach ja? Doch sie stellte die Frage nicht, auch wenn sie gedacht hätte, dass sie die letzte Person wäre, die er sehen wollte. „Vielen Dank.“

Dann führte sie eine Krankenschwester durch die langen Flure, bis sie vor einer Tür standen. „Dort drin“, sagte die Schwester und ging weg.

Charlie sammelte sich einen Moment, bevor sie die Hand auf die Klinke legte und eintrat. Das Zimmer war in gedämpftes Licht getaucht, doch ihr Blick fiel gleich auf das Bett und auf die Person darin, die an Schläuche angeschlossen war. Sie trat näher heran und unterdrückte nur mit Mühe ein Schluchzen, als sie Matteo erblickte. Er hatte die Augen geschlossen und sah sehr blass aus. Doch obwohl er einen Kopfverband trug, sah er verrückterweise noch attraktiver aus als sonst. Seine markanten Gesichtszüge und das lockige dunkle Haar betonten seine Männlichkeit. Sie schluckte und spürte das aufgeregte Pochen ihres Herzens.

Nervös ging sie zum Bett. Matteo wirkte so friedlich, als wäre aller Stress aus seinem Leben verschwunden. Vorsichtig griff sie nach einem Stuhl und ließ sich darauf nieder, ohne den Blick von ihm zu wenden.

„Hey“, erklang plötzlich seine Stimme, und er sah sie an. Ein leises Lächeln umspielte seine Lippen, und ihr Herz machte einen Satz.

„Selber hey“, erwiderte sie, nachdem sie sich wieder gefangen hatte. „Ich habe gerade mit einer Ärztin gesprochen. Sie meinte, dir würde es bald wieder besser gehen.“ Charlie machte eine kleine Pause und setzte hinzu: „Aber du hast uns allen einen ganz schönen Schrecken eingejagt.“

„Tut mir leid.“ Er streckte die Hand aus und griff nach ihrer. Ein Schauer ging durch ihren ganzen Körper, denn seine Berührung war ebenso vertraut wie verboten. „Ich habe keine Ahnung, wie das passieren konnte. Vielleicht bin ich einem Kaninchen ausgewichen.“ Matteo runzelte die Stirn. „Um ehrlich zu sein, kann ich mich nicht mehr erinnern.“

„Was hattest du denn vor?“ Sie wusste nichts mehr über ihn, hatte keine Ahnung mehr von seinem Leben, denn sie gehörte ja nicht mehr dazu. Sie war Teil seiner Vergangenheit, und doch hatte er den Ärzten ihre Nummer gegeben. Sein Griff um ihre Hand wurde fester.

„Ich habe dich vermisst, Charlotte. Natürlich weiß ich, dass es Pech bringt, die Braut vor der Hochzeit zu sehen, aber …“

Was? Moment mal … „Hochzeit?“, flüsterte sie, und er sah sie verwirrt an.

„Wie lange bin ich denn schon im Krankenhaus? Wir mussten die Hochzeit doch nicht absagen, oder?“

„Aber, Matteo, wir haben schon vor einem Jahr geheiratet!“ Und wir werden uns bald scheiden lassen, hätte sie fast hinzugefügt, doch sie brach ab, als sie sah, wie schockiert er wirkte. „Erinnerst du dich denn nicht mehr daran?“

Matteo Harrington runzelte die Stirn und sagte zu der netten Ärztin: „Natürlich weiß ich, wer unser Premierminister ist, und ich kann auch bis zehn zählen. Mir geht’s gut, ich habe nur ein paar Erinnerungslücken, das ist alles!“

Ein paar sehr wichtige Erinnerungslücken. Wie zum Beispiel die Tatsache, dass er und Charlie bereits verheiratet waren. Wie konnte es sein, dass schon Juni war? Dann war es ja bereits ein Jahr her, dass er Charlie im Sturm erobert hatte. Er hatte vom ersten Augenblick an gewusst, dass sie die Liebe seines Lebens war. Sie hatten es beide gewusst, obwohl die temperamentvolle junge Frau in dem bunten Kleid und den Regenbogensträhnen im Haar eigentlich überhaupt nicht sein Typ war. Doch für ihn hatte es sich so angefühlt, als würde er bei ihr nach Hause kommen, und aus irgendwelchen Gründen war es ihr genauso gegangen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er eigentlich nie an das Schicksal geglaubt, aber dann …

Nur leider konnte er sich überhaupt nicht an die Hochzeit erinnern. Oder an ihre Flitterwochen.

„Was passiert jetzt?“, fragte Charlie ängstlich.

Die Ärztin seufzte. „Leider kommt Amnesie häufiger vor, als uns die Seifenopern im Fernsehen glauben machen wollen, und jeder Fall ist anders. Mr. Harrington hat eine schwere Gehirnerschütterung erlitten, und das bedeutet auf jeden Fall, dass er Ruhe braucht. Keine Arbeit und keine plötzlichen Schocks. Dann wird seine Erinnerung mit der Zeit gewiss zurückkehren.“

„Keine plötzlichen Schocks …“, erwiderte Charlie tonlos.

„Und keine Arbeit?“, mischte Matteo sich empört in das Gespräch ein. „Aber wie soll das gehen? Ich bin der CEO von Harrington Industries, Dr. Lewis. Ich kann den Konzern nicht sich selbst überlassen.“

„Wollen Sie, dass es Ihnen wieder besser geht? Dann verschreibe ich Ihnen keine Mails, keine Telefonate, keine Arbeit und vor allem keinerlei Ablenkung, bis Sie sich wieder erholt haben. Stattdessen empfehle ich Ihnen, sich eine Auszeit zu nehmen. Sonst besteht die Gefahr, dass alles noch viel schlimmer wird.“

Matteo schüttelte den Kopf. „Das ist unmöglich. Natürlich werde ich mich bemühen, die Arbeit zu reduzieren, aber …“

Er brach ab, als Charlie seine Hand ergriff und sie drückte. „Matteo, du wärst um ein Haar gestorben.“ Er hörte, wie ihre Stimme zitterte. „Bitte hör mir endlich mal zu. Es gibt wichtigere Dinge als die Arbeit. Du bist wichtiger.“

Er warf ihr einen scharfen Blick zu. Meinte sie das ernst? Sie wusste doch, wie wichtig es für ihn war, in allen Dingen die Kontrolle zu behalten.

Doch dann sah er Tränen in ihren Augen schimmern, und sein schlechtes Gewissen regte sich. Fragend sah er die Ärztin an. „Wie lange?“

„Wie lange Sie sich ausruhen sollten, meinen Sie? Also, meiner Meinung nach mindestens zwei Wochen. Gönnen Sie Ihrem Körper und Ihrem Gehirn Ruhe. Dann wird Ihre Erinnerung nach und nach wiederkehren.“

Er seufzte. „Na gut, Sie haben gewonnen. Ich werde mein Bestes tun.“

Er spürte, wie erleichtert Charlie war. „Wirklich?“

„Wird dich das glücklich machen, cara?“

„Oh ja.“

„Gut, dann werde ich mich jetzt selbst entlassen, und wir fahren nach Hause. Ich glaube, wir haben die Zeit von Dr. Lewis schon lange genug in Anspruch genommen, oder?“ Er wollte aus dem Bett steigen, zuckte jedoch zusammen, als seine gebrochenen Rippen protestierten. Nur mit Mühe konnte er einen Schmerzensschrei unterdrücken.

„Mir wäre lieber, wenn Sie heute Nacht zur Beobachtung noch hierblieben“, meinte die Ärztin, und Charlie nickte.

„Außerdem müssen wir noch überlegen, wo du dich am besten ausruhen kannst“, sagte sie zu Matteo. „Ich glaube nicht, dass du nach London zurückkehren solltest. Das ist viel zu gefährlich, denn dann bist du ganz schnell wieder zurück bei deiner Arbeit.“

„Stimmt“, gab er zu. „Was wäre denn mit deinem Haus? Ich meine, mit dem deiner Großmutter?“ Er ging davon aus, dass Charlie das hübsche Cottage längst verlassen hatte und bei ihm eingezogen war. Doch zu seiner Überraschung schüttelte sie den Kopf.

„Nein, dort ist es viel zu laut. Nebenan wird gerade gebaut.“ Sie wandte sich der Ärztin zu. „Darf er fliegen?“

„Keine Langstrecken, ansonsten lässt sich nichts dagegen sagen. Hauptsache, er liest nicht und sitzt nicht vor dem Monitor.“

„Wie wäre es mit Italien? Matteo besitzt eine Villa an der Amalfiküste. Wäre das okay?“

„Amalfi?“ Die Ärztin lächelte. „Dort war ich zusammen mit meinem Mann in den Flitterwochen. Einen besseren Ort zur Erholung gibt es wohl nicht. Trotzdem kann ich nicht genug betonen, wie wichtig es ist, dass Matteo sich ausruht. Und dass er sich von allen Neuigkeiten fernhält. Wenn Sie es schaffen, für ein paar Wochen nur im Hier und Jetzt zu leben, wird sein Erinnerungsvermögen bestimmt bald zurückkehren. Entspannen Sie sich einfach, und haben Sie eine gute Zeit!“

Amalfi. Italien. Zuhause. Obwohl er in London geboren und aufgewachsen war, bedeutete Italien für Matteo immer Heimat. Seufzend schloss er die Augen und meinte, die Wärme der Sonne und den Duft der Zitronen, vermischt mit dem Salz des Meeres, schon riechen zu können. Vor seinem geistigen Auge erschien das intensive Farbspiel dieser von Gott gesegneten Küstenlinie, und etwas in ihm entspannte sich sofort.

„Wir waren dort auch in den Flitterwochen“, sagte er und lächelte Charlie an. Doch dann registrierte er ihren verschlossenen Gesichtsausdruck und fragte sie besorgt: „Das stimmt doch, oder?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, wir wollten zwar eigentlich dort hin, haben es aber wegen irgendeines Businessdeals von dir nur bis Paris geschafft.“

„Oh, das tut mir leid.“ Er wirkte ehrlich betroffen.

„Muss es nicht.“

Matteo spürte instinktiv, dass irgendetwas nicht in Ordnung war. Sie waren zwar verheiratet, verhielten sich aber wie zwei Fremde. „Dann ist es ja eine gute Idee, wenn wir dort hinfahren und so etwas wie zweite Flitterwochen verbringen.“

Er lächelte sie an, doch sie mied seinen Blick. Ja, etwas stimmte hier ganz und gar nicht.

„Natürlich“, sagte sie. „Tolle Idee!“

2. KAPITEL

„Du machst was?“ Phoebe erstarrte auf ihrem Stuhl, das Weinglas vor dem halb geöffneten Mund. „Bist du verrückt?“

Charlie warf ihre Tasche auf den Küchentisch, ließ sich auf den gegenüberliegenden Stuhl fallen und schenkte sich ebenfalls ein Glas Wein ein. Sie hatte keine Ahnung, wie sie die Frage ehrlich beantworten sollte. „Es würde komisch aussehen, wenn ich ihn nicht begleiten würde. Außerdem hat die Ärztin gemeint, es wäre sehr wichtig, dass jemand auf Matteo aufpasst, damit er sich auch wirklich Ruhe gönnt.“

Hilfesuchend sah Phoebe zu ihrer Großmutter hinüber. „Hast du das gehört, Gran? Das ist doch nicht zu fassen! Soll ich dir wirklich ein paar Gründe nennen, warum das keine gute Idee ist? Erstens: Ihr lasst euch gerade scheiden. Zweitens: Du wolltest doch eigentlich am Freitag nach Vietnam fliegen. Was wird Lexi wohl dazu sagen?“

Charlie trank einen großen Schluck Wein und nahm den Teller mit Suppe entgegen, den ihre Großmutter ihr reichte. „Das duftet herrlich, Gran, vielen Dank.“ Dann wandte sie sich wieder ihrer Freundin zu. „Was Lexi betrifft, so habe ich dir doch gesagt, dass sie sich in einen Baseballspieler aus Neuseeland verliebt hat. Wahrscheinlich hat sie gar nichts dagegen, wenn ich sie nicht begleite. Und was Matteo angeht, so weiß er nichts von der Scheidung. Er kann sich ja nicht mal an unsere Hochzeit erinnern. Er glaubt, dass immer noch letztes Jahr ist und wir kurz davor sind zu heiraten.“

„Das stimmt aber nicht“, erwiderte Phoebe scharf. „Inzwischen ist eine Menge passiert, und du hast schon viel zu viel Zeit mit ihm verschwendet. Du schuldest ihm gar nichts!“

„Mag sein, aber wir sind immer noch verheiratet, und ich fühle mich für ihn verantwortlich, jedenfalls so lange, bis er sich von seiner Gehirnerschütterung erholt hat. Damals habe ich versprochen, ihm in guten wie in schlechten Zeiten beizustehen, und das gilt für mich noch immer.“

Doch das überzeugte ihre Cousine nicht. Sie schüttelte den Kopf und antwortete düster: „Wenn du mich fragst, ist das die schlechteste Idee des Jahrhunderts.“

Charlie rieb sich die müden Augen und merkte, wie das Adrenalin, das nach dem aufregenden Besuch im Krankenhaus noch immer durch ihre Adern pulsierte, langsam aus ihrem Körper wich. „Phoebe, du meinst es gut mit mir, und dafür bin ich dir auch wirklich dankbar. Aber ich muss das tun.“

Sie zögerte und suchte nach den richtigen Worten. „Weißt du, ich will einfach nur das Richtige tun. Ich hasse es, dass unsere Ehe gescheitert ist, und ich hasse, was mit uns passiert ist und dass ich keine Lösung gefunden habe.“ Sie trank noch einen großen Schluck Wein und schüttelte den Kopf. „Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie viele Nächte ich wach gelegen und immer wieder jeden Streit, jedes Missverständnis, jeden Moment durchlebt habe, an dem wir uns nicht verstanden und die Verbindung zueinander verloren haben. Und ich habe mich dauernd gefragt, was ich hätte besser machen können.“

„Ja, aber glaubst du wirklich, dass euch das wieder zusammenbringt?“ Phoebe klang so skeptisch, als hätte Charlie ihr verkündet, dass sie zum Mars fliegen wollte. „Und dass er wieder zu dem Matteo von vor der Hochzeit werden wird, wie bei einem Reset? Charlie, ich weiß, dass du ihn liebst, aber …“

„Nein.“ Natürlich glaubte sie das nicht, sie war ja nicht naiv, nicht mehr. Obwohl es ihr eigentlich lieber gewesen wäre, denn dann hätten sie genau das tun können, was er vorgeschlagen hatte: die zweiten Flitterwochen miteinander erleben. Als sie daran dachte, wie er sie berührt hatte und wie sie sich geliebt hatten, errötete sie. Vom Verstand her wusste sie, dass es vorbei war, aber ihr Herz und ihr Körper waren noch nicht so weit.

„Nein“, wiederholte sie mit Nachdruck. „Dafür ist es zu spät. Aber die Tatsache, dass etwas so Schönes so bitter wurde und so traurig … tut mir unglaublich weh.“ Sie legte sich die Hand aufs Herz. „Wenn ich ihm jetzt helfe, wenn ich das Richtige tue, dann kann ich das Ganze vielleicht zum Abschluss bringen.“

„Aber …“

„Das reicht, Phoebe“, sagte ihre Großmutter, die wie immer in ihrem Schaukelstuhl neben dem Herd saß. „Charlie hat sich entschieden, und das musst du respektieren. Meiner Meinung nach hat sie auch recht. Aber du musst auf dich aufpassen, Liebling. Du hast schon genug durchgemacht.“

„Na ja, anscheinend habe ich es nicht anders gewollt“, erwiderte Charlie und lächelte trocken. „Doch ich danke dir dafür, dass du es nie gesagt hast.“

„Was denn?“

„Dass du es von Anfang an gewusst hast. Und dafür, dass du mir einen Ort geschenkt hast, an den ich zurückkehren konnte.“

„Klar, was dachtest du denn, Charlie? Das hier ist dein Zuhause. Und das wird es auch immer bleiben, solange du es brauchst.“

Ihr Zuhause und ihr Zufluchtsort. Dankbar sah Charlie sich in der gemütlichen, warmen Küche um.

Phoebe und sie waren als Teenager hier aufgewachsen. Die Eltern ihrer Cousine arbeiteten für die Royal Air Force und wurden öfters versetzt. Charlies Mutter hingegen war Diplomatin, und auch sie musste immer wieder den Posten wechseln. Charlie hatte die steifen Umgangsformen im diplomatischen Dienst gehasst, und als ihre Großmutter verkündet hatte, dass Phoebe für die letzten Jahre auf der Highschool zu ihr ziehen würde, hatte sie sich dasselbe gewünscht, obwohl ihre Eltern dagegen protestiert hatten.

„Was ist dein Plan?“, erkundigte sich Gran. „Willst du zuerst mit Matteo nach London fahren, bevor ihr nach Italien fliegt?“

„Plan“ schien ein zu großes Wort für die Entscheidungen zu sein, die sie so spontan getroffen hatte. „Bestimmt wäre es vernünftig gewesen, zuerst eine Nacht in London zu verbringen“, erwiderte sie. „Das Problem mit Täuschungen ist ja das Lügengespinst, in das man sich selbst verstrickt. Denn schließlich sind meine Sachen nicht mehr in dem Haus in London. Damit meine ich nicht den Schmuck und die teuren Kleider. Wer weiß schon, was Matteo damit gemacht hat? Aber ich rede von meinen Fotos, meinen Büchern, von dem Bild, das Mum und Dad mir geschenkt haben. Das ist jetzt alles hier, und das würde Matteo mit Sicherheit merken.“

„Dann fliegt ihr also gleich morgen nach Italien?“

Charlie nickte. „Sobald er aus dem Krankenhaus entlassen wird. Ich habe mit Jo, seiner Assistentin, telefoniert, und das war ein bisschen peinlich, denn ich bin mir ziemlich sicher, dass sie die Scheidungspapiere in Auftrag gegeben hat. Aber als ich ihr erzählt habe, was die Ärztin gesagt hat, war sie wirklich sehr hilfsbereit. Sie hat einen Fahrer organisiert, der uns morgen zum Flughafen bringen wird. Und da wartet dann der Harrington Firmenjet auf uns.“ Sie trank noch einen Schluck. „Es scheint so, als gäbe es doch Vorteile, wenn man mit einem reichen Mann verheiratet ist.“

„Ja, und wie geht’s dann weiter?“ Phoebe griff nach der Weinflasche und schenkte sich noch ein Glas ein. „Wir wissen doch alle, dass Matteo sich weder von seinem Handy noch von seinem Tablet oder dem Laptop trennen kann. Wie, zum Teufel, willst du ihn davon abhalten, dass er seine Mails checkt und so von seinem Anwalt erfährt, dass die Scheidung eingeleitet wurde? Ich verstehe, dass du dein Vorgehen für richtig hältst, Charlie, aber es wird nicht funktionieren.“

„Keine Angst, daran habe ich auch schon gedacht.“ Sie wusste, dass ihre Cousine recht hatte. Es war nicht die Enthüllung über das Scheitern ihrer Ehe, die sie befürchtete, sondern die Tatsache, dass Matteo ein Workaholic war, der einfach nicht abschalten konnte. Die einzige Lösung bestand darin, das Level der Täuschung noch höherzuschrauben. „Das Krankenhaus hat mir all seine Sachen gegeben. Deshalb werde ich ihm sagen, dass alles bei dem Unfall zerstört wurde und Jo ihm ein neues Handy schicken wird.“

„Du willst ihn kidnappen und sämtliche seiner Kontakte mit der Außenwelt unterbinden? Nicht schlecht, das muss ich dir lassen!“ Anerkennend pfiff Phoebe durch die Zähne.

„Ich kidnappe ihn doch gar nicht“, protestierte Charlie, doch sie wusste, dass ihre Freundin recht hatte. „Ihm gehört das Haus in Italien, und er ist damit einverstanden, dorthin zu reisen. Ich nehme seine Sachen mit, und wenn er sein Gedächtnis zurückerlangt, wird alles für ihn bereitstehen. Aber in den nächsten Wochen läuft jeglicher Kontakt über mich. Ich bin sehr froh darüber, dass seine Assistentin das genauso sieht. Außerdem vergiss bitte nicht, wir haben eine Limousine mit Chauffeur und einen Privatjet, das macht alles leichter.“

„Ja, wahrscheinlich.“ Phoebe starrte verträumt in die Ferne. „Privatjets sind nicht Teil meiner Welt. Obwohl ich es gern mal erleben würde.“

Charlie schüttelte den Kopf. „Glaub mir, es gibt Schlimmeres, als Economy zu fliegen.“

„Das glaubst auch nur du! Mein letzter Flug nach Vietnam hat mir gereicht, das war ein Albtraum.“ Dann fiel ihr Blick auf Charlies linke Hand, wo die hellere Haut die fehlenden Ringe verriet. „Nur gut, dass du deine Ringe nicht verkauft hast. Das wird doch bestimmt komisch sein, sie wieder zu tragen, oder?“

Charlies Magen machte einen Satz, und sie legte instinktiv die rechte Hand auf die linke. Ihre Ringe abzunehmen war ihr wie ein Riesenschritt vorgekommen, und eigentlich wollte sie sie auch gar nicht mehr tragen, obwohl sie eigentlich perfekt waren. „Ich werde Matteo sagen, dass sie enger gemacht werden müssen, weil ich in letzter Zeit ziemlich abgenommen habe.“

„Anscheinend hast du wirklich an alles gedacht. Na gut, Charlie, wenn du das wirklich tun willst, werde ich dich selbstverständlich unterstützen. Sag mir einfach Bescheid, wenn du Hilfe brauchst, okay? Ich hätte nichts dagegen, ein paar Tage in einer Villa in Italien zu verbringen.“

„Danke, Phoebe. Ich kann dir gar nicht sagen, wie viel mir das bedeutet.“ Sie gähnte und merkte plötzlich, wie erschöpft sie war. „So, und jetzt gehe ich ins Bett. Es war ein anstrengender Tag, und morgen liegt eine lange Reise vor uns.“ Sie erhob sich und gab den beiden noch einen Kuss. „Ich werde morgen sehr früh aufstehen, aber sobald wir in Amalfi sind, rufe ich euch an. Gute Nacht!“

Sie ging zur Tür, doch plötzlich kehrten die Zweifel zurück. Tat sie auch wirklich das Richtige, oder würde diese Täuschung zu noch mehr Leid führen? Aber die Ärztin hatte sich klar ausgedrückt. Matteo brauchte jetzt vor allem Ruhe und Stabilität. Sobald es ihm besser ging, würde sie ihm alles erklären. Bestimmt würde er sie verstehen. Und wenn nicht, konnte er sie jedenfalls nicht mehr verletzen. Diese Zeiten waren vorbei.

Das hoffte sie jedenfalls.

„Ich verstehe nicht, dass Jo mir kein Handy besorgt hat. Normalerweise ist sie immer so kompetent“, sagte Matteo und lehnte sich im Rücksitz der Limousine zurück. Er legte die Hände in den Schoß, was ihm ausgesprochen komisch vorkam, denn eigentlich hielt er immer etwas in der Hand, ob es nun ein Handy, ein Laptop oder ein Lenkrad war. Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal gar nichts getan hatte. Doch dann fiel sein Blick auf die blauen Flecken auf seinen Armen, und er erinnerte sich daran, dass dies keine Ferienreise war. Dabei machten ihm die körperlichen Schmerzen weniger aus als das, wofür sie standen: eine Schwäche. Die fehlenden Erinnerungen, die Empfehlungen der Ärztin, sich auszuruhen, der Kontrollverlust … all das machte ihm schwer zu schaffen. Unruhig rutschte er auf seinem Sitz hin und her und ignorierte seine schmerzenden Rippen.

„Kompetent ist noch untertrieben“, erwiderte Charlie. „Sie hat unsere Koffer gepackt, den Jet organisiert, den Wagen vom Krankenhaus und diese Limousine hier, die uns zur Villa bringt. Und all das in weniger als vierundzwanzig Stunden. Außerdem hat sie dafür gesorgt, dass es uns dort an nichts fehlen wird, und sie hat deinem Großvater mitgeteilt, dass du zwei Wochen völlige Ruhe und Abgeschiedenheit brauchst. Da fällt ein Handy ja wohl kaum ins Gewicht, oder? Zumal die Ärztin dir das Telefonieren ja auch verboten hat.“

„Stimmt“, gab Matteo zu, „da hast du natürlich recht.“ Er lehnte sich wieder zurück und betrachtete die Szenerie, die immer atemberaubender wurde, seit sie Neapel hinter sich gelassen hatten. Jetzt fuhren sie in Richtung Süden an der berühmten Amalfiküste entlang, was ihn eigentlich hätte freuen sollen. Aber er konnte sich nicht entspannen, denn etwas, was Charlie gesagt hatte, beschäftigte ihn.

„Hast du nicht selbst mit meinem Großvater gesprochen?“

Sie griff nach ihrer Tasche und wich seinem Blick aus. Doch sie fröstelte leicht, denn erneut wurde ihr bewusst, dass sie ihn hinterging. „Dazu hatte ich bisher keine Zeit. Sobald wir in der Villa sind, werde ich ihn kontaktieren.“

Matteo warf ihr einen scharfen Blick zu, irgendwie hatte er ein komisches Gefühl bei ihren Worten. Aber schließlich hatte er ja ein ganzes Jahr vergessen, es war wie ausgelöscht. Und er wusste, dass sein Großvater letztes Jahr ziemlich krank gewesen war. Er war alles andere als erfreut über seine überstürzte Hochzeit gewesen, auch daran konnte er sich noch erinnern. Ob es damit zusammenhing, dass Charlie Lehrerin war und keine reiche Erbin, oder ob es um die schnelle Hochzeit gegangen war, hätte er nicht mehr zu sagen vermocht. Doch die Szene, in dem der alte Mann ihm wutentbrannt vorgeworfen hatte, auch nicht besser als sein Vater zu sein, stand ihm noch deutlich vor Augen.

Schnell schob er die Erinnerung beiseite.

„Charlie, du verschweigst mir doch nichts, oder?“, fragte er sie. „Gibt es etwas, was ich wissen sollte? Ist er okay?“

Sie sah ihn an und nickte. „Bitte mach dir keine Sorgen. Es geht ihm gut, ehrlich, aber …“

„Aber?“

Sie biss sich auf die Unterlippe. „Weißt du, letztes Jahr hatte er einen leichten Schlaganfall. Das war auch der Grund, warum wir unsere Flitterwochen gecancelt haben, nicht wegen eines Businessdeals von dir, wie ich gesagt habe. Aber inzwischen erfreut er sich wieder bester Gesundheit, das musst du mir glauben.“ Sie lächelte bedauernd. „Trotzdem bin ich als deine Frau natürlich weiterhin nicht seine erste Wahl, deshalb war ich auch nicht so scharf darauf, mit ihm zu reden, und habe das Jo überlassen. Sie kommt besser mit ihm zurecht als ich.“

Matteo blieb stumm und dachte über ihre Worte nach. So ganz hatte Charlie seine nagenden Zweifel nicht beruhigen können. War es wirklich richtig, dass er jetzt mit ihr in die Villa fuhr, um sich zu entspannen? Sollte er sich nicht besser um die Firma und um seinen Großvater kümmern?

Sie schien zu spüren, was in ihm vorging. „Hör zu“, sagte sie sanft, „natürlich hoffen wir alle, dass deine Erinnerungen bald zurückkehren werden. Aber selbst wenn nicht, wirst du natürlich irgendwann wieder arbeiten. Ich weiß, wie schwer es für dich ist, gar nichts zu tun, doch wenn du wieder zu deiner alten Form zurückfinden willst, bleibt dir gar keine andere Wahl, als dir erst mal Ruhe zu gönnen. Denn einen Rückfall wollen wir doch unbedingt vermeiden, oder?“

Matteo runzelte die Stirn, musste ihr dann aber recht geben. „Okay.“

Er lehnte sich in seinem Sitz zurück und musterte seine Frau.

Ein paar Dinge an ihr waren ihm vertraut. Er meinte, die minzgrüne Dreiviertelhose im Stil der Fünfzigerjahre und das pinkfarbene Twinset, das sie dazu trug, schon mal gesehen zu haben. Doch sie kam ihm dünner vor, als er in Erinnerung hatte, und ihm waren auch gleich die Schatten unter ihren Augen aufgefallen. Hoffentlich hing dies mit den Ereignissen der letzten vierundzwanzig Stunden zusammen und nicht mit irgendwelchen Sorgen, von denen er nichts wusste. Aber es gab auch eine große Veränderung. Als er sie das letzte Mal gesehen hatte, hatte sie platinblondes Haar mit blauen Strähnen darin gehabt. Jetzt war es sehr viel kürzer, fast honigblond, und die Strähnen waren kupferfarben. Das sah zwar ein bisschen eleganter aus, doch er vermisste das Blau.

„Wann hast du deine Haare verändert?“

Sie lachte und strich sich über die schulterlangen Locken. „Na ja, die langen Haare passten zu mir als Lehrerin. Aber für die formellen Dinner und Events, die du und ich besucht haben, musste ich ein bisschen erwachsener und professioneller aussehen.“

„Wirklich schade. Ich mochte es so, wie es vorher war.“

Plötzlich kam Matteo ein Gedanke, der ihn erschreckte. Ihm wurde bewusst, dass er seine Frau eigentlich gar nicht richtig kannte.

Seine Frau. Er hatte immer gewusst, dass er eines Tages heiraten würde. Denn schließlich ging es um den Titel als Baron und natürlich auch um die Firma. Es war seine Pflicht, eine Familie zu gründen, aber eigentlich war er immer davon ausgegangen, dass er eine Frau aus seinen Kreisen ehelichen und ein respektables, vielleicht ein wenig langweiliges Leben führen würde, so wie man es von ihm und seiner Stellung erwartete.

Doch dann war Charlie in sein Leben getreten und hatte es komplett durcheinandergewirbelt. Sie hatten eine stürmische Liebesgeschichte erlebt, wie es in den Zeitungen geheißen hatte, und sie hatte ihm Einblick in ihr Leben gegeben, das so anders war als seins.

Das erste Mal hatte er sie im Empfangsbereich seiner Firma gesehen und war sofort von ihr fasziniert gewesen. Damals hatte sie ein Etuikleid mit Paisleymuster aus den 70er-Jahren getragen und hatte lila Spitzen in den blonden Haaren gehabt.

Sie waren miteinander ins Gespräch gekommen, und er hatte sie spontan zum Dinner eingeladen. An jenem Abend hatte sie ihm von ihrem Leben im Dorf erzählt, das so ganz anders war als seins. Offensichtlich engagierte sie sich dort sehr für die Gemeinde, gab Tanzstunden und half ihrer Großmutter dabei, Kochseminare für einsame Singles zu organisieren.

Zwei Tage später waren sie bereits im Bett gelandet, und eine Woche danach erkannte er, dass er sich in sie verliebt hatte. Weniger als zwei Monate später hatte er ihr einen Antrag gemacht, und sie hatten ihre Hochzeit für drei Wochen später geplant.

Matteo hatte das Gefühl gehabt, als wäre mit Charlie plötzlich Farbe in sein bisher eher eintöniges Leben gekommen, und zum ersten Mal waren ihm die Warnungen seines Großvaters oder die entsetzten Gesichter egal gewesen, die seine Freunde beim Anblick ihrer Vintagekleider gemacht hatten. Dabei konnte sie sich auch in diesen erlauchten Kreisen perfekt bewegen, denn schließlich war ihre Mutter Diplomatin. Aber diese ganze Welt, in der der Schein wichtiger war als das Sein, war ihr total egal, und auch das zog ihn geradezu magisch an. Sie zeigte ihm einen anderen Weg, in dem es darum ging, nur für den Moment zu leben, und das fand er wirklich aufregend.

Inzwischen waren sie also über ein Jahr miteinander verheiratet, und doch konnte er sich an die Details leider nicht erinnern. Inständig hoffte er, dass all dies mit der Zeit zurückkehren würde.

Und auch wenn er Zweifel hatte, wusste er, dass er mit ihr seine Traumfrau gefunden hatte. Jetzt konnte er es kaum abwarten, herauszufinden, was genau das bedeutete.

3. KAPITEL

Auch wenn Charlie viele Jahre lang Tanz und Schauspiel studiert hatte, merkte sie doch, wie schwer ihr das Improvisieren fiel. Immer wenn Matteo einen Kommentar machte oder ihr eine Frage stellte, zuckte sie zusammen und fühlte sich wie ertappt. Dabei zeigte er endlich Interesse an ihr, und genau das hatte sie sich immer gewünscht.

Um sich abzulenken, sah sie aus dem Fenster der Limousine und betrachtete die fantastische Landschaft, an der sie vorbeifuhren. Dabei merkte sie, wie die Müdigkeit langsam aus ihrem Körper wich. Die Szenerie war spektakulär, sie fuhren auf engen Kurven an der Küstenstraße von Amalfi entlang, und tief unter ihnen glitzerte das tiefblaue Meer.

Charlie atmete tief durch, und plötzlich freute sie sich auf die nächsten Tage an diesem wunderschönen Ort. Außerdem würde es ja nicht für immer sein. Irgendwann würde Matteo sein Erinnerungsvermögen zurückgewinnen, oder sie würde ihm alles erzählen müssen. So oder so würde sie dann nach Hause zurückkehren, und wer weiß, wann sie noch einmal die Chance haben würde hierherzukommen. Hatte sie nicht selbst gesagt, dass man den Moment genießen musste? Nun hatte sie dazu die Gelegenheit und sollte sie auch nutzen.

„Wie schön es hier ist“, sagte sie mit leuchtenden Augen. „Dein Großvater mütterlicherseits hat dir doch die Villa vermacht, richtig?“

Er nickte. „Ja, unserer Familie gehört hier seit Generationen Land. Um ehrlich zu sein, war ich überrascht, dass er mir die Villa vermacht hat, denn wir haben uns nicht besonders nahegestanden. Vielleicht wollte er mich ja an die Gegend binden, denn meine italienischen Großeltern, besonders mein Großvater, hatten immer das Gefühl, ich sei zu britisch.“

„In welcher Hinsicht?“ Sie sah ihn an und konnte den Blick nicht von ihm wenden. Er war noch immer sehr blass, seine olivfarbene Haut wirkte gräulich, und seine haselnussbraunen Augen schienen jeglichen Glanz verloren zu haben. Trotzdem war er weiterhin der attraktivste Mann, den sie je gesehen hatte, und sie war nahe daran, ihm durch sein dunkles Haar zu streichen. Doch natürlich hielt sie sich zurück, um ihrer beider willen.

„Ihm hat die Tatsache, dass ich nicht nur in England geboren und aufgewachsen, sondern dort auch geblieben bin, nachdem meine Mutter wieder nach Italien zurückgekehrt war, nie gefallen.“

„Aber hat sie dich nicht verlassen, als du noch ein Kind warst? Du hattest in dieser Hinsicht doch überhaupt keine Wahl.“ Charlie hatte noch nie mit seiner Mutter gesprochen, geschweige denn sie persönlich getroffen. Sie hatten sie auch nicht zur Hochzeit eingeladen, genau wie die anderen Mitglieder seiner Familie. Ihre eigenen Eltern hatten es so kurzfristig ebenfalls nicht geschafft zu kommen. Deshalb hatten sie sich entschlossen, die Feier im kleinen Kreis abzuhalten. Später sollte es dann noch eine große Party geben, aber irgendwie hatte das nicht geklappt. Im Nachhinein betrachtet war das vielleicht auch besser so. „War sie nicht unfähig, sich um dich zu kümmern? Ich dachte, dein Großvater väterlicherseits hatte das Sorgerecht?“

Matteo schüttelte den Kopf. „Rein technisch betrachtet hatte mein Vater das Sorgerecht für mich, aber da ein Kind nicht zu seinem Lebensstil gepasst hätte, ließ er mich bei seinem Vater. Als meine Mutter dann noch einmal geheiratet hat, war ich alt genug, um zu wählen, und ich habe mich für England entschieden.“ Er zuckte mit den Achseln. „Mein italienischer Großvater hatte also nicht ganz unrecht, nehme ich an.“

„Du wolltest also nicht bei deiner Mutter leben?“ Wie komisch, dass sie bisher nie darüber gesprochen hatten. Zwar wusste Charlie, dass Matteo bei seinem Großvater aufgewachsen war – wenn man Kindermädchen und später das Internat so nennen konnte –, aber nicht, dass er die Chance gehabt hatte, bei seiner Mutter zu leben, es aber abgelehnt hatte. Kein Wunder, dass ihre Ehe gescheitert war – offensichtlich hatten sie nie über die wirklich wichtigen Themen gesprochen.

„Darum ging es nicht. Ich wusste, dass mein Vater nie dazu in der Lage sein würde, Harrington Industries zu übernehmen, und dass mir diese Rolle zufallen würde. Ich verstehe, warum mein Großvater dafür gesorgt hat, dass ich die richtige Erziehung bekam.“

Indem er dich ins Internat gesteckt hat, bevor du dir selbst die Schuhe zubinden konntest, dachte Charlie, sprach es jedoch nicht aus. Es war ihnen damals wie eine glückliche Fügung vorgekommen, als sie entdeckt hatten, dass sie beide von ihren Großeltern erzogen worden waren, während ihre Eltern im Ausland waren. Aber sie hatte schnell erkannt, dass ihr eigenes liebesvolles Heim bei ihrer Großmutter nicht weiter von Matteos kalter Realität hätte entfernt sein können. Man hatte ihn ins Internat gesteckt, seine Mutter hatte eine neue Familie gegründet, und sein Vater war ein alternder Playboy gewesen. Er selbst hatte alles getan, damit sein strenger Großvater stolz auf ihn sein konnte. Daher hatte sie ihm auch von Anfang an die Liebe schenken wollen, die er als Kind nie erfahren hatte. Doch sie war kläglich gescheitert, und jetzt fürchtete sie, dass seine Wunden zu tief waren, um jemals zu heilen.

„Ich hoffe, sie wussten, dass, egal, welche Entscheidungen für dich als Kind getroffen wurden, du stolz auf deine italienischen Wurzeln bist.“

„Stolz? Natürlich bin ich stolz darauf. Aber ich habe das Land seit meiner Teenagerzeit kaum besucht. Und die Villa nutze ich fast nie, weshalb ich auch ein schlechtes Gewissen habe. Meine Mutter ist öfters hier als ich.“ Er griff nach ihrer Hand und drückte sie. „Es ist gut, dass wir dort ein bisschen Zeit verbringen, auch wenn es dafür eine Gehirnerschütterung gebraucht hat.“

Charlie merkte, wie sehr seine Nähe sie berührte. Sie vermisste seine Zärtlichkeiten wie die Luft zum Atmen.

„Wir sollten mal über deine Prioritäten sprechen“, sagte sie lächelnd. „Irgendwie kommen sie mir ziemlich schräg vor, denn es kann ja nicht sein, dass du fast sterben musst, um endlich mal Ferien zu machen.“

Er erwiderte ihr Lächeln und verstärkte seinen Griff. „Ich tue alles, wenn du nur bei mir bleibst.“

„Ich …“ Sie holte tief Luft und wechselte dann schnell das Thema. „Oh, schau doch mal, wie hübsch!“ Sie zeigte aus dem Autofenster, wo gerade eine wunderschöne kleine Stadt am Fuß des Berges zu sehen war, mit weißen Häusern und einem Hafen.

„Das ist Amalfi“, sagte er. „Ich kann es kaum erwarten, dir alles zu zeigen. Es gibt dort den besten Fisch auf der ganzen Welt. Vom gelato mal ganz abgesehen.“

„In den letzten vierundzwanzig Stunden habe ich an nichts anderes mehr gedacht“, meinte Charlie und betrachtete die Szenerie so lange, bis sie schließlich die kleine Stadt Ravello auf ihrem Weg erreichten. Immer wieder wies Matteo sie auf besondere Sehenswürdigkeiten hin, und es war offensichtlich, wie sehr er sich darüber freute, wieder hier zu sein.

„Das ist die Villa Rufolo“, erklärte er und zeigte auf ein spektakuläres Gebäude am Rand der Klippen, das von einem gepflegten Park umgeben war. „Jedes Jahr findet hier ein Festival mit Musik, Tanz und Filmen statt. Weltberühmte Künstler treten auf. Wir sollten auf jeden Fall mal vorbeischauen, denn es findet in der Zeit statt, in der wir hier sind.“

„Klingt gut, vorausgesetzt, du hast dich bis dahin erholt. Bitte vergiss nicht, dass die Ärztin dir laute Musik und helles Licht verboten hat.“

„Ich habe es nicht vergessen. Aber ich finde trotzdem, wir sollten diese Zeit wie unsere zweiten Flitterwochen sehen. Wie es scheint, waren ja die ersten viel zu kurz. Ich schlage vor, wir warten, bis es mir wieder besser geht, und dann machen wir noch ein paar Wochen Ferien. Was sagst du dazu?“

Was sollte sie schon dazu sagen, außer dass es fantastisch klang? Leider stimmte das auch, denn genau das hatte sie sich für ihre Ehe gewünscht. In ihren Vorstellungen war es dabei nicht um Privatjets oder Limousinen gegangen, sondern darum, Zeit miteinander zu verbringen und spontane Pläne zu schmieden. Nur leider war die Wirklichkeit dann ganz anders gewesen, womit sie nicht gerechnet hatte. Doch jetzt hatte das Schicksal sie wieder hierher zurückgebracht. Gab es tatsächlich die Chance, dass Matteo von nun an einen anderen Weg einschlagen würde, oder würde sich alles wiederholen?

Ravello hatte viel Flair, und erstaunt betrachtete Charlie die hübschen Cafés und Restaurants auf der Piazza. Nachdem sie das Städtchen hinter sich gelassen hatten, ging es weiter den Berg hoch, bis sie ein schmiedeeisernes Tor erreichten, das sich beim Näherkommen wie von selbst öffnete.

Die Einfahrt war von blühenden Oleanderbüschen und Bougainvillea gesäumt, die einen wunderbaren Kontrast zu der weißen Villa vor ihnen bildeten. Sobald sie davor anhielten, stieg Charlie aus dem Auto und atmete genüsslich die Luft voller Blumenduft ein. Dann betrachtete sie den Hof mit den Zitronenbäumen vor der Villa mit den geschwungenen Balkonen, die einen wunderbaren Blick aufs Meer boten. Sie folgte Matteo um das Haus herum zu einer schattigen Terrasse, die direkt am Rand der Klippen lag. Daneben erstreckte sich ein großer Swimmingpool mit marmornen Stufen. Der ganze Ort atmete Geschichte.

Angesichts all dieser Schönheit verstärkte sich der Schmerz, den sie schon seit Monaten mit sich herumtrug. Denn sie hätten hier so glücklich sein können.

In diesem Moment trat Matteo an sie heran und legte ihr die Arme um die Taille. „Na, was sagst du?“

„Ich glaube, das ist der schönste Ort, den ich je gesehen habe.“

„Dann passt er ja zu dir“, erwiderte er lächelnd und neigte den Kopf. Sie spürte seinen Atem auf ihrem Nacken und wünschte sich mehr denn je, dass dieser Moment echt gewesen wäre.

Sie wusste nur, dass das Schicksal ihnen eine zweite Chance gegeben hatte. Jetzt konnte sie diese Gelegenheit entweder wegwerfen oder ein paar alte Techniken aus ihrem Schauspielunterricht anwenden: nicht so tun, als ob die Dinge zwischen ihnen okay wären, sondern so zu leben, als ob sie okay wären. Zu der Figur werden, nicht die Figur spielen.

Doch sie musste auf ihr Herz aufpassen, denn es wäre fast gebrochen worden. Unter gar keinen Umständen durfte sie zulassen, dass das noch einmal passierte.

Tief atmete Matteo den Duft der Blumen und Zitronen, gemischt mit dem Salz des Meeres, ein. Sofort wurden Erinnerungen an seine Kindheit mit seinen Cousins in ihm wach, als sie hier im Sommer durch den Park gestreift oder im Pool geschwommen waren. An den warmen Abenden hatten die Erwachsenen auf der Terrasse gesessen, Wein getrunken und sich unterhalten, bis die Jungen müde und erschöpft dort eingeschlafen waren, wo sie gerade hinfielen. Einen größeren Kontrast zu dem strengen Internat mit all seinen Regeln und Vorschriften hätte man sich kaum denken können. Und trotzdem hatte er seiner Familie schließlich den Rücken zugewandt und stattdessen viel Zeit im Büro seines Großvaters verbracht. Er hatte einen Anzug mit Krawatte getragen und war erwachsen geworden, so wie es sich gehörte.

Lange sonnige Tage des Nichtstuns waren genau das Richtige für seinen Vater, den Playboy, gewesen oder für seine Mutter, der es auch nur um ihr Vergnügen ging. Nicht für einen richtigen Harrington, das hatte er jedenfalls geglaubt. Aber tief in seinem Herzen hatte er sich immer nach Sonne und Wärme gesehnt, und genau das war es auch gewesen, was ihn vom ersten Moment an so an Charlie angezogen hatte. Ihre bunten Kleider, ihre Spontaneität und ihre unbändige Lebensfreude.

Jetzt gehörte sie ihm, und er konnte neue Erinnerungen schaffen. Erinnerungen mit seiner Frau. Komisch, fast fühlte es sich so an, als wäre heute ihr Hochzeitstag. Auch wenn das nicht stimmte, konnten sie ja wirklich so tun, als wären sie in den zweiten Flitterwochen.

„Komm mit, ich werde dir alles zeigen“, forderte er sie auf.

Charlie wandte sich zu ihm um. „Ich habe eine bessere Idee. Ich werde alles erforschen, während du dich ausruhst.“

„Ausruhst?“, protestierte er, obwohl er tatsächlich merkte, wie steif sich sein Nacken anfühlte und wie sehr seine Rippen schmerzten. „Ich muss mich nicht ausruhen. Die Sonne und dieser herrliche Anblick sind alles, was ich brauche.“

„Aber nicht gemäß den Anweisungen der Ärztin“, erwiderte sie und zog eine Liste aus ihrer Tasche.

Matteo stöhnte. Er wollte gar nicht wissen, was darauf stand.

„Du wirst jetzt eine kleine Siesta halten“, sagte Charlie bestimmt, und ihr Ton duldete keinen Widerspruch.

Daher folgte er ihr achselzuckend ins Haus. Die Eingangstür der Villa stand weit offen. Maria, die Haushälterin, hieß sie willkommen, dann stieß sie einen erschreckten Schrei aus, als sie Matteos blaue Flecken und Kratzer entdeckte.

„Willkommen zu Hause, Signor Matteo“, sagte sie und setzte sofort hinzu: „Jetzt müssen Sie sich aber erst mal ausruhen. Ihre Koffer sind schon auf Ihrem Zimmer.“

„Danke, Maria“, erwiderte er und wusste, dass er seine Autorität von Anfang an unterstreichen musste, sonst würden Maria und Charlie ihn die ganze Zeit wie einen Patienten behandeln. „Haben Sie vielleicht etwas von Ihrer exzellenten Limonade und den selbst gebackenen Plätzchen?“

„Natürlich, ich werde sie Ihnen sofort bringen“, erwiderte Maria und wandte sich dann an Charlie. „Signora, möchten Sie Ihre vielleicht auf der Terrasse einnehmen?“

„Ja, sehr gern. Und bitte nennen Sie mich Charlie!“ Sie wartete, bis die Haushälterin außer Hörweite war und fragte Matteo dann neugierig: „Kennt sie dich schon, seit du ein Baby warst?“

„So ungefähr. Sie arbeitet schon ihr ganzes Leben hier und hätte sich längst zur Ruhe setzen müssen. Aber davon will sie nichts hören. Sie kümmert sich um alle Belange der Villa und wohnt mit ihrer Familie im Dorf. Ich hoffe, es macht dir nichts aus, dass wir hier nicht die ganze Zeit Personal haben, oder?“

„Ganz bestimmt nicht“, gab Charlie lachend zurück. „Ich bin durchaus in der Lage, mir selbst einen Tee zu machen oder meine Wäsche zu waschen.“ Sie folgte ihm die geschwungene Wendeltreppe in den ersten Stock hinauf. Seit er die Villa geerbt hatte, bewohnte Matteo immer die Ecksuite, von der man den besten Blick aufs Meer hatte. Außerdem verfügte sie über das größte Badezimmer sowie ein Ankleidezimmer. Genau wie Maria gesagt hatte, stand dort bereits sein Koffer. Die Fenster waren weit geöffnet, um die warme Luft hereinzulassen, das Bett war frisch bezogen.

„Wo ist denn dein Gepäck?“, fragte er verblüfft und sah sich um.

„Ich habe darum gebeten, ein eigenes Zimmer zu bekommen“, erwiderte Charlie und hob die Hand, als er protestieren wollte. „Nein, wirklich Matteo, du musst dich jetzt ausruhen. Das hat dir die Ärztin verordnet, und dafür werde ich auch sorgen. Noch sind wir nicht in den Ferien, und wir haben auch keine Flitterwochen. Es wird bestimmt zwei Wochen dauern, bis du wieder einigermaßen bei Kräften bist, und danach sehen wir weiter.“

„Und was willst du in dieser Zeit tun?“, fragte er und erkannte plötzlich, dass er keine Ahnung hatte, was Charlie gerade beruflich machte. Unterrichtete sie wieder? In diesem Moment bekam er stechende Kopfschmerzen, und seine Rippen schmerzten mehr denn je.

„Ich?“, fragte sie und zwinkerte ihm zu. „Was glaubst du denn? Ich werde unten im Dorf mit den Männern tanzen, flirten und Prosecco trinken. Ich hoffe, das ist okay für dich.“

Er lachte. „Nur wenn ich dich begleiten darf.“ Aber die Schmerzen wurden immer stärker, und er ließ sich erschöpft auf der Bettkante nieder. Sie setzte sich neben ihn und strich ihm übers Haar.

„Möchtest du, dass ich gehe?“, flüsterte sie, und er schüttelte den Kopf.

„Nein, bitte bleib bei mir“, erwiderte er, dann schlug die Müdigkeit wie eine Welle über ihm zusammen. Er streckte sich auf dem Bett aus und schlief sofort ein. Aber wie aus weiter Ferne meinte er, seine Frau noch schluchzen zu hören.

4. KAPITEL

„Jeden Morgen nehme ich mir vor, zum Frühstück frisches Obst und diesen köstlichen Joghurt zu essen“, erklärte Charlie und stöhnte. „Stattdessen ist mein Teller voll mit Brot, Käse und Schinken, und am Ende landet sogar noch ein Stück Zitronenkuchen in meinem Magen. Zitronenkuchen zum Frühstück! Ich fürchte, du wirst mich nach Hause rollen müssen, wenn das so weitergeht.“

Doch es war nicht nur das Frühstück, auch das Mittag- und Abendessen waren sehr opulent. Es gab oft frischen Fisch und Salat, aber Maria servierte ihnen immer selbst gebackenes Brot dazu und gebratene Kartoffeln in Olivenöl mit Knoblauch. Als Nachtisch gab es dann Tiramisu oder Panna Cotta, die so fantastisch schmeckten, dass sie sich meist noch eine zweite Portion nahm.

„Marias Zitronenkuchen ist legendär“, erwiderte Matteo grinsend und nahm sich selbst auch noch ein Stück.

Charlie seufzte und schloss die Augen. Sie reckte ihr Gesicht der Sonne entgegen und genoss die Wärme. Bis jetzt war die Woche geradezu idyllisch verlaufen, und auch Matteo hatte sichtlich von der Ruhe profitiert. Gestern war der Arzt aus dem Dorf erschienen, um nach ihm zu sehen, und hatte den beiden versichert, dass er zwar noch ein paar Tage Ruhe brauchte, ansonsten aber auf einem guten Weg war.

Am Ende der Woche, so versicherte er Charlie und Matteo, sollten sie in der Lage sein, ihr normales Leben wiederaufzunehmen.

Normales Leben. Die Worte, die Matteo mit solcher Freude erfüllten, erschreckten Charlie geradezu. Denn natürlich bedeutete das, er würde wieder Kontakt zur Außenwelt aufnehmen. Was dann passierte, mochte sie sich gar nicht ausmalen. Denn auch wenn sein Großvater wusste, dass Matteo jede Form von Aufregung erspart werden musste, traute sie dem alten Mann nicht. Charlie wusste, dass er kein Fan von ihr war, und es war durchaus möglich, dass er das Wort „Scheidung“ erwähnen würde.

Nachdenklich betrachtete sie Matteo, der inzwischen leicht gebräunt war. Er trug ein Hemd mit kurzen Ärmeln, das seine breiten Schultern betonte, und plötzlich verspürte sie ein solches Verlangen nach ihm, dass es ihr den Atem verschlug.

Es war das Verlangen nach verbotenen Früchten, denn schließlich gehörte er ihr ja nicht mehr. Was immer mehr zu einem Problem für sie wurde. Denn was sollte sie tun, wenn er mit ihr schlafen wollte? Schon jetzt hatte er öfters erwähnt, dass er sich wünschte, sie würde zu ihm in die Suite ziehen, um das Bett mit ihm zu teilen. Und Tag für Tag wurde es schwieriger, seine spielerischen Avancen zurückzuweisen.

„Was sollen wir heute machen?“, fragte er in diesem Moment und trank einen Schluck Kaffee.

„Keine Ahnung. Wir könnten uns sonnen und schwimmen oder schwimmen und uns sonnen, wie wir es immer tun“, gab sie zurück.

Matteo schüttelte den Kopf. „Klingt nicht schlecht, aber der Arzt hat schließlich gesagt, es wäre okay für mich, die Villa zu verlassen.“

„Ja, aber er meinte auch, du bräuchtest immer noch viel Ruhe.“

„Ein kleiner Spaziergang ins Dorf würde mir bestimmt guttun, denkst du nicht auch? Komm schon, Charlie, wir sind jetzt schon seit einer Woche hier. Ich brauche etwas Abwechslung und du doch bestimmt auch, oder?“

„Ich?“, fragte sie in gespieltem Erstaunen. „Wie kommst du denn darauf? Vergiss nicht, ich war schließlich jeden Abend aus und habe mit den Männern des Dorfes getanzt und geflirtet. Um mich brauchst du dir also keine Sorgen zu machen.“

Doch obwohl er lächelte, ließ Matteo sich nicht täuschen. Er hatte ihr schon des Öfteren vorgeschlagen, dass sie die Gegend erforschen oder in Sorrento shoppen gehen sollte. Aber auch wenn Charlie wusste, dass Maria gut auf ihn aufpassen würde, wollte sie ihn nicht allein lassen. Außerdem genoss sie diese entspannten, sonnigen Tage, in denen sie nichts anderes tun mussten, als zu schwimmen, gut zu essen, Karten zu spielen und Zeit miteinander zu verbringen. Genauso hatte sie sich ihre Ehe nämlich immer vorgestellt.

Die einzig schwierigen Momente waren die gewesen, als er sie nach ihrem gemeinsamen Leben gefragt hatte. Da sie ihn nicht anlügen wollte, hatte sie die Antwort meist unter dem Vorwand hinausgeschoben, die Ärztin hätte gemeint, sein Erinnerungsvermögen würde irgendwann schon von selbst zurückkehren. Aber auch sie wusste, dass dies nur ein Aufschub war, genau wie die Sache mit dem gemeinsamen Schlafzimmer.

Matteo schob seinen Stuhl zurück und erhob sich. „Komm schon, lass uns gehen.“

„Du musst mir wenigstens Zeit zum Umziehen geben“, protestierte Charlie. „Ich bin nicht geschminkt, und in diesem Kleid kann ich mich nun wirklich nicht in der Öffentlichkeit sehen lassen.“

„Du siehst wunderschön aus“, sagte er. „Wie immer.“

„Trotzdem, gib mir bitte fünf Minuten.“ Sie berührte leicht seinen Arm, als sie an ihm vorbeiging, und wünschte sich mehr als alles andere, seine Worte noch einmal zu hören. Dass sie schön war. Sie wollte die Bewunderung und das Verlangen in seinem Blick sehen und nicht die kühle Ungeduld, mit der er ihr riet, sich bloß nicht zu schick zu machen.

Was würde geschehen, wenn seine Erinnerung nie zurückkehrte? Würde er ihr trotzdem noch Komplimente für ihr Aussehen oder ihren Kleidungsstil machen? Oder würde er ihn kritisieren und versuchen, sie zu zähmen, damit ihr Aussehen mehr ihrer gesellschaftlichen Stellung entsprach?

Aus lauter Trotz wählte Charlie ein Kleid mit roten Punkten, einem weit schwingenden Rock und einem weißen Gürtel. Dazu trug sie Kreolen und eine Kette aus künstlichen Perlen. Sie zeichnete die Lippen in tiefem Rot nach und betonte ihre Augen mit Mascara. Dazu kam noch eine Sonnenbrille im Stil der Fünfzigerjahre, dann war ihr Outfit perfekt.

Sie betrachtete sich im Spiegel und nickte zufrieden. Ja, das war die Charlie, in die Matteo sich damals verliebt hatte, und das war auch die Charlie, die nicht in seine Welt passte. Wenn sie diesen Trip überleben wollte, musste sie mehr denn je sie selbst sein. Inklusive des roten Lippenstifts.

Charlie sah zum Anbeißen aus. Inzwischen war ihre Haut leicht gebräunt, was ihr außerordentlich gut stand. Am liebsten hätte Matteo ihr das Kleid mit den roten Punkten sofort vom Leib gerissen.

In der Tat hatte er das schon die ganze Woche tun wollen, während sie am Pool auf der Liege neben ihm gelegen und jeden Tag einen anderen aufreizenden Bikini getragen hatte. Aber da war nichts zu machen, Charlie blieb hart. Ihrer Meinung nach sollte er sich ausruhen, und das war gleichbedeutend mit Keuschheit, getrennten Betten, getrennten Zimmern und höchstens mal einem flüchtigen Kuss auf die Wange. Es war genug, um einen Mann krank zu machen, statt zu heilen.

„Na los, Ehefrau!“ Das Wort klang selbst in seinen Worten exotisch, denn es suggerierte Besitz. Ungeduldig tippte er mit dem Fuß auf, während sie den Inhalt einer Handtasche in die andere leerte. Matteo spürte, dass er schon zu lange im Haus gefangen gehalten wurde. Sein Körper lechzte nach Bewegung, nur so würde er die Schmerzen loswerden.

Die Schmerzen wurden noch stärker, als Charlie ihre große Sonnenbrille aufsetzte und nach ihrem Hut griff, der ihr Outfit vervollständigte.

Wie hatte er nur so viel Glück verdient?

Sie warf noch einen letzten Blick in den Spiegel und nickte. „Okay, fertig.“

„Na, dann mal los.“ Galant bot er ihr den Ellenbogen, und nach kurzem Zögern ergriff sie ihn. Die leichte Berührung war Balsam für seine aufgewühlten Nerven, sie beruhigte ihn sofort.

Denn es war nicht nur die körperliche Distanz zu Charlie, die ihm zu schaffen machte. Es gab auch noch eine emotionale, die sie zwar zu verstecken versuchte, die er aber dennoch deutlich spüren konnte. Die ganze Zeit über hatte er das Gefühl, dass sie jede seiner Bewegungen und alles, was er sagte, beobachtete. Dabei hatte sie einen ängstlichen Ausdruck in den Augen, der ihm sehr zu Herzen ging. Warum nur? Schließlich hatte sie ihm versichert, dass es ihren Familien gut ging und dass auch die Firma bestens lief. Trotzdem hatte sie Schatten unter den Augen, und er fragte sich, ob sie vielleicht mit ihm zusammenhingen. Konnte es sein, dass ihre Ehe nach fast einem Jahr alles andere als perfekt war?

Vielleicht sollte er Antworten von ihr verlangen, trotz ihrer Weigerung. Aber irgendwie wollte er sie nicht unter Druck setzen, denn insgeheim fürchtete er sich auch davor. Eigentlich war er kein Feigling, aber die Wahrheit aus Charlie herauspressen zu wollen war ein Schritt, zu dem er sich einfach noch nicht in der Lage fühlte. Außerdem kam es auch immer wieder vor, dass sie ihn anlächelte, und bei diesen Gelegenheiten sagte er sich, dass er sich das Ganze wahrscheinlich nur einbildete.

In weniger als fünfzehn Minuten hatten sie die Piazza des Dorfes erreicht. Hier herrschte reges Treiben, die Cafés und Restaurants waren voll mit Einheimischen und Touristen.

„Wow, was für ein Betrieb“, sagte Charlie erstaunt. „Ich dachte, es wäre ein kleines, verschlafenes Dorf.“

Matteo lachte. „Früher vielleicht, aber seit einigen Jahren ist Ravello einer der beliebtesten Ferienorte in der Gegend, und ich kann dir sagen, billig ist es hier auch nicht. Es gibt viele Boutiquehotels, exklusive Villen und teure Läden. Wundere dich nicht, wie viel ein Kaffee auf der Piazza kostet. Aber es ist die Erfahrung wert.“

Er machte eine kleine Tour mit ihr und zeigte ihr die Sehenswürdigkeiten. Obwohl es schon ein paar Jahre her war, dass er zuletzt hier gewesen war, fühlte er sich mit jedem Schritt mehr zu Hause. Als sie an einer Eisdiele vorbeikamen, bestand er darauf, Charlie ein Pistazieneis zu kaufen, und wollte nichts von ihren Protesten hören, dass es dafür noch viel zu früh war.

Sie gingen an der Kirche und an dem kleinen Museum vorbei, dann erzählte er ihr von dem botanischen Garten, für den der kleine Ort berühmt war.

„Es ist wirklich hübsch hier“, sagte sie, während sie ihr Eis genoss.

Matteo nickte. „Ja, Ravello hat eine Menge Flair, das lässt sich nicht leugnen. Außerdem kann man von Amalfi aus ein Boot nach Ischia oder Capri nehmen, hoch nach Positano oder Sorrento fahren oder sich die Ruinen von Pompeji oder Herculaneum anschauen.“

Charlie grinste. „Ich wusste gar nicht, dass du im Nebenberuf Touristenführer bist.“ Überrascht sah sie auf ihre Hand. „Hey, was ist mit meinem Eis passiert? Ich war mir ganz sicher, dass ich es nicht schaffen würde.“

Matteo lachte, ergriff ihre Hand und schlenderte mit ihr weiter. Erneut sagte er sich, dass es keinen Grund gab, sich Sorgen zu machen. Bestimmt war sie nur so schweigsam und zurückhaltend, damit er schnell wieder gesund wurde. Ihre Ehe war perfekt, genau wie sie es sein sollte. Sein Großvater hatte ihn einen Idioten genannt, weil er ein Mädchen ohne Titel und Vermögen geheiratet hatte. Aber er selbst hatte von Anfang an gewusst, dass Charlie die Richtige für ihn war.

Sie schlenderten weiter, sahen sich die Boutiquen an und lasen sich gegenseitig die Speisekarten der Restaurants vor. Dann rief plötzlich jemand Matteos Namen, und als er sich umdrehte, erblickte er eine junge Frau mit einem Kinderwagen, die ihn freudig anlächelte.

„Lucia, wie schön, dich zu sehen“, sagte er warm. „Was machst du denn hier?“

„Hallo, Matteo, ich habe mich schon gefragt, wann wir uns sehen werden. Maria hat mir erzählt, dass du in der Stadt bist. Bestimmt ist das deine Frau, oder?“ Sie streckte die Hand aus, und als Charlie sie ergriff, gab sie ihr schnell die drei obligatorischen Küsschen auf die Wangen. „Ich bin Lucia, Matteos Cousine, wobei ich nicht davon ausgehe, dass er Ihnen von mir erzählt hat.“

„Hallo, Lucia, ich bin Charlie“, erwiderte sie mit einem leicht gezwungenen Lächeln. „Freut mich, Sie kennenzulernen. Und Sie haben recht, ich habe bisher noch niemanden von seiner Familie kennengelernt.“

„Außer Maria, die einfach dazugehört“, erwiderte Lucia. „Als wir noch jünger waren, hatten wir immer großen Respekt vor ihr. Aber um ehrlich zu sein, weiß ich nicht, was wir ohne sie machen sollten. Mein Mann Guiseppe ist Weinhändler, und dies …“ Sie zeigte auf den Buggy und die beiden Kinder daneben. „… sind meine Kinder.“

Dann sah sie Matteo scharf an und setzte hinzu: „Aber wahrscheinlich erinnerst du dich nicht an sie, oder?“

„Natürlich tue ich das!“

„Dann nenn mir doch mal ihre Namen!“

Er hob die Hände. „Ich würde dich nie des Vergnügens berauben wollen, sie selbst vorzustellen.“ Er wusste, dass er ihnen jedes Jahr Geschenke zu ihrem Geburtstag und zu Weihnachten schickte … nun, um genau zu sein, kümmerte Jo sich darum. Aber heute fühlte er sich deswegen ein bisschen schuldig, und das Gefühl, etwas verpasst zu haben, nagte an ihm. Als Kinder hatten er und seine Cousins und Cousinen sich sehr nahegestanden, doch im Laufe der Jahre hatte er den Kontakt zu ihnen verloren. Falls er und Charlie aber einmal Kinder haben sollten, würde dies ihre Familie sein, und er wünschte sich, dass auch sie mit Lachen und Geselligkeit groß wurden.

„Das ist Elena.“ Lucia deutete auf das kleine schlafende Mädchen im Buggy. „Und diese beiden sind Lorenzo und Rosa.“ Sie legte den Arm um das etwa neunjährige Mädchen, das einen ziemlich mürrischen Eindruck machte, und nickte Matteo zu. „Deine Patentochter.“

Charlie warf ihm einen überraschten Blick zu. „Du hast ein Patenkind?“

Er nickte. „Ja, habe ich das nie erwähnt?“

„Nein.“

Er fühlte sich ziemlich unbehaglich. Lucia und Charlie sahen sich an und fingen im selben Moment an zu lachen.

„Der Mann ist nicht zu gebrauchen“, meinte Lucia, und Charlie nickte.

„Ja, stimmt. Tut mir leid, ich wusste wirklich nichts davon. Dabei wäre ich liebend gern Tante.“ Sie beugte sich zu Rosa hinunter. „Sag mir Bescheid, wenn du mit mir Eis essen möchtest, ja?“ Als das Mädchen nicht reagierte, schlug sie sich auf die Stirn. „Oh Mann, ich bin aber auch ein Idiot. Wahrscheinlich spricht sie gar kein Englisch, oder?“

Lucia lächelte sie an. „Doch, ein bisschen. Aber im Moment sagt sie nichts, weil sie so enttäuscht ist.“

„Oh?“ Charlie nahm ihre Sonnenbrille ab und sah das kleine Mädchen mitfühlend an. „Kann ich vielleicht irgendetwas für dich tun? Um Matteos sträfliche Vernachlässigung wiedergutzumachen, meine ich?“ Sie lächelte, und die Kleine erwiderte das Lächeln zaghaft.

Bisher hatte Matteo Charlie noch nie mit Kindern erlebt, doch ihm gefiel, was er sah. Ihre natürliche Art ging ihm zu Herzen.

„Glaub mir, Rosa, eine bessere Tante als Charlie könntest du dir nicht wünschen. Und sie hat natürlich recht, ich habe dich vernachlässigt. Was liegt dir denn so auf der Seele?“

In diesem Moment fing das Mädchen an zu weinen, und Lucia seufzte.

„Es gibt keinen Grund zu weinen, Rosa“, sagte sie zu ihrer Tochter. „Da kann man einfach nichts machen. Es ist besser, du akzeptierst es.“ Dann setzte sie zu den beiden anderen gewandt hinzu: „Rosa geht ins Ballett, und sie hat eine wunderbare Lehrerin. In zwei Wochen ist eine Gala geplant, bei der sie auftreten sollen. Das Geld soll Kindern in Flüchtlingsheimen zugutekommen. Stellt euch vor, Rosa sollte sogar ein Solo tanzen. Aber leider ist die Mutter ihrer Ballettlehrerin ins Krankenhaus gekommen, und Signora Natalia musste daher nach Rom fliegen. Das heißt für Rosa keine Gala, kein Solo, und jetzt fühlt es sich für sie an wie das Ende der Welt.“

„Es … es ist nicht nur das Solo“, sagte das Mädchen stockend. „Sondern Violeta, die …“ Sie brach ab und fing an zu schluchzen.

Erneut beugte Charlie sich zu ihr hinunter und sah sie fragend an. „Violeta?“

Lucia nickte. „Violeta Costa, die Balletttänzerin. Sie ist Primaballerina in der Scala und will mit ihrem Partner nach Ravello kommen, um hier aufzutreten. Rosas Lehrerin ist mit ihr zur Schule gegangen, und sie sollte Ehrengast auf der Gala sein.“

Charlie ergriff Rosas Hand und drückte sie. „Violeta Costa? Kein Wunder, dass du enttäuscht bist, das ist ja auch eine einmalige Gelegenheit. Gibt es denn keine Vertretung für deine Lehrerin?“

Lucia schüttelte den Kopf. „Nein, dazu ist es zu kurzfristig. Außerdem müsste man ja auch jemanden finden, der genauso gut ist wie sie. Ich fürchte, es bleibt uns nichts anderes übrig, als die Gala auf nächstes Jahr zu verschieben. Bitte sei nicht traurig, Rosa.“

Nun mischte sich Matteo ins Gespräch ein. „Wer sagt denn, dass ich wirklich ein so nutzloser Patenonkel bin? Vielleicht kann ich dir helfen, Rosa.“

Charlie erstarrte, und Lucia lachte. „Du? Wie das denn? Bitte sag jetzt nicht, dass du Balletttänzer bist!“

„Ich nicht, aber Charlie. Sie kann euch sicher helfen, nicht wahr, Charlie?“

5. KAPITEL

Als sie wieder in der Villa waren, schlüpfte Charlie aus ihren Sandalen und folgte Matteo in das herrlich kühle Wohnzimmer mit dem Kachelboden. Er sah sie an und hob die Brauen.

„Okay, du hast auf dem ganzen Rückweg nichts gesagt, und das hat bestimmt nichts mit dem steilen Weg zu tun. Was ist los?“

„Nichts.“ Sie machte eine kleine Pause. Ganz stimmte das so nicht. „Ich hätte mir nur gewünscht, dass du zuerst mit mir gesprochen hättest, bevor du Rosa versprichst, dass ich bei der Gala einspringen könnte.“

„Oh, natürlich, du hast recht. Tut mir leid.“ Er lehnte sich gegen den Türrahmen und setzte eine zerknirschte Miene auf, wie ein Junge, den man bei einem Streich erwischt hatte. „Ich war nur so froh darüber, dass wir ihr helfen können … also, dass du ihr helfen kannst. Ich weiß, das mit der Sprache ist vielleicht ein Problem, aber ich könnte doch für dich übersetzen. Und schließlich stimmt doch, was ich gesagt habe, du bist eine qualifizierte Ballettlehrerin.“

„Aber nicht auf diesem Niveau. Rosas Lehrerin kommt von einer der besten Ballettschulen Italiens. Das ist nicht dasselbe.“

„Charlie, es handelt sich hier um Kinder, nicht um professionelle Tänzer. Bestimmt sind sie ausgesprochen glücklich, wenn die Gala stattfinden kann. Außerdem ist sie für einen guten Zweck!“

Sie ließ sich aufs Sofa fallen und legte ihren Hut ab. „Ja, das ist mir klar, und natürlich würde ich ihnen gern helfen. Aber bitte überleg doch mal, es sind fünfzig Kinder, die alle stolze Balletteltern haben. Und ich soll sie in nur zwei Wochen dazu bringen, vor einer der besten Tänzerinnen der Welt aufzutreten. Das ist eine Riesenaufgabe.“

In der Tat, es war eine große Aufgabe, aber normalerweise hätte Charlie eine solche Herausforderung geliebt.

„Außerdem sind wir in zwei Wochen vielleicht gar nicht mehr hier“, setzte sie hinzu.

Sie war vielleicht nicht mehr da. Denn es konnte kein Zweifel daran bestehen, dass Matteo wirklich im Begriff war, wieder gesund zu werden. Dafür brauchte man keinen medizinischen Abschluss zu haben, denn es war offensichtlich, wie viel mehr Farbe im Gesicht und Energie er hatte. Wenn der Arzt ihm das bestätigen würde, würde sie ihn auch nicht mehr schonen müssen und konnte ihm endlich die Wahrheit sagen. Das war schließlich ihre moralische Verpflichtung. Und was dann? Sie konnte schließlich nicht in derselben Villa bleiben wie der Mann, von dem sie sich gerade scheiden ließ.

Aber wenn sie sich dazu bereit erklären würde, die Tanzgala zu übernehmen, würde sie mindestens zwei Wochen länger bleiben müssen. Unter anderen Umständen wäre das genau das Richtige gewesen, doch sie wusste, je eher Matteo die Wahrheit erfuhr und je eher sie wieder abreisen konnte, desto besser. Denn jeden Tag wurde es schwieriger für sie, sich daran zu erinnern, dass nichts von dem, was sie miteinander teilten, echt war und dass ihre Ehe am Ende war.

„Warum sollten wir denn nicht mehr hier sein?“, fragte er überrascht. „Schließlich habe ich dir doch zweite Flitterwochen versprochen. Und obwohl die letzte Woche wirklich schön war, hatte sie mit Flitterwochen nichts zu tun. Oder siehst du das anders?“ Er zwinkerte ihr zu, und sein vielsagender Blick brachte ihr Blut in Wallung.

„Matteo, ich …“ Sie brach ab und hob hilflos die Hände. „Ich hätte mir einfach nur gewünscht, dass du mich vorher gefragt hättest.“

Er ging auf sie zu, setzte sich neben sie und nahm ihre Hände in seine. Sofort fing ihr Puls an zu rasen, und am liebsten hätte sie sich an ihn geschmiegt. Es war gefährlich, hier mit ihm zu sein. Ihr Herz war zu empfänglich für ihn, auf ihren Körper konnte sie sich nicht verlassen, und es war viel zu leicht, all die Gründe zu vergessen, warum sie ihn auf Distanz halten sollte.

„Bitte entschuldige, Charlie, ich wollte dich wirklich nicht überrumpeln. Mach dir keine Sorgen, ich werde Lucia anrufen und ihr alles erklären. Statt fünfzig kleine Kinder zu unterrichten, sollte ich mit dir nach Capri und Pompeji fahren und dich von morgens bis abends verwöhnen.“

Erstaunt sah sie ihn an. Dachte er wirklich, dass sie Champagner und Blumen erwartete, statt seiner Patentochter zu helfen? Sie schüttelte den Kopf.

„Darum geht es nicht. Im Grunde liebe ich solche Engagements. Aber …“

„Aber?“

Sie seufzte, entzog ihm die Hände und stand auf. „Hör zu, Matteo, ich weiß, es ist auch für dich nicht leicht. Die Ärztin hat mir verboten, deinem Erinnerungsvermögen nachzuhelfen, sie meinte, es wäre besser, wenn es von selbst zurückkommt, und deshalb versuche ich auch nicht darüber zu sprechen, was im letzten Jahr passiert ist. Aber du sollst wissen, dass die Erfahrung mir gezeigt hat, dass man sich auf deine Versprechungen nicht verlassen kann.“

Er zuckte zusammen und sagte tonlos: „Verstehe.“

Sie blickte auf ihre Hände hinunter und hasste sich für das, was sie ihm sagen musste, hasste es, dass die Realität langsam in ihr Idyll einbrach.

„Du hast immer die besten Absichten, das weiß ich, aber ich … mir ist klar, du meinst es ganz ernst damit, dass wir in zwei Wochen noch hier sein werden. Aber irgendwann wirst du dein Handy zurückhaben und deinen Laptop, und dann wirst du wieder die ersten Mails verschicken. Danach ist es nur noch eine Frage von Tagen, bis du nach New York, Paris oder Berlin fliegen musst. Und was wird dann aus mir? Ich möchte Rosa einfach nichts versprechen, weil ich ihre Hoffnungen nicht enttäuschen will. Verstehst du, was ich sage?“

Er sah auf, und sie erkannte den Schock in seinen Augen. „Bin ich denn wirklich so unzuverlässig?“, fragte er gedrückt, und sie schluckte. „Das kann ja nicht leicht für dich sein“, fuhr er fort. „Du kannst meinem Wort also nicht vertrauen?“

Sie biss sich auf die Lippen. „Leicht ist es nicht“, gab sie zu, „obwohl ich mich immer bemühe, dich zu verstehen. Aber ich musste deinetwegen schon so oft meine Pläne über den Haufen werfen, und dazu habe ich einfach keine Lust mehr. Deshalb wäre es vielleicht besser, wenn du Lucia absagst. Es wäre einfach sicherer.“

Er stand ebenfalls auf, trat auf sie zu und sah ihr tief in die Augen. „Charlie, ich bin nicht dumm. Ich merke doch, dass die Dinge zwischen uns nicht zum Besten stehen. Ich sehe, dass es da etwas gibt, was du mir nicht sagen möchtest. Aber ich weiß auch, dass ich dich liebe und dass es sich für mich richtig anfühlt, mit dir hier zu sein. Deshalb bitte ich dich, mir in dieser Sache zu vertrauen. Bitte gib mir noch eine Chance, ja?“

Sie wollte es ja, sehr sogar. „Ich …“

„Bitte, Charlotte!“

Sie hatte das Gefühl, in seinem Blick zu versinken. Würde es diesmal wirklich anders sein? Konnte sie ihm vertrauen?

„Okay“, sagte sie und gab sich einen Ruck. „Aber du darfst Rosa nicht enttäuschen.“

Und mich auch nicht, hätte sie am liebsten hinzugefügt. Bitte enttäusche mich nicht noch einmal.

Die Sonne brannte glühend heiß auf sie herunter. Matteo hatte fast schon wieder vergessen, wie intensiv die ersten Strahlen im Sommer sein konnten – außerhalb des schattigen Parks der Villa, weg vom Pool und den dunklen Gassen des Dorfes. Aber er hieß die Hitze willkommen, liebte das Prickeln auf seiner Haut. Trotzdem erhöhte er sein Tempo und versuchte seine Muskeln zu ignorieren, die von dem Unfall vor neun Tagen immer noch schmerzten.

Der Pfad, den er entlanglief, war ihm gut bekannt. Die ganze Küste war ein Mekka für Jogger und Spaziergänger, besonders jetzt im Frühsommer mit all den blühenden Blumen. Aber Matteo hielt den Blick starr geradeaus gerichtet und war nur auf sein Ziel Amalfi konzentriert. Er achtete weder auf die Blütenpracht noch auf die spektakuläre Aussicht auf der sich windenden Route. Immer wieder überholte er Spaziergänger und Naturfreunde, die langsamer waren als er, und nickte ihnen dabei kurz zu.

Denn er konnte sich des Gefühls nicht erwehren, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung war, und das plagte ihn. Inzwischen war ihm klar, dass seine Ehe nicht perfekt und er anscheinend alles andere als der treusorgende Ehemann war. Seit seinem gestrigen Gespräch mit Charlie hatten sich dunkle Wolken auf sein Gemüt gelegt, tiefe Schatten, die auf unangenehme Szenen hinwiesen, auf leere Zimmer und angespanntes Schweigen. Leise begann er zu ahnen, dass es eine Menge Missverständnisse und Abgründe zwischen ihnen zu geben schien. Dabei wusste er nicht, ob es sich dabei um echte Erinnerungen handelte oder ob seine Fantasie Purzelbäume schlug wegen all der Dinge, über die sie nicht sprachen.

Okay, bleib mal bei den Fakten. Er atmete tief durch und zwang sich zur Konzentration. Denn ihm war klar, dass er das Problem nur rational angehen konnte, als ob es ein Passus in einem Vertrag wäre. Was wusste er ganz sicher? Offensichtlich war er als Ehemann oft nicht da gewesen. Und Charlie hatte ihm vorgeworfen, dass sie sich nicht auf ihn verlassen konnte. Aber was bedeutete das genau? Er hatte keine Ahnung, wie sie sich in so kurzer Zeit in eine solche Sackgasse hatten manövrieren können.

Er konnte sich kaum vorstellen, dass er seine Frau nach nur einem Jahr so im Stich gelassen hatte, wie sie ihm vorwarf. Natürlich wusste er, dass er ein Workaholic war und dass seine Arbeit den größten Teil seiner Zeit in Anspruch nahm. Aber das bedeutete doch nicht, dass er keinen Raum für Privatleben hatte. Seine Work-Life-Balance tendierte ganz bestimmt mehr zur Arbeit, das ließ sich nicht leugnen. Aber er konnte sich noch gut daran erinnern, dass er immer Zeit für Freundinnen und Events, fürs Skifahren, Segeln oder Klettern gefunden hatte.

Es war so verwirrend. Dieser Unterschied zwischen dem, der er glaubte zu sein, und dem, der er anscheinend wirklich war. Aber noch schlimmer war der Mangel an Kontrolle. Seit seiner Kindheit hatte er gewusst, dass ein Mann in seiner Position keine Schwäche zeigen durfte. Seine Rippen schmerzten, und die Prellungen protestierten gegen seine schnelle Gangart, vor allem aber ließ ihn sein Verstand im Stich. Sein Verstand, mit dessen Hilfe er einen Milliardenkonzern managte. Kein Wunder, dass er Charlie nicht bedrängt hatte, ihm ein Handy zu besorgen, oder dass er ihr den Kontakt zu seinem Großvater überlassen hatte. Denn er wollte sich gar nicht vorstellen, was der alte Mann sagen würde, wenn er von seinem jetzigen Zustand erfuhr.

Matteo fluchte laut auf Italienisch und Englisch. Seit dreißig Jahren zeigte er jetzt seinem Großvater, wie stark er war und dass er ihm den Familienbetrieb getrost überlassen konnte. Er hatte ihm immer beweisen wollen, dass er nicht nur besser war als seine Eltern, sondern auch nicht deren Makel hatte. Doch jetzt musste man ihn nur anschauen, um zu erkennen, dass er ein Mensch wie alle anderen war. Nicht nur, dass er sein Gedächtnis verloren hatte, nein, wie es schien, war er unfähig, eine gute Ehe zu führen. Genau wie sein Vater, der jetzt zum fünften Mal verheiratet war, oder wie seine Mutter, die sich nach ihrer Scheidung einen Liebhaber nach dem anderen genommen hatte. Dabei hatte er genau das Gegenteil gewollt. Er wollte Stabilität. Warum war ihm das nicht gelungen?

Aber stimmte das überhaupt? Konnte er sich wirklich auf Charlies Erzählungen verlassen?

Eigentlich hatte er keine Pause machen wollen, denn es waren nur drei Kilometer bis Amalfi. Doch als er das hübsche und vom Tourismus noch nicht berührte Küstenörtchen Atrani erreichte, wurde ihm klar, dass er immer noch nicht ganz fit war, obwohl er sich die ganze Zeit über ausgeruht hatte. Daher machte er in einem der kleinen Restaurants Halt und bestellte sich zu seinem Wasser einen starken Espresso, wie es ihn in London nicht gab, dazu ein Mandelgebäck.

Er saß im Schatten unter einem Sonnenschirm und betrachtete das bunte Treiben auf dem Marktplatz. Zwischen den Häusern schimmerte verführerisch das blaue Meer, doch er bemerkte es kaum, genauso wenig wie die angeregten Unterhaltungen in vielen Sprachen um ihn herum. Immer wieder dachte er über die vergangenen Wochen nach und über das, was in seinem Leben schiefgelaufen war. Mit aller Macht versuchte er, die grauen Schatten seines Geistes mit Licht zu erfüllen.

Alles war perfekt gewesen bis zum Tag vor ihrer Hochzeit. Das wusste er mit absoluter Sicherheit, als wäre es erst gestern gewesen. Bei diesem Gedanken lächelte Matteo trocken. Denn für ihn war es ja wie gestern. Die einzige Wolke in seinem ansonsten azurblauen Himmel war das Missfallen, das sein Großvater Charlie gegenüber gezeigt hatte.

Ihre erste Begegnung war kein Erfolg gewesen. Denn als sie das formelle Restaurant in ihrem langen Blümchenkleid betreten hatte, zu dem sie auffälligen Schmuck trug, war ihm klar gewesen, dass sein Großvater nicht begeistert von ihr war. Erst als sie ihm erzählt hatte, dass ihre Mutter Diplomatin war und ihr Vater ein ziemlich bekannter Journalist, hatte dies seinen Großvater ein wenig besänftigt. Doch dann hatte Charlie den guten Eindruck wieder zerstört, als sie gestanden hatte, wie sehr sie Botschaftsempfänge verabscheute.

Sein Großvater hatte gehofft, dass Charlie nur eine Episode war, die schnell vorübergehen würde. Als Matteo ihm jedoch von ihren Hochzeitsplänen erzählt hatte, hatte dies zu ihrem ersten und einzigen Streit geführt. Ein Streit, der damit geendet hatte, dass sein Großvater sich strikt geweigert hatte, zu der Zeremonie zu erscheinen.

Die Erinnerung an dieses Zerwürfnis war noch so lebendig in ihm, dass er auch jetzt noch die Scham und das Schuldbewusstsein darüber spüren konnte, dass er ausgerechnet den Mann enttäuscht hatte, der ihn großgezogen und der an ihn geglaubt hatte. Den Mann, der ihm als Einziger ein Gefühl von Familie vermittelte.

Matteo griff nach einem Stück Zucker und zerkrümelte es langsam in seine Tasse. Dabei überschlugen sich seine Gedanken. Aber ganz so stimmte das auch nicht. Ja, er hatte seinen Großvater nach der Scheidung seiner Eltern als seine einzige Zufluchtsstätte betrachtet. Doch obwohl seine Mutter wirklich sehr egoistisch gewesen war, hatten seine italienischen Großeltern sich liebevoll um ihn gekümmert, wenn er in den Sommerferien zu Besuch gewesen war. Und als seine Mutter zum zweiten Mal heiratete, hatte sie ihm tatsächlich ein Heim angeboten. Er war es selbst gewesen, der das Angebot zurückgewiesen hatte, denn an diesem Punkt war seine Verbindung zu seinem Großvater schon zu stark gewesen.

Außerdem hatte er sich damals schon in dem Bewusstsein gesonnt, dass er der Auserwählte war, der Erbe des Familienunternehmens, dessen Wurzeln viele Jahrhunderte zurücklagen. Harrington Industries war mit den Jahren stetig gewachsen. Der Konzern hatte Kriege und Inflationen überstanden und war zum unangefochtenen Marktführer geworden. Den größten Teil dieses Wachstums verdankte das Unternehmen seinem Großvater, doch jetzt war er es, der die Geschicke des Konzerns leitete und das Schiff steuerte. Er wusste, wo sie als Nächstes investieren und aus welchen Geschäftszweigen sie sich besser zurückziehen sollten, und er allein war verantwortlich für die Jobs und den Unterhalt vieler tausend Angestellter.

Er trank seinen Espresso aus und ließ ein paar Euros auf dem Tisch zurück, bevor er sich wieder auf den Weg machte. Was wusste er sonst noch? Seine letzte Erinnerung bezog sich auf den Tag vor der Hochzeit. Noch wie heute wusste er, wie aufgeregt er gewesen war und wie er sich auf den Tag, auf ihre Flitterwochen und auf ihr gemeinsames Leben gefreut hatte. Er hatte nicht den Schatten eines Zweifels gehabt, dass er das Richtige tat.

Was hatte sich verändert?

Laut Polizeibericht war er auf dem Weg nach Kent gewesen, als der Unfall passierte. Und er wusste auch noch, dass Charlie im Cottage ihrer Großmutter gewohnt hatte, als sie ihn im Krankenhaus besuchte. Aber warum nur?

Konzentration. Sein Großvater war krank geworden, deshalb hatten sie ihre Flitterwochen abgebrochen. Und dann? Matteo stieß einen lauten Fluch aus. Es wurde wirklich Zeit, dass er sich erinnerte.

Ohne nach rechts oder links zu schauen, überquerte er die verkehrsreiche Straße, und da passierte es. In letzter Sekunde entging er dem Zusammenprall mit einem Motorroller, der genau in diesem Moment um die Ecke bog, und stürzte zu Boden. Sofort machten sich all seine Prellungen und blauen Flecke wieder bemerkbar, ihm blieb die Luft weg.

Der Fahrer des Motorrollers rief ihm ein paar wüste Beschimpfungen zu und brauste davon, ohne sich noch einmal nach ihm umzuschauen.

„Mir geht’s gut … tutto bene … grazie“, sagte er, als ein paar Passanten ihm aufhelfen wollten, und erhob sich mühsam. Erneut überschlugen sich seine Gedanken, und als er wieder auf den Beinen war, ging er sofort ins nächste Restaurant. Dort bestellte er einen Grappa und stürzte ihn in einem Zug hinunter.

Da passierte es.

Langsam konnte er sich wieder erinnern. An alles.

An die wunderschöne Hochzeit und die drei perfekten Tage mit Charlie in Paris. An die letzten bitteren Worte, die sein Großvater im Krankenhaus zu ihm gesagt hatte. An seine Entschlossenheit, alles wiedergutzumachen. Und wie er sich danach nur noch in die Arbeit gestürzt hatte, ohne zu merken, dass seine junge Frau an seiner Seite immer unglücklicher wurde, bis es zu spät war.

Er konnte sie nur noch gehen lassen, die Scheidung beschleunigen und versuchen, sein Leben weiterzuleben. Das war er ihr schuldig.

Doch als er dann die Dokumente erhalten hatte, hatte er das Gefühl gehabt, dass er sich nie verzeihen würde, nicht wenigstens um ihre Ehe zu kämpfen. Um seinetwillen, aber auch um Charlies willen. Er war auf dem Weg nach Kent gewesen, um sie zu bitten, ihm eine zweite Chance zu geben.

Er hatte seine Frau zurückgewinnen wollen, und das wollte er immer noch. Jetzt musste er sich nur überlegen, wie ihm das gelingen könnte.

Matteo lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Wenn er in die Villa zurückkehrte und Charlie sagen würde, dass seine Erinnerung zurückgekommen war, würde sie wahrscheinlich auf der Stelle abreisen. Seine einzige Hoffnung bestand darin, dass sie ihn noch nicht ganz aufgegeben hatte.

Damals hatte sie Freude und Spontaneität in sein Leben gebracht. Vielleicht war es jetzt an der Zeit, ihr etwas zurückzugeben. Und er wusste auch schon genau, wie. Seine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. Charlie zurückzugewinnen würde sicher nicht leicht sein, aber es würde Spaß machen.

6. KAPITEL

Charlie sah hoch, als Matteo langsam die Steintreppe hinunterging, die zum Pool führte. Alarmiert sprang sie auf. Er sah einfach schrecklich aus. Die ganze Erholung der letzten Tage war weg, und fast hätte sie schwören können, dass er neue Kratzer und Prellungen an Armen und Beinen hatte. Seine Haut hatte allen Glanz verloren, er hatte Schweißperlen auf der Stirn.

„Was ist denn passiert?“, fragte sie erschrocken. „Bist du okay?“

Er winkte ab. „Natürlich bin ich okay. Ich habe nur einen Spaziergang nach Amalfi gemacht, ich wollte endlich mal meinen Kopf freikriegen.“

„Nach Amalfi? In dieser Hitze? Bist du verrückt?“

„Ach, das sind doch nur ein paar Kilometer, nicht der Rede wert. Wenn dieser blöde Motorroller nicht gewesen wäre, wäre dir gar nichts aufgefallen. Ich bin total fit, das kannst du mir glauben.“

Charlie verschränkte die Arme vor der Brust und runzelte die Stirn. „Was denn für ein blöder Motorroller?“

Matteo grinste nur, ging zu ihr und ergriff ihre Hand. Ein Funken des Begehrens schoss bei der Berührung durch ihren Körper. Wie traurig das doch war: Sie sehnte sich nach dem Mann, der ihr das Herz gebrochen hatte.

„Na ja, ich fürchte, es war meine Schuld“, räumte er ein. „Ich habe nicht auf den Verkehr geachtet.“

Missbilligend schüttelte sie den Kopf. „Wie kannst du dir in deinem Zustand so etwas antun? Denk doch mal an deine Rippen, von der Gehirnerschütterung ganz zu schweigen.“

„Tut mir leid, ich wollte dich nicht beunruhigen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es meiner Gehirnerschütterung besser geht. Was die Rippen angeht, hast du allerdings recht. Trotzdem brauchst du dir meinetwegen keine Sorgen zu machen. Du weißt doch, ich bin ziemlich hart im Nehmen.“

„Das sagt sich so leicht“, erwiderte sie und entzog ihm die Hand, obwohl es ihr nicht leichtfiel. „Aber wie soll ich mir keine Sorgen machen, wenn du dauernd so verrückte Sachen anstellst?“

Andererseits war er ein erwachsener Mann, und sie war nicht mehr für ihn verantwortlich. Wenn er irgendwelche Dummheiten machen wollte, war das einzig und allein seine Sache.

„Und wie war dein Morgen?“, fragte Matteo, der offensichtlich bemüht war, das Thema zu wechseln.

Buon giorno“, sagte Charlie langsam und betonte dabei jede Silbe. „Mi chiamo Charlie. Tu come ti chiami?“

Er hob die Brauen, und sie kicherte, als sie seinen überraschten Gesichtsausdruck sah. „Ich dachte, wenn ich schon italienische Kinder im Ballett unterrichten soll, müsste ich auch eigentlich in der Lage sein, mehr als nur ‚danke‘ in ihrer Sprache zu sagen. Deshalb habe ich mithilfe einer App schon mal ein bisschen geübt.“

„Du fängst an, Italienisch zu lernen? Du freust dich also loszulegen?“ Er klang sehr angetan, und doch lag eine Zurückhaltung in seinem Blick, die sie sich nicht erklären konnte.

Autor

Jessica Gilmore

Jessica Gilmore hat in ihrem Leben schon die verschiedensten Jobs ausgeübt. Sie war zum Beispiel als Au Pair, Bücherverkäuferin und Marketing Managerin tätig und arbeitet inzwischen in einer Umweltorganisation in York, England. Hier lebt sie mit ihrem Ehemann, ihrer gemeinsamen Tochter und dem kuschligen Hund – Letzteren können die beiden...

Mehr erfahren
Barbara Wallace

Babara Wallace entdeckte ihre Liebe zum Schreiben, als eines Tages ihre beste Freundin Kim ihr einen Roman lieh, der von Katzen handelte. Einmal gelesen und sie war gefesselt. Sie ging nach Hause und schrieb ihre eigene Geschichte. Sinnlos zu erwähnen, dass es der Roman „Ginger the Cat“ (ihre eigene Katze)...

Mehr erfahren
Miranda Lee
Miranda Lee und ihre drei älteren Geschwister wuchsen in Port Macquarie auf, einem beliebten Badeort in New South Wales, Australien. Ihr Vater war Dorfschullehrer und ihre Mutter eine sehr talentierte Schneiderin. Als Miranda zehn war, zog die Familie nach Gosford, in die Nähe von Sydney.

Miranda ging auf eine Klosterschule. Später...
Mehr erfahren
Nina Singh

Nina Singh lebt mit ihrem Mann, ihren Kindern und einem sehr temperamentvollen Yorkshire am Rande Bostons, Massachusetts. Nach Jahren in der Unternehmenswelt hat sie sich schließlich entschieden, dem Rat von Freunden und Familie zu folgen, und „dieses Schreiben doch mal zu probieren“. Es war die beste Entscheidung ihres Lebens. Wenn...

Mehr erfahren