Julia Extra Band 512

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PIKANTE ÜBERSTUNDEN MIT DEM PRINZEN
von KATRINA CUDMORE

Eine Riesenchance für ihre Karriere! Die ehrgeizige Journalistin Toni darf Ivo von Monrosa interviewen - und verfällt dabei höchst unprofessionell dem charismatischen Prinzen. Aus ihren pikanten Überstunden werden gestohlene Tage des Glücks. Bis Tonis Auftrag beendet ist …

EINE BRAUT FÜR DEN ITALIENISCHEN MILLIARDÄR
von MELANIE MILBURNE

"Ich brauche dringend eine Ehefrau!" Die hübsche Heiratsvermittlerin Emmie soll für Milliardär Matteo Vitale eine passende Partnerin suchen. Unglücklicherweise findet sie ihren italienischen Auftraggeber selbst so verboten heiß - und darf doch niemals seine Braut werden!

SINNLICHES RENDEZVOUS NACH DIENSTSCHLUSS
von ALISON ROBERTS

Stromausfall! Graces erster Tag im Krankenhaus beginnt mit einem Chaos - das ihr neuer Chef Dr. Charles Davenport bewundernswert meistert. Und der Grace, als Manhattan wieder im Lichterglanz erstrahlt, einen verführerischen Vorschlag macht. Nach Dienstschluss - und ganz privat …

DIESE LIEBE IST CHEFSACHE
von THERESE BEHARRIE

Erfolgreich, umschwärmt und ein bisschen arrogant: Als CEO in seinem eigenen Unternehmen hat Tyler Murphy immer das Sagen. Da ist die eigenwillige Brooke, die er überraschend kennenlernt, eine echte Herausforderung - der er auf keinen Fall widerstehen kann!

  • Erscheinungstag 04.01.2022
  • Bandnummer 512
  • ISBN / Artikelnummer 9783751512046
  • Seitenanzahl 450
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Katrina Cudmore, Melanie Milburne, Alison Roberts, Therese Beharrie

JULIA EXTRA BAND 512

KATRINA CUDMORE

Pikante Überstunden mit dem Prinzen

Er gibt ein Interview nur am Ort seiner Wahl: Der pressescheue Prinz Ivo lädt die Journalistin Toni Clarke auf sein einsames Anwesen ein. Ihre Fragen führen ihn in die Vergangenheit – und ihre Küsse in die Zukunft …

MELANIE MILBURNE

Eine Braut für den italienischen Milliardär

Die schöne Heiratsvermittlerin Emmie soll so schnell wie möglich eine passende Frau für ihn finden. Aber eigentlich will Milliardär Matteo Vitale nur sie! Warum weist Emmie ihn bloß beharrlich ab?

ALISON ROBERTS

Sinnliches Rendezvous nach Dienstschluss

Seit Grace auf seiner Station arbeitet, muss Chefarzt Charles Davenport immer wieder sehnsuchtsvoll an sie denken. Aber von Liebe stand nichts im Vertrag! Außerdem hat er einer anderen Treue geschworen …

THERESE BEHARRIE

Diese Liebe ist Chefsache

Als der attraktive Tyler in ihr Leben tritt, ist Brooke alarmiert! Eine neue Liebe kommt nicht infrage. Aber der erfolgsverwöhnte Spitzenmanager scheint sie ernsthaft vom Gegenteil überzeugen zu wollen …

1. KAPITEL

Sein kühler Blick aus silbergrauen Augen traf sie wie ein Blitz über das stylische Entree des Großraumbüros hinweg, wo sie auf ihn wartete.

Da saß er … am riesigen Konferenztisch in der Mitte der umgebauten Lagerhalle, hörte offenbar aufmerksam zu, nickte entweder oder runzelte die Stirn, als einziges Feedback zu dem, was die anderen am Tisch sagten.

Die fünfzehnköpfige Gruppe sprach Englisch, allerdings ließen die verschiedenen Akzente auf eine wilde Mischung unterschiedlicher Nationalitäten schließen. Ihr Überschwang und die spürbare Leidenschaft für alles, worüber sie diskutierten, vereinten sie ebenso wie ihre Körpersprache, die zeigte, wie sehr sie ihn zu beeindrucken versuchten.

Ihren Boss … Prinz Ivo von Monrosa, ehemaliger internationaler Leistungssportler und jetzt CEO von Private Investment Management.

Alle in diesem unkonventionellen Büro waren lässig gekleidet. Die bunte Truppe am runden Tisch, ebenso die etwa zwanzig Mitarbeiter vor ihren Laptops an den langen Gemeinschafts-Bürotischen. Es gab verschiedene Chill-Out-Areas, ausgestattet mit niedrigen Designer-Sesseln und stylischen Espresso-Maschinen, an den freigelegten Ziegelwänden hingen moderne Kunstwerke im Großformat.

Ivo allerdings stach aus der hippen Szenerie schon allein durch seine beeindruckende Größe und athletische Statur heraus. Dazu das makellos gepflegte Äußere, seine stolze Kopfhaltung, das klassische Profil … alles wirkte dominant, scharf gezeichnet und geradezu einschüchternd attraktiv.

Das blassblaue Hemd stand am Hals offen und war wie die dunkle Hose unter Garantie maßgeschneidert. Das dichte braune Haar, an den Seiten kurz gehalten, trug er aus der hohen Stirn gekämmt. Mit den markanten Wangenknochen und dem gebräunten Teint vermittelte er immer noch die dynamische Energie eines internationalen Athleten.

Dazu sein royaler Titel, Reichtum, die erfolgreiche Sportlerkarriere und aktuelle Reputation als dynamischer Player mit beeindruckend analytischen Fähigkeiten im Haifischbecken der Hochfinanz … kein Wunder, dass man ihm eine gewisse Arroganz zuschrieb.

Dieser Mann musste sich nicht anstrengen, um zu beeindrucken.

Gib es zu, Toni Clarke, du findest seine coole Selbstsicherheit inspirierend und höllisch sexy! Und dass dein Herz dir aus dem Hals zu springen droht, hat nichts mit dem geplanten Interview zu tun! Allein ihn wiederzusehen, droht dich ja schon umzuhauen …

Es hielt sie einfach nicht mehr auf diesem stylischen Sessel. Abrupt stand sie auf, trat an die raumhohe Fensterfront und starrte hinaus auf Monrosas Hafenarea … von den historischen Docks bis hinüber zum modernisierten Teil.

Tatsächlich hatte sie etliche Anknüpfungspunkte oder Verbindungen zu Ivo, ihn aber nur einmal persönlich getroffen, als Brautjungfer ihrer beste Freundin Alice, die Ivos Bruder Luis geheiratet hatte. Ivo war Trauzeuge gewesen.

Und durch Alice hatte sie auch Kara – inzwischen Prinzessin von Monrosa – kennengelernt und als Freundin dazugewonnen. Sie hatte den ältesten der drei Brüder geheiratet: Kronprinz Edwin, nach der Abdankung seines Vaters inzwischen Monarch des Inselkönigreiches Monrosa.

Toni hatte gewusst, dass sie an diesem Wochenende anlässlich der Taufe von Karas und Edwins erstgeborenem Kind, Prinzessin Gabriela, erneut aufeinandertreffen würden. Und damit hätte sie locker umgehen können … weil genügend andere Gäste anwesend sein würden, mit denen sie sich unterhalten konnte.

Aber dank Karas Intervention stand sie jetzt hier und sollte die nächsten vier Tage in Ivos Firma verbringen!

Okay, die Hochzeit war vor achtzehn Monaten gewesen. Trotzdem war sie immer noch beschämt und nicht darüber hinweg, dass sie sich in seinen Armen ungeplant ausgeweint hatte … und wie entsetzt und betroffen er gewesen war.

Toni schloss für einen Moment die Augen und atmete tief durch.

Du hast das unter Kontrolle! Ja, das Timing ist eine Katastrophe, ja, er hat dich heulen sehen wie einen albernen Teenager, aber der Mann ist eine Ikone, und dieses Interview hat das Potenzial, alles zu verändern. Okay, er mag der nervigste Typ sein, der dir je untergekommen ist, aber immer noch ein Mensch … oder?

Obwohl, den Spitznamen ‚Maschine‘ hatte man ihm nach der Goldmedaille im Rudern nicht ohne Grund verpasst. Sein Gesichtsausdruck veränderte sich nie, egal ob an der Startlinie oder auf dem Podium, immer zeigte er stoisch eine entnervende Ernsthaftigkeit. Er gab nie Interviews und galt allgemein als sehr diskret.

Andere Journalisten würden ihren rechten Arm dafür geben, ihn interviewen zu können. Sei es auch nur für eine halbe Stunde, ganz zu schweigen von vier Tagen!

Und du? Reiß dich zusammen und vergiss deine Selbstzweifel. Zumindest weißt du schon ein wenig über sein Leben und Umfeld und gehst nicht so blind in dieses Interview wie sonst.

Wie hatte sie sich nur Karas verrückter Idee beugen können, erst in letzter Sekunde zu erfahren, wen sie interviewen sollte? Okay, diese Taktik war dazu gedacht, das Gespräch zu einem ungekünstelten, aufrichtigen Dialog gelingen zu lassen, in dem die Journalistin quasi zusammen mit den Zuhörern Interessantes von dem Prominenten erfuhr.

Es gab keine vorbereiteten Fragen, keine Chance, sich mit Informationen zu versorgen oder eine vorgefasste Meinung anzueignen. Es mochte spannend und innovativ sein, aber auch extrem nervenaufreibend … zumal der Podcast bedingte, dass man vier Tage lang bei dem entsprechenden Kandidaten einzog!

Dank ihrer intimen und einzigartigen Atmosphäre erfreuten sich diese Podcasts einer großen Fangemeinde. Kara und sie waren sich einig gewesen, dass die ersten Interviews zurückhaltend geführt werden sollten, um Erfahrungen zu sammeln und aus ihnen zu lernen. Stattdessen hatte Kara sie mit diesem Interview, das die Nerven selbst der erfahrensten Journalisten einer Zerreißprobe unterwerfen würde, direkt in ein Haifischbecken geworfen!

Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Kara wusste doch, dass sie sich in einem absoluten Ausnahmezustand befand … nach der Überraschungshochzeit ihres Ex-Lovers, die in sämtlichen sozialen Medien veröffentlicht worden war.

Okay, die gescheiterte Beziehung mit Dan hatte sie verdaut. Es war ja nicht so, als hätte sie die letzten achtzehn Monate damit verbracht, ihm nachzutrauern! Sie hatte ihr Leben weitergelebt und war wild entschlossen, etwas Besonderes, etwas Aufregendes aus ihrer neuen, wenn auch nicht beabsichtigten Unabhängigkeit zu machen.

Doch seine Hochzeit hatte sie schon bis ins Mark getroffen. Schock, Schmerz, Demütigung … aber auch Selbstvorwürfe, weil ihr erst da klar geworden war, dass sie in den letzten Jahren nicht aus Liebe mit ihm zusammengeblieben war, sondern weil sie sich bei ihm irgendwie sicher gefühlt hatte. Und Bedauern, weil sie sich aus den falschen Gründen an ihre Beziehung geklammert hatte.

Dabei hätte sie es besser wissen müssen.

Während ihrer gesamten Kindheit hatte sie damit leben müssen, dass ihr Vater ohne Vorwarnung ging und wiederkam, wie es ihm passte, und daraus gefolgert, dass Liebe nicht zuverlässig war. Aber anstatt daraus zu lernen und ihr Herz zu schützen, war sie mit neunzehn Jahren direkt in eine zehnjährige Beziehung mit Dan geschliddert, im verzweifelten Verlangen nach Stabilität und Sicherheit.

Als sich Dan zunehmend distanzierter zeigte und ständig unterwegs war, geriet sie in dieselbe Falle wie damals ihre Mutter, die ihren Mann nach Wochen, Monaten und sogar Jahren immer wieder mit offenen Armen aufgenommen hatte. Stets in der Hoffnung, er würde ihr eines Tages doch noch die Liebe geben, nach der sie sich sehnte.

Toni seufzte. Sie hätte ihre Beziehung mit Dan von sich aus beenden müssen, anstatt zu klammern und so ihr Selbstwertgefühl zu unterminieren.

Aber damit war es vorbei … ein für alle Mal.

Jetzt wusste sie, dass sie mutiger sein musste und sich emotional nicht so verwundbar zeigen durfte. In der Vergangenheit hatte sie ihr Herz immer auf der Zunge getragen und versucht, sich die Loyalität und Freundschaft anderer Menschen zu sichern. Damit war es schlagartig vorbei gewesen, als Dan sie hatte fallen lassen.

Dass sich auch die Kollegen in der Fernsehproduktionsfirma, für die sie beide arbeiteten, von ihr distanzierten, hätte sie eigentlich nicht überraschen und schon gar nicht so tief treffen dürfen. Immerhin wurde Dan weltweit als Starjournalist faszinierender historischer Dokumentationen gefeiert und geehrt, während man auf sie als Produzentin schon leichter verzichten konnte.

Und das, obwohl sie es gewesen war, die Dan in die Firma geholt hatte, weil sie einen Moderator für ihre neue Dokumentarserie brauchte.

Nie wieder wollte sie so naiv und bedürftig sein und sich so tief verletzen lassen. Deshalb hatte sie sich nach Dans Abgang schon aus Trotz mit anderen Männern verabredet, sie aber stets auf Distanz gehalten. Ihr Interesse an ernsthaften Beziehungen war gleich null, stattdessen steckte sie ihre Energie lieber in eine Podcast-Karriere.

Und dieser Podcast von Karas Initiative Young Adults Together, mit dem Titel ‚YA Together: Person Unknown‘ bedeutete ihr momentan alles. Es verlieh ihrem Leben einen neuen Sinn und gab ihr die Chance, ihre Reputation und ihren guten Namen wiederherzustellen. Eine Chance, die sie nicht leichtfertig aufgeben durfte …

Rund um den Jachthafen feierten Menschen zweifellos die Tatsache, dass ihnen ein langes Wochenende bevorstand, da der nächste Montag in Monrosa ein nationaler Feiertag war. Sie saßen vor den Bars und Cafés, tranken Cocktails und aßen Tapas.

Tonis Magen begann zu knurren. Seit dem einen Croissant auf dem Weg zum Flughafen hatte sie nichts mehr zu sich genommen. Und das auch nur halb, dank Karas Anruf und ihrer aufgeregten Ankündigung, dass sie ein Interview gleich für dieses Wochenende vorbereitet hätte.

Toni hatte noch versucht zu argumentieren, dass sie sich dazu nicht in der Verfassung fühle, doch Kara wollte davon nichts hören und auch nichts von ihren Plänen, die zwei Tage damit verbringen zu wollen, den Täufling, die kleine Gabriela besser kennenzulernen. Stattdessen beendete sie den Anruf mit dem Hinweis, dass der Chauffeur, der sie am Flughafen erwarten würde, sie während der Fahrt über ihren Interview-Partner informieren würde.

Daraufhin war Toni zurück nach Hause gehetzt, um ihren tragbaren Rekorder samt Mikro einzupacken, und hätte fast noch ihren Flug verpasst …

„Miss Clark?“

Sie fuhr herum und spürte ihr Herz plötzlich oben im Hals.

„Ich entschuldige mich dafür, dass ich Sie warten ließ.“ Mit einer lässigen Geste wies er in Richtung der Lounge-Ecke. „Darf ich Ihnen eine Erfrischung anbieten?“

Ihnen?

Er war ungemein höflich, extrem förmlich und so ungerührt, als wären sie sich nie zuvor begegnet. Toni spürte heiße Röte in ihre Wangen steigen. „Nein danke, Hoheit.“

Ein weiterer Wink bedeutete ihr, ihm zu folgen, und so schnappte sich Toni ihre Laptoptasche und fand sich kurz darauf in einem der gläsernen Büros wieder, wo ihr Interview-Partner am Schreibtisch Platz nahm, hinter sich ein riesiges Fenster, mit freiem Blick auf eine Reihe von Megajachten, die den Kai säumten. Im Hintergrund sah man die strahlend weiße Fähre, die zwischen hier und der Altstadt von Monrosa verkehrte.

Toni nahm auf der gegenüberliegenden Schreibtischseite Platz und bemühte sich ebenso nervös wie tapfer, seinem eindringlichen Blick aus silbergrauen Augen standzuhalten. Sekunden verstrichen, ohne dass etwas passierte. War das ein Test?

Sie lächelte in der Hoffnung, ihm damit Mut zum Gesprächsauftakt zu machen, doch nichts geschah … außer, dass sich die Röte auf ihren Wangen spürbar vertiefte.

Verflixt! Sie konnte unmöglich den Anfang machen, solange sie von spätpubertären Fantasien verfolgt wurde, die darin gipfelten, dass sie sich von seinem harten Körper gegen die Wand gedrückt sah, während er rücksichtslos ihre willigen Lippen eroberte und …

„Vier Tage erscheinen mir zu lange.“

Zu lange wofür? Sich auf diese Weise näherzukommen oder gar …?

Toni schluckte mühsam. „Vier Tage?“

„Für das Interview“, kam es spröde zurück. „Kara redete von vier Tagen.“

„Oh, ja … ich fürchte, die werden wir brauchen“, murmelte Toni gepresst, holte tief Luft und versuchte, sich zu konzentrieren. „Aber ich verspreche, ein unkomplizierter Hausgast zu sein und Sie nicht über Gebühr …“ Sie brach ab und begann noch einmal von vorn, indem sie ihm spontan die Hand über den Schreibtisch hinweg reichte. „Ich freue mich wirklich, Sie wiederzusehen, Sir, und möchte mich dafür bedanken, dass Sie diesem Treffen zugestimmt haben. Sicher hat Kara Ihnen verraten, dass ich bis zum anberaumten Termin nie weiß, wer mich erwartet. Dass Sie mein Interview-Partner sind, hat mich sehr überrascht, ist mir aber ein großes Vergnügen.“

Er beugte sich über den Tisch und umfasste ihre Hand. Sein Griff war so fest und sein Blick so intensiv wie in ihrer Erinnerung. „Warum Vergnügen?“

Es war, als versuche er jede ihrer Regungen aufzunehmen, um dann zu entscheiden, ob er überhaupt mit diesem Interview fortfahren wollte.

Doch anstatt auf seine pragmatische Sichtweise einzusteigen, machte sich schon wieder ihre überbordende Fantasie selbstständig: Wer würde es nicht als Vergnügen betrachten, jemanden mit dem Gesicht und Körper eines griechischen Gottes zu interviewen … obwohl ich ja eigentlich mehr auf den lockeren, lustigen Typ stehe …

Toni räusperte sich unter seinem eindringlichen Blick, der besagte, dass er immer noch auf eine Antwort wartete.

„Ihr Auftritt im Podcast wird uns sicher ein noch mehr Hörer bescheren und damit sehr helfen“, informierte sie ihn sachlich, gefolgt von einem hoffentlich einnehmendes Lächeln. „Der Podcast ‚Person Unknown‘ ist in erster Linie dazu gedacht, Betroffenen zu vermitteln, dass Young Adults Together sie bei allen psychischen Problemen unterstützen möchte, mit denen sie konfrontiert sind. Mit jedem gesendeten Podcast erleben wir einen Anstieg von Hilfesuchenden, die Kontakt zu uns aufnehmen. Trotzdem gibt es noch genügend junge, verunsicherte Menschen, die unsere Hotlines nicht kennen oder zu nervös und ängstlich sind, um einen persönlichen Kontakt herzustellen. Wenn aber prominente Leute von ihrem Leben erzählen und darüber, was sie in guten und schlechten Zeiten gelernt haben, fühlen sich die Zuhörer nicht mehr so allein und hilflos den Herausforderungen des Lebens ausgeliefert. Ich bin mir sicher, dass Ihr Interview anderen sehr helfen wird.“

Anstatt darauf zu reagieren, wanderte sein Blick zu einem Punkt über ihrer Schulter, auf seiner Wange zuckte ein Muskel. Geräusche aus dem Großraumbüro wie Schwatzen, Lachen und lebhaft geführte Telefonate standen im krassen Gegensatz zur fast greifbaren Stille zwischen ihnen beiden.

Toni gab sich einen Ruck, nahm ihre Laptoptasche auf den Schoß und öffnete sie. „Bevor wir weiterreden, lassen Sie mich rasch das dafür notwendige Equipment aufbauen. Wie Kara Ihnen bestimmt verraten hat, führe ich mein erstes Interview immer am Arbeitsplatz der betreffenden Person, um den Zuhörern einen Einblick in deren Berufsleben zu vermitteln.“

Sie platzierte den Rekorder in die Mitte des Schreibtischs, schloss die beiden Mikrofone an, justierte sie in den mitgeführten Tischständern und richtete sie aus. Sie beugte sich vor, begegnete einem intensiven Blick aus silbergrauen Augen und hielt den Atem an. Sekundenlang rührte sich keiner von ihnen, dann räusperte sich Toni umständlich.

„Sind Sie bereit für mich?“ Als er mokant eine dunkle Braue hob, wurde sie rot und lachte verlegen. „Ich meine, Sind Sie soweit, dass wir das Interview starten können?“

Während Toni Clarke offensichtlich auf eine Antwort wartete, schwang ein kleiner Diamant, den sie an einer zierlichen Kette um den schlanken Hals trug, geradezu hypnotisch hin und her. Die oberen Knöpfe ihres gelben Hemdblusenkleides standen offen und gewährten ihm einen Blick auf einen blassgelben Spitzen-BH. Sie benutzte immer noch dasselbe Parfüm mit dieser leicht blumigen Note.

Nur widerwillig gestand er sich ein, dass er jedes Mal ganz besonders die Ohren spitzte, wenn Kara und Alice sich über dieses spröde Geschöpf unterhielten. Den Rest besorgte er sich aus den Medien … wie zum Beispiel Schlagzeilen über die Trennung von ihrem Ex, einem ebenso berühmten wie gefragten TV-Historiker.

Jetzt verzog sie die Stirn, als würde sie überlegen, wie seine Antwort ausfallen mochte. Mit einer unwilligen Geste strich sie ihr langes Haar hinter ein Ohr. Es erinnerte an reife, schimmernde Kastanien … dieselbe Farbe, die auch ihre Augen hatten, nur noch versehen mit einem bernsteingoldenen Schimmer. Ihre Nase war zierlich, die Lippen weich und voll, die Haut sanft gebräunt.

Auf der Hochzeit von Luis und Alice hatte sie ein goldenes Paillettenkleid getragen, das ihre schmale Taille ebenso reizvoll betonte wie die wohlgeformten Brüste. Das seidige Haar trug sie hochgesteckt, und als sie mit breitem Lächeln den Mittelgang in der Kapelle entlangschritt, schimmerten Tränen in ihren wundervollen Augen.

Ihre sanfte, natürliche Schönheit faszinierte ihn dermaßen, dass er den Blick keine Sekunde hatte abwenden können.

Natürlich sagte er sich immer wieder, dass er jede Nachricht und jede Erwähnung, die Toni betraf, mit der gleichen Aufmerksamkeit und demselben Interesse aufnahm, die er jedem entgegenbrachte, der in einer so engen Beziehung zu seiner Familie stand.

Allerdings hatte es auch einsame Nächte gegeben, in denen er versucht gewesen war, ganz spontan Kontakt zu ihr aufzunehmen. Doch da er sich selbst nicht eingestehen wollte, was genau die Antriebsfeder dieses unsinnigen Bedürfnisses sein mochte, verbannte er den Impuls energisch in seinen Hinterkopf. Zumal die Gefahr unberechenbarer Komplikationen viel zu groß war, bedachte man ihre enge Verbindung zu seinen beiden Schwägerinnen.

Doch dann platzte sie plötzlich unerwartet in seinen Alltag hinein, was ihm überhaupt nicht passte, da er ihr Rede und Antwort für ein sehr privates Interview stehen sollte. Aber er wollte weder über sein Leben noch über seine Arbeit oder sonst was sprechen …

Dummerweise hatte Kara ihn eindringlich gebeten, über seinen Schatten zu springen, und tief in seinem Innern wusste er sehr wohl, dass es gut und richtig für ihre Wohltätigkeitsorganisation war. Als Themen kamen für ihn aber nur seine sportliche und berufliche Karriere infrage, das musste reichen. Beide Bereiche lieferten sicher genügend Stoff, um den einstündigen Podcast zu füllen.

„Bevor wir starten, möchte ich Sie nur warnen, falls Sie sich von dem Interview große Aha-Momente oder …“

„Wollen wir nicht erst mal anfangen und sehen, wie es läuft?“, unterbrach sie ihn. „Immer wieder erlebe ich, dass es meine Interviewpartner überrascht und bewegt, wie viel Unerwartetes und Neues sie im Gespräch über sich selbst erfahren können.“

Sein ungläubiges Schnauben ließ sie kurz die Stirn runzeln, dann bemühte sich Toni um ein zuversichtliches Lächeln, interpretierte sein anschließendes Achselzucken als Zustimmung und drückte die Aufnahmetaste.

Hi, und willkommen zum Podcast ‚Person Unknown‘ von YA Together, in dem wir berühmte Persönlichkeiten treffen, die bereit sind, uns einen Einblick in ihre Karriere und ihr Wirken zu gewähren. Ich bin eure Gastgeberin Toni Clarke und extrem aufgeregt und begeistert, was meinen heutigen Interviewpartner betrifft. Aber ehe ich ihn vorstelle, gebe ich euch ein paar Hinweise. Vielleicht kommt ihr ja von selbst darauf, um wen es sich handelt: Ich bin hier auf einer zauberhaften Mittelmeerinsel, sitze in dem coolsten Büro, das ich je gesehen habe, und wenn ich durch die riesigen Fensterfronten schaue, sehe ich nicht nur einen strahlend blauen Himmel, sondern eine reizvolle Szenerie, vom Jachthafen angefangen, über Kunstgalerien, Bars und Restaurants. Es ist Freitagabend, jedermann scheint entspannt und in Feierlaune zu sein … und mir gegenüber sitzt mein Interviewpartner, ein internationaler Sportler, Goldmedaillengewinner und jetzt erfolgreicher CEO. Oh, habe ich eigentlich schon erwähnt, dass er dazu noch königlichen Geblüts ist? Bestimmt habt ihr längst erraten, dass es sich um Prinz Ivo von Monrosa handelt. Willkommen zu meinem Podcast, Hoheit.“

„Danke.“

Ihr Stil war frisch, optimistisch … mit einer intimen Note und passte sicher gut zu dem wahrscheinlich vorwiegend jugendlichen Publikum. Und genau deshalb haderte Ivo mehr denn je mit sich, dass er sich wieder mal von Kara zu etwas hatte animieren lassen, das ihm so gar nicht lag.

Erst gestern Abend hatte sie ihn mit ihrer winzigen Tochter auf dem Arm in seiner Palastsuite überfallen, angeblich, um über seine Rolle als Taufpate zu sprechen, und ihn dann, ganz nebenbei, noch einmal an das bevorstehende Interview erinnert.

Dabei wäre das gar nicht notwendig gewesen angesichts seines latent schlechten Gewissens, da er die Wohltätigkeitsorganisation seiner Schwägerin schon lange viel stärker hatte unterstützen wollen, war aber durch seine Sportlerkarriere und den vom Palast aufgezwungenen Verpflichtungen zu abgelenkt gewesen.

Doch als Kara dann noch wie nebenbei fallen ließ, dass Toni Clarke für vier volle Tage bei ihm einziehen sollte, bereute er seine vorschnelle Zusage zutiefst.

Vier Tage allein mit einer ebenso attraktiven wie irritierenden Beauty mochte eine verlockende Vorstellung sein, allerdings war das Apartment im Palast für ihn sein ganz privates Refugium … sein Rückzugs- und Zufluchtsort.

Ihn mit jemand teilen zu sollen, ging einfach zu weit.

Gerade als er vehement protestieren wollte, fing Gabriela jämmerlich an zu weinen, und während Kara mit dem schreienden Baby auf dem Arm im Zimmer auf und ab pilgerte, hatte sie ihm seufzend ihre Sorge um die Freundin anvertraut.

Bei Luis’ Hochzeit war ihm Toni anfangs viel zu aufgedreht und schwatzhaft erschienen, doch beim späteren Tanz miteinander hatte sie plötzlich ganz anders … irgendwie verunsichert, beunruhigt, verletzlich gewirkt. Und deshalb …

„Es ist übrigens nicht mein erstes Treffen mit dem Prinzen“, plauderte Toni munter weiter ins Mikro. „Wie einige von euch wissen, hat meine beste Freundin Alice O’Connor seinen Bruder Prinz Luis geheiratet, wobei Prinz Ivo Trauzeuge und ich Brautjungfer waren.“ Sie schaute zu ihm rüber, und sein intensiver Blick ließ sie erröten. „Es war eine wundervolle Hochzeit, oder?“, fragte sie in warmem Ton. „Doch leider blieb wenig Zeit, uns näher kennenzulernen.“

Ihr Ton implizierte, dass sie eine Antwort erwartete, nur wusste Ivo nicht, was er sagen sollte.

Als sie damals miteinander getanzt hatten, hatte er sie gefragt, ob sie sich amüsiere, worauf sie den Blick gesenkt und erstickt gemurmelt hatte, sie würde es versuchen. Eine seltsame Reaktion, die ihn ohne nachzudenken hatte murmeln lassen: „Alles wird gut.“

Daraufhin war sie in Tränen ausgebrochen und kurz darauf wie ein scheues Reh von der Tanzfläche hinaus in die Dunkelheit geflüchtet. Als er ihr, ebenso irritiert wie beunruhigt, in den Palastgarten gefolgt war, hatte sie sich laut schluchzend für ihr Verhalten entschuldigt und seine weiße Hemdbrust mit heißen Tränen benetzt. Ohne zu wissen, wie er damit umgehen sollte, hatte er sie nur stumm in den Armen gehalten, bis sie sich irgendwann von ihm losgemacht und gemurmelt hatte, sie müsse ihren Freund anrufen, von dem er da zum ersten Mal gehört hatte. Schließlich war sie ja allein zur Hochzeit gekommen.

„Es war ein sehr emotionaler Tag, an dem ich mehr geheult habe als in meinem gesamten Leben“, behauptete sie jetzt lachend. „Natürlich nur Freudentränen, wie es sich für eine Hochzeit gehört. Alice war aber auch eine besonders bezaubernde Braut.“

Der kurze Blick, den sie ihm zuwarf, signalisierte unzweifelhaft den Schlussstrich unter allem, was an diesem Tag zwischen ihnen gewesen war.

„Man kennt Sie allgemein als jüngsten Prinzen-Spross des Königshauses von Monrosa und internationalen Supersportler und Ruder-Star, Ivo. Wie würden Sie selbst sich beschreiben?“

Fragen wie diese hasste er wie die Pest, Was sollte man darauf sagen?

Am liebsten bin ich für mich allein, denke an gar nichts und fahre einfach in meinem Leben fort. Unsinnige Nabelschauen liegen mir einfach nicht.

„Ich arbeite gern hart.“

„Und außerhalb der Arbeitszeit?“

„Widme ich mich meinen königlichen Verpflichtungen, speziell meiner Repräsentantenrolle, was das Finanzministerium betrifft.“

Toni verzog die Stirn, lehnte sich in ihrem Stuhl zurück, und Ivo seufzte innerlich.

Raúl, im Königshaus verantwortlich für den Bereich Kommunikation, hatte mehrfach versucht, ihn für ähnliche Situationen zu schulen, besonders, was souverän geführte Interviews betraf, doch was falsch an kurzen, prägnanten Antworten sein sollte, erschloss sich Ivo bis heute nicht. Er selbst hatte wenig Interesse an persönlichen Umständen und Lebensweisheiten anderer und hielt so was eher für Zeitverschwendung.

„Ihr Unternehmen Pacolore Investments hat sich in kürzester Zeit als unglaublich effizient gezeigt“, fuhr Toni fort. „Was steckt Ihrer Meinung nach hinter diesem Erfolg?“

Endlich mal eine Frage, die er gern beantwortete! „Ich habe Pacolore bereits vor meinem Rückzug aus dem Rudersport gegründet und hatte von Beginn an eine klare Vorstellung, wie ich meine Firma führen wollte. Doch der ultimative Schlüssel zu der unerwartet dynamischen Expansion ist wohl in erster Linie der Tatsache geschuldet, dass ich als Mitarbeiter eine bunte Mischung von Charakteren bevorzuge. Individuen mit unterschiedlichen Hintergründen und Lebenserfahrungen, die sie täglich in ihren Job einbringen. Dadurch sehen und nutzen wir Chancen, die anderen Investmentunternehmen entgehen.“

„Woher rührt diese Philosophie oder besser diese Firmenpolitik?“

Wie sollte er ihr das in wenigen Sätzen klarmachen? Dass er gern und bewusst gegen den Strom schwamm und auf übliche Bewerbungen und Interviews verzichtete, die andere Unternehmen für das Nonplusultra hielten? Das mochte konventionellen, redegewandten Bewerbern den Weg ebnen, ließ aber Individualisten außer Acht, weshalb er sich lieber auf messbare Leistungen verließ, Menschen nach ihren tatsächlichen Fähigkeiten beurteilte und nicht danach, wie gut sie sich verkaufen können.

„Ich habe Finanzwesen und Mathematik studiert und erlebt, dass einige meiner klügsten Kommilitonen in konventionellen Investmentfirmen völlig aufgeschmissen waren, während ich bereits mein aus eigenen Mitteln finanziertes Unternehmen betrieb und nebenbei aus anfänglich gemachten Fehlern eine Menge lernte. Nachdem ich dann auch noch über Online-Investitions-Foren den Reichtum an Talenten da draußen entdeckte … äußerst intelligente und flexible Seiteneinsteiger, ging es weiter steil bergauf. Wer sich nicht in Formen und Normen pressen lässt, ist oft ein Garant für wahre Veränderungen und Innovationen.“

„Sehen Sie sich selbst auch in dieser Kategorie?“

Der unterschwellige Zweifel in ihrer Stimme war nicht zu überhören. Wie sollte sich jemand aus einem derart privilegierten Umfeld wie seinem als außerhalb stehend klassifizieren können? Aber hatte er sich nicht, seit er denken konnte, so gefühlt?

„Teilweise.“

Sie wartete auf weitere Erklärungen, aber nichts kam. „Wo sind Sie zur Schule gegangen? Wie war Ihre Kindheit?“

Einsam und verwirrend. Manchmal beängstigend. Nicht, dass er das je offen zugeben würde. „Ich wurde mit zehn nach England in ein Internat geschickt.“

„Hat es Ihnen dort gefallen?“

„Mit der Zeit immer besser.“

Ihr Blick wurde weich und bereitete ihm Unbehagen. „Das war kurz nach dem Tod Ihrer Mutter, Prinzessin Christina. Es muss sehr schwer für Sie gewesen sein.“

Mit einem Ruck schob Ivo seinen Stuhl zurück. „Ich erinnere mich nicht besonders gut an diese Zeit.“ In der Presse war damals genüsslich breitgetreten worden, dass er allein mit seiner Mutter gewesen war, als sie gestorben war. Voller Panik wartete er darauf, dass sie womöglich noch weiter in ihn drang und damit zwang, sich an den tragischen Unfall und den Albtraum der darauf folgenden Tage zu erinnern.

2. KAPITEL

Was seinen Vater betraf, war dessen anfänglicher Schock quasi auf der Stelle in eine mörderische Wut umgeschlagen, die sich ungefiltert entlud, gegen Stallknechte und Bodyguards, die seine Frau nicht begleitet hatten, obwohl er sehr wohl wusste, dass sie stets darauf bestand, allein auszureiten.

Krank vor Kummer und gebeutelt von Schuldgefühlen hatte Ivo seinem Vater gestanden, dass er seine Mutter zu einem gemeinsamen Ausritt gedrängt hatte, obwohl sie sich nicht wohlfühlte, und wie er nach ihrem Sturz voller Panik losgeritten war, um Hilfe zu holen, anstatt bei ihr zu bleiben, damit sie nicht einsam und allein sterben musste.

Doch sein Vater war zu wütend gewesen, um ihm auch nur zuzuhören, und während Ivo voller Verzweiflung Trost und Unterstützung innerhalb der Familie gesucht hatte, schien die sich plötzlich in nichts aufgelöst zu haben. Sein Vater wütete gegen alles und jeden, Edwin gab sich ständig beschäftigt und taub gegen den Rest der Welt, und Luis flüchtete sich zu seinen Freunden und wurde so gut wie nie mehr im Palast gesichtet.

Schon zuvor war seine Mutter die Einzige gewesen, die ihn und sein ausgeprägtes Bedürfnis nach Ruhe und Alleinsein verstand. Doch nach ihrem Tod änderte sich alles. Obwohl er sich so verzweifelt danach gesehnt hatte, in Ruhe um sie trauern zu dürfen, zwang sein Vater ihn, während der offiziellen Trauerfeierlichkeiten in der ersten Reihe zu stehen, wo er von jedermann angestarrt wurde, obwohl er sich in seiner namenlosen Trauer am liebsten vor der ganzen Welt versteckt hätte.

Um zu überleben, hatte er sich damals nicht nur vor der Wirklichkeit um sich herum, sondern auch von seiner Familie gelöst, was sich noch viel stärker manifestiert hatte, nachdem er ins Internat geschickt worden war, wo es erst recht kein Entrinnen für ihn gegeben hatte. Der einzige Weg zu Überleben bestand darin, sich möglichst zielstrebig zu zeigen, um emotionale Verstrickungen und aufgezwungene Freundschaften wie Feindschaften zu vermeiden. Im Ruderteam fand er dank seiner sportlichen Ader und dem unbedingten Drang gewinnen zu wollen Akzeptanz, und man stellte keine anderen Anforderungen an ihn.

„Sie müssen in der Nähe des Mikrofons bleiben“, brachte Toni ihn zurück ins Hier und Jetzt. „Sorry, ich hätte das vorher erklären müssen. Aber keine Sorge, ich kann das noch nachträglich korrigieren … und natürlich auch Passagen rausschneiden.“

Ihr ruhiger, offener Blick signalisierte Verständnis, was ihm seltsam wohltat.

„Dies ist Ihr Podcast, und ich werde nichts veröffentlichen, mit dem Sie oder der Palast nicht zufrieden sind …“

Nach einer kleinen Pause nickte sie und lächelte ihm aufmunternd zu. „Was sind Ihre Ambitionen für die Zukunft, Hoheit?“

Ihr offenkundig beabsichtigter Themenwechsel irritierte und beruhigte ihn gleichermaßen. Aber warum hatte sie sich dazu entschieden? Lebenslange mangelnde Akzeptanz seiner verschlossenen Persönlichkeit hatte ihn misstrauisch werden lassen, was die Motivation anderer Menschen betraf … selbst bei harmlosesten Anlässen.

Ungebeten suchte ihn die Erinnerung an die Drohungen und Bestechungsversuche seines Vaters heim, mit denen der damals versucht hatte, ihn aus seinem Schlafzimmer zu locken, wo er sich vor dem Rest der Welt versteckte. Und dann die Sommercamps, in die er gezwungen wurde, wo die Lagerleiter jede seiner Aktionen mit Argusaugen verfolgten, ohne Zweifel auf die Anweisung seines Vaters hin.

Oder Edwins schlecht getarnte Vorschläge, mehr gemeinsam zu unternehmen, die ebenfalls eindeutig den strengen Stempel ihres Erzeugers trugen … und dann Luis, der ihn mehrfach an der Uni und später in Rudertrainingslagern besuchte und darauf bestand, ihn in überfüllte Bars und Clubs der Stadt zu zerren, während er lieber für sich geblieben wäre.

„Was die unmittelbare Zukunft betrifft, möchte ich an Pacolores bisherigem Erfolg festhalten.“

„Sie möchten nicht expandieren?“

„Nicht zu diesem Zeitpunkt.“

„Man würde doch denken, dass Sie angesichts Ihres immensen Erfolgs daran interessiert sein müssten, Ihre Firma wachsen zu lassen. Wie würden Sie sich selbst bezeichnen, als Risikoträger oder von Natur aus eher vorsichtig?“

„Ich bin ein kalkulierter Risikoträger. Schnelles Wachstum ist nicht mein Ziel.“

Toni nickte bedächtig, ehe sie ihre nächste Frage formulierte. „Und was sind Ihre Ambitionen Ihr Privatleben betreffend?“

„Soll heißen?“

Für einen flüchtigen Moment blitzte es in ihren ausdrucksvollen Augen auf, doch wenn Miss Clarke auf federleichten Small Talk hoffte, interviewte sie die falsche Person.

Jetzt zuckte sie mit den Schultern, als messe sie ihrer Frage gar kein besonderes Gewicht bei. „Wollen Sie heiraten … Kinder haben?“

„Eher nicht.“

„Sind Sie momentan in einer festen Beziehung?“

Nicht, dass er es in der Vergangenheit nicht versuchte hätte, allerdings ohne Erfolg.

Natürlich war er nicht blind für die Tatsache, dass sich Frauen von ihm angezogen fühlten, weil sie dachten, er könne ihnen eine glamouröse Zukunft bescheren, doch nur wenige waren bereit, die Realität zu akzeptieren: dass er fokussiert und hart arbeitete, wie er es durch den Rudersport gelernt und verinnerlicht hatte.

„Nein, ich bin in keiner Beziehung …“

Er hob den Blick und schaute hinüber ins verwaiste Hauptbüro. Alle anderen hatten sich längst ins Wochenende verabschiedet, es gab nur noch sie beide … bis sie Sonntag zu Gabrielas Taufe reisen würden.

Und Ivo hatte keinen Schimmer, wie er das überstehen sollte.

„Warum haben Sie diesem Interview zugestimmt?“

Ihre Stimme klang jetzt anders, und als sich ihre Blicke trafen, standen Unsicherheit und Zweifel in ihren wundervollen Augen. Sie beugte sich zu ihm, und ihr Blick wurde sanft und bittend, als würde sie ihn anflehen, ihr zu vertrauen.

„Ich versuche Kara in ihrem Engagement für YA Together zu unterstützen. Quasi als Botschafter für die Wohltätigkeitsorganisation, doch aufgrund meines immensen Arbeitspensums in den letzten Jahren konnte ich mich nicht so einbringen, wie ich es mir gewünscht hätte. Dieses Interview ist ein erster Schritt, das Versäumnis ein wenig auszugleichen“, sagte er ruhig.

Eigentlich hatte es weder der Müdigkeit in Karas Augen am Vorabend bedurft noch Edwins Anruf von heute Morgen, um zu wissen, dass seine Schwägerin dringend zusätzliche Unterstützung brauchte. Und das besonders, seit es die kleine Gabriela gab. Er wusste auch, wie wichtig ihr die Wohltätigkeitsorganisation war, und obwohl er nur ungern öffentlich auftrat, verstand Ivo sehr wohl, wie wirkungsvoll und weitreichend dieser Podcast sein konnte.

Um die nächste Frage zu stellen, schien Toni sich einen Ruck geben zu müssen. „Hatten Sie jemals selbst mit psychischen Problemen zu kämpfen?“

Die Antwort, die er jetzt geben musste und die er sich bereits am vorherigen Abend zurechtgelegt hatte, da er wusste, dass sie kommen würde, lag ihm auf der Zunge. Aber ihre weiche, warme Stimme und das sanfte Verständnis in den sprechenden Augen verführten ihn fast dazu, ihr zu gestehen, wie isoliert er sich vom Rest der Welt fühlte … bis sein gesunder Menschenverstand und das Bedürfnis, sich selbst zu schützen, wieder einsetzten.

„Um als Athlet erfolgreich zu sein, bedarf es sowohl physiologischer wie psychologischer Stärke. Und natürlich gab es auch Zeiten, in denen ich mit Verletzungen zu kämpfen hatte, aus dem Team ausschied und Rennen verlor. Aber ich lernte, meinen jeweiligen Zustand zu akzeptieren und mit dem zufrieden zu sein, was ich bereits erreicht hatte.“

Toni krauste die Nase, als würde seine Antwort sie nicht wirklich zufriedenstellen, beließ es aber dabei. „Was ist Ihr Lieblingsort? Wo fühlen Sie sich am wohlsten?“

„Ich besitze eine private Oase im Norden der Insel, wo ich so viel Freizeit wie möglich verbringe.“ Das letzte Mal, dass er jemanden dorthin mitgenommen hatte, war es eine Ex-Freundin gewesen, die ihr Entsetzen über das schlichte Ambiente und die Abgeschiedenheit nicht verbergen konnte. Würde ihm an diesem Wochenende mit Toni dasselbe blühen? Würde sie das Leben kritisieren, das ihn glücklich machte?

Ivo griff nach seinem Handy. „Ich muss noch einige Anrufe tätigen, bevor wir uns auf den Weg dorthin machen.“

Das Ganze geriet zu einem Desaster!

Sie kam einfach nicht an ihn heran. Okay, dies war nur das erste Interview, doch irgendwie lief alles falsch. Ihre Fragen waren nicht wirklich fokussiert, und ohne sich die Aufnahme anhören zu müssen, wusste Toni, dass ihre Stimme absolut unnatürlich klang. Sie musste unbedingt die spürbare Spannung zwischen ihnen aufbrechen und mehr Leichtigkeit in dieses Interview bringen.

Seufzend fischte sie ihr kleines Notizbuch aus der Laptoptasche, und bevor sie es in die Gesäßtasche ihrer Jeans schob, warf sie schnell einen Blick auf die Fragen, die sie sich für den Fall notiert hatte, dass ein Interview so zäh wie dieses verlief.

„Kein Problem, ich überlasse Sie sofort Ihrem Handy, würde mich aber freuen, wenn Sie zuvor noch kurz ein Schnellfeuer-Interview-Quiz absolvieren könnten.“

„Wozu das?“

Sie zwang sich zu einem schelmischen Lächeln. „Es wird Ihnen Spaß machen, versprochen.“

Seine Augen verengten sich. „Aber nur, wenn ich den Spieß auch umdrehen kann.“

Sie blinzelte überrascht. Warum sollte er das tun wollen? Sie hatte keine Ahnung, aber offenbar auch keine Wahl. „Okay … wollen Sie sich dafür vielleicht auch meines Fragenkatalogs bedienen?“

„Nein, ich denke mir lieber eigene aus.“

„Oh, das könnte interessant werden … aber ich zuerst: Apfel oder Orange?“

Prinz Ivo verschränkte die Arme, als wolle er damit sagen: Ernsthaft? Ist dies das Niveau des Fragenkatalogs?

Toni schluckte trocken und wartete darauf, dass er das Interview abbrach. Doch dann hob er mokant eine dunkle Braue und bequemte sich zu einer Antwort: „Orange.“

„Ohne was könnten Sie nicht leben?“

„Ohne meine Hunde.“

Er hatte Hunde! Sie lächelte weich, riss sich aber gleich wieder zusammen. „Wann haben Sie das letzte Mal gelogen?“

„Gestern Abend.“

Ihr Herz sank. Ob er damit jemand bewusst verletzt hatte? „Und warum?“

Er zuckte mit den Schultern. „Pure Höflichkeit. Ich habe behauptet, es würde mir nichts ausmachen, dass Prinzessin Gabriela auf mein Lieblingshemd gespuckt hat.“

Augenblicklich entspannte sich Toni und lachte erleichtert. „Ist sie wirklich so süß wie auf den Fotos?“

„Noch viel bezaubernder!“

Die Zärtlichkeit in der dunklen Stimme zog ihr Herz zusammen. Vielleicht hatte er ja doch eine weiche Seite, die er sich nur scheute, öffentlich zu zeigen …

Sie dachte an sein überraschendes Einfühlungsvermögen, während sie auf Alices Hochzeit zusammen getanzt hatten und er sie fragte, ob sie sich amüsiere. Es schien ihn wirklich zu interessieren … hätte er sonst ihren Blick festgehalten und sie dabei so intensiv angeschaut, wie Dan es schon lange nicht mehr getan hatte?

Auf jeden Fall hatte es bewirkt, dass ihr plötzlich bewusst geworden war, was sie so lange versucht hatte zu verleugnen: ihre Einsamkeit, das Gefühl, unattraktiv zu sein und sich selbst nicht mehr zu kennen, was dazu geführt hatte, dass sie in seinen Armen zu schluchzen begonnen hatte wie ein alberner Teenager.

Toni räusperte sich. „Was irritiert und ärgert Sie besonders?“

„Menschen, die Entscheidungen anderer nicht akzeptieren oder respektieren.“

Sein Blick verbot ihr, das Thema zu vertiefen, und sie akzeptierte das … zumindest für den Moment. „Ihr peinlichster Moment?“

„Sich während der Junioren-Weltmeisterschaft eine Krabbe einzufangen und deswegen im Wasser zu landen.“

„Eine kleine Krabbe hat Sie kentern lassen?“

Einen Sekundenbruchteil starrte er sie an, dann grinste er breit. „Es ist ein Ausdruck unter Ruderern, wenn sich das Paddel unter Wasser in irgendetwas verfängt.“

„Oh!“ Toni verdrehte die Augen und lachte über sich selbst. „Bier oder Wein?“

„Wein.“

„Haben Sie ein besonderes Motto?“

„Nein.“

„Falls doch, wie könnte es lauten?“

„Ich denke … ‚Sei dir selbst treu‘.“

„Haben Sie je an gebrochenem Herzen gelitten?“

Ivo furchte die Stirn, dann zuckte er die Achseln. „Ich würde es eher Frustration nennen als gebrochenes Herz.“

Schön für ihn! „Was macht Sie glücklich?“

„Mitten in der Nacht mit meinen Hunden durch die Olivenhaine zu streifen.“

„Wieso gerade das?“

„Ich denke, es ist die absolute Stille und die Tatsache, dass in diesen Momenten keine Erwartungen an mich gestellt und kein Druck auf mich ausgeübt werden kann.“

Dachte er dabei eher an seine Arbeit oder seine königlichen Verpflichtungen? Es gab noch so viel mehr, was sie ihn fragen wollte, doch sie durfte ihn nicht zu sehr drängen. Ivo war eindeutig ihr bisher schwierigster Interviewpartner!

Besser, sie bewies Geduld und versuchte zunächst, ein gewisses Maß an Vertrauen aufzubauen. „Das war’s. Jetzt sind Sie an der Reihe.“

Ivo nickte. „Birne oder Ananas?“

„Birne zum Essen, Ananas in einem Cocktail.“

„Stadt oder Land?“

„Auf jeden Fall Stadt.“

„Mit welchem Wort würden Sie sich beschreiben?“

„Neugierig.“

„Etwas Olivenöl aufs Eis geträufelt … ja oder nein?“

Toni schüttelte sich. „Auf jeden Fall: Nein! Mögen Sie das etwa?“

„Sie haben es noch nie versucht, stimmt’s? Ich werde es Ihnen an diesem Wochenende kredenzen“, versprach er und ignorierte ihren entsetzten Blick. „Cocktails am Strand oder Wandern in den Bergen?“

Sie lachte erleichtert. „Das ist ganz einfach: Cocktails am Strand!“

Da war es wieder, dieses Achselzucken, das offenbar besagte, dass sie ihn nicht überraschen konnte … oder dass er ihre Vorlieben sogar missbilligte? War so etwas von einem ehemals international erfolgreichen Athleten und inzwischen supererfolgreichen Investmentmanager nicht sogar zwingend zu erwarten?

Ob er sein Leben überhaupt jemals so richtig genossen und Party gemacht hatte wie seine Altersgenossen?

„Mit welchem zweiten Wort würden Sie sich beschreiben?“

„Dünnhäutig …“, antwortete Toni ohne nachzudenken, lachte dann, als hätte sie einen Scherz gemacht. Doch Ivo blieb absolut ernst.

„Was mögen Sie an sich selbst?“

Tja, was mochte sie an sich? Sollte sie sagen: meine Haare? Oder …

Sein warmes, verständnisvolles Lächeln traf sie so unvorbereitet, dass Tonis Herz einen Schlag aussetzte. „Ich bleibe immer dran und gebe nicht auf. Selbst, wenn ich keine Lust dazu habe.“

Wahrscheinlich ergab das für ihn gar keinen Sinn … für sie schon.

Nachdem sich Dan von ihr getrennt hatte, distanzierten sich viele ihrer Ex-Kollegen, verschämt und unbeholfen, worauf sie ihren ganzen Mut zusammengenommen, sich einen neuen Job gesucht und beschlossen hatte, in ein eigenes, selbstbestimmtes und besseres Leben zu starten.

Als sie sein breites Lächeln sah, verschlug es ihr fast den Atem. „Ich mag entschlossene Persönlichkeiten.“

Toni schnitt eine kleine Grimasse. „Hoffentlich sagen Sie das in vier Tagen immer noch, denn ich bin wild entschlossen, Sie besser kennenzulernen.“

„Dich …“

Sie blinzelte. „Wie bitte?“

„Ich denke, das macht es für uns beide einfacher. Und jetzt weiter im Text: Dinner mit Freunden oder für zwei Personen?“

„Letzteres, vorausgesetzt, es ist die richtige Person …“

Was bedeutete das Funkeln in den nebelgrauen Augen? Machte er sich etwa über sie lustig? Oder … hoffentlich dachte er nicht, sie versuche mit ihm zu flirten!

„Was fürchtest du am meisten?“

Zu ängstlich, zu zögerlich zu sein, allein schon, um sich selbst zu schützen? Wie bei Dan, wo sie viel früher von sich aus die Reißleine hätte ziehen müssen? Oder den Kontakt zu ihrem Vater rigoros abbrechen, anstatt sich immer an den unsinnigen Hoffnungen ihrer Mutter zu orientieren?

Von ihrem Vater hatte sie gelernt, dass Liebe und Verpflichtung nicht mehr als bloße Worte waren, auf die man sich nicht verlassen konnte. Und ihre größte Angst war, dass sie das mangelnde Urteilsvermögen ihrer Mutter geerbt hatte und deren Unvermögen, sich selbst zu schützen. Sie musste unbedingt härter werden! Einfach mit mehr Selbstvertrauen durchs Leben gehen, Beziehungen nicht so todernst nehmen, sondern genießen, ohne sich emotional an den Partner zu binden. Aber das würde sie dem Prinzen ganz sicher nicht auf die Nase binden!

„Die Aussicht, an diesem Wochenende gezwungen zu werden, Olivenöl-Eis probieren zu müssen!“, behauptete sie stattdessen augenrollend. „Apropos … da ich bis Dienstagmorgen bleibe, würde ich gern wissen, was bis dahin geplant ist. Am Sonntag findet natürlich Gabrielas Taufe statt, auf die ich mich sehr freue. Aber bekomme ich vielleicht auch noch die Gelegenheit, in Monrosas Nachtleben einzutauchen? Regelmäßige Zuhörer kennen mich als Fan eines Cocktails, der sich Paradise City schimpft und den ich anlässlich Alices’ Hochzeit probieren durfte.“

„Wo wir hingehen, gibt es kein Nachtleben.“

Was sollte das heißen? In Monrosa gab es zahlreiche exklusive Bars und Clubs, in denen sich auch ein Mitglied des Königshauses nicht fehl am Platz fühlen würde …

„Wir werden das Wochenende auf meinem Landsitz verbringen.“

Toni versuchte, ihren Schock zu kaschieren. Sollte sie dagegen protestieren? Aber mit welchen Argumenten? Sie war sein Gast und würde sich wohl seinen Plänen beugen müssen … auch ohne Kara und Alice als Unterstützung in ihrer Nähe.

„Großartig! Wie spannend … ich freue mich, Monrosa mal von einer ganz anderen Seite kennenzulernen“, behauptete sie dreist, schaltete die Mikrofone aus und packte ihr Equipment zusammen. „In welcher Stadt liegt dieser … Rückzugsort eigentlich? Und wer wird außer uns noch dort sein?“

„Mein Landsitz liegt sozusagen im Nirgendwo, und wir beide werden dort ganz allein sein“, wurde sie mit einem eindeutig sarkastischen Unterton informiert.

Toni hörte auf, ihre Tasche zu packen. „Nicht mal ein Security-Team?“

„Das patrouilliert unsichtbar übers Grundstück. Keine Sorge, meine Bodyguards werden die Interviews nicht stören oder beeinträchtigen.“

Das war es nicht, was ihr Sorgen machte. Und das wusste Ivo auch, ungeachtet seiner ausdruckslosen Miene. Vier Tage allein mit ihm … wohin sollte das führen?

„Wenn du lieber im Palast unterkommen möchtest, kann ich das arrangieren. Wir könnten dann am Sonntag mit dem Interview weitermachen, wenn ich dort zur Taufe aufkreuze“, schlug er lässig vor. „Mit den Aufnahmen von heute und einem ausführlichen Interview am Sonntag solltest du genügend Material für einen Podcast zusammenbekommen. Du könntest mir morgen vorab auch eine Fragenliste per WhatsApp zukommen lassen, dann bereite ich mich vor.“

Die zunehmende Begeisterung in seiner Stimme machte ihre Lippen schmal. Offenkundig war sie nicht die Einzige, die Vorbehalte gegen ihr Tête-à-Tête in den nächsten vier Tagen hegte.

Toni zwang sich zu einem Lächeln. „So funktionieren diese Podcasts nicht“, klärte sie ihr Gegenüber auf. „Wir müssen ausreichend Zeit miteinander verbringen, um ein authentisches Feeling rüberbringen zu können.“

Innerlich krümmte sie sich, weil sich alles irgendwie falsch anhörte. Fast, als handele es sich um eine Art Gefängnisaufenthalt anstatt um den Teil ihres Jobs, den sie normalerweise liebte: das Privileg zu haben, in das Leben eines anderen Menschen einzutauchen, um sich auf einer tieferen Ebene mit ihm verbinden zu können als üblich.

„Ich weiß, dass eine schwierige Zeit hinter dir liegt“, sagte er jetzt spröde. „Wahrscheinlich bist du tatsächlich besser im Palast aufgehoben, wo du mit Alice und Kara sprechen kannst.“

Oh nein! Wie peinlich … offenbar wusste er von Dans Hochzeit! Bemitleidete er sie womöglich auch noch?

Toni schüttelte unwillig den Kopf und schob ihr Kinn eine Spur vor. „Erledige deine Telefonate, während ich mir in der nächsten Cocktailbar meinen Lieblingsdrink gönne. Sobald du fertig bist, mach dich auf die Suche nach mir, und wenn mir danach ist, werde ich dir auch noch einen Drink ausgeben, bevor ich mich von dir in die Wildnis entführen lasse.“

Sie schulterte ihre Laptoptasche und marschierte los, ohne sich noch einmal umzudrehen. Vielleicht war ihr Abgang eine Spur zu respektlos gegenüber einem Prinzen, doch die Aussicht auf vier Tage allein mit ihm machte sie ganz zappelig. Und wenn sie in diesem Zustand war, brauchte sie Lärm und so viel Ablenkung, wie sie finden konnte …

3. KAPITEL

Der Geländewagen, der den ganzen Weg von Monrosa aus quasi an ihrer Stoßstange geklebt hatte, folgte ihnen nicht durch die schweren Holztore und vorbei an einem Wachhäuschen, das den Eingang von Ivos Landsitz markierten.

Dafür aber zwei wild kläffende Wesen, die sich erst beruhigten, als Ivo seinen Wagen zum Stehen brachte und die Fahrertür öffnete. Ein kleiner grauhaariger Terrier sprang als Erster ins Wageninnere, wurde aber schon in der nächsten Sekunde von einem viel größeren Hund verdrängt und auf Tonis Schoß verschoben. Nach dem ersten Schreck tätschelte sie vorsichtig das kleine Tier und hoffte inständig, das haarige Monster auf Ivos Schenkeln würde nicht auch noch beschließen, sie persönlich zu begrüßen.

Ivo murmelte etwas auf Spanisch, was sich wie zärtliche Liebkosungen anhörte, und streichelte beide Hunde, wobei sein Arm versehentlich ihre Brüste streifte … Toni gestand sich nur widerwillig ein, dass sie den kurzen Druck seines Bizeps an ihrem Körper weit mehr genoss, als es gut für sie war.

Ob sie sich einfach aus dem flachen Sportwagen schälen und ihren Platz den beiden Hunden überlassen sollte, denen ihr temporärer Gastgeber mehr Aufmerksamkeit schenkte als ihr während der einstündigen Fahrt hierher?

Okay, ganz unschuldig war sie nicht an der langen Reisezeit gewesen, weil sie viel zu spät entdeckt hatte, dass sie ihr Handy irgendwo liegen gelassen hatte, weshalb Ivo und sein Security-Team, das ihnen von der Bar aus im dunklen SUV gefolgt war, ein gehöriges Stück hatte zurückfahren müssen, um es ihr wiederzubeschaffen.

Dabei hatte sie gehofft, den Prinzen während einer entspannten Fahrt ein wenig besser kennenzulernen. Doch nachdem er all ihre Fragen sehr direkt und ungeschminkt beantwortet hatte, verstummte sie schließlich, was ihren Fahrer aber nicht zu irritieren schien.

Sie selbst empfand das Schweigen als unangenehm und widmete sich deshalb einer stummen Betrachtung der Bergwelt um sich herum: Enge, kurvige Straßen, gesäumt von hoch aufragenden Kiefern und Eukalyptusbäumen, zwischen denen hindurch man auf den Küstenstreifen mit weiß getünchten Dörfern hinunterschauen konnte, die sie zuvor durchfahren hatten. Dort hatte sie Einheimische in der letzten Abendsonne auf ihren Terrassen sitzen sehen, die respektvoll mit dem Kopf nickten, als Ivos Konvoi sie passierte.

Irgendwann hatte sie spontan ihre Seitenscheibe heruntergelassen und den würzigen Duft der Bergwälder ins Wageninnere gelassen. Ihre Gedanken hörten auf, sich zu überschlagen, der Fahrtwind spielte mit ihrem Haar, die Schönheit der Landschaft um sie herum, die sich seit Tausenden von Jahren nicht verändert zu haben schien, und Ivos sichere und ruhige Fahrweise durch endlose Haarnadelkurven, verschafften Toni endlich einen lange herbeigesehnten Moment der Entspannung und Gelassenheit. Am Ende einer Woche, die sie am liebsten vergessen wollte.

Inzwischen fühlte sie sich wieder in der Realität angekommen und ermahnte sich, nicht zu vergessen, dass sie einen Job zu erledigen hatte.

Auf Ivos Kommando hüpften beide Hunde auf den Rücksitz des Wagens, und Toni zog ihr Handy hervor. „Ist es okay, wenn ich unsere Ankunft aufzeichne? Ich bitte meine Interviewpartner immer, mir eine Führung durch ihr Haus zu gewähren, damit die Zuhörer ein Gefühl fürs das Ambiente entwickeln können, in dem das Interview stattfindet.“

Ivos düsterer Blick haftete auf ihrem Handy.

„Nur ganz kurz“, ließ sie nicht locker und lächelte zufrieden, als er nickte.

Sie öffnete die Aufnahme-App und drückte die Starttaste. „Inzwischen sind wir auf dem Landsitz des Prinzen angekommen und nähern uns über eine steile, von Olivenhainen gesäumte Auffahrt dem Wohnhaus, mit einer umlaufenden Terrasse, die sicher einen fantastischen Blick auf das unterhalb liegende Meer bietet. Stürmisch begrüßt wurden wir schon am Eingangstor von Prinz Ivos beiden Hunden, die jetzt aufgeregt auf dem Rücksitz des Wagens thronen.“

Toni wandte den Kopf und hielt den beiden ihr Handy hin.

„Sagt Hallo, Hündchen“, forderte sie munter und lachte, als die Hunde tatsächlich bellten, was sogar ihrem einsilbigen Fahrer ein Lächeln entlockte.

„Wie heißen die beiden eigentlich?“

„Paco und Lore.“

Toni lachte. „Verstehe! Was war zuerst da, die Firma oder die Hunde?“

Ivo parkte den Sportwagen am Seiteneingang des einstöckigen Sandsteingebäudes, schaute lächelnd zu seinen beiden Hausgenossen hinüber, doch die Sorge in seinen Augen war nicht zu übersehen. „Paco ist zwölf. Ich habe ihn vor fünf Jahren adoptiert, als ich in Sevilla lebte. Und kurz danach Lore, von der ich nicht genau weiß, wie alt sie ist. Wahrscheinlich bereits fünfzehn.“

Keine Frage, er hatte Angst, die beiden zu verlieren, und Toni spürte einen Kloß in ihrer Kehle, während sie beobachtete, wie er nach dem Aussteigen seinen Sitz nach vorn schob, um ihnen den Ausstieg zu erleichtern. Beide Hunde sprangen hinaus, offenkundig in freudiger Erwartung auf weitere Streicheleinheiten.

Toni stieg ebenfalls aus und hielt ihr Handy hoch, um das Zirpen der Zikaden aufzunehmen. Möglicherweise konnte sie ja sogar den gedämpften Wellenschlag des Meeres für ihre Hörer einfangen.

„Ich zeige dir dein Schlafzimmer.“

Hatte er sein Versprechen, sie herumzuführen, etwa vergessen? Sie bezweifelte es.

„Sind das alles deine Olivenbäume?“

Er nickte. „Über fünfhundert.“

„Ganz schön viel Arbeit, oder?“

„Benachbarte Bauern ernten und verarbeiten sie. Ich bekomme dafür Olivenöl.“

„Alles?“

„Was ich für mich brauche.“ Er zuckte mit den Schultern. „Sie übernehmen schließlich die ganze Arbeit, und das Leben ist nicht einfach für Olivenölproduzenten auf der Insel, weshalb sie so viel Unterstützung wie möglich brauchen.“

Toni schaute aufmerksam um sich und fühlte sich von einer Baumgruppe angezogen, die sie von den Olivenbäumen unterschied. „Zitronen und … Feigen!“ Sie enterte breite, ausgetretene Steinstufen, die auf einen höher gelegenen Bereich führten. „Und ein Gemüsegarten! Hast du viel Personal?“

„Eine Haushälterin und jemand, der sich um die Hunde kümmert“, antwortete er zurückhaltend. „Um den Garten kümmere ich mich selbst.“

„Wow …!“ Toni war beeindruckt. Ihr kläglicher Versuch in dieser Richtung war eine einzelne Tomatenpflanze auf der Fensterbank ihrer kleinen Küche gewesen. Und was hatte sie daraus gelernt? Dass zu viel Wasser auch keine Lösung war.

„Unfassbar, was es hier alles zu ernten gibt: Chilischoten, Paprika, Gurken … und Tomaten!“ Sie pflückte eine glänzend rote Frucht direkt vom Strauch, biss hinein und seufzte elegisch. „Wow, ein fantastischer Geschmack!“

Nie hätte sie den Mann an ihrer Seite als jemanden gesehen, der freiwillig und dazu offenkundig noch erfolgreich im Garten arbeitete. „Dass du dazu Zeit und Lust hast …“

Schlagartig verschloss sich seine Miene. „Ich will … autark sein“, sagte er mit einer ausholenden Geste.

Mit der Hand beschattete sie ihre Augen gegen die Abendsonne und wies dann mit dem Kinn auf eine Ansammlung von weiß gekalkten Häusern unter ihnen an der Küste. „Ist das der nächstliegende Ort?“

„Ja, Laredo.“

Sie nickte langsam. „Das nenne ich wirklich Alleinlage.“

„Und genau das gefällt mir.“ Die Ungeduld in seiner Stimme war nicht zu verkennen. Er wartete nicht auf weitere Kommentare von ihrer Seite, sondern schloss die Haustür auf.

Im Eingangsbereich war es angenehm kühl im Vergleich zur Hitze auf der Außenterrasse. „Wie oft bist du hier?“

„Vier bis fünf Nächte pro Woche.“

Das überraschte sie. Toni blieb stehen, um die hellen Ölgemälde zu studieren, die an den weiß getünchten Wänden hingen. „Warum hast du deinen Lebensmittelpunkt ausgerechnet hierher verlegt?“, fragte sie, getrieben von aufrichtiger Neugier. Das Haus war bei Weitem nicht so groß wie die luxuriösen Apartments, die Mitgliedern der Königlichen Familie im Palast zur Verfügung standen.

„Für mich ist es der perfekte Ort. Ich lebe allein und brauche nicht viel Platz, da ich mich ohnehin bevorzugt draußen in der freien Natur aufhalte.“

Sie folgte ihm in den offenen Küchenbereich und ein anschließendes Wohnzimmer, durch das sie zu einer rückwärtigen Terrasse gelangten. Die Wohnraumgröße war überschaubar, wie Toni feststellen konnte.

Ivo öffnete raumhohe Glastüren, trat hinaus auf eine überdachte Terrasse voller Weinreben und wies mit dem Kinn aufs Mittelmeer unter ihnen, das in der Abendsonne schillerte. „Wegen dieser Aussicht und dem Zugang zum Strand habe ich es gekauft. Ich schwimme und segle nämlich für mein Leben gern.“

Sie folgte ihm und inspizierte fasziniert den steilen Pfad, der zum Meer hinunterführte. Wenn sie sich vorbeugte, konnte sie den hellen Sand schimmern sehen. „Das ist absolut unglaublich! Du hast deinen eigenen Strand! Und das Boot am Steg ist auch deins?“

Ivo nickte, ging in die Hocke und zupfte Unkraut aus einem der Töpfe, die am Rand der Terrasse standen. Die Sanftheit seiner Bewegungen stand im krassen Gegensatz zu seiner athletischen Statur. Das Hemd spannte sich über dem Rücken, sodass sie sehen konnte, wie die Muskeln unter dem dünnen Stoff arbeiteten. Die Abendsonne zauberte dunkle Kupfertöne auf sein Haar, und Toni ballte die freie Hand zur Faust, um der Versuchung zu widerstehen, es zu berühren.

Die Ruhe und Gelassenheit, die er in diesem Moment ausstrahlte, rührte sie seltsam an. Was ihre früheren Interviews betraf, war es ihr ganz natürlich erschienen, eine Hausführung einzufordern und für ihre Zuhörer zu dokumentieren, doch jetzt und hier … fühlte es sich irgendwie falsch an.

Spontan setzte sich Toni neben ihren Gastgeber auf den Boden, stellte die Aufnahmefunktion an ihrem Handy aus und steckte es weg. „Ich denke, für heute habe ich genug Interviewmaterial gesammelt.“

Ivo unterbrach seine Arbeit, und für einen atemlosen Moment schauten sie sich an. Tonis Herz klopfte oben im Hals. Sie wollte ihn so gern besser kennenlernen, ihm näherkommen … nicht wegen des Podcasts, sondern weil sie hinter der verschlossenen Fassade eine Sensibilität und Verletzlichkeit erahnte, die sie anfangs für kompromissloses Selbstvertrauen gehalten hatte.

„Ich bin in London aufgewachsen und war noch nie an einem so abgelegenen Ort.“ Sie zögerte einen Moment, ehe sie weitersprach. „Ich befürchte, mir wäre es hier zu einsam. Ich hätte Angst, dass ich hier viel zu viel Zeit zum Nachdenken und Grübeln hätte.“

Ivo setzte sich neben sie und suchte ihren Blick. „Du musst nicht bleiben.“

Sein Ton war sanft und verständnisvoll, als wolle er sie von einer Verpflichtung befreien. Als sie den Mund zum Einwand öffnete, streckte er eine Hand aus und wies auf das Wohnhaus. „Es ist einfach, und genauso mag ich es. Aber ich akzeptiere, dass dies nicht jedermanns Geschmack ist.“

Toni folgte seinem Blick, betrachtete sinnend die blassen Steinfronten und mattblauen Fensterläden, die Gartenanlage im Hintergrund, ein wenig wild und unorthodox, aber im Einklang mit der Umgebung. Alles weit entfernt vom Glamour des königlichen Palastes, doch das alte Haus atmete eine verführerische Stille, die sie bereits infiltrierte.

„Es ist wunderschön hier. Ich würde gern bleiben … wenn das für dich in Ordnung ist.“

„Wegen des Podcasts?“

Das Einfachste und Ungefährlichste wäre ein schlichtes Ja. In früheren Interviews hatte sie nur wenige Details ihres persönlichen Lebens enthüllen müssen, weil ihre Protagonisten sehr darauf aus waren, ihre eigene Vita zu zelebrieren, doch mit Ivo war das anders. Es würde mehr Einsatz und Offenheit von ihr erfordern, ihn wirklich zu erreichen.

„Für den Podcast, aber ebenso für mich selbst.“ Sie seufzte unhörbar und gab sich einen Ruck. „Es könnte mir gut tun … diese Woche war schwierig und hat Erinnerungen aufgewühlt, die ich lieber ad acta gelegt hätte.“ Verlegen senkte sie den Kopf und wartete ergeben darauf, dass er weiterbohren würde.

Doch das tat er nicht. „Die Zeit hier könnte dir wirklich guttun und dir helfen“, sagte er stattdessen sanft. „Dies ist ein Ort der Heilung.“

„Wirklich?“, fragte sie rau, begegnete seinem Blick und hatte plötzlich den Eindruck, dass er bereits bereute, was er gesagt hatte. „Auch für dich?“

Er zögerte kurz und zuckte dann mit den Schultern. „Ich liebe es, Zeit zum Nachdenken zu haben. Es gibt so viel überflüssigen Lärm überall, und Schweigen wird absolut unterschätzt.“

Sie wünschte, sie könnte ihm zustimmen, doch allein die Vorstellung, tagelang allein hier isoliert ausharren zu müssen, versetzte Toni in Panik. „Gerade in diesem Moment wird mir bewusst, dass ich noch nie allein gelebt habe …“

Seine Augenbrauen schossen nach oben. „Wirklich nie?“

Verflixt! Wenn er sie so anschaute …

Natürlich war ihr auf Alices Hochzeit aufgefallen, wie gefährlich attraktiv er war, doch da hatte sie noch gedacht, mit Dan fest verbunden zu sein, und sich deshalb auf der sicheren Seite gefühlt.

Abrupt kam sie auf die Beine, gesellte sich zu den beiden Hunden im Schatten und bückte sich, um Paco und Lore zu tätscheln, während sie versuchte, ihre Fassung wiederzuerlangen. „Jetzt, da ich es laut gesagt habe, klingt es auch für mich seltsam“, gestand sie kläglich. „Aber ich bin bei meinem Ex eingezogen, als wir noch an der Uni waren. Nach unserer Trennung ging ich für eine Weile zurück nach Hause, inzwischen wohne ich in einer WG. Meine Mutter und ich verstehen uns zwar ganz gut, aber … na ja, sie hält mich für zu chaotisch.“

Wie unorganisiert sie tatsächlich war, musste sie ja dem Prinzen nicht unbedingt auf die Nase binden. Zeit, dem Gespräch eine andere Richtung zu geben!

„Also, was steht sonst noch auf dem Plan, wenn du hier bist, außer Gartenarbeit, Schwimmen und Segeln?“

Ivo streckte gemächlich die Beine aus. „Wie lange warst du mit deinem Ex liiert?“

„Zehn Jahre.“

Sein sichtbares Zusammenzucken überraschte sie nicht. So reagierten die meisten, ehe sie sich in Mitleidsbekundungen ergingen.

„Bist du immer noch in ihn verliebt?“

Mehr als seine krasse Offenheit irritierte sie der intensive Blick, unter dem sie errötete. „Das nicht, aber ich vermisse seine Nähe … wir waren gute Freunde.“

Jetzt erhob auch er sich vom Boden und kam näher. „Freunde verletzen einander nicht auf die Art, wie er es bei dir getan hat.“

Toni schluckte trocken. „Unsere Beziehung hat sich mit der Zeit gewandelt … aber nicht durch seine Schuld.“

„Deine auch nicht.“

„Mag sein, nur …“

„Du hast Besseres verdient, als dass er dich nach zehn Jahren Beziehung ohne Erklärung verlässt. Oder sich keine Woche später bereits mit einer anderen Frau trifft. Und erst recht nicht, dass er heimlich heiratet und nicht mal den Anstand hat, es dir zu sagen.“

Ihre Augen waren mit jedem Wort größer und runder geworden. „Woher weißt du das alles? Von Alice?“

Vages Schulterzucken.

„Dann muss Kara die Plaudertasche gewesen sein!“, stellte Toni grimmig für sich fest. „Warum hat sie dir all das … warte“, forderte sie, als er Anstalten machte, sich zu erklären. „Damit du zustimmst, dieses Interview mit mir zu machen, stimmt’s? Aber ich brauche dein Mitleid nicht!“

„Gut, weil du von mir auch keines bekommst.“

Wie sollte sie darauf reagieren? „Okay … freut mich zu hören.“

„Ich zeige dir jetzt dein Zimmer“, sagte er und wandte sich ab. „Und dann bereite ich das Abendessen vor, während du schwimmen gehst.“

Sie beeilte sich, ihn einzuholen. „Ich werde dir helfen.“

Er antwortete nicht, schnappte sich nur ihren Koffer, führte Toni einen langen Korridor entlang, vorbei an einem großen Arbeitszimmer, öffnete die nächste Tür und stellte ihr Gepäck vor einem imposanten Doppelbett ab.

„Viel Spaß beim Schwimmen.“ Damit war er dann auch verschwunden.

Ivo studierte die letzten Kurse an der New Yorker Börse und schickte noch eine E-Mail an sein nordamerikanisches Team, um nicht dauernd der Versuchung zu erliegen, auf Tonis schwarz-silbernen Bikini zu starren, den sie zum Trocknen an den Ast eines Olivenbaums gehängt hatte. Nach dem Schwimmen war sie in ein Badehandtuch gewickelt zurück ins Haus gekommen, das nasse Haar achtlos zusammengebunden. Es hatte ihn beim Paprikaschneiden fast einen Finger gekostet, als ihm bewusst geworden war, dass sie unter dem Handtuch splitterfasernackt war.

Paco, der es sich wie üblich neben Lore auf der gemütlichen Couch des Ateliers bequem gemacht hatte, hob den Kopf und grollte leise.

„Hi, hier seid ihr also!“, stellte Toni, die sich offenbar an Pacos Knurren orientiert hatte, fest. Und das keineswegs ängstlich, sondern sichtlich erfreut.

Ihr türkisfarbenes Bleistiftkleid endete kurz über den Knien, die Füße waren nackt.

Sie sah einfach umwerfend aus, und Ivos letztes Date lag Monate zurück. Hatte er sie vielleicht deshalb angestarrt wie ein alberner Teenager?

Während des Essens hatte er amüsiert ihren Kampf mit einem etwas zu stark gerösteten Baguette verfolgt, und später das vergebliche Bemühen, sämtliche Krümel einzusammeln, die den Tisch wie Konfetti übersäten.

Ihr gemeinsames Lachen lockerte die seltsame Spannung zwischen ihnen so weit auf, dass sie kurz darauf angeregt miteinander plauderten. Bereitwillig beantwortete er ihre Fragen zu Monrosas Geschichte und Geografie und zeichnete am Ende sogar eine grobe Karte von Monrosas beliebtesten Sehenswürdigkeiten. Quasi als Zugabe lieferte er noch private Tipps von versteckten Orten, die sie irgendwann besuchen müsste.

„Ich soll von Alice grüßen“, übermittelte sie ihm jetzt lächelnd.

Mindestens eine Stunde hatte das Telefonat gedauert, obwohl sie sich nach dem Essen nur für fünf Minuten hatte zurückziehen wollen, um ihre Mutter und Alice anzurufen.

Ivo sah von seinem Schreibtisch auf. Hier in dem kleinen Anbau hatte er sich sein Arbeitszimmer eingerichtet. „Alice und Luis sind morgen Abend auf einer Party in der Stadt und lassen fragen, ob wir uns ihnen anschließen möchten.“

Was derartige Verabredungen betraf, hatte er für sich bereits vor Jahren entschieden, dass man am besten fuhr, wenn man unwillkommenen Erwartungen von anderer Seite offen und direkt begegnete. „Ich bin kein Partygänger, kann aber einen Wagen mit Chauffeur für dich organisieren.“

Ihr Auflachen besagte, dass Toni dachte, er würde scherzen. „Eine Ausrede, um mich loszuwerden? Ich weiß, ich stelle zu viele Fragen, kann damit ganz schön nerven und telefoniere zu lange … eine Altlast meiner früheren Karriere als Aufnahmeleiterin. Ich verspreche, mich zu bessern und …“

„Mache ich dich etwa nervös?“

Ihre Augen weiteten sich, dann schob sie die Brauen zusammen. „Irgendwie schon, denke ich …“ Schlagartig war jegliche Koketterie verschwunden. „Du bist tatsächlich ziemlich beeindruckend, um nicht zu sagen einschüchternd. Vermutlich ein Bild, das du bewusst pflegst: der Unantastbare …“

Jetzt war er an der Reihe zu lachen. In der Welt des Ruderleistungssports war eine stoische, aufs Ziel fokussierte Haltung quasi Voraussetzung für den erhofften Sieg.

„Mal ehrlich, warum willst du nicht mit zur Party?“, versuchte Toni es noch einmal.

„Small Talk langweilt mich zu Tode.“

Mit erhobenen Brauen wandte Toni sich ab und trat an einen Tisch heran, auf dem Malutensilien ausgebreitet lagen. „Du zeichnest?“

Seine ganze Kindheit über hatte seine Mutter sein Maltalent und seine Kreativität gefördert, während sein Vater ihn als Stubenhocker verspottete und insistierte, er solle lieber draußen etwas mit messbarem Erfolg auf die Beine stellen. So landete er im Ruderteam seiner Schule, und als man ihm dort den Spitznamen Rembrandt verpasste, hatte er das Malen ganz aufgegeben.

„Ich wollte gerade mit den Hunden eine Runde rausgehen“, murmelte er rau.

Toni nahm das Blatt Reispapier in die Hand, an dem er letzte Nacht gearbeitet hatte, und studierte aufmerksam das monochrome Gemälde einer Chili-Schote. „Das ist wunderschön. Wo hast du gelernt, so zu malen?“

„Vor einigen Jahren besuchte ich in New York eine Ausstellung chinesischer Tuschemalerei und beschloss, diese Technik auszuprobieren.“

„Dürfte ich das auch mal versuchen?“

Ihre spürbare Begeisterung ließ ihn zögern. Malen war sein Fluchtpunkt, ein sehr privater, ja, intimer Teil seines Lebens, den er mit niemandem teilen wollte. Nachdem seine Mutter gestorben war, hatte er Trost darin gefunden, Spielzeugsoldaten zu bemalen. Die dafür erforderliche Präzision und Konzentration brachten seinen aufgewühlten, angestrengten Geist zur Ruhe … bis sein Vater ihn ins Internat steckte. Als er in seinen ersten Ferien zurück nach Hause kam, waren all seine Farben in den Müll geworfen worden, und sein Vater verbot ihm, sich außerhalb der Schlafenszeit in sein Zimmer zurückzuziehen.

„Die Tinte kann nicht ausgewaschen werden“, warnte Ivo und wies mit dem Kinn auf ihr türkisfarbenes Kleid.

Toni schaute an sich hinunter. „Ich sollte vielleicht erklären, warum ich so schick aussehe. Beim Packen bin ich noch davon ausgegangen, dass ich im Palast wohnen würde.“ Sie schnitt eine kleine Grimasse. „Ich möchte es wirklich gern versuchen …“

Ivo musterte sie mit scharfem Blick. „Ich besorge etwas, das du über deinem Kleid anziehen kannst.“

Als er zurück ins Atelier trat, begutachtete sie aufmerksam das gestickte Logo auf dem weißen T-Shirt, das er ihr in die Hand drückte. „Du musst sehr stolz darauf sein, dein Land so erfolgreich im Leistungssport vertreten zu haben.“

Er schaute zu, wie sie das T-Shirt überzog, und musste unwillkürlich schmunzeln, als es bis über ihren Rocksaum reichte. „Der Bevölkerung von Monrosa bedeutet es sehr viel. Zuvor hatten wir noch nie eine internationale Medaille gewonnen.“

Ivo zog einen zweiten Stuhl an den Tisch heran. Kurz darauf saßen sie beide nebeneinander, jeder vor einem noch unberührten Blatt Reispapier, zwischen sich Pinselständer und Farbe.

„Vermisst du das Rudern?“

„Nicht besonders. Training und Reisen waren extrem anstrengend, mein Leben fand nur noch in Flugzeugen, Trainingslagern und Hotelzimmern statt.“

Toni ließ ihren Blick durch die weit offenen Terrassentüren des Ateliers in Richtung des Olivenhains wandern, hinter dem, dank des Vollmondes, sogar noch das Bergmassiv schemenhaft sichtbar war. „Es muss seltsam gewesen sein, von der großen weiten Welt in diese hier zu wechseln.“

Ivo strich seinen feinen Marderhaar-Pinsel aus. „Ich brauchte keine Umgewöhnungszeit. Diese Lebensweise passt besser zu mir als jede andere.“

Wie oft hatte er darüber nachgedacht und sich nach einem Ort wie diesem hier gesehnt, frustriert von Verletzungen, erschöpft von ständigen Ortswechseln. Gleichzeitig war ihm bewusst gewesen, dass er dieses Fokussieren auf ein konkretes Ziel, den Teamgeist und die magischen Momente, wenn die Ruderblätter ins Wasser tauchten, während die Sonne im Osten langsam aufging, brauchte und genoss.

„Ich wollte siegen … Gold gewinnen.“

„Für dich selbst?“

„Und für andere.“ Schon um seinem Vater und den Brüdern zu beweisen, dass er nicht nur der introvertierte Nachkömmling war, über den man ständig den Kopf schütteln oder sich Sorgen machen musste. „Probier als Erstes die Pinsel aus. Tauche sie leicht in die Tinte und zeichne unterschiedliche Formen und Linien aufs Papier.“

Er demonstrierte ihr mit drei verschiedenen Pinselstärken, wie man durch unterschiedlichen Druck auch Schatten erzeugen konnte.

Kurz darauf arbeiteten sie schweigend Seite an Seite, unter sich das Rollen der Meereswogen gegen die Felsen, hinter sich auf dem Sofa Pacos unruhige Bewegungen. Anstatt, wie erwartet, kontinuierlich zu plaudern oder ihn mit Fragen zu löchern, konzentrierte Toni sich ganz auf ihre Pinselstriche und Muster, mit denen sie das Papier füllte.

Ivo holte ein weiteres Blatt Reispapier und aus dem Bücherregal eine getöpferte Seeschwalbenskulptur. Animiert referierte er über fließende Formen und wie man sie mit wechselndem Pinseldruck aufs Papier bannen und lebendig gestalten konnte, indem man Linien krümmte, sie schmaler und breiter anlegte und mit dem Raum dazwischen spielte.

Toni krauste die Nase und seufzte betrübt, weil es ihr nicht gleich gelingen wollte, das Gehörte umzusetzen.

„Du musst Vertrauen haben und den Pinsel lockerer halten.“ Er umfasste ihre Finger und führte sie übers Papier. „Nicht nachdenken, nur fühlen …“ Als er seine Hand zurückzog, begegnete er ihrem Blick und wusste, dass sie es auch spürte … diese seltsame, gefährliche Anziehungskraft. „Toni …“ Sie starrte ihn aus diesen warmen braunen Augen an, und seine Brust wurde eng. „Das ist auch schon das ganze Geheimnis“, sagte er brüsk und verachtete sich dafür.

Sie senkte den Kopf und fuhr mit den Fingern über das zarte Reispapier. „Ganz schön kompliziert“, murmelte sie rau und ließ offen, was sie damit meinte. „Ich bin natürlich wegen des Podcasts hier, aber wenn das Aufnahmegerät nicht läuft … du kannst darauf vertrauen, dass nichts von dem, was dazwischen geschieht, ins Interview einfließt.“

Fast hätte er laut aufgelacht und ihr gesagt, dass er seit Jahrzehnten niemandem mehr traute, wohl wissend, dass Menschen, sobald es darauf ankam, in erster Linie ihre eigenen Interessen vertraten. Doch aus irgendeinem unerfindlichen Grund reizte es ihn anzutesten, wie weit dieses faszinierende Geschöpf ihm vertraute.

Aus belauschten Gesprächen zwischen Kara und Alice wusste er einiges über ihren Background, aber würde Toni auch von sich aus bereit sein, ihre Vergangenheit mit ihm zu teilen? „Du hast erwähnt, dass du früher als Aufnahmeleiterin gearbeitet hast. Warum jetzt diese Podcasts?“

Sie zögerte und gab sich einen Ruck. „Als Dan mit mir Schluss machte, verließ ich die Firma, für die wir beide tätig waren, um als Freiberuflerin für eine Podcast-Werbefirma Interview-Inhalte zu recherchieren und Kunden bezüglich ihrer Eignung als Werbeplattform zu beraten. Persönlich war ich aber sehr verunsichert und konnte nicht fassen, wie grundlegend sich mein Leben und damit auch meine Zukunft von heute auf morgen verändert hatte. Ich lenkte mich mit langen Spaziergängen ab und hörte dabei die unterschiedlichsten Podcasts. Ich war schon immer neugierig auf andere Menschen und ihre Schicksale. Und ich habe erfahren dürfen, wie viel Kraft darin liegt, Erlebtes mit anderen zu teilen, sich inspirieren zu lassen und im besten Fall zu lernen, einander besser zu verstehen.“

Seine stoische Miene reizte sie zum Auflachen.

„Das muss natürlich nicht für jeden gelten. Seit ich denken kann, hat meine Mutter behauptet, ich sei ‚zum Schwatzen geboren‘. Ständig versuchte sie mich zu dämpfen, und in der Schule galt ich als Albtraum sämtlicher Lehrer. Ich weiß, es hat auch seine Schattenseiten, wenn man dazu neigt, alles mit anderen teilen zu wollen. Und ich versuche immer wieder, nicht so … so offen zu sein, aber wie du selbst feststellen kannst …“ Traurig schüttelte sie den Kopf. „Irgendwie scheint es mir nicht zu gelingen.“

„Tut mir leid, wenn ich dich verletzt haben sollte“, murmelte Ivo rau.

Sie nickte schwach, und ihr Lächeln zog sein Herz zusammen. „Als Dan mich verließ, war es, als wäre ich von einem Lastwagen angefahren worden. Ich nehme an, jede Beziehung verändert sich im Laufe der Jahre … aber wir waren immer noch Freunde und konnten uns gegenseitig zum Lachen bringen. In der Nacht, nachdem er gegangen war, konnte ich nicht schlafen und unternahm einen Spaziergang. Dabei hörte ich mir den Podcast einer Sängerin an, die über das Ende ihrer Beziehung sprach und sagte, sie hätte zu viel Angst gehabt, ihre Ehe von sich aus zu beenden, obwohl sie wusste, dass es nicht richtig für sie war …“

Toni griff nach einem Pinsel und malte einen großen Kreis aufs Papier, der mit jeder Runde dunkler und massiver wirkte.

„… Und dabei wurde mir bewusst, dass ich selbst viel zu ängstlich war, um überhaupt auf den Gedanken zu kommen, mich von Dan zu trennen, obwohl ich mich tief im Inneren kreuzunglücklich fühlte.“

„Wovor hattest du Angst?“

„Vor dem Unbekannten, nehme ich an.“ Sie legte den Pinsel zur Seite und zuckte mit den Schultern. „Alles Unbekannte macht mir Angst.“

Himmel! Was hatte diese Frau nur an sich, was ihn derart entwaffnete, dass er sich fühlte, als würde er über hauchdünnes Eis balancieren? War es ihre unleugbare Schönheit? Ihre frappierende Aufrichtigkeit? Diese verwünschte Chemie zwischen ihnen?

Er hatte keine Ahnung, was die nächsten Tage bringen würden, wusste aber, dass er Toni unbedingt klarmachen musste, was sie von ihm erwarten konnte und was nicht.

„Ich bin nicht gut in Beziehungen, lebe gern allein und liebe meine Unabhängigkeit.“

Erneutes Schulterzucken. „Da ich wohl nie wieder den Mut aufbringen werde, jemandem zu vertrauen, ist das genau der Zustand, den ich auch anstrebe“, sagte sie leise.

Ohne nachzudenken legte er einen Arm um ihre Schultern und küsste sie aufs Haar. Und genauso schnell zog Ivo sich auch wieder zurück und stand auf.

Was hatte er getan? Er musste das Ganze hier so professionell wie nur möglich abwickeln, sonst würde es in einem einzigen Wirrwarr enden!

„Später wird es in Laredo ein Feuerwerk geben …“, verkündete er brüsk. „Ich muss auf jeden Fall noch mit Paco und Lore eine Runde drehen, ehe die Knallerei losgeht.“

Toni schwang auf ihrem Sitz herum. „Ich komme mit.“

Ivo schüttelte den Kopf. Er brauchte dringend Abstand. „Bleib und mal weiter.“

Ihre sichtliche Enttäuschung ignorierend lief er förmlich davon, in der Erkenntnis, dass der sorgfältig errichtete Schutzwall um sein Herz zu bröckeln drohte … vor Sehnsucht und Verlangen nach ihrer Nähe … nach ihr.

4. KAPITEL

Sonnenstrahlen drangen durch die Holzlamellen der geschlossenen Fensterläden in ihr Schlafzimmer. Dann erklang lautes Hundegebell.

Mit einem Ruck schlug Toni die Bettdecke zurück, riss erst die Fensterläden, dann die Terrassentüren auf und blinzelte in die helle Morgensonne.

Dem frenetischen Gebell folgend, hastete Toni den Weg zum Strand hinunter. Waren Ivos Hunde in Schwierigkeiten?

Sobald ihre Füße den warmen goldenen Sand berührten, entdeckte sie Paco und Lore, die in den sanft plätschernden Wellen hin- und hersprangen und immer noch bellten.

Toni ließ ihren Blick über die blaue Weite des Ozeans wandern, konnte Ivo aber nirgendwo entdecken. Sie rief die Hunde beim Namen, worauf sie sich etwas beruhigten und sogar auf sie zukamen, bevor sie wieder ins seichte Wasser stürmten und erneut Randale machten.

Toni beschattete ihre Augen mit der Hand, konnte aber nichts entdecken. Sollte sie zurücklaufen, um ihr Handy zu holen? Oder besser gleich Ivos Security-Team alarmieren? War er überhaupt da draußen? Vielleicht lag er ja noch im Bett und seine Hunde bellten ohne besonderen Grund das Meer an?

Ihre Brust wurde eng, das Herz klopfte oben im Hals. Sie wusste, dass sie ruhig bleiben musste, konnte aber fühlen, wie ihr Puls sich beschleunigte. Was, wenn Ivo wirklich in Schwierigkeiten war?

Plötzlich sah sie eine Bewegung auf dem Meer. Ein Arm, der die Wasseroberfläche durchpflügte, dann noch einer. Toni presste eine Hand auf ihr wild hämmerndes Herz, verließ rückwärts gehend Schritt für Schritt das seichte Wasser und sank schließlich auf dem warmen Sandstrand erschöpft zu Boden. Nur sehr langsam legte sich ihre Panik.

Auch die Hunde beruhigten sich zunehmend und begrüßten ihr Herrchen schwanzwedelnd, als Ivo sich aus den nassen Fluten erhob und sie liebevoll tätschelte. Die schwarze Badehose verbarg so gut wie nichts von seinem durchtrainierten Astralkörper, der einem griechischen Gott alle Ehre gemacht hätte, und der Goldbronzeton seiner Haut unterstrich das Spiel seiner Muskeln bei jedem Schritt.

An der Wasserkante blieb er stehen, schüttelte sein nasses Haar aus und hob warnend einen Finger, worauf beide Hunde sofort Sitz machten, aber weiter begeistert mit den Schwänzen wedelten, überglücklich, ihren Herrn und Gebieter wiederzuhaben.

Als er näher kam, rappelte Toni sich auf und versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie weich ihre Knie waren …

„Tut mir leid, wenn die beiden dich mit ihrem Gebell geweckt haben sollten“, sagte er und ließ seinen Blick bedächtig über ihren Körper wandern.

Die warme Intimität in der dunklen Stimme verführte sie dazu, verlegen an den Spaghettiträgern ihres Pyjamaoberteils zu zupfen und die kurzen Shorts ein Stückchen über die nackten Oberschenkel herunterzuziehen. „Ich war besorgt und hatte Angst, du …“ Sie verstummte und senkte verlegen den Blick.

„Danke, sehr lieb von dir.“ Er schaute auf die Hunde hinunter, die ihn keine Sekunde aus den Augen ließen. „Ihr verrückten Viecher …“, brummte er liebevoll.

Sie schluckte. „Darf ich dich heute Morgen noch mal interviewen?“

Wortlos schritt er an ihr vorbei, um nach einem Handtuch zu greifen, das er auf einer der Sonnenliegen deponiert hatte, die ihr bisher gar nicht aufgefallen waren. Als sie gestern Abend zum Schwimmen an den Strand gekommen war, hatten sie noch nicht dagestanden. Da die Tür des gelben Strandhauses an der Klippe offen stand, vermutete sie, dass Ivo sie von dort geholt hatte.

„Ich muss arbeiten“, wich er ihr aus. „Samstags habe ich immer eine Menge Papierkram zu erledigen, E-Mails zu verschicken und was noch alles.“ Er deutete auf die Liegen. „Ich dachte, du gönnst dir vielleicht einen Strandtag. Das Sommerhaus verfügt über eine gut ausgestattete Küche. Bedien dich nach Herzenslust an Getränken oder Snacks, die du dort findest.“

Ob er die Arbeit nur vorschob, um sich vor einem erneuten Interview zu drücken? „Wie wäre es mit einem Deal? Wenn du dich dazu bereit erklärst, in den nächsten zwei Tagen mit mir abzuhängen, verschiebe ich das Interview auf Montag.“

„Abhängen?“

Sein zweifelnder Ton entlockte ihr ein Lachen. „Ja, einfach nichts tun … wir könnten hier am Strand entspannen, schwimmen gehen, plaudern, uns kennenlernen, Sonnenbaden.“

Bedächtig ließ er seinen Blick über ihren halb nackten Körper schweifen. „Im Strandhaus gibt es Sonnenschirme. Deine Haut ist viel zu zart und empfindlich, um ungeschützt der Sonne ausgesetzt zu werden.“

Der raue Unterton in seiner Stimme verursachte ihr ein seltsames Kribbeln im Innern. „Ich würde denken, deshalb wurde die Sonnencreme erfunden … und ich liebe Hitze. Sie ist so … therapeutisch.“

Und reizte offenkundig zum Flirten, wie Toni überrascht an sich feststellte.

„Umso besser, wenn du bei mir bist, um mich einzucremen …“, erklärte sie frech.

Eine Spur überrascht hielt er ihren Blick fest, dann spielte ein herausforderndes Lächeln um seinen Mund. „Wenn ich schon einen Arbeitstag opfern soll, dann für etwas Aufregenderes als einen schlichten Strandtag.“ Damit wandte er sich um und marschierte einfach los.

Toni beeilte sich, ihm auf den Fersen zu bleiben. „Und was könnte das sein?“

„Ich rufe das Sportgeschäft in Monrosa an, das innerhalb einer Stunde alles liefert, was man braucht. Danach können wir sofort starten, damit wir nicht in der heißesten Zeit des Tages wandern.“

Wandern? Dazu war es doch jetzt schon viel zu warm!

Ivo warf sein Handtuch über die Schulter und ging weiter, und Toni tat ihr Bestes, nicht den Anschluss zu verlieren. Sie würde unmöglich mit ihm Schritt halten können! Ihre Vorstellung von einem angenehmen Spaziergang war der Zehn-Minuten-Weg zur nächsten Bushaltestelle. Himmel, würde sie sich blamieren! Sie musste Ivo unbedingt von dieser Schnapsidee abbringen …

Während sie verzweifelt nach Gegenargumenten zu seinem verrückten Plan suchte, wurde sie durch das Muskelspiel seiner durchtrainierten Beine abgelenkt … und dann diese harten Konturen seines perfekten Pos … wie er wohl im Bett sein mochte? Sanft oder eher fordernd? Ob sie dort vielleicht einen Blick hinter die Maske erhaschen könnte, die er der gesamten Welt präsentierte?

Ein schriller Schrei ertönte, und Ivo wirbelte herum.

Paco und Lore, die dicht hinter ihm liefen, machten augenblicklich kehrt, und er folgte ihnen bis zu Toni, die wie wild mit den Armen ruderte. „Eine Schlange!“, kreischte sie. „Sie ist hier über den Weg geglitten und dort im Gebüsch verschwunden!“

Ivos Blick folgte ihrem ausgestreckten Finger bis ins dichte Unterholz. „Schlangen spielen eine wichtige Rolle für das Gedeihen unseres natürlichen Ökosystems.“

Sekundenlang starrte sie ihn fassungslos an, dann schob sie sich an ihm vorbei, zögerte, fuhr gereizt herum und riss sich sein altes Baseball-Cap ab, mit dem er sie ausgestattet hatte. „Du hast gesagt, wir würden eine kurze Wanderung machen, und jetzt sind wir seit Stunden unterwegs!“

Um seinen Mund zuckte es, als er demonstrativ auf seine Uhr schaute. „Exakt … fünfzig Minuten“, korrigierte er.

„In sengender Hitze und ständig bergauf.“

„Deshalb genießen wir jetzt diese grandiose Aussicht.“ Ivo ließ seinen Blick vom Bergwald über sein geliebtes Mittelmeer schweifen. „War das nicht den Aufstieg wert?“

Das brachte ihm ein weiteres Murren ein. „Ja, fabelhaft …“ Unwillig zerrte Toni am Kragen ihres brandneuen T-Shirts. „Das sitzt viel zu eng!“

Nicht in seinen Augen …

Wortlos zog er eine Wasserflasche aus seinem Rucksack und bot sie ihr an.

„Ich nehme an, es ist kein Paradise City?“

„Cocktails sind unter den herrschenden Umständen absolut nicht die empfohlene Flüssigkeitszufuhr“, kam es pragmatisch zurück.

Toni verdrehte die Augen und gönnte sich einen ausgiebigen Schluck Wasser. „Dir ist schon bewusst, dass wir in diesem Moment in einem Restaurant mit Klimaanlage zu Mittag essen oder gemütlich am Strand liegen könnten?“

„Ja, aber dann würden dir die verborgenen Schätze von Monrosa entgehen.“ Er deutete mit dem Kopf nach vorn. „Komm, lass uns Paco und Lore suchen. Sie sind auf und davon, als du angefangen hast, hysterisch zu schreien.“

„Oh je, warum hast du das nicht gleich gesagt?“

Noch bevor er versichern konnte, dass die beiden ihren Weg auch allein finden würden, sprintete Toni los, wie von der Tarantel gestochen. Er holte sie ein, als sie die Hunde unter einer riesigen, schattenspendenden Kiefer liegend antraf, sich bückte und sie tätschelte. „Ich wollte euch nicht erschrecken, ihr Süßen …“

Dio! Ihre Cargo-Shorts saßen mindestens so eng wie ihr T-Shirt.

Autor

Alison Roberts
Alison wurde in Dunedin, Neuseeland, geboren. Doch die Schule besuchte sie in London, weil ihr Vater, ein Arzt, aus beruflichen Gründen nach England ging. Später zogen sie nach Washington. Nach längerer Zeit im Ausland kehrte die Familie zurück nach Dunedin, wo Alison dann zur Grundschullehrerin ausgebildet wurde.
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