Julia Extra Band 581

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MITTERNACHTSKÜSSE IN MARRAKESCH von NINA MILNE

Ein Valentins-Event in einem prachtvollen Palast in Marrakesch zu organisieren, ist ein Traum für Lily. Wäre Eigentümer Darius Kingsleigh bloß nicht so sexy! Als Paparazzi sie beim Küssen mit dem Playboy erwischen, steht ihr Ruf auf dem Spiel. Nur eins kann sie noch retten …

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  • Erscheinungstag 03.02.2026
  • Bandnummer 581
  • ISBN / Artikelnummer 0820260581
  • Seitenanzahl 432

Leseprobe

Nina Milne, Dani Collins, Andrea Bolter , Michelle Douglas

JULIA EXTRA BAND 581

Nina Milne

1. KAPITEL

Lily Culpepper starrte auf ihr Telefon.

Erinnerung!! Noch zehn Tage bis zu Cynthias Junggesellinnenabschied. Wir sehen uns auf Gran Canaria. Bis dann! Julia

Es folgte eine Flut von Emojis.

Lily schloss die Augen. Leider war die Nachricht noch da, als sie diese wieder öffnete.

Es musste einen Ausweg geben. Schlimm genug, dass sie am Valentinstag zu einer Hochzeit gehen musste.

Der Hochzeit ihrer Stiefschwester und ihres Ex-Freunds.

Das Ganze erinnerte an eine Seifenoper. Und immer wieder empfand sie bei dem Gedanken die gleiche Demütigung wie am Valentinstag vor zwei Jahren, als Tom sie zurückgewiesen und sich stattdessen für Cynthia entschieden hatte, die Peinigerin ihrer Kindheit.

Nein, sie wollte sich nicht daran erinnern. An den Schmerz, den schieren Unglauben. Und sie würde sich nicht anmerken lassen, wie sehr es ihr wehtat, sondern lächelnd und unbekümmert auf der Hochzeit auftauchen, als wäre nie etwas gewesen.

Aber der Gedanke an einen Urlaub mit Cynthia und all den früheren Mitschülerinnen, die ihr im Internat das Leben zur Hölle gemacht hatten, rief nackte Panik in ihr hervor.

Für die anderen war das alles längst Vergangenheit. Sie gaben zwar zu, dass sie nicht besonders nett zu Lily gewesen waren, aber das Ausmaß ihrer Grausamkeit hatten sie nie anerkannt. Damals hatten sie es damit gerechtfertigt, dass Lilys Mutter ihren beiden Stiefschwestern den Vater gestohlen hatte.

Das mochte zwar stimmen, aber es war nicht Lilys Schuld gewesen.

Lily stand auf und ging zum Fenster. Sie brauchte die Ablenkung, den Ausblick auf London mit seinen vielen Passanten und roten Doppeldeckerbussen. Sie versuchte, sich auf die Gegenwart zu besinnen. Das hier war ihr Büro. Sie war kein verängstigtes Kind mehr, sondern eine erfolgreiche Geschäftsfrau. Vor ein paar Jahren hatte sie ihr eigenes Unternehmen gegründet, Culpepper Housekeeping Services, eine kleine, exklusive Agentur, die Haushaltspersonal an wohlhabende Kunden weltweit vermittelte. Das war harte Arbeit gewesen.

Was den Junggesellinnenabschied anging … So wenig sie daran teilnehmen wollte, sie würde es tun. Auch wenn sie sich manchmal fragte, warum.

Aber sie konnte Cynthia und Tom nicht komplett den Rücken kehren. Es hieße, auch ihre Mutter im Stich zu lassen, und obwohl ihre Beziehung kompliziert war, brachte Lily das einfach nicht über sich. Sie hatten sich nie gut verstanden, aber Maria war und blieb ihre Mum.

Außerdem war sie fest entschlossen, Cynthia nicht sehen zu lassen, wie verletzt sie war. Anfangs hatte sie noch gehofft, Tom würde erkennen, dass er einen Fehler gemacht hatte. Aber das war nicht geschehen. Stattdessen hatten sich die beiden letztes Jahr verlobt. Lily hatte die Zähne zusammengebissen, ein Lächeln aufgesetzt und gratuliert. Derselbe Stolz zwang sie, auch an diesem Urlaub mit Cynthia, Gina und deren alten Freundinnen teilzunehmen.

Es würde keine gute Fee auftauchen, die mit dem Zauberstab wedelte und ihr eine passende Ausrede verschaffte.

Denn es gab keine guten Feen … keine Magie … kein glückliches Ende wie im Märchen. Lange hatte sie daran geglaubt, aber inzwischen konnte sie das nicht mehr.

Es klopfte an ihrer Tür. Sie drehte sich stirnrunzelnd um. Klienten mussten sich erst unten in der Lobby anmelden. War es jemand aus einem der anderen Büros?

„Herein.“

Die Tür öffnete sich. Eine Frau betrat den Raum, die Lily sofort erkannte, auch wenn sie ihr noch nie persönlich begegnet war. Lady Gemma Fairley-Godfrey war eine der wohlhabendsten und glamourösesten Frauen Englands. Verheiratet war sie nie gewesen, aber man hatte sie im Lauf ihres Lebens mit allen möglichen Prominenten in Verbindung gebracht.

Früher war sie ein Supermodel gewesen, ständig auf dem Cover irgendeiner Modezeitschrift. Heute widmete sie sich überwiegend der Wohltätigkeit. Sie war in Würde gealtert und sah selbst in ihren Sechzigern noch fantastisch aus.

Aber in ihrer Nähe spürte Lily sofort, dass mehr an ihr war als Schönheit. Genau wie Lilys Mutter hatte sie „das gewisse Etwas“, das sie selbst aus der Menge der Reichen und Schönen hervorstechen ließ. Ihre Mum hatte dieses Charisma ihr ganzes Leben lang benutzt, um Männer zu bezirzen. Lily hatte weder das gute Aussehen noch diese besondere Gabe geerbt. Wahrscheinlich kam sie eher nach ihrem Vater – wer auch immer er war. Ihre Mutter hatte sich stets geweigert, das Geheimnis preiszugeben.

Nicht, dass das gerade wichtig war. Lady Fairley-Godfreys Erscheinen war eine einmalige Gelegenheit. Wenn es Lily gelingen würde, sie als Kundin zu gewinnen, wäre das für ihre Agentur ein Glückstreffer. Es war allgemein bekannt, dass Lady Fairley-Godfrey hohe Ansprüche stellte und nur mit den Besten zusammenarbeitete.

„Lily Culpepper?“

„Ja.“ Lily trat vor und reichte ihr die Hand. Der Händedruck war kurz und fest. „Bitte, setzen Sie sich doch, Lady Fairley-Godfrey.“

„Danke. Und nennen Sie mich ruhig Gemma. Es tut mir leid, dass ich ohne Termin hier hereingeplatzt bin, aber ich war gerade in der Gegend und habe Ihr Firmenschild gesehen. Ich habe mich daran erinnert, dass man Sie mir empfohlen hat. Also dachte ich, ich versuche mein Glück.“

„Natürlich. Wie kann ich Ihnen helfen?“

„Ich habe mich sehr kurzfristig entschieden, ein Fundraising-Event am Valentinstag zu veranstalten – für eine Stiftung, die alleinerziehende Mütter aus sozial schwierigen Verhältnissen und deren Kinder unterstützt. Im Vorfeld soll es ein Abendessen für einige ausgewählte, sehr wohlhabende Spender geben. Mein Patensohn hat mir seine Villa in Marokko als Veranstaltungsort angeboten, aber sie braucht dringend einen Frühjahrsputz. Ich plane, selbst hinzufliegen, um mich darum zu kümmern. Dafür benötige ich die Dienste einer Haushälterin. Einige Gäste bleiben über Nacht, und ich möchte ihnen einen Fünf-Sterne-Service bieten.“

Lily dachte nach. „Jetzt haben wir Ende Januar. Es bleibt nicht viel Zeit. Aber ich bin mir sicher, wir können Ihnen helfen. Sobald ich die genauen Daten habe, kann ich Ihnen eine Liste von Kandidatinnen zuschicken. Oder wenn Sie mir vertrauen, jemanden auszuwählen …“

Gemma schüttelte den Kopf. „Nein. Ich möchte, dass Sie das persönlich übernehmen.“

„Ich? Ich fühle mich geehrt, wirklich, aber ich erledige inzwischen selbst keine Aufträge mehr, einfach weil …“

„Weil Sie Ihre Firma leiten müssen. Das verstehe ich.“ In Gemmas Stimme lag ein Hauch von Ungeduld. „Aber im digitalen Zeitalter können Sie bestimmt viel davon per Computer erledigen und den Rest delegieren. Es wäre nur für eine Woche. Ich will die Beste. Es ist Ihre Firma, daher sind Sie das.“

Lilys Gedanken überschlugen sich. Für Gemma zu arbeiten, würde Culpepper Housekeeping Services zu größerer Bekanntheit verhelfen. Und sie hatte nicht das Gefühl, dass Gemma nur aus Prinzip eine Sonderbehandlung wünschte. Außerdem würde ihr die Arbeit in Marokko die perfekte Ausrede liefern, die sie brauchte, um nicht an Cynthias Junggesellinnenabschied teilzunehmen, ging ihr auf.

Niemand würde behaupten können, dass sie sich nur drückte. Die Gelegenheit, für Lady Fairley-Godfrey zu arbeiten, schlug niemand aus, der bei klarem Verstand war. „In Ordnung. Ich übernehme den Job.“

Marokko, drei Tage später

Darius Kingsleigh ging auf seine Villa zu und betrachtete die zart rötliche Fassade mit den Sprossenfenstern, die neun riesige Schlafzimmer mit angrenzenden Bädern, zwei große Empfangsräume, ein Speisezimmer und eine moderne Küche umschlossen. Der Hof war mit Mosaikkacheln gepflastert und durch Rankengitter vor Blicken geschützt.

Er hatte das palastartige Anwesen vor einem Jahr gekauft, aus keinem anderen Grund, als dass er es konnte. Genau wie den Sportwagen und seine Apartments in London und New York. Mit seinem eigenen Geld. Jeder Cent war selbst verdient.

Seine Firma hatte nichts mit Kingsleigh Hotels zu tun, dem Unternehmen, das seiner Familie gehörte und seit dem Tod seines Vaters von seiner Tante und deren Kindern geleitet wurde. Sein Vater hatte ihm keine Anteile daran hinterlassen.

Sein Vater hatte ihm gar nichts hinterlassen.

Für Enzo Kingsleigh war Verzicht ein Fremdwort gewesen. Der Herzinfarkt, der ihn im Alter von nur fünfundsechzig Jahren jäh aus dem Leben gerissen hatte, war wahrscheinlich genau diesem Umstand geschuldet.

Das war vor drei Jahren gewesen. Seitdem begleitete Darius diese schwarze Wolke aus Trauer, Schmerz, Groll und Schuldgefühl.

Das reicht jetzt. Schluss.

Einmal mehr sagte er sich, dass er mit der Vergangenheit abgeschlossen hatte. Mit Enzo und der gesamten Familie Kingsleigh. Er hatte es aus eigener Kraft an die Spitze geschafft, auch wenn Enzo das nie erfahren würde.

Und dann empfand er wieder einen Hauch von Scham.

Nachdem ein DNA-Test damals seine Vaterschaft bestätigt hatte, hatte Enzo ihn bei sich aufgenommen. Dafür war Darius nach wie vor dankbar. Deshalb hatte er das Testament auch nicht angefochten. Er hatte die Anwaltskanzlei verlassen, ohne sich noch einmal umzudrehen. Seit drei Jahren hatte er nicht zurückgeblickt.

Aber schon bald würde das Familiendrama an die Öffentlichkeit dringen. In den nächsten Wochen würde der Erbschein ausgestellt werden, und dann würde die Welt erfahren, dass Enzo Kingsleigh seinen einzigen Sohn enterbt hatte.

Nicht, dass Darius das persönlich groß berührte. Ihm war egal, was die Zeitungen schrieben. Aber es würde möglicherweise einen Einfluss auf seine Firma haben – Spekulationen nach sich ziehen, ob er wirklich fähig war, ein Unternehmen zu leiten. Der Dominoeffekt konnte fatal sein. Was für eine bittere Ironie, dass sein Vater selbst im Tod noch einen solchen Einfluss auf sein Leben hatte …

Die Geschäftswelt würde sich fragen, warum Enzo ihm nichts hinterlassen hatte. Ob man Darius in Bezug auf Geld nicht trauen konnte. Ob er irgendwelche Leichen im Keller hatte.

Darius schloss die Augen und holte tief Luft. Das alles konnte er nicht ändern. Aber er würde nicht zulassen, dass solche Spekulationen sein Unternehmen gefährdeten. Er würde den Skandal aussitzen. Seit seiner verhängnisvollen Affäre mit Ruby AllStar vor zwei Jahren hatte er es vermieden, Schlagzeilen durch etwas anderes als geschäftliche Erfolge zu machen. Sein Leben als reicher Playboy war lange vorüber.

Er holte noch einmal tief Luft und unterdrückte ein Seufzen. Eigentlich hatte er keine Zeit, hier zu sein. Er sollte arbeiten. Aber er hatte seiner Patentante ihren Wunsch nicht abschlagen können.

„Darius, du musst mir einen Gefallen tun.“ Kein Small Talk, keine Vorwarnung. Gemma kam immer direkt zur Sache. Aber über den Bildschirm konnte er sehen, dass sie gestresst war.

„Was denn?“

„Ich muss eigentlich heute nach Marokko fliegen …“

„Um die Villa für die Benefizveranstaltung vorzubereiten, ich weiß. Die Schlüssel hast du, oder?“

„Ja, aber es gibt ein Problem. Ich werde woanders gebraucht.“

Sie erklärte nicht, warum, und Darius fragte auch nicht nach. Sie engagierte sich in so vielen Bereichen, dass es immer jemanden gab, der sie brauchte. „Okay. Was soll ich tun?“

Als Antwort auf seine Frage hatte er eine ganze Liste von Anweisungen erhalten. Und jetzt, zwanzig Stunden später, war er hier.

Er überquerte den Hof und stieg die Treppe hinauf. Als er sah, dass die große Eingangstür offen stand, runzelte er die Stirn. Wahrscheinlich war Lily Culpepper, die Frau, die er hier treffen sollte, schon im Haus, aber warum hatte sie die Tür offen gelassen? Einen Moment lang blieb er in der großen Eingangshalle stehen, bis er ein Geräusch aus dem Raum auf der rechten Seite hörte. Er ging darauf zu. Gerade als er vor der Tür ankam, eilte eine Frau mit energischen Schritten aus dem Zimmer, einen Schlüsselbund in der Hand und Spinnweben im Haar. Er versuchte, ihr auszuweichen, aber es war zu spät: Sie kollidierten miteinander, und es gelang ihm gerade eben noch, sie festzuhalten, bevor sie fiel.

Einen Moment lang sah er sie nur fasziniert an, während sich ihre Augen erschrocken weiteten. Unwillkürlich hielt er den Atem an, aus dem Konzept gebracht von der unerwarteten körperlichen Reaktion auf diese Begegnung. Einer Reaktion, die sich auch in ihren dunkelblauen Augen widerspiegelte. Im nächsten Moment schien sie zu begreifen, wer er war. Stirnrunzelnd presste sie die Lippen zusammen.

Lippen, auf denen sein Blick eine Spur zu lange verharrte.

„Sie müssen Lily Culpepper sein.“ Darius musterte sie genauer, versuchte zu ergründen, wieso sie so auf seinen Anblick reagierte. Das dunkelbraune Haar reichte ihr bis zu den Schultern. Sie hatte ein ovales Gesicht mit einem entschlossenen Kinn. Das Schönste an ihr waren ihre Augen, von einem tiefen, dunklen Blau, umrahmt von langen, dunklen Wimpern. Ihre Nase war ein klein bisschen zu lang, was ihrem Gesicht Charakter verlieh; ihr Mund voll und sinnlich.

Sie nickte. „Darius Kingsleigh, vermute ich.“ Ihre Stimme klang höflich, aber in ihren Augen lag ein Hauch von Ablehnung.

Das missfiel ihm. Er hatte in seinem Leben genug Ablehnung erfahren. „Ja. Ich bin Gemmas Patensohn. Ich nehme an, Sie haben auf mich gewartet und deshalb die Tür offen gelassen? Nur für die Zukunft, ich nehme Sicherheit ernst, und es ist mir wichtig, dass mein Personal das auch tut. Ich möchte nicht, dass jemand hier hereinkommt und die Villa ausräumt.“

Noch während er das sagte, fragte er sich, was er da gerade tat. Er verhielt sich wie ein arroganter Mistkerl, dabei hatte sie ihm keinerlei Anlass dazu gegeben. Aber bevor er den Versuch unternehmen konnte, das Ganze wieder geradezurücken, ging sie mit einem Ausdruck von Ärger in den Augen zum Gegenangriff über. „Ich bin nicht Ihre Angestellte. Lady Fairley-Godfrey hat mein Unternehmen engagiert. Außerdem bin ich mir nicht sicher, wann Sie das letzte Mal hier waren, denn das Schloss funktioniert nicht richtig.“

Oh, jetzt, wo er darüber nachdachte, hatte der Makler tatsächlich so etwas erwähnt, als er die Villa vor einem Jahr gekauft hatte.

„Ich habe fünfzehn Minuten gebraucht, um die Tür überhaupt aufzubekommen. Und dann entschieden, sie lieber nicht zu schließen, solange ich nicht weiß, wie ich ansonsten noch aus dem Haus komme. Ich war vielleicht zwei Minuten außer Sichtweite. Jetzt, da Sie hier sind, können Sie die Tür gern wieder schließen. Ich warte dann draußen auf Gemma. Sie müsste jeden Moment hier sein.“

Sie trat vor und reichte ihm die Schlüssel. Automatisch griff er danach, und ihre Finger trafen sich. Darius zuckte beinahe zusammen. Es hätte ihn nicht überrascht, wenn bei der Berührung tatsächlich Funken geflogen wären. So fühlte es sich jedenfalls an.

Sie zogen beide instinktiv die Hände zurück, und die Schlüssel fielen zu Boden.

Mit einem leisen Fluch bückte sich Lily danach – im selben Moment, in dem er in die Hocke ging, um sie aufzuheben. Jetzt waren sie sich so nahe, dass er die Sommersprossen auf ihrem Nasenrücken erkennen konnte. Und ihm ihr Geruch nach Blumen und Sonne in die Nase stieg. Ihr Haar glänzte im Licht, das durch ein Fenster in die Eingangshalle fiel.

Sie war genauso gefesselt wie er. Ihre blauen Augen verdunkelten sich, ihre Lippen öffneten sich.

Statt die Schlüssel aufzuheben, verharrten sie so … und der Abstand zwischen ihnen schrumpfte. Einen Moment lang dachte er, sie würde ihn küssen.

Dann quietschte die Eingangstür durch einen leichten Windstoß in ihren Angeln. Lily zuckte zusammen und richtete sich gerade auf.

Darius hob die Schlüssel auf und kam aus der Hocke. Einen Moment lang standen sie sich stumm gegenüber. Irgendetwas sollte er sagen, aber ihm fiel partout nichts ein. Was war nur aus seiner üblichen Selbstsicherheit geworden?

Am Ende strich sich Lily eine Haarsträhne hinters Ohr und machte einen Schritt auf die Tür zu. „Ich warte dann draußen.“

„Das bringt nichts. Gemma kommt nicht.“

„Natürlich kommt sie. Ihr Fundraising-Event ist in weniger als einer Woche!“

Darius holte tief Luft. „Deshalb bin ich hier. Gemma schafft es nicht, ihr ist etwas dazwischengekommen. Sie hat mich gebeten, mit Ihnen zusammen die Villa in Schuss zu bringen und das Event zu planen.“

Sie machte einen Schritt zurück. „Sie? Zusammen mit mir?“

Ein Hauch von Entsetzen lag in ihrer Stimme, und er konnte es ihr nachfühlen. Es gefiel ihm auch nicht, dass sie ihn so durcheinanderbrachte. „Ja. Ist das ein Problem?“

2. KAPITEL

Ja. Das war definitiv ein Problem. Lily holte tief Luft und fragte sich, warum sie sich so fühlte, als hätte sie komplett die Kontrolle über die Situation verloren.

Eine ihrer größten Stärken war die Fähigkeit, kühl und ungerührt zu bleiben. Eine Fähigkeit, die sie über die Jahre hinweg perfektioniert hatte – nachdem sie begriffen hatte, dass das der beste Weg war, mit den Gemeinheiten umzugehen, die sie von anderen Kindern zu erdulden hatte.

Diese Fähigkeit hatte sie auch dann nicht im Stich gelassen, als es um Cynthias und Toms Hochzeitsvorbereitungen gegangen war. Sie hatte geglaubt, nichts könnte sie mehr erschüttern. Aber innerhalb einer Sekunde hatte Darius Kingsleigh ihr diese Illusion geraubt.

Wie war es möglich, dass sie so auf seine Gegenwart reagierte? Er war ein Mann, der immer wieder auf den Titelseiten gelandet war, meistens mit irgendeiner schönen Frau an seiner Seite. Sein Vater war für seinen ausschweifenden Lebensstil bekannt gewesen, und Darius war in seine Fußstapfen getreten. Sie hatten ihr Geld und ihr gutes Aussehen benutzt, um zu bekommen, was sie wollten. Lily verachtete solche Leute.

Sie konnte sich noch an die Schlagzeilen über Darius’ dramatische Trennung von der Sängerin Ruby AllStar erinnern, die ihm vorgeworfen hatte, er hätte die ganze Zeit nur mit ihr gespielt. Ja, er sah gut aus, aber ihm fehlten die Eigenschaften, die Lily für wirklich wichtig hielt. Integrität, Güte und Fleiß. Ihm war immer alles auf einem Silbertablett serviert worden.

Trotzdem spielten ihre Hormone in seiner Gegenwart verrückt. Sie sagte sich, dass das nur eine Überreaktion war. Das Wichtigste war jetzt, professionell zu wirken. Dass sie unhöflich zum Patensohn ihrer Kundin gewesen war, war umso schlimmer, weil er jetzt für besagte Kundin einsprang.

Lily zog ihre Jacke zurecht, blickte zu Darius und sah zu ihrem Erstaunen, dass sein Ärger verflogen zu sein schien. Stattdessen lag ein Hauch von Belustigung in seinen Augen.

„Wussten Sie, dass Sie ein sehr ausdrucksstarkes Gesicht haben?“, fragte er.

Na toll. Fantastisch. „Nein“, sagte sie. „Normalerweise habe ich das nicht.“

„Tja, heute schon. Ich habe das Gefühl, dass Sie ein Problem damit haben, mit mir zusammenzuarbeiten, und sich selbst gerade ermahnen mussten, sich professionell zu verhalten und ihre persönlichen Gefühle hintanzustellen.“ Jetzt lächelte er ganz offen. „Wie mache ich mich?“

Lily wünschte sich, er würde das mit dem Lächeln sein lassen. Es weckte in ihr den Drang, zurückzulächeln. Sie merkte schon, dass ihr Gesicht Anstalten machte, genau das zu tun.

Nein! Langsam geriet sie in Panik. Sie konnte sich nicht daran erinnern, wann jemand das letzte Mal in der Lage gewesen war, sie zu durchschauen. Oder auch nur genug Interesse an ihr gehabt hatte, es zu versuchen. Es gefiel ihr nicht. Mit viel Mühe gelang es ihr, ausdruckslos zu bleiben. „Es ist nichts Persönliches. Ich arbeite nur lieber allein oder mit Kollegen, die ich selbst ausgewählt habe.“

„Sie hätten auch mit meiner Patentante zusammengearbeitet.“

„Das ist etwas anderes.“

„Warum?“

Gute Frage. „Ihre Patentante ist meine Kundin, mit der ich den Vertrag geschlossen habe. Aber jetzt hat sich die Auftragsbeschreibung geändert.“

„Geht es Ihnen ums Geld? Gemma hat gesagt, sie zahlt gern mehr.“

„Darum geht es nicht.“

„Haben Sie Angst, Sie werden es nicht schaffen?“

„Nein!“ Sie kniff die Augen zusammen. Er spielte mit ihr, und sie sah genau, worauf er hinauswollte.

„Dann muss es an mir liegen“, sagte er. „Wenn ich auf Sie zugekommen wäre, hätten Sie den Auftrag abgelehnt?“ Seine Stimme klang höflich, sogar sanft, aber es schwang eine stählerne Härte darin mit. Er war nicht nur ein Playboy, ermahnte sich Lily, sondern auch ein überaus erfolgreicher Geschäftsmann, dessen Unternehmen in den letzten zweieinhalb Jahren Millionen an Umsatz erzielt hatte.

„Das ist rein hypothetisch“, sagte sie.

„Ja, aber lassen Sie uns spekulieren.“

„Wieso?“

„Weil ich jetzt de facto Ihr Kunde bin und wir entscheiden müssen, ob wir zusammenarbeiten können oder nicht.“

„Sie haben recht.“ Konnte sie mit diesem Mann zusammenarbeiten? Stand das wirklich infrage, nur weil ihre Hormone verrücktspielten? Was sie von ihm persönlich hielt, sollte eine untergeordnete Rolle spielen.

„Wenn nicht, schaffen wir die Arbeit vielleicht nicht rechtzeitig“, sagte er. „Das wäre Gemma gegenüber nicht fair. Aber ich habe einen Vorschlag. Es ist fast acht, und ich habe Hunger. Wie wäre es, wenn wir bei einem Abendessen das weitere Vorgehen besprechen? Gemma hat mir eine Liste mitgegeben, an der wir uns orientieren können. Lassen Sie uns herausfinden, ob das funktionieren kann. Wenn nicht, bezahle ich Sie für die Anreise und die Zeit, die Sie investiert haben, und finde eine Alternative.“

Lily zwang sich, ihn nicht böse anzusehen. Sie würde sich diesen Job nicht entgehen lassen. Jetzt war der Moment gekommen zu beweisen, dass sie ein Profi war, und sie würde sich von diesem Mann nicht ablenken lassen. Ganz egal, wie gut er aussah. Sie war nicht ihre Mutter.

Schon früh hatte sie entschieden, Äußerlichkeiten keine Beachtung zu zollen, sondern Menschen nur nach ihrem Charakter zu beurteilen.

Was es umso schlimmer machte, dass sein Anblick sie so durcheinanderbrachte.

Allerdings … Um fair zu sein, wirkte auch er ein bisschen aus dem Konzept gebracht.

Lily schüttelte innerlich den Kopf. Das bildete sie sich bestimmt nur ein. Darius Kingsleigh stand auf Frauen, die es mit ihrer Schönheit und ihrem Ruhm auf die Titelseiten schafften, nicht auf durchschnittlich aussehende Geschäftsfrauen, deren Unternehmen maximal zum Mittelstand zählten.

Lily machte sich keine Illusionen, was ihr Aussehen betraf. Nicht, seit sie in der Grundschule die Unterhaltung zweier Mütter mitangehört hatte:

„Wie seltsam, dass eine Frau wie Maria so eine unscheinbare Tochter hat.“

„Vielleicht ist sie adoptiert?“

Es war nicht das letzte Mal gewesen, dass andere Leute solche Vermutungen angestellt hatten. Schon vor langer Zeit hatte sie entschieden, sich selbst zu akzeptieren, wie sie war, und sich im Leben auf andere Dinge zu konzentrieren.

„Von mir aus gern“, sagte sie, obwohl das mit dem Abendessen nach einer eher gefährlichen Idee klang. „Ich hatte vorhin ein Restaurant mit guten Kritiken herausgesucht. Wenn Ihnen das recht ist?“ Vielleicht war ihm ein gewöhnliches Restaurant nicht gut genug.

„Ja, sicher.“

Andererseits entging er so wahrscheinlich der Aufmerksamkeit der Presse, sodass er sich nicht unversehens mit einer Frau wie ihr auf der Titelseite wiederfinden würde. „Also schön, gehen wir.“

Darius nickte und fragte sich währenddessen, warum er Lily zum Essen eingeladen hatte, statt sie einfach zu feuern. Enzo hätte das bestimmt getan.

Aber er wollte sich an Enzo kein Beispiel mehr nehmen. Zwanzig Jahre lang hatte er genau das getan, um sich seine Position zu verdienen. Um Enzo und der Welt zu beweisen, dass er ein echter Kingsleigh war.

Aber das alles – die Partys, die Frauen, die Arbeit für das Familienunternehmen – hatte nichts genützt. Sein Vater hatte ihm gegenüber seine Pflicht erfüllt. Für mehr hatte es nicht gereicht, und vielleicht war das Darius’ Schuld. Aber nun war alles, was er tun konnte, seinen eigenen Weg zu gehen.

Das hieß auch, dass er niemandem mehr etwas beweisen musste. Oder Angst davor haben musste, jemand, dem er vertraute, würde ihn im Stich lassen, wie seine Mutter das getan hatte. Sie war nie eine besonders gute Mutter gewesen, aber er hatte sie geliebt. Und geglaubt, dass sie ihn auch liebte … bis sie gegangen war.

Er holte tief Luft, musterte Lily Culpepper und fragte sich, ob es nicht besser wäre, ihr eine Abfindung zu zahlen und die Sache allein zu erledigen. Dann musste er niemandem gegenüber Rechenschaft ablegen und sich nicht weiter mit ihr herumschlagen. Auch nicht mit seiner beunruhigenden Reaktion auf ihre Gegenwart. Er begriff nicht einmal, warum er so fühlte. Eindeutig mochte sie ihn nicht.

„Gehen wir“, stimmte er zu. Mit etwas Glück würde sie sich entscheiden, den Auftrag abzulehnen.

Sie verließen das Haus. Es kostete ihn ein paar Minuten, die Tür wieder richtig abzuschließen – das Schloss wehrte sich erbittert. Ihm wurde erneut klar, dass er nach wie vor nicht so recht wusste, warum er die Villa eigentlich gekauft hatte. Enzo hätte in einem Haus wie diesem extravagante Partys gefeiert. Darius hatte es gekauft und dann sich selbst überlassen; er konnte sich kaum entsinnen, wie es innen aussah. Jetzt würde es zumindest einem guten Zweck dienen.

Er schaute zu Lily, die anscheinend kein Bedürfnis zum Small Talk verspürte. Sie gingen den Bürgersteig entlang, wo die Ladenbesitzer gerade ihre Stände dichtmachten, und gelangten zu einem gepflasterten Platz voller Cafés und Restaurants.

Lily blickte auf ihr Handy und deutete dann auf ein Restaurant. „Da drüben.“

„Eine gute Wahl.“ Darius schaute hinüber zu den draußen aufgebauten Tischen, die von üppigen Pflanzen in großen Kübeln umgeben waren. „Ich war erst einmal hier, aber das Essen ist fantastisch.“

Sie betraten das Restaurant, in dem heute Abend viel los war.

Lily schaute sich um. „Ich hätte reservieren sollen.“

Bevor er antworten konnte, kam eine Frau auf sie zu. „Sie sind wieder hier!“ Strahlend lächelte sie Darius an.

Er blinzelte. Er konnte sich nicht erinnern, sie bei seinem letzten Besuch gesehen zu haben. „Ja“, sagte er vorsichtig, als hinter der Frau ein Mann und eine ältere Dame auftauchten, die er tatsächlich erkannte. „Sie waren damals schon hier!“, sagte er, und die Dame nickte.

Der Mann trat vor und hielt ihm die Hand hin. „Ich bin Jamal. Ich bin der Koch – und mir gehört das Restaurant. Das hier sind meine Frau Natalia und meine Mutter. Sie hat letztes Jahr ein Bild von Ihnen gemacht.“

Darius war sich nicht sicher, worauf das Ganze hinauslief.

„Wir hatten gerade erst eröffnet, und sie hat das Bild auf die Homepage und in die Zeitung setzen lassen. Darauf waren Sie mit einem leeren Teller zu sehen – und es hat uns viel Umsatz beschert! Als wir gehört haben, dass Sie die Villa gekauft haben, haben wir gehofft, Sie würden irgendwann wiederkommen.“ Jamals Lächeln wirkte entschuldigend. „Mama hat das Bild veröffentlicht, ohne es mir zu sagen. Wir hätten natürlich um Erlaubnis bitten sollen …“

„Wir haben es schnell wieder ersetzt“, versicherte ihm Natalia.

Dem Ehepaar war das Ganze offensichtlich peinlich. Sie wirkten nervös. Darius’ Vater und der Rest seiner Familie hätten sich sicher empört, und sofort von Copyright und Lizenzen gesprochen.

„Ich bin mir sicher, es war Ihr köstliches Essen, das die Kunden angelockt hat.“ Er lächelte die Familie an. „Aber wenn mein Foto ein bisschen geholfen hat, freut mich das.“

„Vielen Dank.“ Jamals Erleichterung war spürbar. „Kommen Sie doch und setzen Sie sich. Das Essen geht aufs Haus. Es wird eine denkwürdige Mahlzeit.“

Natalia lächelte. „Und diesmal fotografieren wir Sie nicht, versprochen. Im Nebenraum ist ein Tisch für Sie gedeckt – meine Schwester hat das übernommen, während wir uns unterhalten haben. Kommen Sie.“

„Danke.“ Lily äußerte sich das erste Mal, aber Darius war sich ihrer stillen Gegenwart die ganze Zeit bewusst gewesen – und auch ihrer Überraschung. Sie wandte sich an Natalia, und die beiden tauschten Höflichkeiten aus, während Natalia sie durch das Restaurant führte. Darius versuchte, nicht zu bemerken, wie Lilys glänzendes braunes Haar über ihre Schultern fiel, oder wie elegant und anmutig sie sich bewegte.

Bis sie den Tisch erreichten und Lily abrupt stehen blieb.

3. KAPITEL

Lily starrte auf den Tisch, über dem ein riesiger, mit Helium gefüllter, herzförmiger Ballon schwebte. Auf dem Tisch standen silberne Teller mit künstlerisch arrangierten Vorspeisen. Das Tischtuch war schneeweiß, die roten Servietten hatten Borten aus Herzchen. Zwei Cocktails mit herzförmigen Schirmchen waren von losen Blütenblättern umgeben.

Eindeutig hatten die Besitzer des Restaurants den Grund ihres Hierseins falsch gedeutet. Nicht verwunderlich. Darius war dafür bekannt, dass er ständig mit unterschiedlichen Frauen ausging. Natürlich dachten sie, dass es ein Date war.

Natalia strahlte sie an. „Ich hoffe, es gefällt Ihnen. Ich dachte, Sie könnten unsere neue Dekoration für den Valentinstag schon einmal vorab genießen. Und wir bereiten auch unser Valentinstagsmenü für Sie zu.“

Jetzt war der Moment, ihr die Illusion zu nehmen. Lily öffnete den Mund und wollte gerade erklären, dass dies nur ein Geschäftsessen war, als sie den Ausdruck schieren Entsetzens in Darius’ Gesicht sah. Eines Entsetzens, das ihr eigenes bei Weitem überstieg.

Jäher Ärger flammte in ihr auf. Natürlich war er peinlich berührt, weil andere Leute denken würden, er hätte seine Standards so gesenkt, dass er mit jemandem wie Lily ausging.

Das erinnerte sie an Toms Reaktion vor zwei Jahren, am Valentinstag. Sie hatte für ihn gekocht – alle Zutaten besorgt, den Tisch gedeckt und dekoriert. Am Ende war das Arrangement der Hintergrund ihrer Demütigung geworden, und nachdem Tom mit zerknirschter Miene gegangen war, war ihr nichts geblieben als kalt gewordenes Essen und ein Topf, in dem die Soße verkocht und eingebrannt war.

Die Erinnerung war so intensiv wie schmerzhaft, und irgendwie verwandelte sie sich beim Anblick von Darius’ Gesicht in eine bittere Wut. Sie wandte sich an Natalia. „Das ist wunderschön. Darius und ich freuen uns so über die Gelegenheit, den Valentinstag einmal extra zu feiern. Dieser ganze Monat sollte der Liebe gewidmet sein.“

Noch während sie es sagte, fragte sie sich, was sie da eigentlich tat. Sie sollte Darius Kingsleigh durch ihre Professionalität überzeugen, und nun stand sie hier und tat so, als sei sie sein Date. Er würde sie für verrückt halten.

Stattdessen trat er auf einmal lächelnd vor. „Danke. Das ist ein unerwartetes Vergnügen.“

„Setzen Sie sich, trinken Sie den Cocktail – er ist mit Champagner! Wir bringen den Hauptgang, sobald wir so weit sind.“

Als sie Platz genommen hatten und Natalia gegangen war, stellte Darius den Cocktail, den er gerade erst in die Hand genommen hatte, wieder ab. „Wollen Sie mir erzählen, was das sollte?“

Lily nahm einen winzigen Schluck aus ihrem Glas und hob das Kinn. „Ich dachte, es wäre eine Schande, ihre Großzügigkeit mit einer Beschwerde zu vergelten. Sie sind so freundlich – ich sehe kein Problem darin, mitzuspielen.“

Er starrte sie an. Seine grauen Augen wirkten hart. „Kein Problem darin? Haben Sie darüber nachgedacht, was passiert, wenn sie oder ihre Angestellten jemandem erzählen, dass wir hier waren, oder ein anderer Kunde versehentlich den Kopf durch die Tür steckt?“

„Oh.“ Natürlich. Lily schloss die Augen und wünschte sich, sie könnte die Zeit zurückdrehen. „Okay. Ich habe nicht richtig nachgedacht.“ Oder vielmehr überhaupt nicht. Sie konnte Darius keinen Vorwurf machen, wenn er zu dem Schluss kam, dass sie für ihren Job ungeeignet war. „Entschuldigung. Ich habe impulsiv gehandelt. Ich kann mit Natalia sprechen und die Sache klarstellen.“

Ein Moment des Schweigens folgte, dann schüttelte er den Kopf. „Schon in Ordnung. Wir belassen es einfach dabei. Hoffentlich entsteht kein Schaden. Ich glaube, es hat uns niemand bemerkt, als wir hereingekommen sind, und sie haben schon versprochen, keine Fotos zu machen.“ Er deutete auf die Teller. „Am besten essen wir einfach und hoffen, unbemerkt zu bleiben.“

Lily nickte und schaute auf die Teller. Sie waren mit Oliven verschiedener Sorten gefüllt, Favabohnen mit Kräutern, kleinen Blätterteigpasteten und Dips und Gewürzen.

Darius schob ihr einen Teller hin und deutete auf eine hellrote Paste. „Ich weiß noch, dass dieses Gericht köstlich schmeckt, besonders mit Harissa.“

Lily versuchte, ihr Misstrauen davor zu unterdrücken, etwas zu essen, das jemand anderes ihr zugeschoben hatte. Sie wollte nicht paranoid sein. Das Essen war von einem Koch zubereitet worden, der keinen Grund hatte, ihr etwas unterjubeln zu wollen.

„Die Soße ist sehr würzig, aber nicht zu scharf.“

Woher wusste Darius das? Seine Worte riefen eine Erinnerung in ihr wach. Sie war wieder im Internat, in derselben Schule, in die ihre Mutter und ihr Stiefvater auch ihre beiden Stiefschwestern geschickt hatten. Maria hatte die Kinder aus dem Weg haben wollen, um ihren neuen Ehemann ganz für sich zu haben – und sicherzustellen, dass er nicht begann, an dem Ehevertrag zu zweifeln, von dessen Unterzeichnung sein Anwalt ihn hatte abhalten wollen.

„Du wirst schon zurechtkommen“, hatte sie zu Lily gesagt. „Du musst lernen, nicht so empfindlich zu sein. Wenn du erst Freundinnen hast, wird es besser werden.“

Stattdessen war sie dort ihren Stiefschwestern und deren Freundinnen ausgeliefert gewesen, die sich einen Spaß daraus gemacht hatten, sie zu schikanieren. Oft genug hatten sie ihr Essen mit Zucker oder Salz ungenießbar gemacht. Einmal hatten sie ihr sogar Brownies untergejubelt, die mit Chilipulver gewürzt gewesen waren. Die unerwartete Schärfe hatte sie nach Luft ringen lassen und ihr Lippen und Zunge verbrannt.

„Erde an Lily.“ Als sie blinzelte, sah sie, dass Darius sie stirnrunzelnd anblickte. „Geht es Ihnen gut?“

„Ja. Natürlich.“ Sie musste sich zusammenreißen. „Das sieht köstlich aus.“ Ihre Begeisterung war gespielt.

„Ich denke, es wird Ihnen schmecken. Die dreieckigen Pasteten sind mit Kartoffeln gefüllt und die rechteckigen mit Rindfleisch, wenn ich mich richtig entsinne. Die Harissa kann ich gern vorher testen, falls Jamal das Rezept geändert hat und sie zu scharf geworden ist.“

Es war fast, als könnte er ihre Gedanken lesen. Seine Rücksicht war ein unerwarteter Balsam für ihre angespannten Nerven.

Er nahm eine Teigtasche und dippte sie in die Soße. Die gesamte Bewegung fesselte sie – sein bloßer Unterarm, sein starkes Handgelenk, seine langen, geschickten Finger. Plötzliches Verlangen machte sie schwach.

„So köstlich wie damals, und nicht zu scharf, versprochen.“ Er lächelte sie an. Sie erwiderte das Lächeln, ohne nachzudenken. „Genau die richtige Mischung aus Würze und Schärfe.“

Oh Gott, flirtete er etwa mit ihr? Wollte sie das? Lily blinzelte. Das Lächeln verging ihr. Wahrscheinlich war es für ihn ein Automatismus, seinen Charme spielen zu lassen.

Sie würde sich nicht von ihm einwickeln lassen.

Lily ergriff eine Teigtasche, dippte sie und nahm einen Bissen. Es war perfekt – der knusprige Teig, die weiche Füllung aus mit Kurkuma gewürzten Kartoffeln, dazu die Schärfe und Würze der Harissa. „Oh, das ist wirklich lecker. Vielleicht finde ich hier eine Inspiration für das Abendessen des Fundraising-Events, falls ich mich entscheide, den Auftrag zu übernehmen.“

In seinen Augen zeigte sich ein Hauch von Erleichterung. „Zeit, übers Geschäft zu reden.“

Es war wirklich allerhöchste Zeit. Darius nahm sich noch eine Pastete, diesmal eine mit Rindfleisch. Das Abendessen entwickelte sich nicht wie erwartet. Er war sich immer noch nicht sicher, was Lily dazu veranlasst hatte, so zu tun, als sei sie ein Date.

Das Problem war, es fühlte sich an wie ein Date. Das gefiel ihm nicht. Er musste dieses Treffen wieder sicher auf die Füße der Professionalität stellen. „Wie wäre es, wenn Sie mir erst einmal beschreiben, wofür Gemma Sie genau angeheuert hat? Dann kann ich ergänzen, was möglicherweise noch auf Sie zukommt, und im Anschluss entscheiden wir, wie wir weiter vorgehen.“

„Das klingt gut.“ Ihre dunkelblauen Augen wirkten nachdenklich, ihr Gesicht konzentriert. Sie strich sich eine Haarsträhne hinter das Ohr. „Ich sollte die Villa in einen Zustand versetzen, in dem sie den Ansprüchen eines Fünf-Sterne-Hotels genügt, und während des Fundraising-Events als Hauswirtschafterin hinter den Kulissen arbeiten. Dafür sorgen, dass die Gäste alles haben, was sie brauchen – von Handtüchern über Hausschuhe bis hin zum Frühstück.“

Er nickte. „Wie Sie wissen, ist der Plan, am Valentinstag ein exklusives Dinner für die sechs Paare zu geben, die auch in der Villa übernachten werden. Im Anschluss kommen weitere vierzig Personen zur Abendveranstaltung inklusive Tanz und Unterhaltungsprogramm. Das muss alles organisiert werden.“

„Also brauchen wir ein Menü für das Dinner, Catering für später, eine Band und weitere Highlights. Es sollte etwas Besonderes sein – Ihre Patentante ist für ihre Kreativität bekannt.“

Darius schaute sie erstaunt an. „Fungieren Sie auch als Eventplanerin?“

„Nein, aber als Haushälterin werde ich natürlich in alles eingebunden sein. Ich bin sicher, ich kann helfen, das zu organisieren.“

„Was ist mit der zusätzlichen Arbeit? Gemma hat erwähnt, dass Sie eigentlich Geschäftsführerin sind.“

„Das bin ich.“ Auf Lilys Gesicht zeigte sich Stolz, ein Stolz, den er nachempfinden konnte. „Ich komme schon zurecht. Es wird viel Arbeit, aber für diesen kurzen Zeitraum ist das kein Problem. Ich würde mich nicht darauf einlassen, wenn das Event oder meine Firma darunter leiden würden.“

Er nickte. „Ich begreife, warum Gemma Sie engagiert hat. Sie mag Leute mit einem Sinn für Prioritäten.“

„Danke“, sagte sie, und da war es wieder – dieses Lächeln, das ihr Gesicht zum Leuchten brachte und ihr Misstrauen verfliegen ließ. Ein Misstrauen, von dem er nicht wusste, ob es nur ihm oder der ganzen Welt galt.

Im Kerzenschein wirkte ihr Gesicht besonders fesselnd … die zarten Sommersprossen, die Wangenknochen, das Funkeln in den dunkelblauen Augen unter unglaublich langen Wimpern. Sein Blick wanderte zu ihren Lippen. Dann begriff er, dass sie ihn genauso fasziniert ansah wie er sie … bis ihr Telefon klingelte. Sie schaute weg. „Entschuldigung. Ich hätte es ausstellen sollen.“ Nervös blickte sie auf das Display und wies den Anruf ab. Binnen Sekunden klingelte es erneut, aber diesmal stellte sie den Ton aus. Es vibrierte weiter.

„Warum gehen Sie nicht ran?“, fragte er. „Es sieht so aus, als ob sowieso gleich die Kellner kommen, um das Essen aufzutragen.“

„Wenn es Sie nicht stört. Ich bin gleich zurück.“

Darius zwang sich, ihr nicht hinterherzusehen. Aber es war schwierig.

4. KAPITEL

Lily zog sich in die Damentoilette zurück und ging ans Telefon, das nicht aufgehört hatte zu klingeln. „Hi, Mum. Im Moment passt es schlecht. Ich habe gerade eine wichtige Besprechung.“

„Um diese Uhrzeit?“ Ihre Mutter seufzte. „Du solltest unterwegs sein und Spaß haben.“

„Meine Arbeit macht mir Spaß.“

„Ein Treffen mit Lady Fairley-Godfrey?“

Lily wollte ihrer Mutter lieber nicht erzählen, dass sie mit Darius Kingsleigh zu Abend aß. „Mit einem Mitarbeiter von ihr. Ich muss gleich zurück an den Tisch.“

„Ein Mitarbeiter? Also männlich? Und ihr seid beim Essen? Was hast du angezogen? Ist er reich?“

„Ich trage eine schwarze Hose und ein ganz normales Top. Es ist ein Arbeitsessen.“

„Ich verstehe nicht, warum du solche Gelegenheiten nicht nutzen willst.“

„Mum, darüber haben wir schon öfter geredet.“ Ihr Leben lang hatte Lily den Versuchen ihrer Mutter widerstanden, sie dazu zu bringen, genau wie sie zu leben. Maria hatte nichts dagegen, dass ihre Tochter arbeiten wollte, aber sie fand, einen wohlhabenden Mann zu heiraten, sollte Priorität haben.

Lily verstand nach wie vor nicht, dass es ihrer Mutter egal war, was für einen Preis dieser Lebensstil hatte. Als Kind war Lily von einem Babysitter zum nächsten weitergereicht worden, damit ihre Mutter dem jeweiligen Objekt ihrer Begierde ihre volle Aufmerksamkeit schenken konnte. Beide Male war das ein verheirateter Mann gewesen. Der erste hatte sich irgendwann von ihr getrennt – und ihr eine üppige Entschädigung gezahlt. Das zweite Mal war es ihr gelungen, ihren Liebhaber an sich zu binden. Er hatte sich von seiner Frau getrennt und Maria geheiratet. Das hatte sie als Triumph verbucht – ungeachtet dessen, dass sie dazu beigetragen hatte, eine Ehe zu zerstören. Und Lily zwei Stiefschwestern beschert hatte, die sie gehasst und gequält hatten. Die ihr das Leben im Internat derart zur Hölle gemacht hatten, dass sie ohne Abschluss abgegangen war.

Statt sich an ihrer Mutter ein Beispiel zu nehmen, hatte Lily sich geschworen, einen eigenen Beruf zu ergreifen und sich niemals finanziell von jemandem abhängig zu machen.

„Ich wollte wissen, ob du es nicht irgendwie einrichten kannst, doch an Cynthias Junggesellinnenabschied teilzunehmen. Sie ist sehr traurig, dass du nicht kommen kannst. Die Familie sollte immer an erster Stelle stehen.“

„Ich kann diesen Auftrag nicht einfach ablehnen.“

Danach beendete Lily das Gespräch zügig. Sie war entschlossener denn je, sich mit Darius zu einigen. Von ihrem beruflichen Ehrgeiz einmal abgesehen, war es ihr Schutz davor, mit Cynthia in den Urlaub fliegen zu müssen.

Sie ging zurück in den Nebenraum und stoppte jäh, als sie Darius sah. Sein dunkles, ungebärdiges Haar, sein markantes Gesicht, seine breiten Schultern. Das überaus attraktive, männliche Gesamtpaket.

Das reicht.

Sie setzte sich wieder an den Tisch. Das Hauptgericht war gerade aufgetragen worden. „Das sieht fantastisch aus.“

„Speziell für den Valentinstag.“ Er lächelte schwach. „Natalia hat mir alles erklärt. Jamal hat sich wirklich etwas einfallen lassen.“

„Das ist brillant.“ Es war ihre Chance, ihm zu zeigen, dass sie über ihren Job nachdachte, nicht über ihn und sein Lächeln oder die anziehenden kleinen Lachfältchen um seine Augen. „Vielleicht können wir das als Inspiration für das Dinner bei dem Fundraising-Event verwenden. Immerhin findet es am Valentinstag statt.“

„Ich bin mir nicht sicher, ob es funktionieren würde.“

„Warum nicht?“

„Weil es bei dem Fundraising eher um eine sentimentale Art von Romantik geht.“ In seinen Augen lag ein Hauch von Belustigung, die Lily einlud, sie mit ihm zu teilen. „Diese Mahlzeit ist, um Jamal zu zitieren, ‚scharf und heiß‘.“

„Oh.“ Scharf und heiß. Das sollte schmierig klingen, aber die Art, wie Darius es sagte, weckte ein Prickeln in ihrem ganzen Körper.

„Jepp. Ich habe versprochen zu wiederholen, was er gesagt hat. Er und Natalia hätten gern Feedback von uns.“

„Oh. Okay, legen Sie los.“ Sie versuchte, unbeeindruckt zu klingen.

„Jamal hat vorgeschlagen, hiermit anzufangen.“ Er deutete auf einen Teller.

„Warum?“

„Würzig und süß. Die perfekte Mischung, um Erwartung zu wecken.“

„Verstehe.“ Sie versuchte, nicht atemlos zu klingen, aber das war schwierig, wenn sich seine Augen verdunkelten und sie sich sicher war, dass eine Einladung darin lag.

„Danach das hier. Ein bisschen mehr Chili – genug, damit einem langsam heiß wird.“

Lily zwang sich, still sitzen zu bleiben. Sie wusste, sie musste etwas sagen. Aber die Worte, die herauskamen, waren ganz andere als beabsichtigt. „Also ist alles, was wir danach noch brauchen, das perfekte Dessert für zwei. Der Höhepunkt.“

Seine Augen glühten förmlich. „Ich sehe, Sie verstehen, wie Jamal denkt.“ Jetzt lächelte er. Und steckte sie damit an.

Der Auftrag, denk an den Auftrag. Sie konnte sich nicht ablenken lassen. Wie sollte sie diesen Job sonst erledigen? Es sei denn … „Ich habe da eine Idee.“

„Nämlich?“

„Ich vermute, Sie hatten eigentlich nicht vor, sich groß an der Organisation zu beteiligen, oder?“

„Nein.“

„Und ich vermute auch, Sie sind ein sehr beschäftigter Mann.“ Lily wusste wenig mehr über sein Unternehmen, als dass er damit wahnsinnig erfolgreich war. Sie nahm an, dass es ein Ableger des Kingsleigh-Konzerns war.

„Richtig.“

„Soll Culpepper Housekeeping Services dann die Organisation komplett übernehmen? Sie könnten nach Hause fliegen, und ich würde Ihnen tägliche Updates schicken.“ Bestimmt wäre es ihm nur zu recht, wenn er nicht hier sein müsste.

„Nein“, sagte er. „Ich weiß das Angebot zu schätzen, muss aber leider ablehnen.“

Lily starrte ihn an. „Sind Sie sicher? Ich bin ein Profi.“

„Zweifellos“, sagte er. „Aber darum geht es nicht. Meine Patentante hat mich gebeten, ihr zur helfen, und ich habe zugesagt. Daran halte ich mich. Ich bin sicher, Sie würden das auch allein schaffen, aber für mich ist es eine Frage der Ehre. Ich schulde Gemma viel.“

Lily sah, dass es ihm ernst war. Das musste sie respektieren. Ein Mann wie Darius konnte jederzeit eine Stange Geld lockermachen; seine Arbeitszeit war deutlich kostbarer. „Okay. Wenn das so ist …“

„Ich schlage vor, wir arbeiten zusammen, wenn das für Sie okay ist.“

Zu ihrer Überraschung mischte sich in ihre Entschlossenheit, bei diesem Auftrag alles zu geben, ein Hauch von Erwartung. „Ja, ist es.“

„Dann ist es beschlossene Sache.“ Darius hielt ihr die Hand hin, und sie ergriff sie, ohne zu zögern.

Es war ein Fehler.

Sie glaubte nicht an Magie, an Schicksal oder Seelenverwandtschaft. Aber Darius’ Berührung bewirkte etwas in ihr … sandte Hitze durch ihren ganzen Körper … ließ sie sich fühlen, als ob sie unter Starkstrom stand.

Unwillkürlich beugte sie sich vor, und er tat dasselbe. Ihr Verstand schien seine Arbeit eingestellt zu haben, sie konnte nur noch fühlen.

In diesem Moment öffnete sich die Tür. Jemand räusperte sich.

Lily ließ Darius’ Hand abrupt los und wandte den Kopf. Jamal. Der Restaurantbesitzer hatte eindeutig gesehen, wie nahe sie Darius gewesen war.

Jamal verzog das Gesicht. „Es tut mir leid zu stören, aber eine Kundin hat Sie hier offenbar entdeckt. Ich glaube, sie wird versuchen, diesen Raum zu betreten …“

Ein Hauch von Irritation zeigte sich in Darius’ Gesicht, aber er lächelte. „Danke für die Warnung. Es ist nicht Ihre Schuld. Aber Lily und ich würden so eine Begegnung gern vermeiden. Wenn es Ihnen recht ist, schleichen wir uns durch den Hintereingang hinaus. Das Essen war übrigens wirklich köstlich.“

„Danke.“ Jamal nickte. „Wenn Sie wollen, kann Natalia Sie auch gern fahren – dann sind Sie unauffälliger als mit dem Taxi.“

„Das ist sehr lieb von Ihnen“, sagte Lily. „Und Darius hat recht. Das Abendessen war wunderbar. Ihre Gäste am Valentinstag werden begeistert sein.“

5. KAPITEL

Lily setzte sich nach vorn zu Natalia, nicht zu ihm auf den Rücksitz. Er fragte sich, ob das eine Frage der Höflichkeit war oder ob sie ihm einfach nicht so nahe sein wollte.

Jedenfalls war es eine gute Entscheidung. Zu große Nähe war eine schlechte Idee; er konnte immer noch Lilys Hand in seiner fühlen. Ihre schlanken Finger hatten ihn mit einer Hitze erfüllt, die alle anderen Gedanken und allen gesunden Menschenverstand überdeckte.

Es hatte keinen Zweck, das zu leugnen. Er hätte Lily fast geküsst! Was war nur los mit ihm? Er hatte keine Ahnung, was sie von flüchtigen Affären hielt. Und er küsste keine Frau, mit der er sich nicht vorher über die Regeln verständigt hatte.

Es musste Regeln geben. Darius wusste nicht, wie Beziehungen funktionierten. Wie das war, wenn jemand einen liebte. Nicht einmal seine Eltern hatten ihn geliebt. Das machte ihn völlig ungeeignet als langfristigen Partner.

Es war daher das Beste, Regeln aufzustellen und Grenzen zu setzen. Und sicherzugehen, dass Liebe gar nicht erst ins Spiel kam. Deshalb stellte er immer sofort klar, dass er keine dauerhafte Beziehung eingehen wollte. So wurde niemand verletzt.

Trotzdem hätte er Lily beinahe geküsst. Das ergab keinen Sinn. Darius hasste es, wenn er etwas nicht verstand. Also musste er dafür sorgen, dass die Anziehungskraft zwischen ihnen verschwand.

Während er grübelte, fiel ihm auf, dass ein Auto die ganze Zeit hinter ihnen fuhr. Als Natalia an einem Fußgängerüberweg hielt, drehte er den Kopf und versuchte herauszufinden, ob er mit seiner Vermutung richtig lag, dass ihnen jemand folgte.

Vielleicht reagierte er über. Aber er wusste, wie interessant die Familie Kingsleigh für die Presse war. Der Reichtum, die Exzesse und Skandale waren immer für Schlagzeilen gut. Für die Skandale hatte vor allem Enzo gesorgt, während seine Schwester das Unternehmen geführt hatte. Rita hatte ihre drei Kinder zu den Erben des Konzerns erzogen. Sie hatten kuschlige Vorstandsposten bekommen, auch wenn sie im Privatleben eher ihrem Onkel nacheiferten.

So wie es Darius getan hatte, um zu beweisen, dass er der Sohn seines Vaters war. Er hatte sich prominente Geliebte gesucht, Partys gefeiert, sich von den Boulevardblättern ablichten lassen, ein arrogantes Grinsen im Gesicht. Aber in den letzten zwei Jahren, seit seiner viel diskutierten Trennung von Ruby AllStar, hatte er sich nur noch auf sein Unternehmen konzentriert. Umso mehr würde sich die Presse über eine Gelegenheit freuen, über ihn zu berichten.

Wenn erst die Wahrheit über Enzos Testament herauskam, würden sich die Medien wie die Harpyien darauf stürzen. Und dann würde er der Welt wieder ganz von vorn beweisen müssen, dass er kein verschwendungssüchtiger Playboy war, dem sein Vater das Geld der Kingsleighs nicht hatte anvertrauen wollen. Schlagzeilen über sein Privatleben galt es im Moment daher tunlichst zu vermeiden.

Er versuchte, sich seine Besorgnis nicht anhören zu lassen. „Könnten Sie mich und Lily nach Djemaa el Fna bringen? Der Abend ist noch jung.“

Er hoffte, der Vorschlag klang nicht zu ausgefallen. Djemaa el Fna war eine Sehenswürdigkeit, ein historischer Marktplatz, auf dem abends viel los war.

„Natürlich“, sagte Natalia. „Wenn Sie da sind, gehen Sie zu Aline und bestellen Sie dort Pfannkuchen – immerhin haben Sie das Dessert stehen lassen! Ich male Ihnen auf, wo Sie sie finden können. Sie gehört quasi zur Familie. Es ist heute ihr erster Tag auf dem Markt!“

„Das klingt wunderbar. Vielen Dank.“

Als Natalia am Straßenrand hielt, stiegen Lily und er aus dem Auto. Lily wartete, bis Natalia weitergefahren war, bevor sie fragte: „Warum wollten Sie ausgerechnet hierher?“

„Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, jemand ist uns vom Restaurant aus gefolgt. Und wenn ich recht habe, ist das hier ein guter Ort, um die Verfolger loszuwerden.“

Lily schaute sich um. „Wirklich?“

„Leider hat die Presse ein reges Interesse an meinem Privatleben. Es ist keine große Sache, aber Sie möchten bestimmt nicht gern als ‚mysteriöse Frau an Kingsleighs Seite‘ auf den Titelseiten zu sehen sein. Warum das Risiko eingehen? Außerdem sollte man diesen Markt auf jeden Fall gesehen haben.“

Lily nickte. „Ich habe davon gelesen. Irgendwann muss ich hier Urlaub machen und mir mehr von Marokko ansehen …“

Sie hielten einen vorsichtigen Abstand voneinander, während sie zum Markt hinübergingen.

Lily blieb stehen, als sie ihn erreicht hatten, und keuchte leise auf. „Wow.“

Darius wusste, was sie meinte. Der Marktplatz war erfüllt von Tausenden Klängen, Farben und Gerüchen. Die Verkäufer priesen ihre Waren der Menge aus Einheimischen und Touristen auf Englisch und Arabisch an. Aus jeder Ecke schallten Trommeln, Gesang und Gitarrenmusik. Einen Moment lang schloss Darius die Augen.

Als er sie wieder öffnete, sah er die Begeisterung in Lilys Gesicht, das von den vielen Lichtern ringsherum erhellt wurde. „Es ist fantastisch. Ich weiß gar nicht, wo ich zuerst hinschauen soll.“ Sie sah sich um. „Falls wir getrennt werden, treffen wir uns am besten wieder hier … wenn ich hierher zurückfinde.“

Die beste Versicherung dagegen war es, dicht beieinanderzubleiben. Darius biss die Zähne zusammen. Aber so oft er sich auch sagte, dass sie nur zwei beliebige Menschen in einer großen Menge waren, es half nichts: Er war sich ihrer Gegenwart die ganze Zeit über bewusst.

Mit lebhaftem Interesse sah Lily sich um, bewegte sich grazil wie eine Tänzerin umher.

An einem Zelt, vor dem ein einzelner älterer Mann stand, kamen sie zum Stehen. Er trug eine lange dunkelrote Robe und eine gestrickte Kappe. Gemächlich trat er vor und begrüßte die Umstehenden.

„Ein Geschichtenerzähler“, erklärte eine Touristin neben Darius. „Er erzählt Geschichten aus Tausendundeiner Nacht.“ Einen Moment ...

Autor

Dani Collins

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