Julia Extra Band 587

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HEISSES FEUER – KALTES HERZ? von CAITLIN CREWS

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  • Erscheinungstag 23.06.2026
  • Bandnummer 587
  • ISBN / Artikelnummer 0820260587
  • Seitenanzahl 432

Leseprobe

Caitlin Crews, Cara Colter, LaQuette, Kate Hardy

JULIA EXTRA BAND 587

Caitlin Crews

1. KAPITEL

In den Bäumen des von Grün überwucherten Gartens zwitscherten die Vögel. Er befand sich hinter einer alten Villa, dreißig Minuten entfernt vom Zentrum Palermos in Sizilien. Giovanbattista D’Amato – von den wenigen, die ihn direkt anzusprechen wagten, Jovi genannt – hörte nicht nur ihren Gesang, sondern auch Geräusche, die nicht da sein sollten. Sehr leise nur, aber mit feinem Gehör durchaus wahrnehmbar.

Offenbar bekam er einen Gast.

Dabei war er kein Mann, der Besucher schätzte, schon gar nicht ungebetene. Das hätte eigentlich schon deutlich sein können durch die knorrigen, hochgiftigen Oleanderbüsche und die wilden Feigenbäume, die am Tor an der Straße wucherten und den Eingang zur Villa noch geheimnisvoller – und somit abschreckender – machten.

Die Villa war in jeder Hinsicht beeindruckend, wie man sich hinter vorgehaltener Hand schockiert zuraunte. Trotz allem! Teenager und Touristen, die fanden, sie sollten sich einen Ort mit einer derart tragischen Vergangenheit einmal genauer ansehen, wurden für gewöhnlich von ihrer eigenen Fantasie in die Flucht geschlagen, lange bevor sie es bis zur Eingangstür der Villa geschafft hatten.

Die Geister, die die Villa bei ihrem sanften Verfall begleiteten, hatten ein großes Geschick darin, sich in die Köpfe und Gedanken der Menschen zu schleichen.

Jovi wusste es besser als jeder andere.

Er hörte den Wagen auf der gewundenen Auffahrt, die unter dem Einfluss der Jahreszeiten allmählich verwitterte. Trotz allem blieb der Kern der Villa unverwechselbar: der klassische sizilianische Barock. Weder Zeit noch fortschreitender Verfall konnten ihm etwas anhaben.

Dabei hatte Jovi sich wirklich bemüht.

Eine schwere Wagentür wurde zugeschlagen. Jovi blieb, wo er war. Saß vollkommen regungslos im Schatten einer alten Eiche, die ein längst verstorbener Gärtner in längst vergangenen Zeiten gepflanzt hatte. Tat so, als hätte er nichts anderes im Sinn, als den warmen Nachmittag zu genießen.

Es war nur ein oberflächlicher Eindruck.

Ein Eindruck, den nur Menschen haben konnten, die Giovanbattista D’Amato nicht kannten.

Jeder andere wusste genau, wer und was er war: ein Eisblock, durch und durch.

Er bewegte sich nicht. Irgendwann in seiner Jugend – eine Zeit, an die er sich nur ungern erinnerte – hatte er sich diese Tricks angeeignet, die er jetzt rein automatisch einsetzte.

Zum Beispiel die Fähigkeit, so still zu sitzen, dass sogar die Vögel ihn für eine Statue hielten. Für einen Stein wie jeden anderen.

Die Fähigkeit zu warten. Einfach nur zu warten und flach zu atmen, damit das Bild der Statue nicht ins Wanken geriet. Rein automatisch übersetzte er sich die Geräusche, die an sein Ohr drangen. Die Vögel. Die Brise. Die Bäume über ihm. Das Rascheln kleiner Wesen in dem Garten, in dem die Pflanzen wild wucherten – eine Rebellion gegen die einst gepflegten Gartenanlagen.

Er identifizierte alle Geräusche, tat sie im Geiste beiseite und konzentrierte sich auf die schweren Schritte des Mannes in den leeren Räumen der Villa hinter ihm.

Jovi schloss das Haus nie ab. Wozu? Hier waren schon die schrecklichsten Dinge passiert. Es war nichts da, was hätte gestohlen werden können – und wenn, dann könnte er es ersetzen, wenn es ihm denn wichtig gewesen wäre. Wenn es nach ihm ginge, konnte jeder hereinkommen. Wenn gewünscht, auch unangemeldet und bewaffnet.

Das war allerdings nicht ratsam.

Die Villa gehörte ihm. Er wohnte hier, wenn er in Sizilien war. Dabei machte er sich keine Gedanken um die Menschen, die diesen Ort betraten. Er wusste: Das Schwierige für sie war nicht das Hineinkommen. Das Schwierige war, wieder hinauszukommen.

Sobald jemand auf sein Terrain eingedrungen war, konnte er es nur wieder verlassen, wenn er es zuließ.

Nur seine Wünsche zählten auf diesem Anwesen, das in einen zerklüfteten Berghang gebaut war. Die Erbauer mussten in dem Glauben gelebt haben, es wäre möglich, dem Würgegriff Siziliens zu entkommen.

Jovi wusste es besser.

Er hörte Schritte auf der einen Seite der zweigeteilten Treppe, die in den Garten führte.

Sie kamen näher. Begleitet von einem leisen Geräusch. Wie ein raues Lachen, das unterdrückt wurde, bis es nicht viel mehr war als ein Atemhauch.

Jovi reagierte nicht.

Er wartete.

Die Schritte waren auf den alten Steinplatten kaum zu hören, die von den besten Steinmetzen Siziliens gefertigt worden waren und nun den Launen der Natur überlassen blieben.

Erneutes Lachen. Diesmal lauter, wohl weil der Mann sich damit bemerkbar machen wollte.

Wie er es immer tat.

„Ich weiß nicht, wie du in diesem Kasten leben kannst“, ließ er sich vernehmen.

Jovi machte sich nicht die Mühe, sich umzudrehen. Er wusste, wer sein ungebetener Gast war. Hatte es von dem Moment an gewusst, als er den Motor des Wagens gehört hatte.

Carlo D’Amato, sein Cousin. Sein ältester Cousin und der Lieblingssohn seines Onkels. Carlo war der sotto capo des D’Amato-Clans, der Stellvertreter des Dons. Der D’Amato-Clan wurde auch als eine der kriminellen Familien der Insel bezeichnet – allerdings nur in der Presse. Unter dem Deckmantel der Anonymität.

Für diejenigen, die der Familie den gebührenden Respekt entgegenbrachten, war sie Il Serpente, die Schlange. Geschickt genug, um den gerichtlichen Untersuchungen auszuweichen, die Familien wie der ihren seit Beginn der 1800er Jahre zusetzten. Ganz zu schweigen von den rivalisierenden Clans, die ihnen immer wieder die Rechte streitig zu machen versuchten, die sie für sich beanspruchten.

Die meisten fröstelte es allein bei dem Gedanken an Il Serpente – eine echte Familienorganisation, die allein auf die Verbindung durch das Blut setzte. Weil Blut Loyalität bedeutete. Blut ließ sich weniger leicht kaufen.

Jovi gehörte zur Familie, aber nicht so wie Carlo. Jovis Vater Donatello war bereit gewesen, seinen eigenen Bruder zu verraten und Schande über die Familie zu bringen. Fast wären sie durch ihn alle den Behörden ausgeliefert worden, die ihnen stets auf den Fersen waren.

Es war ein Schandfleck. Nur Jovi war aus der Familie seines Vaters verschont geblieben.

Er gehörte zu Il Serpente. Er war vom selben Blut. Noch wichtiger: Er war eine Waffe.

Vielleicht sogar die alles entscheidende Waffe.

„Hast du mich gehört?“ Carlo zog sich einen Stuhl heran und setzte sich. Das Erstaunliche war: Dieser große, mächtige Mann, der – wie er selbst immer wieder verkündete – nichts und niemanden fürchtete, schien in der Nähe seines in der Familienhierarchie tiefer stehenden Cousins nervös zu sein.

So wie es jeder war, der das Pech hatte, Jovi zu begegnen.

Ihn zu sehen – dafür gab es nur selten einen Grund, der nicht mit Leid verbunden war.

Carlo konnte dem Blick seines Cousins nicht standhalten. Er spie auf den Boden, als wäre Jovi ein Fluch, der ausgetrieben werden musste. „Du bist ein unheimlicher stronzo“, erklärte er mit einem verächtlichen Blick auf die Villa.

Jovi wartete.

Carlo wusste, wieso Jovi hier lebte. Dies war das Haus, das sein Vater von seinem Vater geerbt hatte, da er der älteste D’Amato-Sohn seiner Generation gewesen war. Donatello war zu weich gewesen für das Geschäft der Familie. Zumindest erzählten es sich alle so. Jovis Großvater hatte immer gesagt, er habe zwei Erben.

Donatello für die offizielle Seite der Familie – höflich, gebildet und weltgewandt. Dagegen stand der seelenlose Antonio für das eigentliche Geschäft, in dem nur Durchsetzungsvermögen und Brutalität zählten.

Antonio hatte nichts mit der Villa zu tun haben wollen, nachdem er dort kalte Rache an Donatello, seiner Frau und den beiden Töchtern genommen hatte.

Sie alle hatten den Schutz der Familie verloren, als Donatello zum Verräter zu werden drohte.

Jovi erlaubte sich nur selten, an seine Familie zu denken.

Es war sein Cousin, der eine sadistische Freude daran zu haben schien, die alten Geschichten wieder aufleben zu lassen, wenn er hierherkam und auf die leeren Räume hinwies. Er liebte es, Jovi an all das zu erinnern, an das er nicht erinnert werden wollte.

Trotz allem, was Carlo gern herumerzählte, wussten sowohl Jovi als auch er selbst sehr wohl, dass er es niemals wagen würde, seinen Cousin ernsthaft anzugehen. Selbst in diesen privaten Momenten war seine Feigheit fast mit Händen zu greifen.

Carlo zwang sich, Jovi anzusehen. „Patri hat einen Job für dich.“

Das war zu erwarten gewesen. Nur eine Anweisung von Antonio konnte Carlo dazu bewegen, diesen Ort der Schande und der Verzweiflung aufzusuchen. Nie wäre er einfach hierhergekommen, um Zeit mit Jovi zu verbringen – um zu reden oder was auch immer die Menschen sonst taten, wenn sie all die sozialen Verbindungen pflegten, die Jovi immer verwehrt geblieben waren.

Sogar wenn Carlo keine Angst vor Jovi gehabt hätte, wären sie nie zwanglos zusammengekommen. Jovi teilte das Blut dieser Familie, aber sonst nichts.

Alles andere hätte vorausgesetzt, dass er aus mehr als Eis bestand. Sein Onkel hatte dafür gesorgt, dass diese Kälte niemals nachließ.

Ihm war es recht so.

Manchmal ging Jovi durch die Stadt oder fuhr am Strand entlang. Es wimmelte von Menschen, die in den Straßencafés einen Kaffee oder etwas Härteres genossen. Sie redeten laut miteinander und gestikulierten wild. Einige saßen an kleinen Tischen eng beisammen, andere vergnügten sich am Wasser. Keiner achtete auf sein Umfeld oder war sich irgendeiner Gefahr bewusst.

Dabei wartete diese Gefahr nur darauf zuzuschlagen.

Jovi konnte die Menschen nicht nachvollziehen.

Er wusste, dass sein Cousin dieses Leben nicht nur verstand, sondern es auch genoss. Carlo hatte eine endlose Reihe von Geliebten, obwohl er eine große Hochzeit in der Kathedrale von Palermo mit einer sorgfältig ausgesuchten Braut aus einer Familie aus Kalabrien gefeiert hatte. Das Ehegelöbnis schien für ihn nicht mehr als ein leeres Lippenbekenntnis zu sein. Drei Söhne hatte seine pflichtbewusste Ehefrau ihm schon geschenkt, und sie wurden von Männern erzogen, die genau so waren wie der, den sie geheiratet hatte.

Jovi legte keine leeren Gelöbnisse ab. Er hielt seine Versprechen.

Und er verabscheute den Sadismus, dem sein Cousin so gern frönte.

Er war Antonios Lieblingswaffe, wenn es darum ging, auf leidenschaftslose Art für Gerechtigkeit zu sorgen – bei Betrug, bei einem gebrochenen Wort oder bei einem Zeichen fehlenden Respekts, das zu groß war, um ignoriert zu werden.

Manchmal auch einfach nur so, wenn Don Antonio fand, dass jemand einen Denkzettel brauchte.

Jovi war die Lösung für alle Probleme, von denen perverse Folterknechte wie sein Cousin überfordert waren.

Carlo wusste genau wie Jovi, dass Don Antonio seine beste Waffe nur sehr gezielt einsetzte. Entscheidend dabei war Jovis Loyalität. Der Sohn eines Verräters musste seine Ehre und Ergebenheit immer wieder demonstrieren – mehr noch als der Rest der Familie. Als er noch jung war, hatte Jovi alles getan, was von ihm verlangt wurde, weil er keine andere Wahl gehabt hatte, um zu überleben.

Heute war allen bewusst, dass Don Antonios Aufträge für Jovi weitaus höflicher formuliert wurden als früher. Und auch höflicher als bei anderen.

Das war das Problem mit dem Erschaffen einer perfekten Waffe: Es bestand immer die Möglichkeit, dass sie sich eines Tages gegen einen selbst richtete.

Das Gros der Zeit verbrachte Jovi einfach damit zu warten. Das Eis in ihm wurde mit jedem Tag massiver. Gefühle kannte er nicht.

Das bedeutete nicht, dass er ein Heiliger gewesen wäre oder ein Mönch. Er hatte Frauen. Viele sogar.

Es gab mehr als genug, die sich zu ihm hingezogen fühlten wie die legendären Motten zum Licht. Er nahm, was sich ihm bot, ohne sich je irgendwelche Namen oder Gesichter zu merken.

Manchmal träumte er nachts von dem Jungen, der er einmal gewesen war – ein Mensch voller Leidenschaft und Verlangen. Ein intelligenter, wilder, gefühlsstarker Junge, der die Freude seiner Eltern gewesen war.

Wenn er tagsüber daran dachte, erschienen ihm diese Träume wie Ammenmärchen, und er konnte nichts damit anfangen. Es war nicht die Art von Erinnerungen, die er sich erlaubte.

In ihm brannte kein Feuer der Leidenschaft. Für ihn gab es nur Tod und Zerstörung.

Sogar Carlo, der behauptete, nichts und niemanden zu fürchten, nahm sich in seiner Gegenwart in Acht.

Jovis Schweigen schien ihm Unbehagen zu bereiten. Rasch umriss er die Situation, wegen der sein Vater ihn geschickt hatte. Es war eine Aufgabe wie alle anderen, die Jovi im Laufe der vergangenen Jahre ausgeführt hatte. Die Details mochten sich unterscheiden, aber das Endergebnis war immer mehr oder weniger dasselbe. Es gab viele Männer, die dieses Spiel spielten. Sie errichteten ihre Königreiche im Schatten und zerstörten die Reiche anderer. Während sie sich in ihrer Macht sonnten, vergaßen sie zu leicht, dass Macht ein sehr vergängliches Gut war.

Da war immer jemand, der noch mehr Macht hatte – oder noch mehr Macht wollte. Es war ein endloser Kreislauf.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie alle tot mehr wert waren als lebendig.

„Wir wollen ihn leiden sehen“, sagte Carlo jetzt und sprach von einem Waffenhändler aus Osteuropa. Es spielte keine Rolle, wer er war. Entscheidend war nur, dass er fand, er wäre mächtiger als Il Serpente und könnte seine Bedingungen diktieren. „Irgendwann wird er den Preis für seinen Mangel an Respekt zahlen, aber zuerst soll er leiden.“

Carlo hatte keine Angst, mit eigenen Händen zu kämpfen – liebte es sogar, was für einen Mann in seiner Position in der Organisation der Familie eher ungewöhnlich war. Immerhin war er die rechte Hand seines Vaters.

Ein Sadist.

Entsprechend hielt er sich in Form, als erwartete er, jederzeit in einen Kampf verwickelt zu werden.

Es war lange her, seit Jovi gehört hatte, wie Carlo sich gegenüber den anderen Cousins darüber beklagte, es sei schwer, sich fit zu halten, wenn er immer der Versuchungen der sizilianischen Küche ausgesetzt war. Das war schon manchem Mann zum Verhängnis geworden.

Die gefährlichsten Männer sind dick, hatte Carlo gegenüber Jovi einmal behauptet, nachdem er beschämt erleben musste, dass Jovi ihn im Fitnessraum locker abhängte.

Sie sind nicht so gefährlich, wie sie glauben, hatte Jovis Antwort gelautet. Die Männer, die nach ihrer Pfeife tanzen, können auch nach der Pfeife eines anderen tanzen.

Manchmal hatte er den Eindruck wie jetzt, dass sein Cousin dieses Gespräch nicht vergessen hatte. Die Art, wie Carlo seinem Blick auswich, verriet ihm, dass er etwas zu verbergen hatte. Wahrscheinlich träumte er von dem Tag, an dem er der Don sein würde und Jovi seine Anweisungen gab. Oder ihn beseitigen ließ.

Jovi hielt es nicht für nötig, ihm zu sagen, dass seine Loyalität nicht übertragbar war. Er musste seinen Cousin nicht daran erinnern, dass seine Fähigkeiten Carlos kranke Spielchen weit in den Schatten stellten.

Der Tag der Abrechnung würde kommen, so viel war sicher. Bis dahin konnte diese Lektion warten.

„Boris Ardelean handelt mit Waffen der ehemaligen Ostblockstaaten“, erklärte Carlo. „Ein Idiot. Ein tschechischer Nationalist, der sich einfach an die Regeln halten sollte. Stattdessen …“

Er zuckte mit den Schultern. Manchem wurde kalt, wenn er dieses Schulterzucken sah. Bei einem Mann wie ihm bedeutete es den sicheren Tod.

Jovi ließ sich davon nicht beeindrucken.

Carlo fuhr fort: „Er glaubt doch tatsächlich, er könnte uns seine Bedingungen diktieren. Er glaubt, er kann sich einen Namen machen, aber … Lu rispettu è misuratu, cu lu porta l’havi purtato.“

„Respekt ist messbar.“ Mit seinen Worten signalisierte Jovi seinem Cousin, dass er mit ihm übereinstimmte. Nach diesem Motto lebten sie alle. In Carlos Fall tat er zumindest so. „Wer ihn anderen entgegenbringt, wird respektiert.“

Sein Cousin nickte. „Don Antonio liebt seinen eigenen Namen.“ Die Bedeutung war klar. Der Waffenhändler brauchte eine Lektion. „Ihn zu beseitigen, wäre zu einfach. Er muss begreifen, dass er es am nötigen Respekt fehlen lässt.“

Jovi sah zu, wie Carlo auf und ab ging. Er hatte schon als kleiner Junge nicht still sitzen können. Sie waren fünf und sechs gewesen und durften tun und lassen, was sie wollten, während die schwarzgekleideten alten Frauen über sie lächelten und sie Engel nannten.

Gefallene Engel, befand Jovi jetzt im Stillen. Engel, die tief gesunken waren.

Falls er ein Engel war, dann ein Engel des Todes.

„Dieser Boris hat eine Tochter“, fuhr Carlo fort. „Er will sie vorteilhaft verheiraten, um Allianzen zu schmieden. Mein Vater glaubt, Boris’ einzige Allianz sollte mit uns sein.“

Jovi neigte den Kopf. „Ich verstehe.“

Carlo betrachtete ihn einen Moment nachdenklich. „Andere Männer würden fragen, ob sie hübsch ist“, bemerkte er trocken. „Und ob sie etwas Spaß bei der Arbeit haben dürfen. Aber du natürlich nicht.“

„Ich glaube nicht an Spaß“, erklärte Jovi kühl. „Es bringt nichts.“

Sex, Töten – ihm war alles gleich. Auch ob es Frauen oder Männer waren, spielte keine Rolle. Manchmal musste ein Tod besonders in Szene gesetzt werden, um eine bestimmte Message rüberzubringen. Manchmal gab es auch Mahnzeichen, ob vor oder nach dem Tod hing allein von dem Grund für den Mord ab.

All das war ihm einerlei. Er machte einfach seinen Job.

Eis blieb Eis, solange es nur kalt genug war.

Jovi sah, dass Carlo eine höhnische Bemerkung zurückhielt. Er wusste auch so, was er sagen wollte – er hatte es anderen gesagt, die es wiederum Jovi zugetragen hatten.

Er ist ein Freak! Carlo machte gegenüber der Familie kein Hehl aus seiner Meinung. Er und sein freakiger Vater. Ginge es nach mir, würde er nicht mehr leben.

„Ich fürchte den Tod nicht“, versicherte Jovi ihm ungerührt. „Ich muss kein Spiel daraus machen.“

Wäre er jemand anderes gewesen, hätte Carlo sich jetzt auf ihn gestürzt. Jovi sah die Verachtung im Blick seines Cousins, aber natürlich tat er nichts.

Er war ein Feigling.

Er bewies es Jovi bei jeder einzelnen Begegnung. Bei jeder.

Carlo selbst wusste es, denn er sagte nichts mehr. Er schluckte, was auch immer er hatte sagen wollen, hinunter – und hasste sich dafür. Auf jeden Fall wandte er sich ab und stürmte zurück ins Haus.

Jovi hörte etwas krachen. Wahrscheinlich verschaffte Carlo sich auf übliche Weise Luft. Anschließend konnte er dann behaupten, es wäre keine Absicht gewesen.

Falls ihn denn jemand fragte. Jovi tat es nie.

Carlo war ein Feigling, aber er war auch gefährlich. Er war auf eine Weise krank, in der viele Männer in diesem Beruf krank waren. Schmerz war ein Spiel für sie, nicht einfach ein Mittel zum Zweck. Eben deswegen würden sie letztlich alle scheitern.

Das war schon jetzt klar.

Es machte Carlo zu dem, der er war. Sein Leben war bereits ein Hinweis darauf, wie er sterben würde.

Jovi nahm an, bei ihm selbst war es ebenso. Eis würde auf Eis treffen und zum Nichts gefrieren.

Das war so unausweichlich wie der Tod der Tochter dieses Idioten Boris, der dachte, er könnte seine Spielchen mit Männern wie Antonio D’Amato treiben.

Ihre Welt funktionierte nach sehr strengen Regeln. Es waren immer dieselben Regeln: Der Tod wartete auf sie alle. Keiner konnte ihm entkommen. Keiner würde ihm entkommen.

Besonders nicht, wenn er in der Form von Jovi daherkam, der schärfsten Waffe von Il Serpente.

Er blieb noch eine Weile sitzen, bis das Aufheulen des Motors verriet, dass Carlo davonfuhr. Erneut senkte sich Stille herab, nur unterbrochen vom Gesang der Vögel.

Erst jetzt erhob Jovi sich und kehrte in die Villa zurück. Er ignorierte die Geister der Vergangenheit ebenso wie die Scherben der Gläser, die Carlo an die Wand geworfen hatte. Stattdessen begann er, zu planen, wie er seinen neuen Auftrag möglichst effektiv erledigen konnte.

Als Jovi mit acht Jahren in der Nacht der großen Abrechnung seinem Onkel hier in diesem Haus seinen Körper, seine Seele und ewige Loyalität versprochen hatte, war es ihm ernst gewesen.

2. KAPITEL

Ich erkannte den Tod, als ich ihn sah.

Als ich ihn sah.

Ich erkannte ihn, wie jedes Lebewesen ihn im letzten Moment seines Daseins erkennt. Diese unendliche Ruhe.

Ein stockender Atem.

Eine eisige Kälte.

Es kam nicht vollkommen unerwartet.

Ich hatte schon lange verstanden, wer mein Vater war. Anfangs nicht im Detail. Er war ein unangenehmer Mensch. Ein Mann, der kein Problem damit hatte, sich das, was er für sein Recht hielt, mit brutaler Gewalt zu nehmen. Er hatte sich nie zu der Rolle bekannt, die er aller Wahrscheinlichkeit nach beim Tod meiner Mutter, seiner ersten Frau, gespielt hatte – falls man den Gerüchten Glauben schenken durfte.

Es war keine große Überraschung herauszufinden, dass er ein Gangster war.

Ich habe nie etwas anderes in ihm gesehen.

Das war schon, bevor er mich aus der Klosterschule in sein hässliches Haus in der Nähe von Prag kommen ließ und mich auf eine Weise ansah, die mir unheimlich war.

Es wird Zeit, dass du aufhörst, der Familie auf der Tasche zu liegen, erklärte er unumwunden.

„Ich weiß nicht, was du damit sagen willst.“ Ich bemühte mich um Zurückhaltung. Er war ein Mann, für den alles andere als bedingungslose Ehrerbietung an Revolte grenzte.

Ich finde, du bist hübsch genug. In der Hinsicht schlägst du nach deiner Mutter. Der Himmel weiß, ich habe genug Geld dafür bezahlt, dich kultivierter zu machen, als sie es je gewesen ist. Er grinste höhnisch. Sie war doch nichts weiter als ein Stück Dreck von den Straßen Transsylvaniens.

Ich wusste, er wollte mich provozieren, aber ich tat ihm den Gefallen nicht, darauf einzugehen.

Was ich von meiner Mutter wusste, stammte aus Gesprächsfetzen, die ich irgendwo aufgeschnappt hatte. Ein einziges Foto von ihr hatte ich einmal gesehen. Ich wusste nicht, ob sie Dreck gewesen war oder nicht, und es wäre mir auch einerlei gewesen. Ich wollte, ich könnte mich an sie erinnern, aber ich war noch ein Baby, als sie starb. Oder verschwand. Wie auch immer man es nennen will.

Boris liebte es, die Menschen in seiner Umgebung zu reizen. Irgendwann reagierten sie, und er konnte behaupten, sie hätten ihn angegriffen. Alles, was er dann tat, war gerechtfertigt. Ich war damals achtzehn. Einen Monat entfernt vom Ende meiner Schulzeit. Das Letzte, was ich wollte, war, diese restliche Zeit in der Obhut eines Arztes zu verbringen, um mich von einer Auseinandersetzung mit meinem Vater zu erholen.

Ja, Sir, sagte ich stattdessen wie die gute Klosterschülerin, für die er gezahlt hatte.

Im Nachhinein betrachtet glaube ich, dass das der Grund war, wieso er mich zur Schule zurückkehren ließ. Ich konnte meinen Abschluss machen. Das war die einzige Errungenschaft, die einer Tochter in der Welt meines Vaters zustand. Alles, was danach kam, waren die Pflichten, die ich auf seinen Befehl hin zu erfüllen hatte – und später würden es dann die Befehle des Mannes sein, den er für mich bestimmte.

Manchmal redete ich mir gern ein, meine Mutter hätte selbst entschieden, das Auto über die Ufermauer zu lenken und es in die Moldau stürzen zu lassen. Aber ganz gleich, ob es ihre eigene Entscheidung gewesen war – so der offizielle Bericht – oder ob jemand nachgeholfen hatte: Sie war frei.

Von diesem Zustand träumte ich gern.

Mein Vater schleppte mich nach dem Schulabschluss auf alle möglichen widerlichen Partys. Oft überließ er mich dabei der liebevollen Fürsorge meiner letzten Stiefmutter, während er sich über Geschäftliches unterhielt – mit Männern, die meist noch abschreckender wirkten als er. Diese Stiefmutter war noch die Jüngste von allen. Sie war nur wenige Jahre älter als ich, aber ich hatte den Eindruck, sie könnte diejenige sein, die sich hielt. Soweit ich das sehen konnte, bestand sie nur aus Gift und Galle.

Das war das Mindeste, was eine Frau brauchte, um meinen Vater zu überleben.

Nur weil ich klug genug war, meine Gefühle nicht zu zeigen, hieß das nicht, dass ich meinen Hass nicht über die Jahre genährt hätte.

Du hast wirklich Glück! erklärte sie mir auf einer dieser Partys nicht lange vor meinem einundzwanzigsten Geburtstag. Er lässt sich Zeit mit dir. Er will sichergehen, dass du einen guten Preis bringst. Es gibt nicht viele Väter, die das für ihre Töchter tun.

Ich habe den Eindruck, dass er es weniger für mich als für sich tut. Ihr gegenüber konnte ich so offen sein.

Sie schnaubte verächtlich. Männer sind alle widerlich, erklärte sie wegwerfend und brachte mich dadurch dazu, eine Menge unangenehmer Dinge von meinem Vater zu denken – noch unangenehmer als sonst schon. Aber es stimmt – wenn sie viel zahlen, betrachten sie dich als wertvoll. Als Luxusobjekt. Sie schüttelte den Kopf. Begreifst du denn nicht, was hier gespielt wird? Die Frage ist nicht, ob du deinem Schicksal entgehen kannst. Du hast kein Schicksal, das dein Vater nicht kontrolliert. Mein eigener Vater hat meine Unschuld an den Höchstbietenden versteigert, und glaub mir, die Gebote waren hoch.

Es tut mir leid, sagte ich leise und verzog mich dabei einmal nicht hinter meine übliche Fassade.

Katarzyna sah mich verblüfft an, als hätte sie eine solche Reaktion nicht erwartet.

Das Leben ist zu kurz für Bedauern, sagte sie schroff. Ich musste bestimmte Taktiken entwickeln. Unterschiedliche Taktiken. Das brauchst du nicht, da er dich gleich als Braut anbietet.

Offenbar sah ich nicht begeistert aus, denn sie seufzte. Ich weiß, du wirst nicht dankbar dafür sein.

Sie hatte recht. Das war ich nicht.

Auch jetzt reagierte ich nicht hysterisch, da jeder mich hören konnte, aber in manchen Nächten während des letzten Jahres, als ich spürte, wie sich langsam die Schlinge um meinem Hals zuzog, habe ich manches Mal das Gesicht in die Kissen gedrückt und geschrien. Ich wünschte mir, er würde mich lieber umbringen, als mich auf diese Weise zu verheiraten.

Ich war es gewohnt, den Tod als ständigen Begleiter zu haben. Er war einfach da.

Ganz gleich, ob er durch die Hände eines dieser schrecklichen Männer käme, die mit meinem Vater über mich verhandelten, oder ob ich ihn selbst herbeiführte, indem ich einen Weg wie den meiner Mutter wählte. Die Tochter eines Geschäftsfreundes meines Vaters hatte sich ebenso entschieden. Ich will nicht sagen, sie sei eine Freundin gewesen – wir lebten zu sehr in Gefahr, um uns auf Freundschaften einzulassen –, aber sie hatte sich in einen ihrer Wächter verliebt und es gemeinsam mit ihm bis Frankreich geschafft, bevor man sie fand.

Ich dachte nicht gern über diese Geschichte nach.

Kurz: Als der Tod zu mir kam, war ich nicht überrascht.

Was ich nicht erwartet hatte, war, dass er so gut aussah.

„Sakra!“, flüsterte ich, als ich an dem Abend von meinem Buch aufsah.

Etwas hatte sich in meinem schwer bewachten Schlafzimmer verändert. Irgendeine Kleinigkeit, wenn überhaupt. Ich hörte nichts. Ich spürte nichts, aber etwas ließ mich den Kopf heben. Da war er. Er lehnte an der Wand gegenüber von meinem Bett. Mit seinem dunklen Blick schien er mich zu umschlingen. Fest. Zu fest.

Ich versuchte, tief durchzuatmen. Es gelang mir nicht. „Das ist unfair.“

Ich legte das Buch beiseite. Vielleicht ließ ich es auch fallen. Für einen Moment glaubte ich, er wäre einfach eine Erscheinung. Ein Traumbild. Oder er wäre den Seiten eines der Bücher entsprungen, die ich so gern las. Aber ich wusste es besser.

Sofort.

Ich spürte förmlich, wie sich mir das Nackenhaar sträubte. Plötzlich hatte ich überall eine Gänsehaut. Ich erkannte keinen der Wachleute meines Vaters in ihm – das waren die einzigen Menschen außerhalb der Familie, die ich zu sehen bekam. Zu ihnen gehörte er nicht, das wusste ich.

Abgesehen davon war der Mann einfach Furcht einflößend.

Und von einer fast unwirklichen Schönheit.

Sein Haar war dicht und dunkel, die Augen von einem helleren Braun. Sein undurchdringlicher Blick glitt wie eine kalte Flamme über meinen Körper. Die Nase und die markanten Konturen seines Gesichts erinnerten an römische Skulpturen. Die Lippen waren sinnlich, aber streng.

Ich erschauerte, als ich seinen Körper betrachtete. Perfekt geformt wie aus einem Kunstband. Als gehörte er in ein Museum.

Er war ohne Frage der attraktivste Mann, den ich je gesehen hatte. Erst als ich zu diesem Schluss gekommen war, fiel mir auf, dass er keine Waffe in der Hand hatte.

Nicht dass ihn das weniger gefährlich hätte erscheinen lassen, aber es war überraschend.

Es war nicht das erste Mal, dass jemand versuchte, durch mich Kontakt zu meinem Vater zu knüpfen. Den Menschen war jedes Mittel recht. Ich musste an den Mann denken, der eines Tages auf die Kühlerhaube unseres Wagens gesprungen war. Meine damalige Stiefmutter und ich saßen auf dem Rücksitz. In der Erinnerung höre ich nur noch ihr Schreien. Ich starrte einfach geradeaus, während der Mann wüst gestikulierte und ein langes Messer drohend gegen die Windschutzscheibe hielt.

Hätte er es ernst gemeint, wäre er mit einer Schusswaffe gekommen, meinte mein Vater anschließend verächtlich.

Ich war damals sieben.

Der Mann in meinem Schlafzimmer, dieser Todesengel, musste weder mit einem Messer noch mit einer Pistole drohen, das sah ich sofort. Er selbst war die Waffe. Wahrscheinlich die bedrohlichste Waffe, die ich je gesehen hatte.

Das spürte ich so deutlich, als hätte er auf mich geschossen.

Ich hatte das Gefühl, als hätte er das bereits getan.

Er war so regungslos, während er mich betrachtete, dass ich mich schon fragte, ob ich das alles nur träumte.

„Wie bitte?“ Das waren die ersten Worte, die ich von ihm hörte.

Sein Ton verriet, dass er so lange gebraucht hatte, um mir zu antworten, weil er es nicht für möglich halten konnte, dass ich etwas gesagt hatte. Dass ich es gewagt hatte!

„Die Stimme macht es nicht besser“, erklärte ich offen.

Ich dachte an meine Mutter. Wie sie ihren Moment erkannt und genutzt hatte. Dies war nicht unbedingt derselbe Moment für mich, aber dennoch spürte ich einen plötzlichen Adrenalinschub. Und ich begriff etwas, zudem mit erstaunlicher Klarheit: Wir verhalten uns sittsam und zurückhaltend, wenn wir leben und dieses Leben angenehmer machen wollen.

Das war hier nicht angebracht.

Sein Blick glitt wie eine Berührung über meinen Körper und passte so gar nicht zu seiner schon fast übernatürlichen Regungslosigkeit. „Was hat meine Stimme mit irgendetwas zu tun, baggiana?“

Ja, was eigentlich? Ich fand, sie erinnerte mich an … Samt. Sie war kalt wie der Rest von ihm, und gleichzeitig schien sie mich in Feuer zu tauchen.

Besonders, wenn er mich so nannte. Ich musste nicht wissen, was es bedeutete. Ich war sogar ziemlich sicher, dass ich es gar nicht wissen wollte. Die Stimme schien sich durch mich hindurchzubrennen wie der Alkohol, den ich einmal heimlich probiert hatte.

Sie berührte mich überall.

Er betrachtete mich wie ein Experiment. Ein Experiment, das er gerade machte.

„Ruxandra Emilia Ardelean.“ Er sprach meinen Namen so aus, als wäre es ein geheimes Passwort. Eine Beschwörungsformel.

Ich nickte zustimmend, obwohl Zustimmung schon zu viel von einer Komplizenschaft hatte. Fast so etwas wie eine Unterwerfung. „Meine Freunde, wenn ich welche haben dürfte, würden mich Rux nennen.“

Sein dunkler Blick schien aufzuleuchten.

Das Feuer sprang auf mich über. Schien mich überall zu berühren und bis in mein tiefstes Inneres vorzudringen.

„Dann werde ich dich so nennen, baggiana“, sagte er, und seine Stimme wurde dabei noch samtiger. Dunkler.

Als wäre er in irgendeiner Hinsicht mein Freund.

Er stand immer noch an die Wand gelehnt, und seine Lässigkeit, gepaart mit diesem durchdringenden Blick löste ein nie gekanntes Gefühl in mir aus, das zunehmend intensiver zu werden schien.

Ich wagte nicht, einen Blick auf die Uhr auf dem Nachttisch zu werfen. Ich wusste auch so, dass es schon spät war. Sehr spät. Mein Vater hatte darauf bestanden, dass ich ihn und meine Stiefmutter zu einer dieser Partys begleitete, und die beiden waren auf dem Rückweg in eine ihrer ganz besonderen Stimmungen verfallen. Bei anderen verheirateten Paaren hätte man es vielleicht als Streit bezeichnet, aber Katarzyna stritt nicht mit meinem Vater. Ganz gleich, wie kränkend oder grausam er auch sein mochte – sie reagierte immer auf dieselbe Art, indem sie alles, was er sagte, wörtlich nahm.

Als hätte er ihr wirklich eine Frage gestellt, wenn er wissen wollte, was sie denn für ein dies oder das war – es war immer irgendetwas Beleidigendes.

Die anderen Stiefmütter hatten immer empört reagiert oder geweint. Ich denke mir, meine Mutter hätte ebenso reagiert, auch wenn ich mir etwas anderes gewünscht hätte.

In vieler Hinsicht war Katarzyna für mich eine Heldin.

Ich versuchte jetzt, es ihr gleichzutun. Setzte dieselbe undurchdringliche, stoische Maske auf, die sie immer zur Schau stellte. Als spielte es überhaupt keine Rolle, was dieser Fremde in meinem Schlafzimmer sagte oder tat. Als wäre er nicht von größerer Bedeutung als die Spinne, die eines Nachts unter meiner Zimmerdecke entlanggekrochen war. Es war nichts, was ich sehen wollte, aber auch nichts, um deswegen viel Aufhebens zu machen.

Ich weiß nicht, was er sah, als er mich ansah, aber etwas veränderte sich. Ich registrierte es, konnte es aber nicht einordnen. „Du weißt sicher, was jetzt kommt.“

Da war ich mir ziemlich sicher.

„Erfahre ich vorher noch deinen Namen?“, fragte ich, ohne über das, was kommen musste, überhaupt nachzudenken.

Vielleicht war auch das eine Art von Waffe.

„Wieso sollte mein Name eine Rolle spielen?“

„Es verleiht dem Ende mehr Stil“, erklärte ich. „Macht es ehrenvoller.“

Er legte den Kopf kaum merklich auf die Seite.

„Glaubst du, dass dich das rettet?“ Sein Ton war gleichmütig interessiert, wirkte deswegen aber nicht weniger gefährlich. „Schließlich ist es nur ein Name.“

„Es wäre nur höflich“, beharrte ich.

„Du kannst mich Jovi nennen“, erklärte er schließlich. Sein Akzent klang nach Süden. Nach Olivenhainen und Sonnenschein … So wie ich es aus Filmen kannte. Schließlich war ich kaum über Bratislava hinausgekommen, wo die Klosterschule gewesen war.

Er hob eine Hand, und meine Anspannung wuchs. Es war nicht so, dass ich vergessen hatte, in welcher Situation ich mich befand, aber plötzlich stand sie mir deutlicher denn je vor Augen.

Ich erwartete, irgendeine Art von Mordinstrument in seiner Hand zu sehen, aber es war nichts weiter als seine Hand.

Mein Puls schien keinen Unterschied zu sehen.

„Komm!“, sagte er, und trotz des weichen Tons war es unverkennbar ein Befehl. „Wir gehen jetzt.“

Ich überlegte rasch. Mein Vater und Katarzyna schliefen mit Sicherheit schon oder waren anderweitig beschäftigt. Soweit ich wusste, liebte mein Vater es, sich brutal zu rächen, wenn es ihm nicht gelungen war, Katarzyna zu provozieren.

Eine Tochter dachte nicht gern über diese Dinge nach, aber es war unvermeidlich. Es war ja nicht so, als ob der Mann irgendeine Scham gekannt hätte.

Jovi – es hätte mich mit Scham erfüllen sollen, dass ich einen Kick dabei empfand, seinen Namen zu denken –, Jovi konnte nicht durch das Fenster hereingekommen sein. Es hätte irgendeine Art von Geräusch gemacht.

Nein, er musste vom Korridor hereingekommen sein. Irgendwie musste es ihm gelungen sein, in diese Festung einzudringen, von der mein Vater immer prahlte, sie wäre uneinnehmbar.

Vermutlich plante Jovi, das Haus auf dem Wege, auf dem er hereingekommen war, auch wieder zu verlassen. Ich wusste nicht, wie das gehen sollte bei den vielen Wachen im Haus. Ganz zu schweigen von meinem Vater selbst. Nur weil er sich nicht gern die Hände schmutzig machte, hieß das nicht, dass er dazu nicht in der Lage war.

Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass er noch in der Nacht in seinem Arbeitszimmer war. Wohl um sein Geld zu zählen und sich an dem Anblick zu weiden. Soweit ich wusste, war das die einzige Freude seines Lebens.

„Du kannst versuchen, mir zu entkommen“, sagte Jovi, als könnte er meine Gedanken lesen – auch wenn ich mir einbildete, wie Katarzyna eine undurchdringliche Miene aufgesetzt zu haben. „Aber wie alles im Leben, hätte das seine Konsequenzen, baggiana.“

„Und das heißt? Du willst alle im Haus umbringen? Oder das Haus abbrennen? Mich später foltern? Du musst schon etwas genauer sein, um mich zu beeindrucken.“ Als seine Pupillen sich für einen Moment zu weiten schienen, zuckte ich mit den Schultern. „Mein Vater ist ein sehr unangenehmer Mann. Ich nehme an, du weißt das, wenn du hier bist. Ich bin sehr erfahren, was Konsequenzen angeht. Ich wollte nur wissen, ob deine anders sind.“

„Du hältst das Leben aller Menschen in diesem hässlichen Haus in deinen Händen. Ist das ein ausreichender Anhaltspunkt für dich?“

„Es ist wirklich ein hässliches Haus.“ Ich atmete tief durch. „Du kannst dir nicht vorstellen, wie lange ich darauf gewartet habe, dass es einmal jemand ausspricht. Ich weiß, der Kaiser hat keine Kleider an, aber in diesem Fall ist das Haus der nackte Kaiser und die …“

„Halt den Mund, Rux.“

Er sagte es ganz gelassen. Eben diese Gelassenheit war es, die mich verstummen ließ. Der ruhige Befehl und die Tatsache, dass er meinen Namen sagte.

Schwache Männer brüllten herum. Sie zeigten immer ihre Hände – meist in der Form von Fäusten.

Mir war klar, dass Jovi kein schwacher Mann war.

„Du bist anders, also erkläre ich es dir“, sagte er.

„Ich bin nicht wie andere Frauen? Soll ich das als Kompliment verstehen oder als Beleidigung?“

„Manche Frauen fallen in Ohnmacht, wenn ich ihnen so nah bin“, sagte er ebenso gelassen wie zuvor. „Manche zugegeben vor Lust, aber einige auch vor Angst. Ich will ehrlich mit dir sein – ich habe Letzteres erwartet.“

„Ich würde ja gern in Ohnmacht fallen“, gestand ich, ohne auf den Teil mit der Lust einzugehen. „Es scheint doch ein netter Ausweg aus den Bedrängnissen des Alltags zu sein, findest du nicht?“

„Nein, das tue ich nicht.“

„Rein aus Neugier: Wie viele Frauen hast du schon entführt?“ Ich bemühte mich um einen höflich interessierten Ton, so wie ich ihn vielleicht auf einer Dinnerparty angeschlagen hätte. „Ich meine, ich will nicht deine Empfehlungen überprüfen oder einen kritischen Blick auf deinen Lebenslauf werfen, aber du weißt ja, wie es ist. Viele haben es versucht, wenige hatten Erfolg. Was unterscheidet dich von den anderen?“

Ich hatte den Eindruck, dass er leicht den Kopf schüttelte. Als er sprach, war es, als hätte er nichts von dem gehört, was ich gesagt hatte. „Wir werden jetzt dieses Haus verlassen – ohne ein Geräusch zu machen. Ich kann nicht darauf vertrauen, dass du still bist, auch wenn du es vielleicht versprichst. Du hast die Wahl: Entweder knebele ich dich, oder ich sorge dafür, dass du das Bewusstsein verlierst. Was soll es sein?“

Er sah mich fragend an.

Ich hätte mich vielleicht mehr über das Ganze aufgeregt, wenn ich mich nicht ausgerechnet in diesem Moment einmal so gesehen hätte, wie ich wirklich war. Die ganzen Jahre hatte ich mir eingeredet, nichts mit meinem Vater gemein zu haben. Dass ich ein normaler Mensch wäre in allem, was zählte.

Aber hier war nun die Wahrheit. In meinem Schlafzimmer. Die Gefahr kam direkt auf mich zu, und dennoch behielt ich die Nerven.

Ich hätte sofort das ganze Haus zusammenschreien sollen, als ich Jovi an der Wand stehen sah.

Stattdessen verspürte ich diese verräterische Hitze in meinem Körper. Zwischen meinen Beinen. Ein Gefühl, wie ich es noch nie erlebt hatte.

Zwischen uns war eine Chemie, die ich nicht zu benennen wagte.

Er beugte sich herab, bis sein Gesicht ganz dicht an meinem war und ich schon dachte, er würde …

Er tat es nicht.

Ich hätte froh darüber sein sollen.

Er musterte mich durchdringend. Aus der Nähe sah er noch besser aus als vorher. Und der Duft seiner Haut …!

Jovi betrachtete mich, als wäre ich ein Rätsel, das er lösen müsste. Ich wollte glauben, das wäre ein gutes Zeichen, weil ich schon zu viele schreckliche Männer kannte, und sie sahen mich alle nur an, als wäre ich ein Stück Fleisch.

Er ließ den Blick über mein Gesicht wandern.

Ich hielt den Atem an.

„Rux“, sagte er leise, und es klang fast wie ein Flehen. „Stimmt etwas nicht mit dir? Ich meine … Im Ernst – dein Verstand … Ist damit alles in Ordnung?“

„Wie meinst du das?“

„Warum hast du keine Angst?“

3. KAPITEL

„Aber ich habe Angst!“ Ich war irritiert. „Wer hätte keine Angst, wenn plötzlich ein fremder Mann im Zimmer steht, ganz gleich, was er vorhat?“

Ich wollte vor ihm zurückweichen, aber etwas hielt mich zurück. Und ich kam mir auch ein wenig albern vor. Regte ich mich allen Ernstes darüber auf, dass mein Killer meinen Geisteszustand infrage stellte? Das schien mir nicht gerade ein Beweis psychischer Gesundheit zu sein.

Genau wie die Tatsache, dass ich trotz der Umstände einfach nicht aufhören konnte, seine ebenmäßigen Züge zu bewundern.

Vielleicht stimmte wirklich etwas nicht mit mir.

Ich runzelte die Stirn. „Fragst du mich allen Ernstes, ob ich … ob ich alle Tassen im Schrank habe?“

Jovi sagte nichts darauf. Stattdessen schien er mich tief einzuatmen, und er ließ sich Zeit dabei. Ich erstarrte förmlich, als er plötzlich eine Hand ausstreckte und seine Finger unter mein Kinn schob.

Mein Herzschlag geriet ins Stolpern. Stoppte. Setzte neu ein – schneller denn je.

Ich spürte förmlich, wie jede Zelle meines Körpers zum Leben erwachte. Meine Wangen glühten. Das Erstaunliche war: Ich meinte, ihn überall zu spüren. Seine Finger waren kräftig und hatten leichte Schwielen.

Ich musste nicht auf die Probe stellen, wie stark er war. Ich wusste auch so, dass ich nicht in der Lage sein würde, meinen Kopf zu bewegen, wenn er es nicht wollte.

Der Gedanke machte mir keine Angst. Mir wurde nur noch … heißer.

Ich gewann den Eindruck, dass meine Probleme mit ihm eher nicht intellektueller Art waren. Sie schienen ausgesprochen körperlich zu sein.

„Du bist nervös“, bemerkte er, ohne den Blick von meinem Gesicht zu wenden. „Aber du hast keine Angst. Dabei bin ich mir ziemlich sicher, du weißt, wer ich bin.“

„Ich glaube, ich weiß, was du tust“, antwortete ich ausweichend.

Er kniff die Augen zusammen. „Das ist dasselbe.“ Er hielt meinen Kopf ganz still. Ich rührte mich nicht. „Wie interessant, dass du nun nichts mehr sagst, Rux. Jetzt, wo ich dich in meiner Hand habe. Wirklich sehr interessant. Hast du dich entschieden?“

„In welcher Hinsicht?“ Ich hatte für einen Moment den roten Faden verloren, aber dann fiel es mir wieder ein. „Ach, der Knebel. Oder die Betäubung.“

Ich versuchte, wie eine ganz normale Frau zu reagieren. Sie wäre mit Sicherheit entsetzt gewesen. In Panik. Hätte einen Adrenalinschub nach dem anderen gehabt – vor Angst.

Vor dem, was als Nächstes passieren würde.

Am Mangel von Adrenalin lag es nicht.

Aber Jovi hatte recht: Ich hatte keine Angst.

Er ließ einen Finger über meinen Hals gleiten. „Ich muss dich nicht betäuben. Eine schlichte Karotisfessel reicht.“

Ich sah ihn verständnislos an.

„Es ist eine Form der Strangulation“, erklärte er geduldig. „Eine oder beide Halsschlagadern werden komprimiert, und das führt zu einem vorübergehenden Sauerstoffmangel im Gehirn.“

Er ließ den Finger weiter an meinem Hals hinauf und hinab wandern. Völlig entspannt. In dem Moment lernte ich einiges über mich, was ich nie hatte wissen wollen. Und was ich nie wieder vergessen würde. Wahrscheinlich würde es mich mit jedem Blick in den Spiegel wieder ansehen.

Vorausgesetzt ich lebte lange genug, um mich noch einmal im Spiegel betrachten zu können.

„Während du darüber nachdenkst, könntest du mir doch erzählen, wieso du dich benimmst, als wäre dies hier ein Date.“

Ich wollte es bestreiten, konnte es aber nicht. Mir war selbst klar, dass meine Reaktionen nicht … nicht so waren, wie sie hätten sein sollen.

Ich schluckte. „Was glaubst du, was ich hier für ein Leben habe?“

Er deutete ein Schulterzucken an. „Ich habe nicht darüber nachgedacht. Dir ist sicher klar, dass du nichts weiter bist als ein Bauer im Spiel deines Vaters.“

„Du weißt es also.“ Ich hätte meine Worte bedauern sollen, aber ich war zu fasziniert von dem Mann. Das hieß nicht, dass ich in der brutalen Symmetrie seiner Züge und in dem Bartschatten auf seinem Kinn nicht auch die Wahrheit über ihn sah.

Mein Problem war, dass die Wahrheit ihn in meinen Augen nicht weniger attraktiv machte.

Er neigte leicht den Kopf. „Mir ist deine Lage klar, das ist alles.“

„Das ist dasselbe.“ Ich wiederholte seine Worte bewusst und sah, dass er es erkannte. „Mein Leben besteht darin, ein wohlerzogener Bauer zu sein, der meinem Vater keine Probleme bereitet. Er will mich verheiraten. Alle tun so, als ginge es dabei nicht um Geld, aber genau darum geht es natürlich. Skrupellose Männer tun so, als könnten sie einander vertrauen. Einer von ihnen bringt seine Tochter ins Spiel, die für ihn nichts weiter als eine Ware ist. Das macht einen Feind etwas mehr zu einem Verbündeten, aber es besagt nichts über die Sicherheit der Tochter. Die hängt vom Bestehen dieses Bündnisses ab.“ Ich zuckte mit den Schultern. „Auf der Hochzeit werden sie einander natürlich gratulieren. Sie werden Zigarren rauchen und zusammen einen Drink nehmen. Keiner von ihnen wird mich als einen Menschen sehen – sofern sie mich denn überhaupt wahrnehmen. Es ist nichts weiter als ein Geschäft.“

Das war das erste Mal, dass ich dies laut ausgesprochen hatte.

Ich wusste immer, dass es nicht klug war, dies in diesem Haus zu tun. In der Klosterschule, wo viele Männer mit zweifelhafter Moral ihre Töchter aufwachsen ließen, um sie später für ihre eigenen Zwecke einzusetzen, waren uns Gespräche nur zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten erlaubt gewesen. Alles andere war für stille Besinnung und Gebete vorbehalten.

Was im Klartext hieß: Wir durften nur laut sprechen, wenn jemand mithörte. Freundschaften waren gefördert worden – Vertraulichkeiten unterdrückt.

Sollte ich lange genug leben, um die Ereignisse jener Nacht überdenken zu können, dann wäre ich wahrscheinlich traurig darüber, dass ich meine intimsten Gedanken nur einem Fremden anvertrauen konnte, der zu allem Überfluss gekommen war, um mir Schaden zuzufügen.

Aber wenn ich ohnehin sterben sollte, konnte ich auch die Wahrheit aussprechen.

Auf jeden Fall fügte ich noch hinzu: „Du bist wenigstens ehrlich.“

„Immer“, sagte er und sah mir dabei in die Augen. „Per i miei peccati.“

Ich beherrschte genügend Italienisch, um das zu verstehen. Für meine Sünden. Erstaunlicherweise glaubte ich ihm, dass er immer ehrlich war.

„Du bist hier, um mich zu töten.“ Ich weiß nicht, woher ich die Kraft nahm, es so ruhig auszusprechen. Ausgerechnet ihm gegenüber. Ich hatte das merkwürdige Gefühl, dass es etwas mit ihm zu tun hatte. Dass er mir Mut gab. „Du wirst mir wahrscheinlich zuerst einmal wehtun. Das gehört wohl dazu.“

Er nickte leicht, während unsere Blicke sich für einen Moment trafen.

„Also gut.“ Ich atmete tief durch. Meine Stimme klang nicht mehr ganz so sicher, als ich sagte: „Wieso müssen wir dafür woanders hingehen? Wieso nicht gleich hier?“

„Es läuft auf die Strangulation hinaus“, bemerkte er fast nachdenklich.

Wieder strich er mit seinen Fingern über meinen Hals. Er beugte sich noch näher. Für einen Moment tat ich … einfach gar nichts.

Mein Puls raste. Ich weiß nicht, ob nun doch noch – reichlich verspätet – die Angst einsetzte oder ob es daran lag, dass er einen Arm um mich legte, als hätte er die Absicht …

„Einen Knebel“, sagte ich rasch. „Ich möchte einen Knebel.“

Er war mir jetzt so nah. Näher, als es irgendein Mann je gewesen war. Langsam drehte er den Kopf zu mir herum. Ließ seinen Finger noch einmal über meinen Hals gleiten. „Wie du willst.“

Es folgte ein Moment, der mir wie eine gefühlte Ewigkeit vorkam …

Dann bewegte er sich.

Schnell und präzise.

Er riss den Bezug des Kopfkissens in Streifen. Allein mit seinen bloßen Händen.

Dann rutschte er vom Bett und zog mich mit sich, als wäre ich nur eine Stoffpuppe.

Zu glauben, ich hätte ihn zu etwas überreden können, das er nicht von sich aus wollte! Auch nur für einen Moment zu glauben, ich hätte an der Situation etwas ändern können. Irgendetwas. Das war absurd!

Ich stand in meinem kurzärmeligen Pyjama mit den knappen Shorts vor ihm. Es fühlte sich wie ein taktischer Fehler an.

Jovi musterte mich so kühl wie abschätzend, aber als er mich berührte, waren seine Hände so warm, dass es mir den Atem verschlug.

Er drehte mich rasch herum, als wäre ich so leicht wie eines meiner Kissen. Wahrscheinlich hätte er mich genauso leicht in Stücke reißen können wie den Bezug.

Mit einer geschickten Bewegung umfasste er meine beiden Handgelenke mit seiner großen Hand und band sie rasch hinter meinem Rücken zusammen.

Ich spürte, wie er sich hinter mich kniete. Unwillkürlich sah ich nach unten, weil seine Position ungewöhnlich war … Dieser große, angsterregende Mann kniete neben meinem Bett und hatte seine Hände an meinem Körper …

Ich brauchte einen Moment, bis ich begriff, dass er meine Fußgelenke zusammenband.

Er drehte mich herum. Ich konnte nicht mehr die Balance halten und fiel gegen das Bett. Unwillkürlich griff ich nach der Decke, als könnte sie mir Halt geben. Das letzte vertraute Stück meines Lebens.

Der Mann vor mir war der Tod. Ich wusste es.

Was ich nicht verstand, war, dass da etwas war, das mich zu ihm hinzog.

Vielleicht war es das, was ich versucht hatte, ihm zu sagen – und es gleichzeitig mir selbst zu erklären, wenn ich schon einmal dabei war. Alle Männer, denen mein Vater mich präsentierte, hatten den Tod im Blick. Alle waren gewalttätig und brutal.

Ich musste nichts weiter über sie wissen, um das zu begreifen. Es war offensichtlich.

Die Tatsache, dass dieser Mann nun auch noch gut aussah, fühlte sich an wie ein Geschenk.

Vielleicht machte ich mir auch nur etwas vor. Versuchte, etwas Gutes aus dem Mist zu machen, aus dem das Leben der Tochter von Boris Ardelean für gewöhnlich bestand. Wahrscheinlich spielte es einfach keine Rolle.

„Letzte Gelegenheit“, sagte Jovi in diesem kühlen, mitleidlosen Ton, den ich inzwischen kannte. Sogar mit seinem warmen Akzent klang er genau, wie er war: tödlich.

„Mich zu retten?“, fragte ich. „Ohne meine Hände und meine Füße? Ich weiß nicht, wie das aussehen sollte.“

„Ich kann dich einschlafen lassen, baggiana.“ Er legte mir seine Hände um den Hals.

Zuerst war es nur eine leichte Berührung. Als erkundete er die Konturen meines Halses und fühlte meinen Puls. Dann wurde sein Griff fester.

Noch ein wenig mehr.

Noch mehr.

Ich spürte, wie mir die Kinnlade herabsank. Mein Atem wurde flach.

„Nun kannst du dir einreden, es wäre etwas, das nur dir passiert“, sagte er leise. „Und dass du deine Wahl...

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Cara Colter

Cara Colter hat Journalismus studiert und lebt in Britisch Columbia, im Westen Kanadas. Sie und ihr Ehemann Rob teilen ihr ausgedehntes Grundstück mit elf Pferden. Sie haben drei erwachsene Kinder und einen Enkel. Cara Colter liest und gärtnert gern, aber am liebsten erkundet die begeisterte Reiterin auf ihrer gescheckten Stute...

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Kate Hardy

Kate Hardy wuchs in einem viktorianischen Haus in Norfolk, England, auf und ist bis heute fest davon überzeugt, dass es darin gespukt hat. Vielleicht ist das der Grund, dass sie am liebsten Liebesromane schreibt, in denen es vor Leidenschaft, Dramatik und Gefahr knistert? Bereits vor ihrem ersten Schultag konnte Kate...

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