Julia Herzensbrecher Band 26

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DER MILLIONÄR UND DIE GEHEIMNISVOLLE SCHÖNE von JESSICA GILMORE
Als Millionär Marco Santoro im Schneegestöber mit einer jungen Schönheit zusammenprallt, verführt er sie zu einer Nacht im Hotel. Schneller als gedacht sieht er sie auf einem Silvesterball wieder – und erfährt etwas, das all seine Junggesellen-Pläne ins Wanken bringt …

VERFÜHRT IN EINER ZÄRTLICHEN NACHT von KRISTI GOLD
Ein Kuss eines Fremden auf dem Silvesterball – und für Joanna ist nichts mehr wie zuvor. Immer wieder kreuzt der attraktive Dr. Carlos del Rio danach ihren Weg – und immer wieder lässt er sie wissen, dass dieser Kuss nur der Auftakt zu einer großen Verführung war ...

EIN NEUES JAHR – EIN NEUES GLÜCK? von LUCY MONROE
Vier, drei, zwei, eins – frohes neues Jahr! Die Champagnergläser klingen, und dann spürt die schüchterne Hope die Lippen des faszinierenden Luciano di Valerio auf ihrem Mund. Nur ein Silvesterkuss ihres heimlichen Traummannes – oder der verheißungsvolle Beginn einer großen Liebe?


  • Erscheinungstag 30.12.2022
  • Bandnummer 26
  • ISBN / Artikelnummer 9783751521178
  • Seitenanzahl 448
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Jessica Gilmore, Kristi Gold, Lucy Monroe

JULIA HERZENSBRECHER BAND 26

1. KAPITEL

Anfang Dezember, Chelsea, London

„Moment! Stop! Oh, nein …“ Keuchend blieb Sophie Bradshaw stehen und sah den Bus an sich vorbeifahren, während der Fahrer ihren ausgestreckten Arm ignorierte. „Einfach großartig“, murmelte sie, zog ihre dünne Strickjacke enger um sich und versuchte verzweifelt, auf dem eisglatten Bürgersteig nicht auszurutschen. In der Hoffnung, der nächste Bus würde nicht allzu lange auf sich warten lassen, studierte sie den Fahrplan an der Haltestelle.

Enttäuscht stieß sie einen Seufzer aus. Noch zwanzig Minuten. Als wäre das nicht genug, hatte sich der leichte Schneefall – der Chelseas pompöse Einkaufsstraßen in eine Bilderbuchlandschaft verwandelt hatte – in ein regelrechtes Schneegestöber verwandelt, das von eisigem Wind durch die Straßen gefegt wurde.

Voller Sehnsucht sah sie zum Taxistand hinüber. Wäre es zu unvernünftig … nur dieses eine Mal? Ihr letzter Kontoauszug war nicht gerade ermutigend gewesen. Gerade einmal vierzig Pfund. Es dauerte noch eine Woche, bis sie ihren nächsten Gehaltsscheck erhielt, und sie hatte noch kein einziges Weihnachtsgeschenk gekauft.

Nein, ein Taxi war einfach nicht drin. Sie würde einfach abwarten und darauf hoffen müssen, dass ihre beste Freundin und Arbeitskollegin Ashleigh zu ihr kam, sodass sie mit ihr den neuesten Klatsch über die Veranstaltung austauschen und darüber ihre erfrorenen Hände und ihre wunden Füße einfach vergessen konnte.

Während der drei Stunden, in denen sie ein voll beladenes Tablett zwischen teuer gekleideten Partygästen umhergetragen hatte, war keiner von ihnen auf die Idee gekommen, auch nur einmal Danke zu sagen. Dafür war sie ständig angerempelt worden, zwei Gäste hatten ihr versehentlich auf die Zehen getreten, und einer hatte ihr sogar an den Po gefasst. Zum Glück hatte sie gerade keine Hand freigehabt, um ihm eine schallende Ohrfeige zu verpassen. Was ihrer Karriere vermutlich nachhaltig geschadet hätte.

Fröstelnd sah sie sich um. Noch immer keine Spur von Ashleigh, und Sophies Handy-Akku hatte einmal wieder seinen Geist aufgegeben. Die schneebedeckten Straßen waren inzwischen menschenleer, und sie fühlte sich mutterseelenallein auf der Welt. Hastig blinzelte sie die heißen Tränen fort, die ihr in die Augen stiegen.

Es waren nicht nur die Kälte und die Müdigkeit, die sie fertigmachten. Sie fühlte sich praktisch unsichtbar. Nicht wie ein menschliches Wesen, sondern so belanglos wie die Cocktails, die sie namenlosen Leuten servierte.

Sie schluckte und wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel.

Benimm dich nicht wie ein Baby! sagte sie sich im Stillen. Dann war ihre Arbeit eben auch mal hart und unerfreulich. Zumindest hatte sie einen Job – und außerdem wahnsinnig liebe Kolleginnen. Und ihre Wohnung war zwar winzig – zu klein, als dass sie Ashleigh bei sich aufnehmen konnte, die gerade einen Unterschlupf suchte –, aber wenigstens hatte sie ein bezahlbares Dach über dem Kopf, und noch dazu hier in Chelsea. Nicht in der besseren Gegend des Stadtteils, aber immerhin.

Und dass sie sich einsam fühlte? Das machte nichts. Es war besser, als sich in Gesellschaft eines anderen Menschen einsam zu fühlen. Denn das kannte sie schon zur Genüge.

Also straffte sie die Schultern, hob ihr Kinn und verdrängte die düsteren Gedanken. Doch in ihrer Brust brannte immer noch die Sehnsucht nach etwas Größerem als diesem recht überschaubaren Leben, das sie seit eineinhalb Jahren in London führte … seit sie hierhergezogen war.

Auch schon lange davor hatte sie sich mit einem unspektakulären Dasein zufriedengegeben. Wie fühlte es sich wohl an, zu einer dieser pompösen Veranstaltungen eingeladen zu sein, bei denen sie regelmäßig bediente? Sich einmal toll anziehen und herausputzen zu dürfen, anstatt sich ständig nur unauffällig in Schwarzweiß zu kleiden?

Seufzend blickte sie sich noch einmal um in der Hoffnung, das fröhliche Lächeln ihrer alten Freundin würde sie aus ihrer plötzlichen und unerwünschten Melancholie reißen. Aber der Schnee um sie herum fiel um einiges dichter, und noch immer war von Ashleigh weit und breit nichts zu sehen. Genauso wenig wie vom nächsten Bus.

Sophie blies heißen Atem in ihre Hände und dachte an die warme Hotellobby, die sich nur wenige Meter von ihr entfernt befand. Sie gehörte zum Personal, zwar nur vorübergehend, aber dennoch hatte sie dort stundenlang undankbare Ignoranten bedient. Bestimmt hätte niemand etwas dagegen, wenn sie sich eine Weile im Eingangsbereich aufwärmte. Nur für ein paar Minuten. Ein Schneesturm war schließlich ein gutes Argument, die Regeln der Etikette vorübergehend aufzulösen. Außerdem konnte sie von da aus besser nach Ashleigh Ausschau halten, ohne dass ihr Schneeflocken in die Augen flogen.

Entschlossen verließ sie den Unterstand an der Bushaltestelle und überquerte den verschneiten Gehweg. Ihre Füße sanken tief in den Schnee ein, während sie auf das Hotel zueilte. Sie senkte den Kopf, um sich gegen die Kälte zu schützen, und kurz vor der Tür beschleunigte sie ihre Schritte.

Die Wärme der Eingangshalle war schon so nahe, da prallte sie gegen eine hochgewachsene Person und rutschte gleichzeitig mit einem Fuß aus. Kreischend riss Sophie die Arme hoch, um die Balance zu halten, und erwartete den harten Aufprall auf dem Boden jede Sekunde …

Doch dann wurde sie von zwei starken Armen gehalten und in die Höhe gestemmt. Erschrocken sah Sophie hoch und starrte in das dunkelste Paar brauner Augen, das sie jemals gesehen hatte.

„Vorsicht! Es schneit wie verrückt. Sie könnten jemanden verletzen – oder sich selbst, wenn Sie nicht aufpassen.“

Ein Italiener, dachte sie fasziniert. Sie war von einem Italiener mit wunderschönen Augen und langen schwarzen Wimpern gerettet worden. Dann brachte sie sein scharfer Tonfall wieder zu Sinnen, und sie befreite sich hektisch aus seinem festen Griff.

„Ach, es schneit?“, sagte sie sarkastisch. „Darum also all das weiße Zeug hier. Danke für die Erklärung!“ Sie brach ab. Ihr Ärger verflog genauso schnell, wie er gekommen war, als sie den Schock und anschließend den Anflug eines Lächelns auf seinem Gesicht entdeckte.

„Entschuldigung, natürlich haben Sie recht“, fügte sie eilig hinzu. „Ich habe nicht aufgepasst, weil ich so schnell wie möglich ins Warme wollte. Mir ist gerade der Bus vor der Nase weggefahren, und es sieht so aus, als müsste ich nach Hause laufen.“ Dabei warf sie einen Blick auf ihre schwarzen Pumps, in denen sie zwar gut kellnern konnte, die aber ganz sicher nicht dazu geeignet waren, sich auf Londons Bürgersteigen durch den Schnee zu kämpfen.

„Typisch London“, bemerkte er abfällig. „Da fallen ein paar Flocken, und schon sind alle Taxis verschwunden.“

Darin wollte Sophie ihm nicht widersprechen, obwohl es hier um weit mehr als nur ein paar Flocken ging. „Ja, immer dasselbe, wenn es schneit“, entgegnete sie gelassen, als wäre sie eine echte Londonerin, ruinierte diesen coolen Auftritt jedoch sofort, indem sie heftig zitterte.

„Sie sind ja auch gar nicht richtig angezogen.“ Seine Stimme klang missbilligend, und ehe Sophie reagieren konnte, zog er schon seinen sündhaft teuer aussehenden Mantel aus und legte ihn ihr um die Schultern. „Sie holen sich noch eine Lungenentzündung.“

Ihr Stolz hatte keine Chance gegen ihren Wunsch, endlich Wärme zu spüren. „Ich danke Ihnen“, sagte sie. „Es hatte noch nicht geschneit vorhin, als ich aus dem Haus gegangen bin.“ Wohlig kuschelte sie sich in den Mantel ein. Er roch nach frischem Rasierwasser, sehr maskulin, genau wie der Mann im Anzug, der vor ihr stand. Sie streckte die Hand aus, bis sie aus dem etwas zu großen Ärmel ragte. „Sophie Bradshaw.“

„Marco Santoro.“ Er schüttelte ihre Hand, und seine Berührung schickte einen Schauer über Sophies Arm.

Sie schluckte, erschrocken über diesen seltsamen Effekt. Es war sehr lange her, dass sie etwas Derartiges verspürt hatte, und das irritierte sie.

Trotzdem konnte sie nicht bestreiten, dass es sich unheimlich aufregend anfühlte. Übermütig strahlte sie ihn an, und in ihren Augen flammte echtes Interesse auf.

„Bestimmt halte ich Sie auf“, begann sie und suchte fieberhaft nach etwas, womit sie weiter mit diesem Mann sprechen könnte. „Ich sollte Ihnen Ihren Mantel zurückgeben, damit Sie Ihren Weg fortsetzen können.“ Allerdings wollte sie ihm den Mantel nicht wirklich zurückgeben. Er war einfach viel zu kuschelig und warm! Sie betrachtete den Fremden noch etwas genauer. Sein markantes Gesicht war extrem attraktiv, und ihr fiel auf, wie kräftig und muskulös sein Körper sich durch den maßgeschneiderten Anzug abzeichnete. Sophie gefielen Männer, die wussten, wie man sich kleidete …

Sie hatte ihm die perfekte Vorlage geliefert, um diese Situation aufzulösen. Sein Auftritt als Kavalier hätte ihm einen ganzen Abend mit dieser scharfzüngigen Frau einbringen können. Aber jetzt konnte er sich einfach bedanken, seinen Mantel nehmen und seines Weges ziehen.

Doch Marco zögerte. Irgendetwas an diesem süßen, energischen Kinn und den herausfordernden blauen Augen fesselte ihn. Es war eine willkommene Abwechslung zu dem langweiligen Abend, den er hinter sich hatte.

„Nehmen Sie sich ruhig Zeit, sich aufzuwärmen“, sagte er gelassen. „Ich habe es nicht eilig. Ich brauche selbst etwas frische Luft, nachdem ich dort drinnen war.“ Mit einer Kopfbewegung wies er zum The Chelsea Grant. „Zu viele Menschen, zu viel Party.“

„Fand ich auch!“, stimmte sie zu. „War das nicht echt schrecklich?“

„Unerträglich. Zu schade, dass ich Sie dort drinnen nicht getroffen habe. Es hätte mir einen faden Abend extrem versüßt. Niemand interessiert sich für Export-Allianzen, aber man muss wohl guten Willen zeigen, oder?“

Ihre Lider flatterten. „Aber ja. Hoffentlich ist Ihnen das nicht allzu schwer gefallen?“

Darauf antwortete er bewusst nicht sofort, sondern nahm sich Zeit, die junge Frau vor sich etwas näher anzuschauen. Sie war nicht gerade groß, und ihr langes blondes Haar hatte sie zu einem losen Knoten zusammengebunden. Knallblaue Augen, dazu ein sinnlich voller Mund. Sie wirkte nicht so selbstsicher wie die Frauen, die er sonst kannte. Andererseits langweilten diese ihn häufig. Darum hatte er sich auch gerade sechs Monate Dating-Abstinenz verordnet. Doch vielleicht hatte das Schicksal sie beide heute zusammengeführt. Und wer legte sich schon gern mit dem Schicksal an?

Er lächelte sie an. „Tja, bis gerade eben habe ich mir nicht viel von diesem Abend versprochen.“

Interessiert beobachtete er, wie sie seine Worte aufnahm.

Auf ihren Wangen zeigten sich rosarote Flecken.

„Nun, es war sehr nett, Sie kennenzulernen, Mr. Santoro.“ Zögernd trat sie einen Schritt zurück. „Aber jetzt sollte ich mich wirklich auf den Weg machen, bevor mir nur noch Schlittenhunde bleiben, um nach Hause zu kommen. Vielen Dank dafür, dass Sie mir Ihren Mantel geliehen haben. Aber mir ist inzwischen warm genug.“

„Oder wir warten in der gemütlichen Bar darauf, dass der Schneesturm vorüberzieht“, schlug er vor.

Insgeheim hoffte er, sie würde nicht auf sein Angebot eingehen.

Sophie öffnete den Mund, um zu antworten, schloss ihn aber wieder, ohne etwas zu sagen. Marco konnte buchstäblich beobachten, was für Argumente ihr durch den Kopf schwirrten. Schließlich kannte sie ihn nicht. Es schneite wie verrückt, und sie kam nicht nach Hause. Was konnte da ein gemeinsamer Drink schaden? Spürte sie nicht auch diese einzigartige Chemie in der Luft?

Sophie seufzte, und es klang wie eine kleine, süße Kapitulation.

„Danke, ein Drink an der Bar wäre echt toll!“

Bene, aber wir müssen nicht hier im Hotel bleiben. Kommen Sie mit!“ Damit hakte er sie unter, und Sophie ließ ihn gewähren.

Bereitwillig ließ sie sich von ihm weg vom Hotel und die King’s Road hinunterführen. Keiner von beiden sprach. Worte schienen in diesem Winterwunderland plötzlich überflüssig zu sein.

Die Bar, die er im Sinn hatte, war bloß wenige Schritte entfernt. Die Räume verfügten über eine moderne Einrichtung mit hellem Holz und langen Tischen, an denen größere Gruppen Platz nehmen konnten. Dazu gab es gemütliche Nischen für Pärchen.

Marco schob Sophie zu einem der abgelegenen Tische und bestellte im Vorbeigehen beim Barmann eine Flasche Prosecco.

„Entschuldigen Sie mich bitte“, sagte sie mit dünner Stimme. „Ich will mich bloß kurz frischmachen.“

„Natürlich“, erwiderte er und hob lächelnd sein Glas. Schlagartig war dieser Abend erfüllt von ungeahnten Möglichkeiten. Und das gefiel ihm sehr!

Was habe ich mir bloß gedacht? Was mache ich eigentlich hier?

Ein Blick in die Getränkekarte genügte Sophie, um zu wissen, dass sie in dieser Liga nichts zu suchen hatte. Jeder einzelne Drink kostete vermutlich mehr als jedes Möbelstück, das sie besaß. Und man musste kein Gedankenleser sein, um zu erkennen, weshalb sich Marco Santoro für einen versteckten Ecktisch entschieden hatte.

Er war der geborene Verführer!

Normalerweise gehörte sie nicht zu den Frauen, die auf gutaussehende Männer in maßgeschneiderten Anzügen hereinfielen. Andererseits … wie wäre es, es ein einziges Mal darauf ankommen zu lassen? Nur dieses eine Mal?

Die Waschräume waren genauso strahlend modern wie die Bar selbst, und an den Wänden hingen ringsum riesige, silbergerahmte Spiegel. Sophie stellte ihre Handtasche auf die Ablage und hängte Marcos Mantel und ihre dünne Strickjacke an einen Garderobenhaken.

Kritisch überprüfte sie ihr Outfit. Schwarzes Kleid, beigefarbene Nylonstrumpfhose, schwarze Schuhe, ein kleiner, von Silberfäden durchwirkter Umhang, kaum Make-up. Ja, sie konnte heute definitiv noch einen schönen Abend haben, sie musste nur ein paar Kleinigkeiten ändern.

Schnell löste sie ihre Frisur und bürstete das Haar mit den Fingern durch. Das war das Tolle an ihrer blonden Mähne: Sie kam ihr zwar manchmal langweilig vor, dafür fielen ihre langen Haare immer problemlos und locker um Sophies Schultern, ohne dass sie Stylingprodukte brauchte.

In der Handtasche fand sie einen Lippenstift mit einem dunklen Beerenfarbton, den sie auch dazu benutzte, um sich etwas Farbe auf die blassen Wangen zu zaubern. Anschließend verlieh üppige Mascara ihren Augen den gewissen Ausdruck. Noch etwas Puder, und sie sah aus wie verwandelt.

Allerdings sah ihr Arbeitskleid von den Maids in Chelsea viel zu brav und bieder für eine schicke Bar dieser Sorte aus. Kurz entschlossen holte Sophie das breite, weiße Satinband aus ihrer Tasche, das sie eigentlich für Geschenkverpackungen gekauft hatte, und schlang es sich um die Taille. Dann band sie eine schicke Schleife und zupfte ihr Werk zurecht. Sofort hatte ihr Outfit Pepp. Hinzu kamen noch silberne Kreolen und eine passende Kette – und sie war zu allen Schandtaten bereit!

Nein, es ging ja bloß um einen Drink. Um ein oder zwei Stunden in der Gesellschaft eines Mannes, der sie mit offenem Interesse angesehen hatte. Trotzdem eine aufregende Erfahrung! Heute durfte sie mal jemand anderes sein. Ein ganz normales Mädel aus Chelsea, das in Bars ging und mit gut aussehenden Männern flirtete. Und keines, das mit einem Tablett in den Händen abseits des Geschehens herumstand …

Sophie schämte sich nicht für das, womit sie ihr Geld verdiente. Sie arbeitete hart und stand finanziell auf eigenen Beinen. Das konnten die Damen der höheren Gesellschaft, denen sie regelmäßig zur Hand ging, in den seltensten Fällen von sich behaupten.

Maids in Chelsea war von der Agenturchefin Clio aus dem Nichts zu einem erfolgreichen Unternehmen aufgebaut worden. Sophie und ihre Kolleginnen waren sehr stolz auf den guten Ruf der Agentur, auch wenn die Firma nicht gerade glamourös wirkte.

Und im Augenblick wünschte sich Sophie ein paar glamouröse Momente! Wenigstens für kurze Zeit wollte sie zu der Welt gehören, in der sie eigentlich nur bediente. Wie Cinderella wollte sie den großen Ball genießen, ehe die Uhr Mitternacht schlug und sich ihr schönes Kleid wieder in einen Lumpen verwandelte.

Hatte sie das nicht verdient? Schließlich war doch Weihnachten …

2. KAPITEL

Silvester

„Das ist doch großartig, Grace. Nein, natürlich bin ich nicht sauer. Ich freue mich für dich. Also, wann lerne ich ihn denn mal kennen? Heute Abend? Er begleitet dich zum Snowflake-Ball? Das ist … Das ist ja super! Ich kann es kaum erwarten. Ja, wir sehen uns irgendwann dort. Okay. Bis dann. Hab dich lieb.“

Sophie legte das Telefon beiseite und starrte quer durch den Raum. Wäre auf dem Fußboden Platz gewesen, hätte sie sich vermutlich einem dramatischen Ohnmachtsanfall hingegeben. Aber da jeder Quadratmeter von unterschiedlichsten Stoffbergen verdeckt war, blieb ihr nur, sich gegen die Wand zu lehnen und trocken zu schlucken.

Genau wie sie jetzt hatte sich wohl auch Cinderella gefühlt, als sie allein gelassen worden war, während alle anderen zum Ball gingen. Ach, genug davon! Sie steigerte sich viel zu sehr in ihre Märchenfantasie hinein. Außerdem stimmte das Bild nicht ganz. Schließlich hatte Cinderella nicht auf dem Ball arbeiten müssen, während ihre Stiefschwestern sich auf der Tanzfläche mit den schönen adeligen Herren amüsierten.

Außerdem freute Sophie sich aufrichtig für ihre Freundinnen. Sie hatten alle wunderbare Männer kennengelernt und verdienten ihr Glück. Es war bloß ein bisschen schwer zu verkraften, dass sie alle zur selben Zeit die große Liebe gefunden hatten. Und das so kurz vor dem berühmten Snowflake-Ball.

Sie seufzte tief. Letztes Jahr hatte es riesigen Spaß gemacht, bei diesem pompösen Event zusammen mit Emma und Grace zu arbeiten. Der Saal war immer herrlich geschmückt, die Veranstalter gönnten dem Personal regelmäßige Pausen, und das Trinkgeld fiel ausgesprochen großzügig aus.

Im Anschluss fand eine kleine, interne Feier mit Champagner und einem köstlichen Buffet statt. Um ehrlich zu sein, war das vergangene Silvester mit Abstand das beste in Sophies Leben gewesen.

Dieses Jahr sah das schon ganz anders aus. Zuerst war ihre Freundin Emma zufällig auf ihren verschollenen – und heimlichen – Ehemann getroffen, und nach ein paar nervenaufreibenden Wochen hatten die beiden sich miteinander versöhnt. Danach war Ashleigh, die süße Australierin, die erst seit ein paar Wochen in London war, einem hinreißenden griechischen Geschäftsmann verfallen, für den sie den Haushalt erledigt hatte. Inzwischen waren die beiden verlobt, und Sophie hatte ihre Freundin noch nie so ausgelassen und fröhlich erlebt.

Wenigstens war Grace, die Vierte im Bunde, bis vor wenigen Tagen noch Single gewesen, genau wie Sophie. Doch nun hatte auch sie ihr Herz verloren – an den attraktiven Hotelier Finlay Armstrong. Während Sophie ihre Weihnachtstage damit verbracht hatte, sich in Manchester der gewohnten Missbilligung ihrer Familie auszusetzen.

Auch Grace würde heute Abend beim Ball sein. Allerdings nicht mehr als bezahlte Hilfskraft, sondern wie ihre Freundinnen Emma und Ashleigh als Gast.

„Du bist wirklich eine schreckliche Person, Sophie Bradshaw“, sagte Sophie laut. „Vor allem Grace verdient jedes Glück auf dieser Erde!“

Und ich nicht? meldete sich eine kleine, eifersüchtige Stimme in ihrem Kopf.

Kraftlos stieß sie sich von der Wand ab und bahnte sich einen Weg durch die Stoffberge bis zum Sofa. Auch sie selbst verdiente ein bisschen Freude, kein Zweifel. Ihr Exfreund Harry hatte ihr buchstäblich jeden Funken Selbstvertrauen geraubt. Seitdem suchte sie sich ihr persönliches Glück nicht in den Armen eines Mannes – ganz gleich, wie gut aussehend oder reich er war – sondern in ihrer Fantasie und ihren Träumen. Und in ihren Entwürfen.

Heute Abend würde sie gute Miene zum bösen Spiel machen. Sie würde lächeln und sich für ihre Freundinnen und ehemaligen Kolleginnen freuen, auch wenn sie fortan durch eine unsichtbare Wand voneinander getrennt waren.

Hatte Harry vielleicht recht gehabt? Stimmte irgendetwas nicht mit ihr?

Immerhin hatte sie dieses Weihnachten ihr eigenes kleines romantisches Abenteuer gehabt, auch wenn es abrupt geendet hatte. Nicht um zwölf Uhr Mitternacht, aber um fünf Uhr morgens. Genau zu diesem Zeitpunkt war sie lautlos aus dem Hotelzimmer geschlichen, ohne eine Nachricht zu hinterlassen. Und erst recht keinen gläsernen Schuh!

Die Männer ihrer Freundinnen – Jack, Lucas und Finlay – hätten bestimmt jeden Stein umgedreht auf der Suche nach der Dame ihres Herzens. Sophies Herz setzte jedes Mal einen Schlag aus, wenn sie in der Menge einen dunklen Haarschopf über einem teuren Maßanzug entdeckte, was in Chelsea ziemlich oft vorkam. Doch das Letzte, was sie von Marco Santoro gesehen hatte, war sein hinreißender nackter Oberkörper in der weißen Hotelbettwäsche gewesen, während sie selbst leise ihre Kleidungsstücke zusammensucht hatte.

Zugegeben, sie selbst hatte auch nicht versucht, ihn ausfindig zu machen. Nicht einmal, nachdem sie ihren Freundinnen vor ein paar Tagen von ihrem verwegenen One-Night-Stand berichtet hatte. Einerseits spielte sie nicht in der Liga ihres Liebhabers, andererseits hatte sie auch zugelassen, dass ihr Urteilsvermögen durch Verzweiflung getrübt war. Daher gab es keinen Grund, Lust und Leidenschaft mit etwas Bedeutenderem zu verwechseln.

Obwohl es in der Tat eine denkwürdige Nacht gewesen war …

Der Türsummer unterbrach ihre Gedanken, gerade als sie sich wieder den Anblick von Marcos sinnlichen Lippen ins Gedächtnis gerufen hatte.

Seufzend ging sie zur Gegensprechanlage. „Ja, bitte?“

„Sophie? Ich bin es, Ashleigh.“

Der schwere australische Akzent ihrer ältesten Freundin zauberte sofort ein Lächeln auf Sophies Lippen. Dann heirateten ihre Freundinnen eben plötzlich alle einen Traummann. Na und? Das änderte nichts. Zumindest nicht an den wesentlichen Dingen.

„Komm rauf!“ Sie drückte auf den Türknopf und schaute sich hektisch im Raum um. Konnte man in zwanzig Sekunden ein ganzes Zimmer in Ordnung bringen? Sie schaffte es gerade eben, ein paar Stoffe beiseite zu räumen, ehe es an der Tür klopfte.

Zu ihrer Überraschung stand nicht nur Ashleigh auf der Schwelle, sondern auch Emma und Grace. In den Händen hielten sie Champagnerflaschen und einen dicken, weißen Umschlag.

„Überraschung!“, riefen die drei Frauen wie aus einem Munde und rauschten in die Wohnung, gefolgt von einer Duftwolke aus Parfum und dem Klang klappernder Absätze.

Der Dresscode für den Snowflake-Ball lautete: weiß oder silbern. Doch die blonde, hochgewachsene Emma hatte sich dazu ein Paar knallrote High Heels gegönnt. Grace trug tatsächlich ein silbernes Kleid, und Ashleigh hatte sich für eine rückenfreie, elfenbeinfarbene Robe entschieden, die ihr rötliches Haar und ihre grünen Augen betonte.

Sie alle drei sahen hinreißend aus. Automatisch vermied Sophie den Blick zur Schranktür, wo ihr schwarzes, frisch gebügeltes Kellnerinnen-Outfit hing.

„Wie hübsch ihre alle seid“, schwärmte sie und wandte sich an Grace. „Du musst mich angerufen haben, als ihr gerade unten an der Ecke gestanden habt.“

„Ich habe aus dem Taxi angerufen“, gestand Grace lachend.

„Nochmals herzlichen Glückwunsch. Finlay kann sich glücklich schätzen, dich zu haben. Und genau das werde ich ihm auch sagen, wenn ich ihn mal kennenlerne. Ich würde dich jetzt umarmen, aber ich will dein schönes Kleid nicht zerknittern.“

„Wo sind die Gläser?“, erkundigte sich Emma und sah sich in der winzigen Küchenzeile um. „Aha!“ Triumphierend zog sie eine Schranktür auf und riss dann die Folie vom Flaschenhals.

Sophie bemerkte, dass es sich um einen teuren Champagner handelte. Um eine Marke, die sich weit jenseits ihrer Preisklasse befand. Schon lustig: Noch vor wenigen Wochen hatten sie alle den günstigen Sekt vom Laden an der Ecke getrunken, wenn sie sich trafen.

Als der Korken knallte, hob Sophie abwehrend eine Hand. „Nicht für mich, Em. Ich kann nicht. Du weißt, dass Clio es nicht erlaubt, wenn wir vor der Arbeit etwas trinken. Und ich muss in weniger als einer Stunde beim Personaltreffen sein.“

„Genau da irrst du dich“, rief Ashleigh begeistert. „Wir haben Keisha gebeten, deine Schicht zu übernehmen. Und Sie, Miss Sophie Bradshaw, werden mit uns zusammen auf diesen Ball gehen. Hier, bitteschön, ist deine formelle Einladung.“

Sie reichte ihr den weißen Umschlag, den Sophie mit zitternder Hand entgegennahm.

„Ich wollte schon immer mal die gute Fee spielen“, verkündete Grace vergnügt und nahm ein volles Champagnerglas entgegen, das Emma ihr reichte.

Fassungslos starrte Sophie in die drei strahlenden Gesichter ihrer Freundinnen und umklammerte noch immer den ungeöffneten Briefumschlag. „Ich bin … was?“

„Du bist Gast auf dem Snowflake-Ball!“

„Du bist unsere Begleitung.“

„Du hast doch wohl nicht gedacht, wir lassen dich hängen?“, fragte Ashleigh und nahm sich ebenfalls ein Glas Champagner. „Cheers!“

„Aber … aber … meine Haare! Und was soll ich anziehen?“

„Oh, ich weiß nicht“, schaltete sich Emma ein. „Wenn bloß eine von uns eine begabte Modedesignerin wäre mit einer Garderobe voll von Designerstücken! Ach, warte!“ Ohne zu zögern ging sie in das kleine Schlafzimmer und riss dort die Schranktüren auf. „Tata!“

„Ich kann doch zu einem Anlass wie diesem keine meiner Kreationen tragen“, protestierte Sophie. „Alle anderen werden dort in echten Designerroben erscheinen. So wie ihr.“

„Und du wirst uns mit deinem echten Sophie Bradshaw alle ausstechen.“ Grace strahlte sie an. „Oh, Sophie, das wird eine magische Nacht werden! Ich freue mich so, dass du mit uns kommst. Komm, wir machen uns gemeinsam zurecht!“

Warum habe ich mich bloß darauf eingelassen, hierherzukommen?

Marco bereute seine Entscheidung zutiefst. Der Snowflake-Ball an Silvester verlief doch immer gleich. Die gleichen Leute, der gleiche Smalltalk und die gleiche, grenzenlose Bedeutungslosigkeit.

Er warf einen finsteren Blick in den überfüllten Ballsaal. Der Raum war geschmackvoll geschmückt: nicht zu viel Glitzerkram, und von der Decke hingen zahllose weiße Schneeflocken. All das war jedoch kein Vergleich zu Venedig an Silvester. Diese alte Stadt erwachte zur Jahreswende wirklich zum Leben!

Seit mehr als zehn Jahren hatte er das nicht mehr erlebt, obwohl es ihn oft zurück in seine Geburtsstadt gezogen hatte. Er vermisste die Kanäle und Brücken, die grandiosen alten Palazzos und Märkte. Kein Essen und kein Champagner dieser Welt konnten ihn dafür entschädigen.

Unbewusst ballte er die Hände zu Fäusten. Morgen würde er nach Hause zurückkehren. Nicht nur für einen flüchtigen Besuch, für einen Geschäftstermin oder für einen Pflichtbesuch bei seiner Mutter und seiner Schwester. Ganze zwei Wochen würde er bleiben – um Gastgeber für Santoros jährlichen Epiphany Ball zu sein, und um seine Schwester zum Altar zu führen.

Schon morgen würde er in die Fußstapfen seines Vaters treten. Ungeachtet der Tatsache, dass er sich nicht dafür bereit fühlte. Ungeachtet der Tatsache, dass er das nicht verdient hatte.

Frustriert nahm Marco einen großen Schluck Wein, obwohl er ihn kaum schmeckte. Heute Abend wollte er nicht an all das denken. Es war die letzte Nacht in Freiheit, und er brauchte dringend Ablenkung.

Ratlos ließ er seinen Blick durch den Raum wandern und stutzte, als sich eine Gruppe von vier Frauen am Tisch gegenüber niederließ. Sie unterhielten sich eifrig miteinander, während sie sich hinsetzten, und er starrte die lachende Blondine im silbernen Minikleid an. Eine mutige Kleiderwahl an einem eher konservativen Abend wie diesem.

Aber bei derart perfekten Beinen wollte er sich nicht beschweren. Sie sah in seine Richtung, als würde sie seine Aufmerksamkeit bemerken, und er blickte in ein Paar vertraute blaue Augen.

Augen, die sich vor Schreck weiteten.

Es war das Mädchen, das ihn ohne ein Wort des Abschieds verlassen hatte.

Marco murmelte einen üblen Fluch und war unschlüssig, ob er ihr zunicken oder sie einfach ignorieren sollte.

Es war eine ganz neue Erfahrung für ihn gewesen, nach einer wilden Nacht allein aufzuwachen und nicht einmal einen Abschiedsbrief zu finden. Neu und nicht gerade angenehm. Nach seiner Erfahrung klammerten sich Frauen energisch an ihn, obwohl zwischen ihnen keinerlei ernsthafte Beziehung bestand.

Auf keinen Fall machten sie sich heimlich im Morgengrauen aus dem Staub.

Seine Augen wurden schmal. Sie schuldete ihm eine Erklärung und im Grunde auch eine Entschuldigung. Schließlich gab es auch für flüchtige Affären einen gewissen Ehrenkodex, und Sophie Bradshaw hatte ihn gebrochen. Außerdem wollte er heute seinen Spaß haben, ehe er zwei Wochen lang funktionieren musste.

Entschlossen steuerte er auf sie zu, doch sie war längst aufgesprungen und bahnte sich ihren Weg zum hinteren Ende des Ballsaals. Weg von ihm. Floh sie vor ihm, oder wollte sie spielen? Er sah, wie sie hinter einer Tür verschwand, und er folgte ihr ohne zu zögern.

Plötzlich befand er sich in einer Art Abstellkammer zwischen Stühlen und Putzwagen. Sophie drängte sich rückwärts gegen einen kleinen Tisch, und ihr herzförmiges Gesicht wurde leichenblass.

Während sich die Tür hinter ihnen schloss, verschränkte Marco die Arme vor der breiten Brust.

Buongiorno, Sophie.“

„Marco? Was machst du denn hier?“

„Oh, ich treffe mich bloß mit ein paar alten Freunden. Aber das mag ich so an diesen Veranstaltungen. Man weiß nie, wer einem da über den Weg läuft. Eine nette Ecke, in der ich dich hier gefunden habe, muss ich sagen. Nicht so überfüllt, allerdings auch nicht gerade schön dekoriert. Mir gefällt es trotzdem.“

Sie sah regelrecht angsterfüllt aus.

Das verwunderte ihn. Eigentlich war er davon ausgegangen, dass sie sich vor ihm versteckte, weil ihr die Begegnung mit ihm peinlich war. Vermutlich hatte sie ihren Freundinnen und eventuell ihrem festen Freund nichts von ihm erzählt. Oder sie spielte ein perfides Spiel und wollte ihn herausfordern? Aber niemals wäre er auf die Idee gekommen, dass sein Anblick ihr Angst machen könnte.

„Entschuldige, Sophie“, stieß er zwischen schmalen Lippen hervor. „Ich wollte dich nicht erschrecken. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Ich werde dich für den Rest des Abends in Ruhe lassen.“ Damit verbeugte er sich und wandte sich um zur Tür.

Ihre Stimme hielt ihn zurück.

„Nein, Marco, ich sollte mich viel eher bei dir entschuldigen. Ich war bloß nicht darauf gefasst, dir hier zu begegnen, da habe ich einfach überreagiert. Ich bin keine … Wie soll ich das ausdrücken? Du weißt schon. Ich weiß nicht, wie diese Dinge normalerweise gehandhabt werden.“

In den letzten Tagen hatte Marco vergeblich versucht, sich aus dem Kopf zu schlagen, was sie beide getan hatten. Er hatte versucht, nicht an ihre samtweiche Haut zu denken. Nicht daran, wie sie schmeckte. Und auch nicht an die Art, wie sie lachte.

Ironischerweise wusste er eigentlich ganz genau, wie diese Dinge normalerweise gehandhabt wurden. Und im Grunde fand er es perfekt, wenn Beziehungen jeglicher Art kurzzeitig und absolut diskret gehalten wurden. Und üblicherweise ging er auch nicht mit Frauen ins Bett, die er praktisch auf der Straße aufgelesen hatte. Um so etwas zu riskieren, war er viel zu vorsichtig. Und er sorgte dafür, dass jede seiner Bettgefährtinnen die Regeln kannte: Es ging um Spaß, um Lust, ohne jegliche Verpflichtung.

Aber irgendwie hatten sich all seine selbst auferlegten Regeln an diesem besonderen Abend plötzlich in Luft aufgelöst. Für ihn hatte es sich angefühlt, als hätte er eine neue Welt betreten, in der andere Gesetze galten. Das gebuchte Hotelzimmer, der Spaziergang Hand in Hand durch den frisch gefallenen Schnee …

Zischend sog er den Atem ein, während ihm die Erinnerung an diese heiße Nacht einen Schauer durch den Körper jagte. Er wusste nicht, was er getan hätte, wäre sie am nächsten Morgen noch bei ihm gewesen. Leider stellte sich die Frage auch nicht, denn wie der frisch gefallene Schnee geschmolzen war, war auch diese rätselhafte Frau wieder aus seinem Leben verschwunden. Und er hatte sich einreden wollen, dass es so am besten wäre.

Doch jetzt war sie hier.

Er sah in ihre großen blauen Augen. „Wie gehen wir jetzt mit der Situation um?“, fragte er direkt. „Brauchen wir einen Schlachtplan oder so etwas?“

Ihre Wangen färbten sich rötlich. „Ich suche nicht nach Mr. Right, falls du das meinst“, erwiderte sie eilig. „Andererseits bin ich auch nicht die Sorte Mädchen, die sich auf eine Nacht mit einem Fremden einlässt. Also, normalerweise. Darum weiß ich ehrlich überhaupt nicht, wie wir beide nun miteinander umgehen sollen.“

„Mir geht es ähnlich, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass wir nicht den ganzen Abend in einer Abstellkammer verbringen müssen.“

„Nein“, stimmte sie zu, klang dabei aber nicht wirklich überzeugt. „Aber was passiert, wenn wir da draußen im Saal sind? Geben wir zu, dass wir uns kennen, oder tun wir so, als wäre all das gar nicht passiert?“

Wenn er ehrlich war, hatte er sich für heute Abend eine Ablenkung gewünscht. Und Sophie Bradshaw in ihrem silberfarbenen Minikleid stellte definitiv eine konkrete Ablenkung dar.

„Ich habe demnach die Wahl?“, entgegnete er grinsend. „Wie wäre es, wenn ich dich erst einmal frage, ob du mit mir tanzen möchtest?“

„Ob ich tanzen möchte?“ Ihre Augen wurden sogar noch größer, obwohl er geglaubt hatte, dass das kaum möglich war. „Aber ich habe dich abserviert, ohne eine Nachricht zu hinterlassen. Und ich bin fortgelaufen, als ich dich heute sah.“

Si, doch wenn du mit mir tanzt, bin ich bereit, über diese Unzulänglichkeiten hinwegzusehen.“

„Ich habe erwähnt, dass ich keine Beziehung haben will?“

„Das hast du, Sophie. Genau wie du suche auch ich nach keiner ernsten Bindung, und es ist auch nicht meine Gewohnheit, einfach irgendwo Frauen aufzureißen. Wenn also keiner von uns beiden Wert auf eine feste Beziehung legt oder an einmalige Bettgeschichten gewöhnt ist, warum lernen wir uns dann beide nicht einfach besser kennen? Es sei denn, du bist mit jemandem hier?“

Wieder verkrampften sich seine Hände von ganz allein zu Fäusten. Das besitzergreifende Gefühl, das ihn überkam, erschreckte ihn. Aber wahrscheinlich hatte es nur etwas damit zu tun, dass er sich oberflächlich von ihr angezogen fühlte. Die Vorstellung, den Abend mit Sophie zu verbringen, war für sein Empfinden gleichermaßen aufregend und vollkommen logisch.

Auch wenn es ihr offenbar nur um Lust und Leidenschaft ging! Aber wenn diese gemeinsame Nacht genauso endete wie die letzte, würde er sich bestimmt nicht darüber beschweren. Heimlich bewunderte er ihre Figur in dem knappen Minikleid, das an die 60er-Jahre erinnerte. Nein, er würde sich ganz sicher nicht beschweren.

„Ich bin mit meinen Freundinnen und ihren Männern, beziehungsweise Verlobten hier. Sie sind alle ganz reizend und geben mir nicht das Gefühl, das fünfte Rad am Wagen zu sein. Aber ich weiß es besser.“

„Dann ist das wohl Schicksal“, bemerkte er und sah seine Chance gekommen. „Wann immer du dich überflüssig fühlst, komm direkt zu mir, und wir tanzen. Wir können einen Code abmachen.“

Sie zog die Augenbrauen hoch. „Einen Code?“

Si. Du reibst einfach deine Nase oder zupfst an deinem Ohr. Und schon weiß ich, dass ich zu deiner Rettung eilen muss. Und darüber hinaus sollten wir einen Treffpunkt abmachen, wann wir gemeinsam ins neue Jahr starten.“

„Vor dieser Kammer?“

„Guter Vorschlag. Okay, dann treffen wir uns draußen um kurz nach elf.“

„Das ist ja eine ganze Stunde, ehe das Feuerwerk hochgeht.“

„Du schuldest mir mindestens eine Stunde deiner Zeit, weil ich dir bis hierher in die Abstellkammer folgen musste.“ Er zog die Augenbrauen hoch. „Immerhin bin ich Italiener, und du hast mein Ego empfindlich verletzt.“

Auf ihren Wangen zeigten sich kleine Grübchen. „Okay, dann sehen wir uns um elf. Es sei denn, ich muss schon vorher gerettet werden. In dem Fall werde ich ganz auffällig mit meinen Haaren spielen. Abgemacht?“

„Abgemacht.“ Er hielt ihr die Tür auf, und sie kehrten gemeinsam auf die Feier zurück.

Dabei spürte er genau, wo und wie lange ihr Körper den seinen berührte, und er atmete tief durch.

„Wir sehen uns um elf, Signorina. Und ich freue mich schon sehr darauf, Sie näher kennenzulernen.“

Schweigend sah er ihr nach, als sie in der Menschenmenge verschwand. Ja, diese Frau versprach, eine willkommene Abwechslung zu sein. Und eine sehr nette und hübsche dazu. Mittlerweile freute er sich regelrecht auf diese unliebsame Veranstaltung heute Abend.

3. KAPITEL

„Wer war denn dieses heiße Gerät?“, wollte Emma wissen und blickte fragend in die Runde. „Selbstverständlich bin ich selbst glücklich verheiratet, aber trotzdem habe ich noch Augen im Kopf! Sophie, dieser Kerl ist allererste Klasse. Erzähl uns sofort alles über ihn!“

Unruhig rutschte Sophie auf ihrem Stuhl herum und spürte, dass ihre Wangen knallrot waren. „Da gibt es nichts zu erzählen“, behauptete sie und spielte mit ihrer weißen Stoffserviette. Dabei schüttelte sie ein paar funkelnde Deko-Schneeflocken auf den Tisch. „Ich habe doch wohl hoffentlich nicht den ersten Gang verpasst? Ich bin nämlich am Verhungern.“

„Jetzt erzähl noch, meine Augen täuschen mich, und du bist nicht gerade mit ihm zusammen aus einer Abstellkammer gekommen!“ Ashleigh beugte sich vor und starrte sie erwartungsvoll an. „Ha! Es stimmt also. Gute Arbeit, Soph. Und fix ging das auch. Immerhin sind wir erst zwanzig Minuten hier.“

„Du ziehst die falschen Schlüsse“, verteidigte Sophie sich und nahm zur Stärkung einen kräftigen Schluck Champagner. Er war extrem trocken, und sie verzog das Gesicht. Dann griff sie zum Wasserglas. „Er ist mir dorthin gefolgt.“

„Echt? Dann nehme ich alles zurück. Er ist nicht heiß, sondern gruselig. Soll ich mal Jack auf ihn ansetzen?“

„Lukas macht bestimmt gern mit“, schaltete Ashleigh sich ein und warf einen kritischen Blick in die Ecke, in die Marco sich verzogen hatte.

„Finlay kann auch sehr einschüchternd sein“, bemerkte Grace und lächelte verträumt, während sie den Diamantring an ihrem Finger betrachtete.

„Nein, aber vielen Dank für das Angebot“, erwiderte Sophie leise. „Ich brauche keine Schützenhilfe, weil ich den Mann schon ziemlich gut kenne. Er ist …“

Ihre drei Freundinnen sahen sie aufmerksam an.

„Er ist dieser Typ, von dem ich erzählt habe“, gab sie seufzend zu. „Dieser Italiener, mit dem ich in einer Bar war und danach …“

„Mit dem du einen One-Night-Stand hattest?“, erkundigte sich Ashleigh grinsend.

„Ruf das doch noch lauter durch die Gegend!“, zischte Sophie.

„Was macht er denn hier? Das muss doch Schicksal sein?“

„Nein, Grace, das ist kein Schicksal. Es ist einfach nur peinlich. Ich habe nicht damit gerechnet, ihm jemals wieder über den Weg zu laufen.“

„Vielleicht, aber jetzt interessiert doch nur eine Frage: Hast du vor, ihn wiederzusehen? Denn ab heute ist er kein simpler One-Night-Stand mehr, sondern der Kerl mit dem Quickie in der Abstellkammer.“ Emma zwinkerte ihr zu.

„Also, bitte!“, empörte sich Sophie. „Wir hatten nichts in dieser Kammer, und du solltest dich auf dein Niveau als Gräfin besinnen.“

Daraufhin lachte Emma lauthals. Sie wurde ständig wegen ihres Titels von ihren Freundinnen aufgezogen. „Du hast meine Frage nicht beantwortet, Sophie. Wirst du dich wieder mit ihm treffen?“

„Nur weil ihr alle jetzt in festen Händen seid, bedeutet das nicht, ich wäre auf der Suche nach einer Beziehung. Aber wir werden nachher zusammen tanzen. Und das ist schon alles, was ich möchte. Ehrlich.“

Keine ihrer Freundinnen nahm ihr das ab, so viel war offensichtlich. Und sie machte ihnen keinen Vorwurf, denn sie wusste ja selbst nicht genau, was sie eigentlich wollte. Aber eines war klar: Es ging ihr nicht zuallererst darum, einen Ring am Finger zu haben. Viel wichtiger war es ihr, endlich etwas aus ihrem Leben zu machen, jetzt, nachdem sie endlich von Harry Abstand gewonnen hatte.

Trotz des anfänglichen Schocks war es eine angenehme Überraschung gewesen, Marco wiederzusehen. Emma hatte recht: Er war wirklich extrem heiß. Und charmant. Und ein außerordentlich guter Liebhaber. Nicht dass sie plante, wieder mit ihm im Bett zu landen … Das würde nur emotionale Verwirrung stiften.

Aber ein Tanz konnte doch nicht schaden, oder?

Im Laufe des Abends fühlte sich Sophie mehr und mehr überflüssig. Ihre Freundinnen schlossen sie zwar nicht aus, aber sie waren meistens mit ihren attraktiven und aufmerksamen Partnern beschäftigt. Nur wenn die Männer sich zwischen den Gängen für einen starken Drink an der Bar trafen, hatten die vier Frauen Gelegenheit, ungestört zu plaudern.

„Wahrscheinlich werden wir in Schottland kirchlich heiraten“, verkündete Grace. „Obwohl es schade wäre, nicht im Armstrong zu feiern. Immerhin haben wir uns in dem Hotel kennengelernt. Meinst du, es ist in Ordnung, wenn die Brautjungfern in der Kirche kurze Kleider tragen?“

„Auf der letzten Hochzeit, zu der ich eingeladen war, haben die Brautjungfern Cocktailkleider getragen.“ Und ihr Exfreund Harry hatte seine Augen kaum von ihnen losreißen können. Wenige Stunden später hatte er der Trauzeugin sogar die Hand auf die braungebrannten Schenkel gelegt und Sophie damit zutiefst gedemütigt.

Viel zu oft hatte sie sein unangemessenes Verhalten in der Vergangenheit entschuldigt. Aber in aller Öffentlichkeit vorgeführt zu werden, hatte ihr den Rest gegeben. Sie hatte erkannt, dass dieser Bad Boy sich niemals ändern würde und dass er es nicht wert war, ihm auch nur eine Träne nachzuweinen.

Wieso hatte sie für diese Erkenntnis bloß sieben Jahre gebraucht? Ihre Eltern und auch ihre wenigen Freunde hatten Harrys Defizite schon von Anfang an erkannt. Trotzdem hatte Sophie ihrem Harry vertraut und sich eingeredet, sie würde etwas in ihm sehen, das kein Mensch außer ihr erkannte. Hätte sie nur ein wenig mehr Selbstvertrauen gehabt, vielleicht wäre sie dann nicht so einsam und bedürftig gewesen, als sie ihn traf.

Heute spielte das alles keine Rolle mehr. Und sie konnte niemandem die Schuld geben, außer sich selbst. Auf jeden Fall würde sie nie wieder blindlings auf eine leidenschaftliche Romanze hereinfallen.

Mühsam zwang sie sich zu einem Lächeln. „Bei der Hochzeit will ich ausschließlich mit ausgelassenen Single-Ladys an einem Tisch sitzen! Keine Blind-Dates mit dem Cousin vom Arbeitskollegen eurer Mutter oder so etwas, versprecht mir das! Ich will grenzenlosen Spaß haben und nicht verkuppelt werden.“

„Versprochen“, stimmte Ashleigh zu und schlang ihre Arme um Lukas’ Hals, der gerade mit einem neuen Eiskübel an den Tisch kam.

Für Sophie schmeckte jeder Schluck Champagner entsetzlich sauer. Dabei sollte sie sich doch heute eigentlich amüsieren. Sie sah toll aus, fühlte sich wohl in ihrem Kleid – was für eine passionierte Modedesignerin besonders wichtig war – und das Essen war ausgezeichnet. Die Band war ausgesprochen talentiert, und den Saal hatte man mit viel Mühe und Sorgfalt geschmückt. Es war Silvester, und sie konnte den Abend mit ihren besten Freundinnen verbringen.

Was wollte sie mehr?

Unauffällig blickte sie zu dem großen runden Tisch, an dem Marco saß und ein Glas Wein in seinen Händen drehte. Stumm prostete er ihr zu, und sie drehte schnell den Kopf zur Seite. Es war erst neun Uhr. Noch zwei Stunden bis zu ihrem versprochenen Tanz.

Der dritte Gang des Sechs-Gänge-Menus war gerade abgeräumt worden, und Emma hatte sich mit ihrem Jack auf die Tanzfläche verzogen. Dort wiegten die beiden sich im Takt der Musik und sahen sich dabei verliebt in die Augen. Sophie gegenüber saßen Grace und Finlay und schmachteten sich unverhohlen an. Ashleigh hatte Sophie aus den Augen verloren. Zuletzt hatte sie ihre Freundin dabei beobachtet, wie diese mit Lukas auf die Kammer zusteuerte, die Sophie zuvor entdeckt hatte.

Sophie selbst blieb die Wahl, hier für die nächsten zwei Stunden in Selbstmitleid zu versinken oder stattdessen ein bisschen Spaß zu haben. Spaß, den sie sich seit der Trennung von Harry nicht mehr gegönnt hatte.

Marco anzusehen, ließ ihren Atem stocken. Doch sie war kein Teenager mehr, der nicht zwischen Lust und Liebe zu unterscheiden wusste. Also, was schadete es da, ein paar unbeschwerte Stunden in Marcos Gesellschaft zu verbringen?

In jeder einzelnen Minute dieses Abends war Marco sich der Anwesenheit Sophies bewusst. Es entging ihm nicht, wenn sie ihr Haar nach hinten warf, wenn sie sich auf ihrem Stuhl herumdrehte oder wenn sie ihren aufregend sinnlichen Mund zu einem Lächeln verzog.

Es war, als würde ihn ein unsichtbarer Faden permanent in ihre Richtung ziehen. Als würde dieser Faden sie beide fest miteinander verbinden. Und wann immer Sophie sich rührte, zog sie an diesem unsichtbaren Band und schreckte ihn damit auf.

So hatte er bisher noch auf keine Frau reagiert. Wahrscheinlich lag es daran, dass Sophie ihn nach dieser einen Nacht einfach verlassen hatte. Das war er nicht gewohnt, und natürlich erregte es sein Interesse, wenn es ausnahmsweise einmal nicht er war, der buchstäblich die Fäden zog!

Allerdings sollte sie nicht merken, wie angetan er von ihr war. Das würde ihr bloß einen völlig falschen Eindruck vermitteln.

Jedes Mal, wenn Sophie in seine Richtung blickte, spürte er ihre innere Anspannung, als wäre es seine eigene. Und es machte ihn ganz kribbelig, wenn sie sich eine ihrer weichen, blonden Haarsträhnen um den Finger wickelte und ihn dabei herausfordernd ansah.

Von Minute zu Minute wurde es schlimmer. Irgendwann hielt er es nicht mehr aus, bahnte sich einen Weg über die Tanzfläche und blieb vor Sophie stehen. Er streckte ihr seine Hand entgegen, während die anderen Gäste am Tisch neugierig aufsahen.

„Signorina?“

Elegant zog sie eine Augenbraue hoch. „Sir?“

Er lächelte. „Würden Sie mir die Ehre erweisen?“

„Das kommt ziemlich unerwartet“, entgegnete sie amüsiert. „Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.“

„In dem Fall helfe ich Ihnen gern aus. Die richtige Antwort lautet: Liebend gern, vielen Dank.

„Ach so? Na, dann: Liebend gern, vielen Dank.“ Damit nahm sie seine Hand und ließ sich von ihm auf die Tanzfläche entführen.

Wie selbstverständlich glitt sie in seine Arme, und ihr Körper passte zu seinem, als wären sie füreinander gemacht.

„Hast du einen schönen Abend?“, fragte sie in vertraulicherem Ton.

„Erst jetzt“, erwiderte er mit tiefer Stimme und beobachtete zufrieden, wie sich ihre Wangen rot färbten. „Warst du schon einmal auf diesem Ball?“

„Ja, im letzten Jahr.“

„Nein, da war ich auch hier. Wie hätte ich dich übersehen können? Unmöglich.“

Ihr Lächeln brachte ihre Grübchen zum Vorschein. Und diese Grübchen verfolgten ihn buchstäblich bis in seine Träume. Und er erinnerte sich an die feinen Schneeflöckchen in ihrem Haar, an jenem Abend vor dem Hotel …

„Vielleicht hast du nicht richtig aufgepasst? Besuchst du diese Veranstaltung denn regelmäßig?“

Er zuckte die Achseln. „Einer meiner Klienten hat hier einen festen Tisch, und ich werde immer eingeladen.“

„Was für ein Privileg. Willst du gar nicht …“ Kopfschüttelnd brach sie ab. „Vergiss es.“

„Ob ich was will?“, hakte er nach.

„Ich bin einfach neugierig. Es ist nur … Möchtest du Silvester nicht lieber privater verbringen als mit einem Klienten? Was ist mit Freunden oder Familie?“

Sein Magen zog sich zusammen. Ab morgen würde es einzig und allein um seine Familie gehen. „Mit manchen Klienten bin ich auch privat befreundet. Die meisten Menschen in England habe ich über meine Arbeit kennengelernt. Was ist mir dir? Wer sind die Leute, mit denen du hier bist?“

Wieder zeigten sich die Grübchen. „Meine Freundinnen. Die meisten von ihnen kenne ich auch von der Arbeit“, gestand sie. „London kann ein recht einsamer Ort sein, wenn man hier neu ist.“

„Demnach kommst du nicht aus London?“

„Manchester. Und nein, ich verbringe das Jahresende ebenfalls nicht mit meiner Familie. Weihnachten war ich dort, und das hat mir vorerst gereicht.“ Ein Schatten legte sich über ihr Gesicht, aber nur kurz. „Von wo aus Italien kommst du eigentlich?“

„Venedig.“

Ihre Augen leuchteten auf. „Oh, wie toll! Was für eine aufregende Stadt, oder?“

Aufregend, berauschend, wunderschön, rückständig, voller Regeln und Erwartungen, die kein Mensch erfüllen konnte. „Warst du schon mal dort?“

„Nun, nein. Aber ich habe viel darüber gelesen und Reportagen gesehen. Ein Besuch dort steht ganz oben auf meiner Liste. In einer Gondel liegen und durch die Kanäle treiben. Maskenbälle, Palazzos, die vielen schönen Brücken …“ Sie lachte hell. „Meine Güte, ich klinge wie eine klassische Touristin.“

„Nein, nein, du hast ja recht. Es ist eine wunderbare Stadt. Du solltest unbedingt hinfahren.“

„Eines Tages“, seufzte sie. „Wie kannst du es ertragen, hier zu wohnen, wenn du doch auch dort leben könntest? London ist zwar cool, aber Venedig? Das lässt sich schwer miteinander vergleichen.“

„Und überall würde ich einem Mitglied meiner Familie über den Weg laufen. Si, Venedig ist einzigartig, und ich vermisse diese Stadt jeden Tag, aber gleichzeitig ist sie auch wie eine kleine Insel.“

Offenbar verstand sie ihn nur allzu gut. „Das kann ziemlich beengend wirken, was?“

„Ein bisschen. Hier in London bin ich mein eigener Herr, hier gibt es viel mehr zu sehen und zu entdecken.“

„So groß ist London auch wieder nicht“, wand sie ein. „Beispielsweise sind wir beide uns hier gleich zweimal in kurzer Zeit über den Weg gelaufen.“

Er beugte sich weit vor, bis sein Atem ihr Ohr streifte und ihr einen Schauer über den Rücken jagte. „Das war Schicksal, und das Schicksal wollen wir doch wohl nicht infrage stellen, oder?“

Zögernd ging sie auf Abstand und schwieg einen Moment lang. „Leben deine Eltern immer noch dort?“, wollte sie dann wissen.

„Meine Mutter schon. Mein Vater ist vor zehn Monaten gestorben.“ Innerlich wappnete er sich gegen die Welle von Schuldgefühlen, Reue und Wut, die ihn normalerweise beim Gedanken an seinen alten Herrn überfiel.

„Vor zehn Monaten? Das ist noch nicht allzu lange her. Es tut mir sehr leid für dich.“

„Danke.“

„Bestimmt vermisst deine Mutter dich?“

Mühsam brachte er ein Lächeln zustande. „Mich vermissen? Da bin ich nicht so sicher. Möglicherweise vermisst sie es, mir zu erzählen, wie ich mein Leben führen soll. Und das Tag für Tag.“

„Diese Situation kenne ich auch. Und was erwartet deine Mutter Schlimmes von dir?“

Ratlos hob er die Schultern. „Was sich jede italienische Mutter von ihren Kindern wünscht, ganz besonders für ihren einzigen Sohn. Einen Platz im Familienunternehmen, eine Ehefrau, Kinder … das Übliche.“

„Und du sehnst dich nicht gerade nach ein paar kleinen bambini, die sich an deinen Knien festklammern?“ Dabei klang sie überhaupt nicht enttäuscht oder missbilligend. Das war für ihn eine erfrischende Abwechslung.

Die meisten Frauen werteten sein mangelndes Interesse an einer eigenen Familie als persönliche Beleidigung oder – schlimmer noch! – als eine Herausforderung.

„Fußballturniere am Sonntagmorgen“, fuhr sie fort. „Wickeltaschen und Kekskrümel im Auto. Meine beiden Brüder haben Kinder. Ich kenne das Spiel.“

„Mir gefällt mein Leben, wie es ist. Wieso sollte ich es komplizierter machen, als es ist?“

„Demnach hast du kein Interesse an einer Ehefrau?“ Wieder klang ihre Frage völlig neutral, ohne jeden Hintergedanken. „Deine arme Mutter.“

„Sie ist selbst schuld“, beschwerte er sich. „Sie ist regelrecht besessen von dem Gedanken an eine Hochzeit. Ich erinnere mich noch genau an einen Tag, als wir bei einer ihrer Freundinnen eingeladen waren. Während die Mütter miteinander plauderten, habe ich mit der Tochter gespielt. Sie war ein nettes, sportliches Mädchen, und wir haben uns gut verstanden. Als wir gingen, fragte meine Mutter mich, ob ich das Mädchen mag. Als ich bejahte, sagte sie bene und meinte, dass dieses Mädel eine gute Frau für mich sein würde. Ich war fünf Jahre alt.“

„Ziemlich früh“, sagte Sophie mit einem Lächeln. „Aber im Grunde sind alle Mütter so. Meine war davon überzeugt, ich würde Tom von nebenan heiraten. Er spielte Geige, sang im Kirchenchor und half jedem dabei, den Bürgersteig zu fegen oder Schnee zu schippen. Der perfekte Ehemann.“

„Und trotzdem ist er heute nicht mit dir hier?“

„Tja, wie sich herausstellte, gefielen Tom Jungs viel besser als Mädchen. Selbst wenn ich gewollt hätte, hätte ich keine Chance bei ihm gehabt.“

„Glück für mich.“ Mit Schwung drehte er Sophie um die eigene Achse. „Sag mal, Signorina, wieso tanzen wir hier auf diesem wunderbaren Fest und unterhalten uns dabei über meine Mutter? Mir würden da weitaus interessantere Themen einfallen.“

Amüsiert betrachtete sie ihn. „Und die wären?“

„Zum Beispiel, wie sexy du in diesem Kleid aussiehst. Und wie gut du tanzen kannst. Und was wir noch alles bis Mitternacht unternehmen können.“

Sie schluckte, und sein Blick fiel auf ihren schlanken, feinen Hals.

„Bis jetzt haben Sie mich nur um einen Tanz gebeten, Signor“, sagte sie spielerisch. „Lass uns weniger reden und mehr tanzen! Schließlich ist heute Silvester.“

Augenblicklich gehorchte er. Und sie gaben wirklich ein grandioses Tanzpaar ab. Ihre Körper harmonierten perfekt, und er war fasziniert von ihrem Taktgefühl und ihrer Eleganz. Und wie ihre Augen leuchteten, ihre Haare flogen …

Um kurz vor Mitternacht wurde die Musik langsamer, und Marco zog Sophie enger in seine Arme. Der Ballsaal war erfüllt von Erwartung und Spannung, als sich der Zeiger einer großen Uhr unaufhaltsam der Zwölf näherte. Die Gäste versammelten sich schon in Gruppen, um das neue Jahr zu begrüßen.

Marco lenkte Sophie in eine ruhige Ecke des Saals. Er mochte die dröhnende Stimmung, die betrunkenen Glückwünsche nicht, die allzu oft mit den ersten Minuten des neuen Jahres einhergingen.

Als es schließlich soweit war, sah er ihr tief in die Augen. „Felice anno nuovo.“

„Dir auch ein frohes, neues Jahr, Marco.“ Ihre Augen waren halb geschlossen, und ihre Lippen wirkten, als würde Sophie sehnsüchtig seinen Kuss erwarten.

Er kannte den Geschmack ihres süßen Mundes. Und er wusste, dass sich der Kuss vertiefen würde, wenn er die Hände in ihr weiches, blondes Haar schieben würde. Wie samten sich ihre Haut unter seinen Fingerspitzen anfühlte …

Nach der Wahnsinnsnacht, die sie miteinander verbracht hatten, konnte es unmöglich bei einem Tanz bleiben. Außerdem war Silvester, da war ein kleiner Kuss auf den Mund nichts Ungewöhnliches.

Nur ein Kuss, um den Abend abzurunden. Als Schlusspunkt ihrer kurzen, reizvollen Begegnung.

Sophie seufzte zufrieden, als er seine Lippen sanft auf ihre presste. Sie zog ihn an den breiten Schultern näher zu sich heran, bis ihre Körper beinahe miteinander verschmolzen.

Nebenbei bekam Marco mit, wie um sie herum lautstarke Begeisterung entbrannte. Korken knallten aus unzähligen Champagnerflaschen, Luftballons zerplatzten und überall flogen Luftschlangen umher. Im Chor wurde das Lied Auld Lang Syne angestimmt, und dennoch war es, als wären er und Sophie von diesem Tumult ausgeschlossen.

Verborgen in einer geheimen Dimension, in der nur Küsse und Berührungen zählten.

Und plötzlich war es vorbei, weil sie zurückwich.

Zitternd und mit weit aufgerissenen Augen starrte sie ihn an. „Vielen Dank für diesen außergewöhnlichen Abend. Ich denke nicht, wir … Also, ich meine, meine Freundinnen suchen bestimmt schon nach mir.“

Es dauerte einen Moment, ehe ihre Worte bis zu seinem Verstand durchdrangen. Dabei wollte er sie einfach nur weiter festhalten, ihren Mund küssen und sie an sich pressen. Stattdessen musste er sein Verlangen energisch unterdrücken.

„Es war mir ein Vergnügen. Es hat mich sehr gefreut, dich wiederzusehen, Signorina“, fügte er scherzhaft hinzu. Formvollendet verbeugte er sich vor ihr und verabschiedete sich nach kurzem Zögern.

Eine spaßige Ablenkung, und nun war es vorüber! Es sei denn …

Schon morgen kehrte er nach Hause zurück. Zu einer Hochzeit, um seine Rolle zu spielen. Zurück zu den großen Erwartungen, die seine Familie an ihn stellte, besonders jetzt, da sein Vater nicht mehr unter ihnen weilte. Zurück zu den quälenden Schuldgefühlen. Da könnte er Ablenkung eigentlich gut gebrauchen.

Ganz offensichtlich suchte Sophie nach keiner Beziehung, denn sie ging fort, ohne sich noch einmal nach ihm umzusehen.

„Sophie?“, rief er, ehe sie in der Menge verschwand.

Mit einem verwirrten Ausdruck drehte sie sich zu ihm um.

Mit wenigen Schritten war er bei ihr. „Meine Mutter wird am sechsten Januar ihre jährliche Party geben. Ich muss dort den Gastgeber spielen. Würdest du mir dabei Gesellschaft leisten?“

Jetzt wirkte sie noch verwirrter. „Ich soll nach Venedig kommen? Aber …“

„Du hast doch selbst gesagt, du willst dorthin.“

„Schon.“ Zuerst schien sie der Versuchung zu erliegen, doch dann runzelte sie die Stirn. „Aber Marco, wir kennen uns doch kaum. Und ich bin auch nicht gerade auf der Suche nach … irgendetwas. Natürlich mag ich dich …“

„Mir geht es genauso, und ich würde dich gern noch besser kennenlernen. Das ist eigentlich auch schon alles, Sophie. Ein paar Tage in Venedig, eine Party, und anschließend gehen wir wieder getrennte Wege. Was meinst du dazu?“

„Natürlich hättest du ja sagen sollen“, befand Emma eindringlich, als die Freundinnen sich Stunden später zusammen in einer exklusiven Suite im Hotel Armstrong auf bequeme Sofas kuschelten. Sie wollten den Abend hier in vertrauter Runde ausklingen lassen und noch einmal auf Graces Verlobung anstoßen, was sie noch nicht gebührend getan hatten. Das Armstrong gehörte Finlay, hier hatte sich das frisch verlobte Paar kennengelernt. Ein Luxus, der für Sophie ungewohnt war. Selbst für einen Fahrer nach Hause war gesorgt.

Ihre Freundinnen hielten all das mittlerweile für normal, denn jetzt heiratete sogar Grace einen Mann, der über immensen Reichtum verfügte. Da fiel es schwer, nicht neidisch zu werden.

So schön dieser Abend auch war: Er zeigte Sophie sehr klar, wie unterschiedlich die Wege waren, die ihre Freundinnen auf der einen und sie auf der anderen Seite nun gingen. Und das bestärkte sie nur in ihren Plänen für das neue Jahr. Sie würde nun mit aller Kraft verwirklichen, was sie sich vorgenommen hatte.

Vor allem wollte sie endlich mehr Arbeit in ihre neue Webseite stecken, auf der sie ihre Entwürfe anbieten würde. Dieser Gedanke erfüllte sie gleichermaßen mit Vorfreude und mit Angst.

Denn was war, wenn Harry recht behielt damit, dass sie nur ihre Zeit verschwendete mit diesem Wunschtraum, Designerin zu sein? Die Gedanken kreisten in ihrem Kopf, während sie ihre Freundinnen betrachtete.

Grace ließ sich erschöpft aufs Sofa fallen und legte ihre nackten Füße auf einen gläsernen Couchtisch. Liebevoll sah sie Sophie an. „Emma hat recht, Sophie. Los, du solltest deinen Spaß haben! Um diese Jahreszeit gibt es nicht allzu viel Arbeit in der Agentur. Außerdem haben wir seit Monaten hart gearbeitet. Nimm dir ein paar Tage frei, du hast es dir verdient!“

„Ich kann dir den Lohn vorstrecken, wenn du möchtest“, bot Ashleigh an. „Betrachte es bitte als verfrühtes Geburtstagsgeschenk!“ Sie gab ihrer Freundin einen Stups. „Venedig, Sophie. Da wolltest du schon immer hin.“

„Marco hat angeboten, für mein Ticket aufzukommen. Nein, jetzt schaut nicht gleich so aufgeregt! Er hat berufsbedingt noch eine Menge Flugmeilen übrig. Keine große Sache, also.“

Dabei stimmte das nicht ganz. Sophie wollte bloß nicht zugeben, wie sehr sie sein Angebot beeindruckt hatte, für alle Kosten aufzukommen. Es wäre angeblich das Mindeste, was er tun könnte, weil sie gar nicht ermessen könne, was für eine riesige Hilfe sie ihm sein könnte. Von Harry, dem passionierten Musiker, kannte sie solche Großzügigkeit nicht. Er war finanziell kaum allein über die Runden gekommen. „Außerdem kenne ich ihn doch kaum.“

Grace hob wissend beide Augenbrauen. „Das sah mir heute Abend aber ganz anders aus. Die Chemie zwischen euch beiden war einfach … wow!“ Dramatisch fächerte sie sich Luft zu und duckte sich, als Sophie ein Kissen nach ihr warf.

„Was musst du denn noch über ihn wissen?“, fragte Ashleigh und drückte die Hand ihrer Freundin. „Wodurch würdest du dich besser fühlen und der Sache eine Chance geben?“

Ratlos hob Sophie die Schultern und wusste selbst nicht, wie sie erklären sollte, weshalb sie Marcos Einladung derart aus der Bahn warf. „Ich weiß gar nicht genau, wo er wohnt. Oder womit er eigentlich seinen Lebensunterhalt verdient. Und ich weiß nicht, auf welche Musik er steht und welche Bücher er liest.“

„Was weißt du denn über ihn?“, fragte Emma und setzte sich neben Grace. „Erzähl uns etwas über ihn!“

„Er ist Italiener und hat etwas mit Kunst und Antiquitäten zu tun. Na ja, außerdem lebt er schon länger in London, obwohl er seine Heimatstadt Venedig liebt. Das hört man direkt heraus, wenn man mit ihm redet. Er hat einen süßen Akzent, zieht sich gut an – die Anzüge sehen für mein Empfinden maßgeschneidert aus – und er weiß sich zu benehmen.“

„Das ist toll, aber darauf kommt es nicht zuallererst an“, meinte Emma. „Die Frage ist doch: Was für Gefühle weckt er in dir?“

Darüber wollte Sophie am liebsten gar nicht nachdenken. Denn sie hatte sich selbst dazu verdonnert, nichts mehr zu fühlen. Automatisch griff sie nach einem Kissen und hielt es wie einen Schild vor sich ganz fest in den Armen. „Er gibt mir das Gefühl, sexy zu sein. Begehrt. Stark.“ Wo kamen all diese Worte her?

Während sie sprach, wusste sie genau, dass ihre Worte den Kern trafen. Denn das Gleiche hätte sie niemals über Harry sagen können. Mit ihm hatte sie sich niemals so gefühlt. Ganz andere Vokabeln verband sie mit dieser Beziehung: Verzweiflung, Unsicherheit, Schwäche, Bedürftigkeit …

Mutig setzte sie sich auf und sah Ashleigh fragend an. „Ich sollte gehen, oder?“

„Ja, du solltest definitiv verschwinden. Dieser Kerl ist ein Hauptgewinn!“

„Wer weiß, wohin das Ganze führt?“, schaltete sich Grace ein. „Sieh mich an! Ich bin für ein Abenteuer nach Schottland gereist und kam Hals über Kopf verliebt zurück. Also, tu es einfach!“

„Ich freue mich unendlich für dich, Grace“, begann Sophie. „Ich freue mich für euch alle. Aber glaubt mir, ich werde nicht mit einem Verlobungsring am Finger zurückkehren. Marco hat mir ziemlich deutlich zu verstehen gegeben, dass er an keiner Partnerschaft interessiert ist, und das passt mir relativ gut. Schließlich habe ich selbst noch eine Menge vor. Ich sollte meine Zeit in London auskosten. Ausgehen, mich verabreden.“

„Absolut richtig“, bestätigte Emma sie. „Das solltest du tun. Denn du hast es verdient. Und wir werden dich in jeder Hinsicht unterstützen. Und jetzt fährst du erst mal nach Venedig.“

4. KAPITEL

Während Sophie die Sicherheitskontrollen am Flughafen von Venedig absolvierte, redete sie sich permanent ein, dass sie ihr Leben in vollen Zügen genießen wollte. Sie war hin und her gerissen zwischen der Aufregung, endlich diese Stadt kennenzulernen und auch Marco wiederzusehen, und von der Furcht, die falsche Entscheidung getroffen zu haben.

Was, wenn Marco und sie sich nichts zu sagen hatten? Oder wenn seine Mutter sie nicht mochte?

Nein, diese negativen Gedanken gehörten zur alten Sophie. Die neue, lebenslustige Sophie ließ solche Überlegungen gar nicht zu und freute sich darauf, Marco endlich wiederzusehen. Seit Silvester hatte sie nicht mehr mit ihm geredet. Er war am Tag darauf aus London abgereist und hatte bloß versprochen, ihr ein Ticket am Flughafen zu hinterlegen und sie später auch in Venedig abzuholen.

Während sie die wartende Menge betrachtete, fiel ihr ein Schild auf, auf dem der Name Santoro stand. Es wurde von einem schlanken Mann in den Vierzigern hochgehalten, der eine Chauffeuruniform trug. Er begegnete ihrem Blick und lächelte. „Signorina Bradshaw?“ Sein Englisch hatte einen reizenden Akzent. „Signor Santoro bat mich, Sie abzuholen. Leider ist er selbst verhindert.“ Mit einer Verbeugung überreichte er ihr einen Umschlag, danach nahm er ihr geflissentlich das Gepäck ab.

Enttäuschung und Erleichterung fochten in ihrem Inneren einen Kampf aus. Die vergangenen Tage bei der Arbeit waren nicht gerade stressig gewesen und hatten ihr viel zu viel Zeit gegeben, ihre vorschnelle Entscheidung zu überdenken. Obwohl sie versucht hatte, endlich einmal das komplizierte Managementsystem ihrer Webseite zu verstehen, die sie immer noch nicht zum Laufen gebracht hatte. Stattdessen hatte sie oft ins Leere gestarrt und Angst davor gehabt, ihre Komfortzone zu verlassen und dem Leben eine Chance zu geben.

Der Briefumschlag war ziemlich dick, und Sophie nahm sich Zeit, das weiße Papier herauszuziehen und auseinanderzufalten. Die Zeilen darauf waren relativ knapp.

Sophie,

bitte akzeptiere meine ehrliche Entschuldigung, aber ich bin unvermeidlicherweise verhindert. Gianni wird dich zum Haus meiner Mutter bringen, und ich werde dich dort heute Abend zur Party treffen.

Bis später,

Marco

Kein Hinweis auf einen Kuss, das fiel ihr sofort auf. Und sie war enttäuscht.

Freundlich lächelte sie Gianni an. „Vielen Dank dafür, dass Sie mich abholen. Ich bin fertig, wann immer Sie soweit sind.“

Gianni führte sie aus dem Flughafen heraus, und kurz darauf fand Sophie sich auf einem Bootsanleger wieder.

„Hier entlang, bitte“, sagte Gianni und führte sie zu einem glänzenden, hölzernen Boot. Die vorderen Sitze waren durch eine hohe Windschutzscheibe von den rauen Elementen abgeschirmt.

„Darf ich vielleicht neben Ihnen sitzen?“, fragte Sophie eifrig. „Ich bin noch nie zuvor in Venedig gewesen.“

Prüfend betrachtete Gianni ihre Aufmachung. „Si, aber auf See kann es schnell kalt werden. Haben Sie einen Hut oder eine Mütze dabei?“

„Auch einen Schal und Handschuhe“, versicherte sie ihm und kletterte auf den Beifahrersitz. Wenn man das bei einem Boot überhaupt so nannte!

„Wohin fahren wir denn?“, erkundigte sie sich nach einer Weile, in der sie nur die einzigartige Aussicht genossen hatte. Der Italiener manövrierte das Boot geschickt zwischen all den zahllosen Fähren, Wassertaxis und Hotelbooten hindurch auf die atemberaubende Stadt zu.

Verwundert wandte sich Gianni ihr zu. „Zum Palazzo Santoro, natürlich. Signor Santoro hat mich darum gebeten, Sie dorthin zu bringen.“

Die Überraschung verschlug ihr die Sprache, und sie fragte erst weiter, als sie längst in den Canal Grande eingebogen waren. Der Anblick des berühmten Kanals kam ihr seltsam vertraut und doch neu vor.

„Zum Palazzo?“ Mit einer Hand krallte sie sich am Bootssitz fest. Von einem Palazzo hatte Marco nichts gesagt. Schon gar nicht, dass sich ein solcher direkt am Canal Grande befand. In ihrem Magen kribbelte es. Ein Mädchen aus den Vororten von Manchester gehörte doch überhaupt nicht hierher. Es sei denn, um Drinks zu servieren.

Sie hörte auf, darüber nachzudenken, als Gianni sie schließlich mitsamt ihrem Gepäck am Ufer absetzte. Zielstrebig ging er die steinernen Stufen zur Eingangstür eines cremefarbenen Hauses hinauf und klopfte an die hölzerne Tür, die ihm sogleich geöffnet wurde.

Dort stellte er Sophies Gepäck in den Vorflur und verabschiedete sich anschließend mit einem unsicheren Lächeln.

Die Tür führte in einen prachtvollen Korridor, dessen Decke mit Holz verkleidet war. Die Wände waren von Malereien bedeckt, und das Mobiliar wirkte geschmackvoll und original: angefangen bei den handgemachten Schnitzereien, über die kostbaren Kunstwerke bis hin zu den teuren Silberdekorationen.

Doch leider entdeckte sie keinerlei Anzeichen von Leben irgendwo. Zögernd betrat sie das Gebäude und erschrak fast zu Tode, als plötzlich eine ältere, grauhaarige Frau hinter der Tür auftauchte.

„Oh, hallo“, keuchte Sophie überrascht. „Ich meine: buongiorno.“ Nur mühsam kamen ihr die hastig auswendig gelernten italienischen Phrasen in den Kopf. „Mi chiamo … Sophie“, stotterte sie und ergänzte auf Englisch: „Marco erwartet mich hier. Gianni hat mich hergebracht. Der Fahrer … der Bootsmann … Sie kennen ihn?“ Du liebe Zeit. Ihre Erklärung klang mehr als dürftig. In was für einem Film war sie hier gelandet? Dies konnte alles auch ein Entführungsszenario sein – was wusste sie denn schon?

Hinter der Frau führten gleich zwei Freitreppen ins erste Obergeschoss, und im ersten Stock umrundete ein kunstvoll gestaltetes Geländer eine Galerie. Unten gab es gläserne Türen, die in einen Garten führten. Das Erdgeschoss war mit Sonnenlicht geflutet.

Die Frau antwortete ihr nicht. Stattdessen verbeugte sie sich langsam und nahm dann mühelos Sophies Gepäck an sich, als würde es nicht mehr wiegen als eine Feder.

Beeindruckt starrte Sophie die ältere Dame an, die ihr im Vorbeigehen entgegenbrummte: Hier entlang!“

Gehorsam folgte Sophie ihr durch die Flure und über die Treppen, die mit Portraits geschmückt waren.

Vor einer einfachen Holztür blieb die Frau stehen, stieß sie auf und bedeutete Sophie mit einer Handbewegung einzutreten.

Beeindruckt gehorchte Sophie und sah sich erstaunt um. Das Zimmer war riesig, doppelt so groß wie ihr Apartment in London, und die Panorama-Türen und – Fenster boten einen grandiosen Ausblick auf den Canal Grande. Und auf einen steinernen Balkon, der an ein Stück von Shakespeare erinnerte.

Venedig zeigte sich ihr wie ein lebendiges Bild.

Die Wände ihres Schlafzimmers waren hellblau gestrichen, und an der Decke befanden sich Fresken in Form von Engeln, die über das gigantische Himmelbett wachten, das in der Mitte des Raumes stand.

Eine schmale Tür führte in einen begehbaren Schrank, eine weitere in ein angrenzendes Badezimmer.

„Die Familie trifft sich um Punkt sechs Uhr im Empfangszimmer“, verkündete die fremde Lady und verschwand, nicht ohne die Tür hinter sich fest zu schließen.

Sophie blieb mitten im Raum stehen und fragte sich, wie sie es überstehen sollte, Leuten zu begegnen, die diesen Palast ihr Zuhause nannten.

„Atme tief ein!“, befahl sie sich selbst und drückte die Schultern durch, obwohl sie sich am liebsten in der hintersten Ecke des Kleiderschranks versteckt hätte. Denn wie es aussah, gehörte Marcos Familie tatsächlich dieses ganze verflixte Gebäude.

Und das bedeutete, die ominöse Party, von der er gesprochen hatte, würde riesig werden. Und sie kannte niemanden außer Marco, der bisher nicht einmal hier war und erst zur Feier erscheinen würde. Mit einem Stöhnen streckte sie sich auf dem Bett aus und starrte zu den Engeln an der Decke, in der verzweifelten Hoffnung auf himmlische Hilfe.

Autor

Jessica Gilmore

Jessica Gilmore hat in ihrem Leben schon die verschiedensten Jobs ausgeübt. Sie war zum Beispiel als Au Pair, Bücherverkäuferin und Marketing Managerin tätig und arbeitet inzwischen in einer Umweltorganisation in York, England. Hier lebt sie mit ihrem Ehemann, ihrer gemeinsamen Tochter und dem kuschligen Hund – Letzteren können die beiden...

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