Julia Herzensbrecher Band 72

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BODYGUARD MIT HERZ von CHRISTINE FLYNN

Jeff Parker kann sich Besseres vorstellen, als sich um die verwöhnte Senatorentochter zu kümmern. Doch dann stellt er fest, dass Tess gar nicht ist wie ihr Ruf, sondern die liebevollste Frau, die ihm je begegnet ist. Am liebsten möchte er sie für immer beschützen …

NUR DU WECKST MEIN VERLANGEN von SHARON KENDRICK

„Du bringst mich um den Verstand!“ Nie hätte Jay gedacht, dass sich hinter der kühlen Fassade von Model Keri Stevens eine so sinnliche Frau verbirgt. Wird sie sich auf eine Affäre einlassen – oder will sie mehr? Schließlich liebt Bodyguard Jay seine Freiheit über alles!

BESCHÜTZE MICH – LIEBE MICH! von REBECCA WINTERS

An seiner Seite fühlt Lacey sich wieder sicher: Chaz wird den Stalker finden, der sie und ihre dreijährige Tochter bedroht! Außerdem ist der ehemalige SEAL der erste Mann seit Langem, der in ihr echte Gefühle weckt. Aber warum nur will Chaz sich nicht zu ihr bekennen?


  • Erscheinungstag 11.07.2026
  • Bandnummer 72
  • ISBN / Artikelnummer 0824260072
  • Seitenanzahl 400

Leseprobe

Christine Flynn, Sharon Kendrick, Rebecca Winters

JULIA HERZENSBRECHER BAND 72

Christine Flynn

1. KAPITEL

Mit ihrem dreijährigen Sohn auf dem Arm verließ Tess Kendrick den Privatjet ihrer Großmutter und ging die Treppe zum Rollfeld hinunter. Als ihnen im heißen Sommerwind von Virginia der ohrenbetäubende Turbinenlärm entgegenschlug, vergrub der kleine Mikey den Kopf an der Schulter seiner Mutter.

Am Fuß der Treppe verbeugte sich ein Mann aus dem Sicherheitsdienst ihrer Großmutter respektvoll vor Tess, während ein uniformierter Steward ihr Gepäck in dem bereitstehenden schwarzen Lincoln SUV verstaute.

Ein gutes Jahr war vergangen, seit ihr Scheidungsskandal sie ins Exil gezwungen hatte. Auch wenn dieses Exil ein Königspalast am Mittelmeer war, wo ihre Großmutter mütterlicherseits sie und Mikey jederzeit herzlich willkommen hieß, hatte Tess es nicht länger in diesem goldenen Käfig ausgehalten.

Einsamkeit, Heimweh und der Wunsch nach einem eigenständigen Leben hatten sie nun nach Camelot, Virginia, zurückgebracht. Hier lag das Anwesen ihrer Familie etwas außerhalb der pittoresken kleinen Stadt. Es war der Ort, wo sie geboren und aufgewachsen war und wo ihre Eltern heute noch lebten. Vor allem aber war es ihr Zuhause.

„Brauchen Sie Hilfe mit dem Kind, Ma’am?“

„Danke, es geht schon.“ Sie hob den flachsblonden Jungen ein Stückchen höher auf ihre Hüfte und rückte sich die übergroße Schultertasche auf der anderen Seite zurecht. Ihre Nervosität war ihrem freundlichen Lächeln nicht anzusehen. „Und vielen Dank für die Begleitung. Sie waren alle sehr freundlich.“

Der ernste Mann mit dem starken französischen Akzent verneigte sich ehrerbietig. „Es war uns ein Vergnügen, Ma’am. Ich bringe Sie zum Wagen.“ Er ließ sie vorgehen, ohne ihr Lächeln erwidert zu haben.

Beinahe kam es Tess so vor, als wäre ihm in seiner Stellung jede Gefühlsregung untersagt. Schon als Kind, wenn sie mit ihren Geschwistern ihre Großmutter besucht hatte, war ihr aufgefallen, dass ein Lächeln offenbar nur den engsten Bediensteten der königlichen Familie erlaubt war. Sosehr Tess ihre Großmutter auch liebte, die Formalitäten im Palast hatten ihr nie gefallen.

Ihr Sohn hatte unter der strengen Etikette allerdings nicht gelitten. Der Junge hatte in der Zeit, bevor sie mehr oder weniger gezwungenermaßen das Land verlassen hatten, weitaus mehr Unterdrückung erfahren als im Palast, und das von seinem eigenen Vater, ihrem Exmann.

Unwillkürlich drückte Tess ihren Sohn fester an sich, als sie auf den wartenden Wagen zuging. Sie wollte jetzt ein Haus kaufen und ihre Arbeit in der Kendrick Foundation fortsetzen. Vor allem aber wollte sie die letzten Jahre vergessen, in denen ihr Prinz sich in einen Frosch verwandelt und ihren Ruf von Grund auf zerstört hatte.

Leider gab es keine Möglichkeit, den Lügen ihres Exmannes entgegenzutreten, ohne dadurch noch größeren Schaden am eigenen Ruf anzurichten. Ihr blieb nur die Hoffnung, dass die Menschen sie so in Erinnerung hatten, wie sie sie von früher kannten, und nicht so, wie ihr Exmann sie dargestellt hatte. Sicher würde mit der Zeit etwas Gras über ihre Scheidung gewachsen sein.

Die Wahrheit über ihre Ehe mit Bradley Michael Ashworth III. kannte außer Tess jedoch niemand. Sie war so erzogen, dass sie mit niemandem über Dinge sprach, für die sich die Klatschpresse interessieren könnte. Nicht einmal ihre Familie hatte von den Schwierigkeiten in ihrer Ehe erfahren. Sie wussten nur, dass Brad angekündigt hatte, die Scheidung in aller Öffentlichkeit auszutragen, wenn Tess nicht bereit gewesen wäre, die Schuld am Scheitern der Ehe auf sich zu nehmen.

Die Scheidung hatte sich trotzdem zum öffentlichen Skandal ausgeweitet. Allerdings wussten ihre Eltern nicht, dass Tess Brads Wünschen nur entsprochen hatte, weil er sie mit Fotos erpresst hatte, die ihren Vater mit einer anderen Frau zeigten. Wären diese Fotos an die Presse gelangt, hätte es einen noch größeren Skandal gegeben. Ganz davon zu schweigen, dass es ihrer Mutter das Herz gebrochen hätte.

Der Wind wehte ihr eine Haarsträhne ins Gesicht. Tess lächelte ihren Sohn an, als sie sich die Strähne hinters Ohr schob. Wenigstens brauchte sie nicht zu befürchten, dass sie Brad hier begegnete. Er kümmerte sich um den Immobilienbesitz seiner Familie in Florida. Überhaupt war jetzt Ferienzeit, sodass ihr vorerst kaum Bekannte über den Weg laufen würden.

Als sie den Wagen erreichte, betrachtete sie den Mann, der ihr die Tür aufhielt und nur aus Muskeln und Testosteron zu bestehen schien. Er war gut eins neunzig groß, hatte breite Schultern, schmale Hüften, trug einen dunklen Anzug mit Krawatte und strahlte Autorität aus. Seine Augen waren hinter der schwarzen Sonnenbrille verborgen, aber Tess wusste, dass er nicht sie ansah, sondern nach potenziellen Gefahren Ausschau hielt.

Er war ihr Bodyguard von Bennington’s, dem Sicherheitsdienst der Familie. Die Frau, die Tess eigentlich angefordert hatte, eine ehemalige Geheimdienstagentin, die sie schon zu Highschoolzeiten begleitet hatte, war erst in zwei Wochen verfügbar. So lange würde sie sich mit diesem Muskelberg mit dem rasierten Kopf und der Statur eines Footballspielers arrangieren müssen. Er war ihr von ihrem Bruder Cord empfohlen worden.

Tess kannte Jeffrey Parker von Fotos, die Bennington’s ihr gemailt hatte, und wusste bereits, dass er umwerfend gut aussah. Doch das interessierte sie im Moment weniger als sein hervorragender Ruf. Als Senatorenkinder waren sie und ihre Geschwister daran gewöhnt, von Paparazzi verfolgt zu werden. Doch sie war nie so gnadenlos gejagt worden wie in der Zeit, bevor sie letztes Jahr das Land verlassen hatte. Spätestens seit damals wusste sie einen guten Bodyguard zu schätzen.

Cord hatte ihr versichert, dass sie keinen besseren bekommen konnte als den Mann, den er Bull nannte.

Kaum hatte er die Wagentür hinter ihr zugeklappt, erschien er auch schon auf der gegenüberliegenden Seite, um ihren Sohn im Kindersitz anzuschnallen. Ihr Bodyguard griff im selben Moment zum Sicherheitsgurt wie sie selbst. Als sie plötzlich seine Hand auf ihrer spürte, blickte sie zu ihm hoch.

Da er die Sonnenbrille auf die Stirn geschoben hatte, sah sie ihm in die Augen. Auf seinem Datenblatt war seine Augenfarbe mit blau angegeben. Diese schlichte Information beschrieb bei Weitem nicht das ungewöhnlich klare und intensive Blau seiner Augen.

„Wir schaffen das schon allein“, sagte Tess.

„Lassen Sie mich das machen, Ma’am.“

„Wirklich, wir …“

„Wir fahren nirgendwohin, bis ich mich nicht selbst überzeugt habe, dass das Kind sicher ist. Sie sagten, Sie wollen so wenig Aufsehen erregen wie möglich. Je eher Sie mich meine Arbeit machen lassen, desto schneller sind wir hier weg.“

Er hatte seine Hand nicht weggenommen und schien es auch nicht vorzuhaben. Also zog Tess schließlich ihre Hand weg und lehnte sich zurück.

Warum dieser Mann so handelte, war ihr klar. Er tat das, worum sie ihn gebeten hatte, indem er dafür sorgte, dass ihre Ankunft so diskret wie möglich ablief. Warum sie aber beim Kontakt mit seiner Hand eine Hitze verspürt hatte, dass sie meinte, ihre Wangen müssten glühen, dafür hatte sie keine Erklärung parat. Wahrscheinlich war es nur eine Überreaktion ihrer gereizten Nerven.

„Wie fühlt sich das an, kleiner Mann?“ Parker lächelte ihren Sohn an, der ihn aus weit aufgerissenen Augen anstarrte. „Zu fest?“

Mikey schüttelte den Kopf und musterte ihn weiter. Parkers Haar war so kurz geschoren, dass die Farbe unmöglich zu bestimmen war, aber seine Augenbrauen und dichten Wimpern waren dunkel. Irgendetwas an seinem warmherzigen und freundlichen Lächeln veranlasste Mikey zu einer schüchternen Erwiderung.

Auf Fremde reagierte der Junge sonst eher zurückhaltend. Vor allem auf die Wachen im Palast, diese großen, fremden Männer, die ihn ohnehin ignoriert hatten.

Parker ließ den Gurtverschluss einrasten und schloss die Wagentür. Er stellte das Gepäck, das nicht mehr in den Kofferraum passte, auf den Beifahrersitz und setzte sich ans Steuer. Offensichtlich hatte ihr Wunsch, möglichst wenig der Öffentlichkeit ausgesetzt zu sein, für ihn oberste Priorität, denn erst jetzt nahm er sich die Zeit, sich vorzustellen.

Er blickte Tess im Rückspiegel an. „Ich bin Jeff Parker, Miss Kendrick. Nennen Sie mich einfach Parker. Soweit ich informiert bin, möchten Sie direkt zu Ihrem Familienanwesen. Bleibt es dabei?“

Eben noch ein warmherziges Lächeln für ihren Sohn und nun perfekte Professionalität. Im Stillen gab Tess ihrem Bruder recht. Dieser Mann konnte ziemlich einschüchternd wirken. Sie setzte ein entschlossenes Lächeln auf. „Sie wissen, wie Sie dorthin kommen?“

„Sicher, Miss Kendrick.“

Er kannte nicht nur den Weg zu dem Grundstück nahe der Kleinstadt Camelot, sondern wusste auch über Theresa Amelia Kendrick, ehemals Theresa Amelia Kendrick Ashworth alles, was im Internet und in den Bennington’s-Akten über sie verfügbar war. Wie immer hatte er sich umfassend über seine Klienten informiert, bevor er einen Auftrag übernahm.

Dass sie nicht in Richmond, dem nächstgelegenen internationalen Flughafen gelandet war, sondern auf dem kleinen Regionalflughafen für Privatjets und Kleinflugzeuge, erleichterte seine Aufgabe erheblich. Ihre Ankunft hatte keinerlei Aufsehen erregt, auch wenn das königsblaue Wappen von Luzandria auf dem Jet weithin sichtbar war. Fast jeder in Amerika wusste, dass Luzandria das Land war, das Katherine Kendrick eines Tages regiert hätte, wenn sie nicht als junge Frau den damaligen Senator William Kendrick geheiratet und auf die Krone verzichtet hätte. Doch die Maschine blieb nicht lange genug, um besondere Beachtung zu finden. Sie würde nach dem Betanken unverzüglich den Rückflug nach Europa antreten.

Parker war sicher, dass die Ankunft seiner Klientin geheim geblieben war. Nachdem er das Flughafengelände über eine Nebenstraße verlassen hatte, warf er einen Blick in den Rückspiegel.

Tess Kendrick strich ihrem Sohn über das blonde Haar, während sie leise mit ihm redete.

Sie war größer, als Parker es sich vorgestellt hatte, und auch schlanker. Irgendwie wirkte sie auf ihn zerbrechlicher als auf den Fotos. Aber Fotos konnten leicht täuschen, besonders die von reichen und verwöhnten Menschen. Verwöhnt war sie zweifellos. Man sah es an ihren gepflegten Haaren und den perfekt manikürten Händen. Mit dem weißen Designer-Hosenanzug, der für einen Transatlantikflug gänzlich ungeeignet schien, demonstrierte sie förmlich, wie viel Zeit und Geld sie für ihre Pflege übrig hatte.

Ihr brünettes Haar war im Nacken mit einer Spange zusammengehalten, was das fein geschnittene Gesicht betonte. Sie trug mehrere Goldketten von unterschiedlicher Länge. Die längste verschwand im tiefen V-Ausschnitt ihres Jacketts.

Parker ignorierte die leichte Erregung, die er bei diesem Anblick empfand. Er sah wieder nach vorn auf die Straße. Schon vorhin, als er ihre Hand gespürt hatte, war er von seinen heftigen Reaktionen überrascht worden. Aber er hatte sie als eine einfache Körperreaktion auf eine schöne Frau abgetan. Auf eine verwöhnte Frau, die zehn Jahre jünger war als er mit seinen sechsunddreißig Jahren, wie er sich in Erinnerung rief.

Bis auf ihre sinnliche Ausstrahlung beeindruckte ihn seine neue Klientin in keiner Weise.

Nach allem, was er gehört hatte, war ihr Ehemann genauso fassungslos gewesen wie der Rest der Welt, als sie plötzlich die Scheidung einreichte und mit ihrem gemeinsamen Sohn das Land verließ. Niemand hatte eine plausible Erklärung dafür. Selbst ihre Freundinnen, die sie zum Teil seit ihrer Schulzeit kannten, hatten nicht mehr über sie sagen können, als dass Tess in ihrer Ehe nicht mehr ganz so glücklich gewirkt hatte wie früher. Tess selbst hatte sich öffentlich nicht zu ihrer Scheidung geäußert. Sie hatte alle Erklärungsversuche ihrem Exmann überlassen.

Dieser hatte in einigen Interviews vor dem Gerichtssaal zögerlich zugegeben, seine Frau habe ihm gesagt, sie langweile sich in der Ehe und könne sich nicht vorstellen, nur mit einem Mann glücklich zu werden.

Ein Mann, der mit so einer Frau verheiratet war, musste einem einfach leidtun.

Parker hatte Respekt vor der Ehe, ohne dass er diese Lebensform für sich selbst in Betracht zog. Er war mit seinem Beruf verheiratet. Und dieser Beruf passte nun einmal nicht zu einem Ehemann und Vater. Ein Vater sollte für seine Kinder da sein, Parker aber wusste nie genau, wo er sich am nächsten Tag aufhalten würde. Die Frau auf dem Rücksitz hatte bei ihrer Eheschließung ein Versprechen gegeben, das sie jetzt gebrochen hatte. Aus Langeweile, wie er sich mit einem unmerklichen Kopfschütteln in Erinnerung rief. Sie hatte einem Mann den Sohn weggenommen und ihn mit ihrem Verhalten öffentlich gedemütigt. Auch das fand Parker alles andere als bewundernswert.

Es ist aber auch nicht mein Job, sie zu mögen, ermahnte er sich. Solange er seine Kollegin vertrat, hatte er Tess Kendrick als Fahrer und Bodyguard zur Verfügung zu stehen. Er musste sie vor Reportern oder anderen aufdringlichen Personen schützen. Und in seiner Freizeit bereitete er die Sicherheitsmaßnahmen für eine bevorstehende Juristenkonferenz vor und blieb per Handy in Verbindung mit dem Einsatzteam, dessen Leitung er kürzlich übernommen hatte.

Mit all den Aufgaben, die er zurzeit bewältigen musste, hätte Parker diesen zusätzlichen Auftrag gar nicht übernommen, wenn Cord Kendrick bei Bennington’s nicht ausdrücklich um ihn gebeten hätte.

Die Fahrt vom Flughafen dauerte keine zehn Minuten. Sie führte durch Korn- und Erdnussfelder und endete in einem bewaldeten Villenviertel, in dem die meisten Häuser von der Straße aus nicht zu sehen waren. Auch die Kendrick-Villa lag auf einem nicht einsehbaren Grundstück.

Als Parker vor dem eisernen Tor anhielt, beugte Tess sich vor. „24, 16, 57.“

Er tippte den Code ein und wartete, bis sich die Tore geöffnet hatten. Dann fuhr er langsam die alleeähnliche Zufahrt entlang. Unter dem Blätterdach spürte man förmlich die wohltuende Frische des Schattens. Nach einer Biegung kam das dreistöckige Herrenhaus mit einem beeindruckenden Säulengang in Sicht. Davor erstreckte sich eine gepflegte Rasenfläche, in deren Mitte eine Fontäne sprudelte.

Durch seine Arbeit war Parker an ein gewisses Maß an Extravaganz gewöhnt. Seine Kunden wollten auf ihren Yachten, in Luxushotels oder auf ihrem riesigen Grundbesitz beschützt werden. Was ihn dabei am meisten beeindruckte, waren die vielen Angestellten, die zum Erhalt solcher Anwesen notwendig waren.

Diese Angestellten erwartete er nun zu sehen, als er im Säulengang anhielt. Doch die hohen Doppeltüren blieben verschlossen.

Er stieg aus und öffnete Tess und Mikey die Tür.

Als er den schlafenden Jungen herausheben wollte, wehrte Tess ab.

„Ich trage ihn schon“, sagte sie. „Wenn Sie vielleicht die Koffer nehmen würden. Hier ist mein Hausschlüssel.“ Sie hielt ihm ein Schlüsselbund hin. „Der silberne ist für die Haustür.“

Während Parker noch darüber nachdachte, wie merkwürdig es war, dass sie offenbar von niemandem erwartet wurden, half er Tess beim Aussteigen.

Sie bedankte sich, ging mit ihrem Sohn auf dem Arm zum Kofferraum und wartete darauf, dass Parker die Haube öffnete.

Er tat ihr den Gefallen und gab ihr den blauen Harry-Potter-Rucksack für ihren Jungen. Da er nicht wusste, wie er ihr sagen sollte, dass er nicht als Butler engagiert war, nahm er vier Koffer, klemmte unter jeden Arm zwei und ging damit die Treppe zur Haustür hinauf. Er schloss auf, nahm wieder das Gepäck und folgte ihr ins Innere des Hauses.

„Lassen Sie die Koffer hier im Foyer stehen, und kommen Sie bitte mit.“ Um das Kind nicht aufzuwecken, sprach sie leise und wartete auch Parkers Antwort nicht ab.

Sie durchquerten die Eingangshalle in Richtung der geschwungenen Doppeltreppe, vorbei an einem runden Tisch in der Mitte, über dem zwei Stockwerke höher ein Kristallkronleuchter hing. Im Vorbeigehen warf Parker einen Blick in die Zimmer, deren Türen offen standen. Sämtliche Vorhänge waren zugezogen, die meisten Möbel mit Tüchern verhüllt. Was ihm aber am meisten auffiel, war die gespenstische Stille im Haus, die vermuten ließ, dass es unbewohnt war.

Während er seiner Auftraggeberin folgte, begann er zu ahnen, dass dieser Job vielleicht komplizierter werden würde, als er bisher geglaubt hatte.

Sie verließen die Halle durch eine Tür unterhalb der Treppe und befanden sich nun im Personalflügel, was sich an der einfachen und zweckmäßigen Möblierung unschwer erkennen ließ. Er folgte Tess in ein geräumiges Zimmer. Auf der einen Seite standen ein Doppelbett und eine Kommode, auf der anderen ein kleiner Schreibtisch und eine Sitzecke.

Wortlos legte sie den Jungen auf das Sofa, zog ihm die Schuhe aus und deckte ihn mit einer Decke zu, die sie aus seinem Rucksack nahm. Als er sich rekelte, strich sie ihm beruhigend über den Kopf.

Ihr fürsorglicher Umgang mit dem Kind überraschte Parker. Er hatte sie nicht für einen mütterlichen Typ gehalten. Noch mehr aber wunderte er sich über ihr unbehagliches Lächeln, mit dem sie an ihm vorbei in die Küche ging.

Sie schaltete das Licht an und drehte sich zu ihm um. „Sie können das Zimmer benutzen, wo Mikey jetzt schläft. Es gehört unserer Haushälterin“, erklärte sie höflich. „Rose ist den Sommer über bei meinen Eltern in den Hamptons. Das übrige Personal hat auch Urlaub. Im Moment halten sich nur der Stallmeister und seine Frau auf dem Gelände auf. Sie wohnen über den Ställen. Und der Gärtner. Er lebt in dem Cottage unten am See. Rose hat ein eigenes Bad. Sie dürfen aber auch gern den Pool und den Fitnessraum benutzen.“

Tess beobachtete ihn, wie er ihr mit emotionsloser Miene zuhörte und gleichzeitig alle Einzelheiten im Raum aufnahm, einschließlich des angrenzenden Wirtschaftsraums mit Hinterausgang. Sie war sicher, dass seinem prüfenden Blick nichts entging, auch wenn seine Mimik nichts über seine Gedanken verriet.

Dieser Mann machte sie nervös. Die Anstrengungen der Reise und ihre Müdigkeit verstärkten ihre Verunsicherung noch zusätzlich. Aber sie war von klein auf dazu erzogen, in jeder Situation Haltung zu bewahren. Sie würde sich auch von diesem Muskelprotz und seinem Schweigen nicht aus der Fassung bringen lassen.

„Ich nehme an, Sie haben Ihre Hausaufgaben gemacht“, begann sie, während sie sich zur Seite drehte. „Sie wissen sicherlich, was über mich geredet wurde, bevor ich das Land verlassen habe.“

Sie drehte sich wieder zu ihm und schaute ihm in die verwirrend blauen Augen. Er stand im Eingang. Mit der rechten Hand hielt er sein linkes Handgelenk umfasst.

„Das meiste, ja“, bestätigte er.

Tess wollte sich lieber nicht vorstellen, was er von all dem Schmutz dachte, und sie wollte auch gar nicht darauf eingehen, denn sie brauchte ihn als Bodyguard an ihrer Seite. Und was noch wichtiger war, sie brauchte ihn als Verbündeten.

„Sie wissen ja, dass die Presse gern die Tatsachen verdreht und für ihre Zwecke ausschlachtet. Das gilt auch in meinem Fall.“ Sie verschränkte die Arme und lehnte sich gegen die Kochinsel.

Bevor er sie fragen konnte, warum sie die Meldungen nicht dementiert hatte, fuhr sie fort: „Mein Bruder sagte, ich könne Ihnen vertrauen. Abgesehen von meiner Familie kenne ich niemanden mehr, zu dem ich Vertrauen habe. Also habe ich mich auf das Urteil meines Bruders verlassen. Er sagte auch, dass Sie für nahezu alles zu haben seien.“

Sie sah, dass er ganz leicht eine Augenbraue hob. Das war seine einzige Reaktion.

„Ich wollte meine Pläne nicht am Telefon erklären, aber ich möchte, dass Sie ein paar Dinge für mich erledigen. Hoffentlich macht Ihnen das nichts aus.“

Parker hatte im Laufe der Jahre gelernt, auf Menschen und Situationen vorbereitet zu sein. Überraschungen erlebte er nur selten. Aber mit so viel Offenheit hatte er nicht gerechnet. Diese Frau stand da und strahlte mit ihrem hoffnungsvollen Lächeln eine Art von Einsamkeit aus, die er selbst nur allzu gut kannte.

Er verdrängte diesen unerwünschten Gedanken und musterte Tess eindringlich. „Sie können Ihrem Bruder glauben. Bei mir sind Sie absolut sicher. Allerdings weiß ich nicht, ob er Sie mit seiner Beschreibung über mich nicht doch etwas irregeführt hat.“ Wenn die Situation es erlaubte, amüsierte er sich auch gern mal. Aber er bezweifelte, dass Cords kleine Schwester nach einer guten Pokerrunde Ausschau hielt oder ihn als Begleitung in Nachtclubs brauchte. Auf derartige Neigungen hatte er keinerlei Hinweise gefunden. „Ich halte mich an die Regeln, Miss Kendrick, und arbeite immer im Rahmen der Legalität.“

Sie sah ihn entsetzt an. „Ich würde nie etwas Illegales von Ihnen verlangen.“

„Dann sagen Sie mir doch bitte, worum es geht.“

„Termine vereinbaren, Besorgungen machen.“ Sie zuckte mit den Schultern, als ginge es um Belanglosigkeiten. „Vielleicht mal auf Mikey aufpassen. Aber höchstens für ein paar Minuten. Und auch nur, wenn es gar nicht anders geht“, fügte sie hastig hinzu.

Parker unterdrückte ein Stöhnen. Er war ihr Bodyguard und nicht ihr persönlicher Sklave. Und erst recht kein Babysitter. „Bei allem Respekt, Miss Kendrick, aber meine Aufgaben sind in dem Vertrag mit Bennington’s klar definiert. Ich sorge für Ihre Sicherheit, im privaten Bereich und in der Öffentlichkeit. Wenn Sie einen persönlichen Assistenten brauchen, müssen Sie jemanden einstellen. Dasselbe gilt für ein Kindermädchen.“

Er beobachtete sie, wie sie sich eine Haarsträhne aus dem perfekt geschminkten Gesicht strich. Unwillkürlich wanderte sein Blick zum V-Ausschnitt ihres Seidenjacketts. Ein verführerischer Anblick.

Dass Tess Kendrick es gewohnt war, ihren Willen durchzusetzen, verriet schon allein ihre Erscheinung und ihre Körperhaltung. Doch die erwartete Offensive blieb aus.

„Das ist ja mein Problem“, sagte sie fast entschuldigend. „Wenn ich nur wüsste, wen ich einstellen … wem ich vertrauen kann.“ Sie zuckte die Achseln. „Ich möchte meinen Aufenthalt hier noch möglichst lange geheim halten. Sobald die Presse davon erfährt, fangen die Spekulationen wieder von vorn an.“

Nun sah sie ihn fast flehend an. „Ich möchte doch nur, dass Sie mir beim Kauf eines Hauses helfen. Wenn ich mich selbst darum kümmere, wird sofort bekannt, dass ich wieder hier bin. Aber wenn Sie die Termine abmachen und bei der Besichtigung vielleicht als Interessent auftreten …“ Sie ließ den Satz im Raum stehen. „Sobald ich etwas Passendes für Mikey und mich gefunden habe, übergebe ich die Sache unseren Anwälten. Und dann brauche ich noch ein Auto“, fiel ihr ein, als sie im Geiste ihre To-do-Liste durchging.

„Was ist mit Ihren Brüdern?“, fragte Parker. „Können die Ihnen nicht helfen?“

„Gabe hat keine Zeit.“ Ihr ältester Bruder war Gouverneur in Virginia. Tess wollte ihn aber vor allem deshalb nicht um Hilfe bitten, weil der Presserummel um ihre Scheidung seinem Ruf ohnehin schon geschadet hatte.

„Und Cord?“

„Cord ist mit seiner Frau segeln. In den Florida Keys“, fügte sie hinzu, um zu unterstreichen, dass er keinesfalls verfügbar war. „Ich würde ja meine Schwester fragen, aber sie wohnt über eine Stunde entfernt und hat zwei kleine Kinder. Abgesehen davon würden wir zu zweit auch zu viel Aufsehen erregen.“

Die beiden Kendrick-Schwestern zusammen in der Öffentlichkeit, das wäre allerdings eine Einladung für die Klatschreporter, dachte Parker.

„Es würde auch nicht lange dauern“, versuchte sie ihn zu überreden. „Ich muss umgezogen sein, bevor meine Eltern zurückkommen.“ Damit blieben ihr etwa sechs Wochen.

„Wissen Sie, wie lange es dauern kann, bis man das Richtige gefunden hat?“, fragte er skeptisch.

„Nein. Aber ich möchte nicht mit meinen Eltern hier in diesem Haus leben. Vor allem nicht mit meinem Vater“, fügte sie leise hinzu. „Notfalls muss ich eben erst mal etwas mieten.“

Der Gedanke an ihren Vater machte die Sache für sie noch dringlicher. Sie konnte sich nicht vorstellen, ihm täglich zu begegnen. Die Fotos, die Brad ihr gezeigt hatte, taten immer noch ihre Wirkung.

Tess wusste nicht, welches Gefühl stärker war, Enttäuschung oder Wut darüber, dass ihr Vater ihre Mutter hintergangen hatte. Solange sie sich niemandem anvertrauen konnte, würde sie diese Gefühle weiterhin verdrängen müssen und ihre Energie darauf verwenden, die Vergangenheit hinter sich zu lassen.

Parkers Schweigen war wenig ermutigend.

„Ich zahle Ihnen, was immer Sie verlangen.“

Er schwieg, weil er die Anspannung spürte und auch die Angst, die sie mit ihrer routinierten Gelassenheit zu überspielen versuchte. Als sie von ihrem Vater gesprochen hatte, meinte er neben Verlegenheit und Unbehagen noch etwas anderes in ihrem Gesicht gelesen zu haben: Kränkung.

Und genau das hatte sein Mitgefühl erweckt. Er wusste, was es bedeutete, die Anerkennung durch den Vater zu verlieren. Sein eigener Vater hatte kaum mehr mit ihm geredet, seit Parker vor fünf Jahren die US Marines verlassen hatte. Allerdings war sein Vater ein Drei-Sterne-General, für den es im Leben nichts anderes gab als das Militär. Und nur in der Phase, als sein Sohn auch beim Militär war, hatte er für ihn ein bisschen Zeit gehabt.

Der Gedanke an seinen Vater ließ einen alten Groll in ihm aufleben. Parker verdrängte diese Gefühle. Es gefiel ihm nicht, dass diese Frau ihn daran erinnert hatte. Noch weniger gefiel ihm, dass sie ihn derart ablenken konnte. Kaum hatte sie aufgehört zu sprechen, war er nicht mehr bei der Sache, sondern dachte an die Einsamkeit, die er seit dem Tod seiner Schwester empfand. Das alles hatte nichts mit der Bitte zu tun, die Tess an ihn gerichtet hatte.

Schritte, die sich draußen dem Hintereingang näherten, brachten ihn in Sekundenschnelle in die Gegenwart zurück. Mit einem Satz versperrte er den Durchgang zum Wirtschaftsraum, kurz bevor die Tür aufging.

2. KAPITEL

Tess hörte die Tür aufgehen und gleich darauf eine Frau erschrocken aufschreien. Im selben Moment fiel etwas auf den Boden.

Da ihr Bodyguard ihr die Sicht versperrte, konnte sie nur ahnen, wer dort im Türeingang stand. Sie versuchte, an Parker vorbeizuschauen, und sah ihre Vermutung bestätigt.

Ina Yeager, das Dienstmädchen ihrer Mutter, hielt sich erschrocken die Hand auf die Brust und umklammerte mit dem anderen Arm krampfhaft ihre Einkaufstüte.

Tess drängte sich an Parker vorbei. „Alles in Ordnung. Ina, das ist Mr. Parker, mein Fahrer und Bodyguard“, erklärte sie. „Er bleibt für ein paar Wochen hier.“

Dann wandte sie sich an Parker, der die Szene immer noch angespannt beobachtete. Irgendwann würde sie ihm erklären müssen, dass sie im Haus nichts zu befürchten hatte und ihn eigentlich nur in der Öffentlichkeit brauchte. „Ina gehört zum Personal.“ Sie bückte sich, um einen aus der Tüte gerollten Apfel aufzuheben. „Sie ist die Frau des Stallmeisters.“

Als die schwarzhaarige Frau sah, dass Tess auch noch einen Salat und eine Zwiebel aufheben wollte, bückte sie sich eilig, um ihr zuvorzukommen. „Es tut mir leid, Tess. Ich dachte, Sie wären noch im Foyer. Eddy ist nach vorn gegangen, um Ihnen mit dem Gepäck zu helfen.“

„Er kann es im Foyer stehen lassen.“

„Gut, ich sage es ihm.“

Ina blickte verstohlen zu Parker. Ihr Blick wanderte von seinen glänzenden schwarzen Schuhen über seine langen Beine und die ungeheuer breiten Schultern bis zu seinem energischen Kinn. Hastig hob sie noch die Bananen auf und wandte sich wieder Tess zu.

„Ihre Mutter hat angerufen und Bescheid gesagt, dass Sie kommen. Ich wollte nur den Kühlschrank auffüllen.“

Inas Tennisschuhe quietschten leise, als sie in der Küche hin und her lief und mit flinken Bewegungen die Lebensmittel wegräumte. „Wenn Sie mir Ihren Speiseplan für die Woche geben, kaufe ich morgen auf dem Markt alles ein.“

Es entging Tess nicht, dass Ina immer wieder einen verstohlenen Blick auf Parker warf, der sie die ganze Zeit schweigend beobachtete. Einige dieser Blicke waren aber auch auf Tess gerichtet. Kein Wunder, dachte sie. Schließlich hatte sie für endlose Spekulationen und Klatsch unter dem Personal gesorgt. Natürlich war Ina neugierig auf sie und machte sich Gedanken über ihre Rückkehr.

„Ich koche für Sie, solange Olivia bei Ihren Eltern ist. Wohnen Sie in Ihrem alten Zimmer?“

„Ja, mit Mikey zusammen.“ Aber ich kümmere mich selbst um alles, hätte sie hinzugefügt, wenn Ina ihr nicht ins Wort gefallen wäre.

„Ich mache es gleich zurecht, wenn ich hier fertig bin.“ Mit einem kurzen Seitenblick auf den unnahbaren Bodyguard, fragte sie leise: „Welches Zimmer wollen Sie für Mr. Parker? Es gibt noch ein freies Zimmer im Personalflügel, aber das ist nicht sehr groß und hat auch nur ein kleines Einzelbett.“

„Ich denke, Roses Zimmer wäre am besten. Ich habe es ihm auch schon gezeigt.“ Es war das einzige Zimmer im Personalflügel mit einem Doppelbett, das groß genug für Parker erschien.

Falls Ina irgendwelche Vorbehalte hatte, dass ein anderer Angestellter im Zimmer ihrer Chefin untergebracht war, ließ sie es sich nicht anmerken. „Ich lege frische Handtücher ins Bad.“

„Sagen Sie mir einfach, wo ich die Handtücher finde. Dann kümmere ich mich selbst darum.“

Ina öffnete den Mund und klappte ihn gleich wieder zu. Sie runzelte die Stirn und glaubte, sich verhört zu haben. „Ich muss sowieso alles herrichten. Seit Ihre Eltern vor einem Monat abgereist sind, ist hier nichts gemacht worden. Ich muss Staub wischen. Und Sie wollen doch sicher frische Blumen …“

Tess schüttelte den Kopf. „Vergessen Sie das alles. Sie sollen in Ihrem Urlaub nicht auf mich Rücksicht nehmen müssen. Tun Sie einfach so, als wären wir nicht da. Und bitte“, fügte sie hinzu, „sagen Sie niemandem, dass ich wieder hier bin. Ich meine, niemandem außerhalb des Hauses. Sie haben doch auf dem Markt nichts erzählt?“

„Kein Wort“, bekräftigte Ina. „Ihre Mutter hatte uns bereits um Diskretion gebeten. Eddy und Jackson wissen auch Bescheid.“ Dann runzelte sie verwirrt die Stirn. „Aber sie hat extra darum gebeten, dass ich Ihnen zur Verfügung …“

„Und ich bitte Sie, es zu vergessen.“

Tess hatte in den letzten Jahren erkannt, wie sehr sie ihre persönliche Freiheit aufgab, wenn sie sich im Alltag alles abnehmen ließ. Es wurde Zeit, dass sie lernte, für sich und ihren Sohn selbst zu sorgen.

„Ich brauche etwas Zeit für mich allein. Für mich und meinen Sohn“, versuchte sie Ina zu beruhigen. „Und wenn ich doch einmal Ihre Hilfe brauche, rufe ich Sie, okay?“

Ina sah sie zweifelnd an. „Sind Sie sicher?“

„Ganz bestimmt. Genießen Sie Ihren Urlaub.“

Ina schien immer noch mit sich zu ringen, gab aber schließlich nach. „Also gut. Dann sage ich jetzt Eddy Bescheid, dass er das Gepäck im Foyer lassen soll.“ Sie zögerte. „Wir können es aber auch nach oben bringen.“

„Danke, Ina, es ist wirklich nicht nötig. Aber zeigen Sie mir bitte noch, wo ich die Handtücher finde.“

Ina führte sie zum Wäscheschrank im Waschraum. Dann verschwand sie durch das Frühstückszimmer und das angrenzende Esszimmer im Foyer. Kurz darauf sah Tess sie zusammen mit ihrem Mann unter dem Küchenfenster entlanggehen.

„Können Sie ihr trauen?“, fragte Parker.

„Ich hoffe es.“ Sie schaute in eine Schublade und schloss sie wieder. „Ina ist seit mindestens zehn Jahren hier. Ich habe keinen Grund, ihr zu misstrauen.“

Tess sah in die nächste Schublade. Dann nahm sie sich die Hängeschränke über dem Tresen vor, als suchte sie etwas.

„Wie ist es nun? Helfen Sie mir?“

Parker betrachtete die Dinge pragmatisch. Als ihr Fahrer und Bodyguard musste er sie überallhin begleiten. Es bedeutete keinen zusätzlichen Zeitaufwand, wenn er Häuser mit ihr besichtigte. Und ein paar Telefonate zu führen, kostete ihn auch nicht viel Zeit.

„Ich spiele nicht den Babysitter.“

Sie drehte sich zu ihm um. „Dann helfen Sie mir bei der Haussuche?“

„Ich telefoniere für Sie.“

„Und das Auto?“

Da er alles liebte, was vier Räder und einen Motor hatte, würde ihm auch die Autosuche nicht schwerfallen.

„Sagen Sie mir, was Sie sich vorstellen, und ich besorge es Ihnen.“

Tess hob erstaunt die Augenbrauen. „Vielen Dank.“ Um nicht zu offensichtlich zu zeigen, wie erleichtert sie war, wandte sie sich ab und setzte ihre Suche in den Schränken fort.

Als sie einen Topf auf die Kochinsel stellte, wurde Parker klar, was sie vorhatte und dass sie darin völlig ungeübt war.

Er beobachtete sie, wie sie sich stirnrunzelnd die Kochanweisung und einer Packung Linguine durchlas.

„Verzeihung, wenn ich frage, aber warum wollten Sie das Kochen nicht Ina überlassen?“

„Weil ich es lernen will.“ Sie zog die Augenbrauen zusammen. „Was glauben Sie, gehört in eine Marinara-Sauce? Das ist Mikeys Leibgericht.“

Er brauchte nicht lange zu überlegen. „Tomaten.“

Sie griff nach einer Dose. „Solche?“

Er ging zu ihr und warf einen Blick auf das Etikett. „Die sind mit Chili. Sie brauchen einfache.“

„Danke.“ Sie setzte ihre Suche fort. „Es sind nur fünf Meilen nach Camelot. Wenn Sie sicher gehen wollen, probieren Sie eins von den Restaurants dort aus. Ansonsten sind Sie zu meinem Experiment herzlich eingeladen.“ Sie hielt ihm eine Dose hin. „Diese?“

Er wusste nicht, was ihn mehr aus der Ruhe brachte, ihre Einladung zum Essen oder ihr offensichtlich soeben gestarteter Versuch in Selbstversorgung. Er nickte nachdenklich.

„Haben Sie schon jemals etwas gekocht?“

„Ich musste es nie lernen und habe mich bisher auch nicht dafür interessiert.“

Parker fragte sie nicht, warum sie ausgerechnet unter seiner Bewachung dieses Interesse entwickelte. Ihre sachliche Antwort bestätigte noch einmal den wenig schmeichelhaften Eindruck, den er von ihr hatte, bevor er ihr begegnet war: dass sie eine verwöhnte und unzufriedene Tochter der reichen Gesellschaft war.

Er ging einige Schritte bis hinter die Kochinsel zurück. Den Job als Babysitter hatte er bereits abgelehnt. Und den Koch würde er auch nicht für sie spielen.

„Sie finden bestimmt ein Rezept in einem Kochbuch.“ Es wurde Zeit, dass er sich auf den Job konzentrierte, für den er engagiert war. „Inzwischen möchte ich einen Sicherheitscheck machen. Gibt es hier eine Alarmanlage?“

„Ach, richtig. Entschuldigung, ich habe nur an das Essen für Mikey gedacht.“ Sie zeigte ihm die Sicherheitseinrichtungen, soweit sie sich damit auskannte, und versuchte, seine Fragen zu beantworten, während sie ihn in eine Nische neben dem Wirtschaftsraum führte. Hier befand sich ein Schreibtisch mit Sprechanlage, Computer und Monitor für die Videoüberwachung.

„Ist das der einzige Monitor?“, fragte Parker.

„Der Stallmeister hat noch einen bei sich. Dort muss ja wegen der Pferde immer jemand sein.“

Parker blickte auf den Monitor mit den wechselnden Bildern. Dem Tennisplatz folgte ein Ausblick auf einen See, eine Pferdeweide, Rasenflächen und Gartenanlagen, ein Pool im Stil eines römischen Bads. Dann kamen eine Reihe von Steinwällen und dichtes Buschwerk. Das war die Grundstücksgrenze, wie Tess ihm mitteilte.

„Und auf dem Grundstück ist sonst niemand mehr, nur Ina und Eddy und der Gärtner, wie war noch sein Name?“

„Jackson. Die drei sind die Einzigen, die im Moment hier wohnen.“

„Ich muss wissen, wie sie aussehen, für den Fall, dass sie auf dem Monitor auftauchen.“

„Dann rufe ich Ina an. Sie soll die Männer mit Ihnen bekannt machen.“

Als sie sich vorbeugte und zum Telefon griff, wehte der Duft ihres Parfums zu ihm. Es war ein dezenter Duft, warm und schwer fassbar wie die Frau selbst.

Das erste Mal hatte er diesen verwirrenden Duft wahrgenommen, als er sich in den Wagen gebeugt hatte, um ihren Sohn anzuschnallen. In selben Moment hatte er auch ihre Hand gestreift, und er hatte geglaubt, dass seine heftigen Reaktionen von dieser Berührung ausgelöst wurden. Jetzt wusste er, dass er sie nicht einmal berühren musste, um dieses verwirrende Gefühl zu verspüren.

„Ina holt Sie am Heckenbogen ab“, sagte Tess. „Folgen Sie einfach dem Steinweg an den Beeten entlang.“

„Wenn ich zurück bin, schaue ich mich im Haus um.“

Tess wollte ihm gerade sagen, dass er sich um das Haus nicht zu kümmern brauchte, als ihr einfiel, dass sie in diesem Haus mit seinen rund dreißig Zimmern noch nie allein war. Aber heute würden nur sie und ihr Sohn hier schlafen. Und ihr Bodyguard, der so eilig auf die Tür zusteuerte, als brauchte er dringend frische Luft.

Sie lehnte sich gegen den Schreibtisch und blickte ihm nach, wie er mit dem Handy am Ohr den Steinweg an den Blumenbeeten entlangging.

„Schicken Sie mir die Pläne zur FedEx-Station nach Camelot. Ich hole sie mir dort ab.“ Parker hielt sich das Handy ans Ohr, während er auf den Durchgang zwischen den Hecken zuging. Es fiel ihm leicht, zwei Jobs gleichzeitig zu erledigen, deutlich leichter als zuzugeben, dass Tess Kendricks Ausstrahlung mehr Auswirkungen auf ihn hatte, als ihm lieb war.

„Wenn ich alles durchgesehen habe, melde ich mich wieder. Geben Sie mir zwei, drei Tage Zeit.“ Sein Ansprechpartner beim U.S. Marshal’s Service unterrichtete ihn über die bereits getroffenen Maßnahmen und versprach, die Unterlagen bis zum Mittag loszuschicken. Es handelte sich um die Pläne eines Hotels, in dem die Juristenkonferenz nächsten Monat stattfinden sollte. Da Richter und Staatsanwälte immer eine Zielscheibe für Attentate darstellten, galt die höchste Sicherheitsstufe.

„Danke.“ Parker klappte das Handy zu und steckte es in die Tasche.

Letztes Jahr hatte er die Sicherheitsmaßnahmen für Rockkonzerte im Central Park, in Los Angeles und in London koordiniert. Er hatte im Sicherheitsteam für die Oscar-Verleihungen mitgearbeitet. Nächsten Monat würde er mit den Vorbereitungen für die Filmfestspiele in Cannes beginnen. Parker liebte diese taktischen Herausforderungen, die mit größeren Projekten einhergingen.

Das Wiehern eines Pferdes brachte ihn in die Gegenwart zurück. Vor ihm, im Heckendurchgang, winkte Ina ihm zu.

Ihr Anblick erinnerte ihn daran, dass Tess ihrem Dienstmädchen freigegeben hatte und er somit ihr einziger Angestellter war. Dieser Umstand allein schon ließ ihn ahnen, dass es ihm auch in diesem speziellen Job nicht an Herausforderungen fehlen würde.

Eine halbe Stunde später hatte Parker das Grundstück und das Äußere des Wohnhauses eingehend unter die Lupe genommen und die Kochambitionen seiner Klientin vergessen. Erst als er sie vor einem Stapel Kochbücher grübeln sah, fiel ihm die heikle Seite dieses Jobs wieder ein.

Tess blickte auf, als er die Küche betrat. „Alles in Ordnung?“, fragte sie.

„Scheint so. Ed hat mir alles gezeigt. Er sagte, dass es bisher ein ruhiger Sommer hier war, ohne Belästigungen.“

Sie nickte und schlüpfte unauffällig in ihre Stöckelschuhe, die sie zwischendurch ausgezogen hatte.

„Ich würde mich jetzt gern im Haus umsehen.“

„Macht es Ihnen etwas aus, die Besichtigung aufzuschieben? Mikey muss gleich aufwachen. Ich wäre dann gern bei ihm, damit er keine Angst bekommt.“ Sie blickte verzweifelt auf das aufgeschlagene Kochbuch, das vor ihr lag. „Und ich muss irgendwie noch etwas zu essen machen. Er hat Hunger, wenn er aufwacht.“

Erst jetzt fielen ihm die Ringe unter ihren Augen auf und die Müdigkeit hinter ihrem resignierten Lächeln. Wenn er fair war, und das war er im Allgemeinen, musste er zugeben, dass sie nicht die Frau zu sein schien, die er erwartet hatte. Sie war jung und hatte zweifellos Privilegien genossen. Dabei wirkte sie aber weder verwöhnt noch selbstsüchtig oder fordernd. Ein bisschen hilfsbedürftig vielleicht. Auf jeden Fall entsprach sie nicht dem Bild einer arroganten Diva, das die Presse gemalt hatte.

Nun gut, die arme Frau musste todmüde sein. In dem Land, aus dem sie kam, war es jetzt zwei Uhr morgens. Und der kleine Junge sollte schließlich nicht verhungern. Also vergaß Parker seinen Vorsatz, nicht den Koch für sie zu spielen, und bot seine Hilfe an.

„Es ist nicht so kompliziert, wie es klingt.“ Er nahm seine Krawatte ab. „Ich mache Ihnen die Sauce.“

Tess blinzelte ungläubig. „Das kann ich nicht annehmen.“

„Warum nicht? Es macht mir wirklich nichts aus.“ Er zog sein Jackett aus und hängte es über einen Stuhl.

„Mir würde es schon genügen, wenn Sie mir sagen, was ich tun muss.“

„Es geht schneller, wenn ich es selbst mache.“ Er krempelte sich die Ärmel hoch. „Der große Topf auf dem Herd ist gut für die Nudeln. Für die Sauce brauche ich einen kleineren.“ Er steuerte auf den Vorratsraum zu. „Ich brauche nur noch etwas Olivenöl, Basilikum, Salz und Knoblauch.“

Tess wollte etwas sagen, klappte den Mund aber gleich wieder zu. Dieser Mann war es gewohnt, das Ruder zu übernehmen. Sie folgte ihm und stellte fest, dass er das Olivenöl und die Kräuter schon gefunden hatte.

Sie war es von klein auf gewohnt, neben großen Männern zu stehen. Ihre Brüder waren beide über eins neunzig. Auch sie selbst war nicht gerade klein, aber sie reichte Parker kaum bis zur Schulter, und das, obwohl sie hohe Absätze trug.

Sein männlicher Duft machte sie zusätzlich nervös, als sie ihm die Zutaten abnahm.

„Sie brauchen wirklich nicht für uns zu kochen“, wiederholte sie energisch. „Aber ich würde mich freuen, wenn Sie mir sagen, was ich machen muss.“

Sie stand so dicht vor ihm, dass sie den Kopf in den Nacken legen musste, um ihm ins Gesicht zu sehen. „Bitte“, fügte sie hinzu.

Es vergingen einige Sekunden, bevor er schließlich einwilligte. „Also gut. Dann ziehen Sie das Jackett aus, und binden Sie sich eine Schürze um.“

„Das Jackett behalte ich an.“

„Wollen Sie sich den schönen Anzug ruinieren?“

Sie überlegte. Der weiße Seidenanzug von Armani war sicher nicht praktisch in der Küche, aber umziehen wollte sie sich jetzt auch nicht. „Das ist schon okay.“

Parker runzelte die Stirn. Fand sie es okay, den Anzug in den Müll zu werfen, oder war sie einfach nur dickköpfig und wollte unbedingt ihren Willen durchsetzen?

„Tomatensauce spritzt aber“, warnte er sie noch einmal.

Sie seufzte verlegen. „Ich habe nichts drunter. Ich meine, keine Bluse oder so.“ Inzwischen hatte sie in einer der Schubladen die Schürzen entdeckt.

So genau wollte er es gar nicht wissen. Sofort stellte er sich vor, wie sie in einem sexy Spitzen-BH vor ihm stand.

Er nahm ihr die Schürze ab. „Drehen Sie sich um.“

Etwas unbeholfen band er ihr nun die Schürze um. Er beeilte sich, um sich von ihrer Nähe und ihrem Duft nicht betören zu lassen. Doch als er mit dem Kochunterricht begann, klang seine Stimme dennoch heiser.

„Als Erstes müssen Sie eine Knoblauchzehe hacken.“

Sie drehte sich um und trat einen Schritt von ihm zurück. „Ich glaube nicht, dass Mikey Knoblauch mag.“

„Ohne Knoblauch kann man keine echte Marinara machen.“

„Dann gibt es eben eine falsche Marinara.“

Tess meinte seinen Blick im Rücken zu spüren, als sie sich Bleistift und Papier vom Schreibtisch holte. „Ich schreibe mir alles auf, damit ich es später auch allein kochen kann“, erklärte sie. „Wo haben Sie eigentlich kochen gelernt?“ Sie hatte bestimmt nicht erwartet, dass ihr muskelbepackter Bodyguard sich als Hobbykoch entpuppte.

„Von meiner Mutter.“

„Ist sie Köchin?“

„Sie spielt die erste Violine bei den Philadelphia Symphonikern.“ Er stellte einen Topf auf den Herd. „Hier geben wir jetzt ein paar Teelöffel Olivenöl hinein. Wenn wir es richtig machen würden, käme als Nächstes der Knoblauch dazu und anschließend die Tomaten. Aber so nehmen wir einfach nur die Tomaten.“

„Wie viel?“

„Die ganze Dose.“

„Öl, meine ich.“

„Ein paar Teelöffel“, wiederholte er. „Nach Geschmack.“

„Ich muss es genau wissen.“

Sie saß da wie eine Schülerin, die darauf wartete, dass der Lehrer fortfuhr. Daher zählte Parker die Teelöffel ab und ließ Tess die Angaben notieren. Als sie dann selbst den Kochlöffel in die Hand nahm, sah sie ihn immer wieder fragend an, um sicher zu sein, dass sie alles richtig machte. Dieser unschuldige und aufmerksame Blick wirkte so unglaublich verführerisch, dass Parker kaum noch wusste, wo er hinschauen sollte.

Ihre Haut sah so weich aus, dass er gern ausprobiert hätte, ob sie sich auch so anfühlte. Ihre vollen Lippen luden förmlich zum Küssen ein. Und in ihre wachen Augen trat plötzlich mütterliche Besorgnis, als aus dem Flur ein unsicheres „Mommy?“ zu ihnen drang.

„Ich bin hier!“, rief sie und legte den Kochlöffel weg. „Kann ich das kurz allein lassen?“, fragte sie mit einem Blick auf den Topf.

Er versprach, inzwischen aufzupassen, und blickte ihr nach, wie sie auf die Tür zusteuerte, wo ihr das verschlafene Kind schon entgegenkam.

Sie nahm den Jungen auf den Arm und kam lächelnd in die Küche zurück.

Parker hatte viele schöne Frauen kennengelernt. Die Ehefrauen, die Töchter oder die Geliebten reicher Klienten. Er hatte für weibliche Rockstars und Models gearbeitet und sich gelegentlich in der wenig beneidenswerten Situation befunden, Angebote abzulehnen, die er vielleicht angenommen hätte, wenn die Firmenprinzipien diese Art von Beziehung gebilligt hätten.

Aber eine Erinnerung an die Firmenprinzipien war in diesem Fall nicht notwendig, um jeden Gedanken an eine Beziehung mit Tess zu verwerfen. Erstens war sie Cord Kendricks kleine Schwester. Und Cord hatte Parker nur empfohlen, weil er wusste, dass auf ihn Verlass war.

Und zweitens untersagte sie einem Vater den Kontakt zu seinem Sohn, sodass der Junge ohne eine Beziehung zu seinem leiblichen Vater aufwachsen würde. Das allein genügte, um Parkers Hitze zu dämpfen.

Als Tess den Jungen herunterließ, schaute er Parker unsicher aus großen braunen Augen an.

Parker hockte sich vor ihn hin. „Ein tolles Hemd hast du an.“ Er zeigte auf das Logo über der kleinen Brusttasche. „Spielst du Fußball?“

Mikey drückte sich an das Bein seiner Mutter und nickte. „Ich habe einen Ball.“

„Prima, den musst du mir irgendwann mal zeigen.“

Mikey blickte zu seiner Mutter hoch. „Kann ich meinen Fußball haben?“

„Ich habe ihn noch nicht ausgepackt.“

„Und wenn du ihn ausgepackt hast, kann ich ihn dann zeigen?“

„Wenn Mr. Parker ihn sehen will.“

Parker nickte, und Mikey grinste.

„Die Sauce kann eine Weile köcheln“, sagte Parker, während er sich erhob. „Wo wollen Sie essen?“

„Es ist so schön draußen. Ich dachte, wir essen draußen. Oder wollen Sie lieber im Esszimmer essen?“

Er war nicht ihr Gast, sondern ihr Angestellter. „Ich esse am Personaltisch.“ Etwas Abstand schien ihm vernünftig. Abstand und Grenzen.

Die entspannte Stimmung zwischen ihnen war wie weggeblasen. Parker hatte Tess daran erinnert, dass es gewisse Regeln gab, die sie nicht einfach durchbrechen konnte. Sie hatte völlig selbstverständlich angenommen, sie würden zusammen essen. Zumal sie ja auch zusammen gekocht hatten. Und jetzt benahm er sich so reserviert, dass es ihr fast peinlich war, den Vorschlag gemacht zu haben. Glaubte er womöglich, sie wollte mit ihm flirten? Im Grunde wusste sie doch noch nicht einmal, wie sie das anstellen sollte. Sie war nicht annähernd so erfahren, wie Brad es der Presse und der Öffentlichkeit hatte weismachen wollen.

Daher zeigte sie Parker das Haus und verabschiedete sich dann von ihm.

An diesem Abend aß sie zusammen mit Mikey das erste Gericht, das sie selbst gekocht hatte. Dass es gut schmeckte, sehr gut sogar, machte sie stolz und beruhigte sie. Wenigstens würde ihr Sohn nicht verhungern. Sie hätte sich bei Parker gern dafür bedankt, doch sie sah ihn erst wieder, als er später an ihre Schlafzimmertür klopfte.

3. KAPITEL

Tess war zum Umfallen müde. Die letzte Nacht in Luzandria hatte sie vor Aufregung nicht schlafen können. Im Flugzeug war es ihr nicht besser ergangen. Da sie mehrere Zeitzonen passiert hatte, konnte sie kaum noch nachvollziehen, seit wie vielen Stunden sie nun schon wach war. Eigentlich war das auch unwichtig. Sie hoffte nur, dass Mikey bei der ersten Gutenachtgeschichte einschlafen würde. Als sie den Schlafanzug für ihn heraussuchte, klopfte es an der Tür.

Sie ließ ihren Sohn und den offenen Koffer auf dem Tagesbett in der Sitzecke, hob unterwegs ein Kissen auf, das sie auf ihr Bett warf, und öffnete die Tür.

Groß und breitschultrig stand Parker im Eingang. Auch mit offenem Kragen und aufgekrempelten Hemdsärmeln wirkte er seriös und professionell.

Er hielt ihr einen kleinen schwarzen Gegenstand hin. „Wenn Sie hier die Sicherung lösen und auf diesen Knopf drücken, bin ich sofort da.“

Sie nahm das Gerät, das wie ein kleiner Pager aussah.

„Die Türen sind alle verriegelt. Das Alarmsystem ist eingeschaltet. Ich bin in meinem Zimmer“, fuhr er fort. Dann blickte er an ihr vorbei ins Zimmer, wo Mikey neugierig um die Ecke lugte. Als Parker dem Jungen zuwinkte, umspielte ein Lächeln seinen Mund. Dieses Lächeln verschwand, als er Tess wieder ansah. „Ich glaube, das ist alles. Dann wünsche ich Ihnen jetzt eine gute Nacht.“ Er drehte sich um und wollte gehen.

Sie hatte schon die Hand nach ihm ausgestreckt, um ihn zurückzuhalten, besann sich aber im letzten Moment, bevor sie die Grenze zwischen Angestelltem und Arbeitgeber überschreiten konnte. „Warten Sie! Vielen Dank, dass Sie mir vorhin beim Kochen geholfen haben.“ Sie lächelte zaghaft. „Und danke auch hierfür.“ Sie hielt das Gerät hoch. „Schlafen Sie gut.“

Einen Moment lang sah er sie schweigend an. Und dann schien seine Fassade einen Riss zu bekommen. Während er seinen Blick über ihr Gesicht wandern ließ, entdeckte sie in seinen kühlen blauen Augen so etwas wie Mitgefühl und Wärme. „Schlafen Sie auch gut“, sagte er. Es klang, als wüsste er genau, wie dringend sie etwas Schlaf brauchte. „Bis morgen.“ Damit ließ er sie allein.

Tess blickte ihm nach und lauschte seinen Schritten, bis sie das Klappen der Tür hörte. Dann stand sie noch eine Weile da und lauschte in die Stille.

Plötzlich fühlte sie sich leer und verlassen, genau wie das riesige Haus. Der mitfühlende Blick eines Fremden hatte genügt, um ihr dieses Gefühl von Einsamkeit, das seit Langem an ihr nagte, wie unter einem Vergrößerungsglas vor Augen zu halten.

Wahrscheinlich war sie einfach nur müde und überspannt. Ihr fiel keine andere Erklärung ein, warum sie so sensibel auf Parker reagierte. Er war ihr Bodyguard und sollte sie vor Gefahren beschützen. Auch wenn er sie auf unerklärliche Weise nervös machte, und sie manchmal sogar den Eindruck hatte, er würde sie ablehnen, sie fühlte sich bei ihm sicher. Und das war das Einzige, was zählte.

„Ist etwas passiert?“ Parker erhob sich von der schwarzen Sitzbank des Bizepstrainers und wischte sich mit einem blauen Handtuch den Schweiß vom Gesicht.

Mikey war um halb fünf aufgewacht und zu Tess ins Bett gekrochen. Sie hatte ihm etwas vorgelesen, doch an Einschlafen war nicht mehr zu denken gewesen. Nach dem Aufstehen hatte sie versucht, sich einen Kaffee zu kochen, aber nur ungemahlenen Kaffee in der Küche vorgefunden. Also hatte sie sich zusammen mit Mikey auf die Suche nach Parker gemacht und ihn im Fitnessraum entdeckt.

Während Mikey sich auf den großen grünen Ball auf einer Yogamatte gestürzt hatte, war Tess am Eingang stehen geblieben. Nun starrte sie Parker unverhohlen an. Sie hatte eindrucksvolle Statuen von Kriegern und Göttern in Rom und Florenz gesehen. Perfekte männliche Körper in Marmor und Bronze verewigt. Aber sie war es nicht gewohnt, einen so perfekten Mann aus Fleisch und Blut zu sehen. Zumindest nicht in Shorts.

Fasziniert betrachtete sie seine muskulösen Oberschenkel, die ausgeprägten Bauchmuskeln und die kräftige Brust. Als sie schließlich seinem Blick begegnete, schluckte sie verlegen.

„Ich habe ein kleines Problem. Leider weiß ich nicht, wie die Kaffeemaschine funktioniert. Vielleicht können Sie mir zeigen … oder Sie können mir auch gleich hier sagen, wie man Kaffee kocht. Dann hätte ich ihn fertig, wenn Sie mit Ihrem Training durch sind“, fuhr sie hastig fort. „Oder trinken Sie so etwas Ungesundes wie Kaffee gar nicht? Dass Sie auf Ihren Körper achten, sieht man ja.“

Sie ließ den Blick noch einmal über seinen eindrucksvollen Brustkorb gleiten und sah dann zu Boden.

„Ich misshandle meinen Körper nicht. Aber ich gönne mir gewisse Genussmittel.“

Tess räusperte sich. „Wie Kaffee?“

„Unter anderem.“

Er fragte sich, wieso sie so verlegen war. Dass sie bei seinem Anblick errötete, machte sie zweifellos attraktiv, aber es passte so gar nicht zu ihrem Ruf. Eine Frau, die für sich selbst in Anspruch nahm, sich nicht mit nur einem Mann zu begnügen, sollte doch wenigstens den Anblick einer Männerbrust gewohnt sein.

Wie auch immer, mit ihrem unschuldigen Blick brachte sie nun auch ihn in Verlegenheit. Noch nie in seinem Leben war er sich in Shorts so nackt vorgekommen. Er warf das Handtuch über einen Hebel am Gerät und wollte ihr sagen, dass sie in der Küche auf ihn warten solle, doch das Handtuch flog über das Ziel hinaus und fiel auf den Boden.

Er beugte sich vor, um es aufzuheben. Im selben Moment bückte sich Tess nach dem Handtuch, sodass sie mit den Schultern zusammenstießen. Als sie zurückprallte, hielt er sie an den Oberarmen fest. Sie waren einander jetzt so nah, dass er ihren Duft einatmete, diese einzigartige Mischung aus Unschuld und Verführung, die sein Blut erhitzte und seinen Puls beschleunigte.

Als er ihr in die Augen sah und ihren verwirrten Blick auffing, wusste er, dass sie nicht immun gegen ihn war.

Eine gefährliche Erkenntnis, die er so schnell wie möglich vergessen musste. „Alles in Ordnung?“, fragte er, während er sie losließ.

Mit hochrotem Kopf verschränkte sie die Arme und trat einen Schritt zurück. „Ja, sicher … Es ist nichts passier...

Autor

Sharon Kendrick

Fast ihr ganzes Leben lang hat sich Sharon Kendrick Geschichten ausgedacht. Ihr erstes Buch, das von eineiigen Zwillingen handelte, die böse Mächte in ihrem Internat bekämpften, schrieb sie mit elf Jahren! Allerdings wurde der Roman nie veröffentlicht, und das Manuskript existiert leider nicht mehr. Sharon träumte davon, Journalistin zu werden,...

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Rebecca Winters

Rebecca Winters war eine berühmte amerikanische Romanceautorin aus Salt Lake City, Utah. Ihre Heimat und ihre Lieblingsurlaubsziele in Europa dienten oft als Kulisse für ihre romantischen Liebesromane.

In ihrer 35-jährigen Schaffenszeit schrieb sie 175 Romance Novels, die weltweit fast 30 Millionen Mal verkauft wurden.

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