Julia Saison Band 91

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  • Erscheinungstag 25.04.2026
  • Bandnummer 91
  • ISBN / Artikelnummer 8091260091
  • Seitenanzahl 384

Leseprobe

Margaret Mayo, Jessica Bird, Day Leclaire

JULIA SAISON BAND 91

Margaret Mayo

1. KAPITEL

„So kann es nicht weitergehen!“ Charlotte Courtenay, siebenundzwanzig Jahre alt, eins achtundsiebzig groß, rothaarig und blauäugig, funkelte ihren Schwager Rohan wütend an. „Wie sollen wir zusammenarbeiten, wenn du mich ständig spüren lässt, dass du mich nicht leiden kannst?“ Sie konnte sich seine plötzliche Feindseligkeit nicht erklären, und das verwirrte sie umso mehr.

Mit grauen Augen erwiderte er ihren Blick. „Findest du nicht, dass ich gute Gründe für mein Verhalten habe? Schließlich hast du dich in unsere Familie eingeschlichen und meinem Bruder vorgemacht, ihn zu lieben. Doch das Einzige, das dich interessierte, war das Leben, das er dir bieten konnte!“

Charlotte schnappte empört nach Luft, doch ehe sie sich verteidigen konnte, fuhr Rohan bereits in schroffem Ton fort: „Mir kannst du nichts vormachen, ich habe dich durchschaut! Du warst doch nur hinter Glens Geld her!“

Sie traute ihren Ohren nicht. „Wie kannst du so etwas sagen? Du hast ja keine Ahnung! Ich habe Glen geliebt, und er liebte mich, und das ist der einzige Grund, weshalb ich ihn geheiratet habe!“

„Willst du etwa behaupten“, fragte er kühl und baute sich in voller Größe vor ihr auf, „es spielte keine Rolle für dich, dass er sehr vermögend war?“

„Ja, das behaupte ich!“ Sie befanden sich in Glens ehemaligem Büro, das seit seinem Tod vor ein paar Monaten von seinem Bruder benutzt wurde. Während Glens langer Krankheit war die Textilfabrik der Courtenays stark vernachlässigt worden, und jetzt versuchte Rohan den Betrieb wieder auf Vordermann zu bringen.

„Du konntest zwar meinen Bruder und meinen Vater täuschen, aber mir kannst du nichts vormachen!“, sagte er wütend. „Ich weiß mehr über dich, als du denkst, Charlotte McAulay.“

Charlotte seufzte ungeduldig. „Du hast wohl vergessen, dass ich jetzt eine Courtenay bin!“ All dieser Hass! Woher kam er nur? Was war der Grund dafür?

Rohans Blick schien sie zu durchbohren. „Nein, ich habe es nicht vergessen“, erwiderte er wütend. „Du hast dir unseren Namen angeeignet und alles, was du sonst noch kriegen konntest. Und wenn Glen nicht so verrückt nach dir gewesen wäre, hätte ich alles darangesetzt, um eure Ehe zu verhindern.“

Ungläubig sah Charlotte ihn an. Wie konnte er nur so etwas sagen? Schließlich hatte er sich doch selbst einmal für sie interessiert! „Ich weiß nicht, wovon du sprichst“, meinte sie und funkelte ihn mit blauen Augen an. Rohan war wirklich der erstaunlichste Mann, den sie je kennengelernt hatte!

„Ich denke, das weißt du sehr gut“, knurrte er. „Glen war schließlich nicht der erste reiche Mann, den du an der Angel hattest.“

„Was meinst du damit?“

„Ich spreche von Barry Fernhough.“

„Barry?“, fragte Charlotte verblüfft. „Wer hat dir von ihm erzählt?“ Ja, sie war mit Barry zusammen gewesen, aber doch nicht wegen seines Bankkontos! Der Vorwurf war einfach lächerlich!

Spöttisch sah er sie an. „Als ich von deinem kometenhaften Aufstieg zu Glens rechter Hand erfuhr, wurde ich misstrauisch und habe ein paar Informationen über dich einholen lassen. Und dabei habe ich einige sehr interessante Dinge erfahren.“

„Über Barry?“ Sie konnte kaum glauben, dass er ihre Vergangenheit durchforscht hatte. Dazu hatte er kein Recht! Was glaubte er eigentlich, wer er war?

„Ja. Ich habe herausgefunden, dass du ihm den Laufpass gegeben hast, als seine Geschäfte nicht mehr so gut liefen.“

„Glaubst du das wirklich?“

„Du kannst ja versuchen, mich vom Gegenteil zu überzeugen!“

Charlotte hätte ihm erklären können, dass sie Barry verlassen hatte, weil er sie mit einer anderen betrog, aber was würde das schon ändern? Rohan würde ihr nicht glauben. Sein Urteil stand bereits fest. „Wie gemein du bist!“

„Du streitest es also nicht ab?“

„Würdest du mir denn glauben, wenn ich es täte?“

„Deine Erklärung müsste schon sehr gut sein!“

Charlotte musste an ihre erste Begegnung mit Glens älterem und einzigem Bruder denken. Sie hatte Rohan auf ihrer Verlobungsparty kennengelernt und war erstaunt gewesen, wie wenig Ähnlichkeit die beiden Brüder hatten. Glen war hellhäutig und hatte fast weißblondes Haar, Rohan hingegen besaß einen dunklen Teint und dichtes dunkelblondes Haar. Beide Männer waren groß, aber Rohan hatte breitere Schultern und war muskulöser. Die Courtenay-Brüder waren wirklich nicht zu vergleichen.

Beifällig hatte Rohan seine zukünftige Schwägerin mit ungewöhnlich grauen Augen angesehen, die in der Mitte hell waren und um deren Iris ein dunklerer Ring lag. Sein Händedruck war warm und fest gewesen, und als er Charlottes Hand länger als nötig in seiner hielt, hatte sie sie alarmiert zurückgezogen.

Als Rohan sie wenig später zum Tanzen aufforderte, hätte sie am liebsten abgelehnt, aber das wäre unhöflich gewesen. Außerdem wollte sie Glen nicht enttäuschen, der glücklich darüber war, dass Charlotte seinen älteren Bruder endlich kennengelernt hatte.

Rohan hielt sie eng an sich gedrückt, und seine Hand lag warm auf ihrem Rücken. Ein Schauer durchlief Charlotte, und sie spürte ein seltsames Kribbeln im Bauch. Sie konnte kaum glauben, dass ein völlig Fremder solche Empfindungen in ihr hervorrief. Schließlich liebte sie Glen und wollte ihn heiraten!

„Wie haben Sie Glen kennengelernt?“ Rohans Stimme war tief und melodiös und löste erneut eine Woge der Erregung in ihr aus. Sein Aftershave roch männlich herb, und Charlotte spürte, wie ihr die Sinne schwanden.

Am liebsten hätte sie sich aus der Umarmung gelöst, aber Glen beobachtete sie, und so blieb ihr nichts anderes übrig, als weiterhin mit Rohan zu tanzen. Glen hatte seinen Bruder immer bewundert und es bedauert, dass er so weit von zu Hause entfernt lebte und nur selten zu Besuch kam.

„Als Glen die Firma von Ihrem Vater übernahm, wurde ich seine persönliche Assistentin“, erklärte sie. Und bald darauf hatte der jüngste Courtenay angefangen, schüchtern um Charlotte zu werben. Drei schöne, glückliche Jahre lang hatte er ihr den Hof gemacht und sie schließlich gebeten, seine Frau zu werden.

„Und was haben Sie davor gemacht?“

„Ich habe sofort nach der Sekretärinnenschule angefangen, für Courtenay Textiles zu arbeiten.“ Charlotte war froh, dass sie sich unterhielten. Das Gespräch lenkte sie von den beunruhigenden Empfindungen ab, die Rohan in ihr ausgelöst hatte.

Erleichtert atmete sie auf, als der Tanz endlich zu Ende war und er sie zu ihrem Verlobten zurückbrachte. Glen erwartete sie bereits, und ein glückliches Lächeln lag auf seinem jungenhaft hübschen Gesicht. Obwohl er bereits achtundzwanzig war, fehlte ihm die männliche Reife seines fünf Jahre älteren Bruders, und Charlotte ertappte sich dabei, dass sie schon wieder Vergleiche zwischen den beiden anstellte.

„Stimmt etwas nicht?“, fragte Glen kurze Zeit später. „Du bist so schweigsam.“

Charlotte lächelte und schüttelte den Kopf. „Es ist alles in Ordnung, Liebling.“ Sie nahm sich zusammen und versuchte, nicht mehr an Rohan und die unglaubliche Wirkung zu denken, die er auf sie ausübte. Aber das war nicht einfach, denn er schien sie keine Sekunde aus den Augen zu lassen. Schließlich spürte sie seine Blicke sogar dann, wenn sie ihm den Rücken zukehrte. Es war ein unheimliches Gefühl.

„Was hältst du von meinem Bruder?“ Es war schon fast Mitternacht, und Charlotte tanzte mit Glen zu langsamer Musik.

Sie blickte zu Rohan hinüber, der ein Mädchen in einem weißen Kleid über das Parkett führte. Die beiden tanzten so eng umschlungen, dass sie miteinander zu verschmelzen schienen. „Ich hatte ihn mir anders vorgestellt.“ Völlig anders sogar. Charlotte hatte erwartet, einen Mann kennenzulernen, der zwar älter, aber genauso sanft und liebenswert wie Glen sein würde. Stattdessen war sie einem unglaublich gut aussehenden Mann begegnet, der sie so durcheinanderbrachte, dass sie die Party am liebsten auf der Stelle verlassen hätte.

„Aber du findest ihn doch sympathisch?“ Glen schien viel daran zu liegen.

Sie schenkte ihm ein warmes Lächeln. Um keinen Preis wollte sie den Mann, den sie heiraten würde, verletzen! „Ja, er gefällt mir.“

Glen entspannte sich und schien sich darüber zu freuen. Als Rohan sie kurze Zeit später erneut zum Tanzen aufforderte, blieb ihr nichts anderes übrig, als ihm auf die Tanzfläche zu folgen.

Charlotte trug ein rückenfreies schwarzes Kleid mit schmalen Strassträgern, und als Rohan ihr sanft über die nackte Haut strich, durchlief sie ein Schauer. Sie hatte gehört, dass es so etwas wie Liebe auf den ersten Blick gab, doch die Gefühle, die sie für diesen Mann empfand, hatten nichts mit Liebe zu tun. Rohan übte eine animalische Anziehungskraft auf sie aus, der sie sich nur schwer entziehen konnte.

„Ist heute Abend denn niemand von Ihrer Familie hier?“, fragte er sanft.

„Ich bin ein Einzelkind“, erklärte sie und stellte erschrocken fest, dass ihre Stimme heiser klang.

„Und Ihre Eltern?“

Charlotte zuckte die Schultern. „Meine Eltern interessieren sich nicht besonders für mich.“

Er runzelte die Stirn. „Kommen Sie denn nicht miteinander aus?“

„Mein Vater kommt mit niemandem aus“, erklärte sie. „Er ist ein Kapitel für sich. Und meine Mutter ist eine sehr kühle Frau, die keine Gefühle zeigen kann. Deshalb bin ich auch von zu Hause ausgezogen, sobald ich alt genug dazu war.“

„Dann haben wir ja etwas gemeinsam.“ Seine Augen leuchteten, und er verzog spöttisch den Mund.

Energisch schüttelte Charlotte den Kopf. „Das sehe ich anders.“ Glen hatte ihr erzählt, dass sein Bruder schon früh das Elternhaus verlassen hatte, um sich in London eine eigene Existenz aufzubauen. Sein Ehrgeiz und seine Ausdauer hatten sich gelohnt, denn jetzt leitete er seinen eigenen internationalen Konzern. „Sie haben Ihr Zuhause nicht verlassen, weil Sie nicht geliebt wurden, sondern weil sie Geld verdienen wollten.“

„Da haben Sie recht“, stimmte er zu. „Wissen Ihre Eltern denn, dass Sie heute Abend Ihre Verlobungsparty feiern?“

„Natürlich“, antwortete sie. „Aber wir haben uns im Lauf der Jahre auseinandergelebt. Ich habe gar nicht erwartet, dass sie kommen würden.“ Und im Grunde hatte sie das auch gar nicht gewollt. Sie hatte keine Lust, sich von ihrem lautstarken und streitsüchtigen Vater vor ihren Gästen blamieren zu lassen.

Die Courtenays waren ganz anders als ihre eigene Familie. Glen war sanft und verständnisvoll und brachte ihr mehr Liebe und Respekt entgegen, als sie in ihrem Elternhaus je erfahren hatte. Douglas Courtenay, sein Vater, war ein echter Gentleman, charmant, stolz und auch ein bisschen autoritär. In dieser Familie fand Charlotte jene Liebe und Geborgenheit, nach der sie sich immer gesehnt hatte.

Glen hatte seine fröhliche und ausgeglichene Art von seiner Mutter geerbt, die vor wenigen Jahren gestorben war. Rohan hingegen erinnerte Charlotte in jeder Beziehung an seinen Vater. Er trug den Kopf genauso stolz, hatte dieselbe Adlernase, dieselben tief liegenden Augen – und er verstand es genauso gut, einer Frau das Gefühl zu geben, begehrenswert zu sein.

Charlotte musste sich eingestehen, dass der ältere der beiden Courtenay-Brüder eine Faszination auf sie ausübte, der sie sich nur schwer entziehen konnte. Rohan gab ihr das Gefühl, die einzige interessante Frau im ganzen Raum zu sein. Er war zweifellos ein Frauenheld, und das Mädchen, das er einmal heiraten würde, tat ihr jetzt schon leid. Wahrscheinlich würde sie ihn keine Sekunde aus den Augen lassen können.

„Es ist schade, dass Sie mit Ihren Eltern nicht auskommen“, meinte er. „War es schwer, sich auf eigene Füße zu stellen? Finanziell gesehen, meine ich. Die Zeiten sind hart. Sicher waren Sie überglücklich, als Sie Glens persönliche Assistentin wurden.“

Misstrauisch sah Charlotte ihn an. „Was wollen Sie damit sagen?“

Rohan zuckte die breiten Schultern und lächelte entwaffnend. „Gar nichts. Leider habe ich in meinem Leben schon viele Frauen kennengelernt, die Ihren Chef nur wegen seines Geldes geheiratet haben. Aber sie gehören offensichtlich nicht zu der Sorte.“

Charlotte entspannte sich wieder, und als der Tanz zu Ende war, brachte Rohan sie zu Glen zurück. „Du bist ein Glückspilz, lieber Bruder“, erklärte er. „Wenn ich Charlotte früher kennengelernt hätte, hätte ich sie dir bestimmt vor der Nase weggeschnappt.“

Glen schien sich über das Kompliment zu freuen. Er legte Charlotte den Arm um die Hüften und drückte sie an sich. Zärtlich küsste sie ihn auf die Wange, und als sie sich wieder umdrehte, war Rohan verschwunden.

Sie sah ihn erst wieder, als die Party zu Ende war und sie auf das Taxi wartete, das sie in ihre winzige Wohnung nach Blackburn zurückbringen sollte.

Glen hatte ihr vorgeschlagen, die Nacht in Frenchwood Manor, dem Anwesen der Courtenays, zu verbringen, doch sie hatte abgelehnt. Der Gedanke, mit Rohan unter einem Dach zu schlafen, erschien ihr unerträglich. Bestimmt würde sie kein Auge zumachen können, wenn dieser Mann in ihrer Nähe war!

Als Rohan sich von ihr verabschiedete und ihre Hand dabei länger als unbedingt nötig in der seinen hielt, zuckte sie zusammen. Dieser Mann war gefährlich, und sie musste versuchen, ihm in Zukunft möglichst aus dem Weg zu gehen!

„Es war mir ein Vergnügen, Sie kennengelernt zu haben“, sagte er und sah ihr dabei fest in die Augen. Es war ihm nicht anzumerken, was er dachte, aber Charlotte zweifelte nicht daran, dass er die Erregung, die fast greifbar in der Luft lag, genauso spürte wie sie. „Glen ist wirklich ein Glückspilz.“

Als sie wieder in ihrer kleinen Wohnung war, konnte sie lange nicht einschlafen. Ständig kreisten ihre Gedanken um diesen aufregenden Mann, der sie so durcheinandergebracht hatte. Doch obwohl sie sich vornahm, ihn aus ihren Gedanken zu streichen, wollte es ihr nicht gelingen.

Schließlich träumte sie sogar von ihm, und in ihrem Traum verschmolzen er und Glen zu einer Person.

Am nächsten Morgen erwachte Charlotte schweißgebadet. Sie fühlte sich unbehaglich und war völlig durcheinander. Mit Bangen blickte sie dem Abendessen bei den Courtenays entgegen, das zu Ehren Rohans stattfand, der am nächsten Tag nach London zurückkehren wollte.

Glens Bruder benahm sich wie ein vollendeter Gentleman, doch die Spannung, die zwischen ihm und Charlotte herrschte, war unverändert stark, und sie wunderte sich darüber, dass die anderen nicht merkten, was zwischen ihnen vorging.

Es wurde der schlimmste Abend ihres Lebens. Sie liebte Glen, daran zweifelte sie nicht, und die Leidenschaft, die Rohan in ihr entfacht hatte, verstörte sie. Denn noch nie in ihrem Leben hatte ein Mann solche Gefühle in ihr geweckt.

Bis zu ihrer Hochzeit, die ein paar Monate später stattfand, sah Charlotte ihren Schwager nicht wieder. In der Zwischenzeit versuchte sie, nicht mehr an ihn zu denken, und mehr oder weniger gelang es ihr sogar.

Und dann kam der Tag der Hochzeit, und sie standen sich erneut gegenüber. Charlotte hatte das Gefühl, als ob Rohan nie fort gewesen wäre. Unverändert stark fühlte sie sich zu ihm hingezogen und spürte dieselbe Leidenschaft, die er bei der ersten Begegnung in ihr wachgerufen hatte. Es kostete sie größte Mühe, ihm nicht in die Arme zu fallen, und Rohan schien es genauso zu gehen.

Er war Glens Trauzeuge, und als er zur Ehre des Brautpaars eine Tischrede hielt und erklärte, wie sehr er seinen Bruder um seine schöne junge Frau beneide, errötete Charlotte und vermied es, ihn anzusehen. Stattdessen drückte sie die Hand ihres frischgebackenen Ehemanns und versuchte, alle beunruhigenden Gedanken zu verdrängen.

Die Hochzeitsreise führte sie auf die Bahamas, und allmählich fand Charlotte wieder zu sich selbst. Glen war der Mann, von dem sie immer geträumt hatte. Er war ein sanfter, rücksichtsvoller Liebhaber und außerdem ein guter Freund. Nichts konnte ihr Glück trüben. Es gelang Glen zwar nicht, das Feuer der Leidenschaft in ihr zu entfachen, aber Charlotte sagte sich, dass das nicht so wichtig sei. Es zählte mehr, dass sie beide zusammenpassten, und das taten sie zweifellos.

Nach ihrer Rückkehr bezogen sie das Haus, das ihnen Glens Vater als Hochzeitsgeschenk auf seinem Grundstück hatte errichten lassen. Es lag weit genug von seiner eigenen Villa entfernt, um dem jungen Ehepaar seine Unabhängigkeit zu sichern, war aber dennoch nahe genug, um Douglas das Gefühl zu geben, nicht allein zu sein.

Seit dem Tod seiner Frau klagte er oft über Einsamkeit, und Glen liebte seinen Vater viel zu sehr, um von zu Hause fortzugehen. Außerdem musste er sich um die Firma kümmern und seinem Vater regelmäßig Bericht erstatten, wie die Geschäfte liefen. Glen war glücklich, Douglas war glücklich, und Charlotte redete sich ein, ebenfalls glücklich zu sein.

Während der drei Jahre ihrer Ehe bekam Charlotte Rohan nur selten zu Gesicht. Er schien ihr aus dem Weg zu gehen, und sie war ihm dankbar dafür.

Nur zu Weihnachten und am Geburtstag seines Vaters kam er nach Hause.

Und jetzt waren sie hier, in Glens früherem Büro, und fixierten einander wie zwei Gegner im Boxring. „Du hattest kein Recht dazu, Erkundigungen über mich einzuziehen!“, fuhr sie ihn wütend an.

„Wenn ich es nicht getan hätte, wüsste ich jetzt nicht, wie du wirklich bist! Du hättest mich beinahe an der Nase herumgeführt. Ich dachte, mein Bruder hätte das große Los gezogen!“ Hasserfüllt sah er sie an und verzog verächtlich den Mund.

„Wenn du davon überzeugt bist, dass ich nur hinter eurem Geld her bin, warum hast du Glen dann nicht vor mir gewarnt?“, fragte sie in bitterem Ton.

Rohan sah sie an, als ob sie den Verstand verloren hätte. „Wir wissen beide, dass er nicht auf mich gehört hätte. Außerdem wollte ich sein Glück nicht zerstören. Er war in seinem Leben nicht gerade damit gesegnet!“

Schon als Kind war Glen kränklich gewesen, und einen Großteil seiner Jugend hatte er in diversen Krankenhäusern verbracht. Als Erwachsener war er zwei Mal an Lungenentzündung erkrankt. Die Jahre, die Charlotte mit ihm verbracht hatte, waren seine besten gewesen – und dann war er erneut krank geworden. Nie würde Charlotte den Tag vergessen, an dem ihr die Ärzte mitgeteilt hatten, dass er nur mehr wenige Monate leben würde.

Rohans bösartige Vorwürfe machten Charlotte wütend. „Ja, Glen war glücklich mit mir, und es gibt nichts, wofür ich mich schämen müsste! Aber ich werde mir deine Vorwürfe nicht länger anhören, mir reicht es! Von jetzt an will ich mit Courtenay Textiles nichts mehr zu tun haben!“

„Oh nein!“ Rohans Nasenflügel zitterten, und er sah sie böse an. „So leicht kommst du mir nicht davon! Schließlich ist es deine Schuld, dass die Firma in Schwierigkeiten geraten ist! Du wirst mir jetzt gefälligst dabei helfen, die Dinge wieder ins Lot zu bringen!“

Verblüfft sah Charlotte ihn an. „Ich habe die Firma in Schwierigkeiten gebracht? Wie kommst du nur darauf?“ Dieser Mann war einfach unglaublich! Eigentlich hätte sie über seine unbegründeten Vorwürfe lachen sollen, aber dazu war es ihm leider viel zu ernst.

„Du hast sie vernachlässigt.“

Sie schüttelte ungläubig den Kopf. „Was hätte ich denn tun sollen? Jeden Tag zur Arbeit gehen, während mein Mann schwer krank zu Hause lag? Das hättest vielleicht du getan, denn Geld bedeutet dir mehr als mir, aber ich konnte es nicht. Daher habe ich Eric Shotton mit der Geschäftsführung betraut.“

„Shotton hat keine Ahnung vom Geschäft“, entgegnete er heftig. „Er ist ein Versager! Und wenn er nicht freiwillig gegangen wäre, hätte ich ihn hinausgeworfen.“

„Vielleicht habe ich ihn falsch eingeschätzt“, gab sie zu, „aber du kannst doch nicht mir die ganze Schuld geben. Glen brauchte mich! Wie kannst du nur so gefühllos sein!“

Sein Blick wurde hart. „Du hast doch die Firma geleitet. Zumindest warst du für die Finanzen zuständig.“

„Ja, ich habe Glen unterstützt. Du weißt ja, dass Zahlen nie seine Stärke waren.“

„Ach ja?“, meinte er kühl. „Ich glaube eher, es war reine Berechnung. Du wolltest dich unentbehrlich machen, um die Firma eines Tages übernehmen zu können.“ Verächtlich verzog er den Mund, und sein Blick wurde eisig. „Hast du nicht deshalb einen Managementkurs besucht?“

„Das war Glens Idee!“

Er zog die Brauen hoch. „Vielleicht hast du ihn auf diese Idee gebracht?“

„Was für ein gemeiner Kerl du doch bist!“ Charlotte holte aus, um ihn ins Gesicht zu schlagen, aber er war schneller und umklammerte brutal ihr Handgelenk.

„Versuch das nie wieder!“, stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Ich könnte sonst vergessen, dass ich ein Gentleman bin, und zurückschlagen.“

Charlotte fragte sich, was aus der körperlichen Anziehungskraft geworden war, die früher zwischen ihnen gewirkt hatte. Drei Jahre lang waren sie einander aus dem Weg gegangen, um Glen nicht zu verletzen und sein Glück nicht zu zerstören. Sie hatten ihre Gefühle und Empfindungen füreinander unterdrückt. Und jetzt, da Glen nicht mehr da war, waren auch diese Gefühle verschwunden.

Sie versuchte sich aus seinem Griff zu befreien. „Du bist kein Gentleman!“, erklärte sie heftig. „Jetzt zeigst du endlich dein wahres Gesicht! Ich kann einfach nicht fassen, dass du in meiner Vergangenheit herumgewühlt hast! Dazu hattest du kein Recht! Du bist ein gemeiner Schuft, und ich …“

Sie verstummte, als er sie plötzlich an sich zog und ihr den Mund mit seinen Lippen verschloss.

Es war das erste Mal, dass er sie küsste, und Charlotte wehrte sich mit aller Kraft. Wie oft hatte sie von diesem Augenblick geträumt! Doch jetzt, da ihr Traum Wirklichkeit geworden war, spürte sie nur seinen Hass. Wütend stieß sie ihn von sich. „Du ekelhafter Kerl! Lass mich los!“

Doch tief in ihrem Inneren sehnte Charlotte sich danach, seinen Kuss zu erwidern, und verzweifelt versuchte sie, dieses Verlangen zu unterdrücken. Rohan war jetzt ihr Feind, und das durfte sie nie vergessen! Er hatte Dinge zu ihr gesagt, die sie ihm niemals verzeihen konnte und für die sie ihn zutiefst hasste.

„Was soll das?“, fragte sie, als er sie endlich losließ.

„Es gab keinen anderen Weg, dich zum Schweigen zu bringen.“

Wütend sah sie ihn an. „Tu das nie wieder!“

„Und du hör auf, so herumzuschreien“, entgegnete er. „Das schickt sich nicht für eine Dame!“

Charlotte biss die Zähne zusammen und funkelte ihn wütend an. „Es ist schwer, die Fassung zu bewahren, wenn man mit solchen Vorwürfen konfrontiert wird.“

„Die Wahrheit tut oft weh“, erwiderte er spöttisch.

„Du würdest die Wahrheit nicht einmal dann erkennen, wenn man dich mit der Nase darauf stieße!“, konterte sie. „Dich stört doch nur, dass dein Bruder mit der Frau glücklich war, die du selbst einmal begehrt hast! Du bist gekränkt, weil ich Glen dir vorgezogen habe! Das hat dein Ego verletzt, und jetzt versuchst du, dich dafür an mir zu rächen.“

Charlotte wusste nicht, weshalb sie das sagte. Ihre Vorwürfe waren genauso absurd und ungerecht wie seine. Aber Rohan hatte sie zornig gemacht, und sein Kuss hatte sie verwirrt. „Mir reicht es jetzt“, erklärte sie und ging zur Tür.

„Du willst doch nicht für immer gehen?“, rief er ihr in scharfem Ton nach.

Sie drehte sich um und sah ihn kalt an. „Würdest du denn versuchen, mich davon abzuhalten?“

„Bestimmt nicht mit Gewalt“, erklärte er. „Aber ich bitte dich, Charlotte, bleib hier und hilf mir dabei, die Firma wieder flott zu machen.“

„Ich soll dir helfen?“ Skeptisch sah sie ihn an. „Du hast doch schon längst alles an dich gerissen! Ich führe nur noch deine Befehle aus.“ Die Tage, als sie Glens rechte Hand gewesen war und eine eigene Sekretärin hatte, gehörten längst der Vergangenheit an.

„Wie sieht es aus? Hast du dich entschieden?“

Charlotte zuckte die Schultern. Was blieb ihr anderes übrig? Sie würde es für Douglas tun – und für Glen. Ihre Blicke trafen sich. „Also gut“, sagte sie, „ich werde bleiben.“

2. KAPITEL

Als Charlotte wieder in ihrem Büro war, setzte sie sich an den Schreibtisch und dachte über das nach, was soeben vorgefallen war. Sie hatte zwar bemerkt, dass Rohan sich nach Glens Tod verändert hatte, aber sie hätte nicht im Traum daran gedacht, dass er so finstere und gemeine Gedanken hegte.

Sie hatte sein Verhalten darauf zurückgeführt, dass er unter dem Tod seines Bruders litt und verärgert war, weil er seine eigenen Geschäfte vernachlässigen musste. Nie wäre sie auf die Idee gekommen, dass sie der Grund für seine Veränderung sein könnte. Dabei war er schon seit drei Jahren davon überzeugt, dass sie seinen Bruder nur wegen des Geldes geheiratet habe! Und dennoch hatte er nie ein Wort darüber verloren. Der Hass in seiner Seele aber war immer größer geworden und hatte sich schließlich in all den Gemeinheiten entladen, die er ihr soeben an den Kopf geworfen hatte.

Doch trotz dieser gemeinen Lügen und obwohl Charlotte wusste, dass es verrückt war, fühlte sie sich noch immer zu ihm hingezogen.

Sie konnte sich nicht erklären, wie Rohan das mit Barry herausgefunden hatte. Warum hatte er überhaupt Erkundigungen über sie eingezogen? Ihr fiel eine Bemerkung ein, die er einmal fallen gelassen hatte. Er hatte gemeint, dass es bestimmt nicht einfach für sie gewesen sei, mit ihrem Gehalt auszukommen, und was für ein Glück es doch sei, dass sie Glen kennengelernt habe. Auf ihre Frage, was er denn damit sagen wolle, hatte er mit Ausflüchten reagiert. Erst jetzt wurde ihr klar, dass er schon damals denselben hässlichen Verdacht gehegt hatte.

Den Rest des Tages war Charlotte so durcheinander, dass sie keinen klaren Gedanken fassen konnte. Als Rohan ihr dieselbe Frage drei Mal stellte und sie ihm keine vernünftige Antwort geben konnte, sah sie ein, dass es zwecklos war. Sie griff nach ihrer Tasche und ihrer Jacke und wandte sich an ihren Schwager. „Entschuldige, Rohan, ich werde jetzt gehen.“

Er sah auf seine goldene Cartier-Uhr.

„Es ist mir egal, wie spät es ist“, fuhr sie ihn an. „Ich habe Kopfschmerzen und gehe jetzt nach Hause.“

„Du bist nervös, weil ich die Wahrheit über dich herausgefunden habe, stimmt’s?“

Charlotte schüttelte ihre schulterlangen roten Locken und funkelte ihn mit ihren blauen Augen an. „Ja, ich bin durcheinander! Aber nicht, weil du über mich Bescheid weißt, sondern weil deine Anschuldigungen völlig aus der Luft gegriffen sind!“

„Du bist eine gute Lügnerin.“

„Ich lüge nicht!“, entgegnete sie heftig. „Du bist es, der die Tatsachen verdreht! Warum lässt du mich nicht einfach in Ruhe, wenn du mich so sehr hasst?“

„Ich hasse dich nicht, Charlotte.“ Er stand dicht neben ihr, und seine Nähe verhieß nichts Gutes. „Es stört mich zwar, dass du so hinter Geld her bist, aber ich finde dich trotzdem attraktiv.“ Er legte die Hände auf ihre Arme, und sein Gesicht näherte sich bedrohlich dem ihren.

Doch diesmal war Charlotte auf der Hut und entzog sich seinem Griff. „Du bist ein gemeiner Kerl! Nimm die Hände von mir weg!“ Sie stürmte aus seinem Büro und spielte einen Augenblick mit dem Gedanken, die Tür hinter sich zuzuknallen, besann sich jedoch eines Besseren und schloss sie leise. Dann blieb sie noch einen Augenblick stehen, um die Fassung wiederzugewinnen.

Erschrocken zuckte sie zusammen, als die Tür erneut aufging und Rohan lächelnd vor ihr stand. „Gut, dass du noch hier bist. Ich habe vergessen, dir zu sagen, dass mein Vater dich zum Abendessen eingeladen hat. Bitte komm so gegen acht. Er hat Geburtstag, also enttäusche ihn nicht.“

Es war kurz vor acht, und Charlotte war bereits fertig angezogen, dennoch zögerte sie, das Haus zu verlassen. Sie ärgerte sich, dass sie den Geburtstag ihres Schwiegervaters vergessen hatte, und gab Rohan die Schuld dafür. Er hatte sie so durcheinandergebracht, dass sie an nichts anderes mehr hatte denken können.

Schließlich griff sie nach der Flasche Cognac und der Glückwunschkarte, die sie für ihren Schwiegervater vorbereitet hatte, und machte sich auf den Weg nach Frenchwood Manor.

Sie trug ihr cremefarbenes Lieblingskleid, eine Goldkette mit dazu passenden Ohrringen und hatte ein warmes Tuch um die Schultern gelegt.

Nachdem sie fünf Minuten gegangen war, näherte sie sich dem Haus, und die Vordertür ging auf. Rohan schien sie bereits erwartet zu haben. „Ich dachte schon, du würdest nicht kommen“, sagte er vorwurfsvoll. „Die anderen Gäste sind alle schon hier.“

Charlotte hatte die vielen Autos, die in der Einfahrt standen, bereits bemerkt und sich darüber gewundert. „Ich sagte doch, dass ich kommen würde“, erwiderte sie.

Sie betrat die Halle, und als sie an Rohan vorbeiging, stellte sie fest, dass er ein anderes Aftershave benutzte als sonst. Es roch herber und sinnlicher als das Rasierwasser, das er sonst verwendete, und Charlotte spürte ein seltsames Kribbeln im Bauch. In seinem weißen Smoking und mit der weinroten Fliege sah er einfach umwerfend aus, und sie musste sich eingestehen, dass er ein außergewöhnlich attraktiver Mann war.

Er nahm Charlottes Arm und führte sie in den überfüllten Salon. Die Berührung ließ Charlotte erschauern. Höflich lächelnd ging sie an den anderen Gästen vorbei und auf Douglas Courtenay zu, der sich am Ende des Raumes befand.

Beim Anblick seiner Schwiegertochter erhellte sich sein Gesicht. „Charlie! Ich hatte gehofft, dass Rohan dich zu meiner Überraschungsparty einladen würde! Komm, setz dich neben mich! Wir haben viel miteinander zu besprechen!“

Es war sein sechzigster Geburtstag, und sie schämte sich, weil sie nicht daran gedacht hatte. Doch Douglas schien glücklich darüber zu sein, dass sie gekommen war.

Während des Essens saß Charlotte zwischen Vater und Sohn, und wie schon so oft stellte sie fest, dass die beiden sich unglaublich ähnlich waren. Beide waren große, selbstbewusste Männer mit ausdrucksstarken Gesichtern, markanten Brauen und interessiert blickenden, wachen Augen und hatten nichts mit ihrem verstorbenen Ehemann gemein.

Charlotte ignorierte Rohan und konzentrierte ihre ganze Aufmerksamkeit auf ihren Schwiegervater. Sie erzählte ihm, wie sich die Dinge in der Firma entwickelten, und brachte ihn mit kleinen Anekdoten zum Lachen. Die Party schien Douglas gutzutun. So fröhlich war er schon seit Monaten nicht mehr gewesen.

Rohan unterhielt sich angeregt mit seiner anderen Tischnachbarin, einer attraktiven Brünetten, die anscheinend seine Cousine war. Deshalb war Charlotte überrascht, als er sie plötzlich böse anknurrte. „Du schmierst meinem Vater also immer noch Honig ums Maul.“

„Belauschst du eigentlich immer die Gespräche anderer Leute?“, erwiderte sie empört.

„Nur wenn sie meinen Vater betreffen.“ Sein Blick schien sie zu durchbohren. „Du solltest nicht mit ihm übers Geschäft reden. Wenn mein Vater etwas wissen will, dann erfährt er es von mir.“

„Ich habe nur seine Fragen beantwortet“, entgegnete sie. „Was sollte ich denn deiner Meinung nach tun? Sie einfach ignorieren?“

„Schon gut, lassen wir es diesmal dabei bewenden. Aber in Zukunft wirst du es mir überlassen, über geschäftliche Dinge zu sprechen.“

Das sollte wohl heißen, dass sie in der Firma nichts mehr zu sagen hatte! Mit blauen Augen funkelte Charlotte ihn an. „Wie gemein du doch bist!“ Dann wandte sie sich wieder an Douglas.

Bedrückt sah ihr Schwiegervater sie an. Die Auseinandersetzung zwischen Charlotte und seinem Sohn war ihm nicht entgangen. „Du kannst Rohan nicht leiden, Charlie, habe ich recht?“, fragte er in traurigem Ton.

Dein Sohn kann mich nicht leiden! hätte sie am liebsten erwidert, beherrschte sich jedoch und rang sich ein Lächeln ab. „Wir sind oft verschiedener Meinung, das stimmt, aber das heißt noch lange nicht, dass ich ihn nicht mag.“

Zweifelnd sah Douglas sie an. „Aber Rohan ist doch der Grund, weshalb du mich nicht mehr besuchen kommst, oder etwa nicht?“

Charlotte presste die Lippen zusammen und nickte.

Seine Miene war betrübt. „Das tut mir leid. Ich hasse es, mit ansehen zu müssen, wie ihr beide euch bekriegt.“

„Ich hasse es auch“, gab Charlotte zu. „Aber Rohan und ich, wir sind einfach zu verschieden. Da kann man nichts machen.“

„Wie schade!“, meinte er. „Wirst du mich denn öfter besuchen kommen, wenn Rohan die Firma wieder auf Vordermann gebracht und einen neuen Geschäftsführer eingesetzt hat?“

Der Gedanke daran, dass ein Fremder die Firma leiten sollte, stimmte Charlotte traurig. Nicht einmal Douglas traute ihr zu, diese Aufgabe zu übernehmen, obwohl er doch wissen sollte, wie viel sie in den letzten acht Jahren für Courtenay Textiles geleistet hatte!

Sie versuchte sich ihre Gefühle nicht anmerken zu lassen und legte die Hand auf Douglas’ Arm. „Ja, das verspreche ich dir.“ Aus dem Augenwinkel konnte sie sehen, dass Rohan sie beobachtete. Zur Hölle mit ihm! dachte sie. Soll er doch denken, was er will! Trotzig beugte sie sich vor und küsste Douglas auf die Wange.

Charlotte entging nicht, dass Rohan während des restlichen Abendessens gereizt und wütend war, doch sie versuchte sich nichts daraus zu machen. Als Kaffee und Brandy im Salon serviert wurden, blieb sie an Douglas’ Seite.

Rohan unterhielt sich noch immer angeregt mit seiner schönen Cousine Merelda, und das Mädchen ließ seinen ganzen Charme spielen. Eigentlich hätte Charlotte sich jetzt entspannen können, doch immer wieder schweifte ihr Blick in seine Richtung.

Aber sie war nicht die Einzige, die die Augen nicht von Rohan lassen konnte. Auch andere weibliche Gäste warfen ihm bewundernde Blicke zu. Er war zweifellos der attraktivste und faszinierendste Mann im ganzen Raum.

Als Charlotte zum Badezimmer ging, um sich frisch zu machen, war sie davon überzeugt, dass Rohan viel zu sehr in das Gespräch mit seiner Cousine vertieft war, um es zu bemerken. Erschrocken zuckte sie deshalb zusammen, als sie den Flur entlangging und plötzlich eine Hand auf der Schulter spürte.

„Du hast meinen Vater jetzt lange genug mit Beschlag belegt“, sagte Rohan schroff.

Charlotte hielt seinem Blick stand. „Douglas unterhält sich gern mit mir.“

„Er hat auch noch andere Gäste“, erwiderte er unbeeindruckt.

Charlotte wusste, dass er recht hatte, wollte es jedoch nicht zugeben. Denn an der Seite ihres Schwiegervaters fühlte sie sich sicher.

„Warum mischst du dich nicht unter die anderen Gäste und gibst meinem Vater Gelegenheit, sich mit seinen Freunden zu unterhalten?“

„Warum? Wovor hast du Angst?“

„Ich kenne dich, Charlotte!“ Mit kalt blickenden Augen sah er sie an. „Jetzt willst du dich an meinen Vater heranmachen, habe ich recht? Glens Erbe und der nicht unerhebliche Betrag, der dir aus seiner Lebensversicherung ausbezahlt wurde, genügen dir wohl nicht? Jetzt hast du es auch noch auf das Geld meines Vaters abgesehen!“

„Wie kannst du es wagen, so mit mir zu sprechen?“ Wütend holte Charlotte aus, um ihn zu schlagen, doch Rohan war schneller und umklammerte schmerzhaft ihr Handgelenk. „Lass mich los, du ekelhafter Kerl!“, schrie sie ihn an. „Du tust mir weh! Du bist ein Schuft, und ich hasse dich, und …“

Noch ehe sie den Satz beenden konnte, hatte er ihr mit den Lippen den Mund verschlossen. Darauf war sie nicht gefasst gewesen. Ihr Herz begann zu rasen, und das Blut rauschte ihr durch die Adern. Verzweifelt wehrte sie sich und versuchte mit äußerster Kraft, sich aus der Umarmung zu lösen. „Lass mich endlich gehen, du Teufel!“, schrie sie, als er seine Lippen für einen Augenblick von ihren löste.

Er lachte spöttisch. „Ich werde dich gehen lassen, sobald ich mit dir fertig bin.“ Und dann küsste er sie erneut.

Obwohl Charlotte sich verzweifelt wehrte, gelang es ihr nicht, sich zu befreien. Dazu war Rohan viel zu stark und entschlossen. Aber er konnte sie ja nicht ewig küssen. Wenn sie seinen Kuss nicht erwiderte, würde er bestimmt bald wieder von ihr ablassen. Also presste sie die Lippen zusammen und machte sich steif, bis er sie mit wutentbrannter Miene von sich stieß.

„Du bist ein schrecklicher Mensch, Rohan Courtenay!“, schrie sie ihn an. „Wenn du eine Frau nur durch Küsse zum Schweigen bringen kannst, dann tut es mir leid für dich!“ Damit drehte sie sich um und stürmte die Treppe hinauf.

Sie schloss die Badezimmertür hinter sich ab und holte tief Luft. Sollten diese schrecklichen Anschuldigungen denn nie ein Ende nehmen? All ihre Auseinandersetzungen mit Rohan drehten sich nur um eins – um Geld.

Charlotte war froh darüber, dass sie ein schönes Haus besaß und sich keine Gedanken über ihren Lebensunterhalt machen musste, aber Geld war bestimmt nicht das Wichtigste in ihrem Leben. Sie litt sehr unter dem Verlust von Glen und konnte noch immer nicht begreifen, weshalb er so jung hatte sterben müssen. Wenn er ihr nichts hinterlassen hätte, wäre es ihr gleichgültig gewesen, denn Geld hatte in ihrer Beziehung nie eine Rolle gespielt. Sie hatte zwar Sicherheit gesucht, aber keine finanzielle, sondern die Sicherheit der Liebe, die Sicherheit eines glücklichen Familienlebens und die Sicherheit, einen Mann an ihrer Seite zu haben, der immer gut zu ihr sein würde.

Rohans Vorwurf, sie sei jetzt auch noch hinter Douglas’ Geld her, war einfach lächerlich. Ihr Schwiegervater war doch erst sechzig! Dachte Rohan vielleicht, sie rechne damit, dass er bald sterben würde? Oder traute er ihr gar noch Schlimmeres zu?

Charlotte hatte leichte Kopfschmerzen. Wie gern sie doch die Party verlassen hätte und nach Hause gegangen wäre!

Als sie die Treppe herunterkam, stellte sie erleichtert fest, dass Rohan weit und breit nicht zu sehen war. Stattdessen versperrte ihr ein Mann den Weg, der sie schon den ganzen Abend über beobachtet hatte. Sie kannte zwar die meisten der anwesenden Gäste, aber dieser Mann war ihr noch nie zuvor begegnet.

„Wo hat ein schönes Mädchen wie Sie sich nur bisher versteckt?“ Der Unbekannte war kaum größer als Charlotte und hatte strohblondes Haar, eine rötliche Gesichtsfarbe, ungewöhnlich grüne Augen und eine laute Stimme. Er war gut gebaut und sah aus, als ob er den Großteil seiner Zeit im Freien verbringen würde.

„Wie bitte?“ Charlotte sah ihn kühl an.

„Ich sehe Sie heute zum ersten Mal“, meinte er. „Mein Name ist Jonathan Herald. Und wie heißen Sie?“

„Charlotte Courtenay“, erwiderte sie unfreundlich.

„Courtenay?“, fragte er und runzelte die Stirn. „Dann sind Sie also …“

„Ich bin Glens Witwe“, beendete sie den Satz in scharfem Ton.

„Es tut mir leid, das wusste ich nicht. Ich habe die letzten Jahre im Ausland verbracht. Glen ist mit mir zur Schule gegangen. Darf ich Ihnen mein Beileid aussprechen?“

Charlotte spürte, dass andere Gäste sie bereits beobachteten, und wünschte, er würde leiser sprechen. Seine ungehobelte Art erinnerte sie an ihren Vater. „Danke“, erwiderte sie leise.

„Es ist so heiß hier drinnen. Was halten Sie davon, wenn wir beide einen kleinen Spaziergang an der frischen Luft machen würden?“

Er kam wirklich schnell zur Sache! Charlotte schüttelte den Kopf. „Nein, danke.“

„Darf ich mich wenigstens ein bisschen mit Ihnen unterhalten? Alle Mädchen auf dieser Party haben nur Augen für Ihren Schwager Rohan. Er ist sehr attraktiv, finden Sie nicht auch?“

Charlotte zuckte die Schultern. „Wenn man diesen Typ Mann mag.“

Jonathan zog die Brauen hoch. „Und Sie mögen ihn nicht, habe ich recht?“

„Nein, er ist nicht mein Typ“, erwiderte sie.

Er wirkte erfreut und wich von diesem Zeitpunkt an nicht mehr von Charlottes Seite. Sie fühlte sich nicht im Geringsten zu Jonathan hingezogen. Er war viel zu derb und überhaupt nicht ihr Typ, aber sie empfand es trotzdem als angenehme Abwechslung, sich mit ihm zu unterhalten. Rohan hatte recht gehabt – sie konnte ihren Schwiegervater nicht den ganzen Abend in Beschlag nehmen.

Jonathan erzählte ihr, dass er auf einer Ranch in Texas arbeite und jetzt für drei Monate nach England zurückgekommen sei, um seine Familie zu besuchen. Charlotte fand seine direkte Art zwar sehr unterhaltsam, aber sie konnte sich nicht vorstellen, sich mit ihm zu verabreden.

Als sie jedoch bemerkte, dass Rohan sie missmutig beobachtete, tat sie so, als würde sie sich großartig unterhalten, berührte Jonathan am Arm und strahlte ihn an.

Charlotte war erleichtert, als die ersten Gäste die Party verließen. Jetzt konnte auch sie endlich nach Hause gehen. „Ich werde Sie begleiten“, erklärte Jonathan, als sie aufstand, um sich von ihm zu verabschieden.

„Es tut mir leid, Jonathan“, unterbrach ihn Rohan, der plötzlich wie aus dem Nichts neben ihnen aufgetaucht war. „Aber ich werde Charlotte nach Hause bringen.“

Jonathan zögerte einen Augenblick, dann zuckte er die Schultern. Er schien keinen Streit mit Rohan anfangen zu wollen. „Ich werde Sie anrufen“, sagte er zu Charlotte, drückte ihr die Hand und ging davon.

„Dazu hattest du kein Recht“, flüsterte Charlotte erbost. „Woher weißt du überhaupt, dass ich gehen wollte?“

„Körpersprache, liebe Charlotte“, erwiderte er lächelnd. „Ich habe dich den ganzen Abend beobachtet. Wie konntest du auch nur daran denken, dich von einem wildfremden Mann nach Hause bringen zu lassen?“

„Was ist denn schon dabei?“, protestierte sie. „Schließlich ist er ein Freund der Familie.“

„Wohl kaum“, entgegnete er heftig. „Sein Vater ist ein Freund der Familie, Jonathan ist es nicht. Ich kann den Burschen nicht leiden. Er ist erst seit wenigen Wochen wieder hier und hat sich schon mit einem Dutzend Mädchen verabredet.“

„Und das sagst gerade du?“, konterte sie. „Du warst selbst den ganzen Abend von Mädchen umringt!“ Charlotte biss sich auf die Lippe. Rohan sollte nicht wissen, dass sie ihn ebenfalls beobachtet hatte.

„Im Gegensatz zu Jonathan versuche ich aber nicht, sie alle in mein Bett zu kriegen.“

„Tut er das denn?“, fragte sie schockiert.

„Ja.“

„Und du glaubst, er hätte Erfolg bei mir gehabt?“

„Du hast dich blendend mit ihm unterhalten!“

„Er hat mich angesprochen. Ich konnte ihn schlecht ignorieren.“ Sie war gekränkt, dass Rohan so etwas von ihr dachte. „Und jetzt entschuldige mich bitte. Ich will mich von Douglas verabschieden.“

Ihr Schwiegervater war enttäuscht darüber, dass sie schon gehen wollte, und sie musste ihm versprechen, ihn von jetzt an öfter zu besuchen. „Du fehlst mir, Charlie! Lass dich von Rohan nicht davon abhalten herzukommen.“

Sie versprach es, aber sie wusste nicht, ob sie ihr Versprechen auch halten würde. Dann nahm Rohan ihren Arm und führte sie nach draußen. Zu ihrer Erleichterung ließ er sie los, sobald sie sich vom Haus entfernten. Seine Berührung hatte sie erschauern lassen, und Charlotte konnte nicht begreifen, weshalb dieser Mann noch immer solche Gefühle in ihr hervorrief.

„Was weißt du über Jonathan? Was hat er dir über sich erzählt?“, fragte er schroff.

Kalt sah Charlotte ihn an. „Das geht dich nichts an.“

„Du willst meine Fragen also nicht beantworten?“

„Nein!“, verkündete sie. „Du bist der Letzte, mit dem ich mich über meine Freunde unterhalten möchte.“

„Über deine Freunde?“, entgegnete er heftig. „Du bezeichnest Jonathan als Freund, obwohl du ihn erst seit ein paar Stunden kennst? Offenbar bist du deinen Prinzipien treu geblieben.“

Charlotte runzelte die Stirn. „Was willst du damit sagen?“

„Ich spreche von Jonathans Bankkonto.“

Charlotte blieb stehen, sie war verletzt und aufgebracht. „Wie kannst du nur so gemein sein!“

Er blieb ebenfalls stehen und sah sie an. Im hellen Mondlicht konnte sie seine finstere Miene erkennen. „Willst du etwa behaupten, du wüsstest nicht, dass Jonathan Herald ein reicher Mann ist?“

„Nein, das wusste ich nicht!“

„Hat er dir denn nicht erzählt, dass er auf einer Ranch in Texas lebt?“

„Natürlich hat er mir davon erzählt“, antwortete sie, und ihre Augen blitzten vor Zorn. „Aber das bedeutet noch lange nicht, dass er reich ist.“

Rohans Züge wurden hart. „Er lebt und arbeitet nicht nur dort, die Ranch gehört ihm! Wie ich erfahren habe, soll sie riesig sein. Außerdem besitzt er große Viehherden und hat innerhalb kürzester Zeit ein Vermögen gemacht. Jetzt ist er auf der Suche nach einer Frau. Wenn du mir erzählen willst, dass du das alles nicht gewusst hast, dann kann ich dir einfach nicht glauben!“

„Dann werde ich eben nichts sagen.“ Charlotte zuckte die Schultern. „Du glaubst ohnehin nur das, was du glauben möchtest.“ Rasch ging sie weiter und sprach kein Wort mehr, bis sie Tarnside erreichten. Dennoch wollte sie Rohans Unterstellung nicht widerspruchslos hinnehmen.

„Jonathan hat mir wirklich nicht gesagt, dass die Ranch ihm gehört“, erklärte sie, als sie den Schlüssel ins Schloss der Haustür steckte.

„Ach ja?“, erwiderte er in sarkastischem Ton.

„Aber das ist die Wahrheit! Frag ihn doch selbst.“

„Dieser Mann ist ein Angeber“, meinte er verächtlich. „Er erzählt es jedem, der ihm über den Weg läuft. Versuch nicht, mir etwas vorzumachen, Charlotte. Dazu kenne ich dich viel zu gut!“

Die Tür ging auf, und wütend drehte sie sich zu ihm um. „Du bist wirklich ein gemeiner Schuft! Aber der Tag wird kommen, an dem du feststellen wirst, dass du dich in mir getäuscht hast. Doch dann wird es zu spät sein! Wie sehr du mich auch darum bittest, ich werde dir nicht verzeihen!“

Er lachte verächtlich. „Sollte es wirklich einmal so weit kommen, werde ich vor dir auf die Knie fallen und dich um Vergebung bitten.“ Ein sarkastischer Unterton lag in seiner Stimme. „Aber warum stehen wir hier vor der Tür herum? Gehen wir doch hinein.“

Charlotte schüttelte entschieden den Kopf. „Es ist besser, du gehst jetzt wieder auf die Party zurück.“

Doch Rohan ließ nicht locker, und schließlich gab Charlotte nach.

Neugierig ging er im Haus umher und sah sich um. Er betrachtete interessiert die wertvollen Bilder an den Wänden, die schönen Plastiken, Vasen und die Stilmöbel, und sie wusste genau, was er dachte.

„Ich bin müde“, erklärte sie unmissverständlich.

„Wie soll ich das verstehen? Ist das etwa eine Einladung? Bin ich etwa der Nächste auf deiner Liste?“

Charlotte zitterte vor Wut und wollte ihn schlagen, um sich Genugtuung zu verschaffen, doch wieder war Rohan schneller und packte sie schmerzhaft am Handgelenk. Dann ergriff er auch ihr anderes Handgelenk und zog sie zu sich heran. Einen Moment lang dachte sie, er würde sie küssen, doch dann versteinerte sich seine Miene, und er ließ sie abrupt los. Wortlos drehte er sich um, verließ das Haus, und mit lautem Knall fiel die Tür hinter ihm ins Schloss.

3. KAPITEL

In dieser Nacht konnte Charlotte lange nicht einschlafen. Rohan ging ihr nicht aus dem Kopf, und der Gedanke, am Montag wieder Seite an Seite mit ihm arbeiten zu müssen, erfüllte sie mit Unbehagen. Solange er ihr nicht vertraute, würden sie keinen Frieden schließen können, und weil Rohan seine Meinung wohl kaum noch ändern würde, bestand keine Hoffnung für die Zukunft.

Am Samstag erledigte Charlotte ihre Einkäufe, räumte das Haus auf und wusch die Wäsche. Abends war sie so erschöpft, dass sie früh zu Bett ging und auf der Stelle einschlief.

Am Sonntagmorgen erwachte sie zeitig und joggte vor dem Frühstück durch den Park von Frenchwood Manor. Als am späten Vormittag das Telefon klingelte, war sie erstaunt darüber, Rohans tiefe Stimme zu hören. Es war das erste Mal, dass er sie anrief.

„Mein Vater möchte dich sehen“, sagte er schroff. „Es geht ihm nicht gut. Der Arzt hat ihm Bettruhe verordnet und …“

„Ich komme sofort“, unterbrach ihn Charlotte. Seit Glens Tod litt Douglas unter Herzbeschwerden, und sie hatte Angst, dass die Aufregungen der Geburtstagsparty zu viel für ihn gewesen waren.

Ohne ein weiteres Wort zu sagen, legte sie den Hörer auf und rannte den ganzen Weg nach Frenchwood Manor. Sie hatte gedacht, Rohan würde sie erwarten, doch er war nirgends zu sehen. Sie klopfte also an die Tür und wartete, bis Douglas’ Haushälterin sie hereinließ. Mrs. Kirkland war eine mollige, freundliche Frau, die immer lächelte, aber an diesem Tag lag ein Ausdruck von Besorgnis auf ihrem Gesicht. „Sie wissen ja, wo Mr. Courtenays Zimmer ist“, sagte sie leise.

Charlotte nickte und stürmte die Treppe hinauf. Auf dem Flur begegnete sie Rohan, doch sie ignorierte ihn und betrat das Zimmer ihres Schwiegervaters. Sie hatte erwartet, Douglas bleich und schwach in den Kissen liegend vorzufinden, doch stattdessen saß er aufrecht im Bett und wirkte äußerst kampflustig.

„Schön, dass du da bist, Charlie! Ich weiß nicht, weshalb mich dieser verdammte Arzt ins Bett gesteckt hat. Ich werde hier noch verrückt! Komm und unterhalte dich ein bisschen mit mir. Rohan, lass uns ein Weilchen allein. Dieses Mädchen heitert mich bestimmt wieder auf.“

„Du weißt, dass du dich ausruhen und schonen musst.“ Rohan schien nicht gerade erfreut darüber zu sein, seinen Vater mit Charlotte allein zu lassen.

„Ich ruhe mich ja aus!“, erwiderte Douglas streitlustig. „Ich liege schon den ganzen Tag untätig im Bett herum. So schlecht geht es mir doch gar nicht!“

Widerwillig ging Rohan hinaus, und Charlotte setzte sich ans Bett ihres Schwiegervaters. Liebevoll nahm sie seine Hand in ihre. „Warum habt ihr mich nicht früher angerufen? Was ist geschehen? Hattest du wieder einen Herzanfall?“

„Ich glaube ja“, gab er widerwillig zu. „Rohan war dagegen, dich früher anzurufen. Er meinte, ich brauche meine Ruhe. Er ist fast genauso schlimm wie dieser verdammte Arzt!“

Charlotte lächelte liebevoll. „Du bist ein sturer alter Mann! Natürlich musst du dich ausruhen! Aber ich bin froh, dass ich hier bin. Wenn ich irgendetwas für dich tun kann …“

„Es genügt mir, wenn du bei mir bist“, unterbrach er sie und lächelte schief. „Deine Gegenwart heitert mich auf, Charlie.“ Er war der einzige Mensch, der sie Charlie nannte, und Charlotte gefiel der liebevolle Spitzname sehr. Er war ein Beweis dafür, dass Douglas sie als Familienmitglied akzeptiert hatte. Ihr Schwiegervater glaubte bestimmt nicht, dass sie nur hinter dem Geld der Courtenays her sei!

Sie unterhielten sich darüber, wie gut Douglas sich auf der Party unterhalten hatte, und unweigerlich kam das Gespräch auch auf Glen. Doch dann wurde er allmählich müde und lehnte sich zurück. Als Rohan zurückkam, bat er Charlotte, seinen Vater jetzt allein zu lassen.

„Ich komme später wieder“, versprach sie und wollte aus dem Zimmer gehen.

An der Tür und blieb sie erstaunt stehen, als sie Rohan unvermutet fragen hörte: „Warum bleibst du nicht zum Mittagessen?“

Sie drehte sich um und blickte in seine grauen Augen. „Ich soll zum Mittagessen bleiben?“

Er versuchte zu lächeln, aber es wollte ihm nicht gelingen. „Ja. Millie kocht immer reichlich.“

„Du lädst mich zum Mittagessen ein?“, fragte sie ungläubig.

„Mein Vater möchte dich später noch einmal sehen“, erklärte er. „Warum bleibst du also nicht hier?“

Charlotte schüttelte den Kopf. „Ich werde lieber gehen. Ich möchte nicht länger mit dir zusammensein als unbedingt nötig.“

Rohan presste die Lippen zusammen. „Aber ich bestehe darauf! Sobald mein Vater aufwacht, wird er dich sehen wollen.“

„Also gut, dann werde ich eben bleiben. Aber nur wegen Douglas!“, willigte sie schließlich ein und folgte Rohan ins Speisezimmer.

„Warum hast du mir nicht früher gesagt, dass es deinem Vater so schlecht geht?“, fragte sie und nahm das Glas Wein entgegen, das Rohan ihr reichte.

„Was hättest du schon tun können?“, fragte er schroff. „Er hat viel geschlafen. Ansonsten war er griesgrämig und mürrisch.“

„Zu mir war er freundlich wie immer.“

„Natürlich! Weil du ihn genauso um den Finger gewickelt hast wie meinen Bruder. In dieser Beziehung bist du sehr geschickt, Charlotte McAulay!“

„Hör auf, mich so zu nennen!“

„Der Gedanke, dass du eine Courtenay bist, gefällt mir nicht“, antwortete er ruhig.

„Das tut mir leid“, entgegnete sie heftig. „Aber daran wirst du nichts ändern können.“ In einem Zug trank sie das Glas leer, und Rohan schenkte ihr wortlos nach.

„Das Essen ist fertig.“ Millie Kirkland betrat mit zwei Tellern dampfender Suppe den Raum, und sie setzten sich zu Tisch.

Aber das Thema war noch nicht beendet. „Glaubst du etwa, der Name Courtenay gibt dir das Recht, dich in Firmenangelegenheiten einzumischen?“, fing Rohan wieder an, nachdem er von der Suppe gekostet hatte.

„Warum nicht?“, antwortete Charlotte. „Ich weiß genauso viel über Courtenay Textiles, wie Glen darüber wusste, und zweifellos mehr als du!“ Es war ein Fehler, das zu sagen, aber es war ihr gleichgültig. Dieser Mann war ja so anmaßend! Er verdiente es, vor den Kopf gestoßen zu werden!

Rohan sah sie böse an. „Hältst du dich etwa für geeignet, die Firma zu leiten?“

Charlotte schwieg, doch es war ihr anzusehen, was sie dachte.

„Ich hatte also recht!“, meinte er empört. „Weiß mein Vater denn von deinen hochtrabenden Plänen?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Dann behalte sie besser für dich.“

Du willst nicht, dass ich die Firma leite!“, entgegnete sie heftig. „Und du willst verhindern, dass Douglas mir die Chance dazu gibt!“

„So ist es. Hältst du mich denn für einen Idioten? Glaubst du, ich wüsste nicht, was du als Nächstes vorhast?“

„Was ich als Nächstes vorhabe?“, wiederholte Charlotte stirnrunzelnd. „Worauf willst du hinaus?“

Er warf ihr einen eisigen Blick zu. „Hast du denn nicht vor, Firmenanteile für dich zu beanspruchen? Willst du etwa keine finanziellen Vorteile für dich herausschlagen?“

Autor

Jessica Bird
Ihren ersten Liebesroman las Jessica Bird als Teenager ganz romantisch in einem Rosengarten. Sie wurde augenblicklich süchtig nach mehr. Als sie mit dem College begann, besaß sie bereits Kartons über Kartons mit Romances. Ihre Mutter fragte sie jedes Jahr, warum alle diese Bücher das Haus vollstellen mussten – und Jessica...
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