Julia Weihnachtsband Band 29

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DER ZAUBER DIESER WEIHNACHT von ROBERTS, ALISON
Es könnte ihr letztes Weihnachten sein - und das will Emma nicht alleine feiern. Bei dem Witwer Adam McAllister und seinen Kindern findet sie Geborgenheit und Frieden. Sie genießt das Fest im Zeichen der Liebe. Und weiß doch, dass sie Adam bald für immer verlassen muss …

SÜßE KÜSSE IM SCHNEE von MILNE, NINA
Er hat sie nie vergessen - und in dem traumhaften Alpenchalet spürt Ethan Caversham auch warum: Während leise die Schneeflocken fallen, wärmt Rubys Zärtlichkeit sein Herz. Aber sie will eine Familie - und Ethan weiß nicht, ob er ihren größten Weihnachtswunsch je erfüllen kann …

NEUES JAHR, NEUES GLÜCK? von HANNAY, BARBARA
Zac ist am Ende! Seine Schwester hat ihm ein besonderes Erbe hinterlassen: ihre Tochter Lucy. Gut, dass seine Assistentin Chloe sich um die Kleine kümmert. Während der Festtage genießt auch Zac ihre betörende Nähe. Doch ein gemeinsames Leben? Für den Playboy unvorstellbar ...


  • Erscheinungstag 07.10.2016
  • Bandnummer 29
  • ISBN / Artikelnummer 9783733706142
  • Seitenanzahl 384
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Alison Roberts, Nina Milne, Barbara Hannay

JULIA WEIHNACHTEN BAND 29

ALISON ROBERTS

Der Zauber dieser Weihnacht

Adam McAllister glaubt nicht an die Liebe – aber in Emmas Armen kann er seine tragische Vergangenheit vergessen. In der besinnlichen Christnacht zieht der Arzt die Nanny seiner Kinder in seine Arme – und will sie nie wieder gehen lassen. Doch Emma verschweigt ihm etwas: Sie ist schwer krank – und wenn nicht ein Weihnachtswunder geschieht, gibt es keine Zukunft …

NINA MILNE

Süße Küsse im Schnee

Ein Kuss unter dem Mistelzweig, von dem Mann, der sie liebt: Nichts wünscht sich Ruby sehnlicher. Möglicherweise ist ihr neuer Boss Ethan der eine – schließlich ist er charmant und äußerst anziehend! Wenn nur die traurigen Erinnerungen nicht wären: Sie kennt Ethan von früher – und damals hat er sie zutiefst verletzt. Kann sie ihm heute vertrauen?

BARBARA HANNAY

Neues Jahr, neues Glück?

Londons Straßen glänzen im Schein der funkelnden Lichter – niemals hätte Chloe gedacht, dass sie das Weihnachtsfest in der britischen Hauptstadt verbringen wird! Und das mit ihrem Chef Zac Corrigan, für den sie seit Jahren schwärmt! Seine Liebe lässt sie auf Wolke sieben schweben – doch wird der Playboy ihr auch nach den romantischen Feiertagen noch treu sein?

1. KAPITEL

Was Emma Sinclair brauchte, war ein Zauberstab!

Ein Zauberstab, mit dem sie den Dezember einfach wegzaubern konnte.

Damit es endlich Januar wurde, und ein neues Jahr begann. Vielleicht sogar ein neues Leben.

Oder nicht?

Vielleicht sollte sie lieber die Zeit anhalten. Damit von nun an immer Anfang Dezember wäre und sie sich so gesund fühlte, als wären die letzten Monate nur ein schlimmer Traum gewesen.

In ihrer kleinen Wohnung in London war es ein wenig stickig geworden. Emma schob das Fenster einen Spalt weit auf, um frische Luft hereinzulassen. Kalte Luft. Der Himmel war dunkelgrau und wolkenverhangen. Aber aus den Wolken würden keine hübschen Schneeflocken herunterrieseln. Eher Hagelkörner. Oder sie würden frostigen Nebel bringen, der sich über die ganze Stadt legte.

Zu dieser Jahreszeit war London oft furchtbar grau.

Der Nachmittag war gerade angebrochen, aber schon jetzt brannten auf der Straße und in den Fenstern des Hauses gegenüber die Lichter. Allerdings waren es keine gewöhnlichen Lichter. Einige Leute hatten ihren Weihnachtsbaum bereits aufgestellt, und in den Schaufenstern der Geschäfte blinkten bunte Lichterketten.

Ein Weihnachtsmann stand auf der Straße und hielt den Passanten Flyer hin, auf denen vermutlich Weihnachtsprodukte angeboten wurden.

Etliche Menschen liefen umher, eingepackt in dicke Mäntel, Schals und Mützen. Regenschirme wurden aufgespannt, weil die Wolken nun doch beschlossen hatten, ihre Feuchtigkeit in Form von dicken Tropfen abzugeben. Mütter überprüften, ob die Kinderwagen auch abgedeckt waren und versuchten, kleine Kinder und Pakete so anzuordnen, dass alles und jeder trocken blieb.

So viele Leute.

Familien.

Warum nur fühlte man sich noch einsamer, wenn man von Menschen umgeben war?

Das Telefon riss Emma aus ihren trüben Gedanken.

„Sharon …“, rief sie in den Hörer. „Wie ist das Wetter im sonnigen Kalifornien?“

„Fantastisch. Es fühlt sich gar nicht wie Dezember an. Aber ich habe auch das Gefühl, als wäre meine Sommerhochzeit im guten alten England erst gestern gewesen. Ist es bei euch kalt und grau?“

„Natürlich.“ Sie musste nach dem Telefonat unbedingt daran denken, das Fenster zu schließen. Fröstelnd trat sie an den kleinen Gaskamin heran, der eine wohlige Wärme verbreitete.

„Was machst du so?“, wollte Sharon wissen.

„Im Moment? Ich stehe vor dem Kamin und schaue mir euer Hochzeitsfoto an. Du warst die schönste Barut der Welt und siehst auf dem Bild wahnsinnig glücklich aus.“

„Ach … ich hatte die beste Brautjungfer der Welt. Da ist es mir leicht gefallen.“

Emma lachte. „Es lag wohl eher daran, dass du die Liebe deines Lebens geheiratet hast. Wie geht’s Andy?“

„Super. Erst gestern haben wir von dir geredet, und er meinte, ich soll dich anrufen und über Weihnachten zu uns einladen.“

„Ohhh …“ In Emmas Stimme schwang eine Mischung aus Verzweiflung und Bedauern mit. „Daraus wird leider nichts. Ende Dezember ist die Kontrolluntersuchung fällig, die ich alle drei Monate machen muss. Sobald sie ein freies Bett haben, ruft mich das Krankenhaus an. Jack hat mir geraten, keine allzu weiten Reisen zu unternehmen.“

„Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich dir nicht beistehen kann. Du solltest die schreckliche Untersuchung nicht allein durchmachen müssen.“

„Ich schaffe das schon.“

„Ich wäre so gern für dich da. Damit ich dich hinterher nach Hause bringen kann und dafür sorge, dass du die Schmerzmittel nimmst.“

„Das weiß ich doch, Sharon. Aber ich schaffe es wirklich allein.“

„Du könntest den Termin auf Januar oder Februar verschieben. Ich bin mir sicher, unser wunderbarer Dr. Jack wird sich für dich einsetzen.“

Emma schloss die Augen und holte tief Luft. „Das Warten ist auch so schon schlimm genug. Ich glaube, noch länger würde ich die Spannung nicht aushalten.“

„Verstehe … Der Zeitpunkt ist natürlich denkbar ungünstig, aber je schneller du es hinter dir hast, umso besser. Du rufst mich doch an, sobald es was Neues gibt?“

„Klar. Du erfährst es als Erste.“

„Es werden ganz bestimmt gute Nachrichten sein, das weiß ich.“

Gut reicht aber nicht.“ Emma schluckte schwer. „Entweder es sind die Besten oder die Schlimmsten. Dazwischen gibt es nichts. Wenn die Behandlung nicht angeschlagen hat, dann war’s das. Dann können sie nichts mehr für mich tun, und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis …“

Emmas Stimme zitterte. Sie hätte sich dafür ohrfeigen können, dass sie von ihrer schlimmsten Befürchtung gesprochen hatte. Vielleicht waren die anderen Fotos auf dem Kaminsims der Auslöser gewesen, dass sie für einen Moment Schwäche gezeigt hatte. Das Foto von ihrem Vater, den sie vor vielen Jahren verloren hatte. Und das von ihrer Mutter, die vor gut einem Jahr gestorben war.

„Du brauchst Ablenkung“, erklärte Sharon. „Wenn du den ganzen Tag allein zu Hause rumsitzt, fällt dir irgendwann die Decke auf den Kopf.“

„Du hast recht. Ich habe schon dran gedacht, mir einen Job zu suchen.“

„Wirklich? Geht es dir gesundheitlich denn so gut?“

„Ja. Und in dieser Jahreszeit gibt es ja jede Menge Aushilfsjobs. Kannst du dich noch daran erinnern, wie ich mal eine Elfe gespielt habe?“

„Ja, du hast dem Weihnachtsmann beim Geschenkeverteilen geholfen.“ Sharon kicherte. „Irgendwo muss ich noch ein Foto von dir im Elfenkostüm haben. Andy zeige ich das lieber nicht, sonst denkt er am Ende noch, er hätte die Falsche geheiratet.“

„Ach, was …“ Emma grinste. „Ich könnte auch Straßenmusik machen.“ Ihr Blick wanderte zu einer Ecke des Zimmers. „Meine arme Gitarre setzt nämlich schon Staub an.“

„Auf der Straße ist es doch viel zu kalt. Als Elfe hättest du bestimmt mehr Spaß.“

„Stimmt …“ Auch im Zimmer wurde es allmählich kalt. Sie musste unbedingt das Fenster zumachen. „Weißt du was? Ich gehe gleich mal zum Kiosk an der Ecke und besorge ein paar Zeitungen. Vielleicht stoße ich auf eine interessante Stellenanzeige.“

„Gute Idee! Und halte mich auf dem Laufenden, ja?“

„Klar.“

„Du fehlst mir.“

„Du mir auch.“

Nach dem Auflegen hörte Emma nur noch das leise Knistern des Kaminfeuers und die Regentropfen, die gegen die Scheibe prasselten. Die Stille war unangenehm.

Fast schon bedrohlich.

Wenn sie noch länger in der Wohnung blieb, würde sie noch in Selbstmitleid zerfließen. Emma schloss das Fenster, streifte den Mantel über und wickelte sich einen Schal um. Sie nahm ihre Tasche und einen Schirm und öffnete die Haustür. Sie würde nicht zum Kiosk an der Ecke gehen, sondern sich auf den Weg zum Einkaufszentrum machen. Etwas Bewegung konnte ihrem Körper nicht schaden.

„Aua … Daddy, das tut weh.“

„Verzeihung, Spatz.“

Adam McAllister unterdrückte ein verzweifeltes Stöhnen. Die feinen blonden Haare seiner Tochter wollten nicht so, wie er es sich vorstellte. Wie konnte es sein, dass seine Hände geschickt genug waren, eine Wunde so zuzunähen, dass fast keine Narbe zurückblieb, aber völlig versagten, wenn er einem kleinen Mädchen Zöpfe flechten sollte?

„Wollen wir dir nicht lieber einen Pferdeschwanz machen?“

„Nein.“ Das energische Kopfschütteln sorgte dafür, dass sich der fast fertige Zopf in Nullkommanichts wieder auflöste. „Jeannie hat immer Zöpfe, und ich will genauso aussehen wie sie.“

„Dad? Wo ist mein Schuh?“

„Bestimmt da, wo du ihn hingestellt hast, Ollie.“ Adam griff noch einmal zur Bürste. Dabei fiel sein Blick auf die Armbanduhr. „Die Zeit reicht nur noch für einen Pferdeschwanz, Poppy. Sonst kommst du zu spät in die Schule, und ich kriege in der Praxis Ärger mit Eileen. Im Wartezimmer sitzen dann nämlich lauter wütende Leute, die wissen wollen, wo der Doktor steckt.“

Poppys Augen füllten sich mit Tränen.

Aus dem Wohnzimmer kam ein dumpfes Geräusch, dann fing ihr Zwillingsbruder Oliver an zu schreien. „Das war nicht meine Schuld. Es ist einfach so umgefallen, und jetzt ist es kaputt …“

Die Haustür fiel mit lautem Knall ins Schloss. „Tut mir leid, dass ich so spät dran bin. Die Straßen sind spiegelglatt, und der alte Jock hat die Straße mal wieder mit seinem Traktor versperrt, weil er jemandem helfen wollte, dessen Auto im Graben gelandet ist. Ich …“ Die ältere Frau sprach nicht weiter, sondern schaute auf das Chaos in der Küche.

„Ist sie schon weg?“

„Ja …“ Adam drückte seiner Mutter die Bürste dankbar in die Hand. „Die Pausenbrote sind fast fertig. Ich sehe lieber mal nach, was Ollie diesmal kaputtgemacht hat.“

„Nein, dieses Kindermädchen.“ Seine Mutter schüttelte den Kopf. „Wie kann man nur Hals über Kopf davonlaufen.“

„Sie ist neunzehn. Verliebt. Als sie schwanger wurde, hat sie sich eben schnell entscheiden müssen.“

„Was ist schwanger?“ Poppys Tränen waren versiegt, und sie stand ganz still da, während ihre Großmutter ihr das Haar zu Zöpfen flocht.

„Es bedeutet, man bekommt ein Baby.“

„Tante Marion bekommt ein Baby.“

„Das stimmt. Und Kylie bekommt auch eins.“

„Aber Kylie muss doch auf uns aufpassen. Sie kommt doch wieder, oder?“

„Nein. Sie zieht nach Australien – ihr Freund kommt von dort.“

„Was ist Australien?“

„Das ist ein Land, das ganz weit weg liegt.“ Adam war bei der Wohnzimmertür angelangt und stellte fest, dass die Stehlampe umgefallen war und ein Foto vom Kaminsims mitgerissen hatte. Nicht weiter schlimm, also. Er konnte sich später darum kümmern, sobald er eine Minute Zeit hatte. Er ging in die Knie und hob einen einsamen Schuh auf.

„Ollie? Wo steckst du? Zeit für die Schule.“

Ein kleiner verwuschelter Kopf tauchte langsam hinter dem Sofa auf.

„Nun, komm schon und sag Granny guten Morgen. Sie muss dir noch die Haare kämmen.“

„Australien ist noch weiter weg als Kanada.“ Seine Mutter wickelte ein paar bunte Bänder um Poppys Zöpfe. „Dort wohnt Tante Marion.“

Sie schaute auf, als Adam mit Oliver im Schlepptau in die Küche trat. Im nächsten Moment fiel ihr Blick auf einen Stapel Schulbücher, der auf dem Küchentisch lag. Ein milchverschmierter Löffel, der vorher wohl in einer Müslischüssel gesteckt hatte, lag obenauf. Sie wandte den Kopf, schaute auf das schmutzige Geschirr, das sich neben der Spüle stapelte, und schnalzte mit der Zunge.

„Ich bring’s nicht fertig“, sagte Catherine McAllister. „Unter gar keinen Umständen fliege ich nach Kanada und lasse dich hier mit allem allein.“

„Aber Marion braucht dich. Das Baby kommt nächste Woche.“

„Sie wird es schon verstehen.“

„Wir reden hier von meiner Schwester.“ Adam lächelte schief. „Sie wird nie wieder ein Wort mit mir reden. Und sie wird sagen, du hättest mir schon seit Jahren geholfen, und ich gönne ihr deine Hilfe nicht mal für ein paar Wochen. Es ist nicht ihre Schuld, dass mein Kindermädchen nach Australien durchgebrannt ist.“

Catherine schaute zur Küchenuhr. „Du musst los, oder Eileen Stewart wird dich umbringen. Ich bringe die kleinen Mäuse schon in die Schule.“

„Danke, Mum.“ Adam streifte den Mantel über, der es gestern Abend nicht mehr vom Küchenstuhl an die Garderobe geschafft hatte. „Und denk nicht mal daran, die Reise abzusagen. Ich habe in allen Zeitungen inseriert, dass ich ein Kindermädchen suche. Ich finde schon jemand für die Zeit, in der du weg bist. Danach können wir uns Gedanken machen, wo wir langfristig jemand Zuverlässigen herbekommen.“

„Warten wir’s ab.“ Catherine klang alles andere als überzeugt. „Ich fliege erst am Dienstag. Und wenn du bis dahin niemand gefunden hast, bleibe ich hier. Fertig, aus.“

Der Zug aus London traf pünktlich in Edinburgh ein. Der Anschlusszug, den Emma nehmen musste, um ins schottische Niemandsland zu gelangen, war weniger zuverlässig. Der eisige Wind, der in den Wartesaal drang, kroch ihr in die Knochen. Emma kauerte sich zwischen ihren Rucksack und den Gitarrenkoffer.

War die Idee vielleicht doch zu verrückt?

Aber dieser Dr. McAllister hatte gestern am Telefon so begeistert geklungen. Er hatte ihr versprochen, die Reisekosten zu übernehmen, wenn sie zum Vorstellungsgespräch käme, und hatte ihr gesagt, sie sei bestimmt die Richtige für den Job und solle doch gleich mitbringen, was sie für ein paar Wochen in Schottland brauche. Dann könne sie gleich dableiben und müsse nicht erst wieder nach London zurück.

Und tatsächlich klang alles perfekt. Emma konnte das hübsche schottische Dorf schon fast vor sich sehen. Die alten Häuser waren von einer pudrigen Schneeschicht bedeckt, dazu ertönten Weihnachtslieder, die von rotbäckigen Dorfkindern gesungen wurden. Gab es einen besseren Ort, um die schreckliche Wartezeit zu verbringen? Außerdem würde man ihr nicht die Verantwortung für einen Säugling übertragen. Sie sollte sich um sechsjährige Zwillinge kümmern – das konnte doch nicht so schwer sein, oder?

Ein schriller Pfiff und quietschende Bremsen kündigten die Ankunft des Zugs an. Emma langte mit der einen Hand nach den Trageriemen ihres Rucksacks, mit der anderen nach dem Griff ihres Gitarrenkoffers. Im nächsten Moment stellte sie den Koffer wieder ab und fischte in ihrer Manteltasche nach dem Zettel, auf dem sie die Wegbeschreibung notiert hatte.

Um vier Uhr nachmittags sollte sie in der Arztpraxis von Braeburn sein. Offenbar waren es vom Bahnhof aus nur ein paar Minuten zu Fuß. Sie musste den kleinen Platz am Ende der Einkaufsstraße überqueren und dann in eine schmale Straße einbiegen. Eigentlich konnte sie die Praxis nicht verfehlen, aber falls sie doch irgendwann vor dem Gemeindehaus stand, musste sie wieder umkehren. Sie würde nicht nur den sympathischen Arzt kennenlernen, sondern auch die beiden Kinder und die Großmutter.

Emma nahm ihren ganzen Mut zusammen, stieg in den Zug und verstaute Rucksack und Gitarrenkoffer in einem gespenstisch leeren Abteil. Offenbar zählte Braeburn nicht zu den beliebtesten Reisezielen. Aber immerhin wurde Emma durch keine lautstarke Unterhaltung gestört und konnte in Gedanken schon einmal durchspielen, was sie in Braeburn erwarten würde.

Dass die Großmutter bei dem Vorstellungsgespräch dabei sein sollte, bereitete ihr ein wenig Unbehagen. In Gedanken sah sie eine grimmige, ältere Schottin vor sich. Klein und drahtig, mit einem Haarnetz, das die grauen Locken bändigte. Dazu ein missbilligender Blick, dem nicht der kleinste Fehler einer Bewerberin entgehen würde.

Diese Frau musste Emma überzeugen.

Sie ließ den Hinterkopf auf die verblichene Kopfstütze sinken und schaute aus dem Fenster. Hügel und Wiesen zogen vorbei. Gelegentlich überquerte der Zug einen kleinen Fluss. Ein hübscher Flecken Erde. Und weit, weit weg von London und dem sechsgeschossigen Krankenhaus und der Angst vor dem, was sie im neuen Jahr erwartete.

Sie musste diesen Job unbedingt bekommen, sonst würde sie wieder ins einsame London zurückkehren müssen. Sie brauchte eine Atempause von der Angst. Wäre es nicht schön, im Kreis einer Familie Weihnachten zu feiern?

Sie strich sich übers Haar. Die wilden Locken waren einigermaßen gebändigt. Und wie froh sie sein konnte, dass ihr Haar nach der Chemotherapie so üppig nachgewachsen war. Dennoch hätte sie sich vor der Reise eigentlich etwas zum Anziehen kaufen müssen. Die Jeans und der Wollpullover schlotterten um ihren Körper, weil sie in den letzten Monaten so viel abgenommen hatte. In diesem Aufzug würde sie keinen besonders guten Eindruck machen, aber ging es nicht in erster Linie um ihre Persönlichkeit?

Dieser Dr. McAllister mit der tiefen Stimme und dem starken schottischen Akzent hatte richtig sympathisch geklungen. Vielleicht war er ein bisschen kurz angebunden gewesen. Je länger sie an das Telefongespräch dachte, desto mehr hatte sie das Gefühl, er hätte angespannt geklungen.

Fast schon … verzweifelt?

Vielleicht waren die Kinder kleine Monster, die ihre Kindermädchen zum Frühstück verspeisten, und die Oma würde den ganzen Tag in einer Ecke sitzen und jeden ihrer Schritte kritisieren. Vielleicht würde der Arzt auch nur einen Blick auf Emma werfen und sie fragen, was sie sich einbildete – ob sie wirklich meinte, sich um seine geliebten Kinder kümmern zu dürfen, wo sie doch offensichtlich schwer krank war?

Nein. Emma riss sich selbst aus ihren Gedanken.

Das Schicksal hatte sie hergeführt. Es war die erste Anzeige gewesen, die ihr in der Zeitung aufgefallen war, und nachdem sie die Nummer gewählt hatte, war der Arzt nach dem ersten Klingeln rangegangen. Und am Fahrkartenschalter hatte es noch nicht mal eine Schlange gegeben. Nein, das konnte alles kein Zufall sein.

Sie musste nur zuversichtlich bleiben und durfte die Hoffnung nicht verlieren.

Das Dorf war so hübsch, wie Emma es sich vorgestellt hatte, mit alten, windschiefen Häusern und Straßen mit Kopfsteinpflaster. Allerdings nahm Emma das nur flüchtig wahr, denn der Zug hatte Verspätung, und sie musste sich beeilen. Dass es hier etwas früher dunkler wurde und auch einige Grade kälter war als in London, störte sie nicht, denn die weihnachtlich geschmückten Schaufenster der Geschäfte waren hell erleuchtet und sorgten für eine heimelige Atmosphäre.

Als sie an einem Gasthof vorbeikam, lächelte Emma in sich hinein. An der Tür prangte ein handgeschriebenes Schild, das verkündete: „Drinnen ist für alle Platz.“ Vielleicht war der Wirt einer der Männer, die gerade auf dem Marktplatz damit beschäftigt waren, einen gigantisch großen Weihnachtsbaum hochzuziehen. Einer von ihnen rief mit breitestem schottischem Akzent Anweisungen, die Emma fast nicht verstand.

Ihr Mut sank, als sie die Arztpraxis betrat und von einer Frau, die so aussah, wie sie sich die Großmutter vorgestellt hatte, streng gemustert wurde.

„Haben Sie einen Termin? Der Doktor hat keine Zeit, außer es handelt sich um einen Notfall. Unsere Sprechstunde ist nämlich vorbei.“

Die Großmutter hatte den letzten Satz noch nicht beendet, da glitt die Tür hinter Emma auf und eine zweite Frau trat ein.

„Ist gut, Eileen. Wir haben schon auf Emma gewartet.“

Emma wirbelte herum und sah eine elegant gekleidete, ältere Frau, die ihr ein warmes Lächeln schenkte. „Ich nehme an, Sie sind Emma?“

„Äh … ja. Und Sie sind …?“

„Catherine McAllister. Adams Mutter.“ Sie blickte an Emma vorbei. „Ist Adam im Sprechzimmer, Eileen?“

„Ja. Und die Kleinen auch.“ Sie ließ ein verächtliches Schnauben hören. „Ich hab dem Doktor gesagt, es ist keine gute Idee, die Kinder herzubringen. Sie werden noch was kaputtmachen oder …“

„Warum machen Sie nicht mal früher Feierabend, Eileen?“ Catherine lächelte. „Sie haben in der Weihnachtszeit doch bestimmt viel um die Ohren. Ist heute Nachmittag nicht Chorprobe?“

„Nun, wie Sie meinen, Mrs. McAllister.“

„Ich finde es nur schade, dass ich in diesem Jahr die schönen alten Weihnachtslieder nicht hören werde.“

„Sie fliegen morgen, oder?“

„Mhm, das hoffe ich wenigstens.“ Catherine blickte zu Emma. „Adams Schwester bekommt ihr erstes Kind. In Kanada.“

„Oh … wie aufregend.“ Emma sah die Gefühle, die sich im Gesicht der anderen Frau abzeichneten. „Da wird sie sich aber freuen, dass Sie bei ihr sind. Ich … ich habe meine Mum letztes Jahr verloren und vermisse sie sehr. Aber in einem solchen Moment würde sie mir bestimmt noch viel mehr fehlen.“

Wenn sie ein Baby bekam? Falls sie überhaupt jemals eins bekam, wäre wohl treffender. Aber sie hatte schon viel zu viel über sich verraten. Das sagte ihr der prüfende Blick, den ihr die andere Frau zuwarf. Emma biss sich auf die Lippe, aber Catherine lächelte. Ihre Augen waren voller Mitgefühl, und sie legte eine Hand tröstend auf Emmas Arm.

„Kommen Sie. Wir wollen doch mal sehen, wo mein Sohn steckt.“

Ob sie ihr Gepäck wohl im Wartezimmer lassen konnte? Emma blickte kurz zu Eileen, die missbilligend die Nase rümpfte. Schnell nahm Emma ihren Rucksack und den Gitarrenkoffer und folgte Catherine durch eine Tür. Leider verfing sich der Koffer in der Tür, sodass Emma stolperte und beinahe ins Sprechzimmer gefallen wäre.

Der Mann, der halb auf der Schreibtischkante saß, drehte abrupt den Kopf in ihre Richtung. Die beiden Kinder, die auf dem Fußboden hockten und mit einem Stethoskop und Verbandszeug spielten, blickten hoch und erstarrten.

Unangenehme Stille setzte ein, und Emma spürte, dass sie dunkelrot anlief. Warum hatte sie das sperrige Gepäckstück bloß mitgenommen? Glaubte sie etwa, sie könnte auf dem Marktplatz von Braeburn Straßenmusik machen, falls es mit dem Job als Kindermädchen nicht klappte?

Was ihr Unbehagen noch verschlimmerte, war die Tatsache, dass der Arzt ganz anders aussah, als sie ihn sich vorgestellt hatte. Adam McAllister war nicht etwa ein väterlicher Landarzt mit leichtem Bauchansatz, sondern ein großer, durchtrainierter Mann. Mehr als durchtrainiert. Mit dem tiefschwarzen Haar, dem olivefarbenen Teint und den scharf geschnittenen Gesichtszügen war er wohl der bestaussehende Mann, dem Emma jemals begegnet war.

Abgesehen davon, dass er die Stirn runzelte. Adam McAllister wirkte unnachgiebig. Grimmig. Vielleicht sogar wütend?

Auf sie?

„Es tut mir leid, dass ich zu spät bin“, stieß sie hervor. „Aber der Zug …“ Hilfe. Er sah sie an, als wüsste er über sie genau Bescheid. Hatte er sich etwa ihre Krankenakte schicken lassen?

„Der Zug hat immer Verspätung.“ Catherine bot ihr einen Stuhl an und schaute lächelnd zu den beiden Kindern. „Was ist denn da passiert? Hat sich Poppy schon wieder das Bein gebrochen, Ollie?“

„Ja. Und ich mache sie gesund.“ Aber jemand anderes fesselte jetzt die Aufmerksamkeit des kleinen Jungen. „Wer bist du?“, fragte er Emma. „Und was ist das?“

„Ich bin Emma. Und das ist mein Gitarrenkoffer.“

„Kann ich den anschauen?“

„Später, vielleicht“, erwiderte Adam McAllister vage. „Granny geht jetzt gleich mit euch zum Marktplatz. Da wird der Weihnachtsbaum aufgestellt. Danach geht’s ab nach Hause.“

„Aber erst wollen wir uns ordentlich vorstellen“, sagte Catherine bestimmt. „Emma – das sind Oliver und Poppy. Ollie und Poppy – das ist Emma … Sinclair?“

Miss Sinclair“, verbesserte Adam sie.

„Meinetwegen gerne Emma“, erklärte Emma. „Hallo Poppy, hallo Ollie. Ihr seid Zwillinge, stimmt’s?“

Die beiden Kinder starrten sie an. Sie hatten braune Augen wie ihr Vater, aber die Haarfarbe war wesentlich heller. Poppys langen Zöpfe waren goldblond. Und sie hielt etwas in der Hand.

„Ist das Barbie?“

Poppy nickte. „Sie hat ein Pony“, erklärte sie. „Zu Hause.“

„Da hat sie aber Glück. Ich liebe Ponys.“

„Ich hab auch ein Pony.“

„Jemima ist kein Pony“, sagte Oliver. „Sie ist ein Esel.“

Emma blinzelte. Catherine lachte. „Adam hat am Telefon vermutlich nicht viel erzählt“, sagte sie. „Aber es gibt ein paar Haustiere. Mögen Sie Tiere?“

„Ja. Ich hab sogar mal in einem Zoogeschäft gearbeitet. Dort gab es jede Menge Welpen und Kätzchen. Aber auch Mäuse und Ratten.“

Poppy riss die Augen auf. „Ich liebe Welpen. Und Kätzchen.“

„Ich liebe Ratten“, sagte Oliver. „Daddy, darf ich eine Ratte haben?“

„Wir haben auf dem Hof bestimmt schon eine.“

„Aber ich will eine für drinnen“

„Nein.“ Das Wort klang wie ein Stoßseufzer. „Du bekommst keine Ratte, Ollie.“

„Aber warum nicht?“ Ollie ließ eine Rolle Verband über den Boden kullern und sprang auf. „Du hast gesagt, ich darf mir was zu Weihnachten wünschen. Und ich will eine Ratte.“

„Die riechen gar nicht gut“, sagte Emma betroffen, weil der Streit ihre Schuld gewesen war. „Und sie haben lange Schwänze, die sind kahl und rosa und … total eklig.“

„Total eklig?“ Adam runzelte die Stirn.

„Eklig“, wiederholte Poppy und kicherte. „Eklig, eklig, eklig.“

Du bist eklig“, sagte Ollie zu ihr.

„Nein, du.“

„So, wir gehen jetzt“, entschied Catherine. „Ihr habt Emma kennengelernt, und sie euch. Jetzt unterhält sie sich noch ein bisschen mit Daddy allein.“

Sie drückte Emma kurz die Hand, bevor sie den Zwillingen in die Jacken, Mützen und Schals half.

„Ich hoffe, wir sehen uns später wieder“, sagte sie leise. „Ich würde Sie gern näher kennenlernen.“

Auch zu ihrem Sohn sagte sie noch einen leisen Satz, den Emma nicht verstehen konnte. Aber als sie auf den Stuhl sank, während Catherine die Kinder zur Tür hinausschob, sah sie den finsteren Ausdruck in Adams Gesicht.

Gelassenheit. Das war es, was Adam McAllister jetzt brauchte.

Diese Frau war die einzige, die sich auf die Anzeige gemeldet hatte. Er brauchte ab sofort ein Kindermädchen, damit seine Mutter nach Kanada fliegen konnte, aber … Er schloss die Augen und atmete tief durch. Aber diese Frau war nicht die Richtige.

Mit ihrem Rucksack und der Gitarre sah sie aus wie ein Hippie aus den 60er-Jahren. Sie war so blass, dass er jede Sommersprosse auf ihrer Nase einzeln zählen konnte. Dazu war sie furchtbar dünn, wodurch sie jünger wirkte, als sie vermutlich war. Und wieso trug sie diese viel zu weiten Klamotten? Er musste unweigerlich an Poppy denken, wie sie Verkleiden spielte und in den Schuhen ihrer Groß mutter durchs Haus lief, mit einem riesigen Kleid angetan, das sie hinter sich herschleppte.

Diese Frau war eindeutig nicht die Richtige. Er musste sich zusammenreißen, um sich die Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. Schließlich musste er wenigstens so tun, als würde er ein richtiges Bewerbungsgespräch mit ihr führen – und sei es nur, um genügend Einwände gegen sie zu sammeln, damit er sich in dem Streit, den er später unweigerlich mit seiner Mutter führen würde, zur Wehr setzen konnte. Seine Mutter hatte bereits eine Entscheidung gefällt und sie ihm soeben zugeflüstert.

Sie ist reizend. Gib ihr den Job, Adam.

Wie hatte diese Frau es nur geschafft, Catherine in so kurzer Zeit für sich zu gewinnen?

„Nun …“ Er zwang sich zu einem Lächeln. „Sie mögen also Tiere?“

„Mmm.“ Sie lächelte zurück. Ihm fiel auf, dass sie blaue Augen hatte. Und braune Locken, die dort, wo sich das Licht in ihnen fing, rötlich schimmerten. „Das stimmt.“

„Und Kinder?“

Sie nickte eifrig. „Ja, Kinder mag ich sehr gern.“

„Haben Sie Erfahrungen mit Kindern?“

„Ich habe Musikunterricht gegeben. Und vor ein paar Jahren habe ich bei einer Weihnachtsaufführung mit Kindern zusammengearbeitet. Das hat mir großen Spaß gemacht.“

„Aber Kindermädchen waren Sie noch nie?“

„Nein.“

„Haben Sie jüngere Geschwister? Oder Freundinnen mit kleinen Kindern?“

„N…nein.“ Das Lächeln wich aus ihrem Gesicht.

„Haben Sie einen Führerschein?“

„Ja, sogar einen Motorradführerschein.“

Bei dem Gedanken, seine Kinder könnten hinten auf einer zweirädrigen Höllenmaschine sitzen, wurde Adam noch mulmiger zumute.

„Ich darf sogar LKWs fahren. Ich habe nämlich mal als Busfahrerin gearbeitet.“

Adam runzelte die Stirn. „Können Sie kochen?“

„Nun, ich habe mal in einem Restaurant gearbeitet und …“

Adam schüttelte den Kopf. „Wie alt sind Sie eigentlich?“

„Achtundzwanzig.“

Tatsächlich? Nur ein paar Jahre jünger als er selbst? „Wie viele Jobs haben Sie denn schon gehabt?“

„Das weiß ich nicht mehr“, gestand Emma. „Ziemlich viele. Mir gefallen befristete Jobs besser. Wegen der Abwechslung. Deshalb hat mich die Stelle bei Ihnen ja auch sofort angesprochen. Sie suchen nur jemand für ein paar Wochen, oder?“

„Ja.“ Aber die Tatsache, dass er ein Kindermädchen auf Zeit suchte, bedeutete noch lange nicht, dass er die Zwillinge mit einem unzuverlässigen Hippiemädchen allein lassen würde, oder?

Vielleicht sollte er doch eine Frau suchen, die sich langfristig für den Job interessierte. Aber woher sollte er so kurz vor Weihnachten jemanden nehmen? Wie viele Frauen würden freiwillig in ein abgelegenes schottisches Dorf ziehen?

Seine Mutter fuhr heute Abend nach Edinburgh, weil ihr Flugzeug morgen in aller Frühe ging. Wenn er dieser Emma den Job nicht gab, würde sie die Reise absagen und die Geburt ihres neuen Enkelkinds verpassen. Das würde sie traurig machen, und Adam würde Schuldgefühle bekommen. Die Zwillinge würden merken, dass etwas nicht stimmte, und das Weihnachtsfest wäre für sie gründlich verdorben. Obwohl Adam schon seit Jahren keine Freude mehr an diesem Fest hatte, konnte er seinen Kindern das nicht antun. Schließlich waren sie das Wichtigste in seinem Leben.

Und Emma hatte Poppy vorhin zum Lachen gebracht.

Er hatte das fröhliche Kichern seiner Tochter noch im Ohr. Die Erinnerung reichte aus, seine Enttäuschung ein wenig abzumildern.

„Es ist nur für ein paar Wochen“, hörte er sich selbst laut sagen. Warum auch nicht? Schließlich sollte die Frau nur in den Stunden auf die Kinder aufpassen, in denen er arbeiten musste. „Also gut. Sie haben den Job, Emma.“

„Oh …“ Sie riss überrascht die Augen auf. „Das freut mich sehr. Aber … müssen Sie denn nicht noch weitere Vorstellungsgespräche führen?“

„Sie waren die Letzte.“ Sie musste nicht wissen, dass sie auch die Erste gewesen war. „Ich schließe hier nur noch ab, dann fahren wir.“ Er schaute auf das Gepäck neben Emmas Stuhl. „Mehr haben Sie nicht dabei?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Und es macht Ihnen auch nichts aus, über die Weihnachtstage hier zu sein? Haben Sie keine Familie …?“

„Nein.“ Sie schüttelte den Kopf und ließ das Kinn sinken, als wollte sie seinem Blick ausweichen.

Vielleicht hatte die Frage schmerzhafte Erinnerungen geweckt? Ihm selbst erging es in dieser Jahreszeit nicht anders. Während andere Menschen im Kreis ihrer Familien glücklich waren, empfand er in diesen Wochen eine Mischung aus Wut und Verzweiflung. Bei dem Gedanken fühlte er sich der blassen Fremden mit einem Mal seltsam verbunden. Vielleicht lag das aber auch nur daran, dass ihr Hals so einen anmutigen Schwung hatte.

Er schüttelte die unerwünschte Gefühlsregung sofort wieder ab. Es gab schon genug Menschen, um die er sich kümmern musste, da musste er sich nicht auch noch die Sorgen einer Fremden aufladen. Nein, Emma war hier, um ihm das Leben zu erleichtern und nicht noch komplizierter zu machen.

„Also schön.“ Er drehte sich abrupt um und löschte das Licht der Schreibtischlampe. „Es ist schon spät. Ich bringe Sie besser nach Hause.“

2. KAPITEL

Kaum hatten sie die letzten Häuser von Braeburn hinter sich gelassen, wurde das Auto von der winterlichen Dunkelheit fast verschluckt.

Emma blickte sehnsüchtig zur Musikanlage. Autofahren ohne Musik war für sie eine völlig neue Erfahrung, aber dieser Dr. McAllister würde sich bestimmt durch nichts vom Fahren ablenken lassen. Es regnete stark, und im Strahl der Scheinwerfer waren kleine weiße Punkte zu erkennen, die darauf hindeuteten, dass der Regen allmählich in Schnee überging.

Emma riskierte einen Seitenblick und musste den Kopf in den Nacken legen. Selbst im Sitzen war Adam McAllister ein großer Mann, bestimmt einsneunzig. Als sie zu seinem Wagen gegangen waren, hatte Emma sich neben ihm winzig gefühlt. Abgesehen von der Frage, ob er ihr den Rucksack abnehmen solle, hatte er seit dem Aufbruch aus der Praxis kein Wort mehr gesagt.

Offensichtlich hatte sie bei ihrem neuen Boss keinen besonders guten Eindruck hinterlassen. Aber immerhin wollte er ihr eine Chance geben. Vielleicht würde er seine Meinung über sie noch ändern, wenn er sich erst einmal an sie gewöhnt hatte. Doch als sie den finsteren Ausdruck in seinem Gesicht sah, sank ihre Hoffnung.

Emma fragte sich, wie es für einen Patienten sein musste, sich an dem bissigen Terrier am Empfang vorbeizuschleichen, damit man von dem unnahbaren Arzt untersucht wurde. Vermutlich kamen die Leute nur, wenn sie richtig krank waren, und vergaßen aus Angst niemals, ihre Medizin zu nehmen.

„Was?“

Die Schroffheit in seiner Stimme ließ Emma zusammenzucken. Als Adam dann auch noch den Blick von der Straße nahm und sie kurz von der Seite musterte, setzte ihr Herz einen Schlag aus. Hatte sie vielleicht laut gedacht?

Im schwachen Schein der Armaturenbrettbeleuchtung wirkten seine Augen fast schwarz. Eine einzelne Locke hatte sich aus seinem dunklen Haar gelöst und fiel ihm in die Stirn. Emma verspürte den verrückten Wunsch, sie ihm aus dem Gesicht zu streichen, und schnappte hörbar nach Luft. Wie kam sie nur auf solche Ideen?

Das Geräusch musste geklungen haben, als sei ihr gerade bewusst geworden, der Mann neben ihr könnte ein verrückter Axtmörder sein. Das verrieten ihr Adams Augenbrauen, die fragend nach oben wanderten.

„Ich dachte, Sie hätten was gesagt“, erklärte er und schaute wieder auf die Straße. „Etwas über die Landschaft.“

„Oh …“ Emma spähte aus der Windschutzscheibe. Allerdings fiel ihr Blick vorher auf Adams Hände auf dem Lenkrad. Er hatte lange, schlanke Finger und gepflegte Nägel und … gütiger Himmel, war das ein Ehering? Warum hatte er seine Frau nicht erwähnt? Und warum war nicht sie, sondern seine Mutter beim Vorstellungsgespräch gewesen? Verwirrt bemühte Emma sich, eine Antwort auf seine Frage zu finden. „Äh…. Ja, hier ist es ganz schön bergig. Wohnen Sie weit vom Dorf weg?“

„Nur zwei, drei Kilometer. Aber keine Angst, Sie bekommen ein Auto gestellt.“

„Wow … das klingt toll.“ Damit hatte sie nicht gerechnet. „Vielen Dank.“

Das leise Schnauben von Adam klang fast schon verzweifelt. „Sie werden es brauchen. Man muss viel fahren, um die Kinder überall hinzubringen. Poppy geht einmal die Woche zu einem Tanzkurs für schottische Tänze, und Oliver lernt Dudelsack spielen. Außerdem machen die beiden beim Krippenspiel der Schule mit. Die Proben finden fast jeden Tag nach dem Unterricht statt. Ich würde Sie außerdem darum bitten, die Lebensmittel einzukaufen. Und Sie sind auch dafür verantwortlich, unsere Tiere zum Tierarzt zu bringen. Einer der Hunde wird wegen einer Entzündung an der Pfote behandelt.“

Emma versuchte, sich alle Aufgaben ihres neuen Jobs zu merken, aber innerlich war sie noch zu sehr mit der abwesenden Ehefrau beschäftigt. Und dann waren da noch die tiefe Stimme von Adam und der herrliche schottische Akzent, die sie ablenkten. Dass sie lächelte, wurde ihr erst in dem Moment bewusst, als Adam sie von der Seite irritiert anstarrte. Schnell brachte sie ihre Gesichtszüge wieder unter Kontrolle.

„Ach, das tut mir leid. Ich hoffe, es ist nichts Ernstes.“

„Ein Splitter in der Pfote, mehr nicht. Aber ich habe es nicht rechtzeitig gemerkt, und da hat es sich entzündet.“

Obwohl Emma den Eindruck hatte, mitten im Nirgendwo zu sein, setzte Adam plötzlich den Blinker und bog in eine Einfahrt ein, die sich in einer hohen Steinmauer aufgetan hatte. Die Scheinwerfer erfassten eine Szenerie, die aus einem Horrorfilm hätte stammen können. Die nackten Zweige riesiger uralter Bäume ragten über die Fahrbahn, verfingen sich ineinander und bildeten eine Art Tunnel. Die dünnen Äste wirkten auf Emma wie Krallen, die sich nach ihr ausstreckten. Sie zitterte.

„Drinnen ist es warm.“

Emma blickte rasch zu Adam, aber dieser schaute konzentriert auf den unebenen Weg. Er konnte ihr Zittern unmöglich bemerkt haben. Allerdings hatte Emma nicht vergessen, wie er sie in der Praxis angesehen hatte … als wüsste er etwas über sie, das sie ihm lieber verschwiegen hätte.

Ein Schauer lief über ihren Rücken. Sie musste ihre überbordende Fantasie wirklich im Zaum halten. Jetzt würde es nicht mehr lange dauern, und eine Mrs. McAllister würde in der Dunkelheit vor ihnen auftauchen. Emma würde hinter der Frau des Arztes in ein unheimliches altes Haus treten, in dem keine nette Großmutter und keine fröhlichen Kinder auf sie warteten. Drinnen würde Dr. McAllister sie über einen finsteren Flur mit altmodischer Standuhr in sein Arbeitszimmer führen, die Tür hinter ihnen schließen und zu ihr sagen …

„So, da sind wir.“

Sie hätte beinahe aufgeschrien, weil Adam wie aufs Stichwort geantwortet hatte. Im nächsten Moment wurde ihr klar, wie absurd die Situation war, und sie musste sich ein Grinsen verkneifen.

Und dann, wie aus heiterem Himmel, spürte sie plötzlich eine große Erleichterung. Sie war den weiten Weg nach Schottland gekommen, um nicht an das zu denken, was in naher Zukunft zu Hause auf sie wartete. An die Nachrichten, die vielleicht ihren Tod bedeuteten. Und damit war sie bisher erfolgreich gewesen. Seit ihrer Ankunft in Braeburn hatte sie nämlich kein einziges Mal an die bevorstehende Untersuchung gedacht.

Erleichtert strahlte sie ihren neuen Arbeitgeber an. „Ich bin sehr aufgeregt“, erklärte sie. „Ich fange nämlich gern einen neuen Job an.“

„Das merkt man“, antwortete Adam trocken. „Wollen wir reingehen?“

Adam führte Emma in das Haus, das seit Generationen im Besitz seiner Familie war, und machte sich im Geist eine Notiz, dass er die Standuhr im Flur unbedingt aufziehen musste. Dann steuerte er auf einen hell erleuchteten Raum zu, aus dem Stimmen und Gelächter zu vernehmen waren.

Die Küche. Das Herz des Hauses.

Noch im Flur kamen ihnen die beiden Hunde entgegengelaufen. Nachdem sie Adam zur Begrüßung kurz beschnüffelt hatten, wandten sie sich dem interessanten neuen Gast zu. Adam blieb stehen, um Emmas Reaktion zu beobachten. Falls sie gelogen hatte und Tiere in Wahrheit nicht mochte, würde sich das nun zeigen. Und wenn sie keine Hunde mochte, dann mochte sie vermutlich auch keine Kinder. Dann hätte er Gewissheit, dass sie doch die Falsche war.

Emma wurde von den kräftigen Pfoten, die sich auf ihren Bauch legten, fast umgeworfen und stieß einen überraschten Schrei aus.

„Sitz!“, befahl sie dann mit fester Stimme. „Damit ich euch kraulen kann.“

Zu Adams Verblüffung setzten sich die Hunde sofort hin und schauten das neue Mitglied des Haushalts aus treuen Augen an. Emma stellte den Gitarrenkoffer ab, ging auf die Knie und streichelte die Tiere. Die beiden leckten ihr übers Gesicht, aber Emma lachte nur und schaute zu Adam auf.

„Was für tolle Hunde. Und so … haarig.“

„Das links ist Benji, ein Highland Collie. Und der Border Collie heißt Bob.“ Ein Teil von ihm wollte Emmas Lächeln erwidern, aber ein anderer Teil kämpfte gegen ein anderes Gefühl an … Enttäuschung? Das neue Kindermädchen hatte die erste Prüfung mit Bravour bestanden.

Wie es aussah, würde er in den nächsten Wochen wohl oder übel mit ihr auskommen müssen.

Die Kinder kamen aus der Küche gestürmt.

„Emma – Emma! Granny sagt, du passt jetzt auf uns auf.“ Poppy drängte an den Hunden vorbei und nahm Emmas Hand. „Komm mit. Ich will dir das Pony von Barbie zeigen.“

Oliver schaute erst zum Gitarrenkoffer, dann zu seinem Vater. „Jetzt ist doch später, oder, Daddy?“

„Ach …“ Catherine kam aus der Küche und wischte sich die Hände an der Schürze ab. „Wollen wir Emma nicht ein bisschen Zeit lassen, damit sie erst mal ankommen kann? Das Essen ist fast fertig, also setzt euch schon mal hin.“

Adam stellte den Rucksack, den er ins Haus getragen hatte, im Flur ab. Poppy zog Emma an der Hand in die Küche. Benji trottete hinterher. Oliver hob den Gitarrenkoffer hoch, der so groß war wie er selbst, und schlurfte ebenfalls in die Küche. Bob blieb sitzen und hielt Adam die bandagierte Pfote hin.

„Ja, ich weiß.“ Adam bückte sich und kraulte Bob hinter den Ohren. „Ich kümmere mich später um deine Pfote. Sobald sich der Zirkus gelegt hat.“

Im Prinzip war sein ganzes Leben ein Zirkus. Als würde er immerzu versuchen, mit viel zu vielen Bällen zu jonglieren. Wenn es ihm gelang, gab es keinen Applaus dafür – aber wenn er sie fallen ließ, konnte alles im Chaos enden.

Nach der unheimlichen Fahrt zu dem einsam gelegenen Cottage hatte Emma nicht mit der heimeligen Atmosphäre gerechnet, die sie in der Küche empfing.

Ein munter flackerndes Kaminfeuer in einer Ecke des Raums sorgte für gemütliche Wärme. Im Schein des Feuers leuchteten die polierten Eichenmöbel fast golden, dazu duftete es aus dem Ofen so lecker, dass Emma das Wasser im Mund zusammenlief. Gütiger Himmel … sie konnte sich nicht daran erinnern, wann sie das letzte Mal hungrig gewesen war.

„Schau …“ Poppy zeigte zum Kühlschrank, an dem Blätter und Fotos mit Magneten befestigt waren. „Das hab ich gemalt. Das ist Mummy. Sie hat Flügel, weil sie ein Engel ist.“

„Ach?“ Emma wusste nicht, wie sie die sachliche Feststellung des Kindes deuten sollte. War Mummy so sanft und lieb wie ein Engel, oder war sie tot? Catherine streifte gerade Ofenhandschuhe über und schien nicht zugehört zu haben. Poppy wollte Emma nicht direkt fragen. Aber früher oder später würde sie es bestimmt erfahren.

„Das Bild hab ich auch gemalt. Das sind Daddy und Bob und Benji.“

„Sehr schön. Sie sehen alle so glücklich aus.“

Allerdings konnte Emma sich nicht vorstellen, dass Adam jemals so breit lächelte wie auf dem Bild. Momentan stand er auf der Türschwelle und blickte finster. Da tauchte Oliver auf und ließ den Gitarrenkoffer auf den Boden fallen.

„Der ist ein bisschen zu schwer für dich.“ Emma löste sich vorsichtig aus Poppys Griff, um ihre Gitarre zu retten. „Ich stelle den Koffer erst mal hier ab, ja?“

„Nein“, sagte Oliver. „Ich will jetzt sehen, was da drin ist.“ Er runzelte die Stirn und sah damit seinem Vater verblüffend ähnlich.

„Jetzt wird erst mal gegessen“, erklärte Catherine. „Die arme Emma ist den ganzen Tag unterwegs gewesen und hat bestimmt großen Hunger. Und nach dem Essen zeige ich ihr das Zimmer. Danach muss ich noch den ganzen Weg zum Flughafen fahren.“

Poppy riss die Augen dramatisch auf. „Aber du sollst nicht wegfahren, Granny. Du verpasst Weihnachten.“

„Keine Angst.“ Catherine öffnete die Tür des Ofens, der in einem mit weißen und blauen Kacheln verzierten Schornstein eingelassen war. Sie zog eine alte, gusseiserne Form heraus und trug sie zum Esstisch. „Du weißt doch, in Kanada feiert man auch Weihnachten. Ich rufe dich an und erzähle dir alles über dein kleines Cousinchen.“

„Wir können am Computer telefonieren.“ Adam ging zum Tisch und nahm ein Messer. Er begann, Scheiben von einem knusprigen Brotlaib abzuschneiden. „Dann kannst du dir das Baby sogar anschauen.“

Poppy schniefte laut. Emma nahm ihre Hand, ging in die Hocke und flüsterte dem Mädchen ins Ohr. „Kannst du mir zeigen, wo ich sitzen soll? Der Tisch ist ja so lang.“

„Du kannst neben mir sitzen.“

Wenige Augenblicke später saß Emma auf einem der alten Eichenstühle neben Poppy, während Oliver und Catherine auf der anderen Seite des Tisches Platz nahmen. Adam saß am Kopfende. Emma sah, dass sich die beiden Hunde vor dem Kaminfeuer zusammengerollt hatten. Ihr Gitarrenkoffer lehnte ein Stück weiter an der Wand und wirkte so fehl am Platz wie sie selbst.

Dabei fühlte sie sich gar nicht so fehl am Platz. Sie schaute zur weiß getünchten Decke mit den dunklen Holzbalken hoch, bevor ihr Blick wieder auf die blauweißen Kacheln des Ofens und die alten Kessel und Töpfe fiel, die auf einem Brett daneben standen. Die Küche hätte gut und gern in ein Museum gepasst, aber durch die familiäre Atmosphäre wirkte sie warm und lebendig.

Emma stellte fest, dass nicht nur der Kühlschrank mit kleinen Kunstwerken und Fotos geschmückt war. An der Wand hingen eine große Pinnwand und ein Bücherregal, auf dem gerahmte Fotos standen, und ein zweites, das offenbar für die Bastelarbeiten der Kinder reserviert war. Emma erkannte eine Art Roboter aus Karton und eine klobige Tonfigur, die vielleicht Benji darstellen sollte. Oder Daddy.

„Leider gibt’s nur Eintopf“, sagte Catherine entschuldigend, während sie aromatisch duftendes Gemüse und Fleisch auf Emmas Teller füllte. „Ich habe nicht daran gedacht, dass wir heute Abend noch einen Gast haben.“

Einen Gast? Emma hatte ganz vergessen, dass sie eigentlich nicht zur Familie gehörte, so gut hatte sie sich aufgehoben gefühlt. Und das Essen schmeckte einfach köstlich.

„Sehr lecker“, versicherte Emma. Selbst wenn sie sich größte Mühe gab, würde sie den Kindern niemals etwas so Gutes vorsetzen können. Himmel. Hatte sie Adam tatsächlich weisgemacht, sie könnte kochen? Im Restaurant war es ihre Aufgabe gewesen, Teller abzuräumen und den Abwasch zu machen. Der Blick, den Catherine ihr zuwarf, weckte in ihr den Verdacht, der Sohn könnte das Talent, Gedanken zu lesen, von seiner Mutter geerbt haben.

„Ich habe vorgekocht und ein paar Mahlzeiten eingefroren. Außerdem gibt es noch einen modernen Ofen, falls Sie damit besser zurechtkommen“, sagte Catherine augenzwinkernd. „Die Kinder bekommen in der Schule ein warmes Mittagessen, sodass Sie sich fast nur um das Frühstück kümmern müssen.“

„Ist der Truthahn für Weihnachten schon da?“, fragte Adam.

„Ja, ich habe ihn ebenfalls in die Gefriertruhe gelegt. Vergiss nicht, ihn mindestens zwei Tage vorher aufzutauen.“

„Ich mag keinen Eintopf“, erklärte Oliver wenige Sekunden später. „Da sind Möhren drin.“

„Möhren sind gut für deine Augen“, sagte Emma. „Damit du auch im Dunkeln sehen kannst.“

„Ich will im Dunkeln aber gar nicht sehen“, sagte Oliver gedehnt. „Dann schlaf ich doch.“

„Wenn du die Möhren nicht isst“, sagte Adam ruhig, „gibt’s für dich auch kein Eis.“

„Ich mag kein Eis.“

„Ich ja.“ Poppy seufzte. „Ich liebe Eis.“

„Ich auch“, sagte Emma und strahlte das Mädchen an. Es war unmöglich, sich nicht sofort in ein Kind zu verlieben, das einfach alles zu lieben schien. Poppy strahlte zurück. Emma entging nicht, dass Adam sie ebenfalls ansah, aber als er ihren Blick bemerkte, wandte er sich wieder seinem Sohn zu.

„Dann wird vor dem Schlafengehen eben nicht mehr ferngesehen“, sagte er. „Gemüse ist wichtig.“

Catherine stand auf und begann, den Tisch abzuräumen. „Gibt’s du den Kindern den Nachtisch?“, fragte sie Adam. „Ich muss bald los und will Emma vorher noch das Haus und ihr Zimmer zeigen.“

„Aber Emma liebt Eis doch auch.“ Der entsetzte Ausdruck in Poppys Gesicht, weil jemand ungerecht bestraft wurde, nahm Emmas Herz noch mehr für das Mädchen ein. Der Junge war vermutlich eine etwas härtere Nuss.

„Ich komme später wieder“, versprach Emma. „Hebst du mir ein bisschen Eis auf?“ Sie schaute zu Oliver, der seinen Teller grimmig anstarrte. „Und wenn du bis dahin deine Möhren verputzt hast, Ollie, dann zeige ich dir meine Gitarre.“

Als Emma kurz vor Verlassen der Küche über die Schulter spähte, sah sie eine Gabel mit Möhrenscheiben rasch zu Olivers Mund wandern. Sie verkniff sich ein Lächeln. Vielleicht erwies sich der kleine Junge doch nicht als besonders harte Nuss.

Catherine zeigte Emma kurz die Bibliothek und das Wohnzimmer in der unteren Etage und führte sie dann über eine breite Treppe in den ersten Stock.

„Wie alt ist das Haus?“, fragte Emma staunend.

„Der Hauptteil stammt aus dem 17. Jahrhundert, aber im Laufe der Jahre wurde das Gebäude erweitert und modernisiert. Wir haben zusätzliche Badezimmer einbauen lassen. Ihr Zimmer hat auch ein eigenes.“ Am Ende eines langen Flurs mit Dutzenden von gerahmten Fotos öffnete Catherine eine dunkle Holztür. „Hier ist es.“

„Wunderschön.“ Emma sah sich in dem kleinen Reich um, das für die nächsten Wochen ihr Zuhause sein würde. Auf dem Messingbett lag eine handbearbeitete Patchwork-Decke. Und der Kamin war mit den gleichen Fliesen geschmückt, die sie aus der Küche kannte. Vor dem hohen Fenster hingen dicke Samtvorhänge, die die Kälte draußen hielten.

„Die Zimmer von Poppy und Ollie sind gleich nebenan. Sie teilen sich ein Badezimmer. Auf dieser Seite des Flurs befindet sich noch das Spielzimmer der beiden und auf der anderen Seite sind Gästezimmer untergebracht. Adams Schlafzimmer ist am Ende des Flurs. Am besten sehen Sie sich morgen bei Tageslicht in Ruhe um.“ Catherine schaute auf ihre Armbanduhr. „Es tut mir furchtbar leid, aber ich muss mich beeilen. Ich muss noch nach Hause und die Koffer holen.“

„Heißt das, Sie wohnen gar nicht hier?“

„Nicht mehr. Ich bin nach der Hochzeit von Adam und Tania ausgezogen. Es ist in unserer Familie so Tradition, dass der älteste Sohn mit seiner Familie hier wohnt. Mir gehört in Braeburn ein kleines Häuschen.“

Emma folgte Catherine in den Flur. Sie biss sich auf die Unterlippe, aber dann siegte doch die Neugier.

„Wäre es sehr unhöflich, wenn ich fragen würde, was mit … Tania passiert ist?“

„Nein, gar nicht.“ Catherine blieb stehen und zeigte auf ein Foto an der Wand. „Das ist sie. Ich glaube, es wurde während der Hochzeitsreise auf den Malediven aufgenommen.“

Auf dem Foto war ein traumhaft schöner Strand zu sehen. Und eine noch schönere Frau mit langen blonden Haaren und Model-Figur. Sie lachte in die Kamera. Emma stellte sich vor, wie Adam damals am Strand gestanden und seine frisch angetraute Frau in diesem glücklichen Moment eingefangen hatte.

„Sie ist sehr hübsch.“

„Ja …“, seufzte Catherine. „Poppy sieht ihr ähnlich. Ollie kommt mehr nach seinem Vater.“

Emmas Blick wanderte die Wand entlang. Sie entdeckte ein Hochzeitsfoto, auf dem Adam seine Braut verliebt anlächelte. Und dann war da noch ein Schwarz-weiß-Porträt von Tania und den neu geborenen Zwillingen.

„Die Kleinen waren erst drei, als es passierte“, sagte Catherine leise. „Sie können sich kaum an ihre Mutter erinnern. Deshalb ist es gut, dass sie so viele Fotos von ihr haben.“

Emma schluckte schwer. „War sie krank?“

„Nein, sie hatte einen schrecklichen Unfall. Tania wollte in Edinburgh Weihnachtseinkäufe machen und übernachtete in einem Bed & Breakfast. Nachts brach ein Feuer aus, und sie war von den Flammen eingeschlossen. Sie starb an einer Rauchvergiftung…“

„Kurz vor Weihnachten? Wie entsetzlich …“

„Ja.“ Catherine sah sie lange an. „Sie müssen mit Adam Geduld haben. Ihn nimmt diese Zeit im Jahr immer sehr mit.“

„Das kann ich mir vorstellen.“ Kein Wunder, dass er so angespannt und grimmig wirkte. Es musste schlimm sein, überall um sich herum glückliche Familien zu sehen, während man selbst nur daran denken konnte, dass in dieser Zeit die geliebte Frau, die Mutter seiner Kinder gestorben war.

„Weihnachten ist vor allem das Fest der Kinder“, fügte Catherine hinzu. „Und sie sind alt genug, um mitzubekommen, dass ihr Weihnachtsfest anders ist als bei allen anderen. Das ist nicht schön, oder?“

Emma schaute der älteren Frau in die Augen. „Ich werde mein Bestes geben, damit Weihnachten für sie ein ganz besonderes Fest wird“, versprach sie.

„Ja …“ Catherine drückte ihren Arm. „Ich habe das Gefühl, dass Sie genau das tun werden. Danke.“ Sie lächelte traurig. „Die Kleinen denken, ihre Mum wäre ein Engel und würde über sie wachen. Vielleicht wurden Sie deshalb zu uns geschickt.“

Nachdem seine Mutter weggefahren war, blieb Adam einen Augenblick auf der Eingangstreppe des Hauses stehen.

Er war fassungslos.

Seit Monaten hatte er Angst vor diesem Moment gehabt. Seit jenem Tag, als er den Stichtag seiner Schwester erfahren hatte und ihm klargeworden war, dass er das Weihnachtsfest – zum ersten Mal seit Tanias Tod – ohne die Unterstützung der wichtigsten Frau in seinem Leben überstehen musste. Und noch schlimmer: Seine Kinder würden auf ihre heißgeliebte Großmutter verzichten müssen, die jedes Jahr dafür sorgte, dass sie trotz allem ein ganz besonderes Fest erlebten.

Er hatte mit Tränen gerechnet, mit Wutausbrüchen. Vor allem von Poppy, die ihre Granny über alles liebte. Auch Oliver hing sehr an Catherine, auch wenn er seine Gefühle nicht so zeigte. Da war er wie sein Vater, der immer darauf achtete, seine Trauer gut zu verstecken. Die Zwillinge waren sein Leben – aber um Ollie machte er sich größere Sorgen als um Poppy. Weil er genau wusste, wie schwierig es war, Kummer immer nur mit sich selbst auszumachen.

Aber dann war der Moment des Abschieds ganz anders gewesen. Alle hatten sich vor dem Haus versammelt, um Catherine zu verabschieden. Sogar die neue Nanny war dabei gewesen. Sie hatte neben den Kindern gestanden und ausgesehen, als wäre sie die ältere Schwester. Catherine hatte es sich nicht nehmen lassen und das Kindermädchen ebenfalls liebevoll umarmt. Dann war Emma in die Hocke gegangen und hatte Ollie etwas ins Ohr geflüstert. Der kleine Junge hatte kurz genickt, ihre Hand genommen und sie ins Haus geführt. Poppy hatte sich schnell an Emmas anderen Arm gehängt.

„Wir schauen uns die Kitarre an“, hatte sie Adam im Vorbeigehen informiert. „Ich liebe Kitarren.“

Benji war natürlich sofort hinter ihnen hergeschlichen. Jetzt war Adam mit Bob allein. Der Hund zitterte.

Warum war das, wovor Adam seit Monaten solche Angst gehabt hatte, so einfach gewesen?

„Komm, wir gehen auch rein“, sagte Adam zu Bob, der ihn aus großen Augen ansah.

Er schloss die Haustür hinter sich. Dann hörte er es.

Aus der Küche drang Musik.

Jemand zupfte eine Gitarre. Eine schöne, klare Stimme sang ein Lied. Adam hatte das Gefühl, bei dem Klang sofort leichter atmen zu können.

Als er den Flur entlangging, erkannte er, dass es ein Kinderlied war. Poppy versuchte mitzusingen, brachte die Worte des lustigen Texts aber durcheinander und kicherte. Ollie schien den Text aus der Schule zu kennen, denn er sang den Refrain mit.

Nicht besonders laut, aber es war unverkennbar die Stimme seines Sohnes.

Adam blieb stehen.

Wie machte diese Frau das bloß?

Seine Mutter hatte sofort erkannt, dass sie ein besonderes Talent hatte. Poppy würde jeden Menschen lieben, aber Ollie?

Wie hatte Emma den Schlüssel zum Herzen des Jungen in so kurzer Zeit gefunden?

Adam schüttelte den Kopf. Bobby legte sich hin, bettete die Schnauze auf die Pfoten und wartete ab.

Er wusste es immer, wenn sich im Haus etwas Großes tat. Sein Herrchen brauchte da ein bisschen länger. Und seine Aufgabe als Hund war es, ihm beim Nachdenken Gesellschaft zu leisten.

3. KAPITEL

„Dann gefällt’s Mrs. McAllister in Kanada?“, sagte Mrs. McClintock statt einer Begrüßung.

„Ja.“ Adam schaute sich verstohlen im Wartezimmer um, bevor er die Krankenakte von Eileens Empfangstresen nahm und der Patientin bedeutete, ihm ins Sprechzimmer zu folgen. Noch immer waren alle Stühle besetzt, und obwohl sich die Frauen in ihr Strickzeug oder eine Zeitschrift vertieft hatten, wusste er doch, dass sie gerade eben noch über ihn geredet hatten.

Oder besser gesagt: Sie hatten über die Neue im Dorf geredet. Emma war seit ein paar Tagen hier und natürlich das Hauptgesprächsthema.

Eileen hatte gehört, was Mrs. McClintock gefragt hatte, und schnaubte hörbar.

„Ich halte ja nichts davon, Weihnachten in fremden Ländern zu verbringen“, murmelte sie. „Da bleibt man schön zu Hause. Wie es sich gehört.“

Adam unterdrückte ein Seufzen, als Mrs. McClintock stehen blieb. „So fremd ist Kanada ja nun auch wieder nicht“, sagte sie an Eileen gewandt. „Die Schwester von Dr. McAllister wohnt nun mal da und kriegt ein Baby. Da gehört es sich so, dass die erste Mrs. McAllister hinfährt.“

„Kommen Sie bitte rein“, sagte Adam zu seiner Patientin und zog die Tür hinter ihnen zu. „Was kann ich für Sie tun?“

„Ach, ich fühl mich manchmal nicht so.“

„So?“ Adam lächelte aufmunternd, obwohl ihm etwas unbehaglich zumute war. Das Gefühl hatte eingesetzt, als sie die Bemerkung mit der „ersten Mrs. McAllister“ fallengelassen hatte. Catherine hatte den Namenszusatz nach der Hochzeit verpasst bekommen, damit man sie von der anderen Frau, die nun diesen Nachnamen trug, unterscheiden konnte: Tania. War das der Grund, warum das Wartezimmer heute so voll war? Als er damals seine junge Frau nach Braeburn gebracht hatte, war es genauso gewesen.

Dabei wusste er natürlich, wie viel die Menschen im Dorf von ihm hielten. Damals waren sie fest entschlossen gewesen, Tania herzlich aufzunehmen, obwohl sie eine Fremde war und aus der großen Stadt Edinburgh stammte. Als sie schwanger geworden war und die Zwillinge bekommen hatte, waren die alten Damen monatelang vor Freude aus dem Häuschen gewesen. Als Tania dann auf so tragische Weise ums Leben gekommen war, hatten sie ihn quasi unter ihre Fittiche genommen und betrachteten seitdem jeden, der auch nur die kleinste Bedrohung für ihn darstellen konnte, mit größtem Misstrauen.

Wie würde Emma mit dieser Seite des dörflichen Lebens klarkommen?

„Was heißt das, Sie ‚fühlen sich nicht so‘?“

Mrs. McClintock nahm die Mütze ab und wickelte sich aus dem selbstgestrickten Schal.

„Ach, irgendwas stimmt mit mir nicht“, sagte sie. „Manchmal ist mir beim Aufstehen ein bisschen schwummerig.“

Adam nickte. Er würde zuerst ihren Blutdruck messen, dann ein EKG machen, um Herzrhythmusstörungen auszuschließen. Es war höchst unwahrscheinlich, dass er in den fünfzehn Minuten, die Eileen in ihrem Terminkalender für die Untersuchung vorgesehen hatte, fertig sein würde.

„Ich hab die Kleinen gestern auf dem Marktplatz gesehen“, sagte Mrs. McClintock, als er ihr aus dem Mantel half. „Sie haben zugeschaut, wie der Weihnachtsbaum geschmückt wurde. Ein Segen, dass sie sich nicht erinnern können, nicht?“

„Ja“, antwortete Adam knapp. Es war als leichte Warnung gedacht, dass er mit der Patientin nicht über sein Privatleben reden wollte. „Die Strickjacke dürfen Sie gern anbehalten. Es reicht, wenn wir den Ärmel hochschieben.“

Es war tatsächlich ein Segen, dass die Kinder sich nicht an das schreckliche Weihnachten vor drei Jahren erinnern konnten. Hatte Emma die Geschichte in ihren furchtbaren Einzelheiten erzählt bekommen, als sie in den letzten Tagen Besorgungen im Dorf gemacht hatte? Dezember war in Braeburn die Zeit, in der man Tania McAllister gedachte.

Seine Mutter durfte sich glücklich schätzen, dass sie in Kanada war und nicht im Mittelpunkt des Dorfinteresses stand. Denn in Braeburn errichtete man jeden Dezember quasi einen Altar für die Frau, die mittlerweile wie eine Art Heilige verehrt wurde.

Himmel … wenn sie nur die Wahrheit wüssten.

Allerdings hatte er damals selbst keinen Verdacht gehabt. Natürlich hatte das ganze Dorf mitbekommen, dass Tania immer häufiger weggefahren war, aber obwohl alle die Augenbrauen hochgezogen hatten, weil sie die Kinder so oft allein ließ, hatten sie es doch als Spleen einer Großstädterin akzeptiert. Und nach Tanias tragischem Tod waren die Reisen bald in Vergessenheit geraten.

Allerdings wusste keiner von ihnen, dass sie nicht allein unterwegs gewesen war.

Adam selbst hatte es erst herausgefunden, als das Schicksal so erbarmungslos zugeschlagen hatte. Und er hatte dafür gesorgt, dass die skandalträchtige Geschichte nicht bekannt wurde.

Vielleicht war das der wahre Segen: Dass die Dorfbewohner – und somit seine Kinder – die Wahrheit niemals erfahren würden.

Er allein musste diese Last schultern, und das war nur gerecht, oder? Wenn er ein besserer Ehemann gewesen wäre, dann hätte Tania sich keinen Liebhaber suchen müssen. Langsam gewöhnte er sich daran, diese Last zu tragen. Wenn da nur nicht die Weihnachtszeit gewesen wäre. Vermutlich würde er dieses Fest nie wieder genießen können. Aber immerhin blieb die Gewissheit, dass in ein paar Wochen wieder so etwas wie Normalität einkehren würde.

Er hatte keine andere Wahl.

„Die Engländerin war bei den Kindern.“ Mrs. McCintock hatte gewartet, bis Adam das Stethoskop aus den Ohren gezogen hatte. „Wie ich höre, hat sie sich mit Caitlin McMurray von der Schule angefreundet?“

Statt einer Antwort machte er ein grummelndes Geräusch, um zu signalisieren, dass ihn das Privatleben seines Kindermädchens nicht interessierte.

„Wie ich höre, singt sie.“

„Ja.“ Adam hatte sich noch nicht daran gewöhnt, dass Emma bei jeder Gelegenheit sang. Selbst beim Abwaschen oder Tischdecken hatte sie ein Lied auf den Lippen. Und jeden Abend musizierte sie mit den Kindern. Vermutlich dachte sie, er würde es in seinem Zimmer nicht hören. Aber das stimmte nicht. Gestern Abend hatte er sie sogar singen hören, als die Kinder längst geschlafen hatten.

Dabei war es nicht so, dass ihm ihre Stimme nicht gefiel. Es war nur … so anders.

„Sie ist keine Lehrerin.“ Mrs. McCintock schnalzte mit der Zunge. „Was macht sie also jeden Tag in der Schule?“

Es war der leicht verächtliche Tonfall, der in Adam den unerklärlichen Wunsch weckte, seine neue Angestellte zu verteidigen. „Sie war Musiklehrerin und spielt Gitarre. Das Klavier in der Schule ist kaputt, und die Kinder wollen Weihnachtslieder lernen. So … und jetzt stehen Sie bitte auf, damit ich Ihren Blutdruck nochmal messen kann. Vielleicht fällt das Ergebnis ja anders aus als im Sitzen.“

Mrs. McCintock erhob sich schwerfällig vom Stuhl. „Das mit dem Klavier ist dem Gemeindekomitee wohl bekannt. Wir wissen nur noch nicht, ob wir das Geld, das für die Renovierung des Gemeindesaals bestimmt ist, für ein neues Klavier ausgeben wollen. Wo sollen die Kinder ihr Krippenspiel aufführen, wenn nicht im Gemeindesaal?“

Adam machte wieder ein grummelndes Geräusch, bevor er das Stethoskop in die Ohren steckte. Er schob die Manschette des Messgeräts über den Unterarm von Mrs. McCintock und setzte den Schallkopf des Stethoskops auf, bevor er die Manschette aufpumpte. Verstohlen blickte er zur Wanduhr und dachte an die vielen Leute, die noch im Wartezimmer saßen.

Es würde ein langer Tag werden.

Sobald Emma den Gemischtwarenladen betreten hatte, verstummte die Unterhaltung zwischen der Verkäuferin und den Kundinnen. Emma drückte die Schultern durch und setzte ihr fröhlichstes Lächeln auf.

„Guten Morgen. Ich suche Glanzpapier. Haben Sie dieses zweifarbige, das auf der einen Seite golden und auf der anderen rot, blau oder grün ist?“

Der leere Gesichtsausdruck der Verkäuferin ließ Emma innerlich zusammenzucken. Dennoch lächelte sie weiter.

„Ich möchte Papiergirlanden basteln“, erklärte sie. „Als Weihnachtsschmuck.“

Die Frauen tauschten bedeutsame Blicke.

„Weihnachtsschmuck?“, murmelte eine. „Im Haus von Dr. McAllister?“

Emma war sofort klar, was die Frau ihr zu verstehen gab. Im Haus von Dr. McAllister war Weihnachten tabu. Auch die Kinder wussten das. Gestern war Emma mit ihnen zum Marktplatz gegangen und hatte sich mit den beiden angeschaut, wie der Tannenbaum geschmückt wurde. Poppy hatte große Augen gemacht.

„Ich liebe Weihnachtsbäume“, hatte sie geflüstert. „Die sind sooo schön.“

„Wir machen euren Weihnachtsbaum zu Hause genauso schön.“

„Wir haben zu Hause keinen Weihnachtsbaum“, hatte Oliver erklärt. „Granny sagt, sie machen Dad traurig.“

„Ich bin traurig“, hatte Poppy gesagt, „weil wir zu Hause keinen haben.“

Nachts hatte Emma wachgelegen und nachgedacht. Sie war wegen der Kinder hier. Und Weihnachten war das Fest der Kinder.

Als Catherine am Morgen angerufen hatte, um vor der Schule mit den Zwillingen zu reden, hatte Emma ihren ganzen Mut zusammengenommen und sie gefragt, ob etwas dagegen spräche, mit den Kindern Weihnachtsschmuck zu basteln.

„Ich halte das für eine hervorragende Idee“, hatte Catherine versichert. „Es ist nicht gut, nur in der Vergangenheit zu leben. Ich habe mein Bestes versucht, aber …“ Sie hatte geseufzt. „Vielleicht haben Sie mehr Erfolg. Er kann es sich schließlich nicht erlauben, Sie wieder wegzuschicken. Wenigstens nicht vor Weihnachten.“

Aber ihr Tonfall hatte Emma verraten, dass die Aufgabe nicht leicht werden würde. Und die entsetzten Gesichtsausdrücke der Frauen im Geschäft bestätigten dies.

„Es ist für Poppy und Oliver“, sagte Emma bestimmt. „Sie haben in der Schule Weihnachtsschmuck gebastelt und wollen welchen für zu Hause machen.“

Eine der Frauen nickte. „Ja“, seufzte sie. „Es sollte vor allem um die Kinder gehen, nicht?“

„Das Papier ist dahinten“, sagte die Verkäuferin zu Emma. „Neben den Zeitungen.“

Als Emma mit dem bunten Glanzpapier zur Ladentheke zurückkehrte, verstummte das Gespräch nicht.

„Der arme Mann“, sagte eine Frau. „Die Liebe seines Lebens so früh zu verlieren.“

„Eine Prinzessin, das war sie“, stimmte eine zweite ein. „Immer so gut angezogen.“

Emma spürte, wie die Frauen ihren schlabberigen Pullover und die unförmige, dicke Jacke musterten. Sie tat so, als würde sie die Blicke nicht bemerken, bezahlte und verabschiedete sich fröhlich.

Doch nachdem sie in die feuchte Kälte getreten war, verließ sie der Mut. Vielleicht würde sie mit Weihnachtsbasteleien alles nur noch schlimmer machen? Und wäre den Kindern wirklich geholfen, wenn ihr Vater schlechte Laune bekam, weil Emma sich seinem Wunsch widersetzt hatte, das Fest in stiller Trauer zu verbringen?

Es hatte ein paar Tage gedauert, bis der Weihnachtsbaum auf dem Marktplatz fertig geschmückt war, aber das Ergebnis war wirklich wunderschön. Trotz Kälte setzte Emma sich auf eine Bank und schaute auf ihre Armbanduhr. Es war noch eine halbe Stunde Zeit, bevor sie in die Schule musste. In Kalifornien war es jetzt früher Morgen. Sharon war vermutlich noch zu Hause. Schnell zog sie das Handy aus der Tasche und wählte ihre Nummer.

„Emma … gerade hab ich an dich gedacht. Liegt in Schottland schon Schnee?“

„Noch nicht, aber es könnte jede Sekunde so weit sein. Ich sitze auf dem Marktplatz. Es ist bitterkalt.“

„Ach! Ich hab solches Heimweh. Hier ist es für Weihnachten viel zu warm. Aber du darfst nicht so lange in der Kälte sitzen, um Himmels willen.“

„Mir geht’s gut. Mein Immunsystem funktioniert einwandfrei. Ich vertreibe mir nur die Zeit, bevor ich zur Schule gehe und mit den Kindern Weihnachtslieder übe.“

Sharon lachte. „Ich hab deine E-Mail gelesen. Kaum zu glauben, dass du dich so schnell ins Dorfleben integriert hast. Aber, wenn ich’s recht bedenke, wundert mich das eigentlich nicht. Wahrscheinlich darfst du schon beim Krippenspiel mitmachen.“

„Das nun nicht. Aber Poppy und Ollie spielen Maria und Josef. Sie sind total aufgeregt. Ich soll ihnen die Kostüme nähen.“

„Oh … wissen sie schon, dass du nicht nähen kannst?“

Emma lachte. „Nein. So wenig wie sie wissen, dass ich nicht kochen kann. Ihre Oma hat vorgekocht. Die Tiefkühltruhe ist gut gefüllt, sodass ich meinen Mangel an Talent bisher geheim halten konnte.“

„Nicht auszumalen, wenn der einzige Arzt im Dorf deinetwegen eine Lebensmittelvergiftung kriegen würde. Das würde er bestimmt nicht witzig finden.“

„Hey … so schlimm bin ich als Köchin nun auch wieder nicht. Aber witzig findet der Doktor sowieso nichts“, gestand Emma. „Seit ich hier bin, hat er nicht einmal auch nur gelächelt.“

„Er ist Schotte. Die sind nun mal mürrisch.“

„Er trägt immer noch seinen Ehering, obwohl seine Frau seit drei Jahren tot ist.“

„Hmm. Er muss sie sehr geliebt haben.“

„Wie alle anderen im Dorf auch. Was die Leute so erzählen, muss sie ein Engel gewesen sein. Oder eine Heilige.“

„Niemand ist perfekt. Wenn jemand tot ist, vergessen die Leute nur die schlechten Eigenschaften.“

Emma lächelte, aber im nächsten Moment fragte sie sich, ob Sharon ihre schlechten Eigenschaften vergessen würde, falls …

„Großer Gott, was ist denn das für ein Krach?“, sagte Sharon plötzlich entsetzt.

Emma lachte. Sofort waren ihre finsteren Gedanken verflogen. „Da steht ein alter Mann im Kilt und wärmt seinen Dudelsack auf.“

„Klingt wie eine Herde brüllender Esel.“

„Nein, die sind schlimmer. Du solltest mal hören, wie Jemima uns jeden Morgen weckt. Ich meine, sie ist echt niedlich, aber …“

„Was sagst du, ich höre dich kaum noch.“

„Dann leg ich jetzt mal auf, Sharon. Bis bald.“

Der Dudelsackspieler stimmte eine Melodie an, als Emma das Handy in die Tasche zurückstopfte, und so blieb sie noch einen Moment sitzen und lauschte.

Das Lied klang so … einsam. Vielleicht lag es nur daran, dass es ein so typisch schottisches Instrument war, aber sie musste unwillkürlich an Adam McAllister denken.

Ob er manchmal auch einen Kilt trug?

Bei dem Gedanken spürte sie ein Ziehen in der Magengegend.

Wie kam es bloß, dass sie Männer im Kilt sexy fand?

Oder lag es daran, dass sie sich vorstellte, wie sexy Adam in der schottischen Montur aussehen musste?

Plötzlich spürte sie einen Stich im Herzen.

Vielleicht lag es an dem Weihnachtsbaum oder an dem Telefonat mit Sharon, dass sie plötzlich melancholisch wurde.

Ihr wurde nämlich zum ersten Mal richtig bewusst, dass dies vielleicht ihr letztes Weihnachten war.

Und sie würde es mit zwei Kindern feiern, die keine Erinnerung an ein fröhliches Fest im Kreis der Familie hatten.

Und mit einem Mann, der nicht verstand, wie kostbar das Leben war. Viel zu kostbar, um es im Schatten der Vergangenheit zu leben und alle Freude daraus zu verbannen.

Plötzlich hatte sie das Gefühl, dass das Schicksal sie wirklich aus einem guten Grund hergeführt hatte. Falls dies tatsächlich ihr letztes Weihnachten sein sollte, dann konnte sie sich glücklich schätzen, es mit Poppy und Ollie zu verbringen.

Und sie würde alles tun, damit dies das beste Weihnachten aller Zeiten wurde.

Angefangen bei den bunten Papiergirlanden.

4. KAPITEL

Emma neigte am frühen Morgen eigentlich nicht zu Tagträumen, aber heute ging ihre Fantasie mit ihr durch.

Sie stand vor der Arbeitsplatte und schlug Eier auf. Ein kurzer Blick in Richtung Küchentisch, wo der Herr des Hauses saß und frühstückte – mehr war nicht nötig gewesen. Deutlich sah sie das Bild von Adam McAllister im Kilt vor sich. In ihrer Vorstellung war sein Haar noch ein kleines bisschen länger und legte sich in wilden Locken um sein Haupt. Er stand allein auf einem kargen Hügel, trug einen Dudelsack unter dem Arm und blies ein schwermütiges Klagelied. Bei der Vorstellung wäre sie beinahe in Tränen ausgebrochen. Sie begnügte sich mit einem leisen Seufzer.

Tatsächlich trug Adam eine dunkle Strickjacke zu Hemd und Krawatte und war gerade damit beschäftigt, Marmelade auf einem gebutterten Toast zu verteilen. Nichts unterschied ihn von jedem anderen Normalsterblichen.

„Gibt es eigentlich ein spezielles McAllister-Schottenmuster?“ Die Frage war heraus, bevor Emma sich eines Besseren besinnen konnte.

„Wie bitte?“, erwiderte Adam irritiert.

Emma wagte es nicht, ihm in die Augen zu schauen, sondern ging schnell zum Kühlschrank und nahm den Milchkarton heraus. Seit dem Aufwachen hatte sich Nervosität in ihr breitgemacht, weil das Wochenende bevorstand und sie den Vater der Kinder in den nächsten beiden Tagen häufiger zu sehen bekommen würde. Eigentlich hatte sie ihm beweisen wollen, wie gut sie sich in ihrem neuen Job eingelebt hatte, aber jetzt hatte sie ihn mit der dummen Frage verärgert.

„Ich habe gestern auf dem Marktplatz einen Dudelsackspieler im Kilt gesehen. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass jeder Clan ein eigenes Muster hat, und nun frage ich mich …“ Himmel, was plapperte sie da für einen Blödsinn? „Also, ich habe mich gefragt, ob … ob Ihre Familie auch ein bestimmtes Muster hat.“

„Natürlich haben wir das.“

„Oh …“ Emma wartete auf eine Erklärung, aber Adam sprach nicht weiter. „Wie schön.“ Sie goss Milch in die Schüssel mit den Eiern und fing an, sie mit der Gabel zu verquirlen.

„Wir gehören zum Donald-Clan“, sagte Adam plötzlich, als wäre ihm klargeworden, wie unhöflich seine kurz angebundene Antwort gewesen war. „Das Muster besteht aus roten und grünen Karos mit weißen Streifen und königsblauer Umrahmung.“

„Klingt hübsch.“ Emma biss sich auf die Unterlippe, aber dann siegte wieder einmal die Neugier. „Tragen Sie manchmal einen Kilt?“

„Nur bei Hochzeiten.“ Sie konnte Adams bohrenden Blick förmlich im Rücken spüren. „Oder bei Beerdigungen.“

Autsch … Sie atmete tief durch. Das Wochenende würde lang werden. „Mögen Sie vielleicht auch ein bisschen Rührei? Poppy und Ollie haben es sich zum Frühstück gewünscht.“

„Nein.“ Adams Stuhl kratzte über den Küchenboden, als er ihn nach hinten schob und aufstand. „Ich muss in die Praxis. Wir haben samstags bis um elf Sprechstunde, danach mache ich ein paar Hausbesuche.“ Er nahm den Toast, teilte ihn in zwei Hälften und gab jedem der Hunde ein Stück. Die kleine Geste ließ Emma innerlich aufatmen.

Unter der rauen Schale schlummerte ein weicher Kern, oder?

Als er aber zur Küchentür ging und in den Flur brüllte, fragte sich Emma, ob sie nicht ein wenig vorschnell geurteilt hatte.

„Poppy, hast du den Schlafanzug endlich ausgezogen? Oliver, beeil dich und vergiss die Noten nicht schon wieder.“

Er drehte sich um und ging zur Küchenbank, wo er seinen Mantel hingeworfen hatte. „Wissen Sie, wo die Kinder heute hinmüssen?“

„Ja.“ Emma nickte zuversichtlich. „Ich liefere Ollie um neun bei Mr. McTavish ab und bringe Poppy um halb zehn zur Turnhalle. Um zehn hole ich Ollie ab, und um halb elf sammeln wir Poppy ein.“

Adam nickte. „Richtig.“

„Ich dachte, wir könnten danach zum Marktplatz fahren und uns den Baum noch mal anschauen. Und wir könnten Brot kaufen, das wir mittags zur Suppe essen. Werden Sie bis dahin zurück sein?“

„Keine Ahnung.“ Adam hatte den Mantel angezogen und langte nach der Arzttasche. „Falls ich es schaffe, können Sie sich den Nachmittag freinehmen. Morgen haben Sie natürlich sowieso frei, da ist ja Sonntag.“

„Aber was machen Sie mit den Kindern, wenn ein Notruf eingeht?“

„Dann warten sie im Auto auf mich. So machen wir es immer.“

„Ich brauche keinen freien Tag“, erklärte Emma. „Ich habe die Kinder gern um mich.“

Adam blieb abrupt stehen und schaute Emma verblüfft an.

Dachte er etwa, sie würde ihm indirekt vorwerfen, dass er nicht genug Zeit mit seinen Kindern verbrachte?

Auch wenn Emma keine Ahnung hatte, was hinter den undurchdringlichen dunklen Augen vorging, so setzte ihr Herz doch einen Schlag aus, als sich ihre Blicke trafen. Sie hatte fast das Gefühl, seinen Blick auf der Haut zu spüren.

Vermutlich hätte er sie noch länger angeschaut, aber in diesem Moment kamen die Kinder in die Küche gestürmt. Ollie hatte ein Heft mit Eselsohren in der Hand und grinste.

„Ich hab das Notenheft gefunden, Dad. Es lag unter meinem Bett.“

Poppy folgte ihm auf den Fersen. „Ich bin schon fertig angezogen. Emma muss nur noch meine Zöpfe machen.“ Als sie die Tasche in der Hand ihres Vaters sah, verschwand das Lächeln aus ihrem Gesicht. „Gehst du weg?“

„Du weißt doch, ich muss samstags immer arbeiten, Liebes.“

Emma blickte zu Adam und sah, dass seine Miene sich geglättet hatte. Fast glaubte sie, den Anflug eines Lächelns um seine Mundwinkel zu sehen. Ob seine Kinder jemals erlebt hatten, dass sich fröhliche Lachfalten um seine Augen bildeten?

„Ich versuche, gleich nach dem Mittagessen wieder hier zu sein“, versprach er. „Falls es dann nicht mehr regnet, können wir mit den Hunden einen Spaziergang machen und nachsehen, ob das Eis auf dem Teich schon dick genug zum Schlittschuhlaufen ist.“

Er wuschelte dem Jungen durchs Haar, küsste Poppy auf den Kopf und verschwand. Kinder – und Hunde – schauten ihm traurig hinterher.

„Wer will Rührei?“, sagte Emma fröhlich.

Autor

Nina Milne

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