Kalt wie Eis – heiß wie Feuer

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Ihre Leidenschaft für den mutigen Nick raubt Susan den Schlaf, und ihr Verlangen, ihn ein einziges Mal zu lieben, wird übermächtig. Aber sie muss sich kühl geben und ihn vergessen! Nicht noch einmal könnte sie einen geliebten Menschen in einem Feuer verlieren …


  • Erscheinungstag 27.08.2026
  • ISBN / Artikelnummer 9783751543064
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Leseprobe

Kristin Hardy

Kalt wie Eis – heiß wie Feuer

1. KAPITEL

Unglaublich, wie schnell sich so viel Papier ansammeln kann. Verdrossen betrachtete Nick Trask die Stapel auf seinem Schreibtisch. Er war zur Feuerwehr gegangen, weil er Brände bekämpfen wollte, nicht um sich mit ödem Schreibkram abzugeben.

Wenn ihn die Leute fragten, warum er mit Leib und Seele Feuerwehrmann war, zuckte er mit den Schultern und erklärte, es sei eine dankbare Aufgabe. Das stimmte, aber er sagte nicht, was ihn daran noch reizte – der Kampf mit den Flammen, das unbeschreibliche Gefühl des Triumphs, wenn er Leben gerettet hatte, der Adrenalinrausch, während er alles riskierte, um den gefräßigen, rot glühenden Drachen zu bändigen.

Solche Momente entschädigten ihn für Tage wie diesen. Gleich nach Schichtbeginn hatten sie zu einem Brand ausrücken müssen, nur ein paar Häuserblocks von der Wache entfernt. Bruce Jackson war aufs Dach geklettert, um ein Loch hineinzuschneiden, damit der Qualm abziehen konnte. Mit beiden Händen an der Kettensäge musste er feststellen, dass die sechs Meter lange Leiter eine kaputte Sprosse hatte. Alles in allem hatte er Glück gehabt – sofern man ein gebrochenes Schlüsselbein als Glück bezeichnen konnte.

Von da an war der Tag den Bach runtergegangen.

Unfallberichte, Schadensberichte, Berichte über Ausrüstungsmängel … Nick war versucht, mit dem Feuerzeug kurzen Prozess zu machen. Natürlich wäre es kein Thema, einen Haufen Formulare auszufüllen, wenn nicht ständig das Telefon geklingelt hätte. Ein Rettungseinsatz, ein Wagenbrand, drei medizinische Notrufe. Obwohl er in jeder freien Minute über den Berichten gesessen hatte, war er erst zur Hälfte damit fertig. Der Schichtwechsel stand kurz bevor, und dann musste alles tipptopp sein.

Er schüttelte den Kopf, während er einen Blick auf die Fachbücher warf, die er in der Hoffnung aufgeschlagen hatte, für seine Prüfung lernen zu können. Dazu standen die Chancen denkbar schlecht.

„He, Cap, ich brauche mal deine Hilfe!“ Der Ruf kam von unten aus der Garage. Schwere Stiefel trampelten die Stufen hinauf. „Captain?“ Ein bulliger Feuerwehrmann mittleren Alters steckte den Kopf ins Büro.

Nick legte den Stift hin. „Tut mir leid, O’Hanlan, ich sitze immer noch über den Berichten.“

„Neulich hast du mich gefragt, warum ich nicht auch die Prüfung mache, um meine Beförderungschancen zu verbessern. Da hast du’s. Ihr Chefs müsst euch mit dem Papierkram herumschlagen. Ich bin ein Mann der Tat.“

Nick schmunzelte. „Ein Mann der Tat, soso.“

„In jeder Minute des Tages.“

„Kein Wunder, dass deine Frau immer so ängstlich dreinschaut. Hör zu, ich muss mich hier durchwühlen, wenn ich rechtzeitig fertig werden will. Versuch, jemand anderen zu finden, der dir hilft, okay?“

„Kein Problem. Hab verstanden. Manche Typen sind eben geborene Bürokraten. Aber … nur für den Fall, dass deine Finger ermüden und du mal wieder wissen willst, wie unsere Maschinen aussehen …“

„Warst du jemals Vertreter, O’Hanlan?“

„Ich sag nur, welche Möglichkeiten du hast.“ O’Hanlan deutete mit dem Kopf auf den Fuhrpark unten und wackelte mit den Augenbrauen.

Nick grinste und warf den Stift hin. Als Captain war er schließlich verpflichtet, sich um sämtliche Probleme zu kümmern. „Okay, du hast mich überredet.“

„Cap?“ Todd Beaulieu kam ihnen auf der Treppe entgegen, in der Hand ein Stück Papier. „Diesen Zettel habe ich beim Telefon gefunden. Sieht ganz so aus, als hätte gestern jemand angerufen, um Sie zu sprechen.“

„Gestern?“

„Vermute, die aus der anderen Schicht haben vergessen, es weiterzugeben.“ Beaulieu zeigte auf die Notiz. „Verdammt, O’Hanlan, diese Sauklaue sieht aus wie deine.“

„Hey, ich habe Belobigungen für meine Handschrift bekommen. Kann ich euch zeigen.“

„Wahrscheinlich waren es Geheimcodes“, konterte Beaulieu.

Nick griff nach dem Zettel und versuchte, ihn zu entziffern. „Irgendjemand will irgendetwas morgen tun. Das bedeutet heute. Wir werden es noch herausfinden.“ Er wandte sich zur Treppe. „Was hast du diesmal kaputt gemacht, O’Hanlan?“

Während sie am Tanklöschfahrzeug vorbei zum Drehleiterwagen gingen, verstummte die Musik, und eine sachliche Frauenstimme begann die Morgennachrichten zu verlesen.

„Stadtrat Donald Ayre, der erneut bei den Wahlen im nächsten Monat kandidiert, sprach in Dorchester über seinen aktuellen Plan zur Gewährleistung der Sicherheit für Bostoner Feuerwehrmänner.“

„Unsere Brandbekämpfung ist nicht sicher, solange unsere Feuerwehrmänner nicht sicher sind“, erklärte Ayre wichtigtuerisch. „Dafür zu sorgen, wird meine Aufgabe sein, und deshalb will ich wiedergewählt werden.“

O’Hanlan verdrehte die Augen. „Der gute alte Ayre macht sich wieder für uns stark.“ Er kletterte auf den Wagen. „Seltsam, als er das letzte Mal von der Feuerwehr geschwafelt hat, standen auch Wahlen an.“

„Und im Wahljahr davor ebenfalls. Leider redet er nicht von den Budgetkürzungen, die er befürwortet hat, kaum dass die Wahlen vorbei waren.“

„Vielleicht prahlt er nicht gern mit seinen Leistungen. Und außerdem, was für unsere Großväter gut genug war, reicht uns als Ausrüstung doch auch, oder?“

Nick presste die Lippen zusammen. „Ich wette zwanzig Dollar, dass unser erlauchter Stadtrat innerhalb der nächsten zwei Wochen auf einem bunten Foto erscheint, zusammen mit einem Hightechgerät, das unsere Abteilung für Testzwecke anschaffen, aber nie benutzen wird.“

„Gönn ihm das Vergnügen. Was hat der Kerl sonst schon vom Leben? Einen bequemen, weichen Sessel bei den Ratssitzungen, Freiparken in der gesamten Stadt. Und kostenloses Mittagessen.“ O’Hanlans Augen leuchteten auf. „He, vielleicht sollte ich in die Politik gehen?“

Nick musterte ihn prüfend von oben bis unten. „Ich weiß nicht, ob du noch mehr Mittagessen verträgst, O’Hanlan.“

„Meinst du das hier?“ Er tätschelte seinen beachtlichen Bauch. „Das sind alles Muskeln, Freundchen.“

„Na schön. Wo ist das Problem, mit dem du nicht allein fertig wirst?“

O’Hanlan beugte sich über die gigantische Feuerleiter, die zusammengeklappt auf dem Wagen ruhte. „Beim letzten Einsatz hat sie ein bisschen geklemmt. Ist nicht so ausgefahren, wie sie sollte. Ich habe mir die Sache angesehen. Der Schraubbolzen hier sitzt locker und ist teilweise abgeschert.“ Er rüttelte an der Leiter, und der Bolzen klapperte. „Ich würde ihn einfach austauschen, aber mit meinen Pranken komme ich nicht ran.“

Nick sah genauer hin, dann auf seine Armbanduhr. „Was hältst du davon, wenn ich ihn zum Reparieren gebe?“

„Nichts.“ O’Hanlan unternahm einen fruchtlosen Versuch, den Bolzen zu fassen zu bekommen. „Bis die Werkstattfritzen den Antrag haben, vergeht ein Monat. Ein weiterer, bis die mit der Reparatur durch sind. Oder wir müssen uns mit den Relikten aus dem letzten Bürgerkrieg behelfen.“

„Ich dachte, ein Mann der Tat wie du liebt Herausforderungen?“

„Meine Energie brauche ich am Einsatzort und nicht dafür, den Wagen hinzuschieben“, betonte er. „Mensch, da versuche ich, dir eine Verschnaufpause vom Schreibtisch zu verschaffen, und du beschwerst dich, du Aktenkrämer!“

„Das ist dein Problem, O’Hanlan. Du denkst immer erst an die anderen.“ Er hockte sich hin, um besser sehen zu können. „Gib mir mal den Schraubenschlüssel.“

Susan Hillyard ging zügig auf die Feuerwache zu. Die Oktobersonne blendete sie, und sie wünschte, sie hätte ihre Sonnenbrille dabei. Ein paar Jungs lungerten an der Ecke und drehten sich um, als sie vorbeimarschierte.

„He, Süße, wo willst du so schnell hin?“ Einer folgte ihr ein paar Schritte, und seine Kumpels lachten. „Komm, Baby, ich zeig dir das Paradies.“

Sie ignorierte ihn. Graffiti zierten die Mauern zu ihrer Rechten. Im Süden von Boston, hier, wo die Vororte North Dorchester und Roxbury ineinander übergingen, sah selbst der Bürgersteig abgenutzt aus. Susan verschwendete keinen weiteren Gedanken daran. Ihr Interesse galt einzig und allein den Männern in der Feuerwache dort drüben.

Der Druck in ihrem Magen verstärkte sich.

Sobald sie durch jene Tür trat, begann die letzte Phase. Fünf Jahre lang hatte sie wie besessen daran gearbeitet, diese Ausrüstung zu entwickeln. Fünf Jahre … der Preis war nicht zu hoch, um Einsatzkräfte vor dem Flammentod zu bewahren.

Die Tore standen offen. Sie ging langsamer. Es war eine halbe Ewigkeit her, dass sie den Fuß in eine Feuerwache gesetzt hatte. Sie hatte gedacht, inzwischen bereit zu sein.

Ein Irrtum.

Tu es.

Sie unterdrückte die Angst, holte tief Luft und betrat die kühle hohe Halle. Ein massiger dunkelhaariger Mann mit jungenhaften Zügen stapelte an einer Wand Kanister.

Ein junger Feuerwehrmann, auf dem Kopf eine Kappe mit dem Logo der Red Sox, fegte den Boden. Er sah auf, stellte den Besen weg und wischte sich die Hände ab. „Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“

Ihre Absätze klickten auf dem Zementfußboden. „Hallo.“ Sie lächelte und wettete insgeheim, dass er keinen Tag älter als neunzehn war. „Ich suche Nick Trask.“

Jetzt wurde er rot. „Den Captain? Ich glaube, er ist in seinem Büro. Warten Sie, ich hole ihn.“

Der Dunkelhaarige drehte sich um. „He, Roter! Will sie zu Trask?“

Susan erstarrte.

„Da oben ist er nicht. Er ist bei O’Hanlan.“ Er deutete auf den Gerätewagen. „Dort drüben.“

„Danke, Beaulieu.“ Der Junge grinste verlegen. „Sorry.“ Er musterte Susan. „Geht es Ihnen gut?“

Sie zwang sich, normal weiterzuatmen. „Alles okay, danke.“ Nun erst entdeckte sie das rotbraune Haar, das unter der Mütze hervorlugte. „Ich kannte jemanden, der auch Roter genannt wurde.“

„Ich heiße Jim Sorensen“, sagte er und nahm die Kappe ab. „Aber Sie wissen ja, wie das ist. Sie sehen meine roten Haare, und das war’s dann.“

„Ja, ich weiß, wie das ist.“

„Okay, ich halte die Mutter, und du schiebst den Bolzen durch“, murmelte Nick konzentriert. „Ein Stoß, dann müsste es klappen.“ Sie stemmten sich gegen die Leiter, und das Metall bewegte sich kreischend.

„Warte, wenn ich mit der Hand da reinkomme, kann ich …“ Ein Schmerzensschrei folgte, dann ein Fluch. O’Hanlan hielt sich die Knöchel. „Ich bin Feuerwehrmann, kein verdammter Mechaniker!“

„Du warst dagegen, die Werkstatttruppe zu alarmieren. Los, du Mann der Tat, wir versuchen es noch einmal.“

„Ab durch die Mitte, du blödes Ding“, knurrte O’Hanlan vor sich hin. „Jetzt aber. Gleich haben …“ Er unterbrach sich abrupt und stieß einen leisen Pfiff aus. „Junge, Junge. Warum hab ich mich nicht freiwillig zum Fegen gemeldet?“

Ohne sich umzudrehen, wusste Nick, dass es um eine Frau ging. Dann hörte er ihre Stimme. Leise, leicht rauchig – wie sie in ein Schlafzimmer gehörte. Sein Körper reagierte, noch bevor er die Frau gesehen hatte.

Als er sich umdrehte, fiel sein Blick zuerst auf ihr Haar. Sie trug es zurückgebunden und mit einer Spange befestigt. Gebändigt wirkte es deshalb noch lange nicht. Dichte üppige Locken – taillenlang, vermutete er – und feuerrot. Und ihr Gesicht … das Gesicht passte zur Stimme. Sinnlich, mit hohen Wangenknochen, großen schimmernden Augen und einem Mund, von dem er sich bereits vorstellte, wie er sich auf seiner Haut anfühlen würde. Der schmale waldgrüne Hosenanzug betonte ihre schlanke, an den richtigen Stellen wohl gerundete Figur. Die Frau sah toll aus, keine Frage.

„Guck dir unseren Roten an.“ O’Hanlan lachte leise. „Der stolpert gleich über seine eigenen Füße.“ Er drehte sich wieder um. „Nick?“

Er hatte sie angestarrt. Nick merkte es und riss sich zusammen. „Und du bist natürlich ein Meister der Selbstkontrolle.“ Er beugte sich wieder über die Leiter. „Komm, lass uns das hier fertig machen.“

„Ich bin glücklich verheiratet, Mann“, brummte O’Hanlan, während er den Bolzen an seinen Platz schob. „Außerdem würde Leanne mir das Fell über die Ohren ziehen, wenn sie mich dabei erwischt, dass ich andere Frauen angaffe.“ Er linste über die Schulter. „Deshalb tue ich es nur hier.“

Nick zwängte seine Hand zwischen die Streben, um die Mutter festzuziehen. „Bleib bei der Brandbekämpfung. Das ist sicherer.“

„Hallo? Entschuldigen Sie, ich suche Nick Trask.“

Ihre Stimme strich über seine Haut, bezauberte, erregte ihn. Er lehnte sich über die Leiter. Ihre Blicke trafen sich. Aus der Nähe betrachtet war der Rotschopf hinreißend!

„Ich bin Nick Trask. Gedulden Sie sich eine Minute, bin gleich bei Ihnen.“

„Eine Minute?“ O’Hanlan grinste. „Wenn du für mich übernimmst, bin ich in dreißig Sekunden dort unten.“

„Immer mit der Ruhe, Kumpel.“ Nick drückte ihm den Schraubenschlüssel in die Hand und klopfte ihm auf die Schulter. „Denk an dein Fell, okay?“

Sie hatte schon immer eine Schwäche für Männer in Uniformen gehabt. Susan beobachtete, wie der schlanke, athletische Mann sich vom Wagen schwang. Die Uniform saß, als wäre sie für ihn gemacht. Finger weg, dachte sie. Feuerwehrmänner sind tabu. Er kam näher, und ihr Puls wurde einen Takt schneller.

„Nick Trask“, sagte er und wischte sich die Hände an einem Lappen ab.

Dunkel, dachte Susan. Und gefährlich. Schwarzes Haar, tief gebräunte Haut und Augen wie schwarze Tinte. Kantige Gesichtszüge, die nicht klassisch schön waren, aber atemberaubend männlich.

Susan wappnete sich. „Susan Hillyard, Exler Corporation.“ Sie streckte die Hand aus. „Ich bin im Auftrag von Stadtrat Ayre hier.“ Sie war nicht sicher, was sie mehr verwirrte – seine verschlossene Miene oder die Hitze, die sie unerwartet durchströmte, kaum dass sie seine Hand berührt hatte. „Freut mich, Sie kennenzulernen, Captain Trask.“

„Ebenfalls“, antwortete er höflich, aber nicht gerade herzlich. Jetzt sah sie auch, dass seine Augen nicht schwarz waren, sondern grau. Dunkelgrau wie Rauch oder wie ein stürmischer Himmel in der Abenddämmerung. „Was kann ich für Sie und den Stadtrat tun?“

„Wir waren für heute verabredet.“

„Wir?“

„Ich habe gestern angerufen, um den Termin noch einmal zu bestätigen.“

„Davon weiß ich …“ Er stutzte und zog einen rosa Zettel aus der Tasche. „Ach so, Sie waren das. Tut mir leid, aber ich habe die Nachricht erst vor zehn Minuten bekommen, und wir hatten einen hektischen Tag, also …“

„Das macht nichts“, unterbrach sie ihn freundlich. „Ich werde Ihre Zeit nicht lange beanspruchen. Wir müssen über die Ausrüstung reden.“

„Die Ausrüstung?“ Er stemmte die Hände in die Seiten und nickte. „Ayre verschwendet keine Zeit, das muss man ihm lassen.“

Der sarkastische Unterton irritierte sie, aber sie ließ sich nichts anmerken. „Es geht um die Ablaufkoordination, die Planung der Testphase. Stadtrat Ayre …“

„Ja, ich weiß, Stadtrat Ayre“, fiel er ihr ins Wort und sah kurz zu seinen Männern hinüber, die offenbar aufmerksam zuhörten. „Kommen Sie mit in mein Büro. Dort können Sie mir erzählen, was Ayre diesmal vorhat.“

„Zu Befehl, Sir“, murmelte Susan vor sich hin, folgte ihm jedoch die Stufen hinauf. Nick Trask mochte ein guter Feuerwehrmann sein, aber zuvorkommend war er gerade nicht.

Ordentlich auch nicht, stellte sie gleich darauf fest.

„Nehmen Sie Platz.“

Susan stand an der Tür des winzigen Büros und traute ihren Augen nicht. Überall lagen Bücher und haufenweise Papier herum.

„Auf welchen Stapel darf ich mich setzen, Captain Trask?“

Ihr Ton war liebenswürdig, aber ihr spöttischer Blick sprach Bände.

Nick befreite den Besucherstuhl von seinen Fachbüchern. „Bitte.“ Das Telefon klingelte. „Einheit 67, Trask am Apparat“, meldete er sich ungeduldig. „Ach ja, richtig. Giancoli hat mir gesagt, dass die Bremsen am Tankzug runter sind.“ Er glitt auf seinen Sessel und beachtete Susan nicht mehr.

Sie stellte ihre Aktentasche ab und nutzte die Gelegenheit, sich gründlich umzusehen. Fotos bedeckten die Wände. Darauf fröhlich grinsende Feuerwehrmänner vor ihren blitzblanken Löschzügen oder eine Gruppe Männer um einen Küchentisch versammelt. Ein Zeitungsausschnitt zeigte grimmige Kerle in voller Montur, denen die Erschöpfung von den rußgeschwärzten Gesichtern abzulesen war. Brand im Hillview-Pflegeheim. Beherzter Einsatz der Einheit 67 verhindert eine Katastrophe, las sie.

Susan ließ den Blick schweifen und entdeckte zwei nachlässig aufeinandergelegte gerahmte Auszeichnungen auf dem Aktenschrank. Die obere lobte einen Nick Trask für besondere Tapferkeit im Dienst. Beeindruckt wandte sie sich ihm wieder zu. Er telefonierte noch immer und schien seine Besucherin völlig vergessen zu haben.

Das ließ ihr Zeit, ihn genauer zu mustern. Seine markanten Züge verrieten eine starke Persönlichkeit, sein Mund machte eine Frau neugierig. Nick Trask war ein gefährlich attraktiver Mann. Susan verspürte ein beunruhigendes Flattern im Magen. Um sich abzulenken, stellte sie sich ans Fenster.

Draußen bellte ein Hund, unten auf der Straße spielten ein paar Jungen Fußball.

Im Zimmer knisterte die Luft.

Nick rutschte im Sessel nach vorn. „Okay, alles klar. Sagen Sie mir Bescheid, wenn es losgeht. Großartig. Bis später.“ Er legte auf und drehte sich zu Susan Hillyard um.

Das Licht spielte ihm einen Streich. Ihr Haar leuchtete, als stünde es in Flammen. Stumm betrachtete er sie. Dann schüttelte er den Kopf und hatte sich wieder in der Gewalt.

Im selben Moment drehte sie sich um und trat vom Fenster zurück. „Alles erledigt?“

„Ja. Tut mir leid, dass Sie warten mussten.“ Noch immer leicht verwirrt, kam er sofort zur Sache. „Also, Miss Hillyard, was hat Ihnen der Stadtrat versprochen? Was sollen wir für Sie tun?“

Susan presste die Lippen zusammen und setzte sich. „Ich glaube, der Stadtrat ist ernsthaft an Ihrer Sicherheit interessiert, wie Sie gleich feststellen werden. Sehen Sie, ich habe schon vor Wochen einen Termin vereinbaren lassen“, fügte sie frostig hinzu. „Und ich hatte angenommen, Sie wären bereit, sich mit mir zu unterhalten.“

Nick verfluchte die widrigen Umstände und vor allem Donald Ayre. Egal was die Klassefrau ihm verkaufen wollte, sie und ihr Auftrag würden ihn Zeit kosten, die er nicht hatte.

„Na schön“, begann er und raffte zusammen, was er an Geduld aufbieten konnte, „fangen Sie an. Am besten ganz von vorn.“

Susan holte tief Luft. „Ich arbeite für die Exler Corporation“, sagte sie vorsichtig, „und ich habe Orienteer entwickelt, ein System, um Einsatzkräfte in brennenden Gebäuden aufzuspüren.“

„Wie das?“

„Grundlage ist ein Mikrochip, der GPS-Koordinaten mit einer Datenbank von Gebäudeplänen verknüpft, um Menschen zu lokalisieren, wo auch immer es nötig wird. Sie wollen Ihre Leute in einem brennenden Hochhauskomplex finden? Orienteer macht es möglich. Das System leitet sie sogar nach draußen. Niemand muss sterben wie damals beim Hartford-Brand.“ Ihre Stimme stockte kurz, so schien es ihm jedenfalls. Aber als sie fortfuhr, klang sie bestimmt, und er war nicht sicher, ob er es sich nicht nur eingebildet hatte. „Die Erprobungsphase ist abgeschlossen, Fehler wurden behoben. Als letzter Schritt fehlt nur noch der Test im Ernstfall.“

„Ausgeschlossen.“ Nick schüttelte den Kopf. „Meine Männer sind keine Versuchskaninchen.“

„Wie bitte?“

„Das kommt nicht infrage.“ Oh ja, er wusste genau, wie die Sache laufen würde. Man zog für die Politiker eine Show ab, investierte kostbare Mittel aus dem Abteilungsbudget, und wenn die Fotos im Kasten und die Wahlen vorbei waren, redete niemand mehr davon, die Anschaffung des neuen Systems zu finanzieren. Das allein wäre schon schlimm genug, aber seine Jungs für einen Fototermin unwägbaren Gefahren auszusetzen, das ging ihm einfach zu weit.

„Sie können nicht einfach ablehnen.“

„Erstens ist es völlig unpraktisch.“ Das war’s, was ihn an Wichtigtuern wie Ayre gewaltig störte. Anstatt etwas Vernünftiges, etwas wirklich Brauchbares anzubieten, tauchte eine entzückende Forscherin mit einem neuen Projekt auf, und Ayre sah nur die Schlagzeilen und nicht das Risiko.

„Unpraktisch?“ Ihre Augen blitzten. „Wie können Sie das behaupten, wenn Sie nicht das Geringste darüber wissen?“

„Wo wollen Sie all die Baupläne hernehmen?“

„Die Baubehörde hat sie uns bereits zur Verfügung gestellt. Die Mikroprozessoren für die Testeinheiten enthalten die Pläne für sämtliche Gebäude in Boston und Cambridge.“

Er gab einen abfälligen Laut von sich. „Glauben Sie wirklich, dass sie in einer Stadt wie dieser auf dem neuesten Stand sind? Wollen Sie dafür Menschenleben riskieren?“

„Wir checken die Pläne, sobald die Häuser betreten werden.“

„Bis ins Detail? Das schaffen Sie nie.“ Nick atmete tief durch. „Wenn Sie sich nützlich machen wollen, verschaffen Sie mir mehr Wärmebildkameras, entwickeln Sie bessere Atemschutzgeräte. Irgendwas Erprobtes. Etwas Praktisches.“

Ihre Wangen röteten sich. „Die Ausrüstung ist praktisch! Und erprobt auch. Die Testläufe sind abgeschlossen, man hat das System nur noch nicht im Ernstfall angewendet. Das Department und der Stadtrat stehen voll dahinter.“

„Das wundert mich gar nicht. Der Feuerwehrchef und Ayre sind im selben Häuserblock aufgewachsen.“

„Was soll das denn heißen?“

Er seufzte. Sie konnte ja nichts dafür. „Hören Sie, ich bin sicher, Sie haben die besten Absichten, aber Sie wissen nicht, was hier abläuft.“

„Das werden Sie mir doch bestimmt erzählen.“

Ihre Hartnäckigkeit beeindruckte ihn. „In jedem Wahlkampf schreibt Ayre sich die Sicherheit der Feuerwehrleute auf die Fahne. Das sichert ihm die Aufmerksamkeit der Medien, die ihn öffentlichkeitswirksam vor glänzenden roten Löschfahrzeugen ablichten. Die dringend benötigten Fördermittel bleiben aus. Glauben Sie mir, ich habe es nicht nur einmal erlebt.“ Frustriert schüttelte er den Kopf. „Ayre will die Wahl gewinnen, mehr nicht. Und Sie sind das Mittel zum Zweck.“

„Was ist los mit Ihnen? Ich spreche von einer Ausrüstung, die Ihnen nützlich sein kann, und Sie entwickeln Verschwörungstheorien.“

Nick richtete sich auf. „Nein, ich erkläre Ihnen Politik.“

„Und ich rede davon, Leben zu retten“, konterte sie. „Haben Sie Probleme mit Ayre? Sie brauchen ihn ja nicht zu wählen. Darum geht es mir nicht. Mich interessiert einzig und allein, das System endlich zum Einsatz zu bringen.“

„Träumen Sie weiter. Niemand wird Ihnen Ihr Spielzeug abkaufen.“

„Es ist kein Spielzeug!“, protestierte sie hitzig. „Sondern ein ausgeklügeltes System.“

„Ein … Haben Sie überhaupt die geringste Ahnung von Brandbekämpfung?“

Susans Augen brannten plötzlich. Sie schluckte, holte bebend Luft. „Natürlich. Ich habe Feuerwehrleute aus Cambridge zurate gezogen, während ich die Ausrüstung entwickelte.“

„Ausgezeichnet. Sollen die den Test machen.“

„Wir haben bei der Stadt Boston angefragt, und die Stadt hat Sie genannt. Es geht hier nicht um irgendein läppisches Projekt. Dieser Test ist von entscheidender Bedeutung, und er wird hier durchgeführt. Darauf können Sie sich verlassen. Bill Grant, der Feuerwehrchef, will, dass Ihre Truppe ihn durchführt. Ayre will es. Ich will es. Sie stehen am Ende der Kommandokette, Captain Trask.“

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