Kämpf um mich, mein fremder Gemahl!

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„Du willst nicht mich. Du willst einen Erben.“ Davon ist Elizabeth Armstrong überzeugt, als ihr Ehemann Jack nach fünf Jahren als Held aus dem Krieg zurückkehrt. Und sie ist nicht gewillt, ihm den Gefallen zu tun. Zu lange war sie Mitleid und Häme ausgesetzt, denn Jacks skandalöse Abenteuer in Übersee sind nicht unbeobachtet geblieben. Nein, er muss sich schon etwas Mühe geben, um sie für sich zu gewinnen und ihr zu zeigen, dass ihre nie vollzogene Vernunftehe mehr als eine Farce ist und doch noch zu dem werden kann, wonach sie sich sehnt – einer Verbindung voller Liebe und Leidenschaft. Doch ist Jack zu solchen Gefühlen überhaupt fähig?


  • Erscheinungstag 25.04.2026
  • Bandnummer 185
  • ISBN / Artikelnummer 0840260185
  • Seitenanzahl 384

Leseprobe

Susanna Fraser

Kämpf um mich, mein fremder Gemahl!

Susanna Fraser

Susanna Fraser schreibt bereits seit ihrem neunten Lebensjahr. Damals noch Geschichten über sprechende Pferde, sind es inzwischen historische Romane, die in der Regency-Zeit spielen und oft von Soldaten der Napoleonischen Kriege handeln. Geboren in Alabama, hat das Leben sie nach Philadelphia, England und Seattle geführt, wo sie heute mit Mann und Tochter lebt.

In liebender Erinnerung an Lee und Scott,

alte Freunde, die viel zu früh gegangen sind.

PROLOG

An Bord der HMS Antigone, auf dem Nordatlantik

Januar 1815

„Auf den Frieden!“

Pflichtbewusst erhob Jack sein Glas. „Auf den Frieden“, wiederholte er im Chor mit den restlichen Offizieren, die an Captain Tizleys Tisch zu Abend speisten. Ein Dutzend Männer feierten und tranken zusammen in der engen Kajüte mit niedriger Decke, doch Jack war der Einzige, der inmitten von blauen Marineuniformen die rote Uniform des Heeres trug. Der Koch hatte sich zu Ehren der abendlichen Feier selbst übertroffen. Das letzte überlebende Schiffsschwein war geopfert und als saftiger Braten verspeist worden, und jetzt standen gleich zwei Nachspeisen auf dem Tisch – ein Rosinenpudding und ein Plumpudding.

Wie viele von uns wollen den Frieden wirklich? Jack unterdrückte einen Seufzer und leerte sein siebtes Glas Wein. Von sich selbst konnte er das jedenfalls nicht behaupten. Er hatte seine Reise nach England nicht in der Hoffnung auf Frieden oder auch nur einen längeren Erholungsaufenthalt zu Hause angetreten, sondern um für eine bessere Strategie zu plädieren, die er mit zurück nach Kanada nehmen konnte. Er glaubte zu wissen, wie die Kontrolle über die Großen Seen zurückgewonnen werden könnte, und er konnte einige Argumente für die Notwendigkeit eines indigenen Pufferstaates vorbringen. Damit müsste er selbst die hartherzigsten und pragmatischsten Politiker dazu überreden können, sich ihren indigenen Verbündeten gegenüber zur Abwechslung endlich einmal anständig zu verhalten.

Aber heute waren sie einem Schiff begegnet, das in Richtung Westen segelte, und hatten erfahren, dass es einen Vertrag mit den Amerikanern geben würde. Damit hatten sich all seine Pläne in Luft aufgelöst. Endlich Frieden. Frieden mit Amerika, so wie sie letztes Jahr Frieden mit Frankreich geschlossen hatten, als Bonaparte endlich aufgegeben und abgedankt hatte. Frieden! Dazu war Jack noch nicht bereit. Er hatte zu lange gebraucht, um sich von seinen Verwundungen zu erholen, die er in Queenston Heights erlitten hatte. Jetzt brauchte er noch eine Gelegenheit, seinen Mut und sein Talent zu beweisen und zu zeigen, dass er die Ritterwürde und die Beförderung zum Generalmajor, die er während seines Lazarettaufenthalts bekommen hatte, tatsächlich verdiente.

„Was werden Sie mit diesem Frieden anfangen, Sir John?“ Captain Tizley hob fragend eine Braue.

Jack lächelte. „Ich muss sehen, was die Horse Guards von mir verlangen. Vielleicht schickt man mich zurück nach Kanada.“ Er hoffte es. Den größten Teil seines Erwachsenenlebens hatte er dort verbracht, und wenn er an zu Hause dachte, stellte er sich die Wälder und die Wildnis dort vor, nicht das Dorf in Northumberland, in dem er seine Kindheit verbracht hatte. Ganz gleich, wie die Bedingungen für den Frieden mit Amerika lauteten, in Kanada waren weiterhin Garnisonen vonnöten, und wer wäre besser für ein solches Kommando geeignet als ein Mann, der dieses Land so gut kannte und so sehr liebte wie er?

„Sehnen Sie sich nicht danach, nach England zurückzukehren und eine Familie zu gründen?“, fragte der Kapitän.

Ganz gewiss wollte Jack nicht nach Selyhaugh zurückkehren. Alles, was ihm in seinem Heimatort jemals etwas bedeutet hatte, war zuerst mit seinem besten Freund und dann mit seiner Mutter gestorben. Jetzt wartete nur eine Gattin auf ihn, die er nicht gewollt hatte, nicht einmal, als er seine Ehegelübde gesprochen hatte. „Mein Leben war noch nie geordnet genug für eine Familie“, sagte er. „Haben Sie Familie, Captain?“

„Nein, Sir. Aber falls ich es jemals zum Admiral bringen sollte, könnte ich anfangen, mir eine zu wünschen. Einen Landsitz, einen Platz in der Gesellschaft, eine eigene Familie.“

Zugegeben, in der Theorie klang es verlockend. Trotz seiner langen Abwesenheit fühlte er sich seiner Abstammung verpflichtet. Seine Mutter hätte sich gewünscht, dass ihre Enkelkinder auf dem Land der Familie aufwuchsen. Und sein Onkel, der sich jahrelang bemüht hatte, Jack in der Armee unterzubringen und ihn in Rang und Würden zu bringen? Er wäre außer sich bei dem Gedanken, dass sein eigensinniger Neffe absichtlich keinen Sohn zeugte, um die militärische Tradition der Armstrongs fortzusetzen. Doch Jack war Elizabeth bereits zu viele Jahre aus dem Weg gegangen, als dass diese Aussicht ihn heiter stimmen würde.

„In London wird man sich um Sie reißen, Sir“, sagte Devenish, der furchtbar junge und heitere Erste Offizier der Antigone. „Ein Kriegsheld und, wie ich zu behaupten wage, der einzige Mann auf dem Heiratsmarkt, der von sich behaupten kann, unter Ureinwohnern gelebt zu haben … Die Debütantinnen werden Schlange stehen.“

Wenn es doch nur so wäre. „Nun, dazu wird es nicht kommen“, sagte Jack leichthin. „Ich bin leider bereits verheiratet.“

„Wie bitte? Sie haben Ihre Gattin nie erwähnt“, platzte Devenish heraus, doch dann hatte er wenigstens den Anstand, betreten dreinzuschauen. „Verzeihung, Sir.“

„Dazu besteht kein Anlass.“ Er hatte ja nur die Wahrheit gesagt. Jack sprach selten von Elizabeth und dachte nicht häufiger an sie als nötig. Ganz gewiss gab es keine Veranlassung, diesen neuen Bekannten auf dem Meer von ihr zu erzählen. „Wir leben recht abgeschieden in Northumberland“, sagte er, was nicht gelogen war, „und Lady Armstrong hat beschlossen, ständig dort zu leben.“ Was ebenfalls den Tatsachen entsprach.

Er ließ unerwähnt, dass ihr einziger Kontakt in den letzten fünf Jahren aus pflichtschuldigen Briefen bestanden hatte, in denen sie ihm berichtete, wie er seine Ländereien und Besitzungen verwaltete. Wenn er die Briefe Monate später erhielt, hatte er ihr geantwortet und ihre Entscheidungen abgesegnet – Elizabeth war überaus sparsam und zuverlässig, das musste er ihr lassen. Doch er war stets erleichtert gewesen, dass noch ein oder zwei Jahreszeiten vergehen würden, bevor er sich erneut zu dieser Farce zwingen musste.

Um nicht noch weitere unverschämte Fragen von den Milchbubis der Marine beantworten zu müssen, bedeutete er dem wartenden Diener, eine weitere Runde einzuschenken. „Ein Glas Wein auf Sie, Mr. Devenish.“

„Jawohl, Sir!“ Der junge Offizier grinste und hob sein Glas. „Auf die Gattinnen und Gespielinnen.“

„Mögen sie sich niemals begegnen“, fielen mehrere Stimmen im Chor ein.

Jack verbarg einen Seufzer. Es war lächerlich, sich vor der Begegnung mit seiner eigenen Gattin zu fürchten, während er auf dem Schlachtfeld niemals vor den Gefahren der Musketen, Kanonen und Degen zurückschreckte. Aber er konnte ihr nicht ewig aus dem Weg gehen, und im Grunde wünschte er sich einen Sohn, der in seine Fußstapfen trat. Das war er seiner Familie und seinem Namen schuldig. Seine Gattin war also eine langweilige und kalte graue Maus. Na und? Er würde die Augen schließen, an Sarah oder Marie-Rose oder Hannah denken und Elizabeth ein Kind machen. Mit etwas Glück würde sie gleich beim ersten Versuch einen Sohn empfangen, und sie konnten wieder einen großen Bogen umeinander machen. Er würde wetten, dass Elizabeth genauso froh sein würde, ihn von hinten zu sehen, wie er, sie los zu sein.

Er war ein Narr gewesen, sie nach so einer flüchtigen Bekanntschaft zu heiraten. Ein Versprechen am Totenbett war keine gute Art, sich seine Frau auszuwählen, und er war ein tausendmal größerer Narr gewesen, dem zuzustimmen. Doch zu jener Zeit schien es ein ausgezeichneter Vorschlag zu sein …

1. KAPITEL

Selyhaugh, Northumberland, fünf Jahre zuvor

Jack war noch nie so froh gewesen, der Gegenwart seiner Mutter zu entkommen, nicht einmal nach den größten Schrammen, die er sich als Junge zugezogen hatte. Sie war noch kränker und vergesslicher, als er nach Giles’ und Eltings Briefen erwartet hatte. Allerdings musste er seinem Freund aus Kindertagen und dem Dorfapotheker zugutehalten, dass sie diese Briefe vor fast einem Jahr geschrieben hatten. Es hatte viel zu lange gedauert, bis die Nachricht ihn erreicht hatte. Er hatte im Stammesterritorium unter den Shawnee gelebt und versucht, die Ureinwohner im Falle eines weiteren Krieges mit den Amerikanern auf die Seite der Briten zu ziehen. Die Reise über die grüne Grenze zurück nach Kanada, der Bericht für General Brock und die Organisation einer Schiffspassage zurück nach England hatten sich auch nicht über Nacht erledigt.

Er wünschte, er wäre näher gewesen. Wenn sein Regiment mit Lord Wellington auf der Iberischen Halbinsel gewesen wäre, hätte er nach dem Schlaganfall innerhalb von zwei Monaten an der Seite seiner Mutter sein können, bevor der Verfall ihres Verstandes so weit fortgeschritten war. Anfangs war es gar nicht so schlimm um sie bestellt gewesen, wie die Bediensteten ihm berichteten. Vor acht oder sogar nur sechs Monaten hätte sie ihn wohl noch erkannt, und er hätte sich von ihr verabschieden können, als sie noch beinahe sie selbst gewesen war.

Gleichwohl verspürte er keinerlei Wunsch, die Armee zu verlassen. Ein besserer Sohn wäre vermutlich zu Hause geblieben, um das Land zu bestellen und Pferde zu züchten, wie sein Vater vor ihm es getan hatte. Doch als sein älterer Bruder starb und er als einziger Erbe von Westerby Grange übrig blieb, hatte er sich bereits mit Herz und Seele der Armee verschrieben. So wie sein Onkel Richard es für ihn geplant hatte, seit er ein kleiner Junge war.

Die Armee hatte ihm die Möglichkeit zur Flucht geboten. Er hatte nie den Wunsch verspürt, sein Leben in Selyhaugh zu verbringen. Auch jetzt hielt es ihn nicht lange hier, ganz gleich, wie sehr Mama ihn brauchte. Er hatte vierzehn Tage Zeit, um ihre Angelegenheiten zu ordnen und Maßnahmen für ihre Pflege zu arrangieren, ehe er nach Kanada zurückreisen musste.

Nach einem einzigen Tag in Mamas Gegenwart dachte er sich Ausreden aus, um für ein paar Stunden zu entkommen. Zuerst hatte sie ihn mit Onkel Richard verwechselt, den sie noch nie gemocht hatte. Danach hatte sie ihn schmerzlicherweise für seinen eigenen Vater gehalten, den sie bewundert hatte. Manchmal erinnerte sie sich daran, dass sie einen Sohn namens Jack hatte, aber Jack war für sie immer noch ein kleiner Junge, im besten Fall ein Schulkind. Seine rätselhafte Anwesenheit schien sie nur zu beunruhigen, also redete er sich ein, dass es zu ihrem und seinem Besten war, wenn er das Haus eine Weile verließ. Er sattelte Penelope, sein grau geschecktes Jagdpferd, und ritt mit ihr aus.

Sobald die Stute und er sich in einem wilden Galopp verausgabt hatten, zügelte er sie zu einem gemächlichen Trab und lenkte sie zurück nach Selyhaugh. Er beschloss, Giles und seiner neuen Braut einen Besuch abzustatten. Vielleicht hätte er eine Nachricht schicken sollen, um seinen Besuch anzukündigen, aber Giles würde gewiss nicht einmal als Frischvermählter auf solchen Förmlichkeiten beharren.

Die Heirat seines Freundes hatte Jack überrascht, obwohl es das vermutlich nicht sollte. Sie waren jetzt dreißig Jahre alt, mehr als alt genug, um den Bund der Ehe einzugehen. Aber Giles war viel ärmer als Jack. Jahrelang hatte er sein Leben als Hauslehrer in York gefristet, und jetzt war er Hilfspfarrer in der Kirchengemeinde von Selyhaugh. Wie konnte er es sich da leisten, eine Frau zu unterhalten?

Trotzdem hatte er geheiratet. Jack hatte Briefe an Giles und Elting geschickt, sobald er in London eingetroffen war, um ihnen zu versichern, dass er Richtung Norden reiten würde, sobald er sich im Namen von General Brock mit den Kommandanten der Horse Guards getroffen hatte. Giles hatte umgehend geantwortet und geklagt, dass Jack es noch zu seiner Hochzeit geschafft hätte, wenn die Winde des Atlantiks ihn nur eine Woche früher hergebracht hätten.

Du musst uns besuchen, sobald deine Verpflichtungen deiner Mutter gegenüber es zulassen, hatte er geschrieben. Ich kann es kaum erwarten, dass du Elizabeth kennenlernst. Wenn sie lächelt, ist sie das schönste Wesen, das ich je erblickt habe, und sie hat die erstaunlichsten Augen.

Die Gesellschaft eines alten Freundes und einer schönen Frau, die er bewundern konnte, so keusch sie auch sein mochte, wäre eine willkommene Ruhepause von der Tortur, die sein Besuch bisher darstellte. Vor dem kleinen Cottage, das Giles ihm beschrieben hatte, zügelte er Penelope. Es war ein winziges, gemütliches Heim, das praktischerweise gleich neben der Dorfkirche lag. Stirnrunzelnd stieg Jack ab und band Penelope an den Torpfosten. Das Cottage wirkte irgendwie zu still – leer und tot. Nichts daran strahlte Flitterwochen aus. Er schüttelte den Kopf und tätschelte die Stute. Er hatte zu viel Fantasie, das war absurd. Es war Februar, und die Fensterläden benötigten einen neuen Anstrich, das war alles. Was hatte er erwartet, Vogelgesang und blühende Blumen?

Mit dem Hut unter dem Arm klopfte er an die Haustür. Nach einer Pause, die lange genug dauerte, um Jack fast davon zu überzeugen, dass das Haus so tot auf ihn wirkte, weil es leer war, schwang die Tür auf.

Eine dünne, gewöhnlich aussehende Frau von vielleicht fünfundzwanzig Jahren sah ihn aus blutunterlaufenen braunen Augen an. Jack blinzelte verwirrt zurück. War das die Hausherrin oder das Mädchen für alles? Sie hatte die Ausstrahlung einer Lady, aber dies war nicht die schöne neue Mrs. Hamilton mit den erstaunlichen Augen, die er nach Giles’ Brief erwartet hatte.

„Guten Tag, Ma’am“, sagte er, als das Schweigen sich zwischen ihnen ausbreitete. „Gehe ich recht in der Annahme, dass dies hier Giles Hamiltons Haus ist?“

Sie biss sich auf die Lippe – ihre Lippen sahen spröde aus, als sei es ihre Angewohnheit, sorgenvoll daran zu knabbern. „Das ist es“, sagte sie kurz angebunden. „Ich bin seine Gattin.“

Irgendetwas stimmte hier nicht, aber Jack hielt sich an die üblichen Allgemeinplätze. „Dann freue ich mich, Sie kennenzulernen. Ich bin Jack Armstrong. Vielleicht hat er von mir gesprochen? Ich habe ihm vor etwa einer Woche geschrieben, um ihm mitzuteilen, dass ich in den Norden komme. Ich weiß, dass ich meinen Besuch hätte ankündigen sollen, aber ich wollte ihn sogleich besuchen.“

Sie schluckte und versuchte ein offensichtlich falsches Lächeln. „Das ist ganz richtig, Colonel Armstrong, aber ich … ich fürchte, Giles ist krank.“

Das erklärte immerhin die geröteten Augen und den offenkundigen Kummer. Armes Mädchen! So unvermittelt war aus der Braut eine Krankenschwester geworden. Er lächelte beruhigend. Seine Mutter konnte er zwar nicht heilen, aber Giles würde er doch gewiss helfen können. „Das tut mir leid zu hören, Ma’am. Ich werde Sie nicht länger behelligen. Ich bleibe noch mindestens eine Woche in Selyhaugh, also komme ich besser später noch einmal vorbei, wenn er sich wieder wohler fühlt. Bis dahin würde ich mich freuen, Sie zu unterstützen – mit was immer Sie benötigen. Ich glaube, Mrs. Purvis ist recht erfahren in der Krankenpflege, und im Keller der Farm werden sich ein paar gute Äpfel finden lassen.“

„Ich glaube, er stirbt“, platzte es aus Mrs. Hamilton heraus.

Für einen Moment fehlten Jack die Worte. „Ganz gewiss nicht“, hörte er sich selbst sagen. Giles und sterben? Das konnte nicht sein. Er war stets gesund gewesen, und sein letzter Brief hatte nur so vor Lebendigkeit und Lebensfreude gestrotzt.

„Das sage ich mir auch immer wieder“, sagte sie, „aber er wird immer schwächer, und … und ich habe solche Angst.“ Ihre Stimme brach, und Jack fragte sich, was er mit einer schluchzenden Frau auf ihrer eigenen Türschwelle anstellen sollte. Zu seiner unsäglichen Erleichterung schluckte sie hart und fasste sich wieder. „Verzeihung, Colonel. Ich sollte Sie nicht damit belästigen.“

Darauf wusste er zu antworten. „Unsinn, Ma’am. Giles ist mein ältester Freund, er könnte niemals eine Last sein. Darf ich eintreten?“

Sie wich zurück und machte eine fahrige Geste des Willkommens. „Natürlich.“

Elizabeth hatte noch nie zuvor einen gesünderen Mann gesehen als Giles’ Freund, den Lieutenant-Colonel. Alles an ihm, von den strahlend dunklen Augen und den dichten, kurz geschnittenen braunen Locken bis zu den schnellen, festen Schritten, verriet Stärke und Vitalität. Eine Woche zuvor hätte sie ihn dafür bewundert, aber jetzt erschreckte es sie beinahe, dass jemand so lebendig sein konnte, während ihr geliebter Gatte oben um jeden Atemzug kämpfte.

„Würden Sie mich bitte zu ihm führen?“, fragte er, sobald er die Tür hinter sich geschlossen hatte.

Sie musterte ihn für einen Moment. So viele Besucher waren gekommen, seit Giles erkrankt war, und die meisten von ihnen hatte sie vom Krankenzimmer ferngehalten. Sie hatte die angebotenen Speisen und die Medizin angenommen und die Besucher wieder fortgeschickt. Doch dieser Mann war in der Jugend Giles’ engster Freund gewesen, und es war Jahre her, dass sie sich gesehen hatten. Gewiss sollte sie bei ihm eine Ausnahme machen, und vielleicht würde es ihren Gatten stärken, seinen alten Freund wiederzusehen.

„Ja“, sagte sie. „Seit wir Ihren Brief erhalten haben, hat er sich darauf gefreut, Sie zu sehen. Vielleicht muntert ihn das auf.“ Ohne Umschweife führte sie ihn zur Treppe. Ein Teil von ihr hoffte, dass Colonel Armstrong Giles irgendwie etwas von seiner Kraft leihen könnte, so wie die kleinen Kinder der Fordhams ihre Krankheit auf ihn übertragen hatten.

Nein. Gesundheit war nicht ansteckend, Sterben schon. Kurz vor der Treppe blieb sie unvermittelt stehen, und ihr Gast stieß sie fast an.

Sie drehte sich um und sah ihn an. Für Fremde standen sie unangemessen nah beieinander. Sie konnte die Hitze spüren, die sein Körper ausstrahlte – gute, warme Hitze, kein brennendes Fieber wie das, unter dem Giles seit fünf Tagen litt. Sie konnte seinen Atem einatmen und nahm einen süßen, frischen Duft nach Pferd und offener Landschaft wahr. Sie durfte ihn nicht diesem Risiko aussetzen.

Er machte einen Schritt zurück. Sie hätte es ihm gern gleichgetan, doch die unterste Treppenstufe drückte bereits ihren Rock gegen die Waden. „Ich muss Sie etwas fragen“, sagte sie. „Hatten Sie jemals die Windpocken, Sir?“

„Natürlich, als ich neun war.“ Mit gerunzelter Stirn sah er sie an und schüttelte verdutzt den Kopf. „Sagen Sie nicht, Giles stirbt an Windpocken.“

Vermutlich klang es wirklich lächerlich. Giles und sie hatten zuerst gelacht, als die Bläschen auftauchten und sie begriffen, dass er sich in seinem Alter eine Kinderkrankheit zugezogen hatte. Doch von dieser Stunde an war er immer kränker und schwächer geworden, ganz gleich, wie oft Mr. Elting ihn zur Ader gelassen oder welche Medizin sie ausprobiert hatten.

Eine heiße Träne entschlüpfte ihr und lief ihr über die Wange, und sie wischte sie verärgert beiseite. Wie konnte sie überhaupt noch Tränen in sich haben? „Ich wünschte, ich müsste es nicht sagen, aber es ist wahr. Vermutlich wäre es richtiger, zu sagen, dass er an einer Lungenentzündung stirbt, da die Pocken seine Lunge befallen haben; aber mit den Windpocken hat es angefangen.“

Sie kehrte ihm den Rücken zu und stieg die Treppe empor. Selbst in ihrem Ärger und ihrer Trauer achtete sie darauf, ganz sacht aufzutreten.

„Warten Sie, Ma’am.“

Sie blieb stehen und schaute über die Schulter.

„Bitte verzeihen Sie meine unbedachte Bemerkung. Ich weiß sehr gut, wie gefährlich jede Art von Fieber sein kann. Wurde jemand gerufen? Dr. Adams in Alnwick ist ein guter Arzt. Falls Geld das Problem ist, würde ich gern aushelfen. Ich schulde Ihrem Gatten eine Menge, verstehen Sie, für seine Freundschaft, als wir noch Jungen waren.“

Geld war ein Problem, aber dadurch hatte sie sich nicht aufhalten lassen. „Er war gestern hier, und Mr. Elting kommt jeden Tag. Sie haben ihn zur Ader gelassen und mir Medizin und Umschläge hiergelassen, aber nichts hilft.“ Sie schluckte hart. „Nichts.“

„Das tut mir leid, Ma’am“, sagte er. „Mehr, als ich sagen kann.“

Sie nickte knapp und ging weiter.

Als die Stufen unter seinen Tritten knarrten, zuckte sie zusammen, aber er konnte nichts dafür. Er war ein großer Mann, fast so groß wie Giles, aber von kräftigerer Statur. Die Stufen waren einfach laut, das war alles.

Die Schlafzimmertür knarrte ebenfalls, obwohl sie sich größte Mühe gab, sie leise und sanft zu öffnen. Als es noch ihr erstes Zuhause gewesen war, der Ort ihres frischen Eheglücks, hatten all die kleinen Geräusche des Cottages sie entzückt. Doch jetzt, wo sie am Sterbebett ihres Gatten saß, verstärkten sie nur ihre Verzweiflung.

Giles hatte geschlafen, als sie nach unten gegangen war, um die Tür zu öffnen, aber jetzt starrte er sie beide an und versuchte, sich auf einen Ellenbogen zu stützen. Elizabeth eilte an seine Seite, doch ihr entging nicht, dass Colonel Armstrong scharf nach Luft schnappte. Sie war ebenfalls entsetzt. Vor sieben Tagen war Giles noch wohlauf gewesen. Sie hatten zusammen im Bett gelegen, Haut an Haut, eine Umarmung von Liebenden. Sie hatten über ihre Zukunft geredet, hatten sich Namen für den Sohn oder die Tochter überlegt, die sie hoffentlich bereits empfangen hatten, eine Woche nach der Hochzeit. Sie hatte sein Gesicht nachgezeichnet – die glatte Haut seiner hohen, edlen Stirn, die gerade griechische Nase, die leichten Bartstoppeln am Kinn. Wie schön er gewesen war!

Und jetzt? Alles verschwunden, vergraben unter Blasen und Wunden von dem schlimmsten Fall von Windpocken, den sie je gesehen hatte. Und er war so schwach – wie konnte es sein, dass dieser Mann, der sie so mühelos zu diesem Bett getragen hatte, jetzt nicht einmal die Kraft hatte, sich ohne Hilfe aufzurichten?

Sie half ihm und stopfte ihm ein paar Kissen in den Rücken. „Sieh nur, Giles“, sagte sie. „Es ist dein Freund, Colonel Armstrong.“

„Ich weiß“, murmelte er mit einem schwachen Hauch seines alten freundlichen Lächelns. „Jack, komm herein und lass mich …“ Er verstummte unvermittelt, als er einen Hustenanfall bekam. „Wasser, Liebes.“

Elizabeth reichte ihm ein Glas Wasser, vermischt mit einer Tinktur, von der Dr. Adams schwor, dass sie seine Schmerzen lindern würde. Er nahm einen winzigen Schluck und schob das Glas mit mehr Kraft zurück, als er den ganzen Tag aufgebracht hatte. „Nicht diese schreckliche Medizin, klares Wasser.“

Seufzend schenkte sie ihm frisches Wasser aus dem Krug auf dem kleinen Tisch neben dem Bett ein. Er nahm einen tiefen Schluck, dann wandte er sich an Colonel Armstrong, der auf der anderen Seite des Bettes Posten bezogen hatte. „Unsere Briefe haben dich erreicht, wie ich sehe.“

„Endlich.“

„Nun … ich bin froh, dass du hier bist.“ Giles versuchte, tief Luft zu holen, dabei gurgelte er schrecklich und fing erneut an zu husten. Als er fertig war, sah Elizabeth Blutflecken in seinem Taschentuch. Das hatte letzte Nacht angefangen und erschreckte sie mehr als alle anderen Symptome zusammen.

„Es tut mir so leid, dich in diesem Zustand zu sehen, alter Freund.“

Colonel Armstrong hatte genau die richtige Stimme für ein Krankenzimmer, stellte Elizabeth anerkennend fest, leise, aber herzlich.

„Nicht so leid wie mir.“ Giles unterdrückte einen weiteren Hustenanfall und warf seinen Kopf von einer Seite zur anderen.

Ach, dieser Besuch half nicht, nicht im Geringsten! Wenn überhaupt, ermüdete die Anwesenheit seines Freundes ihn nur noch mehr. Elizabeth drängte ihn, noch etwas Wasser zu trinken. Gewiss war es noch nicht zu spät, wenn er doch nur vorsichtig war. Er musste wieder gesund werden. Ohne ihn konnte sie nicht weiterleben. „Mein Lieber, du musst deine Kräfte schonen.“

Energisch schüttelte Giles den Kopf. „Nein. Es gibt nichts, wofür ich sie aufsparen könnte. Ich muss … sie nutzen, solange ich sie noch habe.“ Er reichte ihr das Glas und streckte eine bebende Hand nach Colonel Armstrong aus.

Der Colonel umschloss sie mit seinen Händen. Elizabeth biss sich auf die Lippe und blinzelte heftig. Giles’ Hand sah so zerbrechlich aus, so weiß, als sie zwischen Colonel Armstrongs kantigen, kräftigen Händen steckte.

„Ich bin froh, dass du hier bist.“ Elizabeth sah, wie Giles’ Hand sich verkrampfte, als er versuchte, kräftiger zuzupacken. „Genau der Mann, den ich wollte … Versprichst du mir etwas?“

„Alles.“ Der Colonel klang so inbrünstig, so sicher, ehe er auch nur wusste, worum Giles ihn bitten würde. Elizabeth wusste, dass Colonel Armstrong Giles’ bester Freund aus Kindertagen gewesen war, aber ihr war nicht klar gewesen, wie stark das Band zwischen ihnen immer noch war. Aber worum würde ihr Mann ihn bitten? Er hatte keine weitere Familie, kein Vermögen, das es zu verwalten galt. Er hatte nur … sie.

„Gut.“ Giles hustete erneut, holte vorsichtig Luft und starrte seinen Freund unverwandt an. Elizabeth hatte ihn noch nie so entschlossen gesehen. „Heirate Elizabeth, wenn ich tot bin.“

Colonel Armstrongs Mund klappte auf, dann schloss er ihn mit einem schnappenden Geräusch.

Elizabeth starrte Giles entsetzt an. Sie sollte diesen … diesen Fremden heiraten? „Wie bitte?“, rief sie und vergaß für einen Moment ihre eigene Krankenzimmer-Stimme. „Nein! Giles, das kannst du nicht verlangen.“

„Ich kann, und ich tue es“, beharrte er. Dann übermannte ihn ein erneuter Hustenanfall. Nach einem Schluck Wasser und ein paar mühsamen Atemzügen sprach er weiter, in einem hastigen, verzweifelten Flüsterton. Elizabeth und Colonel Armstrong mussten sich so weit vorbeugen, um ihn zu verstehen, dass sie einander fast berührten. „Ich lasse sie mit nichts zurück, Jack, völlig mittellos. Wir haben geheiratet, bevor ich die Stelle in Kirkham bekommen habe, denn nachdem ihr Großonkel gestorben war, konnte sie nirgendwo anders hin. Und jetzt soll ich sie ohne ein Zuhause und ohne einen Freund zurücklassen? Das kann ich nicht ertragen. Bitte versprich es mir, damit ich in Frieden sterben kann.“

Giles musste seinen Frieden haben – aber zu diesem Preis? „Nein“, sagte sie. „Ich werde schon irgendwie zurechtkommen.“ Sie wusste zwar nicht, wie, denn Großonkel Oxnard hatte sie tatsächlich mittellos und ohne ein Dach über dem Kopf zurückgelassen, aber sie konnte gewiss irgendwo eine respektable Anstellung finden. Wenigstens war sie jetzt Mrs. Hamilton und trug nicht länger den mit Makel befleckten Namen Ellershaw. „Mach dir meinetwegen keine Sorgen.“

„Meine Liebe, ich werde vor Gott treten. Du bist alles, was ich habe, worum ich noch Angst haben muss. Ich kann den Gedanken nicht ertragen, dass du bettelarm und allein zurückbleibst.“ Er nahm ein paar schwache, stockende Atemzüge, hielt inne, atmete erneut ein und wandte sich wieder an Colonel Armstrong. „Sie wird dir eine gute Ehefrau sein, und sie wird sich um deine Mutter kümmern, während du fort bist. Und ich werde wissen, dass sie in Sicherheit ist. Ich muss wissen, dass sie wohlbehalten sein wird.“

Er würde sich diese Sache nicht ausreden lassen, aber wenn er starb – nein, falls er starb –, bräuchten sie sich gewiss nicht an ein Versprechen gebunden zu fühlen, das sie nur gegeben hatten, um ihm seine letzten Stunden zu erleichtern. Sie richtete sich wieder auf und fing Colonel Armstrongs Blick auf. „Muntern Sie ihn auf“, flüsterte sie ihm tonlos zu.

Er nickte ihr kaum merklich zu, dann wandte er sich wieder an Giles. „Ich werde dafür sorgen, dass es ihr an nichts mangelt.“

Das konnte sie akzeptieren. Wenn der Colonel sie als Gesellschafterin für seine senile Mutter einstellen wollte, würde sie die angebotene Hilfe mit Freuden annehmen. Vielleicht hatte er auch einen Freund oder Cousin, der eine Gouvernante benötigte. Aber eine Ehe? Das war zu viel.

Giles schaffte es, die Augen zu verdrehen. „Ich liege im Sterben, aber ich habe nicht den Verstand verloren. Ich bitte dich, mir zu versprechen, dass du sie heiratest. Das ist nicht das Gleiche.“

„Das kannst du nicht von ihm verlangen“, flehte Elizabeth. „Er kennt mich doch gar nicht. Und ich kenne ihn nicht.“

„Aber ich kenne euch beide. Versprecht es mir. Alle beide. Wenn ihr mich je geliebt habt, versprecht es mir.“

Elizabeth schloss die Augen. Sie verstand Giles’ Ansinnen. Er wollte sich schon immer um sie kümmern, vom ersten Moment an, als er sie gesehen hatte. Als er sie kennengelernt hatte, hatte er als Hauslehrer für einen Enkelsohn eines der Kumpane ihres Großonkels in York gearbeitet. Er war entschlossen gewesen, sie aus der Plackerei und der Hoffnungslosigkeit ihres alten Lebens zu befreien. Jetzt verwendete er seine letzte Kraft im Sterben darauf, sicherzustellen, dass sie nicht wieder in ein Leben voller Einsamkeit und Armut zurückfiel. Als Gattin von Colonel Armstrong wäre sie die Herrin von Westerby Grange, mit einem hübschen Haus und einem Stall mit den besten Jagdpferden im Norden. Verglichen mit dem Leben, das sie seit dem Ruin ihres Vaters gekannt hatte, wäre sie in der Tat reich. Aber was könnte einsamer sein als die Ehe mit einem Mann, der sie nicht wollte?

„Also gut“, hörte sie Colonel Armstrong mit tiefer, leiser Stimme sagen. „Ich schwöre es.“

Sie öffnete die Augen und sah seinen düsteren, grimmigen Blick. Er wollte das nicht, warum also sollte sie es wollen?

Giles sank zurück in die Kissen. „Ich danke dir. Danke.“ Mit sichtlicher Mühe drehte er sich zu ihr um. „Elizabeth?“

Sie zögerte. Wenn dies der einzige Weg war, es Giles leichter zu machen … vielleicht würde er am Ende doch wieder gesund werden, und sie alle drei würden über diesen Morgen lachen wie über einen ziemlich peinlichen Witz. „Ich verspreche es“, sagte sie schließlich.

2. KAPITEL

Bei seiner Rückkehr nach Westerby Grange hielt Jack an der Hütte seines Pächters an und bat die Farmersfrau, Mrs. Purvis, ins Dorf zu gehen und bei der Pflege von Giles Hamilton zu helfen.

Sie nickte forsch. „Das mache ich. Sally kann sich hier um das Haus kümmern und ein paar Tage kochen, nicht wahr?“

„Natürlich, Mama“, stimmte das Mädchen zu. Jack schätzte sie auf nicht älter als vierzehn oder fünfzehn.

„Es geht ihm schlechter, nicht wahr?“, fragte Mrs. Purvis.

„Ich weiß nicht, wie es ihm vorher ging, aber jetzt ist er in einem schrecklichen Zustand“, sagte Jack. „Mrs. Hamilton und er glauben beide, dass er sterben wird, und nach dem, was ich gesehen habe, fürchte ich, dass sie recht haben.“

Mrs. Purvis schüttelte den Kopf. „Die armen Lämmchen, dabei waren sie so glücklich zusammen, als Mr. Hamilton seine Braut nach Hause gebracht hat. Ich werde tun, was ich kann, vielleicht kommt er ja durch.“

„Ich hoffe sehr.“ Wenn doch nur Mrs. Purvis mit ihrer Geduld und ihren praktischen Fähigkeiten Giles retten könnte, nachdem Dr. Adams und Mr. Elting mit ihren Aderlässen und ihrer Medizin versagt hatten. Doch Jack war sicher, dass es bereits zu spät war. „Was wissen Sie über die neue Mrs. Hamilton?“, fragte er und versuchte, seine Worte ganz beiläufig klingen zu lassen.

Die Pächterin und ihre Tochter zuckten beide die Achseln. „Nicht viel“, sagte Mrs. Purvis. „Mr. Hamilton hat sie in York kennengelernt, und ich glaube, sie stammt auch von dort. Ich habe gehört, dass ihre Eltern schon seit Jahren tot sind. Sie hat bei ihrem Großonkel gelebt, aber dann ist er gestorben und hat sie ohne einen Penny zurückgelassen.“

Das alles wusste Jack bereits. „Wie hieß sie vor der Heirat?“

„Elizabeth Ellershaw“, warf Sally ein. „Ein hübscher Name, nicht wahr?“

Ellershaw? Grundgütiger. Wenn sie diejenige war, für die Jack sie hielt – und gewiss gab es nicht viele Ellershaws hier in der Gegend –, hatte Giles Jack das Versprechen abgenommen, die Tochter eines Diebes in Verkleidung eines Bankiers zu heiraten. Vor etwa zehn Jahren war die Ellershaw-Affäre der Skandal in England gewesen. Jack würde das niemals vergessen, denn einer seiner engsten Freunde hatte bei dem daraus resultierenden Zusammenbruch der Bank seine gesamten Ersparnisse verloren. Vermutlich war inzwischen genug Zeit verstrichen, damit sich nur noch wenige Menschen an die Einzelheiten erinnerten, aber er hatte stets gehofft, eine Dame zu heiraten, deren Verbindungen ihm bei seinem Weiterkommen behilflich sein könnten. Nicht eine, die ihn hinunterziehen würde, sobald jemand herausfand, wer sie war.

Wie dem auch sei, er hatte sein Wort gegeben. Wenn Giles starb, musste er sie heiraten. Während er sich darum kümmerte, dass Mrs. Purvis’ ältester Sohn sie zu den Hamiltons fuhr, betete er inständig, dass sein Freund gerettet werden würde – und er selbst und Mrs. Hamilton einander erspart bleiben würden.

Doch Mrs. Purvis kehrte schon früh am nächsten Morgen zurück. Jack wusste, was für Neuigkeiten sie brachte, noch bevor sie den Kopf schüttelte und ihm mitteilte, dass Giles kurz nach Mitternacht verstorben sei. Hölzern dankte er ihr für ihre Hilfe und begann mit der Planung. Der Anstand gebot es, wenigstens mehrere Monate zu warten, ehe er seine frisch verwitwete zukünftige Braut heiratete, doch seine Pflichten machten das unmöglich. Ihm blieben nur noch zwölf Tage, ehe er wieder nach London reisen musste, um das Schiff für seine Rückkehr nach Kanada zu erreichen.

Er verspürte keinerlei Verlangen, dieses schlichte, blasse Wesen zu heiraten, das er an Giles’ Sterbebett kennengelernt hatte, besonders nicht, seit er wusste, aus welcher Familie sie stammte. Allerdings bot dieses Arrangement unbestreitbar auch einige Vorteile. Mit einer Gattin zu Hause konnte er darauf vertrauen, dass seine Mutter gut versorgt wurde, während er in Kanada seinen Pflichten und seiner Neigung nachging. Auch der Hof wäre in guten Händen – stets vorausgesetzt, dass seine Gemahlin umsichtig und ehrlich war. Doch selbst der sanftmütige, fromme Giles war nicht so naiv und weltfremd, dass er diese Überlegungen nicht angestellt hätte.

Bevor er aufbrach, um seiner zukünftigen Gattin einen Kondolenzbesuch abzustatten und alles Weitere zu besprechen, stapfte Jack die Treppe zum Zimmer seiner Mutter hinauf. Sie hatte ihn immer noch nicht erkannt. Trotzdem fand er, dass sie ein Recht darauf habe, als Erste von seinen Heiratsplänen zu erfahren.

Er klopfte an ihre Tür. Metcalf, die Zofe, die seiner Mutter seit vielen Jahren diente und sie jetzt pflegte, öffnete sofort. „Guten Morgen“, sagte er. „Wie geht es ihr heute?“

Metcalf verzog den Mund zu einer Grimasse. „Leider nicht besser, Sir.“

„Ich muss gleichwohl mit ihr sprechen.“

„Jawohl, Sir, aber vielleicht sollte ich dableiben? Sie ist daran gewöhnt, mich jeden Tag zu sehen, und … andere Menschen verwirren sie.“

Mit anderen Worten, Jack verwirrte sie. Ein perfekter Sohn würde vermutlich bei ihr zu Hause bleiben, aber er war schon immer für die Armee bestimmt gewesen, und er liebte das Soldatenleben. Er wäre ein jämmerlicher Farmer. Ein geregeltes Leben, gefesselt an ein kleines Fleckchen Erde, passte nicht zu ihm.

„Sie können im Ankleidezimmer warten“, sagte er. Er würde den Bediensteten über seine Heirat informieren, sobald zwischen Mrs. Hamilton und ihm alles geregelt war, und keinen Deut früher. „Ich rufe Sie, wenn sie unruhig wird.“

Nach einem kurzen Zögern trat Metcalf beiseite, schlüpfte ins Ankleidezimmer und schloss die Tür hinter sich.

Im Durchgang zum Wohnzimmer seiner Mutter blieb er stehen. Es war ein kleiner Raum, warm und behaglich eingerichtet, aber schmerzlich ordentlich. Vor Jahren hatte in ihren Privatgemächern stets das milde Chaos einer beschäftigten Frau geherrscht, überall verteilt hatten Rechnungsbücher und halb fertige Briefe gelegen.

Mama saß am Fenster und blätterte im schwachen Licht des Morgengrauens in einem Buch mit Kupferstichen. Bevor ihr Verstand angefangen hatte zu schwinden, war sie eine wache Frau voller Energie gewesen. Wenn sie sich tagsüber hingesetzt hatte, dann nicht ohne eine Feder oder Nadel in der Hand. Die einzigen Bücher, die sie gelesen hatte, waren Schauerromane gewesen – sie behauptete, der Schrecken und der Grusel würden ihren Geist beruhigen. Das Lesen hatte sie sich stets für die Abendstunden aufgespart, wenn ihr Tagwerk als Herrin von Westerby Grange getan war.

Sie jetzt so gebrechlich und hinfällig zu sehen, brach Jack das Herz. Wie konnte das Schicksal so grausam sein und so einen wachen Verstand, so eine lebendige Seele in ein Wrack verwandeln? Es wäre fast besser gewesen, sie wäre gestorben. Auf der Stelle schickte er schuldbewusst ein Gebet gen Himmel und versicherte Gott, dass er das nicht ernst gemeint hatte.

„Guten Morgen, Mama“, sagte er sanft.

Sie wandte den Kopf und musterte ihn aus den grauen Augen. Früher einmal war ihr Blick scharf gewesen, und sie hatte oft gezwinkert, doch jetzt war er weich, fast leer. Sie runzelte die Stirn. „Ned?“

Das war ein Anfang. Bis jetzt hatte sie ihn immer nur mit seinem Vater oder Onkel verwechselt, denen er ziemlich ähnlich sah, aber noch nie mit seinem blonden Bruder. „Ich bin Jack. Dein jüngerer Sohn.“ Das einzige Kind, das ihr geblieben war. Ned war bei einem Reitunfall ums Leben gekommen, kurz nachdem Jack im Alter von sechzehn Jahren als Fähnrich in die Armee eingetreten war. Seine ältere Schwester war schon als kleines Kind gestorben, lange vor seiner Geburt.

„Jack“, sagte sie zaghaft. „Wie groß du geworden bist. Ich … ich erinnere mich nicht.“

„Das ist nicht schlimm, Mama.“ Er setzte sich ihr gegenüber auf einen Stuhl. „Erinnerst du dich an Giles Hamilton?“

„Natürlich“, sagte sie fast ein wenig schnippisch, mit einem Hauch ihres alten Ichs. „Aber du kennst ihn nicht. Er starb vor deiner Geburt.“

Er war verwirrt, bis ihm einfiel, dass Giles nach seinem Großvater benannt worden war. „Egal. Ich bin gekommen, um dir zu sagen, dass ich heiraten werde.“

„Heiraten! Du bist doch noch ein kleiner Junge!“

Welches Jahr war es im Verstand seiner Mutter? „Ich bin jetzt dreißig Jahre alt, Mama.“

Sie starrte aus dem Fenster. „Jack war so ein süßer Junge. Nicht so schlau wie Ned, und er konnte nie stillhalten, aber er lächelte immer, als er noch ein Säugling war. Genau wie sein Vater.“

Jack rieb sich die Augen. Jetzt brachte er kein Lächeln zustande. „Die Frau, die ich heiraten werde, heißt Elizabeth. Elizabeth Hamilton.“

„Giles hat keine Tochter.“

„Nicht seine Tochter. Die Witwe seines Enkels. Sie wird in ein paar Tagen herkommen, und sie wird jeden Tag nach dir sehen, wenn ich zurück nach Kanada gehe.“

„Kanada!“

„Ja, Mama. Ich muss zurück. Mein Regiment ist dort.“

„Dein Regiment …“

„Ich bin im Neunundvierzigsten. Inzwischen bin ich Lieutenant-Colonel. Du hast dich so gefreut, als ich mein Offizierspatent erhielt und herkam, um dir meine Uniform zu zeigen.“

Sie schüttelte den Kopf. „Das ist Dick Armstrongs Werk. Man sollte keine Söhne großziehen, damit sie Kanonenfutter werden, aber dein Onkel hat dir immer den Kopf mit seinen Geschichten von Ruhm und Ehre vollgestopft. Was für ein Ruhm? Wir haben die Kolonien verloren.

Jack biss sich auf die Lippe und wandte den Blick ab. Jetzt kam also die Wahrheit heraus, denn seine Mutter konnte schon lange nicht mehr lügen. Vor vierzehn Jahren hatte sie noch überzeugend Bewunderung gemimt, als er als frischgebackener Fähnrich vor ihr gestanden und sich in der Pracht der neuen roten Uniform gesonnt hatte. „Ich liebe dich, Mama“, sagte er schließlich. Anscheinend gab es sonst nichts mehr zu sagen. „Ich komme am Abend wieder.“

Er stand auf und rief Metcalf, die zu seiner Erleichterung nähend am anderen Ende des Ankleidezimmers saß. Es gab keinen Hinweis darauf, dass sie am Schlüsselloch gelauscht hatte.

Zurück in seinem eigenen Zimmer zog er seinen alten braunen Gehrock aus und stattdessen den neuen flaschengrünen an. Ganz gleich, mit wie wenig Gefühl oder Leidenschaft er in dieser Ehe ging, es war gewiss nicht richtig, seiner zukünftigen Braut in seinem ältesten und nach Pferden riechenden Aufzug seine Aufwartung zu machen. Er brauchte jedoch auch ein Zeichen der Trauer um Giles. Nach kurzer Überlegung eilte er zurück ins Zimmer seiner Mutter, wo Metcalf ihn mit einer schwarzen Armbinde versorgte. So gerüstet, ließ er Penelope satteln und ritt in einem flotten Trab ins Dorf, während die schwache Wintersonne sich mühsam durch eine dünne Wolkendecke kämpfte.

Am Morgen nach Giles’ Tod saß Elizabeth mit Mrs. Ilderton, der Gattin von Selyhaughs Advokaten, und Miss Rafferty, einer ältlichen Jungfer, die zur Miete bei den Ildertons wohnte, im Wohnzimmer. Elizabeth wünschte, die beiden würden gehen und sie allein lassen, aber sie wäre nie so unhöflich, sie darum zu bitten. Sie hatten etwas zu essen gebracht – einen Laib frisches Brot, eine Platte mit Schinken sowie Backäpfel –, und Miss Rafferty hatte Tee gekocht, mit den Worten, das sei das Mindeste, was sie tun könne, um Elizabeth in dieser schweren Zeit zu helfen.

Der Pfarrer hatte kurz nach Tageseinbruch vorbeigeschaut, um ihr zu sagen, dass morgen die Beerdigung sein würde. Er hatte seine Haushälterin dabei, eine stämmige, nüchterne Frau, die Elizabeth und Mrs. Purvis geholfen hatte, den Leichnam zu waschen. Mr. Branley, der Gentleman, dem das Haus gehörte und der es Giles zu einem guten Preis überlassen hatte, hatte ihr ebenfalls seine Aufwartung gemacht und ihr versichert, dass sie bis zum Monatsende bleiben könne, was zum Glück noch drei Wochen hin war. Danach … nun, vermutlich würde sie sich eine Anstellung suchen müssen. Wenn sie doch nur eine kleine Erbschaft hätte, von der sie ihren Lebensunterhalt bestreiten könnte, so wie Miss Rafferty es tat.

Colonel Hamilton würde vermutlich versuchen, sein Versprechen, das er Giles gegeben hatte, zu halten. Doch Elizabeth beabsichtigte, ihn abzuweisen, obwohl die erneute Heirat ihr Schutz und Sicherheit bieten würde. Als Herrin eines feinen Hofes wie Westerby Grange wäre sie wohlhabender, als sie es sich je vorgestellt hatte. Trotzdem konnte sie nicht von ihm verlangen, sich ein Leben lang an eine Frau zu binden, über die er nichts wusste und die er nicht selbst ausgewählt hatte. Ganz gewiss würde er sie nicht mehr heiraten wollen, sobald er wüsste, wessen Tochter sie war.

Giles war gestern Abend kurz aufgewacht, bevor er in seinen letzten Schlaf gesunken war. Als er sie an seinem Bett sah, hatte er gelächelt. „Hübsche Elizabeth“, hatte er gesagt. „Ich wünschte, ich könnte länger bleiben … und dir mehr geben.“

Wie gern hätte sie geschluchzt und die Ungerechtigkeit beklagt, dass sie ihn so kurz, nachdem sie ihn gefunden hatte, schon wieder verlieren musste. Doch sie wollte ihn in Frieden sterben lassen. „Du hast mir alles gegeben.“

„Für eine Woche.“ Er lächelte schwach. „Aber mit Jack wirst du glücklich werden. Ich kann getrost gehen, in dem Wissen, dass du bei ihm sein wirst. Ihr beide passt zusammen.“

Der selbstsüchtige Teil von ihr wollte ihn dafür schelten, dass er ihr und seinem Freund solch eine Verpflichtung auferlegt hatte. Dafür, dass er von ihr erwartete, einen Fremden zu heiraten. Aber nein, Giles sollte in Frieden sterben, und sobald er entschlafen war, würden Colonel Armstrong und sie entscheiden, dass ein so irrsinniges Versprechen sie nicht band, und dann übereinkommen, dass ihre Wege sich trennten. „Er ist nicht wie du“, sagte sie nur.

„Nein. Aber du wirst mit der Zeit lernen, ihn zu lieben. Du wirst sehen. Ein guter Mann. Klüger, als es anfangs den Anschein hat, und ein Abenteurer, so wie du gern eine wärst.“

„Ich will keine Abenteurerin sein“, hatte sie protestiert. „Ich will, dass du bleibst.“

Erneut war ein Lächeln über seine entstellten Gesichtszüge gehuscht. „Sieh dir doch nur deine Bücher an. Abenteuer.“

Sie schaute kurz zu dem Buch auf dem Nachttisch, aus dem sie Giles vorgelesen hatte, ehe die Krankheit seine Lunge befallen hatte. Es war ein Bericht über die Reisen von James Cook. Als sie in York jahrelang ausgegrenzt worden war und sich abrackern musste, war es ihr stets ein großer Trost gewesen, sich vorzustellen, auf der anderen Seite der Welt zu sein. Aber sie hatte nie erwartet, dass sie selbst Abenteuer erleben würde, und ganz gewiss wollte sie in diesem Augenblick nicht an Botany Bay oder Batavia denken.

„Ich werde dich so vermissen.“ Ihre Stimme brach.

Er drückte ihre Hand, doch er war so schwach, verglichen mit der Stärke, in die sie sich verliebt hatte. „Ich werde auf dich warten.“

Das waren seine letzten Worte.

Jetzt hörte sie ein einzelnes Pferd durch die Dorfstraße traben. Sie schaute aus dem Fenster und entdeckte Colonel Armstrong, makellos in einem gut sitzenden grünen Gehrock, auf einem glänzenden grau gescheckten Jagdpferd. Er ritt direkt zu ihrem Tor, zügelte das Pferd und schwang sich aus dem Sattel.

„Wenn das nicht der kleine Jack Armstrong ist“, sagte Miss Rafferty. „Ich habe ihn seit Jahren nicht mehr gesehen.“

„Er ist wohl kaum noch ‚klein‘“, erwiderte Mrs. Ilderton mit unverhüllter Anerkennung. „Er und Ihr Giles waren als Jungen enge Freunde.“

„Ich weiß“, sagte Elizabeth. „Er hat uns gestern besucht. Ich glaube, er war zutiefst betrübt, als er erfuhr, wie es um Giles steht.“ Sie schaute erneut aus dem Fenster. Colonel Armstrong band sein Pferd an den Torpfosten und murmelte ihm etwas in das silbergraue Ohr. Es hatte etwas Liebenswertes, wenn ein Mann mit seinen Tieren sprach, doch Elizabeth verschloss ihr Herz gegen seinen Charme. Es fühlte sich an wie Verrat.

„Vielleicht hat Ihr Gatte eine Nachricht hinterlassen, die Sie ihm ausrichten sollten?“, riet Mrs. Ilderton.

„In der Tat, Ma’am.“ Zum Glück war die Frau einfühlsam genug, es Elizabeth zu ersparen, sich eine Ausrede einfallen zu lassen, um die beiden Damen vor die Tür zu setzen, damit sie ihren unerwünschten Verehrer abwimmeln konnte.

„Dann sollten wir gehen, nicht wahr, Augusta?“ Mrs. Ilderton stand auf und strich ihre Röcke glatt.

Miss Rafferty, die immer noch Colonel Armstrong durch das Fenster beobachtete, schreckte bei den Worten auf. „Hm? O ja. Er hat sich zu einem prächtigen Mannsbild gemausert, nicht wahr? Das hätte ich mir nie träumen lassen! Was war er doch für ein dürrer Hänfling, als er zur Armee ging. Sechzehn Jahre, aber er sah aus wie zwölf, und die Vorstellung, dass er einen Mann spielen und große, ungehobelte Soldaten herumkommandieren sollte, war einfach lächerlich. Das mit seiner Mutter ist auch zu bedauern, nicht wahr? Dabei ist sie noch gar nicht so alt.“

Sie erhob sich ebenfalls, und Elizabeth begleitete sie zur Tür, dankte ihnen für ihre Gaben und versicherte ihnen, dass sie nicht zögern werde, nach ihnen zu rufen, falls sie Hilfe benötigte.

Colonel Armstrong trat beiseite, um sie vorbeizulassen. Er verbeugte sich und hob den Hut. Ohne ihn wieder aufzusetzen, wartete er und sah Elizabeth an. Die Sonne war endlich durch die Wolken gedrungen, und ihr Licht schimmerte auf seinem dunkelbraunen Haar. Wie konnte er, wie konnte irgendjemand an einem Tag wie heute so farbenprächtig und lebendig aussehen?

„Guten Morgen, Mrs. Hamilton, und mein herzliches Beileid.“

„Vielen Dank, Colonel. Möchten Sie nicht hereinkommen?“ Sie trat zurück, und er folgte ihr und schloss die Tür hinter sich. Sie setzte sich auf den wackeligeren der beiden alten Hepplewhite-Stühle und bedeutete ihm, dass er den stabileren ihr gegenüber nehmen sollte. Er saß sogar wie ein Soldat in Alarmbereitschaft auf der Stuhlkante, als sei er bereit, jeden Moment in Aktion zu treten. Elizabeth hatte Uniformen noch nie bewundert, und sie hatte auch nie davon geträumt, einen Soldaten zu heiraten. Tränen drohten sie zu überwältigen, aber sie drängte sie zurück. Wenn sie vor Colonel Armstrong zusammenbrach, würde er sich verpflichtet fühlen, sie zu trösten, und sie wollte keinerlei Vertraulichkeiten, wenn sie vorhatte, ihn zurückzuweisen.

„Ich weiß, es ist eine schwierige Situation“, sagte er mit sanfter Stimme, die im Widerspruch zu seinem soldatischen Auftreten stand. „Für mich ist es auch nicht leicht. Ich vermisse Giles. Ich dachte, er würde immer für mich da sein, wenn ich genötigt … wenn ich nach Selyhaugh zurückkomme. Aber wir müssen anfangen, Pläne zu machen. Ich habe keine vierzehn Tage mehr, ehe ich in Richtung Süden aufbrechen muss, wenn ich mein Schiff erreichen will.“

Sie musterte ihn. Es war nicht nur das Kriegshandwerk, das ihn so schroff wirken und so unruhig vor ihr sitzen ließ, als könnte er es kaum abwarten, der Enge des Stuhls zu entfliehen. Jack Armstrong war ruhelos. Er genoss seine Besuche zu Hause nicht – sie hatte seine Versprecher sehr wohl bemerkt. Seine rastlose Energie sprach jenen Teil von ihr an, der immer durch ihr beschränktes Leben als arme Verwandte gehemmt worden war. Aber das machte ihn nicht zum richtigen Gatten für sie. Niemand könnte das sein, nicht jetzt.

„Ich erwarte nicht, dass Sie mich heiraten“, sagte sie fest. „Ich kann nicht von Ihnen verlangen, ein Versprechen einzulösen, das unter solchen Umständen gegeben wurde.“

Wenn überhaupt möglich, rutschte er noch weiter auf der Stuhlkante nach vorn. Er zog seine dichten Brauen zusammen, und seine dunklen Augen blitzten auf. „Sie schaffen es vielleicht, ein Versprechen am Sterbebett zu ignorieren, Ma’am. Aber ich kann es nicht.“

Seine Stimme war kühl vor Missbilligung, und Elizabeth konnte einen Schluchzer und die Tränenflut nicht länger zurückhalten.

Gott sei Dank schalt er sie nicht weiter und versuchte auch nicht, sie zu trösten. Sie war nicht sicher, welches von beiden schlimmer gewesen wäre. Sie hörte seinen Stuhl knarzen, als er aufstand, und schon drang das große, saubere Taschentuch eines Gentlemans in ihr Blickfeld.

Sie nahm es, tupfte sich die Augen und konzentrierte sich auf nichts anderes, als zu atmen, bis sie ruhig genug war, um zu sprechen. „Er hätte das nicht von uns verlangen dürfen“, sagte sie. „Er hat es nur gut gemeint, aber es war nicht richtig.“

„Vielleicht hätte er es nicht tun sollen, aber er hat es, und wir haben zugestimmt. Meine Ehre als Gentleman und Offizier verpflichtet mich, mein Wort zu halten.“

„Wir kennen einander nicht einmal“, protestierte Elizabeth.

„Sehr viele Paare heiraten bereits nach einer flüchtigen Bekanntschaft. So ungewöhnlich ist das nicht.“

„Vielleicht mögen Sie mich gar nicht, sobald Sie mich besser kennen. Sie könnte es bereuen.“

„Nicht so sehr, wie ich es bereuen würde, mein Wort nicht zu halten.“

Sie holte tief Luft und brachte das Argument vor, das ihn gewiss überzeugen würde, wenn schon nichts anderes half. „Sie wissen nicht, wer ich bin oder wer meine Familie war.“

Er nahm wieder Platz und sah sie an. Sein Blick war ruhig und verriet ihr nicht, was er empfand. „Sie wurden als Elizabeth Ellershaw geboren, und Sie kommen aus York, also nehme ich an, dass Sie mit jenem Bankier bekannt sind, dessen Bank zusammenbrach, als er …“

Seine Stimme erstarb. So forsch und soldatisch er auch war, offenbar besaß er doch noch ein gewisses Taktgefühl. „Als er erst ein Dieb wurde und sich dann das Leben nahm“, beendete sie den Satz für ihn. „Ja, Charles Ellershaw war mein Vater.“ Es spielte keine Rolle, dass ihr Vater sich nur an den Einlagen der Bank vergriffen hatte, weil eine private Investition schiefgegangen war, oder dass er gehofft hatte, das Geld zu ersetzen, bevor jemand das Geld vermisse. Diebstahl war Diebstahl. Und Selbstmord war Selbstmord, obwohl Vaters Tod um ihrer Mutter willen offiziell als Unfall galt, damit er auf geweihtem Boden bestattet werden konnte. Sie war ihm nur wenige Monate später ins Grab gefolgt, dahingerafft von übermäßiger Trauer und Scham – einer etwas subtileren Art der Selbstzerstörung.

„Ich dachte mir, dass Sie das sein müssen“, sagte Colonel Armstrong.

„Sie wussten es bereits?“

„Ja.“

Sie rieb sich die Stirn, hinter der es zu pochen begann. „Aber woher? Giles hat doch gewiss nichts davon erzählt.“

„Nein, er nicht. Mrs. Purvis erwähnte Ihren Mädchennamen, und ich habe ihn wiedererkannt. Ein Freund von mir, George Lang – wir waren zu der Zeit beide Lieutenants im Neunundvierzigsten Regiment –, hat dabei den Großteil seiner Ersparnisse verloren.“

„Grundgütiger, das tut mir leid. Ich hoffe … ich muss sagen …“ Sie konnte den Satz nicht beenden, denn es war nicht so, als ob sie irgendetwas für diesen Mann tun könnte, dem ihr Vater geschadet hatte.

Colonel Armstrong schüttelte den Kopf. „Machen Sie sich keine Sorgen. Es hat vielleicht seine Beförderung zum Captain ein wenig verzögert, aber inzwischen ist er Major. Er ist ins Einundfünfzigste gewechselt und kämpft jetzt mit Lord Wellington auf der Iberischen Halbinsel. Für einen Offizier ist es besser, in Frankreich zu kämpfen, als in Kanada zu sitzen und darauf zu warten, dass sich die Amerikaner entscheiden, ob sie versuchen, einzumarschieren.“

Elizabeth war nicht sicher, ob sie dem zustimmen konnte. Zumindest kam es ihr gesünder vor, als Offizier an der Grenze zu einem Land stationiert zu sein, das im Moment friedlich war und keinen Bonaparte hatte, um seine Armeen zu befehlen und daran etwas zu ändern. Aber solcherlei Überlegungen spielten im Moment keine Rolle.

„Und obwohl Sie das alles wissen, wollen Sie mich trotzdem heiraten?“

„Ich habe mein Wort gegeben.“

Sein Wort bedeutete ihm viel. Elizabeth hielt das für ein gutes Zeichen. Er hielt sein Wort, und er war angenehm anzusehen. Und, so wenig sie ihn in diese Ehe zwingen wollte, was sollte sie sonst machen? Sie hatte kein Geld und kaum Fähigkeiten, um sich ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Selbst wenn sie die versierteste Musikerin und Aquarellkünstlerin der Welt wäre, niemand würde die Tochter eines Diebes bei sich im Haus haben wollen und dulden, dass sie ihre Kinder als Gouvernante erzog. Falls sie irgendwelche anderen Möglichkeiten hatten, sah sie sie nicht. 

„Also gut“, sagte sie schweren Herzens. „Wir haben beide unser Wort gegeben.“

Er nickte knapp. „Es ist nicht so, dass nur Sie davon profitieren würden. Haben Sie schon meine Mutter kennengelernt?“

„Ja.“

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