Kroatische Küstenträume – 3 sommerliche Liebesromane

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DAS STOLZE HERZ DES MILLIARDÄRS von CAITLIN CREWS
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  • Erscheinungstag 24.09.2026
  • ISBN / Artikelnummer 9783751547666
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Caitlin Crews

Das stolze Herz des Milliardärs

1. KAPITEL

„Natürlich werden Sie nicht kündigen. Das kommt gar nicht infrage“, sagte Cayo Vila ungeduldig, ohne von seinem modernen Schreibtisch aufzublicken. Das große Panoramafenster hinter ihm bot einen herrlichen Blick über London. Doch es war weniger die schöne Aussicht, die Cayo gefiel, sondern vielmehr das Wissen, von anderen darum beneidet zu werden. Je mehr andere Menschen begehrten, was Cayo besaß, desto wertvoller wurde dieser Besitz für ihn.

Drusilla Bennett fühlte eine enorme Erleichterung, dass sie von heute an nicht mehr dazugehören würde.

Dieser Mann hatte während der vergangenen fünf Jahre nahezu jeden Aspekt ihres Lebens beherrscht. Tag und Nacht, über alle Zeitzonen hinweg und bis in jeden Winkel dieses Erdballs, in den sich sein gigantisches Imperium erstreckte. Sie hatte ihm den Rücken freigehalten, sich um alles gekümmert und war als seine persönliche Assistentin ständig auf Abruf bereit gewesen.

Und sie hasste ihn. Oh, wie sehr sie ihn doch hasste.

Dunkle eisige Gefühle wallten in ihr auf. Jetzt, da sie die Wahrheit wusste, konnte Dru sich kaum noch vorstellen, dass sie einmal mehr für diesen Mann empfunden hatte. Doch das war nun egal, sagte sie sich streng, denn es war vorbei. Dafür hatte er gesorgt. Und zwar gründlich.

Sie spürte wieder diesen tiefen Kummer, der sie in den letzten Monaten seit dem Tod ihres Zwillingsbruders Dominic in den unpassendsten Momenten überkam. Das Leben zu meistern war für sie lange Zeit eine tägliche Herausforderung gewesen. Ihr Bruder hatte außer ihr niemanden gehabt. Und so hatte sie ihm während der Jahre seiner Abhängigkeit immer beigestanden. Sie hatte sich darum gekümmert, dass er gut versorgt war, und war für seine horrenden Arztrechnungen aufgekommen. Dominics Tod, die Einäscherung, sein trauriges Ende – mit alldem hatte Dru allein fertig werden müssen. Es war schwer gewesen. War es noch immer.

Ganz im Gegensatz zu ihrer Kündigung heute. Die fiel ihr leicht, und der Zeitpunkt war perfekt. Denn nachdem sie heute Morgen zufällig in den Akten entdeckt hatte, was Cayo getan hatte, blieb ihr nichts anderes mehr übrig, als zu kündigen. Etwas, das sie früher oder später sowieso getan hätte. Wahrscheinlich eher früher.

Dru legte ein Schreiben auf den Tisch ihres Chefs. „Hier ist meine schriftliche Kündigung“, sagte sie in dem freundlich-professionellen Ton, den sie sich während der letzten fünf Jahre zu eigen gemacht hatte. Und den sie, nachdem sie diesem Mann den Rücken gekehrt hatte, nie wieder anschlagen würde. Zugleich würde sie ihre kühle Distanziertheit ablegen, die sie wie einen Schutzschild vor sich hergetragen hatte. Sie würde endlich wieder chaotisch und emotional sein. Ja, und auch dramatisch! Schon jetzt fühlte Dru, wie ihre eiserne Selbstbeherrschung erste Risse bekam.

„Mit sofortiger Wirkung“, fügte sie hinzu.

Doch Cayo Vila war nicht irgendein Geschäftsmann. Er war der gefeierte Gründer und Firmenchef des millionenschweren Vila Konzerns mit einer beachtlichen Sammlung von Hotels, Airlines, Immobilien und Firmen, die alle dem Zweck dienten, sein Unternehmen noch größer und mächtiger werden zu lassen, als es ohnehin schon war.

Als dieser Mann nun von seinem Schreibtisch aufblickte, lag etwas Bedrohliches in seinem Blick.

Dru betrachtete die markanten Linien seines Gesichts, sein energisches Kinn, seinen sinnlichen Mund. Kein Wunder, dachte sie, dass die Frauen bei seinem Anblick ins Schwärmen geraten. Ihr stockte der Atem, als sie seinem Blick aus bernsteinfarbenen Augen begegnete. Trotz all der Jahre, die Dru so nah an seiner Seite verbracht hatte, konnte dieser Mann sie noch immer aus der Fassung bringen.

Die Luft schien im Raum zu vibrieren, und das weiträumige Büro mit seiner faszinierenden Aussicht über die Stadt wirkte plötzlich klein und beklemmend auf Dru.

„Wie bitte?“

Sie konnte den kleinen spanischen Akzent hören, der in seinen Worten mitschwang und Cayos Herkunft verriet. Für einen Moment schien sein feuriges Temperament aufzublitzen, das er normalerweise völlig unter Kontrolle hatte. Dru unterdrückte den ängstlichen Schauer, der ihren Rücken hinunterlaufen wollte. Sie nannten ihn nicht ohne Grund den spanischen Satan … Und Dru hielt dies noch für eine vergleichsweise freundliche Beschreibung ihres Chefs.

„Sie haben gehört, was ich gesagt habe“, antwortete Dru und fühlte sich gleich befreiter.

Er schüttelte abweisend den Kopf. „Ich habe keine Zeit für das hier. Schicken Sie mir Ihr Anliegen per Mail …“

„Doch, Sie haben Zeit“, unterbrach sie ihn und lächelte kühl. Dru war sich nur zu bewusst, dass sie Cayo Vila zum ersten Mal seit Beginn ihres Arbeitsverhältnisses ins Wort gefallen war. Und nicht nur ihr war dieser Umstand aufgefallen, erkannte sie an seinem fassungslosen Schweigen. Mutig sprach sie weiter. „Ich habe diese Viertelstunde extra in Ihrem Terminkalender freigehalten.“

Eine angespannte Stille trat ein. Dru wurde plötzlich ganz heiß unter seinem Blick, der bohrend auf sie gerichtet war.

„Ist das Ihre Art zu verhandeln, Miss Bennett?“

Sein Ton war ebenso kühl wie ihrer, sein mitternachtsdunkler Blick dafür umso heißer. „Worum geht es hier eigentlich? Wollen Sie ein höheres Gehalt?“

In sein offensichtliches Missfallen mischte sich ein dunkler Unterton.

„Dies ist keine Verhandlung, und ich möchte nicht mehr Geld oder sonst irgendetwas“, sagte sie mit wild klopfendem Herzen. Dru hoffte inständig, sie würde jetzt, da sie wusste, was er getan hatte, immun gegen ihn sein können. „Ich möchte nicht einmal ein Arbeitszeugnis.“

„Wenn Sie vorhaben, irgendwelche Betriebsgeheimnisse der Konkurrenz zu verraten“, begann er in einem geschäftsmäßigen Ton, „dann sollten Sie wissen, dass ich Ihnen das Leben zur Hölle machen werde. Darauf können Sie sich verlassen.“

Drus Magen krampfte sich zusammen. „Nichts ist mir lieber als eine gute Drohung“, erwiderte sie betont ruhig, obgleich sie bezweifelte, ihn damit beeindrucken zu können. „Aber sie ist überflüssig, denn ich habe nicht vor, zur Konkurrenz zu gehen.“

Sein Mund verzog sich zu einem zynischen Lächeln.

„Nennen Sie mir Ihren Preis, Miss Bennett“, sagte er mit rauchiger Stimme. Wie viele glücklose Rivalen hatten ihm schon gegenübergesessen und sich von ihm in den Bann ziehen lassen? Am Ende hatte er immer bekommen, was er wollte, denn in der Rolle des charmanten Schlangenbeschwörers war Cayo Vila einfach unschlagbar.

Aber Dru wollte keine seiner Schlangen sein, und sie hatte nicht vor, noch länger nach seiner Pfeife zu tanzen.

„Ich habe keinen Preis“, antwortete sie ehrlich. Noch vor einem Tag hätte ein Lächeln von ihm genügt, und sie hätte alles für ihn getan. Doch das war gestern. Heute konnte sie sich nur noch darüber wundern, wie gutgläubig sie doch gewesen war.

„Jeder ist ab einer bestimmten Summe käuflich.“

Und in seiner Welt, das wusste sie, war das richtig. Ein Grund mehr, warum sie ihm entkommen wollte.

„Es tut mir leid, Mr. Vila“, sagte sie und hob kurz die Schultern. „Ich nicht.“

Nicht mehr.

Dominic war tot. Sie war nicht mehr für das Wohlergehen ihres kranken Bruders verantwortlich. Und auch die brennende Sehnsucht nach Cayo Vila war verschwunden, nachdem sie zufällig herausgefunden hatte, was er wirklich über sie dachte.

Sein glühender Blick wanderte kurz über ihren Körper, über ihr braunes Haar, das sie kunstvoll hochgesteckt hatte, ihr dezent geschminktes Gesicht, ihre seidene Bluse, den eng anliegenden Bleistiftrock und die eleganten High Heels. Dru wusste, dass ihm gefiel, was er sah. Denn wie immer war sie ganz nach seinen Wünschen und persönlichen Vorlieben gekleidet und zurechtgemacht. Sie war gut darin geworden, diese Rolle für ihn zu spielen, seinem Ideal zu entsprechen. Sie hatte es so lange getan, dass sie es selbst im Schlaf noch beherrschte.

Aber damit ist es nun vorbei.

Cayos Gesichtsausdruck veränderte sich in dem Moment, in dem er realisierte, dass sie es wirklich ernst meinte. Seine Ungehaltenheit verschwand und machte etwas anderem Platz, etwas Berechnendem. Er lehnte sich in seinem imposanten Chefsessel zurück und strich sich nachdenklich über das Kinn. Wie ein Pokerspieler beherrschte er seine Körpersprache perfekt und setzte sie gekonnt ein, um seine Gegner einzuschüchtern. Ein Nein war keine akzeptable Antwort für einen Mann wie Cayo Vila. Jetzt begann die Sache für ihn erst interessant zu werden.

„Aber warum?“, fragte er scheinbar ruhig. Er schien seine Strategie geändert zu haben und versuchte es nun auf die sanfte und einfühlsame Tour, wahrscheinlich in dem Glauben, sie so besser manipulieren zu können, vermutete Dru. „Sind Sie unglücklich?“

Was für eine absurde Frage! Dru stieß ein trockenes Lachen aus, und seine Augen wurden schmal.

„Natürlich bin ich unglücklich“, antwortete sie. „Ich habe keinerlei Privatleben. Im Grunde habe ich seit fünf Jahren überhaupt kein eigenes Leben mehr. Stattdessen habe ich mich um Ihres gekümmert, und das fast rund um die Uhr.“

„Wofür Sie auch außerordentlich gut bezahlt worden sind“, gab er mit betonter Schärfe zurück.

„Ich weiß, dass Sie mir wahrscheinlich nicht glauben werden“, erwiderte Dru fast mitleidig, „aber es gibt noch ein Leben neben der Arbeit.“

Wie versteinert blickte er sie an.

„Geht es um einen Mann?“, fragte er mit einer Stimme, die seltsam fremd in ihren Ohren klang. Wieder lachte sie kurz auf. Er konnte ja nicht ahnen, wie nah er damit der bitteren Wahrheit gekommen war.

„Ich möchte eine Gegenfrage stellen. Wann soll ich die letzten Jahre bitte schön Zeit gehabt haben, um mich mit einem Mann zu treffen? Im Büro oder auf Dienstreisen? Oder während ich damit beschäftigt war, Abschiedsgeschenke an Ihre Exgeliebten zu schicken?“

„Ah, ich verstehe“, sagte er reserviert. Sein Lächeln war schneidend kalt, und Dru fühlte sich, als würde der Boden unter ihr schwanken. „Ich mache Ihnen einen Vorschlag, Miss Bennett. Nehmen Sie sich eine Woche frei. Vielleicht zwei. Suchen Sie sich einen Strand und ein bisschen Ablenkung. Trinken Sie ein paar Cocktails und stillen Sie ihre körperlichen Bedürfnisse. So oft wie nötig.“

„Eine charmante Idee“, sagte Dru steif, während eine dunkle Woge der Erinnerung sie durchflutete. „Und natürlich schätze ich Ihr Angebot. Aber ich bin nicht wie Sie, Mr. Vila.“ So viele Jahre voller Sehnsucht und unterdrücktem Verlangen lagen hinter ihr. Sie dachte an die Hoffnung, die sie heimlich gehegt hatte, an ihre naiven Träume. Und an diese eine komplizierte Nacht in Cádiz vor drei Jahren, über die sie danach nie geredet hatten und über die sie auch nie reden würden. All das wirbelte gleichzeitig durch ihren Kopf. „Für Alphamännchen wie Sie mag das eine gängige Methode des Triebabbaus sein – aber nicht für mich. Ich habe Standards.“

Er blinzelte kurz, als hätte ihn der Schlag getroffen.

„Geht es Ihnen vielleicht nicht gut?“, fragte er mit unheilvoller Stimme und versteinerter Miene. „Oder haben Sie völlig den Verstand verloren?“

„Ich bin nur ehrlich, Mr. Vila“, erwiderte sie scharf, obwohl die Warnsignale in ihrem Kopf immer lauter wurden. Alles in ihr schrie danach, sich umzudrehen und aus dem Büro zu laufen. Doch sie sprach weiter. „Ich verstehe, dass Sie eine solche Ansprache nicht gewohnt sind. Vor allem nicht von mir. Aber das passiert, wenn man sich so rücksichtslos dominant verhält. Sie sind umgeben von angepassten Günstlingen und unterwürfigen Angestellten, die sich allesamt nicht trauen, Ihnen die Wahrheit ins Gesicht zu sagen. Und das weiß ich deshalb so genau, weil ich mich selbst all die Jahre damit zurückgehalten habe.“

Eine beängstigende Stille trat ein. Sie sah, wie seine muskulöse Brust unter dem Hemd bebte, und erwartete, dass er jeden Moment vor Wut explodieren würde. Sein Blick war auf sie geheftet, finster und aufgebracht.

„Sie sollten sich Ihre nächsten Worte sehr genau überlegen, bevor Sie den Mund wieder aufmachen“, sagte er mit trügerischer Ruhe. Sein Gesicht war zu einer stoischen Miene gefroren. „Es könnte nämlich ansonsten sein, dass Sie es bitterlich bereuen.“

Dieses Mal war Drus Lachen echt.

„Und genau das ist es, was Sie nicht verstehen“, sagte sie, und zugleich verspürte sie eine eigenartige, fast befremdliche Heiterkeit in sich aufsteigen. Vielleicht lag es daran, dass sie ihm zum ersten Mal die Stirn bot? „Ich meine, was wollen Sie machen? Mich feuern? Nur zu, denn ich habe bereits gekündigt.“

Und zwar einen Job, der in erster Linie dazu gedient hatte, die Rechnungen von Dominic zu bezahlen. Und dann tat sie endlich, wovon sie seit Beginn dieses grässlichen Jobs geträumt hatte: Sie kehrte Cayo Vila, ihrem persönlichen Teufel, den Rücken und ging aus seinem Leben. Für immer.

Es war genau so, wie sie es sich immer vorgestellt hatte, nur der Konfettiregen und die Fanfaren fehlten.

Dru war schon im Vorraum bei der Tür, als sie hörte, wie er in steifem Befehlston ihren Namen rief. Automatisch blieb sie stehen, obwohl sie sich dafür hasste. Aber dies war das letzte Mal, dass sie ihm gehorchen würde, sagte sie sich.

Als sie einen Blick über ihre Schulter warf, durchfuhr sie ein kleiner Schreck. Sie hatte nicht bemerkt, dass Cayo Vila ihr gefolgt war, und nun stand er plötzlich unmittelbar hinter ihr, und sein stürmischer Blick ließ ihr Herz mit einem Mal schneller schlagen.

„Ich möchte Sie daran erinnern“, begann er in kühlem Ton, „dass Sie in Ihrem Arbeitsvertrag einer zweiwöchigen Kündigungsfrist schriftlich zugestimmt haben.“

Nun war es Dru, die überrascht blinzelte. „Das kann nicht Ihr Ernst sein.“

„Ich mag zwar in Ihren Augen ein triebgesteuertes Alphamännchen sein, Miss Bennett, aber das beraubt mich nicht der Fähigkeit, einen Vertrag zu lesen.“ Jedes seiner Worte war wohl platziert und traf sie wie ein Peitschenhieb. Doch viel schmerzhafter war sein intensiver Blick aus bernsteinfarbenen Augen, der sie an all die Dinge erinnerte, die sie lieber vergessen wollte. „Zwei Wochen – die, wenn ich mich nicht täusche, das große Geschäftsessen mit den Investoren in Mailand beinhalten.“

„Warum verlangen Sie das von mir?“ Die Hände an ihren Seiten zu hilflosen Fäusten geballt, wandte Dru sich ihm nun gänzlich zu. „Sind Sie wirklich so ein Ungeheuer?“

„Ich bin überrascht, dass Sie die Antwort darauf noch von keiner meiner unzähligen Exgeliebten bekommen haben, mit denen Sie ja anscheinend in so regem Briefkontakt stehen“, sagte er zynisch.

Er verschränkte die Arme vor der Brust und Dru wurde einmal mehr bewusst, welch unglaubliche körperliche Präsenz er doch ausstrahlte. Seine muskulöse Statur mit den breiten Schultern, seine Größe, und die Art, wie er auf sie heruntersah, all das wirkte ungemein einschüchternd. Selbst in seinem maßgeschneiderten Anzug, der eher einen lässigen Dandy-Look verkörpern sollte, sah er bedrohlich aus.

Aber Dru wollte nicht länger den Mann in ihm sehen. Sie wollte nicht an seine Hände auf ihrer Haut und nicht an seinen Mund auf ihren Lippen denken. Sie wollte lieber sterben, als ihm zu zeigen, dass sie noch immer etwas für ihn fühlte. Nein, diese Befriedigung wollte und durfte sie ihm nicht geben.

„Es gibt einen Spruch für Frauen, die nur wegen des Geldes mit einem Mann ins Bett gehen“, sagte Dru so ruhig, dass es sie fast selbst überraschte. „Er geht so: Am Ende bleibt dir kein Gewinn, nur taubes Herz und dumpfer Sinn.“

Er schien nicht darauf reagieren zu wollen, und trotzdem spürte sie, dass etwas zwischen ihnen geschah, etwas, das Dru augenblicklich nervös machte. Nur mit großer Mühe gelang es ihr, sich nichts von ihrer inneren Unruhe anmerken zu lassen, denn fast wäre sie einen Schritt zurückgetreten. Doch nur fast.

„Nehmen Sie sich den Rest des Tages frei.“ Sein rauer Ton war der einzige Hinweis auf die Wut, die zweifelsohne in ihm kochte. Eine Wut, die zügellos und ungebändigt alles im Umkreis vernichten konnte. „Dann sehe ich Sie morgen früh um halb sieben in meinem Büro, Miss Bennett. Und ich hoffe, Sie schaffen es bis dahin, Ihre neue Ehrlichkeit in den Griff zu bekommen.“

Und mit einem Mal sah Dru völlig klar, sie musste ihn nur ansehen und wusste es. Er würde niemals aufgeben. Er hatte noch nie ein Nein akzeptiert. Regeln existierten in seiner Welt nur, um gebrochen zu werden. Kein Hindernis war zu hoch, kein Weg zu weit. Und wenn er etwas haben wollte, dann nahm er es sich.

Cayo Vila hatte sie die ganze Zeit nur für seine Zwecke benutzt, und sie hatte es bis heute nicht einmal geahnt. Oder vielleicht doch? Ein kleiner Teil in ihr wünschte sich noch immer, sie hätte niemals diese Mail gelesen, niemals herausgefunden, wie sehr er ihrer Karriere vor drei Jahren geschadet hatte. Aber sie hatte es getan.

Trostlos und deprimierend sah sie ihr restliches Leben vor ihrem inneren Auge vorbeiziehen. Dass er darauf bestand, sie noch zwei weitere Wochen an sich zu binden, war grausam. Wenn sie seinen zwei Wochen zustimmte, dann konnte sie sich im Prinzip auch gleich hinlegen und sterben. Und zwar auf der Stelle. Denn er würde sie genauso sehr für sich vereinnahmen, wie er es auch die letzten fünf Jahre getan hatte, und es würde niemals enden. Niemals.

Dru wusste sehr genau, dass sie die beste Assistentin war, die er je gehabt hatte. Das konnte sie in aller Bescheidenheit von sich behaupten. Denn sie hatte einfach die beste sein müssen. Sie hatte das Geld gebraucht. Wie sonst hätte sie die horrenden Arztrechnungen von Dominic bezahlen können? Und noch immer war sie fest überzeugt, das Richtige getan zu haben. Egal wie wenig sie von ihrem Bruder dafür zurückbekommen hatte, egal wie leer und ausgebrannt sie sich nun fühlte. Dominic hatte nicht allein irgendwo auf der Straße sterben müssen. Und das war alles, was für Dru zählte.

Aber Dominic war nur der anfängliche Grund dafür gewesen, dass sie sich in diesem Job so unersetzlich gemacht hatte. Der zweite – und viel erbärmlichere – Grund waren ihre Gefühle für Cayo gewesen: Es hatte sie mit Stolz erfüllt, ihm eine so große Hilfe zu sein. Dabei war Cayo Vila wie ein schwarzes Loch, das alles und jeden um sich herum verschlang. Was war sie nur für eine Masochistin gewesen! Doch das war nun vorbei. Sie musste jetzt das einzig Richtige tun und die Chance ergreifen, ihr eigenes Leben wieder aufzunehmen.

Denn was würde geschehen, würde sie bleiben? Cayo würde weiter Dinge kaufen und verkaufen, Millionen machen und Existenzen zerstören. Und sie würde ihm weiter jeden Wunsch von den Lippen ablesen und sich dabei Stück für Stück selbst verlieren. Und all das nur, weil er an einem Abend in einer fernen Stadt Hoffnungen in ihr geschürt hatte. Hoffnungen, die sich nie erfüllt hatten.

Das Schlimme war, dass sie ihn so sehr gewollt hatte. Und wäre nichts dazwischengekommen, dann hätte sie auch weiterhin alles für ihn getan, nur um in seiner Nähe sein zu können. Während dieser einen Nacht in Cádiz hatte sie ihn von einer anderen Seite erlebt. Aber wie lange wollte sie sich daran noch festhalten? Seit drei Jahren nun hoffte sie Tag für Tag auf ein Zeichen von ihm.

„Nein“, sagte sie mit fester Stimme.

Dies war zweifelsohne ein Wort, das er selten zu hören bekam.

Seine dunklen Brauen senkten sich, und in seinem Blick spiegelte sich Überraschung. Sein schön geschwungener Mund, der eine innere Sanftheit vortäuschte, öffnete sich unheilvoll.

„Nein? Was soll das bedeuten?“

Sein spanischer Akzent war plötzlich überdeutlich. Und dass das nichts Gutes bedeutete, wusste Dru nur zu genau.

Das mulmige Gefühl in ihrem Bauch verstärkte sich. Doch obwohl sie am liebsten weggerannt wäre, blieb sie tapfer stehen.

„Es überrascht mich nicht, dass Ihnen dieses Wort unbekannt ist. Aber ich erkläre es Ihnen gerne“, antwortete sie mit einem Selbstbewusstsein, das weder angebracht noch echt war. „Es steht für Meinungsverschiedenheit und Verweigerung. Ja, ich weiß, dass Sie damit Ihre Schwierigkeiten haben, aber das ist nicht länger mein Problem.“

„Es wird zu Ihrem Problem“, sagte er in einem Ton, den sie noch nie zuvor bei ihm gehört hatte. Sein Blick wurde noch durchdringender und Dru hatte das Gefühl, als ob er sie zum ersten Mal wirklich ansah. Und plötzlich überkam sie ein nie da gewesener Übermut, ja Leichtsinn. „Ich werde Sie …“, setzte er an.

„Bringen Sie mich doch vor Gericht“, unterbrach sie ihn und machte eine wegwerfende Geste mit der Hand, die ihre Unbekümmertheit unterstreichen sollte. Sie konnte sehen, wie rasend sie ihn machte. „Aber was würden Sie damit gewinnen?“

Zum ersten Mal, seit sie Cayo Vila kannte, hatte sie ihn sprachlos gemacht. Doch trotz der atemlosen Stille knisterte die Luft vor Anspannung. Er starrte sie nur an, wie vom Donner gerührt.

Sehr gut!

„Wollen Sie mir vielleicht meine Wohnung nehmen?“, fuhr sie fort. „Nur zu. Ich habe zwar nur ein kleines möbliertes Zimmer zur Miete, aber ich schreibe Ihnen auch gerne einen Check über mein komplettes Girokonto aus. Ist es das, was Sie wollen?“ Sie hörte ihr lautes Lachen von den Wänden widerhallen. „Ich habe Ihnen bereits fünf Jahre gegeben, Mr. Vila. Sie bekommen keine weiteren zwei Wochen von mir. Lieber würde ich sterben, als meine Zeit weiter an Sie zu vergeuden.“

Cayo starrte seine Assistentin an, als ob er sie noch nie zuvor gesehen hätte.

Da war etwas an ihr, das ihm vorher nie aufgefallen war, etwas an der Art, wie sie ihn wütend anfunkelte. Ihre sonst sanftmütigen grauen Augen sprühten nur so vor zornigem Elan und ihr hübsches Gesicht war vor Ärger gerötet. Alles an ihr war so frisch und lebendig, dass er kaum den Blick von ihr lösen konnte.

Ungebetene Gedanken drängten sich ihm unvermittelt auf: ihre Hände an seinen Wangen, ihre Lippen auf … Stopp! Es gab keinen Grund, sich erneut in diesen Wahnsinn zu begeben. Er hatte zu hart daran gearbeitet, diese Gefühle weit von sich zu schieben. Es war nur ein einziger Abend in fünf Jahren gewesen. Ein Zwischenfall, der sich nicht wiederholen durfte. Warum dachte er überhaupt noch daran?

„Lieber würde ich sterben…“, sagte sie noch einmal, wie um sicherzugehen, dass er sie auch wirklich gehört hatte.

„Das kann gerne arrangiert werden“, antwortete er trocken, während er in ihrem Gesicht nach dem entscheidenden Hinweis für ihre Wut suchte. „Falls Sie es nicht vergessen haben, Miss Bennett, ich bin ein einflussreicher Mann.“

„Und falls das wieder eine Drohung sein sollte, Mr. Vila …“, erwiderte sie mindestens ebenso lakonisch, „… dann hat sie ihre Wirkung leider verfehlt. Sie sind sicher vieles, aber ganz bestimmt kein Krimineller. Zumindest nicht einer von dieser Sorte.“

Zum ersten Mal, seit er sich erinnern konnte, wusste Cayo nicht mehr ein noch aus. Ein Gefühl der Hilflosigkeit überkam ihn, ein Gefühl, das er mit seiner Mutter verband, die ihn als Baby allein bei seinem Großvater zurückgelassen hatte. Sie war in ein Kloster gegangen, um der Schande zu entgehen, die ein uneheliches Kind mit sich gebracht hätte. Es sollte ihn eigentlich amüsieren, dass es ausgerechnet seiner Assistentin gelungen war, ihn so derart aus dem inneren Gleichgewicht zu bringen. Ausgerechnet Drusilla! Nicht etwa ein Geschäft, bei dem es um Millionen ging. Oder ein Skandal, breitgetreten in der Presse.

Und das Bemerkenswerteste daran war, dass es ihr schon einmal gelungen war.

Es war schon fast komisch. Aber auch nur fast. Bestimmt konnte er irgendwann darüber lachen, aber vorerst brauchte er sie noch. Sie sollte wieder ihre Rolle einnehmen und so sein, wie er sie kannte: fügsam und fleißig, eine fast unsichtbare Gehilfin. Dabei ignorierte Cayo die leise Stimme in seinem Kopf, die ihm sagte, dass sie nie wieder so sein würde. Seit dem Ereignis vor drei Jahren in Cádiz war das Ende für ihn bereits absehbar gewesen. Alles danach, wusste Cayo, war nur noch ein Spiel auf Zeit gewesen. Und nun war diese geliehene Zeit endgültig abgelaufen. Was er heute zu spüren bekam, war nur eine verspätete Reaktion, eine Art radioaktiver Niederschlag.

„Ich werde jetzt gehen, Mr. Vila“, sagte sie und sah ihn streng an. „Und Sie werden damit irgendwie klarkommen müssen. Und wenn Sie doch noch das Gefühl überkommt, Klage gegen mich einzureichen, dann nur zu. Ich bin jedoch weg. Mein Flug nach Bora Bora ist bereits gebucht und meine Koffer sind gepackt.“

Und plötzlich fing es an, in ihm zu arbeiten. Es war ihre Sache, dass sie vorhatte, aus London zu verschwinden, um beispielsweise für eine Woche Urlaub auf Ibiza zu machen. Aber warum ausgerechnet Bora Bora? Eine Insel im Südpazifik, die eine Weltreise entfernt von hier lag. Ausgeschlossen!

Er konnte sie unmöglich einfach so gehen lassen. Doch warum ihm das so widerstrebte, wollte er auf keinen Fall weiter ergründen.

Es war nichts Persönliches, natürlich nicht. Sie war einfach wichtig für die Firma. Und sie wusste so viel über ihn. Eigentlich alles, von seiner Anzuggröße bis hin zu seinem Lieblingsfrühstück. Die letzten Jahre hatte sie sich rund um den Globus um seine gesamte Organisation gekümmert. Er mochte sich gar nicht ausmalen, wie lange es dauern würde, eine neue Assistentin in den Job einzuarbeiten. Und daher würde er alles tun, um Drusilla in der Firma zu halten. Alles!

„Es tut mir leid, ich bitte Sie, mein Benehmen zu entschuldigen“, sagte er plötzlich in einem völlig veränderten Ton. Er steckte seine Hände in die Hosentaschen und nahm eine entspannte Haltung ein. „Sie haben mich wohl auf dem falschen Fuß erwischt.“

Ihre grauen Augen verengten sich misstrauisch, und er wünschte plötzlich, er könnte ihre Gedanken lesen.

„Natürlich werde ich Sie nicht verklagen“, sagte er betont zivilisiert. „Ich habe einfach schlecht reagiert. Sie sind die beste Assistentin, die ich jemals hatte. Wahrscheinlich die beste in ganz London. Und ich bin mir sicher, Sie wissen das.“

„Hm …“, gab sie nur zurück und senkte den Blick, den er auf unerklärliche Weise so faszinierend fand. Und dann sagte sie sehr leise etwas, das fast so klang wie: Das ist leider nichts, worauf ich stolz bin.

Fast hätte Cayo nachgehakt, aber er tat es nicht. Er hatte zwar die feste Absicht, den wahren Grund für ihre Kündigung herauszufinden, aber nicht jetzt. Nicht hier. Nicht bevor er diese Situation auf seine Art unter Kontrolle gebracht hatte.

Und das bedeutete, dass er sie vollends beherrschen musste.

„Aber Sie sind sich sicher bewusst“, fuhr er fort, „dass es noch ein große Anzahl von Papieren gibt, die es für Sie zu unterschreiben gilt, bevor Sie das Unternehmen verlassen. Unter anderem eine Verschwiegenheitserklärung.“ Er warf einen kurzen Blick auf seine Armbanduhr. „Es ist noch früh. Wir können sofort aufbrechen.“

„Aufbrechen?“, fragte sie verdutzt und runzelte überrascht die Stirn. Dabei fiel ihm auf, dass er solche Emotionen von ihr nicht kannte. Er hatte sie während der letzten Jahre ausschließlich ruhig und gelassen erlebt. Nur manchmal, da war dieses Funkeln in ihre Augen getreten. In diesen Momenten hatte er stets gespürt, dass sich hinter ihrer adretten Fassade noch etwas anderes verbarg. Mit einem Mal fühlte er sich wie magisch zu ihr hingezogen. Er konnte sich kaum losreißen vom Anblick ihrer herrlich vollen Lippen. Doch gleichzeitig fühlte er in ihrer Nähe ein wachsendes Unbehagen. Hinter dieser exzellenten Arbeitskraft steckte ein wirklicher Mensch. Und schlimmer noch … eine wirkliche Frau.

Aber daran wollte er gar nicht denken. Nein, das durfte ihm nicht noch einmal passieren. Er wollte diese Frau nicht in seinem Bett. Natürlich nicht.

Sie war zu klug und zu gut in dem, was sie tat. Sie musste weiter für ihn arbeiten, ständig abrufbereit.

„Mein gesamtes Team befindet sich im Augenblick in Zürich“, erinnerte er sie freundlich. „Aber das haben Sie sicher in Ihrer Eile vergessen.“

Er sah, wie sie sich versteifte, und rechnete mit ihrem Widerstand. Doch sie schluckte nur schwer. Dann straffte sie ihre Schultern, so als ob sie sich innerlich für den Kurztrip in die Schweiz wappnete.

„Gut“, sagte sie schließlich in einem ungeduldigen Ton. „Wenn Sie unbedingt darauf bestehen, dass ich noch diese Papiere unterschreibe, dann mache ich das. Selbst im verdammten Zürich. Hauptsache, wir bringen das schnell hinter uns.“

Cayo lächelte. Er hatte sie.

2. KAPITEL

Als der Hubschrauber auf dem Oberdeck der Luxusjacht landete, die sanft auf den Wellen schaukelte, war Dru außer sich vor Zorn.

Sie kletterte erst dann aus der kleinen Maschine, als sie begriff, dass der Pilot nicht weiterfliegen würde. Am liebsten wäre sie aus Protest sitzen geblieben, aber das hätte Cayo wohl kaum beeindruckt – außerdem war es reichlich unbequem!

Sie hätte damit rechnen müssen, dass Cayo irgendetwas Wahnsinniges tun würde. Er hatte sie regelrecht entführt!

Obwohl Dru sich den größtmöglichen Abstand zu ihrem Chef wünschte, folgte sie Cayo nun doch über das Deck. Sie war zu niedergeschlagen, um die Schönheit des Meeres zu genießen, das sich glitzernd um sie herum erstreckte. In einiger Entfernung erkannte sie die Küste von Kroatien. Der Seewind fuhr ihr durchs Haar und zog einzelne Strähnen aus ihrer Hochsteckfrisur. Aus reiner Gewohnheit zuckte sie zusammen – als ob ein perfektes Äußeres jetzt wichtig wäre. Ihre Reaktion zeigte ihr, wie sehr sie es sich schon zu eigen gemacht hatte, sich jederzeit nach Cayos Wünschen zu richten. Das wieder abzulegen würde wahrscheinlich länger dauern, als ihr lieb war. Und die Tatsache, dass er sie einfach in ein anderes Land verfrachtet hatte, machte es nicht einfacher.

„Sie sind sich hoffentlich im Klaren darüber, dass Entführung strafbar ist!“, sagte sie schroff. Cayo blieb stehen und drehte sich langsam zu ihr um. Sein durchdringender Blick ließ sie kurz erschauern.

„Aber wovon reden Sie denn da?“, fragte er mit einer seidenweichen Stimme, die nichts Gutes verhieß. „Niemand hat Sie zu dieser Reise gezwungen. Sie sind freiwillig mitgekommen.“

„Dies ist nicht die Schweiz“, bemerkte sie spitz und versuchte ihre aufkommende Panik zu unterdrücken. „Oder soll das hier etwa das berühmte Schweizer Meer sein? Wohl kaum. Wenn ich mich nicht irre, ist das da Dubrovnik.“ Sie zeigte mit dem Finger über das Wasser hinweg auf die Küstenstadt. Selbst von der Jacht aus war die typische Silhouette von Dubrovnik unverkennbar. Eine lange Festungsmauer umfasste die gesamte Stadt mit ihren weiß getünchten Häusern und roten Dächern. Die leuchtend blaue Adria war so herrlich und einladend wie immer, und sie wünschte sich nichts sehnlicher … als Cayo einfach über Bord zu schubsen. Einzig die Tatsache, dass er so viel größer und stärker war als sie, hinderte Dru daran, diesem Impuls nachzugeben.

Cayo schenkte der Küste keinen Blick. Warum auch? Im Gegensatz zu ihr hatte er die ganze Zeit gewusst, wohin die Reise ging. Jetzt wunderte sich Dru auch nicht mehr, warum er es auf diesem mysteriösen Flugplatz so eilig gehabt hatte, vom Privatjet in den Helikopter zu steigen. Er hatte vermeiden wollen, dass sie ihr wahres Reiseziel erriet.

„Habe ich Schweiz gesagt?“, erwiderte er mit sanfter Stimme, die so gar nicht zu seinem kühlen Gesichtsausdruck passte. „Nein, da müssen Sie sich verhört haben.“

„Was genau wollen Sie von mir, Mr. Vila?“, fuhr sie ihn wütend an. „Bin ich jetzt Ihre Gefangene, oder was?“

„Ich wusste gar nicht, dass Sie so theatralisch sein können, Miss Bennett.“ Es schien, als würde er seine Worte sorgfältig wählen. „Wie haben Sie es nur geschafft, das so lange vor mir zu verheimlichen?“

„Sie haben mich wohl falsch eingeschätzt!“, schleuderte ihm Dru entgegen. „Und Ihren Befehlen werde ich auch nicht weiter blind gehorchen.“

„Sind Sie sicher?“, unterbrach er sie, bevor sie weitersprechen konnte. Seine bernsteinfarbenen Augen wurden eine Spur dunkler. Dru sah ihn an und eine eigentümliche Hitze breitete sich in ihr aus, die sie jedoch schnell ihrer Wut zuordnete. „Wenn ich mich recht erinnere, war blinder Gehorsam eine Ihrer Stärken, Miss Bennett.“

„Das war mein Job“, sagte sie und bemühte sich, möglichst eisig zu klingen. „Aber ich habe gekündigt.“

Er schenkte ihr einen langen Blick.

„Ihre Kündigung wurde nicht akzeptiert, Miss Bennett“, sagte er in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete. Dann drehte er ihr wieder den Rücken zu und ging weiter über das sonnige Deck.

Dru blieb stehen und blickte ihm fassungslos hinterher. Sie fühlte sich nicht nur überrumpelt und betrogen, sondern in ihrer schicken Bürokleidung auch noch völlig deplatziert. Seufzend schlüpfte sie aus ihren High Heels und nahm sie in die Hand. Es war ein noch ungewohntes Gefühl, den Wellengang zu spüren und die salzige Seeluft zu schmecken. Die glatten Holzplanken des Decks fühlten sich unter ihren nackten Füßen angenehm warm an. Dru versuchte tief durchzuatmen.

Sie trat an die polierte Reling, lehnte sich dagegen und ließ ihren Blick über das Meer und die saftig grün bewaldete Küstenlinie schweifen. Der malerische Anblick stand im krassen Gegensatz zu dem Chaos, das in ihrem Inneren herrschte. Und fast wünschte sie sich, sie hätte die furchtbare Wahrheit nie erfahren. Dann hätte sie weiter ahnungslos und in Frieden leben können. Doch dafür war es nun zu spät.

Eine tiefe Traurigkeit, gegen die sie völlig machtlos war, stieg in ihr hoch. Es war so viel Schlimmes in ihrem Leben geschehen, das unabänderlich war. Und sosehr sie es sich auch wünschte, sie konnte die Zeit nicht zurückdrehen. Sie konnte ihren Vater nicht wieder lebendig machen, der gestorben war, als Dominic und sie noch Kinder waren. Und ebenso wenig hatte sie ihre Mutter davon abhalten können, immer wieder auf die falschen Männer hereinzufallen. Sie hatte nun schon seit Jahren nichts mehr von ihr gehört. Und ihrem so wunderbaren und sensiblen Bruder Dominic hatte sie zwar während seiner Drogenabhängigkeit beigestanden, doch seinen tragischen Tod hatte sie trotzdem nicht verhindern können.

Der nächste tiefe Atemzug brachte keine Erlösung, zu schmerzhaft waren die Erinnerungen.

Sie war jetzt frei von ihren Verpflichtungen, das stimmte, aber sie war auch unwiederbringlich alleine. Die letzten Jahre hatte Dru ihr ganzes Leben um Dominic und seine Krankheit herum aufgebaut. Mit seinem Tod war auch ein Teil von ihr gestorben. Zurückgeblieben war nichts als Leere. Aber sie hatte sich geschworen, diese Leere mit neuem Leben zu füllen. Mit einem Leben, das unabhängig und frei war, einem Leben, das nur ihr allein gehörte.

Alles, was sie dafür tun musste, war, Cayo Vila zu entkommen.

Eine neue Welle von Schmerz durchflutete sie, dunkel und mächtig. Cayo. Vor drei Jahren hatte sie geglaubt, etwas in ihm gesehen zu haben; einen Schimmer Menschlichkeit, ein Anzeichen dafür, dass er so viel mehr war als der Mann, den er in der Öffentlichkeit spielte. Sie hatte diese eine Nacht, die intimen Gespräche und den leidenschaftlichen Kuss zum Anlass genommen, um sich etwas einzubilden, das nicht der Realität entsprach. Sie hatte sich romantischen Hirngespinsten hingegeben. Meine Güte, wie sehr hatte sie diesen Mann begehrt. Und was hatte er getan? Er hatte ihr jede Chance auf eine weitere Karriere im Unternehmen genommen.

Und das mit drei vernichtenden Sätzen, die er in einer E-Mail an die Personalabteilung geschrieben hatte, als sie sich damals gerade um eine Führungsposition in der Marketingabteilung beworben hatte: Miss Bennett ist eine Assistentin. Sie ist ganz sicher keine Ressortleiterin. Suchen Sie woanders.

Er hatte es nicht einmal besonders heimlich getan. Warum auch? Die Mail war die ganze Zeit zugänglich in Drus Akte gewesen, sie hätte nur einmal nachsehen müssen. Aber sie hatte es nicht getan, bis sie vor wenigen Tagen zufällig beim Aufräumen darauf gestoßen war. Erst da hatte sie den wahren Grund erfahren, warum sie den Job damals nicht bekommen hatte. Dabei hatte sie die ganze Zeit geglaubt – vor allem nach dieser Nacht in Cádiz –, Cayo würde auf ihrer Seite stehen.

Nie wieder würde sie so naiv sein, schwor sie sich und unterdrückte die Tränen der Wut, die in ihr aufstiegen. Nie wieder würde sie wegen eines einzigen Kusses ihr ganzes Leben für eine Wunschvorstellung aufgeben.

Sie fand Cayo in einem der vielen Salons der Jacht wieder. Eine breite Wendeltreppe führte vom Deckbereich in den luxuriösen Raum, der mit viel Marmor, Glas und hochwertigem Mobiliar ausgestattet war. Er hatte dieses schwimmende Hotel der Luxusklasse einst bei einem Kartenspiel gewonnen. Es war der Spieleinsatz eines russischen Oligarchen gewesen.

„Weil das Schiff leicht zu haben war“, hatte er damals auf ihre Frage, warum er unbedingt noch eine weitere Jacht in seiner Sammlung haben wollte, mit einem Achselzucken geantwortet. „Also habe ich es mir genommen.“

Jetzt saß er auf einem der tiefen Ledersofas, neben ihm eine vollbusige Blondine, die so aussah wie alle seine austauschbaren Begleiterinnen. Er hatte sein Jackett abgelegt, den obersten Hemdknopf geöffnet und die Krawatte gelockert. Die Frau an seiner Seite sagte schmollend etwas, das nachTschechisch klang, als sie Dru den Raum betreten sah. Dabei schien sie das Gefühl vermitteln zu wollen, dass es allein an Drus Anwesenheit lag, dass sich Cayo gerade mehr für das Programm auf dem großen Flachbildschirm interessierte als für ihre Reize.

Dein Verfallsdatum ist schon bald erreicht, dachte Dru. Doch schnell schob sie ihre hämischen Gedanken beiseite, denn Stutenbissigkeit war hier fehl am Platz. Diese Frau war nicht einmal Konkurrenz.

Sie hatte sich oft genug gesagt, dass es ihr rein gar nichts ausmachte, dass dieser Mann, der sie so leidenschaftlich geküsst hatte, seine Gelüste mit anderen Frauen auslebte. Das ist ohne Bedeutung! Ein Satz, den sie sich tausendmal in Erinnerung gerufen hatte, wenn sie allein und sehnsüchtig in ihrem Bett gelegen hatte. Uns verbindet so viel mehr als Sex …

Sie war in ihrem Liebeswahn so unfassbar verzweifelt gewesen, dass es schon fast körperlich wehgetan hatte.

Nun stand sie vor ihm, in jeder Hand einen Schuh haltend, fast wie Waffen, und bemerkte seinen irritierten Blick. Er schien sich ernsthaft zu fragen, ob sie eine Gewalttat plante. Dann schüttelte er leicht den Kopf und drehte sich wieder dem Bildschirm zu, auf dem in endlosen Zahlenbändern die neuesten Aktienkurse aus aller Welt liefen.

„Und, haben Sie sich wieder beruhigt?“, fragte er, ohne sie anzusehen. Schon spürte Dru wieder diese flammende Wut in sich aufsteigen.

„Wie stellen Sie sich vor, soll es jetzt weitergehen?“, schoss es aus ihr heraus. „Wollen Sie mich hier für immer festhalten? Das können Sie sich abschminken. Jedes Schiff muss irgendwann anlegen, und außerdem kann ich schwimmen.“

„Ich schlage vor, Miss Bennett, dass Sie erst einmal tief durchatmen“, sagte er, noch immer ohne ihr einen Blick zu schenken. Sein Tonfall trieb Dru fast zur Weißglut. „Sie klingen hysterisch.“

Hysterisch? Das war zu viel und brachte das Fass eindeutig zum Überlaufen. Aus einem plötzlichen Impuls heraus holte Dru aus und schleuderte einen ihrer Schuhe in Richtung seines Kopfes. Wie ein gefährliches Geschoss wirbelte er durch die Luft. Gleich, gleich würde er getroffen werden, sah Dru es schon kommen.

Doch im letzten Moment riss Cayo die Hände vors Gesicht und fing den Schuh gerade noch rechtzeitig auf.

Mit leicht geöffnetem Mund und ungläubigem Blick starrte er sie an. Seine goldbraunen Augen funkelten aufgebracht. Doch da war noch etwas. Etwas, das wie ein Echo laut in ihr widerhallte. Ob er auch gerade an ihren Kuss zurückdachte? Es schien fast so. Aber nein, das war unmöglich, rief sich Dru zur Vernunft. Das war einzig und allein ihrer Fantasie entsprungen.

Dru keuchte leise, fast als wäre sie ihm entgegengeflogen anstelle des Schuhs. Zugleich spürte sie dieselbe Hitze in sich aufsteigen, die sie so oft in seiner Nähe fühlte. Mit klopfendem Herzen schob sie diese Reaktion auf ihre Wut.

„Das nächste Mal“, zischte sie zwischen den Zähnen, „werde ich treffen.“

Wieder einmal hatte Dru ihn völlig überrumpelt. Und es gefiel Cayo ebenso wenig wie in London.

Ihre grauen Augen blickten alarmiert und entschlossen. Er mochte nicht, was er darin sah, und wollte es auch nicht weiter ergründen. Ihm missfiel die leichte Röte auf ihren Wangen und auch die Art, wie sie barfuß vor ihm stand. Einige Strähnen hatten sich aus ihrer Hochsteckfrisur gelöst und fielen ihr ins Gesicht. Sie sah einfach unglaublich aus. Unglaublich sexy.

Er musste sich fast zwingen, seinen Blick von ihr zu lösen. Cayo betrachtete den Schuh in seiner Hand, den er eben aufgefangen hatte. Ja, sie hatte ihn als Waffe benutzt, aber er war auch noch etwas anderes, nämlich eines jener aufregend femininen Accessoires, die er nicht unbedingt mit seiner persönlichen Assistentin in Verbindung bringen wollte. Er wollte nicht an ihre schlanken Beine denken, nicht daran, wie sie in ihre eleganten High Heels schlüpfte, und auch nicht an ihre Hüften, die sich bei jedem ihrer Schritte verführerisch bewegten. Nein, an all das wollte er nicht denken.

Verflucht!

Cayo stand langsam auf und erhob sich zu seiner vollen Größe, ohne Dru dabei aus den Augen zu lassen.

„Was soll ich nur mit Ihnen machen?“ Ihr Widerstand machte ihn ganz ungeduldig und er ärgerte sich, dass er nicht Herr dieser Situation wurde. Trotzdem konnte er nicht aufhören, sie anzusehen.

„Ihre Frage kommt ein wenig spät“, erwiderte sie spitz. „Sie hätten mich zum Beispiel befördern können. Aber das haben Sie nie getan. Stattdessen entführen Sie mich.“

Plötzlich erinnerte sich Cayo, dass sie nicht alleine waren. Mit einer knappen Handbewegung winkte er die anhängliche Blondine aus dem Salon. Leise fluchend verließ die junge Frau den Raum.

Cayo warf Drusillas High Heel auf den Platz, auf dem eben noch seine Begleiterin gesessen hatte, und fragte sich, warum er überhaupt noch mit Drusilla redete. Was erlaubte sich seine Assistentin eigentlich? Und warum in aller Welt hatte er das dringende Bedürfnis, ihr die Gründe dafür zu erklären, warum er sich vor drei Jahren gegen ihre Beförderung ausgesprochen hatte? Er hatte sich doch noch nie für irgendetwas gerechtfertigt.

„Eine Begründung ist überflüssig, ich muss mich nicht erklären“, sagte er schneidend, um ihr zu zeigen, wo ihr Platz war. Sie versteifte sich, und etwas wie Schmerz flackerte in ihren grauen Augen auf. Zum ersten Mal seit Jahren verspürte Cayo einen Anflug von Scham in sich aufsteigen. Er ignorierte es.

„Was sind Sie nur für ein schrecklicher Mensch?“, erwiderte Dru hörbar gekränkt. „Ihr Verhalten kann man ja schon fast pathologisch nennen.“

„Die Medien nennen mich eine Naturgewalt“, erwiderte er kühl, auch um sie daran zu erinnern, dass sie sich auf dünnem Eis bewegte. Er war niemand, der Gehorsamsverweigerung lange duldete, und ihre hatte er nun schon seit Stunden toleriert, sogar einen gewalttätigen Angriff auf seine Person. Einem Mann hätte er es schon längst mit gleicher Münze heimgezahlt.

Genug ist genug! dachte er ungeduldig.

Er ging auf sie zu, und an der Art, wie sie nervös schluckte, konnte er erkennen, dass sie nicht so gleichgültig war, wie sie vorgab. Eine verführerische Erinnerung wurde in ihm wach. Gefährlich wach.

Unruhig trat Drusilla von einem Fuß auf den anderen und erinnerte ihn dabei nur umso mehr an die Tatsache, dass sie eine Frau war – und kein gefühlloser Arbeitsroboter. Eine Frau mit samtig weicher Haut und sehr ansehnlichen Beinen, die in ihrem kurzen Rock perfekt zur Geltung kamen. Eine Frau aus Fleisch und Blut und keine ferngesteuerte Puppe. Eine Frau, deren Feuer er schon einmal sehr nahe gekommen war.

Auch das gefiel ihm nicht. Er ließ seinen Blick über ihre weiblichen Rundungen wandern und wunderte sich, dass ihm ihre wohlproportionierte Figur noch nicht früher aufgefallen war. Sosehr er sich auch dagegen sträubte, sie ging ihm unter die Haut. Sein Herz begann schneller zu schlagen. Er dachte an Dinge, die er schon seit Jahren verdrängte. Wie sie in dieser andalusischen Altstadt an der Wand gelehnt hatte, die glatten Beine um seine Hüfte geschlungen, ihr Mund, so heiß und süß auf seinem …

Völlig inakzeptabel. Es gab einen Grund, warum er sich nicht erlaubte, an diese eine Nacht zu denken, verdammt.

„Und eine Naturgewalt ist natürlich nicht verantwortlich für das, was sie anrichtet. Ist es nicht so?“, stellte sie trocken fest. Sie schien sich von ihm nicht einschüchtern lassen zu wollen. Doch ihm fiel auch auf, dass sie den verbleibenden Schuh in ihrer Hand fester umgriff.

„Aber Sie sind weder ein tödlicher Orkan noch ein Erdbeben, Mr. Vila, sondern nur ein egoistischer Kerl mit zu viel Geld und zu wenig Sozialkompetenz.“

„Ich glaube, mir hat Ihr altes Ich besser gefallen“, erwiderte er mit schneidender Stimme.

„Weil ich unterwürfig war?“

„Weil Sie ruhig waren.“

Ihre Lippen verzogen sich zu einem dünnen Strich. „Wenn Sie mich und meine Meinung nicht mehr hören wollen, dann brauchen Sie mich nur gehen zu lassen“, erinnerte sie ihn. „Sie sind doch so gut darin, Leute wegzuschicken. Zumindest haben Sie das gerade sehr eindrucksvoll an diesem armen Mädchen demonstriert.“

Er beugte sich bedrohlich nah zu ihr hinunter, nahm ihren Duft wahr, der lieblich und frisch zugleich war, und augenblicklich stieg Verlangen in ihm auf, heftig und fordernd. Er erinnerte sich, wie er vor Jahren sein Gesicht an ihrem Hals vergraben hatte, und er wünschte, er könnte es wieder tun. Jetzt. Die Intensität seiner Gefühle erschütterte ihn zutiefst und er wusste nicht, ob er sie dafür bewundern oder verdammen wollte. Sie hingegen zeigte keinerlei Gefühlsregung, sondern nur ungebrochenen Widerstand.

Ein seltsames Gefühl beschlich ihn, eine Vorahnung, dass diese Frau genauso gut sein Ende bedeuten könnte. Aber dann tat er den Gedanken, verärgert über sich selbst, als abergläubischen Unsinn ab.

„Warum macht Sie das Schicksal dieses armen Mädchens so betroffen?“, fragte er mit unheilvoll tiefer Stimme. „Sie wissen doch nicht einmal, wie sie heißt.“

„Wissen Sie es denn?“, schoss sie zurück. Dabei funkelte sie ihn so wütend an, als würde sie sich jeden Moment auf ihn stürzen. „Aber vermutlich hat sie bereits die übliche Verschwiegenheitserklärung unterschrieben, die Sie …“

„Was kümmert es Sie, wie ich mit meinen Frauen umgehe, Miss Bennett?“ Seine Stimme klang gefährlich ruhig und hätte normalerweise jeden zum Schweigen gebracht. Nicht so Drusilla Bennett.

„Die Frage sollte wohl eher lauten: Warum kümmert es Sie nicht?“, entgegnete Dru mit finsterem Blick.

Und plötzlich verstand er, was gerade geschah. Es war allzu offensichtlich, und wahrscheinlich brodelte es schon seit geraumer Zeit in ihr. Und dennoch hatte er es all die Jahre übersehen. Er hatte ihr gutes Arbeitsverhältnis nicht wegen eines kleinen Kusses aufs Spiel setzen wollen, und so hatte er den Vorfall nie wieder angesprochen. Auch weil er angenommen hatte, sie würde über diese Sache ebenso denken. Doch das schien ein Fehler gewesen zu sein, wie sich nun herausstellte. Nun war es an ihm, die Taktik zu ändern.

„Wissen Sie noch, als ich Sie gefragt habe, ob ein Mann hinter alldem steckt? Da haben Sie mir nicht ganz wahrheitsgemäß geantwortet, oder?“

Für einen Moment starrte sie ihn nur verständnislos an.

Dann begriff sie das Unfassbare, dass er damit hatte sagen wollen, und atmete scharf ein.

„Sie machen wohl Witze.“ Sie klang entsetzt. Erschrocken. Für seinen Geschmack fast ein wenig zu entsetzt und erschrocken.

„Sie glauben ernsthaft, es ginge hierbei um… Sie?“

„Ja, um mich“, stimmte er ihr zu und spürte zugleich, wie sich seine Wut in etwas anderes verwandelte. Etwas, das er noch nicht benennen konnte. „Aber Sie sind bestimmt nicht die erste Sekretärin, die sich in ihren Chef verguckt hat“, sagte er mit verständnisvoller Stimme, die in Drus Ohren wie Hohn klang. „Natürlich übernehme ich dafür die volle Verantwortung. Ich hätte es gar nicht erst dazu kommen lassen dürfen. Es war mein Fehler und es tut mir leid, dass ich offensichtlich falsche Hoffnungen in Ihnen geweckt habe.“

Ihm fiel auf, wie sie zusehends erblasste. Und plötzlich wurden die Bilder ihrer gemeinsamen Nacht in Cádiz wieder lebendig: ihr Weg durch die laue Sommernacht von der Bodega Bar hin zum Hotel, ihr Arm um seine Taille, ihr Mund so nah an seinem, ihr Kuss – viel berauschender als der spanische Sherry, den sie zu Ehren seines Großvaters getrunken hatten, der an diesem Tag gestorben war. Er hatte sich geweigert, die Trauer zuzulassen, und sie stattdessen geküsst. Und selbst jetzt noch hatte er das Gefühl, sie schmecken zu können.

Und mit einem Mal wurde ihm eines bewusst: Er hatte sich die ganze Zeit selbst belogen. Es war keine Wut, die ihn jetzt so erhitzte und sein Blut in Wallung geraten ließ – sondern pures Verlangen.

„Eher würde ich mich in den Sensenmann vergucken als in Sie“, sagte sie verächtlich und schüttelte den Kopf. „Und außerdem war ich Ihre persönliche Assistentin, nicht Ihre Sekretärin.“

„Sie sind das, was ich sage. Das scheinen Sie vergessen zu haben.“ Er versuchte die Erinnerungen zu verdrängen, doch es gelang ihm nicht. Im Gegenteil, sein Körper sehnte sich nach ihr. Er wollte sie berühren, schmecken, besitzen.

„Ich habe nicht eine Sekunde daran verschwendet, mir irgendwelche Hoffnungen zu machen“, zischte sie. Doch ihre Stimme verriet ihm, dass dies nicht stimmte. „Oder Sie etwa, Mr. Vila? Waren Sie eifersüchtig? War das vielleicht der eigentliche Grund für meine Nichtbeförderung?“

Was redete sie da nur? Sein Herz schlug hart und schnell in seiner Brust. Großer Gott, wie sehr er sie wollte! Er brauchte irgendeine Strategie. Ja, das war es.

Und im nächsten Augenblick beugte er sich zu ihr und küsste sie.

Es war, als würde ein Feuerwerk explodieren.

Nein, das darf nicht wieder passieren …

Doch weiter kam Dru mit ihren Gedanken nicht. Sein Mund war auf ihrem, heiß und fordernd. Und es war so wundervoll, ihn zu fühlen. So vertraut und doch neu. Er legte einen Arm um ihre Hüften und zog sie so eng an sich, dass Dru ganz überwältigt von seiner plötzlichen Nähe war. Sein Kuss wurde immer verlangender und sie spürte, wie er mit seiner Zunge um Einlass bat.

Und sie öffnete ihre Lippen und ließ es einfach geschehen.

Endlich , jubelte eine Stimme in ihrem Kopf, während sich ihre Brüste aufreizend gegen seinen muskulösen Oberkörper pressten. Dabei bemerkte sie kaum, wie ihr der Schuh aus der Hand glitt und zu Boden fiel. Alles um sie herum versank in einem Rausch aus Lust und Leidenschaft. Sie spürte eine Hitze, fast wie im Fieber, und sie küsste Cayo mit aller Leidenschaft zurück, weil es das Einzige war, das sie in diesem Moment wirklich tun wollte. Sie wollte ihn berühren, ihn schmecken, sie wollte ihn, nur ihn . Und das mit einer Dringlichkeit, die sie selbst erschreckte. Alles erschien plötzlich in einem neuen Licht …

Doch dann löste er sich abrupt von ihr und fluchte etwas auf Spanisch. Und nach dem kurzen Höhenflug landete Dru äußerst unsanft wieder auf dem harten Boden der Realität.

Erschüttert machte sie einen Schritt zurück, dann noch einen. Ihr Atem ging keuchend, stoßweise, ihr Herz raste. Er sah sie nur an, so, als sei das Ganze bloß ein Test gewesen. Ja, und sie war darauf reingefallen.

Dru konnte es nicht länger ertragen. Sie drehte sich um und verließ auf bloßen Füßen den Salon. Immer zwei Stufen auf einmal nehmend, rannte sie die breite Wendeltreppe hinauf. Oben an Deck angekommen, empfing sie grelles Sonnenlicht, und atemlos drehte sie sich um. Da war er auch schon. Dunkel und groß, direkt hinter ihr.

„Wohin so eilig?“, hörte sie ihn rufen. „Ich dachte, Sie hätten nichts gegen einen kleinen Kuss einzuwenden.“ Seine Augen funkelten golden, und sein schön geschwungener Mund verzog sich zu einem ironischen Lächeln.

Dieser Mund …

Stopp, dieser Mann ist ein Teufel in Engelsgestalt, schoss es ihr wie eine Warnung durch den Kopf. Nein, sie wollte das alles nicht. Nicht schon wieder. Noch einmal würde sie das nicht durchstehen! Und plötzlich sah sie nur noch einen Ausweg.

Dru drehte Cayo den Rücken zu. Dann nahm sie Anlauf, schwang sich über die Reling – und sprang ins Meer.

3. KAPITEL

Sie war tatsächlich ins Wasser gesprungen!

Cayo stand fassungslos an der Reling und sah, wie Dru nach ihrem Sprung wieder auftauchte und dann in Richtung des weit entfernten Ufers schwamm.

Wie hatte es nur so weit kommen können?

„Ist das etwa Dru?“, hörte er eine Person hinter sich erschüttert fragen.

„Dru?“, wiederholte Cayo fragend.

Er hatte bis jetzt nicht einmal gewusst, dass Drusilla auch noch einen Spitznamen besaß. Und zwar aus gutem Grund, denn er wollte nichts Privates von ihr wissen. Er wollte nicht die Frau in ihr sehen, er wollte die Süße ihrer Lippen nie wieder schmecken und auch nie wieder dieses wahnsinnige Verlangen nach ihr verspüren. Nein, all das wollte er nicht! Doch Cayo wusste selbst, dass er sich etwas vormachte.

„Ich meinte natürlich: Miss Bennett“, stammelte der Chefsteward neben ihm sichtlich irritiert. „Entschuldigen Sie, Sir, aber ist sie … hineingefallen? Sollten wir ihr nicht helfen?“

„Das ist eine ausgezeichnete Frage“, murmelte Cayo.

Er beobachtete Dru dabei, wie sie mit langen kräftigen Zügen durch das Wasser schwamm und sich immer weiter von der Jacht entfernte. Dabei konnte er nicht umhin, sie für ihre unglaubliche Willensstärke, ja Dickköpfigkeit, zu bewundern. Ganz zu schweigen von ihrem eleganten Schwimmstil, trotz Kleidung. Er musste mit sich selbst kämpfen, denn noch immer spürte er das wilde Adrenalin, das in Hochtouren das Blut durch seinen Körper pumpte, und ein heißes, sehnsüchtiges Ziehen. Er hatte mehr gewollt als diesen einen Kuss. Viel mehr! Und wäre es nicht Drusilla gewesen, dann hätte er nicht lange nachgedacht und sie direkt genommen, wenn notwendig auf dem Fußboden des Salons.

Und an der Wand. Und auf den weichen Kissen der Sofalandschaft. Und wieder und wieder, nur um diese knisternde Spannung zwischen ihnen voll und ganz auszukosten.

Aber hier handelte es sich nicht um irgendeine Frau, sondern um Drusilla.

Cayo war schon immer ein praktischer Mensch gewesen, zielgerichtet und planvoll in allem, was er tat. Noch nie hatte er sich zu etwas verführen oder hinreißen lassen. Bis auf dieses eine Mal in Cádiz, und jetzt eben hier au...

Autor

Caitlin Crews

Caitlin Crews wuchs in der Nähe von New York auf. Seit sie mit 12 Jahren ihren ersten Liebesroman las, ist sie dem Genre mit Haut und Haaren verfallen und von den Helden absolut hingerissen. Ihren Lieblingsfilm „Stolz und Vorurteil“ mit Keira Knightly hat sie sich mindestens achtmal im Kino angeschaut....

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