Lass es diesmal aus Liebe sein

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Schockiert entdeckt Marnie, dass sie ein Kind unter dem Herzen trägt. Ausgerechnet an dem Tag, an dem ihre Scheidung von Londons Staranwalt Domenico Cannavaro rechtskräftig wird! Sechs Wochen ist es her, seit sie sich ihm gegen jede Vernunft ein allerletztes Mal hingegeben hat. Als Domenico überraschend darauf besteht, das Baby als Familie großzuziehen, weigert Marnie sich. Doch plötzlich verhält er sich wie der fürsorgliche Ehemann, den sie sich so sehr wünschte – und die Sehnsucht nach seiner Liebe erwacht erneut mit gefährlicher Macht …


  • Erscheinungstag 18.08.2026
  • Bandnummer 2767
  • ISBN / Artikelnummer 0800262767
  • Seitenanzahl 144

Leseprobe

Michelle Smart

Lass es diesmal aus Liebe sein

1. KAPITEL

Mit bebenden Fingern legte Marnie Ware das Handy weg. Die Ehe, die sie in der maßlos unrealistischen Hoffnung auf ein Happy End begonnen hatte, lag in Trümmern. Ihr Anwalt hatte Marnie gerade darüber informiert, dass sie rechtskräftig geschieden war.

Sie presste sich eine Hand auf den Mund und schluckte krampfhaft gegen den Brechreiz an. Er fühlte sich anders an als die Übelkeit, die sie seit Tagen plagte. Marnie wankte zurück ins Bad, den einzigen halbwegs kühlen Raum des winzigen Appartements, in dem sie bis auf ein Jahr ihr gesamtes Leben verbracht hatte. Geradezu spöttisch fiel ein Sonnenstrahl auf das weiße Plastikstäbchen, das mit der Anzeige nach unten neben dem Wasserhahn lag. Als Marnie sich endlich überwinden konnte, das Stäbchen umzudrehen, zitterte sie am ganzen Leib.

Noch bevor sie sich traute, auf die Anzeige zu sehen, bebte ihr Kinn schon heftig.

Zwei pinkfarbene Striche.

Marnie sank auf den Boden, zog beide Knie an die Brust und brach in Tränen aus.

Domenico Cannavaro beendete den Anruf seines Scheidungsanwalts und schloss die Augen.

Seit Marnie ihn verlassen hatte, wusste er, wie bitter sich Scheitern anfühlte. Ab heute war sie nicht länger seine Ehefrau, sondern offiziell seine Ex-Frau. Dieses Scheitern schmeckte umso bitterer, weil Marnie bereits seine zweite Ehefrau gewesen war. Er hatte sie eigens für diese Rolle ausgewählt! Wegen ihrer unerschütterlichen Loyalität und Ergebenheit ihm gegenüber, aber auch wegen ihrer fügsamen, bescheidenen, sanftmütigen Art.

Doch seine brave kleine Frau, die gewöhnlich kaum den Mund aufzumachen wagte, hatte tatsächlich ihren Willen durchgesetzt. Am selben Tag, an dem sie die Frechheit besessen hatte, ihm den Laufpass zu geben, hatte sie auch seinen Nachnamen abgelegt. Und das an ihrem ersten Hochzeitstag! Unfassbar ...

Dabei hatte Domenico an jenem Tag keine Mühe gescheut. Er hatte Marnie zum Dinner ausgeführt und ihr ein exquisites, von seiner persönlichen Assistentin sorgsam ausgewähltes Armband geschenkt. Und im Gegenzug hatte er die Scheidungspapiere in die Hand gedrückt bekommen. Unverfroren war noch ein viel zu mildes Wort dafür.

Wohlgemerkt, diese Frau hatte er als Achtzehnjährige am Empfang seiner Londoner Kanzlei als talentierte Nachwuchskraft entdeckt und mehrmals befördert – bis zur schwindelerregend hohen Position seiner persönlichen Assistentin. Jahre später hatte er sie sogar zu seiner Ehefrau gemacht! Und dies war nun der Dank dafür, dass er sie aus der Bedeutungslosigkeit geholt, ihr beruflich den Weg geebnet und schließlich das luxuriöseste Leben ermöglicht hatte, das sich eine Frau nur wünschen konnte? Gut, dass er sie los war.

Domenico beschloss, Scheitern und Bitterkeit zu vergessen. Diesen Anlass galt es zu feiern.

Er drückte einen Knopf des Telefons auf seinem Schreibtisch und zitierte seine neue Assistentin herbei.

Sofort kam Janie in sein Büro, eine fröhliche, vollbusige Schönheit mit langen, glänzenden schwarzen Haaren. Der Kontrast zwischen ihr und seiner Frau konnte gar nicht größer sein – sowohl bezüglich des Äußeren wie des Auftretens.

„Rufen Sie die üblichen Caterer an und lassen Sie bis sieben Uhr heute Abend ein Büfett für zweihundert Personen zu mir nach Hause liefern“, wies er sie an. Der Hinweis, sie solle nur das Beste bestellen, war überflüssig. „Außerdem Champagner. Kistenweise. Cocktails. Eine Bar mit allem Drum und Dran. Und rufen Sie diesen Discjockey an, der beim Sommerfest aufgelegt hat. Sagen Sie ihm, dass er seine Anlage im Souterrain aufbauen soll.“

Janie zuckte nicht mit der Wimper. „Kein Problem. Sonst noch etwas?“

„Geben Sie in Washington Bescheid, dass ich morgen nicht hinfliegen werde, und verschieben Sie alle meine Termine. Ich fliege erst am Sonntag.“

„Wird gemacht.“ Sie legte den Kopf schief und sah ihn mit dem koketten Augenaufschlag an, den sie sich in den letzten Monaten angeeignet hatte. „Haben Sie etwas Besonderes zu feiern?“

„So ist es. Meine rechtskräftige Scheidung.“

Sie zog eine perfekt gezupfte Braue hoch und lächelte. „Glückwunsch.“

„Danke.“

Janie machte keine Anstalten, das Büro zu verlassen. „Soll ich bei der Party dafür sorgen, dass alles glattläuft?“

Er lächelte unverändert. „Das wird nicht nötig sein.“

Sie tänzelte zur Tür und bedachte ihn mit einem weiteren Augenaufschlag. „Ich werde mich bereithalten, für den Fall, dass Sie Ihre Meinung ändern.“

„Das ist sehr aufmerksam, aber genießen Sie ruhig Ihren Feierabend. Und schließen Sie bitte die Tür.“

Sobald die Tür zu war, verzog Domenico das Gesicht. Seit seine Trennung von Marnie bekannt geworden war, hatte Janie mehr als ein paar Andeutungen gemacht, dass sie auch privat eine bereitwillige Nachfolgerin wäre. Obwohl sie eine ausgezeichnete Assistentin war, beabsichtigte er nicht, sie zu etwas zu machen, was darüber hinausging. Allerdings riefen ihm ihre Annäherungsversuche in Erinnerung, dass er jetzt offiziell wieder Sex haben durfte, mit wem er wollte. Seine sechsmonatige Enthaltsamkeit seit Marnies Auszug hatte er lediglich ein einziges Mal unterbrochen, und zwar in einem Zustand geistiger Umnachtung. Er hätte alles gegeben, um diese eine Nacht der Leidenschaft aus seinem Gedächtnis zu löschen. Es war höchste Zeit, wieder auszugehen und seine neu gewonnene Freiheit zu genießen.

Hoffentlich erstickte Marnie an ihrer!

Marnie stieg aus dem Taxi und starrte durch das elektrische Tor auf das prächtige dreistöckige Herrenhaus, das sie vor sechs Monaten verlassen hatte. Unzählige Autos parkten auf der weitläufigen Zufahrt und jede einzelne Lampe im Haus schien eingeschaltet zu sein.

Überrascht stellte sie fest, dass sie nach wie vor mit ihrem Fingerabdruck das Tor öffnen konnte. Was gut war, denn Domenico hatte all ihre Anrufe ignoriert! Dass er das tat, kam allerdings nicht überraschend. Nicht angesichts der Weise, wie ihr letztes Treffen geendet hatte. Vor genau sechs Wochen war es gewesen, zum Zeitpunkt des vorläufigen Scheidungsurteils ...

Marnie dachte nicht gern an jenen Abend. Schon gar nicht an den Morgen danach. Nach einer völlig verrückten Nacht der Leidenschaft hatte sie Domenico aus ihrem Appartement geworfen, in dem sie seit der Trennung wieder wohnte. Seine letzte Bemerkung war grausam gewesen: „Eines Tages wirst du aufwachen, dich in dieser Drecksbude umsehen und erkennen, was du alles weggeworfen hast.“ Vor Wut hatten seine hellbraunen Augen dunkel gewirkt. „Du hast es weggeworfen, Marnie. Denk dran. Du warst es.“

Wortlos hatte sie die Tür hinter ihm zugeknallt.

Nein, sie würde niemals ihre Entscheidung bereuen, diese Ehe zu beenden! Und obwohl ihr altes Appartement unglaublich schäbig war, verglichen mit dem Luxus, in dem sie als Domenicos Frau gelebt hatte, fand sie die vertraute Umgebung tröstlich. Außerdem kam ein Umzug in eine größere Wohnung erst mal nicht infrage angesichts der geringen Abfindung, der sie zugestimmt hatte.

Domenico hatte erwartet, dass sie wegen seines armseligen Angebots mit ihm streiten würde. Ein Milliardär musste damit rechnen, selbst nach einem einzigen Jahr Ehe bei der Scheidung einen ordentlichen Batzen loszuwerden, aber Marnie hatte die lächerliche Summe widerspruchslos akzeptiert. Ihr Anwalt war entsetzt gewesen, denn die Abfindung entsprach nur dem zweifachen Jahresgehalt, das Marnie vor ihrer – nicht aus freien Stücken erfolgten – Kündigung verdient hatte. Bevor sie ihre Position als persönliche Assistentin zugunsten der viel exklusiveren Position als Domenicos Ehefrau aufgegeben hatte.

Aber sie wollte sein Geld nicht. Wollte auch nicht mit ihm streiten. Streit war Marnie zuwider, beim ersten Anzeichen einer Konfrontation zog sie sich zurück. Alles, was sie je von Domenico gewollt hatte, war das Eine, das er ihr nie geben würde. Das Eine, nach dem sie sich schon ihr ganzes Leben sehnte ...

Je näher sie dem Haus kam, desto deutlicher hörte sie die Musik. Er gab eine Party. Warum Dom feierte, eine Frau los zu sein, an der ihm nichts lag, war ein Rätsel, das sie nicht mehr lösen wollte. Nachdem sie gegangen war, hatte er mehrmals Streit vom Zaun brechen wollen. Allerdings nie, weil er irgendetwas für sie empfand. Domenico hasste es nur, zu verlieren.

Marnies Liebe zu ihm war durch seine Gleichgültigkeit jeden Tag ein Stückchen mehr gestorben.

Sie klingelte und befahl dem Brechreiz, eine Pause einzulegen, wenn sie gleich jene Unterhaltung führte, die sie nicht aufschieben konnte. So sehr sie Domenico auch verabscheute, er verdiente es, umgehend Bescheid zu wissen. Und im Moment fühlte sie sich zum ersten Mal an diesem Tag gut genug für die Fahrt ans andere Ende von London.

Als niemand reagierte, legte Marnie ihre Hand auf das Sicherheitsschloss und staunte, dass sich auch diese Tür für sie öffnete.

Der ohrenbetäubende Lärm erklärte, warum niemand vom Personal die Klingel gehört hatte. Musik und Gelächter drangen aus dem Souterrain.

Es machte Marnie nichts aus, dass sie ein schlichtes pastellgrünes Sommerkleid und flache Riemchensandalen trug, während die weiblichen Gäste im Erdgeschoss herausgeputzt auf hohen Absätzen herumstolzierten. Sie mied jeglichen Blickkontakt, während sie die Treppe zum Souterrain hinunterschlüpfte.

Dieser Bereich war ein einziger Partysaal. Domenico hatte gern Gäste. In jedem seiner Häuser gab es einen separaten Raum dafür. Als Marnie noch seine Assistentin gewesen war, hatte er von ihr erwartet, an sämtlichen Partys teilzunehmen, um sicherzustellen, dass alles reibungslos lief. Hoffentlich war ihre Nachfolgerin Janie nicht einer der vielen Menschen, die gerade unter den Discokugeln tanzten. Janie war ihre Mitarbeiterin gewesen, eine schöne, lebhafte Frau, in deren Nähe Marnie sich noch bedeutungsloser als üblich gefühlt hatte. So unsichtbar wie als Kind.

Wer gerade nicht tanzte, machte es sich auf einem der vielen weichen Sofas gemütlich. Marnie kannte viele der Gäste. Die meisten. Alle, um genau zu sein. Doch in der Gesellschaft von Domenicos Freunden und Bekannten war sie sich immer unsichtbar vorgekommen. Und ihre Schüchternheit hatte sie davon abgehalten, einige dieser Leute zu ihren eigenen Freunden zu machen.

In diesem Moment fühlte sie sich allerdings nicht unsichtbar, denn die Überraschung der Gäste bei ihrem Anblick war nicht zu übersehen. Zu den letzten Anwesenden, die sie bemerkten, gehörte der große Mann mitten auf der Tanzfläche. Er überragte alle anderen Gäste. Umgeben von schönen, spärlich bekleideten Frauen tanzte er ausgelassen mit dem Rücken zu Marnie. Jetzt beugte er sich herunter und legte eine Hand an das rechte Ohr, um zu verstehen, was eine Frau sagte.

Verdutzt drehte er sich um, doch der ausgelassene Ausdruck auf seinem Gesicht verschwand, sobald er Marnie auf der anderen Seite des riesigen Partyraums entdeckte.

Obwohl sie sich so sehr wünschte, ihr Herz möge es nicht tun, krampfte es sich schmerzhaft zusammen. Einen Moment, ganz kurz nur, schienen alle Leute außer Domenico und ihr selbst zu verschwinden.

Nie würde sie die erste Begegnung mit ihm vergessen ...

An ihrem dritten Arbeitstag am Empfang von Cannavaro Law International war Domenico mit seinem Gefolge durch die Drehtür geschlendert. Da ihre Kolleginnen vor seiner Ankunft immer wieder in Taschenspiegel geblickt, Lippenstift nachgezogen und Haare zurechtgezupft hatten, war Marnie bereits davon ausgegangen, dass ihr Chef gut aussah. Allerdings war sie kein bisschen darauf vorbereitet gewesen, wie gut. Mit ihren achtzehn Jahren wohnte sie noch immer in ihrem ehemaligen Kinderzimmer, an dessen Wänden Poster von Popstars und Schauspielern prangten, die sie alle zu gern geheiratet hätte.

Alle Anwälte der Firma trugen Anzüge, und alle trugen sie wie Rüstungen. Er hingegen wirkte in seinem Anzug und mit den bewusst nachlässig frisierten dunkelbraunen Haaren wie ein Mann, der sich den Gepflogenheiten der Geschäftswelt zwar anpasste, aber nur zu seinen eigenen Bedingungen.

Er ging mit ein paar Begrüßungsfloskeln am Empfang vorbei, registrierte Marnie – und kam zurück. „Sie sind neu“, stellte er mit nahezu akzentfreiem Englisch fest.

Da sie keinen Ton herausbrachte, nickte sie.

Freundlich blickte er sie mit seinen hellbraunen Augen an und streckte ihr die rechte Hand hin. „Ich bin Domenico.“

Ihr schoss das Blut in die Wangen, weil er ausgerechnet sie ansprach. Sie legte ihre kleine in seine große Hand. „M...Marnie“, stotterte sie.

„Schön, Sie kennenzulernen, Marnie. Wie gefällt Ihnen der Job?“

Sie gab sich einen Ruck: „Sehr viel besser, seit ich die zentrale Telefonanlage durchschaue.“ Diese Anlage stellte nicht nur Verbindungen zu sämtlichen Angestellten in den Londoner Büros her, sondern auch zu den Büroangestellten auf der ganzen Welt.

„Schon?“, fragte er beeindruckt. „Alle Achtung.“

Als er den Aufzug betreten hatte, um in sein Büro im obersten Stock zu fahren, war Marnie ihm schon rettungslos verfallen gewesen ...

Jetzt presste Domenico die sinnlichen Lippen, von denen sie jahrelang geträumt hatte, leicht aufeinander. Er straffte die Schultern, dann bewegte er seinen geschmeidigen Körper, der heute in einem silberfarbenen Hemd und schwarzen Jeans steckte, in Marnies Richtung. Und seine hellbraunen Augen glitzerten bedrohlich.

Zugegeben, Domenico hatte mehr getrunken, als gut für ihn war. Viel mehr. Egal. Immerhin hatte er sich das Recht auf den bevorstehenden Kater verdient und seinen Terminkalender freigeräumt. Falls er morgen mit wenigen Erinnerungen an den Vorabend aufwachte, würde es ein guter Abend gewesen sein. Domenico trank selten übermäßig, aber angesichts des Anlasses fand er, dass er ruhig bis zur Besinnungslosigkeit feiern durfte. Wenigstens einmal wollte er einschlafen, ohne dass ihn das Bild von Marnies Gesicht verfolgte. Ihn verhöhnte.

Als Jessica ihn am Arm gepackt und gesagt hatte, Marnie sei hier, war er von einem schlechten Scherz ausgegangen. Er hatte nicht erwartet, sich umzudrehen und sie tatsächlich zu sehen. Hier in seinem Zuhause, das sie verlassen hatte, als sie ihn verlassen hatte.

Heißer Zorn brodelte in ihm hoch. Marnie hatte ihr Recht verwirkt, ohne Einladung in sein Haus zu kommen. Warum hatte er nicht befohlen, ihre Sicherheitsfreigabe zu löschen?

Als Domenico vor ihr stand, musterte er sie von Kopf bis Fuß, wohl wissend, dass alle Gäste sie beide beobachteten und sich fragten, was Marnie hier wollte. „Hallo, Schatz“, begann er so gelassen, als hätte sie ihm bei der letzten Begegnung nicht mit stählerner Stimme gesagt, er solle ihre Wohnung verlassen und nie zurückkehren. „Du hättest Bescheid geben sollen, dass du herkommst – dann hätte ich dich mit Trommelwirbel und Fanfaren empfangen.“

Sie reagierte nicht auf seine Stichelei. „Mir war nicht klar, dass du heute eine Party gibst.“

„Du hättest anrufen sollen.“

„Ich habe angerufen. Bei dem Lärm konntest du es wohl nicht hören.“

„Das ist kein Lärm, sondern eine Party.“ Er lehnte sich vor, bis sein Gesicht dicht vor ihrem war. „Eine Party, um das Ende von uns zu feiern.“

Sie presste die vollen herzförmigen Lippen zusammen, bevor sie den Kopf schüttelte. „Ein ‚uns‘ gab es nie, Dom.“

„Ich finde, eine Ehe bedeutet eine Menge ‚uns‘. Aber uns gibt es nicht mehr, deshalb fürchte ich, es ist zu spät für Reue.“ Er hob beide Hände und wackelte mit den Fingern, an denen kein Ring mehr zu sehen war. „Du kannst gern bleiben und mitfeiern. Gönn dir einen Drink oder zwei – wer weiß, vielleicht verleihen dir ein paar Wodka etwas Persönlichkeit.“

Marnie, der man ihre Gefühle so selten ansah, zuckte verletzt zusammen. Doch die Genugtuung, die Domenico bei dieser Reaktion erwartet hätte, stellte sich nicht ein. Wohl aber die Erkenntnis, dass er zu weit gegangen war.

Zur Hölle mit Marnie! Carmela, seine erste Ehefrau, hatte ihn wegen seines besten Freundes verlassen. Was für eine Demütigung! Und das kurz nach dem Tod seines Vaters, als Domenico ohnehin am Boden zerstört gewesen war. Trotzdem hatte er Carmela bei der Scheidung keine Probleme gemacht und sich auch später alle Gemeinheiten gespart.

Marnie hatte er auch deswegen geheiratet, weil sie zu langweilig war, um intensive Leidenschaft in ihm zu wecken. Es trieb ihn zur Weißglut, dass er dennoch immer wieder versucht hatte, sie zur Rückkehr zu ihm zu zwingen.

Er hatte jahrelang eng mit ihr zusammengearbeitet und sie stets besonnen und ruhig erlebt. An seinem fünfunddreißigsten Geburtstag hatte er beschlossen, Vater zu werden. Kinder wünschte er sich schon seit einer Ewigkeit, und noch war er jung genug, um die Zeit mit ihnen zu genießen und sie auf dem Weg zum Erwachsensein zu begleiten. In Marnie hatte er die Idealbesetzung für die Rolle der Mutter seiner Kinder gesehen. Natürlich musste man nicht verheiratet sein, um eine Familie zu gründen, aber Domenico hatte sich als Kind verheirateter Eltern geborgen gefühlt und wollte dasselbe für seine Sprösslinge.

Marnie war nicht nur die perfekte Kandidatin für die Rolle der Mutter, sondern auch für die der Ehefrau gewesen. Zu still und fantasielos, um sich Leidenschaft auch nur vorzustellen. Seine erste Ehe war leidenschaftlich gewesen – und endete in einem Fiasko. Deshalb wollte er nie wieder eine solche Beziehung eingehen!

In all den Jahren ihrer Arbeitsbeziehung hatte Marnie seine Entscheidungen nie hinterfragt, ihm nie widersprochen oder ungebeten ihre Meinung gesagt. Sie befolgte seine Anweisungen genau und, was am wichtigsten war, sie richtete ihr Leben an seinen Bedürfnissen aus. Fabelhaft! Domenico war davon überzeugt gewesen, dass sie als seine Ehefrau bereitwillig im Hintergrund seines Lebens bleiben und die Kinder großziehen würde, während er weiterhin Großes im Bereich Unternehmensrecht vollbrachte und sich um seine Investitionen kümmerte.

Ein Jahr funktionierte die Ehe tatsächlich mehr oder weniger so, wie er es sich ausgemalt hatte. Enttäuschend war nur, dass sie kein Kind zeugten. Abgesehen davon lief alles großartig. Marnie erfüllte die Anforderungen klaglos, verweigerte Domenico nie seine ehelichen Besuche in ihrem Schlafzimmer, stellte keine Forderungen. Und dann knallte sie ihm aus heiterem Himmel die verfluchten Scheidungspapiere hin ...

Erwartungsvoll hatte er beim Dinner die Schachtel mit dem Armband zum ersten Hochzeitstag über den Tisch geschoben. Doch Marnie hatte sie nicht geöffnet und Domenico nur mit ihren faszinierenden Augen angesehen, die mehrmals am Tag die Farbe zu wechseln schienen. Ihr Blick war traurig gewesen. Dann hatte sie gewohnt ruhig gesagt: „Ich will die Scheidung.“

Er war sich sicher gewesen, dass er sie falsch verstanden hatte. Deshalb hatte er lächelnd den Kopf geneigt und gefragt: „Wie bitte?“

Marnie hatte einen Umschlag aus ihrer Handtasche gezogen und ihn Domenico gegeben. „Ich war letzte Woche bei einem Anwalt und habe ihn beauftragt, heute das Scheidungsverfahren einzuleiten. Ich verlasse dich.“

Einfach so. Seine fügsame, entgegenkommende Ehefrau hatte dem Luxusleben, das sie dank ihm führen konnte, den Rücken gekehrt und sich hartnäckig geweigert, ihre Meinung zu ändern. Weder Schmeicheleien noch Drohungen oder schmutzige Tricks hatten sie zur Einsicht gebracht.

Inzwischen war Domenico froh darüber. Er würde eine andere Frau finden, mit der er Kinder bekommen konnte. Allerdings nicht sofort. Erst wollte er sich nach der langen Zeit der Treue ein wenig austoben. Danach machte er sich auf die Suche nach Ehefrau Nummer drei. Wie hieß es so schön? Aller guten Dinge sind drei!

Wobei er sichergehen würde, dass seine nächste Ehefrau ihm nicht mit einem einzigen Blick ein schlechtes Gewissen machen konnte. Warum zur Hölle fühlte er sich jetzt schon wieder schuldig, nur wegen einer spöttischen Bemerkung, die der Wahrheit entsprach? Marnie besaß nun mal keine Persönlichkeit. Es war nicht seine Schuld, wenn die Wahrheit wehtat.

„So großartig es auch ist, dich wiederzusehen, liebe Ex-Frau, ich muss mich um meine Gäste kümmern. Ich weiß, du hältst nichts davon, dich zu amüsieren, aber ...“

Marnie schlug sich eine Hand vor den Mund und hastete davon. Sie rannte in eins der Badezimmer im Souterrain und schaffte es gerade noch, die Kabinentür zu verriegeln und sich über die Toilette zu beugen, bevor sie sich übergab.

Es dauerte lange, bis sie zu dem Schluss kam, dass sie den Kopf heben durfte. Sie sank auf die kühlen Bodenfliesen, lehnte den Hinterkopf an die Wand und hoffte inständig, die Übelkeit möge nachlassen. Ihr ging es grässlich. Die Übelkeit wurde immer schlimmer. Sie musste Wasser trinken, aber ihr fehlte die Kraft, aufzustehen. Warum hatte sie nicht vor dem Haus wieder umgedreht, als ihr klar geworden war, dass Domenico eine Party gab?

Sie hörte, dass die Badezimmertür geöffnet wurde, und schloss die Augen. Im Souterrain gab es mehrere Badezimmer. Jedes betrat man außer Sichtweite der Tanzfläche. Domenico hatte ein Auge fürs Detail, das musste sie ihm lassen.

„Marnie?“, hörte sie plötzlich seine Stimme durch die Tür.

Sie kniff die Augen zusammen. Oh, was für ein Riesenfehler war es gewesen, heute herzukommen.

„Bist du krank, Marnie?“

Fort war der bissige Ton, mit dem er sie am Rand der Tanzfläche verhöhnt hatte. Hätte sie es nicht besser gewusst, hätte sie den Unterton für Sorge gehalten. Mühsam schluckte sie. „Mir geht es gut. Geh zurück zu deinen Gästen. Ich bin gleich weg.“

Stille trat ein, allerdings nur kurz. „Sitzt du auf dem Boden?“

„Ich brauche bloß eine Minute. Bitte lass mich allein.“

Wieder Stille, dann der grimmige Befehl: „Mach die Tür auf.“

„Geh weg, Dom! Wir reden morgen.“

„Öffne sofort die Tür, sonst breche ich sie auf.“

Den Tränen nahe stieß Marnie mit erstickter Stimme hervor: „Geh endlich weg!“

„Letzte Chance. Mach die Tür auf. Jetzt.“

Marnie wusste, dass er nie leere Drohungen ausstieß. Sie kannte ihn, seit sie achtzehn war, hatte sechs Jahre eng mit ihm zusammengearbeitet und war ein Jahr mit ihm verheiratet gewesen. Wenn er sagte, er werde die Tür aufbrechen, dann würde er es tun, und das ertrug sie nicht. Jede Form der Gewalt triggerte den Impuls, sich im Kleiderschrank zu verstecken und die Ohren zuzuhalten, so wie sie es als Kind getan hatte.

Es kostete sie all ihre Kraft, einen Arm zu heben und die Tür zu entriegeln.

Domenico schwang die Tür auf und schaute auf Marnie hinunter.

Jäh fühlte sie sich so elend, dass sie um ein Haar in Tränen ausgebrochen wäre. Sie hatte diesen Mann verehrt. Angebetet. Sie hätte alles für ihn getan.

Immerhin lag jetzt kein Spott in seinen hellbraunen Augen. „Du bist krank.“

Sie schüttelte den Kopf. Wäre sie bloß nicht hergekommen! Auf diese Weise hatte sie es ihm nicht sagen wollen.

„Nicht krank“, flüsterte Marnie. „Schwanger.“

2. KAPITEL

Einen langen Moment hörte Domenico ein schrilles Klingeln in seinen Ohren.

Er starrte seine Ex-Frau an. Ihre langen, stufig geschnittenen blonden Haare rahmten das hübsche herzförmige Gesicht ein. Es war so bleich, dass die wenigen Sommersprossen auf der zierlichen Nase und den hohen Wangenknochen deutlich hervortraten. Ihre geheimnisvollen Augen wirkten dunkelblau. Marnie hatte Gewicht verloren, auf das ihr ohnehin schlanker Körper nicht gut verzichten konnte.

Mit einem dumpfen Schlag erwachte sein Herz zum Leben. Vollkommen klar war sie plötzlich, die Erinnerung an die letzte gemeinsame Nacht, die er unbedingt hatte vergessen wollen. Die einzige gemeinsame Nacht in den sechs Monaten, seit sie ihn verlassen hatte.

Es war vor sechs Wochen passiert, am Tag des vorläufigen Scheidungsurteils. Bis dahin hatte Domenico noch geglaubt, Marnie werde sich besinnen und zu ihm zurückkehren. Er hatte zwei starke Whiskeys getrunken und war bei ihr aufgekreuzt, um ein letztes Mal zu versuchen, sie zur Vernunft zu bringen. Dio, ihm war nicht klar gewesen, in was für einer Bruchbude sie lebte. Erstaunlicherweise hatte sie, die sonst nie Alkohol trank, die Tür mit einem Glas Weißwein in der Hand geöffnet. Auf dem winzigen Couchtisch im ebenfalls winzigen Wohnzimmer hatte die halb leere Flasche gestanden.

In jener Nacht war weit und breit keine Spur von der unterwürfigen Marnie zu sehen gewesen. An ihrer Stelle hatte eine Löwin ihre Wut und ihren Abscheu herausgeschrien über Domenicos Versuche, sie umzustimmen. Ihr rechtschaffener Zorn hatte etwas in ihm entzündet – nicht nur eigene Wut und Abscheu, sondern ein Verlangen, das aus dem Nichts gekommen war und ihn gepackt hatte. Ein ungestümes Verlangen, das er nie gewollt hatte. Selbst heute wusste er nicht, wie es sein konnte, dass Marnie und er einander in einer Sekunde grob beleidigten – und sich in der nächsten Sekunde leidenschaftlich küssten. Jedenfalls hatten sie nach einem gefühlten Wimpernschlag nackt im Bett gelegen und miteinander geschlafen, als wären dies ihre letzten Stunden auf der Welt.

Ihre letzten Stunden auf der Welt waren es nicht gewesen, wohl aber ihre letzten gemeinsamen Stunden. Morgens war Domenico erleichtert aufgewacht, weil Marnie offenbar doch zu ihm zurückkehren wollte. Doch sie hatte ihm den Rücken zugedreht und energisch gesagt, er solle gehen.

Mit ihrer Eiseskälte hatte sie seine Euphorie erstickt und Domenico endlich zur Besinnung gebracht. Er hatte seine Frau zwar zurückgewollt, aber nicht auf diese Weise. Auf keinen Fall. Nicht, wenn sie plötzlich durch solch eine heftige Leidenschaft miteinander verbunden waren! Er hatte sich gar nicht schnell genug anziehen können. Und sein Entschluss stand felsenfest: Er wollte Marnie nie wiedersehen. ...

„Bleib hier“, sagte Domenico jetzt und riss sich zusammen. „Ich schicke alle weg.“

Matt schüttelte sie den Kopf. „Nicht nötig. Es ist bloß Morgenübelkeit. Geh wieder zu deinen Gästen.“

Morgenübelkeit, weil sie mit dem Kind schwanger war, für das er sie geheiratet hatte. Wäre die Lage nicht so ernst gewesen, hätte er über die Ironie des Schicksals gelacht. „Falls du denkst, dass ich jetzt noch feiern kann ... Bleib, wo du bist!“, meinte er und ging.

Marnie rieb den Mund an den angezogenen Knien und drängte die aufsteigenden Tränen zurück. Die ersten Monate ihrer Ehe hatte sie inständig auf ein Baby gehofft und wie eine Närrin geglaubt, ein Kind werde die Ehe in das erträumte Märchen verwandeln. Gefolgt waren Monate, in denen sie sich immer unglücklicher fühlte, und Verstand und Gefühl darum rangen, was sie bloß tun sollte.

Domenicos Antrag einen Tag nach seinem fünfunddreißigsten Geburtstag hatte den Ton für ihre Ehe vorgegeben, aber Marnie war blind vor Liebe gewesen ...

Er hatte sie zum Lunch eingeladen. Irgendetwas war los, das hatte sie gleich gewusst, denn er aß nie allein mit einer Angestellten. Seine Bürotür durfte ja nicht mal geschlossen sein, wenn er dort allein mit einer Mitarbeiterin sprach. Ein Playboy war er nur im Privatleben.

Autor

Michelle Smart
Michelle Smart ist ihrer eigenen Aussage zufolge ein kaffeesüchtiger Bücherwurm! Sie hat einen ganz abwechslungsreichen Büchergeschmack, sie liest zum Beispiel Stephen King und Karin Slaughters Werke ebenso gerne wie die von Marian Keyes und Jilly Cooper. Im ländlichen Northamptonshire, mitten in England, leben ihr Mann, ihre beiden Kinder und sie...
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