Liebe kennt keine Grenzen

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Alexis weiß, dass der attraktive Jace ihre große Liebe ist. Aber was geschieht, wenn er erfährt, dass sie eine Prinzessin ist - auf der Flucht vor dem Mann, mit dem ihr Vater sie verheiraten will!
  • Erscheinungstag 13.11.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783955767259
  • Seitenanzahl 120
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. Kapitel

Prinzessin Alexis Charlotte von Inbourg aus dem Hause Chastain hatte die Orientierung verloren. Seit Stunden war sie der Spur des Asphalts durch die White Mountains in Arizona gefolgt, und nun hatte die Straße sich plötzlich in Luft aufgelöst. Alexis beugte sich vor und starrte über die Kühlerhaube in die Dunkelheit. Nichts als Bäume in dieser verlassenen Gegend.

Es war doch richtig gewesen, vom Highway abzubiegen! Auf der kleinen Landstraße konnte sie die Ortschaft Sleepy River einfach nicht verfehlen. Damit hatte sie sich während der Fahrt durch die Einsamkeit immer wieder getröstet.

Dann, vor ein paar Minuten, hatten sich Wolken vor den Mond geschoben. Ohne sein Licht sah man in diesen dichten Kieferwäldern kaum die Hand vor Augen. Und nun fragte die Prinzessin sich, wo die Straße abgeblieben war. Es gab keinen Pfad, kein Hinweisschild, nichts, was ihr hätte helfen können, sich in dieser Wildnis zurechtzufinden.

Sie konnte doch unmöglich nach Morenci zurückfahren! Die letzte Stadt, durch die sie gekommen war, lag viele Meilen hinter ihr. Bis eben hatte sie bestimmt keine Fehler gemacht. Wo immer sie sich befand, Sleepy River musste ganz in der Nähe sein.

Seit den frühen Morgenstunden war sie unterwegs. Jetzt zeigte die Uhr im Armaturenbrett elf an. Die Zeit saß Alexis wahrhaftig im Nacken. Jeder Muskel, jeder Knochen tat ihr weh, obwohl das kleine Auto, das sie von ihrer Freundin Rachel Burrows geliehen hatte, angenehm zu fahren war. Nun reichte es!

Aber sie konnte doch hier mitten im Wald nicht einfach aussteigen! Das Handy nützte ihr nichts, denn der Akku war leer. Und ohne Straße halfen auch die Landkarten nicht weiter. Zum Teufel, fluchte sie und ließ vor Erschöpfung den Kopf auf das Lenkrad sinken. Sie hatte sich regelrecht verirrt. So etwas war ihr noch nie passiert.

Und alles nur, weil sie einmal ihren Traum von Unabhängigkeit verwirklichen wollte. Einmal auf eigenen Füßen stehen! Richtig arbeiten, statt sich um den kleinen Neffen zu kümmern! Sie hatte sich danach gesehnt, sie selbst zu sein und nicht nur die jüngste der drei Töchter von Fürst Michael von Inbourg, denen böse Zungen nachsagten, ihre einzige Beschäftigung bestehe darin, die Steuergelder der Bewohner von Inbourg durch exzessives Shopping zum Fenster hinauszuwerfen.

Ihre Schwestern Anya und Deirdre waren dabei fotografiert worden, wie sie einkauften. Alles war für ein Hilfswerk bestimmt gewesen. Doch der Boulevardpresse war es nicht um Wahrheit gegangen, sondern um schrille Schlagzeilen. Was würden die Reporter erst schreiben, wenn sie herausfänden, dass Prinzessin Alexis in den Bergen von Arizona einen Job angenommen hatte, um aushilfsweise in einer Dorfschule zu unterrichten? Bestimmt würden sie einen Skandal daraus machen.

Es wäre schon schlimm, wenn die Presse erfuhr, dass sie in die Staaten geflogen war, vorgeblich, um sich ein paar Wochen in einem Heilbad zu erholen. Nicht auszudenken, was geschähe, wenn man entdeckte, dass ihre Hofdame Esther Wanfray statt ihrer dort kurte.

Doch jetzt war nicht der richtige Moment, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Sie musste umkehren und herausfinden, wo sie sich verfahren hatte. Deshalb legte sie den Rückwärtsgang ein und setzte vorsichtig zurück.

Ein dumpfer Schlag, dann das Geräusch von splitterndem Holz. Hastig wählte Alexis den ersten Gang und gab Gas. Der Wagen geriet ins Schlingern. Es knirschte und schabte am rechten Kotflügel. Nein, das nicht auch noch! Sie trat auf die Bremse. Was sollte sie jetzt tun? Es blieb ihr wohl nichts anderes übrig als auszusteigen, um nachzuschauen, was passiert war.

Ob irgendwo eine Taschenlampe versteckt war? Sie suchte im Handschuhfach und unter den Sitzen. Ohne Erfolg. Das kann doch wohl nicht wahr sein, fluchte sie. Dann öffnete sie die Tür, sprang ins Freie und stolperte um den Wagen herum. Verzweifelt starrte sie in die Dunkelheit, die außerhalb des Scheinwerferlichts noch finsterer war, und versuchte, den Schaden und seine Ursache zu ermitteln. Vergeblich. Sie brauchte Licht.

Wütend ging sie zurück ins Auto und kramte in ihrer Handtasche, bis sie ein Heftchen mit Streichhölzern fand. Als sie draußen eines entfachte, blies der Wind es sofort aus. Verdammt! Das zweite erlosch, bevor sie zwei Schritte getan hatte.

Alexis durchstöberte erneut den Wagen und fand eine Zeitschrift, die sie für den Flug nach Phoenix gekauft hatte. Rasch riss sie ein paar Seiten heraus und drehte sie zu einer festen Rolle zusammen. Nachdem sie sich zur Heckklappe des Wagens vorgetastet hatte, zündete sie die Fackel an und erkannte das Hindernis, das sie angefahren hatte. Es war ein Holzpfahl, der nun geborsten auf der Erde lag. An seinem Ende ragte verkehrt herum ein Briefkasten in die Höhe. Sie musste sich bücken und den Kopf zur Seite drehen, um den Namen zu entziffern.

„McTaggart“, las sie laut. McTaggart? Sie buchstabierte den Namen noch einmal. Vor Erleichterung hätte sie am liebsten geweint. Sie hatte sich also gar nicht verirrt. Sie war dort angekommen, wo sie hinwollte, in Sleepy River. Alles würde gut werden.

Der Schuldirektor hieß McTaggart. Bei ihm sollte sie die Schlüssel für die Schule und ihre Unterkunft abholen. Nun musste sie nur noch sein Haus finden. Sie spähte in die Dunkelheit. Kein Hinweis, dass hier jemand wohnte.

Während sie in alle Himmelsrichtungen Ausschau hielt, entdeckte sie einen unbefestigten Weg. Wenn sie den weiterginge, würde sie vielleicht auf ein Gehöft stoßen.

Rasch griff sie nach ihrer Umhängetasche, schloss die Wagentür und bemerkte kurz darauf das zweite Hindernis, das sie gestreift hatte. Eine mit Wein bewachsene Mauer. Doch mit dem Schaden an dem geliehenen Auto konnte sie sich jetzt nicht aufhalten. Die Fackel brannte rasch herunter.

Plötzlich hörte sie hinter sich das Knirschen von Schritten, dann eine tiefe Männerstimme. „Was, zum Teufel …“

Alexis war so überrascht, dass sie herumwirbelte. Die Fackel sprühte Funken. Ein Stückchen brennendes Papier fiel auf ihre Hand. Sie schrie auf und ließ das Licht fallen.

Das Gras brannte wie Lunte. „Halt!“, schrie der Mann. Im Feuerschein konnte sie nur seinen Schatten erkennen, er kam ihr riesig vor, als er an ihr vorbei eilte, um die Flammen auszutreten. „Was machen Sie hier?“

„Tut mir leid“, murmelte sie, warf ihre Tasche beiseite und stapfte ebenfalls ins Feuer. Aber so eifrig sie auch die Füße bewegte, die Flammen waren schneller. Sie fraßen gierig das trockene Kraut, und innerhalb weniger Sekunden breiteten sie sich bedrohlich aus.

„Laufen Sie zum Haus“, befahl der Mann. „Bei der Vordertür hängt eine Triangel. Schlagen sie Alarm.“

„Mach ich.“ Alexis wollte loshetzen, aber dann stockte sie und breitete verzweifelt die Arme aus. „Wie finde ich das Haus?“

„Finden?“, wiederholte der Mann fassungslos. „Sehen Sie denn nicht das Licht?“

Sie schaute sich um und traute ihren Augen kaum. Denn da stand plötzlich, nur vierzig Meter entfernt, ein zweistöckiges Gebäude, dessen Veranda erleuchtet war. „Wie kommt das dahin?“, stammelte sie.

„Es wurde vor siebzig Jahren gebaut.“

Alexis verlor nun keine Zeit mehr. Sie rannte zum Ranchhaus, hastete die Verandatreppe hinauf und sah sich um. Auf der einen Seite befanden sich schwere Holzmöbel, auf der anderen entdeckte sie die Triangel. Sie hing von einem Deckenbalken herab. Alexis griff nach dem Klöppel und schlug das Eisen. So hatten früher die Farmerfrauen ihre Familien zum Essen gerufen. Aber Alexis schrie: „Feuer! Feuer! Feuer!“

Im dem Haus regte es sich. Sie hörte Rufe, Schritte, und schließlich wurde Licht gemacht. Sie hatte ihre Aufgabe erfüllt. Nun sah sie sich nach etwas um, womit man den Brand bekämpfen konnte. Da fiel ihr Blick auf eine Decke, die zusammengelegt in einem Stuhl lag. Sie schnappte sie sich und jagte zurück zum Feuer.

„Hier!“, rief sie und warf dem Mann die Decke zu. Wortlos nahm er sie und versuchte, damit die Flammen zu ersticken, während Alexis sich mühte, sie mit den Füßen auszutreten. Ein paar Minuten später tauchten weitere Gestalten auf, die einen Schlauch hinter sich herzogen. In wenigen Sekunden war das Feuer gelöscht.

Erst jetzt begann Alexis zu zittern. Sie taumelte zum Wagen, lehnte sich gegen die Kühlerhaube und schlug die Hände vor das Gesicht. Sie brauchte Zeit, um sich zu erholen.

„He, Miss, alles in Ordnung?“, fragte nun einer der Männer. Es war nicht die gleiche Stimme, die sie so erschreckt hatte. Sie schaute auf.

Plötzlich schob sich der Mond durch die Wolken. In seinem fahlen Licht erkannte sie drei Männer. Alle in hastig übergeworfenen Hemden, Jeans und Stiefeln. Der größte von ihnen kam näher.

„Wer sind Sie? Und warum versuchen Sie, meine Ranch niederzubrennen?“, rief er.

„Ich habe das Feuer nicht mit Absicht gelegt“, verteidigte sie sich, nun wieder in kerzengerader Haltung. „Ich bin erschrocken, als Sie sich an mich herangeschlichen haben.“

„Wollen Sie damit sagen, es sei meine Schuld?“

Alexis konnte die Gesichtszüge des Mannes nicht erkennen. Aber der Ärger in seiner Stimme war unüberhörbar. „Ich habe nur gesagt, dass ich mich erschrocken habe“, gab sie zurück und merkte, wie auch sie allmählich die Fassung verlor. „Ich habe versucht, das Haus zu finden und …“

„Mit einem offenen Feuer in der Hand?“

„Ich habe keine Taschenlampe. Also musste ich mir eine Fackel machen. Etwas Besseres ist mir nicht eingefallen. Es war so dunkel. Ich hatte schon den Briefkasten umgefahren und die Mauer gestreift.“

„Sie haben den Briefkasten umgefahren?“ Mit einem unterdrückten Fluch marschierte der Mann hinter das Auto und schaute sich den zerstörten Pfahl und den verdrehten Kasten an. Die beiden anderen folgten ihm. Alle drei standen nun kopfschüttelnd da und sprachen leise miteinander.

Nach einer Weile stapfte der große Mann zurück zu ihr. „Wer sind Sie eigentlich? Wenn ich Feinde habe, die Sie zu mir geschickt haben, dann möchte ich es wenigstens wissen.“

Alexis’ Ärger wuchs. „Mich hat niemand geschickt. Woher soll ich wissen, ob Sie Feinde haben. Ich kenne Sie doch gar nicht. Ich suche Mr. McTaggart, Mr. Jace McTaggart.“

„Na, den haben Sie gefunden“, stieß er zwischen zusammengepressten Lippen hervor.

Sie versuchte in dem fahlen Mondlicht sein Gesicht zu erkennen. Denn was sie sah, war nicht sehr viel versprechend. Der Mann hielt die Hände in die Hüften gestemmt und hatte den Unterkiefer kämpferisch vorgeschoben. Ihr Mut sank ins Bodenlose. „Sie meinen, Sie sind – Mr. McTaggart? Der Direktor – der Schuldirektor von Sleepy River?“

„Allerdings, der bin ich.“

Mehr als ein „Oh“ brachte sie nicht heraus. Dann hatte sie also mit der versuchten Brandstiftung nicht nur diesem schrecklichen Tag, sondern auch den kommenden Wochen die Krone aufgesetzt.

Doch war das ein Grund, klein beizugeben? In ihren Adern floss das Blut eines dreihundert Jahre alten Adelsgeschlechts. Ihre Vorfahren hatten fast einen Monat Widerstand gegen Napoleons Armee geleistet. Und ihr Großvater hatte eigenhändig die Kronjuwelen vergraben, damit sie den Nazis nicht in die Hände fielen. Also konnte sie mit diesem Problem hier wohl auch fertig werden.

Mit majestätischer Kopfhaltung, die sie ihrer Großmutter abgeguckt hatte, streckte sie die Hand aus. „Dann sollte ich mich auch vorstellen. Ich bin Alexis Chastain, die neue Lehrerin.“

Jace spähte in die Dunkelheit. „Alexis – wie bitte?“

„Chastain“, ergänzte sie. „Ich bin hier, um an der Schule von Sleepy River zu unterrichten.“

Er beugte sich vor. Doch trotz des Mondscheins blieben ihre Gesichtszüge undeutlich. „Nein“, sagte er schließlich. „Ich kenne Sie nicht. Die Lehrerin, die wir engagiert haben, heißt Rachel Burrows, und sie …“

„Sie wird nicht kommen“, sagte die Frau mit fester Stimme. „Ich bin an ihrer Stelle hier.“

Das ist alles nicht wahr, sagte sich Jace. Vielleicht träume ich noch und bin vorhin von dem Geräusch eines anhaltenden Autos gar nicht aufgewacht. Es hat nicht gerumst, ich bin nicht in meine Klamotten gesprungen und hinausgelaufen. Ich liege immer noch im Bett, und die Frau mit der brennenden Fackel ist auch nur Einbildung gewesen.

Er zwinkerte und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Nein, das hier wirkte alles erschreckend real. Er hatte zwar keine Ahnung, was hier vorging, aber er würde es rasch herausfinden. Dies war schließlich seine Ranch. Was hier geschah, hatte er zu verantworten. „Für wen sind Sie gekommen?“

„Rachel Burrows. Sie ist verhindert. Deshalb bin ich jetzt hier.“

Er schüttelte den Kopf. „Hören Sie, so läuft das nicht. Der Schulausschuss führt Bewerbungsgespräche und stellt dann eine Lehrerin ein, die zu dem abgemachten Zeitpunkt anreist, und – was ist los?“

Die Frau mit dem merkwürdigen Namen Alexis Chastain schüttelte nun heftig den Kopf. „Ich habe Ihnen doch gesagt, dass Rachel Burrows nicht kommen kann. Ich werde ihre Aufgabe übernehmen.“

„Unmöglich!“ Allmählich verlor Jace die Geduld. „Das werden Sie nicht!“

„Boss?“, meldete sich nun einer seiner Helfer. „Muss das hier und jetzt entschieden werden? Können wir nicht ins Haus gehen? Es ist gleich Mitternacht, die Frau muss doch erschöpft sein. Vielleicht fällt sie gleich um.“

Jace sah zu den Patchett-Brüdern hinüber. Sie arbeiteten seit einem Jahr für ihn. Er hatte sie gleich nach dem Ende ihrer Schulzeit eingestellt. Rocky hatte gesprochen, und Gil nickte zustimmend. Merkwürdig!

Misstrauisch betrachtete Jace wieder die Frau. Nein, die würde gewiss nicht zusammenbrechen. Ihr Kreuz wirkte gerade wie Eisenbahnschienen, die Hände hatte sie zu Fäusten geballt und in die Taille gestemmt. Sollte sie umfallen, dann nur mit der Absicht, ihm ihr emporgerecktes Kinn geradewegs in die Brust zu bohren. Diese Frau war nicht schwach, sondern streitsüchtig.

„Okay“, sagte er schließlich. „Gil, park das Auto bitte neben der Scheune – Miss Chastain, wenn Sie Gil den Schlüssel geben, wird er sich um Ihren Wagen kümmern.“

Diesmal widersprach die Frau nicht, sondern gab den Schlüssel heraus. Gil startete den Wagen und fuhr los, nicht, ohne noch einmal gegen Mauer und Briefkastenpfosten zu stoßen. Er hob entschuldigend die Hand und verschwand dann auf dem Kiesweg.

„Ich nehme den Schlauch.“ Jace hätte das nicht selbst machen müssen, aber er fühlte sich wohler, wenn seine Hände beschäftigt waren. Was soll ich mit der Frau anstellen, fragt er sich wütend, während er den Schlauch wie ein Schiffstau aufrollte. Warum war diese Rachel Burrows, die er angeheuert hatte, nicht wie abgemacht erschienen? Sie hatte schließlich einen Vertrag unterzeichnet.

Zum Teufel! Er verspürte wenig Lust, sich darum zu kümmern. Er war überhaupt nicht scharf auf die Schulleitung gewesen. Er hatte nicht einmal eigene Kinder und würde wahrscheinlich nie welche bekommen. Aber in einer kleinen Gemeinde wie Sleepy River mussten alle einmal diese Aufgabe übernehmen. Und dieses Jahr war er an der Reihe.

Mürrisch gab er ein Handzeichen. „Bring sie ins Haus!“

Rocky war sofort zur Stelle. „Ich hole gleich Ihr Gepäck, Miss. Sobald Gil den Wagen geparkt hat.“

„Das ist nicht nötig.“ Die Stimme der Frau klang entschlossen. Sie stolperte durch die Dunkelheit, bückte sich und warf ihre Tasche über die Schulter. Dann sagte sie: „Ich komme allein zurecht. Aber es wäre nett, wenn Sie mir den Weg zu dem kleinen Haus zeigten, das ich beziehen soll.“

Offenbar glaubte sie, dass sie keiner mehr hinauswerfen konnte, wenn sie einmal eingezogen war. „Das Haus ist noch nicht fertig“, brummte Jace.

„Nicht fertig? Wie meinen Sie das?“

Er meinte so etwas wie Panik in ihrer Stimme erkannt zu haben. „Wir haben Sie – wir haben Miss Burrows nicht vor nächster Woche erwartet. Das Haus ist seit einigen Jahren unbewohnt. Es muss sauber gemacht und aufgeräumt werden. Aber ich habe ein Gästezimmer. Dort können Sie bleiben, bis wir alles geordnet haben.“

Einen Moment sah es so aus, als ob sie etwas erwidern wollte. Doch dann mischte sich Rocky ein, der offenbar ein Gentleman sein konnte, wenn er wollte. „Machen Sie sich keine Sorgen, Miss. Wir bringen Sie schon unter. Und morgen sieht dann alles ganz anders aus.“ Er nahm ihren Arm und führte sie zum Haus. Dabei sprach er ruhig auf sie ein wie auf ein bockiges Fohlen.

Jace beschäftigte sich noch eine Weile mit dem Schlauch, um nachzudenken und Zeit zu gewinnen.

Als er schließlich ins Haus kam, wäre er fast über seine eigenen Füße gestolpert bei dem Anblick, der sich ihm bot.

Rocky und Gil waren in eine Art Starre gefallen. Während die Frau sich ungezwungen im Wohnzimmer umschaute, standen die beiden wie vom Donner gerührt mit offenen Mündern und aufgerissenen Augen da und taten, als hätten sie noch nie ein weibliches Wesen gesehen.

Jace wunderte sich nicht darüber. Denn die Frau war eine Schönheit. Nur widerwillig gestand er sich das ein.

Das wellige kastanienbraune Haar fiel ihr bis zur schlanken Taille hinunter. Ihr Gesicht war fein geschnitten, mit mandelförmigen grünen Augen und einem Mund, der ihn an einen saftigen Pfirsich erinnerte. Sie trug grüne lange Hosen und einen dazu passenden Baumwollpulli. Obwohl sie mit Ruß beschmutzt war, wirkte sie anmutig und selbstsicher.

Das Ziehen, das er in der Herzgegend verspürte, beunruhigte Jace. Diese Fremde hatte ihm gerade noch gefehlt. Wer sie auch sein mochte, für ihn würde sie immer ein Ärgernis bleiben.

Ein richtiges Männerzimmer, dachte Alexis, als sie sich umsah. Die Sitzgelegenheiten waren mit abgewetztem Leder bezogen oder verwaschenen mexikanischen Überwürfen bedeckt. Alles wirkte ziemlich düster, nur der bunte Flickenteppich hellte die Atmosphäre etwas auf. Trotzdem wirkte der Raum einladend und gemütlich.

Dann vernahm sie ein Räuspern. Zwei fast identisch aussehende junge Männer um die zwanzig starrten sie an. Offenbar waren Gil und Rocky Zwillinge und hatten eine Abneigung gegen Friseure, denn ihr dichtes schwarzes Haar benötigte dringend einen Schnitt. Aber sonst wirkten sie gar nicht wild, sondern freundlich und sympathisch. Nur der verklärte Ausdruck in ihren dunklen Augen gefiel ihr nicht. Sie kannte diesen anhimmelnden Blick. Automatisch drückte sie das Kreuz durch und schaute kühl und unnahbar. Doch dann erinnerte sie sich daran, dass die beiden sie ja nicht als Prinzessin kannten, und schenkte ihnen ein dankbares und warmherziges Lächeln.

„Wow“, sagten die Brüder wie aus einem Munde.

Sie lachte auf und schaute zu Mr. Jace McTaggart. So finster und grimmig hatte sie noch nie jemand angesehen. Sie konnte nicht anders, sie musste dem Blick seiner forschenden dunkelbraunen Augen ausweichen. Der Mann war ja wie die Kerle in alten Wildwestfilmen. Durch und durch hart. Woher sollte sie wissen, ob er ein Held oder ein Bösewicht war?

Er maß mindestens eins neunzig, hatte schmale Hüften, breite Schultern und kräftige Hände, die jetzt auf dem Bund seiner Jeans lagen.

Sein ungewöhnliches Gesicht mit der ausgeprägten geraden Nase, dem ernsten Mund und der breiten Stirn wirkte streng. Nur der Mahagonischimmer seiner dunklen, glatt zurückgekämmten Haare milderte diesen Eindruck. Als Alexis sich endlich traute, seinem Blick standzuhalten, durchfuhr sie ein Schreck, gefolgt von einer Hitzewelle.

„Miss Chastain“, begann der Mann, „Sie gehören hier nicht her. Aber darüber wollen wir morgen sprechen. Rocky wird nun Ihr Gepäck aus dem Auto holen, und Gil zeigt Ihnen das Gästezimmer. Es hat ein eigenes Bad. Also seien Sie so gut, und nehmen Sie das Angebot an.“

Sie hätte gern widersprochen, aber sie war zu müde dazu. „Okay“, sagte sie schließlich.

„Rocky! Gil! Dann bewegt euch endlich“, ermahnte Mr. McTaggart.

Die Zwillinge rührten sich, als erwachten sie aus einer Trance. Rocky trottete zur Tür und stutzte dort. „He, Jace“, rief er und bückte sich nach einem Stoffbündel. „Was ist das?“

„Das hat Miss Chastain mir gebracht, um das Feuer zu ersticken.“

Rocky breitete den Lumpen auseinander und hielt ihn ans Licht. Es war eine völlig verdreckte, mit Brandflecken übersäte Patchworkarbeit. „Sag mal, ist das nicht …“, stammelte er.

Alexis glaubte, im Erdboden versinken zu müssen, als Jaces vernichtender Blick sie traf und er sagte: „Genau, das ist das Erbstück von meiner Großmutter. Sie hat die Decke selbst genäht. Aus ihrem Hochzeitskleid.“

Alexis’ Gesicht brannte immer noch vor Scham, als sie wenige Minuten später die Tür des Gästezimmers hinter sich schloss.

Doch wie hätte sie wissen können, dass die Decke ein handgemachtes Erbstück war? Warum ließ dieser McTaggart etwas, was ihm lieb und teuer war, so achtlos auf der Veranda herumliegen? In ihrer Familie herrschte ein anderer Ordnungssinn, und Erbstücke wurden wertgeschätzt. Dann musste sie innerlich lachen, als sie an die vielen Jahrhunderte alten Gobelins dachte, die in den Privaträumen fein säuberlich an den Wänden hingen. Unvorstellbar, dass jemand sich mit ihnen die Knie wärmte.

Nein, es gab keine Ausrede für das, was sie angerichtet hatte. Sie nahm sich vor, für den Schaden aufzukommen. Aber wie sollte sie das mit der ruinierten Patchworkdecke gutmachen? Die war unersetzbar. Alexis hatte ihre Ankunft in Sleepy River gründlich verpatzt. Es würde nicht leicht werden, den schlechten Eindruck auszubügeln. Aber darüber konnte sie jetzt nicht nachdenken. Sie war viel zu erschöpft.

Müde rieb sie sich die Schläfen und sah sich im Zimmer um. Eine Frau hatte es gewiss nicht eingerichtet. Auf einem altmodischen eisernen Gestell türmte sich eine dicke Matratze. Das Bettzeug war blau-schwarz gemustert. In der Mitte des Raums stand ein wackeliger, gelb angestrichener Tisch mit einer Lampe. Sie gab nur mattes Licht. Der Schirm war knallrot und stammte aus den 50er Jahren. Vor dem Bett lag ein ovaler bunter Flickenteppich.

Die schrillen Farben störten Alexis nicht, sie brauchte nur Sauberkeit. Und sauber war es hier. Also öffnete sie ihren Koffer und holte einen Schlafanzug heraus.

Sie genoss es, ein eigenes Bad zu haben, und machte sich rasch für die Nacht fertig. Bald streckte sie sich wohlig auf dem quietschenden Bett aus. Doch noch während sie die Augen schloss, hatte sie das Bild von Jace McTaggart vor Augen und hörte ihn sagen, dass sie nicht nach Sleepy River gehöre.

Morgen wollte sie ihn eines Besseren belehren. Offenbar gab es zurzeit eine Menge Leute, denen sie es zeigen wollte. Sie konnte diesen Mann mit auf die Liste setzen. Ihr fielen seine angriffslustigen dunklen Augen ein, sein eigenwilliges Kinn und seine entschiedene Redeweise. Ja, er gehörte sogar ganz nach oben auf die Liste.

Autor

Patricia Forsythe
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