Romana Weekend Band 36

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MALLORCA – HAFEN DER LIEBE von PENNY ROBERTS

Stephanie soll eine Regatta vor der Küste Mallorcas organisieren. Einziger Haken an diesem lukrativen Job: Alejandro Santiago muss an dem Segelwettbewerb teilnehmen. Er ist Rekordsegler, Frauenschwarm … und ihre erste Liebe. Wird er ihr wieder das Herz brechen?

EINE HOCHZEIT ZUM VERLIEBEN von CAROLE MORTIMER

Vor fünf Jahren hat er Gabriella auf Mallorca von sich gestoßen. Diese Frau will nur sein Geld! Jetzt muss er die attraktive Chefköchin heiraten, um ein gemeinsames Erbe anzutreten. Eigentlich eine Vernunftehe, die er jedoch unerwartet mit einem innigen Kuss besiegelt …

DEIN BLICK SAGT MEHR ALS TAUSEND WORTE von ANNE WEALE

„Willkommen auf Mallorca, der Insel der acht Winde.“ Als Nicolas das sagt, spürt Cressy, dass Nicolas nichts anderes im Sinn hat, als sie zu verführen. Und während sie sein einnehmendes Lächeln scheu erwidert, weiß sie bereits: Diesen Sommer wird sie nie vergessen …


  • Erscheinungstag 21.03.2026
  • Bandnummer 36
  • ISBN / Artikelnummer 8038260036
  • Seitenanzahl 400

Leseprobe

Penny Roberts, Carole Mortimer, Anne Weale

ROMANA WEEKEND BAND 36

Penny Roberts

PROLOG

„Ach, die Hochzeiten waren einfach ein Traum!“ Gabriella Santiagos Augen wurden feucht. „Dass ich das noch erleben durfte …“

Maria Velásquez lächelte. Die Worte ihrer Schwester rührten etwas tief in ihr an. Und sie konnte Gabriella verstehen: Dass gleich zwei ihrer Söhne in den letzten Monaten in den Stand der Ehe getreten waren, kam einem kleinen Wunder gleich.

Und für dieses Wunder hatte sie, Maria, gesorgt.

„Das waren sie wirklich.“ Sie ergriff die Hand ihrer Schwester und drückte sie leicht. „Aber beinahe noch schöner ist es, dass deine beiden Söhne sich inzwischen auch mit ihrem Vater ausgesöhnt haben …“

Es hatte wahrhaftig lang genug gedauert, bis dieser Tag endlich gekommen war. So lange, dass Maria manchmal schon selbst nicht mehr daran geglaubt hatte. Doch mit der richtigen Taktik war es ihr gelungen, zwei der drei Santiago-Brüder zurück in den Schoß der Familie zu führen.

Fehlte noch einer …

„Ich wünschte nur, dass endlich auch Alejandro sich bereit zeigen würde, seinem Vater die Hand zu reichen“, sprach Gabriella aus, was Maria dachte. Die beiden Frauen saßen im Schatten eines Sonnenschirms auf der Terrasse der Santiago-Villa. Und auch wenn sie und Miguel in vielen Dingen unterschiedlicher Meinung waren, musste Maria ihrem Schwager eines lassen: Mit diesem Haus hatte er wahrlich einen Glücksgriff getan. Die Aussicht auf die von schroffen Felsen umschlossene Bucht mit ihrem klaren, türkisblauen Wasser war einmalig schön.

Maria lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. „Mach dir darüber keine Sorgen. Ich bin sicher, dass es uns gelingen wird, auch deinen Jüngsten zur Räson zu bringen.“

„Glaubst du wirklich?“ Gabriella wirkte skeptisch. Sie unterbrach sich, als eine junge Angestellte zwei Gläser Eistee brachte. Als die Schwestern wieder unter sich waren, sprach sie weiter: „Du kennst Alejandro. Er ist der Typ, der stets mit dem Kopf durch die Wand will.“

Still lächelte Maria in sich hinein. „Die Santiago-Männer sind allesamt stur wie die Maulesel“, erklärte sie achselzuckend. „Und ich gebe mich keineswegs der Illusion hin, dass Alejandro in dieser Hinsicht eine Ausnahme bildet. Aber wenn ich in meinem Leben eines gelernt habe, dann, dass sich selbst der schwerste Brocken stemmen lässt, wenn man nur den richtigen Hebel an der richtigen Stelle ansetzt.“ Nachdenklich biss sie sich auf die Unterlippe und runzelte die Stirn. Ihr war auf der Hochzeit von Luís – dem mittleren von Gabriellas Söhnen – eine Idee gekommen … eine höchst interessante Idee, die zu verfolgen sich vielleicht lohnen würde. „Sag mal, erinnerst du dich an das Mädchen, mit dem Alejandro damals auf der Schule angebandelt hat?“ Mit den Fingerspitzen trommelte sie kurz auf die Armlehne des Gartenstuhls. „Diese Stephanie Hayworth?“

„Stephanie Hayworth?“, wiederholte Gabriella erstaunt. Sie schüttelte den Kopf. „Den Namen werde ich wohl nie vergessen. Alejandro war regelrecht vernarrt in die Kleine – und das, obwohl sie nicht einmal sonderlich hübsch war. Trotzdem hat sie ihm das Herz gebrochen.“

Ein Lächeln breitete sich auf Marias Gesicht aus. Sie griff nach ihrem Mobiltelefon und wählte die Nummer eines Detektivbüros, mit dem sie in der Vergangenheit schon öfter zusammengearbeitet hatte.

„Raoul?“, sagte sie. „Buenas tardes. Hören Sie, ich habe einen Auftrag für Sie. Es geht um eine gewisse Stephanie Hayworth aus England. Sie müsste heute um die dreißig Jahre sein und hat früher die Rossall School in Lancashire besucht. Mehr weiß ich leider nicht über sie … Ja, genau, H-A-Y-W-O-R-T-H. Eine vollständige Überprüfung, bitte. Und schicken Sie mir den Bericht direkt an mein Büro, ja? Gracias!

„Was hast du vor?“, fragte Gabriella, nachdem ihre Schwester das Gespräch beendet hatte.

Maria lächelte geheimnisvoll. „Das werde ich dir sagen, sobald ich mir selbst darüber klar geworden bin. Noch ist es nur eine Idee, aber wer weiß, vielleicht ist uns das Glück ja gewogen und es ergibt sich etwas daraus.“ Sie hob ihr Glas. „So, und jetzt lass uns endlich unseren Eistee trinken – man kommt ja um vor Durst bei dieser Hitze …“

1. KAPITEL

Einige Wochen später

„Nein, Mum, ich denke gar nicht daran!“

Entnervt unterbrach Stephanie Hayworth die Tirade ihrer Mutter, die ihr aus der Freisprecheinrichtung ihres Mietwagens entgegenschallte. „Du magst es als einen Wink des Schicksals betrachten, dass ich drauf und dran bin, mit meinen beruflichen Ambitionen zu scheitern – wenn auch nicht durch mein eigenes Versagen, wie ich betonen möchte. Aber du verzeihst hoffentlich, dass ich die Sache ein wenig anders sehe. Und deshalb werde ich nicht einfach aufgeben und in den nächsten Flieger steigen, und wenn du noch so viele heiratsfähige Junggesellen zu deiner Cocktailparty eingeladen hast!“

Mit diesen Worten beendete sie das Gespräch und schaltete das Gerät ab, um weiteren Anrufen ihrer Mutter zu entgehen.

Stephanie wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Durfte man von einer Mutter nicht erwarten, dass sie das Wohl ihres Kindes im Auge hatte? Nun, von Pamela Hayworth anscheinend nicht. Sie hatte von Anfang etwas dagegen gehabt, dass Stephanie auf eigenen Beinen stehen wollte. Stattdessen war es Pamelas vordringliches Anliegen, ihre Tochter so rasch wie möglich unter die Haube zu bringen. Für das, was Stephanie wollte, hatte sich ihre Mutter eigentlich nie interessiert.

Stephanie schnaubte ärgerlich, nahm das Handy aus der Freisprecheinrichtung und verstaute es in ihrer Handtasche. Dann schloss sie die Augen und atmete ein paar Mal tief durch. Langsam ließ ihre Anspannung nach. Zurück blieb ein leises Unbehagen, das jedoch nichts mit dem Gespräch mit ihrer Mutter zu tun hatte.

Nein, die Ursache für ihre Beklommenheit war die Begegnung, die ihr gleich bevorstand.

Seufzend fuhr sie sich durch ihr langes dunkelblondes Haar. Dann mal auf in den Kampf!, machte sie sich Mut, nahm ihre Handtasche vom Beifahrersitz und stieg aus dem Wagen.

Ihr Ziel war die Segelschule hier in der kleinen Bucht in unmittelbarer Nähe von Alcúdia. Schon vom Parkplatz aus konnte Stephanie die lange Reihe weißer Segelboote sehen, die am Steg vertäut lagen. Das Wasser glitzerte im hellen Sonnenschein und reflektierte den makellos blauen Himmel. Zwei hohe Ölbäume flankierten das Grundstückstor, über dem ein Schild mit der Aufschrift Velero Escuela Santiago hing. Als Stephanie darunter hindurchschritt, drohte der Mut sie zu verlassen – und nicht etwa, weil ihre erste Segelstunde bevorstand, denn mit Wassersport jeglicher Art hatte sie so wenig zu tun wie ein Hahn mit Eierlegen.

Es waren rein berufliche Gründe, die sie herführten. Als Inhaberin einer Eventagentur in London, die nach und nach immer erfolgreicher geworden war, hatte Stephanie vor sechs Monaten eine Niederlassung auf Mallorca eröffnet. Die Zweigstelle war sofort gut angelaufen, und nun hatte sie von einer Sponsorengruppe das Angebot erhalten, eine Segelregatta vor der Küste der Insel zu organisieren.

Ein wirklich einmaliges Angebot, keine Frage. Jede Eventagentur, die sie kannte, hätte sich nach einem solchen Auftrag die Finger geleckt, aber für Stephanie hing viel davon ab. Ihre gesamte Existenz, genau genommen.

Denn trotz ihrer bisherigen Erfolge stand ihre Eventagentur kurz vor dem Aus.

Sofort spürte Stephanie wieder, wie Verzweiflung sie überkam. Und wie jedes Mal, wenn sie sich ihre nahezu ausweglose Lage vor Augen hielt, keimte Wut in ihr auf. Grenzenlose Wut auf den Mann, der schuld war an ihrer Misere.

Wie konntest du mir das nur antun, Sam? Doch dann schüttelte sie den Kopf. Sie hätte es ahnen müssen! Was Männer anging, hatte sie nun mal kein glückliches Händchen …

Und ein Mann war es auch, der nun darüber entscheiden würde, ob es ihr gelang, ihren Auftrag erfolgreich auszuführen. Ein Mann, den sie nur zu gut kannte.

Alejandro Santiago.

Seufzend hielt sie inne. Tat sie wirklich das Richtige? Oder hatte ihre Mutter recht? Stand sie womöglich im Begriff, einen folgenschweren Fehler zu begehen? Sie straffte die Schultern. Es war viele Jahre her, dass sie Alejandro zum letzten Mal gesehen hatte, und das, was damals geschehen war, gehörte der Vergangenheit an. Sie musste sich darauf konzentrieren, nach vorn zu schauen, denn wenn es ihr gelang, Alejandro dazu zu bewegen, als Aushängeschild an der Regatta teilzunehmen, war alles in Ordnung. Dann brauchte sie sich zumindest um ihre berufliche Zukunft keine Sorgen mehr zu machen. Sollte sie jedoch scheitern, stand sie vor dem endgültigen Aus. Dann gab es keine Rettung für ihre einst so erfolgreiche Agentur.

Sie betrat das niedrige weiße Gebäude durch die Eingangstür mit dem Schild RECEPCIÓN. Nach der sommerlichen Hitze draußen empfand sie die Kühle im Inneren des Hauses als Wohltat. Neugierig blickte Stephanie sich um. Die Einrichtung war einfach, aber kostspielig. Weiße Möbel, viel Glas, eine aquamarinblaue Ledercouch, davor ein niedriger Tisch, auf dem sich Sportmagazine stapelten. An den Wänden hingen gerahmte Fotos, die alle dieselbe Person zeigten: Alejandro Santiago.

Die Aufnahmen waren nicht neu, doch Stephanies letzte Begegnung mit Alejandro lag noch länger zurück als sein erster Sieg bei einer Regatta, den eins der Fotos dokumentierte. Erstaunlicherweise hatte Alejandro sich kaum verändert. Sicher, er wirkte reifer und männlicher, aber er war noch immer genauso unverwechselbar wie früher.

Auf den Bildern war er in den verschiedensten Siegerposen zu sehen. An Bord einer Jacht, die Hände triumphierend in die Höhe gereckt, auf einem Podium, im Interview mit Fernsehreportern. Es gab Zeitungsartikel und Titelseiten, alle sorgfältig ausgeschnitten und arrangiert.

Stephanie hielt den Atem an. Beinahe kam es ihr vor, als würde sie nicht irgendwelche Fotos betrachten, sondern Alejandro selbst. Sie wollte wegsehen, aber sie konnte es nicht. Wie gefangen blieb ihr Blick an den Aufnahmen hängen, und plötzlich war sie wieder achtzehn, ängstlich und aufgeregt, weil Alejandro sie endlich an sich zog und leidenschaftlich küsste. Alejandro, der Schwarm aller Mädchen. Alejandro, den sie schon seit ihrem fünfzehnten Lebensjahr heimlich angehimmelt und der erst nur eine gute Freundin in ihr gesehen hatte.

Alejandro, immer wieder Alejandro! Stephanie kniff die Augen zusammen und zwang sich, endlich den Blick von den verflixten Fotos abzuwenden. Sie drehte sich um, atmete noch einmal tief durch und ging zum unbesetzten Empfangsschalter. „Hola? Ist da jemand?“

Es war seine Stimme, die in diesem Augenblick aus einem benachbarten Raum erklang. Stephanie blieb wie angewurzelt stehen. Es überraschte sie selbst, aber sie hätte seine Stimme unter Hunderten anderer wiedererkannt. Sie klang noch genau so tief und rau wie damals, nur männlicher war sie geworden – und unwiderstehlicher.

Stephanies Gedanken rasten. Wahrscheinlich würde Alejandro jeden Moment herauskommen. Sie würden sich gegenüberstehen und … Sie schluckte. Es war verrückt, ja. Schließlich hatte sie gewusst, dass sie ihn hier wiedersehen würde. Deshalb war sie doch hergekommen. Weil sie etwas von ihm wollte. Aber die Gewissheit, dass es in ein paar Sekunden so weit sein würde, ließ ihre Knie weich werden. Wie sollte sie sich verhalten? Was sollte sie sagen? Wie sollte sie sich vorstellen, wenn er sie nicht wiedererkannte? „Hallo, ich bin Stephanie, deine erste große Liebe?“

Unsinn! dachte sie und verdrehte die Augen angesichts ihres naiven Gedankengangs. Du warst nie seine große Liebe, das dürfte ja wohl klar sein. Umgekehrt schon, aber …

Sie schrak auf, als sich die Tür öffnete. Eine junge, bemerkenswert attraktive Frau trat ins Foyer und wandte sich mit einem strahlenden Lächeln zu jemandem um, der außer Sichtweite stand. Ihre Augen glänzten auf eine Weise, die Stephanie gut von früher kannte. „Alejandro, du bist und bleibst ein Charmeur“, sagte die Fremde lachend. „Ich frage mich wirklich, wie du es all die Zeit geschafft hast, deinen Junggesellenstatus aufrechtzuerhalten.“

„Na hör mal“, kam es daraufhin protestierend von Alejandro. „Ich kann doch nicht einfach neunundneunzig Prozent der weiblichen Weltbevölkerung vor den Kopf stoßen und mich fest binden!“

Die junge Frau ließ ein perlendes Lachen hören, während Stephanie sich fühlte, als habe man ihr einen Kübel Eiswasser über den Kopf gegossen. Doch statt das Gebäude fluchtartig zu verlassen, stand sie wie angewurzelt da und hörte zu, wie der Mann, in den sie einmal unsterblich verliebt gewesen war, mit einer anderen Frau flirtete.

Der Mann, der ihr so wehgetan hatte.

Und der wahrscheinlich jederzeit in der Lage wäre, es wieder zu tun.

Nein, das kann er nicht! Du bist kein junges Mädchen mehr, sondern eine erwachsene Frau, die in ihrem Leben schon einiges erreicht hat. Es gibt keinen Grund, dich zu verstecken.

Dann kam Alejandro in den Raum, und Stephanie hielt den Atem an. Plötzlich schien alles wie in Zeitlupe abzulaufen. Wie er über die Schwelle trat. Stehen blieb. Sie ansah.

Und sich dann, vollkommen ungerührt, wieder der Blondine zuwandte.

„Wir sehen uns dann spätestens auf Pedros Gala“, sagte er und küsste sie lächelnd auf die Wange.

Die junge Frau erwiderte sein Lächeln. „Ich kann es kaum erwarten …“

Stephanie senkte verlegen den Blick. Mit einem Mal fühlte sie sich elend. Er erkannte sie nicht, hatte sie wahrscheinlich längst vergessen. Aber dann sagte sie sich, dass das kein Wunder war, schließlich hatte sie ihr altes Ich abgestreift wie einen Kokon. Nichts verband sie mehr mit der spindeldürren Fünfzehnjährigen mit Nickelbrille und Zahnspange, die sie gewesen war, als sie Alejandro zum ersten Mal getroffen hatte. Später, mit achtzehn, hatte sie zwar eine modischere Brille getragen, und die Zahnspange gehörte der Vergangenheit an, aber dennoch war ihre Veränderung noch nicht so deutlich sichtbar gewesen. Wenn sie dagegen heute in den Spiegel schaute, blickte ihr eine selbstbewusste, attraktive junge Frau mit dunkelblondem Haar, einer ansprechenden Figur und außergewöhnlich hellen blauen Augen entgegen. Sie war nicht eitel, aber sie kam an bei den Männern. Auch wenn ihre Beziehungen bisher nicht sonderlich erfolgreich …

„Und was kann ich für Sie tun?“

Sie erstarrte, als ihr bewusst wurde, dass die Blondine den Raum verlassen hatte und Alejandro stattdessen mit ihr sprach.

„Señor Santiago, ich …“ Sie räusperte sich. Jetzt reiß dich zusammen und führ dich nicht wie ein verschüchtertes junges Mädchen auf! „Ich wollte mit Ihnen über die Segelregatta sprechen, die in fünf Monaten vor der Küste stattfinden wird. Ich bin die Inhaberin der Agentur, die das Ereignis ausrichten soll.“

„Ah ja, die Regatta.“ Alejandro nickte. „Señor da Silva hat mich bereits vor einiger Zeit darauf angesprochen, und natürlich habe ich mich sofort verpflichtet, mit meiner Segelschule bei der Organisation zu helfen.“ Er lächelte. „Für einen guten Zweck ist man schließlich immer bereit, sich ein wenig ins Zeug zu legen, nicht wahr?“

Irritiert blickte Stephanie ihn an. „Tatsächlich?“, fragte sie heiser.

„Selbstverständlich.“ Alejandro zuckte mit den Schultern. „Ich finde es wichtig, dass Kinder und Jugendliche eine vernünftige Ausbildung erhalten. So ist von vornherein dafür gesorgt, dass sie nicht auf die schiefe Bahn geraten.“

„Ach so, natürlich!“ Erst jetzt verstand Stephanie, was er gemeint hatte. „Ich wusste nicht, dass Señor da Silva …“

, mit ihm ist bereits alles geklärt. Ich habe ihm zugesagt, dass ich die Eventagentur, die die Sache ausrichtet, nach Kräften unterstütze.“ Ein eigentümliches Lächeln huschte über Alejandros Gesicht. „Im Übrigen kündigte Señor da Silva an, dass sich eine bezaubernde junge Frau mit mir in Verbindung setzen würde, deren Namen er mir aber nicht genannt hat.“

Stephanie spürte, wie sie rot wurde. „Tja“, sagte sie unsicher, „und da bin ich auch schon.“

„Ja“, bestätigte er ruhig. „Da bist du, Pixie Hayworth. Nach so langer Zeit …“

Stephanies Augen weiteten sich überrascht, und sie spürte, wie ihr das Adrenalin durch die Adern schoss. Er erinnerte sich an sie! Aber Pixie? Ausgerechnet! Sie runzelte die Stirn. Pixie – Kobold – so hatte er sie früher in der Schule genannt. Angeblich, weil sie Ähnlichkeit mit einem Koboldmädchen aus einem illustrierten Märchenbuch hatte, das er aus seiner Kindheit kannte.

„Mich wundert, dass du nicht angerufen hast“, sagte Alejandro in ihre Gedanken hinein. „Dann hätte meine Sekretärin einen Termin mit dir ausmachen können.“ Er sprach Englisch mit ihr, obwohl er genau wusste, dass sie seine Muttersprache fließend beherrschte – er hatte immerhin einen nicht unbeträchtlichen Teil dazu beigetragen.

„Nun, ich …“ Sie sah ihn an und es fiel ihr schwer, seinem Blick standzuhalten. Alejandro lächelte höflich, doch in seinen Augen stand ein finsterer Ausdruck. Sie straffte die Schultern. „Ich halte nicht viel von Telefonieren, wenn es um wichtige Dinge geht. Die regle ich lieber persönlich.“

„Dann komm bitte herein.“ Er deutete zur Tür, die in den Nebenraum führte, und machte eine einladende Handbewegung. „Bitte, nach dir.“

Sie betraten ein schlicht, aber elegant eingerichtetes Büro. Auch hier dominierte Weiß, doch es gab einige frische Farbtupfer, die die Atmosphäre auflockerten.

Von Lockerheit konnte bei Stephanie allerdings nicht gerade die Rede sein, als sie sich auf dem Besuchersessel niederließ, der vor Alejandros Schreibtisch stand. Das Problem war, dass sie genau wusste, wie schwer die vor ihr liegende Aufgabe war. Alejandro hatte sich schon vor Jahren aus dem aktiven Sport zurückgezogen, und in Fachkreisen galt es als undenkbar, dass sich daran jemals etwas ändern würde. Ihn dazu zu bringen, persönlich an der Regatta teilzunehmen, war ein annähernd unmögliches Unterfangen.

Sie atmete tief durch. Du bist ein Profi, machte sie sich Mut. Also benimm dich auch wie einer!

„Nun? Was kann ich für dich tun? Benötigst du bei der Vorbereitung der Regatta noch Unterstützung? Ich bin gerne bereit, dir für einen gewissen Zeitraum einige meiner Männer zur Verfügung zu stellen, falls dir das weiterhilft.“

„Im Augenblick“, Stephanie wollte so schnell wie möglich zur Sache kommen, „gibt es nur eine Person, die mir weiterhelfen kann.“

Er hob eine Braue. „Und wer sollte das sein?“

„Du“, erwiderte sie mit fester Stimme. „Ich meine dich.“

Er lehnte sich zurück. „Nun, das verwundert mich zwar, aber bitte. Was kann ich tun?“

„Es ist so, dass … Also, du sagtest ja gerade selbst, wie wichtig es dir ist, dich für einen guten Zweck zu engagieren. Und es geht darum, dass …“ Sie räusperte sich. Du lieber Himmel, sie sollte endlich aufhören, so herumzustottern. „Also, die Sponsoren möchten, dass du aktiv an der Regatta teilnimmst. Als Aushängeschild sozusagen.“

Ihr entging nicht, wie Alejandro kaum merklich zusammenzuckte. Doch umgehend hatte er sich wieder im Griff. Die Arme auf der Platte des Schreibtischs aufgestützt, presste er die Fingerspitzen zusammen und legte das Kinn darauf, während er geistesabwesend in die Luft starrte.

„Du weißt, dass ich mich aus dem aktiven Sport zurückgezogen habe?“, fragte er nach einer Weile.

Stephanie spürte, wie ihr Mund trocken wurde. Sie zuckte mit den Schultern. „Meines Wissens nach gab es einen Zwischenfall. Eins deiner Crewmitglieder ist verunglückt, und nach diesem Vorfall hast du dich ins Privatleben zurückgezogen.“

„Das ist korrekt. Dieser Vorfall, wie du es nennst, liegt jetzt über zwei Jahre zurück. Seitdem bin ich nicht mehr gesegelt.“

Sie nickte. „Ich weiß, und das respektiere ich auch, nur ist es so, dass … Also, es handelt sich nicht um eine Bitte der Sponsoren, sondern um eine Bedingung.“ Sie blickte ihn eindringlich an. „Ohne dich wird dieser Event nicht in seiner geplanten Form stattfinden können, Alejandro. Versteh mich nicht falsch, die Regatta startet auf jeden Fall. Aber der größte Teil der für die Organisation und für wohltätige Zwecke zugesagten Gelder fließt nur dann, wenn es mir gelingt, dich ins Boot zu holen.“

Und auch der größte Teil meines Honorars …

Sie versuchte, in seiner Miene zu lesen, doch diese zeigte keinerlei Regung. Wieder schwieg er einen Moment, dann machte er eine Handbewegung in ihre Richtung. „Und du?“, fragte er. „Was ist mit dir?“

„Mit mir?“ Sie verstand nicht. „Was meinst du?“

„Was hängt für dich von meiner Zusage ab?“

Sie runzelte die Stirn. „Es ist ein wichtiger Auftrag für mich.“ Sie überlegte, ob sie Alejandro etwas vormachen sollte. Natürlich wäre es ihr am liebsten gewesen, wenn er von ihren Schwierigkeiten nichts erfuhr. Wie stünde sie denn dann vor ihm da? Wenn sie aber andererseits vorgab, dass ihre Firma erfolgreich und alles in bester Ordnung war, würde sich das womöglich negativ auf ihr Anliegen auswirken. Sie beschloss, vage zu bleiben. „Meine Agentur hat im Moment ein paar … Probleme“, räumte sie ein. „Daher brauche ich den Auftrag wirklich dringend, Alejandro – und zwar in der ursprünglich vorgesehenen Form.“

„Dann sollten wir darüber reden, meinst du nicht?“

Erleichtert atmete Stephanie auf. Gleichzeitig verschlug ihr seine überraschend kooperative Haltung für einen Moment die Sprache. „Ja, natürlich!“, beeilte sie sich zu sagen und griff nach ihrer Handtasche. „Ich habe mir da schon einige Notizen …“

No, nicht jetzt.“ Alejandro hob die Hand. „Ich habe noch einige wichtige Dinge zu erledigen. Ich schlage vor, wir essen heute Abend zusammen. Wo darf ich dich abholen?“

Zu ihrer mallorquinischen Agenturniederlassung gehörte ein kleines Apartment, in dem sie zurzeit wohnte. Sie nannte ihm die Adresse.

„Also gut, Pixie. Du findest sicher allein raus, nicht wahr?“ Er nahm einige Papiere aus der Ablage auf seinem Schreibtisch und begann, sie zu studieren. Stephanie saß da und starrte ihn irritiert an. Dabei spielte sich plötzlich wieder die Szene von vorhin vor ihrem inneren Auge ab, als Alejandro die attraktive Blondine aus seinem Büro begleitet hatte. Er war charmant gewesen, hatte mit ihr geflirtet.

Und mich fertigt er ab, als sei ich eine Fremde!

Doch dann wurde ihr klar, dass sie im Grunde genau das für ihn war: eine Fremde. Und umgekehrt verhielt es sich nicht anders. Sie hatten nichts mehr miteinander zu tun, jeder lebte sein eigenes Leben. Außerdem hatte Alejandro sie verletzt. Sehr verletzt.

Und genau deshalb solltest du ihn auch so behandeln, wie er dich behandelt, sagte sie sich: als Fremden.

„Natürlich“, erwiderte sie und stand auf. Als sie bei der Tür war, sah sie noch einmal über die Schulter. Alejandro blickte nicht einmal flüchtig auf.

Rasch verließ sie das Büro.

Sobald sich die Tür hinter Stephanie geschlossen hatte, schob Alejandro die Papiere zur Seite und lehnte sich in seinem Schreibtischstuhl zurück. Einen Augenblick saß er einfach nur da, dann erhob er sich und trat ans Fenster. Von hier aus konnte er die gesamte Bucht überblicken, und am schönsten fand er die Aussicht, wenn abends die Sonne hinter dem Horizont versank und den Himmel und das Wasser in ein feuriges Rot tauchte. Dieser Ausblick half ihm immer, seine Gedanken zu sortieren. Bei der unendlichen Weite des Meeres überkam ihn jedes Mal aufs Neue ein Gefühl der Freiheit, das es ihm leichter machte, in neuen Bahnen zu denken.

Doch ausgerechnet jetzt, wo es dringend nötig war, Klarheit zu finden, funktionierte die bewährte Methode nicht. Alejandro fühlte sich wie vor den Kopf geschlagen, war einfach nicht in der Lage, geradeaus zu denken.

Und schuld daran war einzig und allein diese Frau!

Pixie Hayworth.

Er schüttelte den Kopf. Noch immer konnte er nicht fassen, dass sie tatsächlich bei ihm aufgetaucht war. Nach so langer Zeit!

Dabei hatte er gewusst, dass sie kommen würde, nachdem sie ihm von einem der Hauptsponsoren der Segelregatta angekündigt worden war. Und Alejandro wusste auch, dass sie in Schwierigkeiten steckte. Es hieß, dass ihre Eventagentur kurz vor dem Aus stand und sie dringend lukrative Aufträge brauchte.

Trotz der Vorwarnung hatte Alejandro sie zuerst gar nicht erkannt. Das war allerdings auch kein Wunder, denn Pixie hatte sich sehr verändert. Aus dem Mauerblümchen war eine strahlend schöne Rose geworden, und von Ähnlichkeiten mit einem Kobold konnte nicht mehr die Rede sein. Ganz und gar nicht!

Erkannt hatte er sie schließlich an ihren ungewöhnlich hellen blauen Augen, die er immer besonders an ihr gemocht hatte. Und als er ihr vorhin gegenübergestanden hatte, war es ihm vorgekommen, als habe jemand die Zeit zurückgedreht. Es war ihm nicht leicht gefallen, zu verbergen, was in ihm vorging, und letztendlich hatte er nur dank seiner eisernen Selbstbeherrschung die Fassung wahren können.

Jetzt jedoch, nachdem Pixie fort war, wurde er von seinen Gefühlen übermannt, und die Erinnerungen, die er in die hintersten Winkel seines Gedächtnisses verdrängt hatte, bahnten sich ihren Weg und liefen wie ein Film vor seinem geistigen Auge ab.

Er war sechzehn gewesen, als man ihn auf das Internat in England geschickt hatte, und zu Anfang war er mit ihr ebenso wenig klargekommen wie mit all den anderen Schülern. Er hatte die Fünfzehnjährige für hohl, langweilig und eingebildet gehalten, doch irgendwann, als er wieder einmal in Schwierigkeiten geraten war, hatte sie ihm Rückendeckung gegeben – und ihn damit komplett überrascht.

Aus diesem Vorfall war eine Freundschaft erwachsen, die nicht vieler Worte bedurfte, aber so tief war, dass er Pixie ohne mit der Wimper zu zucken sein Leben anvertraut hätte. Und irgendwann war aus ihrer Beziehung Liebe geworden …

Vielleicht, so überlegte er, hätte er einfach die Augen davor verschließen sollen. Möglicherweise wäre es dann nie so weit gekommen … Der Gedanke an jenen Tag vor Jahren ließ Wut in Alejandro hochkochen. Er kniff die Augen zusammen und sagte sich, dass er besser daran tat, jetzt nicht über die Ereignisse von damals nachzudenken. Nein, dies war nicht der Zeitpunkt, sich von den Geistern der Vergangenheit überwältigen zu lassen. Es gab ganz andere Probleme, mit denen er sich herumschlagen musste, denn seine Segelschule, die er nach seinem Rückzug aus der aktiven Laufbahn gegründet hatte, war in unvorhergesehene Schwierigkeiten geraten.

Schuld daran war Ramón Díaz, ein früherer Konkurrent Alejandros, der sich vor Kurzem aus dem Profigeschäft zurückgezogen hatte und nun unweit der Velero Escuela Santiago ebenfalls eine Segelschule betrieb. Im ersten Moment war Alejandro außer sich gewesen, als er davon erfahren hatte, aber schließlich war ihm klar geworden, dass Konkurrenz nicht zwangsläufig etwas Negatives bedeuten musste, und er hatte sich beruhigt. Seine eigene Segelschule lief seit vielen Jahren erfolgreich, er hatte viele Stammkunden und brauchte sich im Grunde keine Sorgen zu machen.

Doch leider war schon bald etwas eingetreten, mit dem er nicht gerechnet hatte: Im Gegensatz zu Alejandro unterrichtete Ramón Díaz seine Schüler persönlich. Mit dieser exklusiven Leistung betrieb er aggressiv Werbung und erzielte den gewünschten Erfolg – offenbar griffen die Leute gern tiefer in die Tasche, um sich von einem ehemaligen Starsegler unterrichten zu lassen. Etliche von Alejandros Stammkunden waren bereits zu der neuen Segelschule gewechselt, und wenn sich der Trend fortsetzte, würde es nicht mehr lange dauern, bis die Velero Escuela Santiago schließen musste. Schon jetzt bestritt Alejandro einen Teil der laufenden Kosten aus seinen persönlichen Ersparnissen, auf Dauer konnte das nicht so weitergehen.

Alejandro war klar, dass es nur zwei Dinge gab, die ihn retten konnten: Wenn er bekannt gab, dass er künftig ebenfalls selbst unterrichten würde, wäre dies eine Sensation – und er zweifelte nicht daran, dass sich das Blatt in Windeseile wenden würde.

Doch das kam nicht infrage. Er hatte sich geschworen, nie wieder aktiv zu segeln. Nicht nach dem, was vor zwei Jahren geschehen war …

Eine andere Chance bot die Regatta. Als man ihn gefragt hatte, ob er sich daran beteiligen wolle, hatte er sofort zugesagt. Der Segelwettbewerb war eine hervorragende Gelegenheit, um den Bekanntheitsgrad seiner Schule zu steigern und hoffentlich all jene kritischen Stimmen zum Verstummen zu bringen, die behaupteten, er sei zu arrogant, um persönlich zu unterrichten.

Dass die Regatta allerdings ausgerechnet von Pixie Hayworth organisiert wurde, gefiel Alejandro überhaupt nicht.

Er wurde aus seinen Gedanken gerissen, als es an der Tür klopfte und Jaime Chavez das Büro betrat. Der ältere Mann arbeitete seit der Gründung der Segelschule als Lehrer für ihn. Sie kannten sich seit einer Ewigkeit, Alejandro hatte als kleiner Junge das Segeln von Jaime gelernt. Es gab auf der Welt kaum einen Menschen, dem er mehr Vertrauen entgegenbrachte als dem alten Spanier.

„Hast du einen Augenblick Zeit?“ Jaime hielt ihm ein Briefkuvert hin. „Der ist von Sebastián.“

Alejandro unterdrückte ein Seufzen. Der neunjährige Sebastián litt an einer seltenen Krankheit, die bei der Hälfte der Patienten innerhalb von fünfzehn Jahren zu einem vollständigen Nierenversagen führte. Der Junge lag in der Kinderklinik bei Palma, die durch die Einnahmen der Regatta unterstützt werden sollte. Er verehrte Alejandro wie einen Helden. Im Augenblick fühlte sich Alejandro allerdings alles andere als heldenhaft.

Er nahm den Brief und legte ihn in seine Schreibtischschublade, um ihn später zu lesen.

„Wie kommst du mit der neuen Gruppe zurecht?“, fragte er Jaime.

Jaime zuckte mit den Schultern. „Wie mit jeder neuen Gruppe – es ist anstrengend, aber auch aufregend. Kommst du gleich zu uns, um die Teilnehmer zu begrüßen?“

„Sí, veijo amigo.“ Obwohl es wichtigere Dinge gab, um die er sich kümmern musste, wanderten Alejandros Gedanken umgehend wieder zu Pixie Hayworth, als Jaime den Raum verlassen hatte.

Und zu dem, was sie von ihm wollte.

Er fragte sich, ob die Essenseinladung ein Fehler gewesen war. Doch dann schüttelte er den Kopf. Pixie glaubte sicher, ihn dazu bewegen zu können, als Aushängeschild der Regatta zu fungieren. Doch sie irrte sich. Nichts auf der Welt konnte ihn dazu bringen, jemals wieder zu segeln. Dennoch wollte er mit Pixie ausgehen. Denn wenn sie den Segelwettbewerb ausrichtete, würde er in den kommenden Wochen eng mit ihr zusammenarbeiten müssen, sofern er die Chance nutzen wollte, seiner Segelschule wieder zu mehr Schülern zu verhelfen.

Außerdem gab es noch einen anderen Grund, weshalb er sie sehen wollte. Für Pixie hing viel, sehr viel davon ab, dass sie ihn dazu brachte, bei der Regatta mitzusegeln.

Und er wollte wissen, wie weit sie dafür gehen würde.

2. KAPITEL

„Ich bin noch immer völlig durcheinander.“

Stephanie saß auf dem Balkon ihres Apartments, als sie zwei Stunden später mit ihrer besten Freundin Mel telefonierte. Das weiße Sonnensegel war ausgerollt und spendete angenehmen Schatten gegen die grelle Mittagssonne.

„Also war es so schlimm, wie du befürchtet hast?“ Melanie Stone und Stephanie hatten sich während des Studiums kennengelernt und waren seitdem eng befreundet.

„Viel schlimmer!“ Stöhnend strich Stephanie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Als ich ihm gegenüberstand … es war, als hätte mich eine Zeitmaschine in die Vergangenheit katapultiert. Dabei tat er erst so, als wüsste er nicht, wer ich bin. Aber er hat mich sofort wiedererkannt, da bin ich mir sicher!“

„Vielleicht wusste er einfach nicht, wie er reagieren sollte. Ich meine, verübeln könnte man es ihm nicht. Schließlich hattest du dich nicht angekündigt und …“

„Ja, du hast recht. Inzwischen denke ich auch, dass ich das besser getan hätte. Aber … Ach, ich weiß auch nicht, warum ich so durch den Wind bin.“ Stephanie seufzte. Nach dem Gespräch mit Alejandro war sie erst eine Weile ziellos durch die Gegend gefahren, um sich auf andere Gedanken zu bringen. Dann hatte sie in ihrem Lieblingssüßwarenladen in der Carrer de la Pau in Alcúdia eine große Packung Trüffelpralinen gekauft und auf der Fahrt zu ihrem Büro leer gefuttert.

„Und was hat er nun zu deinem Anliegen gesagt?“, wollte Melanie wissen. „Ist er bereit, bei der Regatta mitzumachen?“

„Zumindest will er sich mit mir darüber unterhalten. Heute Abend gehen wir zusammen essen.“

„Na, immerhin ein Anfang! Also scheint er der Sache nicht total ablehnend gegenüberzustehen.“

„Das ist es ja, was mich überrascht.“ Stephanie runzelte nachdenklich die Stirn. „Zumal allgemein bekannt ist, dass er sich aus dem aktiven Sport zurückgezogen hat. Und seine erste Reaktion war alles andere als begeistert.“

„Schon, aber bedenk, hier geht es um einen wohltätigen Zweck, und es wäre auch nur ein einziges Mal.“

„Du hast recht“, räumte Stephanie zögernd ein. „Er hat ausdrücklich betont, wie viel ihm daran liegt, zu helfen.“

„Na, siehst du. Dann besprecht ihr nachher die Einzelheiten, und der Fall ist erledigt.“ Melanie hielt inne, und wie schon so manches Mal, fragte Stephanie sich, ob ihre Freundin Gedanken lesen konnte. „Aber wirklich zufrieden scheinst du nicht zu sein. Was ist los mit dir? Dich bedrückt doch etwas!“

Stephanie schüttelte den Kopf. „Ich weiß auch nicht, irgendwie geht mir das alles viel zu glatt. Als Señor da Silva mir eröffnete, dass meine Agentur das volle Honorar und den Bonus nur dann erhält, wenn es mir gelingt, Alejandro als aktiven Teilnehmer der Regatta zu gewinnen, schien das ein nahezu unmögliches Unterfangen. Und jetzt ist es plötzlich so einfach. Zu einfach, wenn du mich fragst. Da stimmt doch was nicht.“

„Meinst du nicht, du siehst ein wenig zu schwarz?“ War da Amüsiertheit in Mels Stimme zu hören? Stephanie kam es fast so vor.

Sie zuckte mit den Schultern. „Kann schon sein, aber du weißt schließlich auch, wie wichtig dieser Auftrag für mich ist. Und es geht ja nicht nur um die Zweigstelle hier, sondern auch um die Hauptniederlassung in London. Alles in allem sind sieben Arbeitsplätze betroffen.“

Sie schloss die Augen. Bei der Vorstellung, dass ihre Mitarbeiter womöglich bald auf der Straße standen, wurde ihr ganz anders. Nein, das durfte nicht passieren! Auch wenn ihre Mutter eine solche Entwicklung sicher begrüßen würde – Pamela Hayworth träumte schon lange davon, dass Stephanie endlich Vernunft annahm und sich in die Pläne fügte, die sie für ihre einzige Tochter geschmiedet hatte.

„Natürlich sind in London alle sehr nervös, schließlich wissen sie, was auf dem Spiel steht“, fuhr sie fort. „Und ehrlich gesagt bin ich noch immer beeindruckt vom Verhalten meiner Leute. Ich habe ihnen offen und ehrlich gesagt, was vorgefallen ist, und trotzdem halten sie zu mir, Mel. Das bedeutet mir viel.“

„Kann ich mir vorstellen. Aber schließlich ist es auch nicht deine Schuld, sondern einzig und allein die von Sam! Was dieser verdammte Mistkerl für ein mieses Spiel mit dir gespielt hat – ich werde wütend, wenn ich nur daran denke!“

Mels Worte gaben Stephanie einen schmerzhaften Stich, doch sie schüttelte den Kopf. „Es ist nicht nur seine Schuld“, stellte sie richtig. „Wäre ich nicht so dumm gewesen, hätte er gar nicht die Möglichkeit gehabt, mir so was anzutun!“ Sie seufzte. „Aber lassen wir das. So schlimm alles ist, rückgängig machen kann ich es nicht. Jetzt geht es nur darum, die Sache hier zu einem guten Abschluss zu bringen. Aber irgendwie … Ich habe kein gutes Gefühl dabei, mich mit Alejandro zu treffen. Vermutlich, weil wir diese schwierige Vorgeschichte haben …“

„Schwierig?“ Mel lachte auf. „Entschuldige, aber sprechen wir von demselben Alejandro Santiago? Dem Mann, der deine erste große Liebe war?“

„Eine Liebe, die zerbrochen ist“, fügte Stephanie knapp hinzu.

„So was kommt vor. Ihr seid älter geworden, habt euch weiterentwickelt … Aber wer weiß, vielleicht findet ihr ja wieder zueinander?“

„Unsinn!“, widersprach Stephanie prompt. Sie hatte Mel nie erzählt, wie schlimm es für sie gewesen war, als Alejandro damals Schluss gemacht hatte.

Und vor allem weiß sie nicht, wie er es getan hat …!

Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr und erschrak. „Du meine Güte, so spät schon? Hör zu, Mel, ich muss mich fertig machen, sonst schaffe ich es nicht rechtzeitig. Ich melde mich wieder bei dir, sobald ich mehr weiß“.

„Das will ich aber auch meinen! Und übrigens …“, Mels Stimme nahm einen verschwörerischen Ton an, „viel Vergnügen bei deinem Date mit Alejandro.“

„Ach, du!“ Genervt verdrehte Stephanie die Augen und beendete das Gespräch. Melanie täuschte sich gewaltig, wenn sie annahm, dass dieses Dinner ein Anlass war, auf den sie sich freute.

Genau das Gegenteil war der Fall!

Allein bei dem Gedanken, mit Alejandro an einem Tisch zu sitzen, wurde ihr mulmig. Wie sollte es erst werden, wenn es wirklich so weit war?

Reiß dich zusammen, Stephanie Hayworth, ermahnte sie sich. Zeig Alejandro, dass du dich verändert hast! Dass er dich nicht mehr herumschubsen kann, wie es ihm gerade gefällt!

Sie straffte die Schultern und ließ den Blick über die Dächer der niedrigen Häuser in der Nachbarschaft schweifen, hinter denen das tiefblaue Meer zu sehen war. Kreischende Möwen, die auf die Rückkehr der Fischerboote in den Hafen warteten, zogen am Himmel ihre Kreise. Stephanie liebte die Aussicht von ihrem Balkon, die in Ruhe zu genießen ihr leider viel zu oft die Zeit fehlte.

Seufzend stand sie auf und ging in ihr Schlafzimmer, um den Kleiderschrank zu durchforsten. Schon auf den ersten Blick erkannte sie, dass sie nichts Geeignetes anzuziehen hatte.

Geeignet wofür? fragte sie sich dann allerdings. Es ging schließlich nur um ein rein geschäftliches Abendessen. Also würde sie sich kleiden wie immer: professionell und nüchtern, so wie es sich für eine Unternehmerin gehörte. Die tiefen Dekolletés und kurzen Röcke überließ sie lieber Frauen wie der Blondine, mit der Alejandro in der Segelschule geflirtet hatte.

Andererseits missfiel ihr die Vorstellung, im Vergleich mit der Unbekannten womöglich durchzufallen. Sollte sie vielleicht doch …?

Verwundert über sich selbst hob sie eine Braue. Was war bloß mit ihr los? So kannte sie sich überhaupt nicht. Natürlich würde sie sich für Alejandro zu keiner Ausnahme hinreißen lassen. Warum auch? Seine Zusage, an dem Segelturnier teilzunehmen, war alles, was sie von ihm wollte.

Im hintersten Winkel des Schranks entdeckte sie das marinefarbene Kleid mit dem schwingenden Rock, das Mel ihr vor ein paar Monaten geschenkt hatte. Es war klassisch und zugleich raffiniert geschnitten und hatte einen, für Stephanies Verhältnisse, gewagten V-Ausschnitt.

Versuchsweise hielt sie es sich an und runzelte die Stirn. Ein schönes Kleid, keine Frage, und sie wusste auch, dass es ihr ausnehmend gut stand. Wenn sie es mit den hochhackigen Riemchensandaletten kombinierte, die sie sich in einem Anfall von akutem Wahnsinn in einer Boutique in Palma gekauft hatte, würde Alejandro sie garantiert nicht noch einmal so gleichgültig ansehen wie heute Vormittag.

Aber war es wirklich das, was sie wollte?

Keine zwei Minuten später stand sie wieder vor dem Spiegel und bewunderte das Ergebnis. Nicht schlecht. Das Kleid betonte ihre Schokoladenseiten und kaschierte zugleich ihre Problemzonen, von denen sie zugegebenermaßen nicht viele besaß. Dennoch ermahnte sie sich, was ihren Konsum an Pralinen betraf, künftig ein wenig kürzerzutreten.

Sie vollführte eine halbe Drehung um die eigene Achse und warf einen prüfenden Blick über die Schulter. Das Kleid sah auch von hinten gut aus. Jetzt noch ein bisschen Make-up, und das Haar zu einem lockeren Knoten aufgesteckt …

Fertig zurechtgemacht betrat sie eine halbe Stunde später die Agentur, um nachzusehen, ob das Licht ausgeschaltet und die Computer heruntergefahren waren.

Zu ihrer Überraschung saß Helena noch an ihrem Schreibtisch. Die Spanierin war ihre einzige Mitarbeiterin in der Zweigniederlassung und kümmerte sich um die administrativen Aufgaben. Stephanie schätzte die junge Angestellte, die sich seit ihrem Eintritt in die Agentur vor etwas mehr als fünf Monaten zu einem echten Juwel entwickelt hatte. Inzwischen arbeiteten sie so gut zusammen, dass Helena aus der Agentur gar nicht mehr wegzudenken war.

„Hatte ich Ihnen nicht gesagt, Sie sollen nach Hause gehen?“ Lächelnd trat sie auf den Schreibtisch zu, an dem die Angestellte saß.

Die Spanierin erwiderte ihr Lächeln. „, Miss Hayworth. Aber ich fühle mich einfach nicht wohl, wenn ich das Büro verlasse, und die Arbeit stapelt sich noch auf meinem Schreibtisch.“

„Ich kann mich wirklich glücklich schätzen, eine so fleißige und engagierte Kraft wie Sie gefunden zu haben.“ Stephanie nickte bedächtig. „Das meine ich ernst. Mir wäre die Arbeit längst über den Kopf gewachsen, wenn es Sie nicht gäbe, die mir den leidigen Papierkram vom Hals hält.“

Helena errötete. „Ach was, das ist doch ganz selbstverständlich. Ich mache nur meine Arbeit. Aber ich freue mich trotzdem, dass Sie zufrieden sind mit meinen Leistungen. Meine Aufgabe hier macht mir nämlich Spaß, und ich hoffe, dass ich die Stelle noch lange Zeit behalten werde.“

Das hoffte Stephanie auch – in erster Linie freilich, weil sie sich um die Zukunft ihrer Agentur sorgte. Eine Zukunft, die zu einem Großteil davon abhing, wie der heutige Abend mit Alejandro verlief.

„Was ist los?“, fragte Helena und musterte sie aufmerksam. „Sie wirken angespannt. Stimmt etwas nicht?“

„Nein, nein“, beeilte Stephanie sich, ihrer Mitarbeiterin zu versichern. „Es ist nur … Ich muss heute Abend zu einem wichtigen Geschäftsdinner, von dem eine Menge für mich und die Firma abhängt.“

„Ach, deshalb haben Sie sich so hübsch gemacht“, entgegnete Helena lächelnd, um gleich darauf den Kopf zu schütteln. „Madre de Dios, was rede ich denn da? Ich meine natürlich nicht, dass Sie sonst nicht hübsch wären. Aber heute Abend sehen Sie wirklich umwerfend aus.“

Nun war es an Stephanie, zu erröten. „Das ist sehr nett von Ihnen. Allerdings geht es mir nicht darum, Alejandro Santiago mit meinen weiblichen Reizen zu überzeugen als vielmehr mit stichhaltigen Argumenten.“

„Sie treffen Alejandro Santiago?“ Helena machte große Augen.

Stephanie nickte. „Sie wissen ja, dass wir bei dem bevorstehenden Regatta-Projekt eng mit seiner Segelschule zusammenarbeiten werden.“

Sí, naturalmente. Aber ich hätte nicht gedacht, dass …“ Helena schüttelte den Kopf. „Ach, Sie sind wirklich zu beneiden, wissen Sie das?“

Stephanie unterdrückte ein Stöhnen. Wenn Helena wüsste, wie gut ich Alejandro wirklich kenne – und wie ich von ihm behandelt worden bin … Sie schüttelte den Kopf.

„Es ist ein rein geschäftliches Treffen“, betonte sie noch einmal, und wie um sich selbst von ihren Worten zu überzeugen, nickte sie energisch. Ja, das war es: Ein Essen unter Geschäftspartnern. Und deshalb fühlte sie sich auch angespannt und unbehaglich, wenn sie an Alejandro dachte.

Nicht kribbelig und nervös, weil du ihm auch nach all den Jahren noch immer verfallen bist?

Unsinn! rief sie sich zur Ordnung. Sie war Alejandro nicht verfallen. Im Gegenteil! Wenn ihr ein Mann auf dieser Welt absolut egal war, dann er.

„Hören Sie, Helena, ich …“ Sie brach ab, weil in dem Moment ein Wagen vorfuhr. Rasch ging sie zum Fenster.

„Da ist er ja!“, rief sie aus, als sie das silberfarbene Mercedes-Cabriolet erblickte, an dessen Steuer Alejandro saß. Sein dunkles Haar war vom Fahrtwind zerzaust. Er trug eine Sonnenbrille und ein weißes Hemd, das seine olivfarbene Haut vorteilhaft zur Geltung brachte. Stephanie wandte sich vom Fenster ab und räusperte sich. Besser, sie fing gar nicht erst an, sich in irgendeiner Form für diesen Mann zu begeistern! „Dann wünschen Sie mir mal Glück, dass ich unsere Interessen durchsetzen kann, Helena“, sagte sie betont sachlich.

Die Spanierin lächelte. „Auch wenn ich nicht weiß, um was es genau geht, hoffe ich natürlich, dass Sie Erfolg haben werden, Señorita. Und Spaß“, fügte sie mit einem verschmitzten Lächeln hinzu.

Alejandro stieg aus dem Wagen. Im selben Moment öffnete sich die Tür des Gebäudes, vor dem er geparkt hatte, und Stephanie trat heraus.

Was für eine Frau! Alejandro stockte der Atem. Sie trug ein Kleid, das ihre Figur auf unaufdringliche Weise unterstrich, dazu hochhackige Schuhe, die ihre wohlgeformten, schlanken Beine noch länger aussehen ließen. Plötzlich hatte er ein Bild von früher vor seinem geistigen Auge: Pixie in unförmigen Jeans und Schlabberpulli, das Haar zu einem strengen Zopf zurückgebunden und die schönen Augen hinter dicken Brillengläsern verborgen.

Er war gerade neu an die Internatsschule in Lancashire gekommen, auf die seine Eltern ihn geschickt hatten – vorgeblich, weil sie ihm ermöglichen wollten, später an einer englischen Eliteuni zu studieren, doch Alejandro war sicher, dass eher die Beschwerden seiner mallorquinischen Lehrer über sein unverschämtes Benehmen zu der Entscheidung geführt hatten. Dabei war es ihm mit seinem aufsässigen und trotzigen Verhalten nur um die Aufmerksamkeit seines Vaters gegangen.

Doch zu der Zeit hatte Miguel Santiagos Interesse bereits ausschließlich dem Ziel gegolten, seine verschwundene Tochter Laura wiederzufinden. Natürlich vermisste auch Alejandro seine Schwester. Er war gerade einmal acht gewesen, als die zwei Jahre jüngere Laura verschwunden war, aber wenn er an sie dachte, sah er sie heute noch vor sich mit dem langen dunklen Haar und den lebhaften braunen Augen. Es hatte lange gedauert, bis ihm klar geworden war, dass sie nicht wiederkommen würde.

Der Verlust von Laura hatte ihn zutiefst erschüttert. Sehr viel tiefer wahrscheinlich, als ihm selber bewusst gewesen war. Auch deshalb hatte er nicht ertragen können, dass der Rest der Familie für seinen Vater nicht mehr zu existieren schien.

Dass er für ihn nicht mehr zu existieren schien.

Das Ausmaß von Miguels Besessenheit hatte sich Jahre später gezeigt, als er irgendeiner dahergelaufenen Fremden, die sich als Laura Santiago ausgab, einen Anteil am Familienunternehmen übereignen wollte.

Damals war es zwischen Alejandro und seinen Brüdern auf der einen Seite und Miguel Santiago auf der anderen zum Bruch gekommen. Und auch nachdem sich die auf so wundersame Weise wieder aufgetauchte Laura als Hochstaplerin erwiesen hatte, waren die Dinge nie wieder ins Lot gekommen. Aber das war eine andere Geschichte …

Alejandro hatte sich von Anfang an gegen das Internat gesträubt, doch nachdem seine Eltern, vor allem sein Vater, unerbittlich geblieben waren, hatte er es sich zur Aufgabe gemacht, möglichst schnell von der Schule zu fliegen.

Was die junge Stephanie Hayworth betraf, so hatte er eine Seelenverwandte in ihr erkannt. Einen Menschen, der genauso einsam war wie er selbst.

Genauso verloren.

Er hatte sie Pixie genannt, weil sie für ihn genau das war: ein Kobold. Jemand, die sich von den anderen abhob, nicht dazugehörte – nicht nur vom Erscheinungsbild her.

Alejandro schüttelte den Kopf. Wie sehr hatte sich ihr Äußeres seit damals verändert! Aus dem spindeldürren Mädchen mit der Nickelbrille war eine begehrenswerte Frau geworden. Unwillkürlich musste er an das Märchen vom hässlichen Entlein denken, das sich am Ende in einen stolzen Schwan verwandelte.

Er zog die Brauen zusammen. Hässlich war Pixie nie gewesen, im Gegenteil. Er hatte sie immer attraktiv gefunden, es war etwas an ihr, das ihn schon damals in Bann gezogen hatte. Ausstrahlung und Charakter.

Aber da hast du dir etwas vorgemacht. Sonst wäre die Sache zwischen euch wohl nicht auf so unschöne Weise in die Brüche gegangen …

Alejandro schob den unbequemen Gedanken beiseite. Er hatte sich ungewohnt frühzeitig auf den Weg gemacht, um Stephanie abzuholen. Normalerweise erschien er zu geschäftlichen Treffen zwar pünktlich, aber nie zu früh.

Dass es sich heute anders verhielt, überraschte ihn selbst.

Erst unterwegs war ihm bewusst geworden, dass ihm noch mindestens eine Stunde Zeit blieb. Und so hatte er einen kurzen Zwischenstopp beim Krankenhaus eingelegt, um den kleinen Sebastián zu besuchen.

Als er vorhin, immer noch ein paar Minuten zu früh, bei Pixie vorgefahren war, hatte er erstaunt festgestellt, wie schlicht das Gebäude war, in dem sich nicht nur das Apartment befand, in dem sie wohnte, sondern auch ihre Agentur. Das einfache Ambiente passte so gar nicht zu der Person, für die er sie hielt: Ein verwöhntes Mädchen aus reichem Hause, das sein Leben lang immer bekommen hatte, was es wollte, und das nur auf seinen Vorteil bedacht war.

Sollte er sich etwa in ihr getäuscht haben? Nein, das war unwahrscheinlich. Sie mochte nicht mehr so vermögend sein wie früher, aber was ihre Selbstsucht und ihre Oberflächlichkeit anging, hatte sie sich ganz gewiss nicht geändert. Dass sie ihn zur Teilnahme an der Regatta überreden wollte, sprach eine ebenso eindeutige Sprache wie ihr Verhalten damals vor dreizehn Jahren.

Er unterdrückte den Impuls, auf sie zuzugehen, um sie zu begrüßen. Nein, sie sollte gar nicht erst auf den Gedanken kommen, er könne sich freuen, sie zu sehen.

Sie erreichte den Wagen, und er öffnete ihr die Beifahrertür.

„Schön, dass du gekommen bist“, sagte sie, doch ihre Worte klangen gezwungen.

Er zuckte mit den Schultern. „Es gehört zu meinen Grundregeln, geschäftliche Termine einzuhalten.“ Sie senkte den Blick. War da etwa Enttäuschung in ihrem Blick aufgeflackert?

„Natürlich“, sagte sie ausdruckslos und stieg ein. Alejandro schloss die Tür, ging um den Wagen herum und setzte sich hinters Steuer.

Wortlos ließ er den Motor an.

Es fiel ihm ungewohnt schwer, sich aufs Fahren zu konzentrieren. Glücklicherweise kannte er die Gegend so gut wie seine Westentasche, zudem gab es zu dieser Stunde kaum nennenswerten Verkehr.

Trotzdem gefiel es ihm nicht, dass sie noch immer eine solche Wirkung auf ihn ausübte. Lieber Himmel, er sollte doch wahrhaftig über Stephanie Hayworth hinweg sein – nach so vielen Jahren!

Seufzend fuhr er sich durchs Haar. Dann schaltete er das Radio ein, und die ersten Takte eines Liebesliedes erklangen.

Nein, nicht irgendeines Liebesliedes.

Es war ihr Lied.

„Tears in Heaven“ von Eric Clapton. Alejandro wusste noch genau, wann und wo er den Song zum ersten Mal gehört hatte, und plötzlich liefen die Erinnerungen wie ein Film vor seinem inneren Auge ab …

Er war bereits seit etwa anderthalb Jahren Schüler der Rossall School. Seine Bemühungen, möglichst schnell von der Schule zu fliegen, hatten nicht den gewünschten Erfolg gehabt. Obwohl es von der Internatsleitung strikt untersagt war, fanden regelmäßig Partys in den Kellergewölben der Schule statt. Die Internatsschüler bestachen den Hausmeister, damit er beide Augen zudrückte.

Eingeladen zu diesen Feiern waren eigentlich nur die angesagten Schüler. Zu denen er aus irgendeinem Grund schon vom ersten Tag an gehörte. Vermutlich war es seine Respektlosigkeit den Lehrern gegenüber, die ihn beliebt machte, aber genau wusste er es nicht.

Pixie Hayworth zählte nicht zu dieser auserlesenen Gruppe, doch das war für Alejandro noch lange kein Grund, warum sie nicht dabei sein sollte.

Die Blicke der anderen Schüler, als er dann eines Abends Hand in Hand mit der größten Streberin der Schule den Partykeller betrat, waren unbezahlbar. Vielleicht hätte er sich sogar darüber amüsiert, doch Pixies Unbehagen war deutlich spürbar.

Sie fühlte sich unwohl. Weil sie wusste, dass sie nicht willkommen war.

Alejandro ärgerte sich. Wenn er sie mochte, warum konnten nicht auch alle anderen Pixie eine Chance geben? Das war so unfair!

Er verbrachte den ganzen Abend an ihrer Seite, obwohl nicht wenige Mädchen versuchten, sich an ihn heranzumachen. Doch er strafte sie allesamt mit Nichtachtung.

Und dann, irgendwann kurz vor Mitternacht, spielten sie dieses Lied, und er nahm Pixies Hand und …

Hastig schaltete Alejandro das Autoradio aus. Wenn er eines auf gar keinen Fall gebrauchen konnte, dann waren es sentimentale Erinnerungen an die guten alten Zeiten.

Vor allem, da diese Zeiten kein gutes Ende gefunden hatten.

Er war froh, dass er seine Sonnenbrille trug. Auf diese Weise konnte er vor Stephanie Hayworth verbergen, was in ihm vorging. Zumindest hoffte er das, als er sie verstohlen von der Seite musterte. Ihre sanft geröteten Wangen verrieten, dass die Klänge ihres Songs auch in ihr Erinnerungen geweckt hatten. Ihr langes Haar flatterte im Fahrtwind, und ihre Augen glänzten. Er stutzte. Hatten ihre Lippen schon immer so verführerisch ausgesehen?

Er konnte sich nicht mehr daran erinnern, wusste nur, dass er sie damals, vor vielen Jahren, bereits anziehend gefunden hatte. Seine Freunde hatten ihn damit aufgezogen.

Stephanie Hayworth, die Streberin. Die Brillenschlange. Das Knochengerüst.

Alejandro war über die wenig charmanten Spitznamen, die ihr die anderen Schüler gaben, hinweggegangen. Mehr noch: Er hatte Pixie verteidigt, weil er sie mit vollkommen anderen Augen sah. Und jeder, der das nicht nachvollziehen konnte, war seiner Meinung nach blind.

Trotzdem hatte Pixie und ihn anfangs nur Freundschaft verbunden. Aus der irgendwann mehr geworden war, doch dann …

„Mallorca ist wirklich wunderschön.“

Ihre Worte rissen ihn aus seinen Gedanken. Er räusperte sich angestrengt. Warum fühlte seine Kehle sich bloß so trocken an? Er musste dringend etwas trinken. „Findest du?“

...

Autor

Carole Mortimer
Zu den produktivsten und bekanntesten Autoren von Romanzen zählt die Britin Carole Mortimer. Im Alter von 18 Jahren veröffentlichte sie ihren ersten Liebesroman, inzwischen gibt es über 150 Romane von der Autorin. Der Stil der Autorin ist unverkennbar, er zeichnet sich durch brillante Charaktere sowie romantisch verwobene Geschichten aus. Weltweit...
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Jay Blakeney alias Anne Weale wurde am 20. Juni 1929 geboren. Ihr Urgroßvater war als Verfasser theologischer Schriften bekannt. Vielleicht hat sie das Autorengen von ihm geerbt? Lange bevor sie lesen konnte, erzählte sie sich selbst Geschichten. Als sie noch zur Schule ging, verkaufte sie ihre ersten Kurzgeschichten an ein...

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