Romana Weekend Band 35

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VERLOCKUNG IN VENEDIG von LUCY GORDON

Ist es der Zauber der Lagunenstadt oder der Charme Guido Calvanis, der Dulcie in Venedig die Sinne raubt? Dabei hat die hübsche Privatdetektivin rein beruflich mit Guido zu tun. Sie soll ihn der Hochstapelei überführen – und hofft inständig, dass ihr Auftraggeber irrt …

DAS GEHEIMNIS DER SCHÖNEN GELIEBTEN von CATHY WILLIAMS

Eine Verlobung in Venedig? Topmodel Francesca lehnt traurig ab, als der faszinierende Hotelmagnat Angelo Falcone überraschend mehr vorschlägt als eine unverbindliche Affäre. Denn auch wenn er insgeheim ihr Traummann ist, muss sie um jeden Preis ihr Geheimnis bewahren …

FAHR MICH INS GLÜCK, GONDOLIERE! von SHARON KENDRICK

Ein attraktiver Fremder bewahrt Sabrina nach einem Sturz aus der Gondel vor dem Schlimmsten. Sie ist wie berauscht vom Zauber Venedigs und von Guy Masters, der sie zu einem Candle-Light-Dinner einlädt. Verliebt begleitet sie Guy in seine Suite. Doch am Morgen ist er verschwunden …


  • Erscheinungstag 21.02.2026
  • Bandnummer 35
  • ISBN / Artikelnummer 9783751539395
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Lucy Gordon, Cathy Williams, Sharon Kendrick

ROMANA WEEKEND BAND 35

Lucy Gordon

1. KAPITEL

Guido Calvani lief auf dem Flur des Krankenhauses auf und ab und versuchte, nicht an seinen Onkel zu denken, der hinter der geschlossenen Tür lag und schwer krank war.

Er befand sich im obersten Stock des Gebäudes. Das Fenster am Ende des Flures ging hinaus auf das Herz von Venedig, auf die roten Dächer, die Kanäle, die Brücken. Am anderen Ende befand sich der Canal Grande. Guido blieb stehen und betrachtete das in der Sonne glitzernde Wasser, das sich den Weg durch die Stadt bis zum Palazzo Calvani bahnte, in dem die Calvanis seit Jahrhunderten lebten. Wenn ich Pech habe, erbe ich heute den Titel von meinem Onkel, überlegte Guido bestürzt.

Normalerweise war er ein fröhlicher und optimistischer Mensch. Seine blauen Augen strahlten fast immer, und das Lächeln schien ihm angeboren zu sein. Er war zweiunddreißig, reich, frei, sah gut aus und hatte keine Sorgen – außer der einen, die ihn jetzt quälte.

Guido liebte seinen Onkel. Er liebte aber auch seine Freiheit, und innerhalb der nächsten Stunden würde er möglicherweise beides verlieren.

Zwei junge Männer kamen die Treppe hinauf, und er drehte sich zu ihnen um.

„Endlich seid ihr da.“ Er umarmte seinen Halbbruder Leo und klopfte seinem Cousin Marco auf die Schulter. Marco war ein stolzer, reserviert wirkender Mann. Er zeigte nicht gern Gefühle, was Guido respektierte.

„Wie schlimm ist es mit unserem Onkel Francesco?“, fragte Marco.

„Sehr schlimm, befürchte ich. Er hatte gestern Abend Herzschmerzen, wollte jedoch keinen Arzt kommen lassen. Heute Morgen ist er dann zusammengebrochen, und ich habe sogleich den Krankenwagen gerufen. Seitdem bin ich hier. Er wird immer noch untersucht“, antwortete Guido.

„Es ist sicher kein Herzanfall“, sagte Leo. „Er hat noch nie einen gehabt. Bei dem Leben, das er geführt hat …“

„Hätte jeder normale Mensch mindestens ein Dutzend Herzanfälle gehabt“, unterbrach Marco ihn. „Frauen, Wein, schnelle Autos …“

„Und er hat gespielt, ist Ski gelaufen, auf die höchsten Berge geklettert …“

„Und immer wieder Frauen“, sagten alle drei gleichzeitig.

Als sie Schritte auf der Treppe hörten, verstummten sie. Wenige Sekunden später erschien Lizabetta, Francescos Haushälterin. Die ältere Frau war ziemlich dünn und hatte strenge Gesichtszüge. Die drei begrüßten sie mit größerem Respekt, als sie jemals ihrem Onkel gezollt hatten. Diese energische Frau hatte im Palazzo Calvani das Sagen.

Sie nickte ihnen zu. Liza, wie die Frau genannt wurde, verfügte über das seltene Talent, mit einem einzigen Blick ihre Verachtung für das männliche Geschlecht, zugleich aber auch Respekt vor ihren aristokratischen Arbeitgebern ausdrücken. Dann setzte sie sich hin und zog ihr Strickzeug hervor.

„Es gibt leider bis jetzt keine guten Nachrichten“, berichtete Guido und sah sie an.

In dem Moment wurde die Tür geöffnet, und der Arzt kam heraus. Der ältere Mann war seit vielen Jahren mit dem Conte befreundet. Seine ernste Miene konnte nichts Gutes bedeuten.

„Nehmen Sie den alten Dummkopf mit nach Hause, und verschwenden Sie nicht mehr meine Zeit“, forderte er die Wartenden auf.

„Aber er hatte doch einen Herzanfall“, protestierte Guido.

„Du liebe Zeit, er hat sich nur den Magen verdorben. Liza, Sie sollten ihm verbieten, Garnelen in Butter zu essen.“

„Glauben Sie etwa, er würde auf mich hören?“, fuhr Liza ihn an.

„Können wir jetzt zu ihm?“, fragte Guido.

Aus dem Zimmer ertönte lautes Geschimpfe, und die drei jungen Männer gingen hinein. Francesco saß aufrecht im Bett. Sein Gesicht war von seinem weißen Haar umrahmt, und in seinen blauen Augen blitzte es auf.

„Na, da habe ich euch aber erschreckt, stimmt’s?“, rief er aus.

„Ja. Leo und ich sind sogleich hergekommen, ich aus Rom, er aus der Toskana“, erwiderte Marco. „Und das alles nur, weil du zu viel gegessen hast!“

„So solltest du mit dem Familienoberhaupt nicht reden“, stieß Francesco hervor. „Außerdem ist es Lizas Schuld. Sie kocht viel zu gut.“

„Deshalb brauchst du dich nicht vollzustopfen“, wandte Marco ein. „Onkel, wann benimmst du dich endlich deinem Alter entsprechend?“

„Ich wäre nicht zweiundsiebzig geworden, wenn ich mich immer meinem Alter entsprechend verhalten hätte“, entgegnete Francesco und wies auf Marco. „Wenn du einmal so alt bist wie ich jetzt, bist du ein völlig vertrockneter Mann ohne Herz.“

Marco zuckte nur die Schultern.

Francesco wandte sich an Leo. „Und wenn du zweiundsiebzig bist, hast du jeden Kontakt zur Stadt verloren und hältst dich nur noch auf deinem Landgut auf.“

„Ah ja“, sagte Leo unbeeindruckt.

„Und was ist mit mir, wenn ich so alt bin?“, wollte Guido wissen.

„Du wirst erst gar nicht so alt. Irgendein eifersüchtiger Ehemann hat dich dann längst schon erschossen.“

Guido lächelte. „Du kennst dich mit eifersüchtigen Ehemännern bestens aus. Das habe ich erst kürzlich wieder …“

„Verschwindet“, unterbrach Francesco ihn. „Liza nimmt mich mit nach Hause.“

Nachdem die drei jungen Männer das Krankenhaus verlassen hatten, seufzten sie erleichtert.

„Ich brauche einen Drink“, erklärte Guido und eilte auf eine kleine Bar am Wasser zu. Die anderen folgten ihm, und sie setzten sich an einen Tisch in der Sonne.

Seit Guido in Venedig lebte, Leo in der Toskana und Marco in Rom, sahen sie sich nicht mehr so oft. Leo hatte sich kaum verändert. Er liebte das Leben auf dem Land, wie sein Onkel erwähnt hatte. Er war schlank, kräftig und hatte einen offenen, klaren Blick. Außerdem war er sehr geradlinig.

Auch Marco hatte sich nur wenig verändert. Er wirkte jedoch etwas angespannter, konzentrierter und schien die gewöhnlichen Sterblichen um sich her kaum wahrzunehmen. Seine Cousins hatten den Eindruck, dass er sich in der Welt der Hochfinanz, in der er lebte, ausgesprochen wohl fühlte.

Guido war eine Frohnatur und führte in gewisser Weise ein Doppelleben. Offiziell residierte er im Palazzo. Aber er besaß auch eine Junggesellenwohnung. Dort konnte er kommen und gehen, wie es ihm beliebte, ohne dass er kritisch beobachtet wurde. Er war noch charmanter als zuvor und noch entschlossener, sich seine Unabhängigkeit zu bewahren. Hinter seinem fröhlichen Lachen und seinem angenehmen Wesen verbargen sich Unbeugsamkeit und Willensstärke. Sein dunkles Haar war etwas zu lang und ließ ihn jünger erscheinen.

„Ich kann das nicht ertragen“, brach Guido das Schweigen nach dem zweiten Bier. „Mit dem Schlimmsten zu rechnen und dann noch einmal davonzukommen, zerrt viel zu sehr an meinen Nerven. Für wie lange bin ich davongekommen?“

„Worüber regst du dich auf?“, fragte Marco.

„Beachte ihn nicht.“ Leo verzog das Gesicht. „Ihm ist soeben ein Aufschub gewährt worden, deshalb redet er so wirres Zeug.“

„Spotte du ruhig“, sagte Guido. „Von Rechts wegen müsstest du an meiner Stelle sein.“

Leo war sein älterer Bruder, doch durch eine Tücke des Schicksals war Guido der Erbe des Titels. Bertrando, ihr Vater, hatte eine Frau geheiratet, deren vermeintlich verstorbener Mann nach ihrem Tod plötzlich wieder aufgetaucht war. Sie war bei Leos Geburt gestorben, und ihr Sohn galt wegen des Auftauchens ihres ersten Mannes als unehelich. Zwei Jahre später hatte Bertrando wieder geheiratet. Seine zweite Frau hatte ihren gemeinsamen Sohn Guido zur Welt gebracht.

Damals hatte sich niemand Gedanken über die ganze Sache gemacht. Alle hatten damit gerechnet, dass Conte Francesco heiraten und einen Erben bekommen würde. Doch als dies nicht geschah, sah man sich gezwungen, sich mit der Frage der Erbfolge auseinanderzusetzen. Obwohl er jünger war als Leo, war Guido nach allgemeiner Auffassung der gesetzliche Erbe des Titels.

Diese Aussicht missfiel ihm sehr. Es kam ihm vor wie eine Falle, die ihm die Freiheit rauben würde, zu tun und zu lassen, was er wollte. Guido hoffte auf ein Wunder. Vielleicht stellte sich doch noch heraus, dass Leo der rechtmäßige Erbe war. Aber Leo wollte den Titel auch nicht haben, er legte darauf genauso wenig Wert wie Guido. Ihn interessierte nur das Landgut, er liebte es, Wein, Weizen und Oliven anzubauen.

Den einzigen Streit zwischen ihnen hatte es gegeben, als Guido seinen Bruder hatte überreden wollen, sich für ehelich erklären zu lassen und aufzuhören, sich vor seiner Verantwortung zu drücken. Leo hatte barsch erwidert, wenn Guido glaube, er würde sich mit einem solchen Unsinn belasten, sei er ein Dummkopf. Guido hatte genauso barsch geantwortet. Schließlich hatte Marco eingegriffen und den unwürdigen Streit beendet. Als Sohn von Silvio, Francescos und Bertrandos jüngerem Bruder, kam er kaum als Erbe des Titels infrage. Deshalb konnte er es sich erlauben, belustigt zuzuhören, wenn seine Cousins erklärten, sie wollten den Titel nicht haben.

„Natürlich wird es eines Tages so weit sein“, sagte Marco jetzt etwas schadenfroh. „Ich sehe Guido schon vor mir als Conte und Vater von zehn Kindern. Und ich kann ihn mir gut vorstellen als vornehmen, dicken Mann mittleren Alters mit seiner Frau.“

„Ich finde das gar nicht lustig.“ Guido trank noch einen Schluck und seufzte. „Überhaupt nicht.“

Roscoe Harrisons Londoner Haus war mindestens so teuer eingerichtet wie der Palazzo der Calvanis. Doch im Gegensatz zu den Calvanis hatte Roscoe Harrison keinen Geschmack. Alles wirkte zu protzig.

„Ich kaufe nur das Beste“, sagte er zu der jungen blonden Frau, die ihm in seinem Büro auf der Rückseite des Hauses gegenübersaß. „Das ist auch der Grund dafür, warum ich Sie kaufe.“

„Sie können mich nicht kaufen, Mr. Harrison“, entgegnete Dulcie Maddox kühl. „Sie engagieren mich nur als Privatdetektivin und bezahlen mich für meine Leistung. Das ist etwas ganz anderes.“

„Okay, ich bin von Ihren Leistungen überzeugt. Sehen Sie sich das hier an.“ Er reichte ihr ein Foto von seiner Tochter Sally. Es war in Venedig aufgenommen. Ihr dunkles Haar fiel ihr über die Schultern, und sie lauschte andächtig dem jungen Gondoliere, der Mandoline spielte. Ein anderer Gondoliere mit gelocktem Haar, der sehr jungenhaft wirkte, blickte sie an.

„Das ist der Mann, der Sally wegen ihres Vermögens heiraten will“, erklärte Roscoe und wies mit dem Finger auf den Mandolinenspieler. „Er hat ihr erzählt, er sei kein Gondoliere, sondern der Erbe des Conte Calvani. Ich glaube, so lautete der Name. Aber ich bin überzeugt, es ist eine faustdicke Lüge.

Ich bin keineswegs ein unvernünftiger Mensch. Wenn er wirklich so ein hohes Tier wäre, wäre es natürlich etwas anderes. Sein Titel, mein Geld – das wäre keine schlechte Kombination. Doch ein zukünftiger Conte würde nicht Gondoliere spielen, das kann ich mir nicht vorstellen. Deshalb sollen Sie nach Venedig fliegen und herausfinden, was los ist. Sobald Sie den Beweis dafür haben, dass er gelogen hat …“

„Vielleicht ist es die Wahrheit“, wandte Dulcie ein.

„Es ist Ihre Aufgabe zu beweisen, dass es eine Lüge ist.“

„Das kann ich aber nicht, wenn er wirklich ein zukünftiger Conte ist“, erwiderte Dulcie unbehaglich.

„Es dürfte Ihnen nicht schwerfallen, die Wahrheit herauszufinden. Sie kommen doch selbst aus diesen Kreisen. Sie sind eine Lady, oder?“

„Na ja, das stimmt, ich mache jedoch meist keinen Gebrauch von dem Titel. Ich bin einfach nur Dulcie Maddox und Privatdetektivin.“

Das schien Roscoe nicht zu gefallen. Er war beeindruckt von ihrer Herkunft. Doch weil sie wenig Wert auf ihren Titel legte, fühlte Roscoe sich betrogen.

Am Abend zuvor hatte er sie zum Essen eingeladen, damit sie seine Tochter Sally kennenlernte. Dulcie fand die fröhliche, etwas naive junge Frau ausgesprochen nett und konnte sich gut vorstellen, dass man sie vor Mitgiftjägern beschützen musste.

„Ich habe Sie engagiert, weil Sie die Beste sind“, kam Roscoe auf das Thema zurück. „Sie haben Klasse, man merkt Ihnen an, dass Sie aus einer vornehmen Familie stammen. Nicht wegen Ihrer Kleidung, die …“

„Die ist billig“, half Dulcie ihm weiter. Ihre Jeans und die Jacke waren das Billigste, was sie hatte finden können. Glücklicherweise war sie groß und schlank. Sie sah immer gut aus, egal, was sie anhatte. Ihr langes blondes Haar und die grünen Augen erregten allgemeine Bewunderung.

„Sagen wir, sie wirkt nicht unbedingt teuer“, entgegnete Roscoe in einem seltenen Anflug von Takt. „Aber insgesamt wirken Sie vornehm und so, als würden Sie aus einer reichen Familie kommen.“

„Der Schein trügt“, erwiderte sie. „Ich bin so arm wie eine Kirchenmaus. Deshalb arbeite ich als Privatdetektivin. Das Geld, das meine Familie einmal hatte, ist für Pferdewetten draufgegangen.“

„Dann brauchen Sie neue Outfits, um überzeugend auftreten zu können. Ich habe für Sally ein Konto bei Feltham’s eingerichtet und rufe dort an, damit Sie sich auf meine Kosten neu einkleiden können. Im Hotel Vittorio können Sie nur in eleganter Kleidung erscheinen.“

„Im Hotel Vittorio?“, wiederholte sie und blickte rasch aus dem Fenster. Roscoe sollte nicht merken, dass dieses Hotel für sie eine besondere Bedeutung hatte. Vor einigen Wochen hatte sie noch vorgehabt, die Flitterwochen dort mit dem Mann zu verbringen, der ihr ewige Liebe geschworen hatte.

Aber das war Vergangenheit. Seine Liebe war plötzlich erloschen. Dulcie wäre es lieber gewesen, nicht im Vittorio übernachten zu müssen, doch es ließ sich nicht ändern.

„Das teuerste Hotel in Venedig“, erklärte Roscoe. „Kaufen Sie sich alles, was Sie brauchen, und machen Sie sich auf den Weg. Sie fliegen erster Klasse, nur für den Fall, dass er Nachforschungen über Sie anstellt.“

„Halten Sie es für möglich, dass er auch einen Privatdetektiv engagiert hat?“

„Es gibt Menschen, denen ich alles zutraue.“

Dulcie schwieg diplomatisch.

„Hier ist ein Scheck für Ihre Ausgaben. Es genügt aber nicht, nur reich auszusehen. Sie müssen bei jeder Gelegenheit Reichtum zeigen.“

„Ah ja, zeigen.“ Dulcie betrachtete ungläubig den hohen Betrag, über den der Scheck ausgestellt war.

„Finden Sie diesen Gondoliere, und lassen Sie ihn glauben, Sie würden im Geld schwimmen, damit er sich an Sie heranmacht. Wenn er angebissen hat, rufen Sie mich an. Dann schicke ich Sally nach Venedig. Sie soll sich selbst überzeugen, was für ein Mensch er ist. Sie will es mir nicht glauben, dass die Welt voller Schurken ist, die auf der Suche nach reichen jungen Frauen sind.“

„Leider gibt es viel zu viele solcher Männer“, antwortete Dulcie wehmütig.

Nachdem Francesco wieder zu Hause war, aß er zusammen mit seinen Neffen zu Abend. Es ging sehr formell zu. Ein Gericht nach dem anderen wurde unter Lizas strengem Blick von einer Hausangestellten serviert. Für den Conte war das normal, und Marco saß ganz entspannt da. Aber Guido und Leo fanden es erdrückend und waren froh, als es vorbei war.

Als sie hinauseilen wollten, bat der Conte Guido zu sich in sein überladenes Arbeitszimmer.

„Wir sind in Luigis Bar“, rief Marco ihm zu.

„Hat das nicht Zeit?“ Guido ging hinter seinem Onkel her in das Arbeitszimmer.

„Nein“, antwortete Francesco mit finsterer Miene. „Es muss einiges geklärt werden. Ich frage dich erst gar nicht, ob die Geschichten, die man sich über dich erzählt, wahr sind.“

„Wahrscheinlich stimmt alles.“ Guido lächelte seinen Onkel an.

„Das muss aufhören. Ich habe mir sehr viel Mühe gegeben, dir alle jungen Frauen der Gesellschaft vorzustellen.“

„Diese Frauen machen mich nervös. Sie interessiert doch nur eins.“

„Was denn?“

„Mein zukünftiger Titel. Die Hälfte von ihnen nimmt mich kaum richtig wahr. Sie sind auf den Titel der Calvanis fixiert.“

„Wenn du damit sagen willst, dass sie bereit sind, deinen unmöglichen Lebenswandel aus Respekt vor deiner gesellschaftlichen Stellung zu ignorieren …“

„Vielleicht will ich gar keine Frau, die meinen unmöglichen Lebenswandel ignoriert“, unterbrach Guido ihn. „Es würde sicher mehr Spaß machen, wenn sie bereit wäre, sich daran zu beteiligen.“

„Die Ehe ist nicht dafür da, um Spaß zu haben“, fuhr Francesco ihn an.

„Das habe ich befürchtet.“

„Du solltest endlich anfangen, dich deiner Herkunft entsprechend zu verhalten, statt so viel Zeit mit der Familie Lucci zu verbringen und Gondoliere zu spielen. Die Luccis sind ordentliche, anständige Leute, aber du …“

Guidos Blick wurde hart. „Die Luccis sind meine Freunde. Vergiss das bitte nicht“, unterbrach er seinen Onkel.

„Natürlich kannst du mit ihnen befreundet sein. Du kannst jedoch nicht so leben wie Fede, sondern musst deinen eigenen Weg gehen. Ich hätte dir nicht erlauben dürfen, so oft mit ihm zusammen zu sein.“

„Da gab es nichts zu erlauben“, wandte Guido ruhig ein. „Ich brauchte dich nicht um Erlaubnis zu bitten. Das würde ich niemals tun. Ich habe großen Respekt vor dir, werde jedoch nicht zulassen, dass du dich in mein Leben einmischst.“

Wenn Guido in diesem Ton sprach, wirkte er nicht mehr wie der unbekümmerte Charmeur. Der Conte bemerkte den strengen Blick, die ernste Miene und den energischen Zug um den Mund seines Neffen und schwieg vorsichtshalber.

Versöhnlicher fügte Guido hinzu: „Es ist nichts dabei, es macht mir einfach nur Spaß. Außerdem hält es mich fit, nach meinen anderen ‚Exzessen‘ Gondoliere zu spielen.“

„Es wäre alles nicht so schlimm, wenn du nur rudern würdest.“ Francesco bekam wieder Oberwasser. „Aber ich habe dich sogar O sole mio für Touristen singen hören.“

„Das erwarten sie, vor allem die Engländer.“

„Und du lässt dich mit ihnen fotografieren.“ Der Conte zog ein Foto hervor, auf dem Guido im typischen Gondoliereoutfit einer dunkelhaarigen jungen Frau ein Ständchen brachte, während ein anderer Gondoliere mit gelocktem Haar, der sehr jungenhaft wirkte, hinter ihnen saß. „Mein Neffe, der zukünftige Conte Calvani, posiert mit einem Strohhut auf dem Kopf“, stellte Francesco mit finsterer Miene fest.

„Zugegeben, das ist wirklich unmöglich“, stimmte Guido ihm zu. „Ich bin ein Schandfleck für die Familie. Du solltest rasch heiraten und einen Sohn bekommen. Das löst das Problem. Es geht das Gerücht um, du seist noch so aktiv und … leistungsfähig wie früher. Deshalb sollte es kein Problem für dich sein …“

„Verschwinde, ehe ich mich vergesse!“

Erleichtert verließ Guido den Raum und den Palazzo. Dann eilte er durch die engen, dunklen Gassen. Am Canal Grande angekommen, sah er sieben Gondeln, die nebeneinanderher fuhren. Es war eine Vorführung für Touristen. In der mittleren Gondel saß der Mann mit dem jungenhaften Gesicht, der auf dem Foto abgebildet war. Sein schöner Tenor klang über das Wasser hinweg zu Guido herüber. Als seine Stimme verklang, setzte Applaus ein, und dann glitten die Gondeln zu den Anlegestegen.

Guido wartete, bis sein Freund Federico Lucci den letzten Passagieren beim Aussteigen geholfen hatte, ehe er ihn begrüßte.

„Hallo, Fede! Wenn deine englische Signorina dich so singen hören könnte, würde sie dir überallhin folgen.“ Als Fede stöhnte, fragte Guido: „Was ist los? Liebt sie dich nicht mehr?“

„Sally liebt mich“, erklärte Fede. „Aber ihr Vater würde mich eher umbringen, als ihr zu erlauben, mich zu heiraten. Er glaubt, ich sei nur hinter ihrem Geld her. Das stimmt aber nicht. Ich liebe sie wirklich. Du kennst sie doch. Ist sie nicht wunderbar?“

„Ja, wunderbar“, stimmte Guido ihm diplomatisch zu. Seiner Meinung nach war Sally ein hübsches Püppchen, das weder Charakter noch Temperament hatte. Er selbst zog Frauen vor, die eine Herausforderung darstellten und es ihm nicht zu leicht machten. „Du weißt, ich helfe dir so gut, wie ich kann“, bot er seinem Freund an.

„Du hast uns immer sehr geholfen“, antwortete Fede. „Wir konnten uns in deinem Apartment treffen, du hast mich als Gondoliere vertreten …“

„Ach, das war doch selbstverständlich. Es hat mir Spaß gemacht. Sag mir Bescheid, wenn ich dich wieder einmal vertreten soll.“

„Sally ist nach England geflogen, weil sie mit ihrem Vater reden will. Ich befürchte jedoch, sie kommt nicht mehr zurück.“

„Wenn es wirklich die große Liebe ist, kommt sie zurück“, erklärte Guido.

Fede musste lachen und klopfte Guido auf die Schulter. „Was weißt du schon von der großen Liebe? Sobald deine Freundinnen vom Heiraten sprechen, verabschiedest du dich.“

„Nicht so laut“, forderte Guido ihn besorgt auf. „Mein Onkel scheint seine Ohren überall zu haben. Komm, lass uns in Luigis Bar gehen. Dort warten Leo und Marco auf mich.“

Zwei Tage später flog Dulcie nach Venedig. Nach der Landung auf dem Marco-Polo-Flughafen beobachtete sie schließlich mit hoheitsvoller Miene, wie ihr Gepäck in dem Motorboot des Hotels Vittorio verstaut wurde.

Die Sonne schien an diesem schönen Junitag von dem tiefblauen Himmel, und es war warm. Als das Boot über das glitzernde und funkelnde Wasser der Lagune glitt, vergaß Dulcie für kurze Zeit ihre Traurigkeit.

Rechts von ihr befand sich der Damm, der Venedig mit dem Festland verband und über den gerade ein Zug fuhr. Auf der anderen Seite erstreckte sich die Lagune bis zum fernen Horizont.

„Sehen Sie dort, Signorina.“ Der Mann, der wie alle Venezianer stolz auf seine wunderschöne Stadt war, wies auf die goldenen Kuppeln, die in der Sonne leuchteten.

Der Anblick der Stadt raubte Dulcie beinah den Atem. Sie wagte nicht, sich zu bewegen, um nichts zu versäumen, während das Boot langsamer fuhr.

Sie glitten im Schatten der hohen Gebäude dahin, die auf beiden Seiten emporragten. Dulcie lehnte sich auf dem Sitz zurück und betrachtete den schmalen Streifen Himmel über ihnen. Nach wenigen Minuten waren sie wieder im Sonnenschein und fuhren auf einen prachtvollen Palazzo aus dem siebzehnten Jahrhundert zu, der das Hotel Vittorio beherbergte.

Am Anlegesteg streckten sich ihr Hände entgegen, man half ihr die Stufen hinauf. Dann wurde Dulcie in das Hotel geführt, während Hotelangestellte mit ihrem Gepäck folgten.

„Die Empire-Suite ist für Sie reserviert“, erklärte der Mann an der Rezeption mit hochmütiger Miene.

„Die Empire-Suite?“, wiederholte Dulcie verblüfft. „Sind Sie sicher, dass es sich um keinen Irrtum handelt?“

Aber man dirigierte sie schon auf die dritte Etage, wo sich eine vergoldete Doppeltür vor ihr öffnete. Sie betrat die Luxussuite, die so aussah, als wäre sie extra für eine Kaiserin konzipiert worden. Die Möbel stammten offenbar aus dem achtzehnten Jahrhundert, und an der Wand hing das Porträt von Elisabeth, der schönen, jungen Kaiserin von Österreich. Es war im neunzehnten Jahrhundert gemalt worden, als Venedig eine österreichische Provinz gewesen war.

An einer Seite entdeckte Dulcie eine andere Doppeltür, die in das Schlafzimmer führte. In dem riesigen Bett hätten bestimmt vier Personen Platz, dachte sie. Sie war überwältigt von so viel Luxus und Üppigkeit. Ein Zimmermädchen kam herein, um Dulcies Koffer auszupacken. In dem Moment erinnerte sie sich an Roscoes Rat, ihren vermeintlichen Reichtum zu zeigen, und verteilte so großzügige Trinkgelder, dass man sogar in diesem Luxushotel darüber reden würde.

Als alle weg waren, versuchte sie, damit zurechtzukommen, dass sie ganz allein hier war, obwohl sie eigentlich als strahlende Braut hatte kommen wollen.

Simon hatte angenommen, dass Lord Maddox, Dulcies Vater, viel Geld besaß. Er hatte sich sehr um sie bemüht. Sie war auf seine schönen Worte hereingefallen und hatte an die große Liebe geglaubt.

Aber sie war jäh aus ihren Träumen gerissen worden. Simon hatte sehr verschwenderisch und auf Kredit gelebt, wie sie später erfahren hatte. Seine Liebe war genauso illusorisch gewesen wie sein angeblicher Reichtum, für den Dulcie sich sowieso nicht interessiert hatte.

Eines Abends hatte er ihr beim Essen im Hotel Ritz den Prospekt des Hotels Vittorio gezeigt. „Ich habe uns die Empire-Suite für die Flitterwochen reservieren lassen“, hatte er verkündet.

„Liebling, das kostet doch …“

„Na und? Geld ist dazu da, dass man es ausgibt.“

„Du brauchst für mich nicht so viel Geld auszugeben“, erwiderte sie sanft. „Darum geht es doch nicht.“

Simon runzelte spöttisch die Stirn. „Nein, Liebes, aber Geld ist sehr hilfreich.“

„Glaubst du etwa, ich würde dich wegen deines Geldes heiraten?“, fragte sie. „Ich liebe dich, nur dich. Es wäre mir völlig egal, wenn du genauso arm wärst wie ich.“

Sein Blick wurde plötzlich merklich kühler. „Das soll ein Scherz sein, oder?“

„Nein, ich besitze nichts.“

„Ich habe gehört, dein Großvater hätte an einem einzigen Tag beim Pferderennen mehrere tausend Pfund verwettet.“

„Das stimmt. Mein Vater war genauso. Deshalb haben wir jetzt nichts mehr.“

„Aber es ist doch allgemein bekannt, dass er Aktien, Grundstücke und dergleichen besitzt.“

Dulcie begriff, um was es ihm wirklich ging. Sie wollte es jedoch noch nicht wahrhaben. „Lebe ich wie jemand mit einem großen Vermögen?“

„Du stapelst tief, nehme ich an.“

Schließlich war es ihr gelungen, Simon zu überzeugen, dass sie die Wahrheit sagte.

„Hast du eine Ahnung, wie viel ich schon für dich ausgegeben habe?“, stieß er verbittert hervor. „Und wofür das alles? Damit ist jetzt Schluss.“ Er war aus dem Hotel gestürmt, und danach hatte sie ihn nicht mehr gesehen. Sie hatte sogar das Essen bezahlen müssen.

Ich muss mich zusammennehmen, mahnte Dulcie sich jetzt. Sie war wegen eines anderen Mitgiftjägers hier, auf den sie sich konzentrieren musste.

Nachdem sie in dem Badezimmer mit den Marmorfliesen und den vergoldeten Armaturen geduscht hatte, zog sie sich an. Dann betrachtete sie noch einmal das Foto, um sich das Gesicht des Mannes einzuprägen, den sie suchte. Den jungenhaft wirkenden Mann im Hintergrund beachtete sie nicht. Den Mandolinenspieler musste sie finden. Er schien ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein zu haben und lächelte Sally an.

In einem orangefarbenen Seidenkleid und goldfarbenen Sandaletten und mit Goldschmuck behangen, verließ Dulcie wenig später das Hotel. So viel Schmuck war wahrscheinlich übertrieben, aber sie musste Eindruck schinden.

Einen bestimmten Gondoliere zu finden war gar nicht so leicht. Es gab zu viele davon. Doch Dulcie hatte sich vorbereitet und in dem Reiseführer alles über die Vaporetti, die Boote zur Personenbeförderung, gelesen. Deshalb eilte sie zu einem der Landungsstege, stieg in das nächste Boot, das ankam, und setzte sich so hin, dass sie mit dem Fernglas, das sie mitgenommen hatte, alles überblicken konnte.

Eine Stunde lang fuhr sie in dem Vaporetto über den Canal Grande und suchte erfolglos die Umgebung ab. Als sie gerade aufgeben wollte, entdeckte sie den Mann.

Sie war sich nicht ganz sicher, ob es der richtige war. Ungeduldig bemühte sie sich, das Fernglas scharf einzustellen, während die Gondel zwischen zwei Gebäuden dahinglitt. Im letzten Moment konnte sie den Mann erkennen.

Sie stieg aus dem Vaporetto, das schon wieder ablegen wollte, und blickte sich um. Die Gondel war verschwunden. Dulcie ging durch eine enge Gasse auf den Kanal am anderen Ende zu. Nein, die Gondel war weit und breit nicht zu sehen. Rasch eilte sie über eine kleine Brücke und durch eine andere enge Gasse.

Wieder gelangte sie zu einem Kanal und zu einer Brücke. Eine Gondel fuhr in ihre Richtung. War es dieselbe wie vorhin? Das Gesicht des Gondoliere war unter einem Strohhut verborgen. Dulcie stellte sich auf die Brücke.

Wenn der Mann nicht bald den Kopf hebt, ist es zu spät, dachte Dulcie, als die Gondel die Brücke beinah erreicht hatte. Aus lauter Verzweiflung zog sie eine ihrer Sandaletten aus und warf sie hinunter. Der Schuh traf den Mann am Kopf, ehe er ihm vor die Füße fiel.

Endlich blickte er auf und sah Dulcie an. Ja, es war das Gesicht des Mandolinenspielers, den sie suchte. Lächelnd betrachtete er Dulcie mit seinen tiefblauen Augen so aufmerksam und lange, dass sie sich wie hypnotisiert vorkam. Plötzlich erwiderte sie sein Lächeln.

„Hallo, meine Schöne“, rief Guido Calvani ihr schließlich zu.

2. KAPITEL

Die Gondel verschwand unter der Brücke. Dulcie lief auf die andere Seite und warf noch einmal einen Blick auf das Foto. Sie wollte sicher sein, dass es der richtige Mann war. Ja, er ist es, sagte sie sich dann.

Glücklicherweise hatte er keine Fahrgäste in der Gondel. Dulcie ging die Treppe hinunter und zu dem Anlegeplatz, an dem er festgemacht hatte.

„Es tut mir leid“, rief sie dem Mann zu. „Ich hatte kurz den Schuh ausgezogen. Dummerweise ist er mir aus der Hand geglitten und über das Brückengeländer gefallen. Ich hoffe sehr, dass Sie nicht verletzt sind.“

Der Gondoliere lächelte und hielt die elegante Sandalette hoch. „Natürlich bin ich verletzt, sehr sogar. Aber nicht am Kopf, sondern hier.“ Er legte die Hand aufs Herz und verbeugte sich galant.

Dulcie war darauf vorbereitet, dass er seinen ganzen Charme aufbieten würde. Gut, das Spiel konnte beginnen.

„Wenn Sie sich hinsetzen, gebe ich Ihnen den Schuh so zurück, wie es sich gehört“, sagte er.

Sie setzte sich auf die oberste Stufe der Treppe, die ins Wasser führte. Und ehe sie wusste, wie ihr geschah, streifte der Mann ihr die Sandalette über.

„Danke, Federico.“

Er sah sie verblüfft an. „Federico?“

„Es steht doch da.“ Sie wies auf das Namensschildchen an seinem Kragen.

„Ach so, natürlich“, antwortete Guido hastig. Er hatte vergessen, dass Fedes Mutter immer Namensschildchen auf die Hemden ihres Mannes und ihrer Söhne nähte. Guido wollte die junge Frau aufklären, doch er wurde abgelenkt. Es fühlte sich gut an, ihren schmalen Fuß zu berühren. Als er aufsah, begegnete er ihrem rätselhaften Blick und vergaß alles andere.

„Wie lange sind Sie schon in Venedig?“, fragte er.

„Ich bin heute angekommen.“

„Dann muss ich mich dafür entschuldigen, dass Ihr erster Eindruck von meiner Stadt nicht der beste ist. Aber diese Sandaletten sind kaum dafür geeignet, in Venedig umherzulaufen, wenn Sie mir die Bemerkung erlauben.“

„Es war keine gute Idee, so hochhackige Schuhe anzuziehen, oder?“, erwiderte Dulcie kleinlaut. „Das habe ich nicht gewusst. Leider hat mir niemand erzählt, dass Venedig ganz anders ist als andere Städte.“ Es gelang ihr, etwas hilflos und verloren zu klingen.

„Das ist schlimm“, antwortete er mitfühlend. „Es ist schade, dass eine so schöne junge Frau wie Sie allein ist. Doch noch schlimmer ist es, in Venedig allein zu sein.“

So, wie er es sagt, klingt es ganz bezaubernd, überlegte sie und war froh, dass sie über ihn Bescheid wusste.

„Am besten gehe ich zurück ins Hotel und wechsle die Schuhe.“ Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass seine Finger noch immer auf ihrem Fuß lagen. „Darf ich?“

„Oh, Verzeihung.“ Er zog die Hand zurück. „Kann ich Sie zu Ihrem Hotel bringen?“

„Ich habe gedacht, das würden Gondolieri nicht tun. Sie machen normalerweise nur Rundfahrten, stimmt’s?“

„Ja, wir haben nicht dieselbe Funktion wie die Wassertaxis. In Ihrem Fall möchte ich jedoch eine Ausnahme machen. Bitte …“ Er streckte die Hand aus. Als Dulcie ihre hineinlegte, zog er sie hoch und führte sie die Stufen hinunter.

„Vorsicht“, warnte er sie, während er ihr in die Gondel half, die so heftig schwankte, dass Dulcie sich an ihm festhielt.

„Setzen Sie sich hierhin“, forderte er sie schließlich auf und wies auf die Sitze mit dem Rücken zur Fahrtrichtung. Er wollte ihr Gesicht sehen. „Es ist besser, Sie blicken nicht nach vorn“, improvisierte er. „Um diese Zeit würde Ihnen die Sonne direkt in die Augen scheinen. Außerdem könnten Sie seekrank werden“, fügte er hinzu, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen.

„Danke für den Hinweis“, bedankte sie sich steif. Sie nahm an, dass die Sonne ihr auch so ins Gesicht scheinen würde. Aber seine Strategie kam ihr sehr gelegen.

Es passte ihr ins Konzept, dass sie ihre langen Beine vor ihm ausstrecken konnte. Ihr war klar, sie sollte ihn mit Geld locken. Es konnte jedoch nicht schaden, auch ihre weiblichen Reize einzusetzen.

Der Gondoliere stieß von der Anlegestelle ab. Eine Zeit lang fuhren sie durch die Kanäle, vorbei an Gebäuden, die aus dem Wasser emporragten. Eine der Brücken, unter denen sie hindurchfuhren, schien über dem Wasser zu schweben. Sie war direkt in die sich gegenüberliegenden Gebäude, die sie verband, hineingebaut. Dulcie betrachtete die Bauwerke bewundernd. Diese Stadt war wirklich einzigartig.

Dass der Mann schwieg, war ausgesprochen angenehm. Nur das leise Geräusch beim Eintauchen des Ruders ins Wasser war zu hören. Dulcie fühlte sich entspannt. Der Zauber Venedigs nahm sie gefangen.

„Es ist eine andere Welt“, sagte sie leise. „Man könnte fast meinen, Venedig sei von einem anderen Planeten auf die Erde gefallen.“

„Ja, so kann man es ausdrücken“, stimmte er ihr zu.

Sie schienen stundenlang dahinzugleiten. Ein schönes Bauwerk stand neben dem anderen. Es waren zu viele Eindrücke auf einmal für Dulcie. Sie konnte nicht alles verarbeiten. Undeutlich erinnerte sie sich daran, dass sie deshalb auch gar nicht hier war. Sie sollte sich um den Mann kümmern, der vor ihr stand und die Gondel so geschickt und leicht fortbewegte, als wäre es die einfachste Sache von der Welt.

Ich kann verstehen, warum so ein naives, wohl behütetes junges Mädchen wie Sally diesen Mann unwiderstehlich findet, überlegte Dulcie, während sie ihn betrachtete. Er war groß, und als er ihr in die Gondel geholfen hatte, hatte sie gespürt, wie stark er war. Die kurze Berührung war seltsam erregend gewesen. Er bewegte das schwere Ruder so mühelos, als würde es kaum etwas wiegen.

Sie gelangten in einen breiteren Kanal, und plötzlich schien die Sonne wieder in die Gondel. Dulcie blickte auf und beschattete die Augen mit der Hand. Sogleich nahm der Gondoliere den Strohhut ab und warf ihn ihr zu.

„Setzen Sie ihn auf“, forderte er Dulcie auf. „Er schützt sie vor der Sonne.“

Folgsam setzte sie den Strohhut auf und lehnte sich zurück. Das dunkle Haar des Mannes schimmerte in der Sonne etwas rötlich. Die Fältchen um seine blauen Augen kräuselten sich, wenn er lachte. Und das tat er oft und gern, so auch jetzt. Er hielt den Kopf schräg, als wollte er Dulcie auffordern, mit ihm über einen Scherz zu lachen. Bei dem Anblick konnte sie nicht anders, sie lächelte auch.

„Sind wir bald da?“, fragte sie.

„Wo?“ Er sah sie mit unschuldiger Miene an.

„Bei meinem Hotel.“

„Aber Sie haben mir noch gar nicht gesagt, in welchem Hotel Sie wohnen.“

„Und Sie haben mich nicht gefragt. Vielleicht sind wir in die falsche Richtung gefahren.“

Er zuckte die Schultern, als wäre das nicht so wichtig.

Dulcie nahm sich zusammen. Sie musste ihm den Namen des Hotels nennen und damit ihren vermeintlichen Reichtum andeuten, statt seine Gesellschaft zu genießen und zu träumen.

„Ich wohne im Hotel Vittorio“, erklärte sie schließlich.

Er zeigte keinerlei Reaktion. Aber als erfahrener Verführer ließ er sich natürlich nicht anmerken, dass oder ob er beeindruckt war.

„Es ist ein sehr gutes Hotel, Signorina“, antwortete er. „Ich hoffe, Sie genießen den Aufenthalt dort.“

„Ehrlich gesagt, ich finde die Empire-Suite ziemlich überwältigend“, stellte Dulcie betont beiläufig fest.

„Für eine junge Frau, die allein reist, ist sie sicher nicht das Richtige. Aber vielleicht erwarten Sie Freunde, die das zweite Schlafzimmer benutzen werden.“

„Kennen Sie die Empire-Suite?“

„Ich war einmal darin“, erwiderte er. Das stimmte sogar. Seine amerikanischen Freunde übernachteten regelmäßig dort, und er hatte in der luxuriösen Umgebung in fröhlicher Runde so manches Glas geleert.

„Wenn Ihre Freunde eintreffen, fühlen Sie sich bestimmt wohler“, fügte er hinzu.

„Es kommt sonst niemand mehr. Ich verbringe den Urlaub ganz allein.“ Sie legten am Landesteg des Hotels an, und der Mann half ihr beim Aussteigen. „Wie viel bekommen Sie dafür?“, fragte sie.

„Nichts.“

„Natürlich muss ich Ihnen die Fahrt bezahlen. Ich war ungefähr eine Stunde mit Ihnen unterwegs.“

„Nein, ich möchte nichts dafür haben.“ Er umfasste ihr Handgelenk. „Beleidigen Sie mich bitte nicht mit Geld.“ Er blickte sie mit seinen blauen Augen so durchdringend an, als wollte er sie zwingen, sich seinem Wunsch zu fügen.

„Ich wollte Sie nicht beleidigen“, sagte Dulcie. „Es ist nur so, dass …“

„Dass man für Geld alles kaufen kann“, beendete er den Satz für sie. „Aber nur das, was käuflich ist“, fügte er hinzu. „Sie sollten in Venedig nicht allein sein. Das ist wirklich traurig.“

„Ich habe keine Wahl.“

„Doch. Ich möchte Ihnen meine Stadt zeigen.“

„Ihre Stadt?“

„Ja. Ich nenne sie so, weil ich sie liebe und sie besser kenne als jeder Fremde. Ich möchte, dass Sie Venedig auch lieben.“

Dulcie wollte ihm eine der schlagfertigen, koketten Antworten geben, die sie extra für den Zweck einstudiert hatte. Aber ihr fiel keine ein. Sie hatte das Gefühl, an einem Punkt angelangt zu sein, wo es kein Zurück mehr gab. Es war riskant, weiterzugehen. Doch wenn sie sich zurückzog, würde sie sich vielleicht ihr Leben lang fragen, wie es hätte sein können.

„Ich glaube“, begann sie langsam, „ich sollte ihr Angebot nicht annehmen.“

„Oh, da bin ich anderer Meinung.“ Er umfasste ihr Handgelenk fester. „Sie müssen es annehmen. Wissen Sie das nicht?“ In seinen Augen blitzte es entschlossen auf.

Sie atmete tief ein. Nicht umsonst stammte sie aus einer Spielerfamilie. „Okay, abgemacht.“

„Gut. Wir treffen uns um sieben in Antonio’s. Es ist bei Ihnen um die Ecke. Und ziehen Sie bequeme Schuhe an.“

Dulcie blickte hinter ihm her, als er davonfuhr. Dann eilte sie in ihre Suite. Sie war froh, eine Zeit lang allein sein zu können, denn sie wollte die Gedanken ordnen.

Das war nicht leicht. Innerhalb weniger Minuten hatte dieser Mann sie aus dem Konzept gebracht. Sie musste sich konzentrieren, um wieder zu sich selbst zu kommen und sich von seinem Einfluss zu befreien. Und das gelang ihr schließlich auch.

Der Anfang war gemacht, sie hatte Kontakt mit dem Mann aufgenommen, den sie gesucht hatte. Jetzt folgte der zweite Schritt. Ich darf nicht vergessen, dass ich das Berufliche nicht mit dem Privaten vermischen darf, ermahnte sie sich.

Guido fuhr rasch von dem Hotel weg, ehe jemand ihn entdecken konnte, der genau wusste, wer er war. Innerhalb weniger Minuten hatte er das Stadtzentrum hinter sich gelassen und ruderte auf die kleinen Gassen im Norden Venedigs zu, wo die Familien der Gondolieri lebten und wo sie ihre Gondeln bauten.

Federico war zu Hause und saß vor dem Fernseher. Guido setzte sich neben ihn. Wie immer gab er Fede das Geld, das er verdient hatte, und verdoppelte den Betrag aus eigener Tasche.

„Es war ein guter Tag, stimmt’s?“ Fede steckte das Geld ein und gähnte.

„Ja, ein sehr guter.“

„Wenn es so weitergeht, bin ich bald urlaubsreif“, scherzte Fede.

„Das bin ich jetzt schon.“ Guido rieb sich die schmerzenden Arme.

„Vielleicht solltest du dich endlich wieder um deine Unternehmen kümmern.“

Guido hatte sich von seiner Familie unabhängig gemacht. Er besaß zwei Fabriken auf der Insel Murano, die vor Venedig lag. In der einen wurden Glasgefäße hergestellt, in der anderen Schmuck und Souvenirs.

„Ja, da hast du wahrscheinlich recht“, stimmte er seinem Freund wenig begeistert zu. „Fede, hast du jemals etwas getan, was du gar nicht vorgehabt hast und wozu du dich innerhalb weniger Sekunden entschieden hast? Und plötzlich musstest du feststellen, dass sich dein ganzes Leben verändert hat?“

„Sicher. Als ich Sally begegnet bin.“

„Und du weißt überhaupt nicht, wie das alles endet? Dir ist nur klar, dass du etwas Bestimmtes tun musst? Kennst du den Zustand?“

Fede nickte. „Ja. Genauso ist es.“

„Was soll ich jetzt machen?“

„Mein Freund, du hast dir die Antwort schon selbst gegeben. Ich habe keine Ahnung, was passiert ist, aber mir ist klar, zum Umkehren ist es für dich zu spät.“

Dulcie stand vor dem luxuriösen Kleiderschrank und überlegte, welches der eleganten Outfits sie am Abend anziehen sollte.

Wie habe ich es geschafft, das alles zu kaufen? fragte sie sich.

Sie war zu Feltham’s gegangen, wie Roscoe es von ihr verlangt hatte. Er hatte offenbar dem Personal dort schon Anweisungen erteilt, was man ihr zeigen sollte. Aber Dulcie hatte abgewinkt. Sie hatte nicht wie ein Christbaum aussehen wollen. Stattdessen verließ sie sich auf ihren eigenen Geschmack und wählte vier dezent-elegante Outfits aus, die ihrer Meinung nach ausreichten. Doch die Abteilungsleiterin, die sie bediente, war entsetzt.

„Mr. Harrison hat erklärt, sie müssten sich für mindestens zwanzigtausend Pfund einkleiden“, sagte sie leise.

„Zwanzigtausend?“, wiederholte Dulcie ungläubig. „Das ist unmöglich.“

„Es könnte mich den Job kosten, wenn ich Mr. Harrisons Wünsche ignoriere“, gab die Frau zu bedenken.

Dulcie hatte auf einmal das Gefühl, dazu verpflichtet zu sein, so viel Geld auszugeben. Später verließ sie das exklusive Geschäft mit zwei Abendkleidern, vier Cocktailkleidern, mehreren Jeans, Pullovern, Tops, Sommerkleidern und Seidendessous. Außerdem hatte sie noch Make-up, Parfüm und einige Koffer gekauft.

Als sie jetzt die Outfits betrachtete, die in dem großen Schrank ihrer Luxussuite hingen, war sie seltsam deprimiert. Es hätte lustig werden können, sich wie Cinderella auf dem Ball zu fühlen, wenn sich das alles nicht ausgerechnet in Venedig abspielen würde.

Warum habe ich den Auftrag überhaupt angenommen?, fragte sie sich. Allein in dieser Stadt zu sein, in der sie die Flitterwochen hatte verbringen wollen, tat viel zu weh.

Plötzlich hob sie entschlossen den Kopf. Der Auftrag war vielleicht eine einmalige Gelegenheit, einen Mann dafür bezahlen zu lassen, was er Frauen antat und angetan hatte. Das durfte sie nicht vergessen.

Es dauerte lange, bis sie sich endlich für ein Cocktailkleid aus blauer Seide entschieden hatte. Deshalb war es schon ziemlich spät, als sie die Treppe hinuntereilte. Die Absätze der silberfarbenen Sandaletten waren nicht allzu hoch. Sie konnte darin einigermaßen gut laufen.

Antonio’s war ein kleines Restaurant. Man konnte auch draußen sitzen, und an den Spalieren, die die Tische vor neugierigen Blicken schützten, rankten Blumen. Alles sah sehr hübsch aus, aber der Gondoliere war nicht da.

Vielleicht ist er hineingegangen, überlegte Dulcie und warf einen Blick in das Restaurant. Auch dort war der Mann nicht.

Er hatte sie offenbar versetzt. Und damit hatte sie nicht gerechnet.

Es war erst wenige Minuten nach sieben. Vielleicht hatte er sich verspätet. Doch der Gedanke gefiel ihr nicht. Immerhin hatte er wahrscheinlich vor, sie zu verführen. Dann musste er sich auch an die Spielregeln halten.

Sie drehte sich um und beschloss zu gehen. Dabei stieß sie mit einem Mann zusammen, der gerade das Restaurant betreten wollte.

„Du liebe Zeit!“, rief Guido erleichtert aus. „Ich dachte schon, Sie hätten mich versetzt.“

„Ich …?“

„Als Sie nicht kamen, habe ich befürchtet, Sie hätten es sich anders überlegt. Ich habe Sie überall gesucht.“

„Ich bin doch nur zehn Minuten zu spät“, erwiderte sie.

„Die zehn Minuten sind mir wie zehn Stunden vorgekommen. Mir fiel plötzlich ein, dass ich noch nicht einmal weiß, wie Sie heißen. Wie hätte ich Sie jemals finden sollen, wenn Sie verschwunden wären? Glücklicherweise sind Sie jetzt da.“ Er nahm ihre Hand. „Kommen Sie mit.“

Er ging ihr voraus und zog sie hinter sich her, ehe sie wusste, wie ihr geschah. Sie folgte ihm jedoch gern, denn sie war neugierig, wohin er sie führte. Außerdem fühlte sie sich in seiner Gesellschaft seltsam wohl. In den Jeans und dem weißen Hemd, das seine gebräunte Haut betonte, sah er elegant aus.

„Sie hätten mich leicht finden können. Sie wissen doch, in welchem Hotel ich wohne“, erklärte sie, als sie Hand in Hand nebeneinanderher gingen.

„Glauben Sie, man würde mir im Vittorio verraten, wie die Dame heißt, die die beste Suite bewohnt und mich versetzt hat? Man würde mich sicher hinauswerfen, wenn ich so eine Frage stellte. Die Leute dort sind daran gewöhnt, mit solchen Raffinessen fertig zu werden.“

„Sind Sie raffiniert?“

„Man würde es mir bestimmt unterstellen, wenn ich mit so einer Geschichte ankäme. Was machen wir als Erstes?“

„Sie sind derjenige, der sich in Venedig auskennt“, antwortete Dulcie.

„Und deshalb schlage ich vor, wir essen zuerst ein Eis.“

„Gern“, willigte sie sogleich begeistert ein.

Guido lächelte. „Kommen Sie.“

Er führte sie durch ein Labyrinth von Straßen und Kanälen, die Dulcie kaum noch unterscheiden konnte. Einige der Gassen waren so eng, dass sich die alten Gebäude auf beiden Seiten über ihnen zu berühren schienen. Auf winzigen Brücken blieben sie stehen und beobachteten die Boote, die darunter hinwegglitten.

„Es wirkt alles so friedlich“, sagte Dulcie beeindruckt.

„Ja, weil es hier keine Autos gibt.“

„Natürlich.“ Sie blickte sich um. „Das ist mir gar nicht bewusst geworden, obwohl es offensichtlich ist. Hier können wirklich keine Autos fahren.“

„Richtig“, stimmte er ihr zufrieden zu. „Man kann vom Festland über den Damm fahren, muss jedoch das Auto am Bahnhof stehen lassen. Die Leute, die nicht zu Fuß gehen wollen, können mit den Booten fahren. Jedenfalls bringen sie nicht ihre stinkenden Autos in meine Stadt.“

„In Ihre Stadt? Das sagen Sie immer wieder.“

„Jeder Venezianer spricht von Venedig als seiner Stadt. Wir tun so, als gehörte sie uns persönlich. Damit überspielen wir die Tatsache, dass sie uns festhält wie eine besitzergreifende Mutter. Wo auch immer wir uns befinden, diese Stadt lässt uns nicht los und zieht uns zu sich zurück.“ Er lachte leicht verlegen. „Wir sollten endlich das Eis essen.“

Er führte sie in ein kleines Café an einem der Kanäle, in dem es so ruhig war, als hätte die Welt es vergessen. Dann winkte er den Kellner herbei und redete mit ihm in einer Sprache, die Dulcie nicht verstand, während er lebhaft gestikulierte.

„Haben Sie Italienisch gesprochen?“, fragte sie, als sie wieder allein waren.

„Venezianisch.“

„Es hat sich ganz anders angehört als Italienisch.“

„Das ist es auch.“

„Für Touristen, die etwas Italienisch für den Urlaub gelernt haben, ist es sicher nicht angenehm, feststellen zu müssen, dass man hier Venezianisch spricht.“

„Wir sprechen Italienisch und Englisch für die Touristen“, antwortete Guido. „Doch wenn wir als Venezianer unter uns sind, unterhalten wir uns in unserer Sprache.“

„Das hört sich so an, als wäre Venedig ein Land für sich“, sagte sie nachdenklich.

„Das ist es in gewisser Weise auch. Es war früher eine unabhängige Republik. Nicht nur eine italienische Provinz, sondern ein souveräner Staat. Und so unabhängig fühlen wir uns heute noch und sind stolz darauf, Venezianer zu sein.“

Das Leuchten in seinen Augen bewies, wie ernst es ihm mit seiner Liebe zu seiner Stadt war. Dulcie betrachtete ihn aufmerksam. Sie wollte mehr erfahren. Doch in dem Moment servierte der Kellner ihnen das Eis, und Guido schwieg. Sie nahm sich vor, später auf das Thema zurückzukommen.

Beim Anblick der riesigen Becher mit Vanille- und Schokoladeneis mit Sahne lächelte Guido zufrieden.

„Schokoladeneis esse ich am liebsten. Deshalb habe ich es bestellt“, erklärte er.

„Und wenn ich es nicht mag?“

„Dann esse ich Ihre Portion auch noch.“

Dulcie erinnerte sich an die Rolle, die sie spielte, und bemühte sich, das Lachen zu unterdrücken. Aber als er sie gespielt streng ansah, konnte sie es sich nicht mehr verbeißen.

„Verraten Sie mir doch, wie Sie heißen“, forderte er sie schließlich auf.

„Dulcie“, erwiderte sie und zögerte, ihm ihren Familiennamen zu nennen.

„Nur Dulcie?“

„Dulcie Maddox. Eigentlich bin ich eine Lady.“

Er zog die Augenbrauen hoch. „Sie sind adlig?“

„Na ja, ich benutze den Titel nie. Er ist unwichtig.“

„Aber Sie führen ihn, oder?“

„Mein Vater hat einen Titel, er ist Earl. In Italien würde man ihn Conte nennen.“

Er sah sie mit undefinierbarer Miene an. „Ein Conte?“, wiederholte er langsam. „Sie sind die Tochter eines Conte?“

„Ist das so wichtig?“

„Natürlich wollten Sie mir das nicht sagen. Ich verstehe.“

„Was verstehen Sie?“, fuhr sie ihn ärgerlich an.

Guido zuckte die Schultern. „Als Dulcie können Sie machen, was Sie wollen. Doch als Tochter eines Conte können Sie sich nicht von einem Gondoliere aufgabeln lassen.“

„Sie haben mich nicht aufgegabelt“, protestierte sie unbehaglich. „Ich bin froh, dass wir uns kennengelernt haben, und es ist mir egal, wie.“

„Ich bin auch froh, weil ich Ihnen noch sehr viel sagen möchte. Das kann ich jedoch jetzt noch nicht machen, es wäre zu früh.“

„Vielleicht ist es auch zu früh für Sie, sich sicher sein zu können, dass sie es überhaupt sagen wollen.“

Er schüttelte den Kopf. „Oh nein“, entgegnete er ruhig. „Das ist es bestimmt nicht.“

3. KAPITEL

„Sie müssen mir verzeihen, dass ich zu viel über Venedig rede“, sagte Guido. „Jeder liebt seine Heimatstadt und ist begeistert von ihr. Das vergesse ich immer wieder.“

„Ich kann mir nicht vorstellen, von London so begeistert zu sein“, erwiderte Dulcie nachdenklich.

„Leben Sie dort?“

„Ja, jetzt. Aber ich bin auf dem Landgut meines Vaters aufgewachsen.“

„Er besitzt wahrscheinlich riesige Ländereien, oder?“

„Ja.“ Die alle mit viel zu hohen Hypotheken belastet sind, fügte sie insgeheim hinzu.

„Sie sind also auf dem Land aufgewachsen“, stellte Guido fest.

„Ja. Ich erinnere mich noch gut daran, wie friedlich das Leben dort war. Morgens habe ich oft am Fenster gesessen und beobachtet, wie die Bäume langsam aus dem Nebel auftauchten. Ich habe mir vorgestellt, sie seien liebenswürdige Riesen, die mich nur in der Dämmerung besuchten. In Gedanken habe ich Geschichten erfunden …“ Sie verstummte und zuckte die Schultern.

Guido blickte sie interessiert an. „Erzählen Sie weiter“, forderte er sie auf.

Dulcie ließ sich nicht lange bitten. Sie erzählte über ihr Zuhause, ihre Kindheit und die erfundenen Freunde. Sie hatte außer einem viel älteren Bruder keine Geschwister. Schon bald vergaß sie alles andere. Es gefiel ihr, mit jemandem zu reden, der aufmerksam zuhörte. Ihre Familienmitglieder hatten von ihren Tagträumen nichts gehalten. Deshalb hatte sie das Geschichtenerfinden aufgegeben und war vernünftig geworden, wie ihre Familie es ausgedrückt hatte.

Irgendwann im Lauf des Abends bezahlte Guido das Eis, und sie verließen das Café. Beim Hinausgehen erwähnte er, sie würden woanders etwas essen. Er hörte ihr jedoch weiter zu und unterbrach sie nicht. Als sie wenige Minuten später über eine Brücke gingen, wusste Dulcie nicht genau, wie sie dorthin gekommen waren.

Später setzten sie sich in ein anderes Restaurant. Ohne sie nach ihren Wünschen zu fragen, bestellte Guido das Essen. So lernte sie Venezianische Austern mit Kaviar, Pfeffer und Zitrone kennen, die auf Eis mit Brot und Butter serviert wurden. Sie schmeckten vorzüglich, was Guido ihr offenbar anmerkte.

Er lächelte. „Wir haben hier die besten Köche der Welt“, behauptete er ohne falsche Bescheidenheit.

„Das glaube ich Ihnen“, erwiderte Dulcie. „Die Austern sind ein großer Genuss.“

„Dann verzeihen Sie mir, dass ich für Sie bestellt habe?“

„Ja. Ich hätte sowieso nicht gewusst, was ich hätte nehmen sollen.“

„Gut, Sie verlassen sich auf mich.“

„Das habe ich nicht gesagt“, protestierte sie. „Es bezieht sich nur auf das Essen.“

„Etwas anderes habe ich auch nicht gemeint.“

„Na ja, ich bin auf der Hut. Man hört so einiges über Gondolieri“, neckte sie ihn.

„Was genau haben Sie denn gehört?“, fragte er belustigt.

„Dass sie Romeos sind …“

„Nicht Romeos, sondern Casanovas“, unterbrach Guido sie mit ernster Miene.

„Ist das so ein großer Unterschied?“

„Natürlich. Venedig ist die Stadt der Casanovas. An der Piazza San Marco können Sie noch Florians Café sehen, wo er so gern Kaffee getrunken hat. Er hat auch in Venedig im Gefängnis gesessen. Aber was wollten Sie sagen?“

„Heißt das, ich kann den Satz endlich beenden?“

Guido legte einen Finger auf seine Lippen. „Ich werde schweigen.“

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Autor

Cathy Williams

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