Die Prinzessin und der griechische Bodyguard

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Prinzessin Rosamund von Cardona hat genug davon, auf Schritt und Tritt von Bodyguards bewacht zu werden! Frei und ungezwungen will sie den Festakt in Paris besuchen, bei dem das Lebenswerk ihrer Mutter gewürdigt wird. Doch der Hof besteht darauf, dass der erfahrene Security-Experte Fotis Mavridis sie begleitet. Unauffällig ist er stets in ihrer Nähe. Eigentlich eine geniale Lösung – würde bloß nicht mit jedem Tag in der Stadt der Liebe zwischen ihnen das Verlangen stärker werden. Obwohl eine gemeinsame Zukunft unmöglich scheint …


  • Erscheinungstag 17.02.2026
  • Bandnummer 2740
  • ISBN / Artikelnummer 9783751541657
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Annie West

Die Prinzessin und der griechische Bodyguard

1. KAPITEL

Rosamund schaute sich im Arbeitszimmer um, dessen antike Bücherregale bis zur Freskendecke emporreichten. Von oben starrten hochmütige griechische Götter aus ihren Wolken auf sie herab. Sie kannte das Motiv zur Genüge. Dies war das Arbeitszimmer ihres Vaters gewesen, in dem sie sich häufig hatte anhören müssen, dass sie seinen Ansprüchen nicht genügte.

Sie hatte ihn zu sehr an ihre Mutter erinnert, die mehr Interesse an Menschen als an Regeln und Etikette gehabt hatte. Aber ihr Vater war tot. Und stattdessen saß ihr Halbbruder hinter dem Schreibtisch.

Rosamund schaute ihn an. Seine Augen ähnelten denen ihres Vaters so sehr, dass sie einen Moment glaubte, den König vor sich zu sehen. Aber Leons Gesichtsausdruck war ganz anders.

Sie versuchte, ihre Ungeduld zu zügeln. „Leon, ich habe dir schon erklärt, dass ich kein Sicherheitsteam aus dem Palast mitnehmen werde.“

„Weil du nicht kannst oder nicht willst?“ Seine Frustration war hörbar. „Es wäre nur für begrenzte Zeit.“

Dasselbe hatte ihr Vater gesagt, als sie siebzehn gewesen war. Aber dann war es doch dabei geblieben, bis sie einundzwanzig und damit mündig geworden war und sich endlich hatte weigern können. Vier Jahre mit einem Team vierschrötiger Kerle mit kantigen Kiefern, ungefähr so unauffällig, wie sich mit einer Diamantkrone auf dem Kopf in die Warteschlange von Arbeitslosengeldempfängern einzureihen. Sie waren Rosamund auf Schritt und Tritt gefolgt. Selbst ihre besten Freunde hatte das schließlich abgeschreckt.

Genau das war der Grund dafür gewesen. Es war ihrem Vater vor allem darum gegangen, dass sie ihn nicht noch einmal in Verlegenheit brachte. Denn naiverweise hatte sie sich in einen charmanten Mann verliebt, der sie nur benutzt hatte, um auf der Karriereleiter voranzukommen. Als sie mit ihm Schluss gemacht hatte, hatte er sich gerächt und skandalöse Geschichten an die Presse geleakt – mit Fotos. Von denen manche nicht einmal echt waren.

Dem König war das egal gewesen. Sie hatte den Ruf des Königshauses beschmutzt. Das hatte er ihr nie verziehen.

Rosamund war es leid, von Männern umgeben zu sein, die sie eher als eine Gefangene der Monarchie behandelten denn als einen Menschen mit eigenen Rechten. „Es ist eine Zumutung. Ich reagiere allergisch auf übergroße Schläger, die sich in mein Privatleben einmischen.“

„Wenn du etwas gegen Schläger hast, hättest du dich nicht mit Brad Ricardo einlassen sollen.“

Rosamund rollte mit den Augen. Sie hatte versucht zu erklären, dass sie mit dem Mann nie wirklich etwas zu tun gehabt hatte, aber niemand hörte ihr zu. „Ich habe nicht die Absicht, ihn wiederzusehen.“

„Möglicherweise sieht er das anders. Er scheint der Ansicht zu sein, es wäre noch eine Rechnung offen.“

Sie erinnerte sich an Ricardos Gesichtsausdruck, als er begriffen hatte, was sie getan hatte. Wenn Blicke töten könnten …

Auf der Party in New York vor einem Monat hatte sie sehr impulsiv gehandelt, aber sie konnte ihre Entscheidung nicht bereuen. Menschen wie ihm war sie schon vorher begegnet. Menschen, für die nur die eigenen Bedürfnisse zählten. „Wir halten uns nicht einmal auf demselben Kontinent auf. Ich habe nicht die Absicht, bald in die Staaten zurückzukehren.“ Das Schweigen ihres Bruders machte sie nervös. „Leon – was ist es?“

„Er hat Drohungen gegen dich ausgestoßen. Ein Mann wie er hat viele zweifelhafte Kontakte – auch in Europa.“

Rosamunds Magen zog sich zusammen. Sie hatte sich gesagt, dass Ricardos Drohungen nicht ernst zu nehmen seien. Aber so ganz hatte sie das doch nicht geglaubt. Deshalb war sie auch abrupt aus den Staaten zurückgekehrt. „Du meinst, er ist gefährlich? Sag es mir, Leon. Ich habe ein Recht, es zu wissen.“

„Die Polizei in den USA ermittelt gegen ihn.“

Rosamund ließ sich auf ihren Stuhl zurücksinken. Der Mann war sogar ein echter Krimineller? „Weshalb?“

„Unterschlagung und Körperverletzung.“

Ein Schauer überlief sie. Unterschlagung überraschte sie nicht. Sie hatte gesehen, wie charmant er sein konnte. Was die Körperverletzung anging – das war eine andere Hausnummer. „Über welches Ausmaß reden wir hier?“

„Schwere Körperverletzung.“ Leon wirkte sehr grimmig.

Rosamund wollte nach Einzelheiten fragen, entschied dann aber, dass sie es gar nicht wissen wollte. „Wenn die Polizei gegen ihn ermittelt, dann hat er bestimmt andere Sorgen als mich.“

Ihr Halbbruder war weniger überzeugt. „Die Ermittlungen werden wahrscheinlich eingestellt. Das Opfer will nicht aussagen.“

Eine Last senkte sich auf Rosamunds Schultern. Sie hatte gewusst, dass Ricardo kein guter Mensch war, aber …

Leon sprach weiter. „Die Ermittlungen im Unterschlagungsfall laufen noch. Wenn sie ihm eine Beteiligung nachweisen können, geht er wahrscheinlich mehrere Jahre ins Gefängnis. Danach wird er hoffentlich kein Problem mehr sein.“

Ihr erschien es weit hergeholt, dass er ihr hier in Europa gefährlich werden konnte. Allerdings hatte sie weder seinen finsteren Blick vergessen noch seine wütenden Drohungen. „Über welchen Zeitraum reden wir?“

„Ein oder zwei Wochen.“

Rosamund schüttelte den Kopf. „Ich habe mehrere öffentliche Termine wahrzunehmen.“

Termine, bei denen sie die Security des Palasts nicht um sich haben wollte. Das würde vom Sinn und Zweck dieser Events ablenken. In Frankreich fand eine Veranstaltungswoche statt, die dem Leben und Werk ihrer Mutter gewidmet war. Rosamund war stolz auf sie, aber die Veranstaltungen würden auch eine emotionale Belastung sein. Und als Juliette Bernards einzige Tochter war sie als Ehrengast geladen.

Vor ihrer Ehe mit dem König eines europäischen Zwergstaats hatte die Welt Juliette nur als talentierte Schauspielerin gekannt. Für Rosamund wiederum war sie der einzige Mensch gewesen, der sie bedingungslos geliebt hatte. Ein Quell der Wärme, die sie vor der missbilligenden Kälte ihres Vaters beschützte.

„Ich weiß, Rosa.“ Dass Leon die Kurzform ihres Namens verwendete, überraschte sie. Genau wie der Hauch von Mitgefühl in seinem Ton.

Das letzte Mal hatte er sie so genannt, als sie ein kleines Mädchen gewesen war.

Leon war anders als ihr Vater. Allerdings kannten sie sich kaum. Leon stammte aus erster Ehe, und als Rosamund auf die Welt gekommen war, war er schon im Internat gewesen. Jetzt lebte er im Palast in Cardona, während sie ihre eigene Wohnung in der Stadt hatte. Und in den letzten Jahren, während ihr Vater noch gelebt hatte, hatte sie viel Zeit im Ausland verbracht.

„Ich weiß, wie wichtig dir das Festival ist. Deshalb schlage ich auch nicht vor, dass du absagst – obwohl es sicherer wäre.“ Sie versteifte sich. „Ich schlage einen Kompromiss vor. Statt eines kompletten Teams nimmst du einen einzelnen Mann mit. Keinen offiziellen Bodyguard, aber jemanden, den ich kenne und dem ich vertraue.“

Sie starrte ihn misstrauisch an. „Keinen offiziellen Bodyguard?“

„Definitiv nicht. Er ist Unternehmer. Aber er hat die nötigen Fähigkeiten, um für deine Sicherheit zu sorgen.“

Rosamund hob die Augenbrauen. „Unternehmer, soso. Hat er eine Kampfsportschule?“

Um Leons Lippen zuckte es. „Er ist eher eine Art Sicherheitsberater.“

Die Sorte Mann kannte sie. Sie sah sie oft genug mit ihren Aktentaschen und Brillen in den Gängen des königlichen Verwaltungstrakts. Aber es musste mehr daran sein. Sie wollte Leon gerade nach Einzelheiten fragen, als ihr ein Licht aufging. „Du hast alles schon arrangiert, oder? Ohne mich zu fragen.“

Leon zuckte mit den Schultern. „Ich kann dich nicht komplett ohne Schutz gehen lassen.“

Sie runzelte die Stirn. Ihrem Vater wäre das egal gewesen. Es fühlte sich seltsam an, dass Leon diese Anstrengung unternahm. „Es ist aber eine Menge Aufwand, jemanden zu finden, der unauffällig bleiben kann und trotzdem in der Lage ist, einzuschreiten, wenn es Ärger gibt.“

Er schaute sie ernst an. „Ich möchte nicht, dass du verletzt wirst, Rosa. Du bist meine Schwester.“

Auf einmal schnürte sich ihr der Hals zu. Es ging ihm nicht um den Ruf des Königshauses, sondern um sie.

Das hatte sie nicht erwartet, als er sie gebeten hatte, in den Palast zu kommen.

Sie hatte so selten Zeit allein mit Leon verbracht. Der letzte Mensch, dem aufrichtig etwas an ihr gelegen hatte, war ihre Mutter gewesen.

„Ich …“ Sie runzelte die Stirn. „Was für Vorkehrungen hast du getroffen?“

Als sie sah, wie erleichtert er wirkte, begriff Rosamund, dass sie sich darauf einlassen würde. Wenn er sich schon so viel Mühe gegeben hatte, einen Kompromiss zu erarbeiten …

Schweigend gelobte sie sich, dass sie einen Weg finden würde, mehr Zeit mit ihrem Bruder zu verbringen, wenn sie nach Cardona zurückkehrte.

„Er holt dich in Paris vom Flugzeug ab. Es gibt nur eine Bedingung.“

„Und die wäre?“

„Der einzige Weg, wie er unauffällig an deiner Seite sein kann, ohne wie ein Bodyguard auszusehen, ist, der Öffentlichkeit zu suggerieren, ihr wärt ein Paar. Das erklärt seine Anwesenheit. Solange du nichts sagst oder tust, um diese Annahme zu widerlegen, wird auch niemand fragen.“

„Aber …“

„Das ist der Deal, Rosa. Und du hast keine Ahnung, wie schwer es war, das zu organisieren. Aber er hat eingewilligt – unter der Bedingung, dass er das Kommando übernimmt, sobald er auch nur einen Hauch von Gefahr wittert.“ Die Wärme verschwand aus Leons Gesicht. Einen Moment lang wirkte er fast so streng wie ihr Vater. „Also, Rosamund, ja oder nein?“

Du hättest Nein sagen sollen. Er hätte es akzeptieren müssen. Er hätte dir ja schlecht verbieten können, das Land zu verlassen.

Aber späte Reue brachte nichts. Rosamund hatte zugestimmt und befand sich im Landeanflug auf Paris, im Privatjet des Königs.

Hauptsache, sie konnte an dem Event teilnehmen.

Auch, wenn ihre Pläne auf einmal alle über den Haufen geworfen worden waren.

Auf dem Weg zum Flughafen hatte sie erfahren, dass ihre Zimmerreservierung storniert worden war. Genau wie der Wagen, den sie gemietet hatte, um damit von Paris aus Richtung Süden zu fahren.

Und dass ihr Abflug früher stattfand als geplant, hatte nichts damit zu tun, dass Leon das Flugzeug brauchte. Stattdessen hatte ihr Bodyguard, der keiner war, entschieden, sie müsse früher nach Paris kommen.

Ohne sie auch nur zu fragen. Alle Entscheidungen hatte er eigenmächtig getroffen.

Rosamund kaute auf ihrer Unterlippe herum und versuchte, ihren Ärger über seine Überheblichkeit zu bändigen. Wenn er sich weiterhin so benahm, würde der Deal, den sie mit Leon geschlossen hatte, allerdings nicht funktionieren. Ganz gleich, was ihr Vater über sie gedacht hatte, sie war weder naiv noch dumm. Und höfliches Benehmen war ihr wichtig. Dazu gehörte Kommunikation auf Augenhöhe.

Fotis Mavridis schien jedoch nicht daran gelegen zu sein.

Der Mann war ein Unbekannter. Sie hatte fast nichts über ihn im Internet gefunden. Er war Grieche und besaß ein Unternehmen, das Mystikos genannt wurde, griechisch für „geheim“ oder „versteckt“. Der Name war Programm, denn es gab nicht mehr darüber zu entdecken als ein paar Verweise darauf, dass Mystikos verschiedene Regierungen und Organisationen in Fragen der Sicherheit beriet. Es gab nicht einmal eine Website.

Und was Fotis Mavridis anging, er war ein Phantom. Es gab keine Fotos und kaum biografische Angaben. Nichts, was darauf schließen ließ, was für ein Typ Mensch er war.

Bisher jedenfalls hatte er sich arrogant und unhöflich gezeigt.

Sie dachte an die Berater, die im Palast ein und aus gingen. Sie schienen ihren Arbeitsalltag vor allem im Büro zu verbringen. Wie ein solcher Mann in der Lage sein sollte, sie vor Ricardo zu beschützen, war ihr nicht ganz klar.

Das Flugzeug landete und kam zum Stehen. Die Tür wurde geöffnet. Rosamund griff nach ihren Schuhen, die sie während des Flugs ausgezogen hatte. Auf einmal überlief sie ein Prickeln. Die Atmosphäre in der Kabine hatte sich verändert – als ob ein Gewitter aufzog.

Sie schaute hoch. Und weiter hoch. Ihr Puls ging schneller. Und ihre Brustwarzen versteiften sich innerhalb von Sekunden.

Der Fremde, der vor ihr stand, hatte breite Schultern, die in einer schwarzen Lederjacke steckten. Dazu trug er schwarze Jeans und ein schwarzes T-Shirt, das einen muskulösen Oberkörper bedeckte. Er hatte nachtschwarzes Haar, Augenbrauen, die wie Schwingen wirkten, und schwarze Bartstoppeln. Aber seine Augen waren hell. Sie erinnerten Rosamund an das Meer. Ein intensiver Farbton zwischen Grün und Blau mit einem Hauch von … Gold? Markante, strenge Gesichtszüge ließen ihn überaus fesselnd wirken. Wie einen gefallenen Engel. Aber nicht einfach wie irgendeinen. Luzifer persönlich.

Etwas in ihr erbebte. Es war fast wie ein Wiedererkennen. Wie ein weiterer Sinn, der in ihr geschlafen hatte und allein dazu gedacht war, ihn wahrzunehmen.

Das war natürlich Blödsinn. Aber die Künstlerin in ihr witterte sofort die Herausforderung, seine einmalige Augenfarbe einzufangen.

„Prinzessin Rosamund.“

Es war keine Frage, sondern eine Feststellung. Und mehr als das: In nur sechs Silben einer klangvollen Baritonstimme lag kaum verhohlene Verachtung.

Das war Fotis Mavridis. Er musste es sein.

Dieser Mann sollte sie beschützen? In der Öffentlichkeit als ihr Partner auftreten?

Unglaube erfüllte sie. Trotz seiner Arroganz und Verachtung hatte er etwas an sich, das überaus attraktiv wirkte. In einer Frau den Wunsch weckte, ihn zu berühren, seine Stärke zu testen, die Geheimnisse seines Körpers zu entdecken.

Unter seinem Blick stillzusitzen, war unmöglich.

Rosamund ignorierte ihre Schuhe, stand auf und legte Selbstvertrauen an, als wäre es eine Rüstung – wie ihre Mutter es ihr beigebracht hatte. „Kyrie Mavridis. Kalimera.“

Sie neigte den Kopf, als hätte er ihr ein Kompliment gemacht, und spürte einen Hauch von Genugtuung, als er überrascht blinzelte.

„Sie sprechen Griechisch?“

Sie wünschte sich, es wäre so. Eindeutig brauchte sie in Gegenwart dieses Mannes jeden Vorteil, den sie sich erarbeiten konnte. Er war ganz sicher kein Bürokrat oder Schreibtischtäter.

Hätte Leon sie nur vorgewarnt. „Leider nein. Nur ein paar Brocken.“ Rosamund war sich ihres Größenunterschieds deutlich bewusst. Sie trug selten hohe Absätze, aber im Moment wünschte sie sich welche. Sie musste den Kopf in den Nacken legen, um seinem Blick zu begegnen.

Er neigte den Kopf. Sein Gesicht blieb grimmig.

Was ist sein Problem? Ist Höflichkeit für ihn ein Fremdwort?

Und wie war es Leon gelungen, diesen Basaltblock von einem Mann davon zu überzeugen, auf sie aufzupassen?

„Sind Sie so weit?“, fragte er brüsk.

„Einen Moment, bitte.“ Seine Ungeduld brachte sie dazu, sich bewusst Zeit zu lassen. Sie löste ihr Haar und steckte es erneut auf, bis sie sich sicher war, dass es dem Wind draußen standhalten würde. Der Steward hielt ihr ihre Jacke hin. Sie lächelte ihn freundlich an. „Vielen Dank, Philippe.“

Dann kamen die Schuhe. Sie griff nach ihrer Tasche.

„Ich bin an Bord gekommen, um mit Ihnen die Regeln zu besprechen, bevor wir weitermachen“, sagte ihr griechischer Aufpasser, als sie bereit war, zu gehen.

Sie wies auf die leeren Sitzplätze. „Sollen wir uns kurz setzen?“

„Das ist nicht nötig. Es wird nicht lange dauern.“

Mavridis’ Stimme und sein Blick blieben ausdruckslos, aber sie bemerkte, dass echte Abneigung seine Worte begleitete. Dafür konnte sie Menschen gut genug einschätzen.

Früher einmal hätte es ihr wehgetan, dass jemand sie verurteilte, ohne sie zu kennen. Aber sie war nicht mehr so jung und naiv; sie wusste, es war unvermeidlich. Und sie war eine Frau, die ihr eigenes Leben lebte. Sie würde sich nicht von der Meinung anderer abhängig machen.

Einen Augenblick lang war sie versucht, sich wieder zu setzen und Mavridis stehen zu lassen. Aber sie würde sich wahrscheinlich eine Muskelzerrung holen, wenn sie die ganze Zeit zu ihm aufschauen musste. „Also. Regeln.“ Sie lächelte, als fiele ihr gar nicht auf, wie grimmig er wirkte. „Bitte, fahren Sie fort.“

„Es gibt nur eine. Ich treffe die Entscheidungen. Oder wir lassen es.“

„‚Die Entscheidungen‘? Im Fall einer tatsächlichen Bedrohung? Keine Sorge, in dem Fall überlasse ich die Führung gern Ihnen.“ Ihre Zweifel an seiner Eignung waren verflogen. Er strahlte Kompetenz aus und hatte eine zurückhaltende Stärke an sich, die in ihr den Gedanken wachrief, er könnte mit jeder Bedrohung fertigwerden.

Alle Entscheidungen.“ Er machte eine kurze Pause. „Ich entscheide, wohin Sie gehen und wo Sie bleiben. Wenn Sie damit ein Problem haben, dann bin ich raus.“

Er sprach mit ihr, als wäre sie sechs, nicht achtundzwanzig und eine Frau, die schon seit langer Zeit ihren eigenen Weg ging. Und behandelte sie nicht wie eine Kundin, sondern wie eine lästige Bürde.

Rosamund kämpfte gegen das brennende Verlangen, ihm zu sagen, wohin er sich seine Regeln stecken konnte.

Aber Leon würde ihn sofort durch ein ganzes Team von Bodyguards ersetzen – gegen ihren Wunsch. Außerdem war sie neugierig. Was hatte er gegen sie?

Sie waren sich noch nie begegnet. Daran würde sie sich erinnern.

Vielleicht mochte er Adlige nicht. Oder Frauen. Sie schüttelte den Gedanken ab, dass es etwas Persönliches war. Unmöglich.

„Also“, sagte Mavridis, und seine Lippen kräuselten sich. „Wenn Sie aussteigen wollen, dann jetzt.“

Das klang ganz so, als wünschte er sich, dass sie es täte. Warum?

Die Versuchung war groß. Rosamund gefiel es nicht, wie sie auf ihn reagierte. Sie mochte ihn nicht. Und würde ihn lieber nie wiedersehen. Aber das war genau das, was er wollte, sonst würde er nicht so herrisch auftreten.

Rosamund holte tief Atem. „‚Aussteigen‘?“ Sie schaute ihn an und machte große Augen. „Mir hat man gesagt, Sie seien hier, um mich vor einer akuten Bedrohung zu schützen. Wenn Ihnen das gelingt, bin ich dankbar.“

In Wirklichkeit war sie dankbar dafür, dass sie von ihrer Mutter gelernt hatte zu schauspielern.

Sie sah ein Flackern in seinem Blick. Überraschung? Enttäuschung?

„Ich verstehe, dass Sie der Experte sind, was meine Sicherheit angeht.“ Ganz gleich, wie unerträglich das war. „Wie ich bemerkt habe, haben Sie schon Alternativen zu meiner Unterbringung und dem Transport gefunden. Vielleicht, weil es besser ist, nicht im Vorfeld kundzutun, wo ich absteige und wie ich unterwegs bin?“

Einen langen Moment blieb Mavridis still. Dann nickte er. „Ja.“

Schau mal an, das war doch gar nicht so schwer, oder?

Erfolgreich kämpfte sie gegen den Drang, es laut zu sagen und den Bären zu reizen.

Allerdings hatte auch ihre Geduld Grenzen. Und dieser Bär verdiente es, gereizt zu werden. „Solange Sie mich zu allen Anlässen begleiten, die geplant sind, und ich alle Leute treffen kann, die ich treffen möchte, geht das in Ordnung.“ Sie lächelte höflich, ohne dabei Zähne zu zeigen.

Mavridis musterte sie eindringlich aus seinen außergewöhnlichen Augen, ganz, als ob ihm klar war, dass dieses Lächeln Widerhaken hatte. Rosamund konnte beinahe hören, wie die kleinen Rädchen in seinem Kopf sich drehten. „Also, ist das alles, Mr. Mavridis?“

Er nickte. „Solange Sie mir aufs Wort gehorchen, ist alles gut.“ Er wandte sich ab, ohne auf Antwort zu warten.

Aufs Wort gehorchen? „Eine Sache noch“, sagte sie. „Sie haben ganz vergessen zu fragen, welches meine Regeln sind.“

Es war eine Genugtuung, zu sehen, wie sich seine Schultern versteiften. Sie fragte sich, ob er so tun würde, als hätte er sie nicht gehört.

Langsam wandte er sich zu ihr um. „Und natürlich haben Sie Forderungen.“

Ihm war anzuhören, dass er sich nur mühsam beherrschte.

Was erwartete er? Dass sie von ihm verlangte, sie auf eine Shoppingtour durch die Pariser Boutiquen zu begleiten? Oder sie ja nicht anzurühren, während sie so taten, als wären sie ein Paar?

Als ob sie Angst davor hatte, er könnte sich ihr nähern, während es ganz so aussah, als könnte er ihre Gegenwart kaum ertragen.

„Nur eine.“ Rosamund wartete, bis er die Augenbrauen hob. „Höflichkeit, Mr. Mavridis. Und die ist nicht verhandelbar. Sie mögen die Entscheidungen treffen, wie Sie es so prägnant formuliert haben, aber ich erwarte, dass Sie mich miteinbeziehen und nicht einfach befehlen. Höflichkeit mag Ihnen nicht viel bedeuten – eine Begrüßung, ein Bitte und Danke. Aber den meisten Menschen ist es lieber, wenn sie mit Respekt behandelt werden. Ich bin einer davon. Darüber hinaus werden Sie sich in Höflichkeit üben müssen, wenn die Öffentlichkeit glauben soll, Sie wären mein Partner. Nicht nur mir gegenüber, auch gegenüber den Menschen, die wir treffen werden.“

„Und Sie halten sich ebenfalls daran?“

Rosamund griff nach ihrer Tasche. „Natürlich. Ist Ihnen das nicht aufgefallen?“ Sie ging an ihm vorbei zur Tür. „Wenn ich nicht so höflich wäre, hätte ich bereits erwähnt, wie unglaublich arrogant und unerträglich Sie sich benehmen.“ Sie schaute über die Schulter in sein finsteres Gesicht. „Wollen wir?“

2. KAPITEL

Fotis runzelte die Stirn. Ihre Worte klangen ihm noch in den Ohren.

Er wollte weder amüsiert noch beeindruckt sein. Aber er musste zugeben, Prinzessin Rosamund von Cardona hatte ihn überrascht.

Das war ungewöhnlich. Normalerweise war er auf alles vorbereitet.

Sein Leben lang hatte er dafür gesorgt, dass er die Kontrolle über seine Welt hatte, nicht umgekehrt. Ärgerlich presste er die Lippen zusammen.

Die Prinzessin saß neben ihm, am Rande seines Blickfelds, mit ihrem Telefon beschäftigt. Sie hatte ihn keines Blickes gewürdigt, seit sie eingestiegen waren.

Sie ignorierte ihn ganz bewusst.

So wie sie auch bewusst langsam aus dem Flugzeug gestiegen war. Ohne mit den Hüften zu schwingen oder den Kopf zurückzuwerfen; dafür war sie viel zu königlich. Aber ihre eleganten Bewegungen und ihre kühle Gelassenheit sagten ihm deutlich, dass er ihrer Aufmerksamkeit nicht wert war.

Eine Sekunde lang dachte Fotis darüber nach, etwas zu tun, das sie wirklich aus dem Konzept bringen würde.

Im Flugzeug hatte sie wie selbstverständlich ihr Haar gelöst und es neu aufgesteckt, nur um zu verdeutlichen, dass sie ihrem Zeitplan folgten, nicht seinem.

Was würde sie tun, wenn er jetzt nach der Spange griff und sie öffnete, mit den Fingern durch die üppigen Wellen fuhr, ihren Kopf neigte, sodass er den Mund auf ihren Hals pressen konnte?

Nicht, dass er sich so etwas je erlauben würde.

Autor

Annie West

Annie verbrachte ihre prägenden Jahre an der Küste von Australien und wuchs in einer nach Büchern verrückten Familie auf. Eine ihrer frühesten Kindheitserinnerungen besteht darin, nach einem Mittagsabenteuer im bewaldeten Hinterhof schläfrig ins Bett gekuschelt ihrem Vater zu lauschen, wie er The Wind in the Willows vorlas. So bald sie...

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