Julia Arztroman Band 42

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REZEPT ZUM GLÜCKLICHSEIN von DIANNE DRAKE

Ein turbulenter Neubeginn! Als Ärztin wird Della auf Redcliffe Island begeistert empfangen – dafür ist die Praxis eine Katastrophe. Und der smarte Dr. Sam Montgomery wirkt zwar sehr anziehend – aber ein Liebesabenteuer kommt für Della überhaupt nicht infrage …

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  • Erscheinungstag 14.02.2026
  • Bandnummer 42
  • ISBN / Artikelnummer 9783751540827
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Dianne Drake, Josie Metcalfe, Fiona Lowe

JULIA ARZTROMAN BAND 42

Dianne Drake

1. KAPITEL

Foster Armstrong lächelte bemüht und schob Della Riordan die Papiere hin. „Ein besseres Angebot finden Sie nirgends. Für das Geld ist es ein Schnäppchen.“

Den Eindruck hatte sie auch. Eine Arztpraxis, ein Haus und ein großes Grundstück, das war mehr, als sie geglaubt hatte, sich leisten zu können. Zu schön, um wahr zu sein. Deshalb zögerte sie noch, den Vertrag zu unterschreiben. Ihre und Meghans Zukunft stand auf dem Spiel, und wenn sie jetzt einen Fehler machte und das Geld weg war, nicht auszudenken …

Ihre mageren Ersparnisse waren das Einzige, was sie besaß, um finanziell wieder auf die Beine zu kommen. Als Anthony vor drei Monaten starb, hatte sie keine vierundzwanzig Stunden später erfahren müssen, dass er ihnen buchstäblich nichts hinterlassen hatte als die Kleidung, die sie am Körper trugen, und ein paar persönliche Habseligkeiten. Darüber hinaus saß Della mit einem Haufen Schulden da, nachdem sich herausgestellt hatte, dass ihr Mann sie von vorn bis hinten belogen hatte.

In acht Jahren Ehe hatte der erfolgreiche Chirurg über seine Verhältnisse gelebt und nebenbei diverse Geliebte ausgehalten. Der Anthony Riordan, den Della kannte, war eine Täuschung gewesen – und eine bittere Enttäuschung.

„Ja, es ist verlockend.“ Das Beste an Redcliffe Island war, dass die Insel weit weg von Anthonys Familie lag. Aber da die Riordans noch das Sorgerecht für Meghan hatten, wäre Della tausend Meilen von ihrer Tochter getrennt. Anthony hatte ihr alles genommen – das Haus, die Autos, die Möbel, das Boot. Aber das konnte sie verschmerzen. Doch dass er ihr Meghan genommen hatte, würde sie ihm nie verzeihen. „Aber noch mal zum Mitschreiben: Wenn ich den Bedingungen zustimme, werden die Einheimischen die andere Hälfte des Kaufpreises übernehmen? Sie kaufen die Praxis von ihrem früheren Arzt, um mich dorthin zu holen? Einfach so?“

Der ernste Mann mit dem schütteren Haar nickte. „Ja, das ist ihr Angebot. Seit Jahren haben sie keine ärztliche Versorgung, und Sie suchen eine Praxis. Das passt doch perfekt, würde ich sagen.“

„Und die Insel liegt wirklich nur zwei Meilen vom Festland entfernt?“ Die Vorstellung, auf ein winziges Eiland zu ziehen, war etwas gewöhnungsbedürftig.

„Zwei Meilen. Viele Inselbewohner pendeln jeden Tag. Es gibt eine Fähre, also brauchen Sie nicht zu befürchten, dass Sie vom Rest der Welt abgeschnitten sind. Strom, fließend Wasser, Sanitäranlagen im Haus – Sie bekommen alle Annehmlichkeiten der Zivilisation. Die Insel liegt nicht hinterm Mond.“

Della betrachtete den Vertrag. Wie sie es auch drehte und wendete, das war die ideale Lösung. Sie würde eine Praxis aufmachen, beweisen, dass sie eine gute Mutter war, die für ihr Kind sorgen konnte, und Meghan zurückholen. So schnell wie möglich.

„Den Menschen dort ist doch klar, dass ich nur Allgemeinärztin bin?“ Zu mehr hatte es in ihrer Karriere nicht gereicht, nachdem sie schwanger geworden war und ein Kind bekommen hatte. Damit brauchte sie sich in Krankenhäusern gar nicht erst zu bewerben, ihre Möglichkeiten waren also begrenzt.

„Sie wissen, was sie bekommen, und außerdem haben Sie hervorragende Zeugnisse. Wenn die Inselbewohner einen Facharzt brauchen, werden sie sich einen auf dem Festland suchen.“

Della seufzte. Das hörte sich gut an. Und dennoch, wenn etwas zu schön war, um wahr zu sein … Anthony Riordan, zum Beispiel. Als er sie bat, seine Frau zu werden, konnte sie ihr Glück kaum fassen, aber inzwischen hatte sie ihre bitteren Erfahrungen gemacht und daraus gelernt. Fast mittellos, ohne Zuhause, ohne Job und ohne ihre Tochter, war sie gezwungen, ihr Leben völlig neu auszurichten.

„Kann ich es mir noch überlegen?“

Mr. Armstrong lächelte milde. „Man hat mich ermächtigt, das Angebot vierundzwanzig Stunden aufrechtzuerhalten. Danach steht es Ihnen selbstverständlich frei, die Arztpraxis mit allem, was dazugehört, zu erwerben, aber ohne die finanzielle Unterstützung durch die Inselbewohner. Tut mir leid.“

„Sie stellen mir ein Ultimatum?“ Überrascht blickte sie ihn an.

„Ich bin nur der Makler“, entgegnete er schulterzuckend, „und nicht befugt, die Bedingungen zu ändern. Vermutlich sind die Leute einfach nur ungeduldig.“

Hoffentlich, dachte Della. Unter Zeitdruck zu entscheiden, konnte nach hinten losgehen. Allerdings würde sie sich die Praxis ohne Finanzspritze nicht leisten können, und da sie bisher nichts Geeignetes gefunden hatte, würde sie wohl zugreifen müssen. Die Alternative wäre, sich von Grund auf selbst eine Praxis aufzubauen, aber dazu fehlte ihr das nötige Geld. Abgesehen davon hätte sie keine Garantie, dass die Patienten in Scharen zu ihr strömten, und es würde vermutlich Monate oder sogar Jahre dauern, bis sie von ihrer Arbeit leben könnte. Also wäre es vernünftiger, sich in eine bestehende Praxis einzukaufen … wie die auf Redcliffe Island.

„Das ist nicht viel Zeit.“

Vierundzwanzig Stunden reichten nicht einmal, um sich die Insel anzusehen. Sie würde die Katze im Sack kaufen müssen. Aber hatte sie nicht in einem staatlichen Gesundheitszentrum in Miami gearbeitet, mit denkbar mangelhafter Ausrüstung und mehr Patienten, als sie eigentlich verkraften konnten? Wie schrecklich konnte eine Inselpraxis schon sein?

„Richtig, Dr. Riordan, aber das Angebot ist sehr großzügig. Bedenken Sie, dass keine weiteren Bedingungen damit verknüpft sind, bis auf die eine, dass Sie sich verpflichten, fünf Jahre zu bleiben. Das ist alles.“

„Sie haben nicht zufällig ein paar Bilder? Vom Wohnhaus, von der Praxis?“ Im Vertrag war von Praxis und Ausstattung die Rede, aber die Ausstattung war nicht näher spezifiziert.

Er schüttelte den Kopf. „Leider nicht. Ich habe die Aufstellung gerade erst bekommen und hatte noch keine Zeit, mir das Objekt anzusehen.“

Della nickte. „Wie lange steht die Praxis schon zum Verkauf?“

„Ziemlich lange. Zwei Jahre, glaube ich.“ Foster Armstrong setzte seine Lesebrille auf und blätterte in den Papieren. „Fast drei, sogar.“ Er räusperte sich. „Fred Barnes, der Mann, der sich vorher darum gekümmert hat, hat hier notiert, dass das mangelnde Interesse potenzieller Käufer auf die geringe Größe der Praxis zurückzuführen ist. Dadurch ist das Einkommen natürlich begrenzt.“ Jetzt sah er auf und blickte Della über den Rand seiner Brille an. „Aber Sie sagten ja, dass Sie sich keine Reichtümer versprechen, sondern für sich und Ihre Tochter einen angemessenen Lebensunterhalt erwerben wollen. Und das wirft diese Praxis auf jeden Fall ab. Bedenken Sie, dass ein Haus dabei ist, in dem Sie mit Ihrer Tochter wohnen können. Genau das Richtige für Ihre Bedürfnisse, zumal Ihre Mittel, wie Sie selbst sagten, bescheiden sind.“

Ihre Bedürfnisse. Sie kannte nur ein einziges – Meghan zurückzuholen. Der Richter hatte gesagt, sie müsse stabile Lebensverhältnisse schaffen. Vor drei Monaten noch hatte sie bombensichere Verhältnisse gehabt – einen Mann, eine Villa in Miami, einen wundervollen Job im Gesundheitszentrum und Meghan. Bis nach Anthonys Tod die Bombe platzte …

„Sie sagten, ich würde mich für fünf Jahre verpflichten. Was ist, wenn ich, aus welchen Gründen auch immer, nicht so lange bleiben kann?“

„Dann zahlen Sie den Inselbewohnern ihren Anteil an der Investition zurück, nachdem Sie die Praxis verkauft haben. Das ist alles.“

„Und wenn Sie mich nicht mögen und sich nicht von mir behandeln lassen?“

„In dem Fall erstatten sie Ihnen Ihre Kosten und verkaufen das Objekt selbst. Eine außergewöhnliche Klausel, muss ich sagen. In all den Jahren, die ich in diesem Geschäft tätig bin, habe ich so etwas noch nicht gehabt. Aber dem Inselbeirat hat Ihre Bewerbung gefallen, und ich bezweifle ernsthaft, dass Sie ein Problem damit haben werden, Patienten zu finden. Man bietet Ihnen sogar an, für die Flugkosten nach Massachusetts aufzukommen und Sie so schnell wie möglich zur Insel zu bringen. Schon morgen, wenn Sie wollen.“

Darauf war sie nicht vorbereitet. Sie war noch nicht so weit, sich von Meghan zu verabschieden. Andererseits, je eher sie mit ihrem neuen Leben anfing, desto eher hätte sie ihre Tochter zurück. Della klammerte sich an diese Hoffnung. Der Richter hatte gesagt, dass er in einem halben Jahr wieder über Meghans Sorgerecht verhandeln würde. „Ich brauche meinen Wagen.“

„Man stellt Ihnen ein Auto zur Verfügung, bis Ihr Wagen auf der Insel ist.“

„Und meine Möbel.“ Jedenfalls den bescheidenen Rest davon. Sie hatte ein paar für das Einzimmerapartment gekauft, in dem sie mit Meghan nach Anthonys Tod gewohnt hatte: Bett, Sofa, Tisch.

„Der Umzug wird übernommen.“

„Ich werde nicht viel Geld haben, um die in der Praxis anfallenden Startkosten zu tragen.“

„Da besteht die Möglichkeit, dass man Ihnen einen zinsgünstigen Kredit anbietet oder andere Arrangements trifft, damit Sie mit der Arbeit anfangen können. Den Unterlagen nach ist vieles von dem, was Sie brauchen, eingelagert.“

„Andere Arrangements?“

„Verstehen Sie mich richtig, die Inselbewohner sind entschlossen, Ihnen jede Hilfe zu geben, die Sie brauchen. Ich habe den Eindruck, dass sie keine großen Ansprüche an die Einrichtung stellen. Eine schicke Praxis und die neuesten technischen Errungenschaften sind zweitrangig, solange Sie eine gute Ärztin sind. Mit anderen Worten, sie werden Ihnen helfen, alles Nötige zu beschaffen.“

„Das ist gut.“ Sein Angebot wurde immer verlockender. Della hätte vielleicht längst zugestimmt, doch sie zögerte, weil sie niemandem mehr über den Weg traute. Sie hatte ihrem Mann vertraut, und er hatte sie auf eine Art betrogen, wie sie es sich niemals hätte vorstellen können. Und dann seine Eltern. Sie waren immer hilfsbereit gewesen, vor allem nach der Beerdigung, als sich herausstellte, dass Anthony Frau und Kind praktisch mittellos zurückgelassen hatte. Hinter ihrem Rücken strengten sie jedoch das Sorgerechtsverfahren an und nutzten sogar die kleine Geldsumme, die sie von ihnen angenommen hatte, gegen sie. Sie hätte um Almosen gebettelt, gaben die Riordans zu Protokoll, und das beweise ja wohl, dass sie nicht anständig für ihre Tochter sorgen könne.

Gebettelt … Della hatte das Geld gar nicht gewollt, nicht einmal darum gebeten, sondern nur für Meghan genommen.

Ihre Gedanken schweiften zu jenem furchtbaren Tag im Gericht ab.

„Sie arbeitet auf Honorarbasis in einer staatlichen Klinik“, erklärte Vivian Riordan dem Richter, „und hat nicht einmal ein geregeltes Einkommen.“

Was auch stimmte. Nur, als Anthony noch lebte, hatte Geld keine Rolle gespielt.

„Und sie hat den Babysitter entlassen und nimmt meine Enkelin jetzt mit zur Arbeit, wo sie den ganzen Tag zwischen kranken Menschen spielt.“

Auch das hatte Della nicht bestritten. Sie konnte sich keine Kinderbetreuung mehr leisten, schaffte es knapp, die Miete zu bezahlen. Aber sie hielt Meghan von ihren Patienten fern. Unter den gegebenen Umständen war ihr keine andere Wahl geblieben, und sie musste zugeben, dass sie es genoss, mehr Zeit mit ihrer Tochter zu haben.

Und so hatten nicht nur Anthony und seine Eltern sie betrogen, sondern auch der Richter, als er ihr die kleine Tochter wegnahm. Della wäre nie auf die Idee gekommen, man könnte sie wegen ihrer mageren Einkünfte für eine schlechte Mutter halten. Doch er hatte nur gesehen, was Meghan im Vergleich zu vorher entbehren musste, ohne zu begreifen, was sie noch hatte … nämlich eine Mutter, die sie von Herzen liebte und alles tun würde, um gut für sie zu sorgen. Dann erklärte er Della für unfähig, sich um ihre Tochter zu kümmern, und gab ihr sechs Monate Zeit, eine bessere Mutter zu werden.

Danach fiel es Della schwer, jemandem zu vertrauen. Sie hatte sich auf andere Menschen verlassen und einen hohen Preis dafür bezahlt. Sollte sie das Risiko eingehen und ihr ganzes Geld in eine Inselpraxis stecken, die sie noch nicht einmal gesehen hatte?

„Vierundzwanzig Stunden, Dr. Riordan. Danach ist das Angebot vom Tisch.“

„Schön.“ In vierundzwanzig Stunden konnte unvorstellbar viel passieren. Ein Ehemann und Familienvater stirbt. Seine Affären kommen ans Licht. Die Nachlassverwalter geben der Witwe drei Tage Zeit, ihr Zuhause zu räumen, ohne etwas mitzunehmen, weil alles in die Zwangsversteigerung geht, um die immensen Schulden des Toten zu bezahlen. Eines Mannes, der weit über seine Verhältnisse gelebt und geliebt hatte.

Oder es öffnet sich der Weg in ein neues Leben.

„Gut, ich sage Ihnen gleich morgen früh Bescheid“, versprach sie.

„Ich bin gespannt auf Ihre Entscheidung, Dr. Riordan.“

„Ich auch, Mr. Armstrong. Glauben Sie mir, ich auch.“

Vierundzwanzig Stunden später

Della hatte nur geweint, seit sie in Miami abgeflogen und in Boston gelandet war. Meistens stumm, aber manchmal konnte sie die Schluchzer nicht unterdrücken, und der Mann neben ihr hatte die Stewardess schließlich gebeten, ihm einen anderen Platz zu geben. Auch während sie am Gepäckband stand, flossen die Tränen, und am Taxistand und auf dem ganzen Weg zur Küste nach Connaught, der malerischen Hafenstadt, von wo aus sie das Boot nach Redcliffe nehmen musste.

Natürlich hatte sie auf der Überfahrt nicht aufhören können, und jetzt war ihr Gesicht geschwollen, und ihre Augen waren rot und verquollen, sodass sie fürchtete, die Leute würden einen Blick auf sie werfen und sie postwendend zurückschicken.

Aber sie vermisste Meghan schrecklich! Es war ja nicht so, dass die Riordans nicht gut auf sie aufpassen würden. Darum brauchte sie sich überhaupt keine Sorgen zu machen. Doch warum sollte ein Mädchen bei seinen Großeltern aufwachsen und nicht bei seiner Mutter? Ein neuer Tränenstrom ergoss sich über ihre Wangen. Es tat weh, Meghan zurückzulassen!

Della blickte zum Kai. Gut ein Dutzend Menschen hatte sich dort versammelt.

„Sagen Sie nicht, dass die alle auf mich warten“, wandte sie sich an Cecil, den Kapitän des kleinen Schiffes. Er war schon älter, hatte wettergegerbte Züge, die halb hinter einem buschigen Vollbart verschwanden, und ein sympathisches Lächeln.

„Sie waren völlig aus dem Häuschen, als sie hörten, dass Sie das Angebot angenommen haben. Es macht keinen Spaß, jedes Mal übers Meer zu fahren, wenn man einen Arzt braucht, vor allem nicht bei Sturm und Regen. Schon beim Gedanken an die Reise wird man erst recht krank.“

„Was ist aus dem letzten Arzt geworden?“

„Der ist in die Großstadt zurückgekehrt. New York, glaube ich. Ich habe nicht persönlich mit ihm darüber gesprochen, aber er soll sich hier draußen isoliert gefühlt haben. Er war nicht verheiratet, niemand in der Nähe …“

„Hat er nicht im Ort gewohnt?“

„Nein, Ma’am.“

Das klang, als wüsste er Bescheid, und plötzlich fragte Della sich, was Foster Armstrong ihr verschwiegen hatte. Oder selbst nicht gewusst hatte …

„Ist das Haus sehr weit weg vom Dorf?“

Cecil lachte, und sein Bart wackelte dabei. „Nein, Ma’am. Auf dieser Insel sind die Entfernungen nicht der Rede wert, solange es eine gute Straße gibt.“

„Gibt es sie denn?“

„Sicher. Wurde oft genutzt, als Doc Bonn da draußen lebte. Und auch während Doc Beaumonts und Doc Weatherbys Zeit.“

„Der letzte Arzt soll vor drei Jahren hier gewohnt haben, habe ich gehört.“

„Eher dreieinhalb, würde ich sagen.“

Della wurde neugierig. „Wie lange war er hier?“

„Kann ich nicht genau sagen, aber ich denke fünf, vielleicht sechs …“

„Jahre?“

Er schüttelte den Kopf. „Wochen. Doc Weatherby war länger da, schätzungsweise drei …“

„Jahre?“

„Nein, Ma’am. Monate. Drei Monate, ein paar Tage mehr oder weniger vielleicht.“

„Und dann hat Dr. Beaumont so lange gebraucht, um die Praxis wieder zu verkaufen?“

„Ja, komisch, und bei Doc Weatherby hat es fast genauso lange gedauert. Beide Male haben die Inselbewohner in den sauren Apfel gebissen und etwas beigesteuert.“

Della rutschte das Herz in die Zehenspitzen, und sie starrte auf die Planken unter ihren Füßen, weil sie das Gefühl hatte, dass es genau dort landen würde. Dann fing sie wieder an zu weinen.

Das Boot tuckerte langsam in den Hafen.

Jemanden wie sie hatte er nicht erwartet. Nicht im Geringsten. Irgendwie hatte er sich die neue Ärztin für Redcliffe Island groß und stark vorgestellt, eine stämmige resolute Frau. Diejenige jedoch, die an der Reling stand, war zierlich, kaum mehr als einsfünfundfünfzig vielleicht, und hatte feines hellblondes Haar. Hübsch.

Sam Montgomery trat zurück in die Gruppe, die den Neuankömmling begrüßen wollte, und beobachtete, wie Dr. Della Riordan an Land kam. Unsicher, so schien es ihm, blickte sie sich um. Und … Himmel, das sah nach einer schlimmen Allergie aus! Oder einem grippalen Infekt. Ihr schmales Gesicht war gerötet, die Augen geschwollen, und sie putzte sich kräftig die Nase. Sie gehörte ins Bett, bis zum Kinn zugedeckt, versorgt mit Dampfbad und heißer Hühnersuppe. Aber abgesehen davon, dass sie den Eindruck machte, als bräuchte sie intravenöse Stärkung und Sauerstoff, war sie wirklich hübsch.

Arme Frau. Sie würde einen schweren Stand haben, und der Arzt in ihm wollte ihr helfen, gesund aus der Sache herauszukommen. Aber der Arzt in ihm musste sich zurückhalten, sollte nur beobachten und dann Bericht erstatten. Dr. Riordan stand ein harter Test bevor, und es lag allein an ihr, ob sie sich bewährte. Die Gesundheitsbehörde hatte die Messlatte höher gelegt, um die Inselbewohner zu schützen, nachdem man mit Dr. Riordans Vorgängern nur schlechte Erfahrungen gemacht hatte. Dass die Menschen hier sich einen Arzt wünschten und jeden nehmen würden, den sie kriegen konnten, spielte keine Rolle.

Im Auftrag des Gesundheitsamtes sollte Sam dafür sorgen, dass die neue Ärztin ihre Praxis den herrschenden Standards entsprechend anpasste. Oder, falls sie es nicht schaffte, Beweise beizubringen, um ihr die Genehmigung wieder entziehen zu können. Das war sein Job. Beobachten und berichten. Mehr nicht.

Aber, verdammt, das Inselvolk scharte sich bereits um die Ärztin und drängte sie, ein paar Worte zu sagen, obwohl sie aussah, als wollte sie alles, nur das nicht. Della Riordan wirkte so … er war nicht sicher, was es war. Ängstlich nicht, müde auch nicht. Traurig?

Sam beschloss, sie zu retten, und schob sich durch die Menge.

„Ich freue mich, hier zu sein“, sagte sie zum Bürgermeister, der ihr die Hand schüttelte, wie nur ein Berg von Mann es vermochte. Bruce Vargas maß fast zwei Meter.

„Und wir sind sehr froh, Sie hier zu haben, Doc Riordan“, antwortete er.

„Sagen Sie Della zu mir.“

„Doc Della“, begann er feierlich, „die Einwohner von Redcliffe können es kaum erwarten, dass Sie hier bei uns Ihre Praxis eröffnen, und wir sind bereit, alles zu tun, um Sie dabei zu unterstützen.“

„Dr. Riordan und ich müssen ein paar Dinge besprechen.“ Sam war endlich zu ihr vorgedrungen. „Tut mir leid, dass ich sie Ihnen gleich wieder entführe, aber es geht um Vorschriften zur medizinischen Versorgung in Massachusetts.“ Nicht dass er sich besonders gut damit auskannte, denn er war vom echten Medizinerleben weit entfernt. Er blickte Della an. „Dr. Sam Montgomery“, stellte er sich vor und streckte die Hand aus.

Sie nahm sie, drückte sie kurz, sagte jedoch kein Wort.

„Sie können sicher einen Kaffee gebrauchen.“ Oder eine starke Dosis Penicillin und eine Woche Bettruhe.

„Danke, gern.“ Doch sie lächelte nicht, und plötzlich wusste er, was mit ihr los war.

Dr. Della Riordan sah aus wie eine Frau, der man das Herz gebrochen hatte.

Das Dorf gefiel ihr. Die Hauptstraße wand sich malerisch an schindelgedeckten kleinen weißen Häusern mit Sprossenfenstern und Holzläden entlang. Die Menschen, denen sie begegneten, grüßten liebenswürdig, die Luft war klar und frisch. Hätten die Tränen ihr nicht die Sicht versperrt, wäre auch die Überfahrt in Captain Cecils Boot ein Erlebnis gewesen … blaues Meer, salzige Brise, wundervoll.

Aber Della vermisste Meghan, und nichts konnte diesen Schmerz lindern. Am liebsten wäre sie postwendend nach Miami zurückgeflogen, um wieder bei ihr zu sein. Leider würde sie ihr Problem damit nicht lösen, sondern ihre Lage nur verschlechtern. Also musste sie aus dieser Situation das Beste machen.

„Kaffee ist wirklich eine gute Idee“, meinte sie, während sie auf die Bank rutschte und Sam die Kellnerin zu sich winkte. „Die letzten vierundzwanzig Stunden waren hart, und allmählich spüre ich sie. Gestern um diese Zeit wusste ich kaum mehr von Redcliffe Island als das, was in den Maklerunterlagen steht, und jetzt bin ich hier, um fünf Jahre zu bleiben.“

„Ja, manchmal schlägt das Schicksal Haken wie ein Hase auf der Flucht. Bis vor Kurzem kannte ich die Insel auch nicht, und jetzt weiß jeder hier meinen Namen.“

„Die Leute sind nett.“ Ihre Stimme zitterte leicht. Er war auch nett. Gut aussehend, welliges braunes Haar, dunkelbraune Augen. Della schätzte ihn auf einsfünfundachtzig, ein schlanker, breitschultriger Mann in Jeans und T-Shirt. Und sie mochte sein freundliches, entspanntes Lächeln. Anthony, sehr attraktiv, in seinem Auftreten fast aristokratisch, war nie entspannt oder auf diese sympathische Art lässig gewesen. In T-Shirt und Jeans hatte sie ihn kein einziges Mal erlebt, und die Vorstellung, mit ihm in einem Imbiss zu sitzen und Kaffee zu trinken, war schlicht absurd. Es wäre ihm zu gewöhnlich gewesen.

„Möchten Sie etwas essen?“, bot Sam ihr an. „Ein Sandwich vielleicht, oder einen Teller Fischsuppe?“

Lieber nicht. „Nein, danke.“ Ihr würde nur übel werden, wie so oft in letzter Zeit, weil ihr die Mahlzeiten wie ein Kloß im Magen lagen. „Verraten Sie mir, was Sie hier machen? Ich dachte, ich wäre der einzige Arzt auf dieser Insel.“

„Faktisch sind Sie das auch. Mich hat das Gesundheitsamt geschickt, um zu gewährleisten, dass Ihr Eintritt in die Praxis glatt über die Bühne geht. Da Redcliffe eine eigenartige Vergangenheit hat, was seine Ärzte betrifft, werde ich eine Weile bleiben und … Ihnen helfen, wo ich kann.“

„Eigenartig, inwiefern? Abgesehen davon, dass sie es hier nicht lange aushalten.“

„Das wissen Sie nicht?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Die Menschen sind herzlich, die Insel ist ein Paradies im Atlantik, aber ich glaube, Ihre Vorgänger hatten sich etwas anderes vorgestellt, als sie herkamen. Sie fanden schnell heraus, dass man viel weniger verdient als auf dem Festland und das Leben sich abseits gewohnter Wege abspielt. Nicht jeder ist für Abgeschiedenheit und Einsamkeit geschaffen. Deshalb war ich erstaunt, dass Sie allein hier sind. Das sind Sie doch, oder?“

„Zurzeit ja.“ Della seufzte leise. „Außerdem wollte ich die gewohnten Wege verlassen.“ Weg von den Riordans.

„Dann scheinen Sie sich ja den richtigen Ort ausgesucht zu haben.“

„Apropos … ich möchte gern hinfahren, um mich häuslich einzurichten. Wissen Sie, wo es ist?“

Er hob die Augenbrauen. „Sie nicht?“

„Mein Orientierungssinn ist bescheiden“, redete sie sich heraus. Sam brauchte nicht in allen Einzelheiten zu wissen, wie das Geschäft zustande gekommen war. Dass sie ein solches Objekt kaufte, ohne es sich vorher anzusehen, konnte auf manche Menschen unverantwortlich wirken. Und falls der Richter irgendwie davon Wind bekam, würde das kein günstiges Licht auf die nächste Verhandlung werfen. Della lächelte verlegen und fügte hinzu: „Ich könnte mich sogar auf meiner Auffahrt verlaufen, und jetzt weiß ich nicht, ob ich rechts oder links abbiegen muss, um zu meinem Haus zu gelangen.“

„Dann schlage ich vor, wir holen beim Bürgermeister Ihren Leihwagen ab, und Sie folgen mir dort raus.“

Sie hätte gern gefragt, wie weit raus, verkniff es sich aber. Stattdessen trank sie einen Schluck Kaffee und sagte sich, dass die Entfernung völlig egal war. Das Anwesen gehörte ihr, und für die nächsten fünf Jahre würde es ihr trautes Heim sein. Und in gut fünf Monaten auch Meghans Zuhause.

Das allein zählte.

2. KAPITEL

Der Leihwagen war ein Schmuckstück, ein kompakter kleiner SUV. Purpurrot. Der Bürgermeister erklärte, er gehöre seiner Tochter, die im College sei.

Bruce Vargas reichte ihr den Schlüssel. „Kann sein, dass ich später vorbeischaue“, meinte er und rieb sich die Schulter. „Das hier fühlt sich ein bisschen nach Arthritis an. Vielleicht sollten Sie es sich mal ansehen.“

Ihr erster Patient. Und das eine knappe Stunde nach ihrer Ankunft. „Gern, jederzeit.“ Sie hätte ihm angeboten, einen Termin zu vereinbaren, aber sie hatte keine Ahnung, ob ihr Telefon angeschlossen war. Ihr Handy war, wie so vieles andere, den drastischen Sparmaßnahmen nach Anthonys Tod zum Opfer gefallen. „Ich untersuche das gern“, fügte sie hinzu und hätte am liebsten gesagt, er möge doch alle seine Freunde zu einem Check-up mitbringen. Doch das wäre wohl zu aufdringlich gewesen.

„Was können wir noch für Sie tun, Doc? Ich weiß, dass einige unserer Damen angeboten haben, Sie mit Mahlzeiten zu versorgen, bis Sie sich eingerichtet haben.“

„Darüber hatte ich mir noch gar keine Gedanken gemacht, aber danke, das ist sehr aufmerksam von ihnen.“

„So läuft es hier bei uns. Was mein ist, ist auch dein, Sie wissen schon …“

Sie lächelte verständnisvoll, aber in Wahrheit hatte sie andere Erfahrungen gemacht. In den Jahren ihrer Ehe war sie davon ausgegangen, dass Anthony und sie alles gemeinsam besaßen. Bis sich herausstellte, dass es nur ihm gehört hatte, von den Schulden einmal abgesehen. Und die gehörten dann plötzlich ihr.

„Wollen wir fahren?“, fragte Sam.

„Brauche ich einen Schlüssel, um ins Haus oder in die Praxis zu kommen?“ Della wurde auf einmal klar, dass sie nichts in den Händen hatte außer Foster Armstrongs Zusicherung, ihr die Vertragsunterlagen zu schicken, sobald sie amtlich registriert wären.

„Es ist offen.“ Der Bürgermeister verabschiedete sich und eilte zu seinem Büro.

Della stand auf dem Fußweg und blickte sich um. Ihr gefiel es hier. Frauen winkten ihr zu und lächelten, alte Männer tippten grüßend an ihren Hut. Vielleicht war es wirklich nicht schlimm, auf einer abgelegenen kleinen Insel zu leben.

„Sie waren also noch nie hier?“, wandte sie sich an Sam.

Er schüttelte den Kopf. „Ich muss mich um ein ziemlich großes Gebiet kümmern, sodass ich bisher keine Zeit hatte, mir Redcliffe anzusehen. Und da auf der Insel kein Arzt war, bestand auch kein Grund dazu.“

„Praktizieren Sie überhaupt nicht?“

„Nein. Dann ist man an einen Ort gebunden, und das möchte ich nicht mehr.“ Sam grinste, und Della fand ihn in dem Moment ausgesprochen sexy. „Das Leben ist zu kurz, um an etwas festzuhalten, was man eigentlich nicht will.“

„Ich glaube, ich brauche diesen Halt, ein Zuhause, in das ich jederzeit zurückkehren kann. Stabile Verhältnisse haben etwas Tröstliches.“

„Das wünscht sich jeder im Laufe seines Lebens. Ging mir auch so, bevor ich begriff, dass ich mich getäuscht habe. Das soll keine Verallgemeinerung sein, sondern gilt nur für mich. So, was halten Sie davon, wenn Sie mir mit Ihrem purpurroten Flitzer folgen, damit Sie sich im Haus einrichten können, bevor es dunkel wird?“ Er sah sich um. „Wo sind Ihre Sachen?“

Della deutete auf ihre Reisetasche und den Koffer, der danebenstand. „Hier, mehr habe ich nicht dabei. Ich werde mir bald ein paar Möbel aus Miami schicken lassen.“

Sam warf ihr einen merkwürdigen Blick zu. Besorgt, fast schockiert. „Sind Sie sicher, dass Sie wissen, worauf Sie sich einlassen? Vielleicht wäre es besser, wir suchen Ihnen ein Zimmer in einer der Frühstückspensionen im Ort, bis der Rest Ihrer Sachen hier ist.“

Der Vorschlag klang verlockend. Ein gemütliches Zimmer mit einem bequemen Bett, und zum Frühstück frische Muffins und Orangensaft … Doch so gern sie sich hätte verwöhnen lassen, sie konnte es sich nicht leisten. Was Sam natürlich nichts anging. Außerdem, je eher sie ihr neues Zuhause bezog, desto schneller könnte sie mit ihrem neuen Leben anfangen. „Nicht nötig“, antwortete sie. „Ich brauche nicht viel.“

„Offensichtlich nicht.“ Er zuckte mit den Schultern und eilte quer über die Straße zu seinem SUV, einem glänzenden schwarzen Schlitten, der dreimal so groß war wie ihrer. „Wie Sie möchten!“, rief er ihr noch zu, ehe er einstieg.

Leider ging es nicht darum, was sie wollte, sonst hätte sie Meghan bei sich. Der Gedanke an ihre Tochter trieb ihr die Tränen in die Augen. Bevor erneut die Dämme brachen, schob sie sich hinters Steuer und folgte Sam Montgomery.

Redcliffe wurde im Rückspiegel kleiner und kleiner, bis es schließlich ganz verschwand, und die Fahrt nur noch durch wilde Natur führte. Nach einer Meile bog Sam auf die nächste Straße ab, dann wieder auf eine und so weiter, bis Della das Gefühl hatte, sich mitten in einem Labyrinth zu befinden.

Oder ständig im Kreis zu fahren.

Gelegentlich entdeckte sie eine Hütte am Straßenrand und grasende Kühe, spärliche Zeichen von Zivilisation. Sonst hätte sie nicht geglaubt, dass jemals ein Mensch den Fuß in diese Gegend gesetzt hätte.

Obwohl ihr bei der Vorstellung, in dieser Wildnis zu leben, ein bisschen bange war, musste sie zugeben, dass die Landschaft ein herrliches Bild bot. Links lagen saftig grüne Weiden zwischen zerklüfteten Felsen, und vor ihr entdeckte sie eine Obstplantage. Waren das Apfelbäume? Vielleicht könnte sie mit Meghan Äpfel sammeln und einen leckeren Kuchen backen? Sie ist alt genug, dass sie langsam anfangen kann, in der Küche mitzuhelfen, dachte sie und sah ihre Tochter vor sich, mit Schürze und bemehlten Händen, hörte ihr fröhliches Lachen und hatte den Duft von warmem Apfelkuchen, Zimt und Vanille in der Nase.

Dies war nicht die vertraute Großstadt, aber es gefiel ihr trotzdem. Die wunderschöne Umgebung hatte etwas Friedliches. Ja, Meghan und sie könnten hier glücklich werden … jedenfalls für die nächsten fünf Jahre. Della lächelte, als sie Sam in die nächste Abzweigung folgte.

Nach kurzer Zeit kamen sie an seltsamen Metallgebilden vorbei. Della wandte den Kopf, um sie genauer zu betrachten, und wäre fast mit Sams SUV zusammengestoßen, der auf einer Anhöhe gehalten hatte, direkt hinter dem Gerümpel. Oder sollte es Kunst sein, und jemand hatte es absichtlich an der Straße aufgestellt?

Durch die Windschutzscheibe hindurch sah sie ein Haus, aber das war nicht ihrs.

Unmöglich.

Vor ihr erhob sich ein heruntergekommener Kasten im viktorianischen Stil, eingeschossig, verwittert, alt. Die einstmals weiße Farbe blätterte von den Wänden, und die filigranen Holzverzierungen an den Dachtraufen waren an einigen Stellen abgebrochen oder fehlten ganz. Sicher hatte es schon bessere Tage gesehen, aber die waren lange, lange vorbei. Allerdings war der Strand dahinter atemberaubend, mit seinem puderfeinen weißen Sand und den wogenden Gräsern.

„Warum halten Sie?“, rief sie Sam zu, der ausgestiegen war und am Wagen lehnte.

Eine düstere Ahnung beschlich sie; das dumpfe Gefühl in der Magengrube wurde stärker. Du hast einen Fehler gemacht, Della. Den größten, den du dir je geleistet hast.

„Weil hier die Straße zu Ende ist!“

Ihr Magen krampfte sich zusammen. Der Druck nahm ihr die Luft. Della hielt den Kopf aus dem Fenster und atmete tief durch. Salzige Seeluft füllte ihre Lungen.

„Haben Sie Ihre Meinung geändert und beschlossen, sich doch ein Zimmer zu nehmen?“, fragte Sam, als sie sich nicht rührte.

„Nein, ich bleibe in meinem Haus.“ Endlich verstand sie, warum die Kollegen Beaumont und Weatherby schnellstens das Weite gesucht hatten. Und das war schon vor Jahren gewesen. Inzwischen war das Haus noch weiter verfallen. Hätte sie nicht bereits wegen Meghan all ihre Tränen vergossen, würde sie anfangen zu heulen.

„Sie waren noch nie hier, stimmt’s?“ Sam trat an den Wagen und beugte sich zu ihr hinunter.

Was sollte sie sagen? Dass sie der größte Dummkopf aller Zeiten war, weil sie sich vorgenommen hatte, die nächsten fünf Jahre in dieser Bruchbude zu hausen? Und wie sollte sie hier praktizieren?

„Gegen harte Arbeit habe ich nichts.“

„Ich hatte mich gewundert, dass jemand diesen Schuppen kauft, um wieder eine Arztpraxis einzurichten, aber dann sagte ich mir, manche Menschen sind handwerklich sehr geschickt und übernehmen gern solche Projekte. Da ich allerdings kein Werkzeug bei Ihrem Gepäck gesehen habe, schätze ich, dass Sie nicht dazugehören, oder?“

„Vielleicht möchte ich einfach meine Ruhe haben.“

„Das ist gut, weil Sie davon mehr als genug haben werden. Also, was wollen Sie zuerst sehen, Ihr Haus oder Ihre Praxis?“

„Sie brauchen mich nicht herumzuführen.“ Della hätte gern zuversichtlich geklungen, doch es gelang ihr nicht. Das da vorn war alles, was sie hatte, und es sah nicht im Mindesten danach aus, als würde es einen strengen Richter davon überzeugen, hier ein Kind aufwachsen zu lassen. Den Kürbis in eine Märchenkutsche verwandeln … wehmütig wünschte sie sich, mit den Fingern schnipsen und ein Wunder vollbringen zu können. „Danke, dass Sie mich hergebracht haben.“

„Mrs. Hawkins, meine Pensionswirtin, wird Sie sicher gern beherbergen, bis … bis Sie dieses Haus in Ordnung gebracht haben. Falls Sie das vorhaben, meine ich.“

„In Ordnung bringen?“ Sie lachte bitter. „Ja, das muss ich wohl.“

Erst das Haus, dann ihr Leben.

Verdammt, Anthony Riordan, was hast du mir angetan!

Sie hat es nicht gewusst!, dachte Sam. Sie hat wirklich keine Ahnung gehabt, in welchem Zustand sich dieses Haus befindet. Dabei hielt er sie nicht für den Typ, der sich einfach eine Praxis kaufte, ohne vorher einen Blick darauf geworfen zu haben. Della Riordan wirkte vernünftig und nicht wie jemand, der sich Flausen in den Kopf setzen ließ. Andererseits konnte das Äußere täuschen, wie er aus eigener Erfahrung wusste. Sam sah auf seinen leeren Ringfinger. Keine Spur mehr von dem Ehering, den er vor einem Jahr noch getragen hatte.

„Hören Sie, Della, irgendetwas müssen wir tun. Ich will nicht lange hinterfragen, warum Sie dieses Anwesen erworben haben, aber ich weiß, dass Sie es gerade zum ersten Mal sehen. Darüber hinaus vermute ich, dass Sie nie die Absicht hatten, es von Grund auf zu renovieren. Ist das richtig?“

Sie nickte.

„Vielleicht wird derjenige, von dem Sie es übernommen haben, Ihnen den Kaufpreis erstatten?“ Was ein Jammer wäre, weil er sich schon darauf gefreut hatte, ein bisschen Zeit mit ihr zu verbringen.

Sie schüttelte den Kopf und sagte immer noch keinen Ton.

„Oder Sie können den Verlust verschmerzen und verschwinden von hier, um nicht noch mehr zu investieren?“

Wieder schüttelte sie den Kopf.

„Also haben Sie alles reingesteckt, was Sie hatten?“

Jetzt nickte sie.

„Möglicherweise sind Sie betrogen worden? Wenn der Makler Ihnen das Blaue vom Himmel herunter versprochen hat, sollten Sie sich einen Anwalt nehmen und das Geld zurückholen.“

„Nein“, flüsterte sie. „Hat er nicht.“

Sam seufzte. Sie war völlig verzweifelt, das sah er ihr an. Er kannte das Gefühl, hatte es vor nicht allzu langer Zeit selbst erlebt. Vielleicht verspürte er deshalb dieses starke Bedürfnis, ihr zu helfen, und mochte gar nicht daran denken, dass er ihr in zwei Wochen den nächsten Schlag versetzen musste. Ihm blieb nichts anderes übrig, als einen sachlichen, wahrheitsgetreuen Bericht zu schreiben, auf dessen Grundlage die Gesundheitsbehörde den Betrieb dieser Praxis untersagen würde. Und wie es aussah, hatte Della nicht die erforderlichen Mittel, um in kurzer Zeit eine anständige Praxis einzurichten.

Die Vorstellung bereitete ihm schon jetzt Kopfschmerzen.

„Was bedeutet der Sperrmüll an der Straße?“, fragte sie.

„Das ist kein Sperrmüll. Vor Jahren scheint es hier eine Künstlerkolonie gegeben zu haben. Dr. Bonn, der das Haus gebaut hat, war selbst Künstler und hat andere Künstler eingeladen, hier zu wohnen und ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen. Deshalb liegt die Praxis so weit draußen, in idyllischer Lage für Kunstschaffende, aber nicht für den Dorfarzt.“

„Und ich bin keine Künstlerin.“ Der Stoßseufzer kam von Herzen. „Was ist aus Dr. Bonn geworden?“

„Im Dorf hat jemand erzählt, er wäre nach Paris gegangen, um Kunst zu studieren. Mit dem Anwesen ging es danach bergab, und keiner seiner Nachfolger ist lange genug geblieben, um den Verfall aufzuhalten.“

„Alles, was von der Künstlerkolonie geblieben ist, sind diese Skulpturen?“

„Ich weiß es nicht. Der Bürgermeister hat mir erzählt, es gäbe noch ein paar Hütten am Strand. Dort hätten die Künstler gewohnt.“

„Merkwürdig, wie das Leben manchmal spielt. Er ist als Arzt hergekommen und als Künstler gegangen. Schön, dass er seine wahre Bestimmung gefunden hat.“ Sie blickte zum Haus hinüber.

„Wir alle machen Fehler, Della, aber das heißt nicht, dass sie uns ruinieren müssen.“ Leere Worte, das wusste er, doch er musste etwas sagen, um sie aufzumuntern. „Es wird nicht so schwierig werden, einen neuen Anfang zu machen, wenn Sie wieder weggehen.“

„Dies ist mein Neuanfang. Und Sie täuschen sich. Es wäre sehr schwierig, weil ich es in letzter Zeit zu oft getan habe. Dies sollte das letzte Mal sein.“

Eine Frau mit Vergangenheit? Beruflich schien alles in Ordnung zu sein, sie hatte die Zulassung als Ärztin. Er hatte ihre Bewerbung auf Herz und Nieren geprüft, und Della Riordan war gut, keine Frage.

„Ich weiß nicht, worum es geht, und ich will auch nicht neugierig sein. Aber mir scheint, Sie sitzen in der Klemme und wissen nicht weiter. Mir ist nicht wohl dabei, Sie hier allein zu lassen. Was halten Sie davon, wenn wir zurückfahren, und ich bezahle Ihnen ein paar Übernachtungen bei Mrs. Hawkins, bis Sie geklärt haben, was Sie als Nächstes tun werden?“

Della öffnete die Fahrertür und stieg aus. „Es ist, wie es ist“, entgegnete sie. „Danke, dass Sie sich um mich sorgen, aber das ist nicht nötig. Ich werde … schon etwas daraus machen. Zeit genug habe ich ja. Sie wissen nicht zufällig, ob es Strom, fließend Wasser und eine Toilette im Haus gibt?“

Sam bezweifelte es, und allmählich zweifelte er auch an ihrem Verstand. Warum wollte sie unbedingt bleiben?

„Keine Ahnung. Aber da Sie entschlossen sind, in den sauren Apfel zu beißen und hier zu übernachten, können wir uns ja mal umsehen.“ Allerdings erwartete er im Haus kaum bessere Zustände. Und solange Della kein Wunderwerker mit Hammer und Nagel war, konnte er sich nicht vorstellen, dass sie in der kurzen Zeit, bis er seinen Bericht abliefern musste, ihre Praxis eingerichtet hatte.

Fröstelnd zog Della die Schultern hoch, während sie auf ihr Haus zuging. Sie stellte sich vor, wie es vor hundert Jahren ausgesehen hatte, mit schneeweißen Wänden und hellen Korbmöbeln auf der Veranda, von deren Balken Pflanzkörbe mit Farn und üppig blühenden Begonien hingen. Sie sah sich in warmen Sommernächten mit Meghan hier draußen schlafen oder am Spätnachmittag auf der Schaukelbank sitzen und Limonade trinken.

Leider waren die Verandabohlen schon vor zehn Jahren durchgerottet. Der Zahn der Zeit und die salzige Seeluft hatten dem Gebäude arg zugesetzt. Es wirkte erschöpft … genau wie Della sich in letzter Zeit oft fühlte.

Sie ging ums Haus herum und entdeckte den Kamin. Langsam strich sie mit den Fingerspitzen über die Ziegelsteine, von denen bereits einige fehlten. Trotzdem stieg das verlockende Bild des prasselnden Feuers in ihr auf, und sie stellte sich vor, wie Meghan und sie davorsaßen, während draußen der Herbstwind pfiff. Sie hätten es warm und gemütlich, und sie würde ihrer Tochter Geschichten vorlesen und über der Glut Marshmallows rösten.

Der Gedanke war so tröstlich, dass er ihre trübsinnige Stimmung fast verscheucht hätte. Aber auch nur fast, weil sie sah, dass sie zuerst die Fenster wieder einsetzen müsste. Das Sprossengerüst war noch da, aber die kleinen Glasscheiben fehlten. Sie lagen ordentlich gestapelt neben dem Schornstein, und an ihrer Stelle war zerknitterte, schmutzige Plastikfolie in die Öffnung geklebt worden. Hatte schon mal jemand versucht, die Fenster zu restaurieren? Ihr Vorgänger vielleicht, bis er irgendwann aufgegeben hatte, weil es einfach nicht damit getan war, ein paar Fensterflügel auszubessern?

Die Umgebung war jedoch paradiesisch, trotz der bizarren Metallskulpturen, die den Weg säumten. Della drehte sich so, dass sie das Haus im Rücken hatte. Bäume, deren Blätter wie zartgrünes Feengespinst von den Zweigen hingen, standen auf einer Seite der Zufahrt, und von der anderen führte ein sanft geschwungener, grasbewachsener Hügel hinunter zu einem herrlichen unberührten Strand. Della seufzte. In Miami hatte sie sich immer gewünscht, am Strand zu leben. Nur eine Hütte für sie drei, von wo aus sie aufs Meer blicken konnte. Wie oft hatte sie Anthony gebeten, ihr diesen Wunsch zu erfüllen! Schließlich kaufte er eine protzige Villa am Kanal, eine zwischen vielen, von denen jede einen eigenen Anlegesteg besaß, wo die dazugehörige Jacht oder das schicke Segelboot lag. Eines Tages kaufte er auch ein Boot und fuhr am Wochenende damit raus, um anzugeben – wie seine Nachbarn auch. Della fühlte sich nur eingeengt.

Hier störte nichts die atemberaubende Aussicht. Einzig die Unterkunft ließ sehr zu wünschen übrig. „Wissen Sie auch, wo die Praxis ist?“, fragte sie Sam. Hoffentlich nicht in der Scheune dort hinter den Bäumen.

„Vielleicht in der Scheune. Oder in einem der Gästehäuschen. Gesehen habe ich sie noch nicht.“

„Wo auch immer sie sich verstecken mag, ich hoffe, dass sie in besserem Zustand ist als das Haus.“

Sam lächelte. „Wenn der Blick von dort genauso grandios ist wie hier, dann verstehe ich, warum es die Künstler hierhergezogen hat. Der perfekte Ort, um ein Bild zu malen … oder einen Roman zu schreiben, falls man Schriftsteller ist.“

Die letzten Worte klangen fast sehnsüchtig, und Della fragte sich, ob Sam eine künstlerische Ader besaß, vielleicht malte oder schrieb.

„Ich glaube, ich würde einfach nur dasitzen und ein Buch lesen und ab und zu die Landschaft betrachten.“ Sie sah zum Haus und entdeckte ein Perlhuhn, das über die Veranda stolzierte. Kurz darauf pickte es in der Erde, und Della schloss die Augen, in der verrückten Hoffnung, dass sie blühende Sträucher, rote und gelbe Tulpen in den Beeten an der Zufahrt und einen Holzzaun sehen würde, wenn sie sie wieder öffnete. Leider wurde sie enttäuscht. Es war kein Wunder geschehen.

Was soll ich machen?

Ehe sie auch nur ansatzweise eine Antwort fand, tauchte ein Pick-up auf, und der Fahrer drückte zum Gruß auf die Hupe, ehe er neben Sams SUV hielt. Halb Redcliffe sprang von der Ladefläche. So kam es Della jedenfalls vor.

Wie sich herausstellte, war es Familie Brodsky – Mutter Nola und Vater Matt samt vier Kindern –, die den Wunsch äußerte, die neue Ärztin möge sich doch jeden einmal genau ansehen.

„Uns geht es gut, nur Bianca hat Halsschmerzen“, erklärte Nola, „aber da Sie hier sind, dachten wir, könnten wir gleich als Erste zu Ihnen kommen. Es ist wundervoll, dass wir dafür nicht erst zum Festland fahren müssen.“

Die kleine Bianca hatte einen entzündeten Hals und außerdem leichtes Fieber.

„Quengelt sie?“ Della streckte die Arme aus, um die Kleine entgegenzunehmen.

„Oh ja, sie ist kaum zu beruhigen.“

„Wie ist es mit dem Essen?“

„Sie isst nicht viel und wird unruhig, wenn wir versuchen, sie zu füttern. Meistens weigert sie sich, oder sie spuckt es wieder aus.“

„Im Grunde bin ich noch nicht so weit, hier jemanden zu untersuchen oder zu behandeln“, sagte sie mit einem Blick zu Sam. Doch der antwortete nicht, sondern zuckte nur kurz mit den Schultern.

„Und ich war bisher nicht einmal in meinem …“ Sie zögerte. Das Gebäude verdiente die Bezeichnung Haus gar nicht. „… meinem Haus. Ich habe noch nicht ausgepackt.“

„Wir warten gern“, versicherte Nola. „Matt geht bestimmt mit den anderen an Ihren Strand, wenn Sie nichts dagegen haben.“ Die anderen, das waren der vierjährige Ryan, Keith, fünf Jahre alt und Shawn, sechs.

Tapfere Frau, dachte Della und fragte sich, wie Nola mit so vielen kleinen Kindern klarkam. Früher hatte sie selbst oft daran gedacht, dass ein Geschwisterchen für Meghan schön wäre, aber Anthony wollte nicht noch mehr Kinder und hatte sich sterilisieren lassen, damit das ein für alle Mal klar war.

„Wissen Sie was? Ich untersuche Bianca im Kofferraum meines Wagens, und für den Rest Ihrer Familie vereinbaren wir Termine, sobald ich mich besser eingerichtet habe.“

Vorausgesetzt, das ist überhaupt möglich …

Nola lächelte. „Wir wollten Sie nicht bedrängen, aber als wir hörten, dass Sie hier sind, waren wir ja so froh … Ohne Arzt in der Nähe ist es nicht einfach, Kinder großzuziehen.“

„Was passiert im Notfall?“ Della schmiegte das Mädchen an sich und ging zu ihrem SUV.

„Der Hubschrauber kommt, wenn’s dringend ist. In weniger eiligen Fällen nimmt man das Boot.“ Sie lachte. „Und betet, dass das Wetter mitspielt, wenn man übers Wasser muss.“

Kein leichtes Leben, fuhr es Della durch den Kopf, bis ihr einfiel, dass auch ihr Leben für die nächsten fünf Jahre so aussehen würde. „Nola, während ich Bianca untersuche, möchten Sie nicht …“ Ins Wartezimmer gehen, wollte sie sagen, aber sie hatte ja keins. „… am Strand warten? Ich rufe Sie, wenn ich fertig bin.“ Sie blickte hinüber, wo Matt und die Jungen Hand in Hand durch die Brandung wateten. Es war nicht das, was man sonst unter einem Warteraum verstand, aber die Aussicht war wunderschön und kostete nicht Hunderte von Dollar für Zeitschriften und Spielzeug.

„Sie wollen das Kind im Wagen behandeln?“, fragte Sam ungläubig, nachdem Nola zu ihrer Familie gelaufen war.

Della seufzte. „Wo sonst?“

„Warum haben Sie ihr nicht gesagt, sie soll sie ins Krankenhaus bringen, solange Sie mit Ihrer Praxis noch nicht fertig sind? Das haben sie bisher auch getan.“

Sie öffnete die Heckklappe und legte Bianca auf die Ladefläche. Aus dem Augenwinkel sah sie einen zweiten Pick-up halten. Bürgermeister Vargas stieg aus. „Aber jetzt gibt es eine Ärztin hier. Die Leute wissen genau, in welchem Zustand dieses Haus ist, und wenn sie trotzdem herkommen, um sich von mir behandeln zu lassen, werde ich eine Möglichkeit finden, ihnen zu helfen. Es wäre nicht fair, sie wieder wegzuschicken.“

Vor allem nicht, nachdem sie viel Geld bezahlt hatten, um sie auf die Insel zu holen.

„Sie zahnt“, erklärte Della, während sie Bianca in Nolas Arme legte. „Ihr Zahnfleisch ist rot und geschwollen, und sie hat leichtes Fieber. Kein Grund zur Beunruhigung. Hat sie Durchfall?“

Nola nickte. „Meine anderen drei hatten das alles nicht, als sie Zähne bekamen.“

Meghan schon. Sie war sehr unruhig gewesen und hatte viel geweint, sodass Anthony für ein paar Wochen ins Hotel gezogen war mit dem Argument, er bräuchte seinen Schlaf, um für die Operationen ausgeruht zu sein. Heute fragte Della sich, ob er damals nicht auch eine Affäre gehabt hatte. „Das ist bei jedem Kind unterschiedlich. Bianca wird leider ein bisschen damit zu kämpfen haben.“

„Braucht sie Antibiotika?“, wollte Matt wissen.

„Nein, es gibt keine Anzeichen für eine Entzündung. Bei Kleinkindern sollte man Antibiotika nur geben, wenn es wirklich nötig ist, weil die Gefahr besteht, dass der Körper Resistenzen entwickelt. Und das wäre nicht gut.“ Biancas Lungen waren frei, ihre Augen klar, Atmung und Puls normal. Sie hatte keine Bauchschmerzen und bewegte Arme und Beine ohne Einschränkungen. Nur als Della mit dem Finger über ihr Zahnfleisch gestrichen war, hatte sie angefangen zu weinen. „Geben Sie ihr eine Woche lang keine Milchprodukte und versuchen Sie, sie so ruhig wie möglich zu halten. Vielleicht können Sie Fruchtsaft einfrieren und ihr die Blöckchen zu lutschen geben. Sie wird den Saft mögen, und die Kälte hilft, den Schmerz zu lindern. Außerdem bekommt sie auf die Weise auch noch Flüssigkeit, was wiederum das Fieber senken wird. Achten Sie nur darauf, dass die Würfel keine scharfen Kanten haben, damit sie sich nicht verletzt.“

Sie ist gut. Sam musste zugeben, dass Della etwas von ihren Job verstand. Sie besaß ein natürliches Talent, mit Kindern umzugehen. Mehr noch, sie liebte es, das sah er an ihren leuchtenden Augen, ihrem Lächeln. In den wenigen Minuten, in denen sie sich mit Bianca befasst hatte, sah sie zum ersten Mal nicht aus wie eine Frau, die alle Last der Welt auf den Schultern trug.

„Wie viel sind wir Ihnen schuldig, Doc?“ Matt zog sein Portemonnaie aus der Gesäßtasche.

„Eine Behandlung am Strand?“ Sie dachte nach, nannte einen Betrag und steckte die Scheine rasch ein.

„Nicht schlecht“, sagte sie zu Sam, als die Brodskys davonfuhren. „Auch wenn Sie es mir nicht glauben, aber das ist das erste Mal, dass ich direkt für meine Arbeit bezahlt werde. In der Klinik in Miami habe ich pauschal ein Wochenhonorar bekommen. Es macht Spaß, selbst etwas zu verdienen.“

Eine Kleinigkeit, dachte er erstaunt, eine geringe Summe, und sie ist begeistert. Was für ein Leben hatte sie vorher geführt? Und was zum Himmel sollte er tun, um ihr bei ihrem Neuanfang zu helfen? Ohne dass er deshalb seinen Job verlor?

Ein Ding der Unmöglichkeit.

3. KAPITEL

„Ohne genaue Tests kann ich keine hundertprozentige Diagnose abgeben, aber es sieht nicht besorgniserregend aus. Kein Tumor, keine Schwellung.“ Bruce Vargas saß mit nacktem Oberkörper auf der Ladefläche ihres SUV, während Della seine Schulter untersuchte. Der Bürgermeister war nicht nur ein Hüne von Mann, sondern ausgesprochen muskulös und durchtrainiert. „Ihr Bewegungsradius ist nicht eingeschränkt, was er aber wäre, falls Sie eine Verletzung in der Muskel-Sehnen-Kappe hätten.“

„Die Beschwerden kommen und gehen“, erklärte er, „und das seit Monaten. Jedes Mal, wenn ich denke, es ist so schlimm, dass ich zum Arzt muss, wird es wieder besser, und ich verkneife mir die Fahrt zum Festland, weil ich finde, dass es nur Zeitverschwendung ist.“

„Sind beide Schultern betroffen?“ Della untersuchte auch die linke Schulter gründlich.

„Eigentlich nicht, aber manchmal spüre ich dort ein Stechen.“

Sie griff zum letzten Mittel, um ihren Verdacht zu bestätigen, und kniff fest zu. Der Bürgermeister zuckte zusammen. „Das tat weh, nicht wahr?“

„Als hätten Sie genau gewusst, wo der wunde Punkt liegt.“

„Richtig.“ Della lächelte. „Man braucht ein bisschen Übung, aber mit der Zeit findet man ihn auf Anhieb.“ Sie widmete sich der rechten Schulter, um den Vorgang zu wiederholen. Bruce Vargas stöhnte auf und wich ein Stück zurück. „Und der Schmerz verrät uns eine Diagnose und einen Behandlungsplan.“

„Einen guten, hoffe ich.“ Er rieb sich die Schulter.

Della warf einen kurzen Blick zu Sam, der auf einem Baumstumpf saß und alles genau verfolgt hatte. Es war eine schlichte Untersuchung gewesen, und trotzdem war er mit Argusaugen dabei. Ob er gern wieder als Arzt arbeiten würde? Einer spontanen Eingebung folgend, fragte sie: „Wollen Sie auch mal einen Blick darauf werfen, Sam?“ Sie brauchte seine Einschätzung nicht. Der Bürgermeister hatte eine Schleimbeutelentzündung, dessen war sie sich sicher. Dennoch wollte sie Sam mit einbeziehen. Sie wusste auch nicht, warum.

„Klar.“ Er kam durch das kniehohe Gras auf sie zu. „Ich war Internist, also kann ich eine zweite Meinung beisteuern.“

Sorgfältig und mit den gleichen Handgriffen wie sie untersuchte er nacheinander beide Schultern. „Nun, die schlechte Nachricht ist …“, begann er.

Die beiden starrten ihn verblüfft an.

„… dass ich niemals so einen athletischen Körper haben werde wie Sie, egal, wie hart ich dafür trainieren würde. Wie viele Stunden trainieren Sie pro Tag?“

„Zwei, gelegentlich drei. Meistens an Gewichten, aber auch Boxen, ein bisschen Basketball und Schwimmen.“

„Wie gesagt, das ist die schlechte Nachricht … für mich. Die gute ist, dass ich Dr. Riordans Diagnose nur bestätigen kann.“

„Sobald ich sie ausgesprochen habe, meinen Sie.“

„Sie tippen doch auf Bursitis, oder?“

„Bursitis?“, hakte der Bürgermeister nach.

„Schleimbeutelentzündung“, erklärte Della. Dem verblüfften Gesichtsausdruck nach zu urteilen, hatte er keine Ahnung, wovon sie redete. „Schleimbeutel, von denen wir im ganzen Körper Hunderte besitzen, dienen dazu, Stellen abzupolstern, an denen Muskeln und Sehnen über Knochen gleiten. Stellen Sie sich einen kleinen, mit Öl gefüllten Plastikbeutel vor, den Sie zwischen beiden Händen bewegen. Das geht problemlos. Ein entzündeter Schleimbeutel funktioniert jedoch nicht mehr als Puffer und verursacht Schmerzen.“

„Und woher kommt die Entzündung?“

„Von einer Verletzung oder durch wiederholte Bewegung und damit Beanspruchung über einen langen Zeitraum. Ich vermute, Ihr Fitnesstraining ist daran schuld.“

„Kann man etwas dagegen tun?“

„Möglicherweise müssen Sie das Trainingsprogramm anpassen, damit die Entzündung nicht immer wieder aufflammt, aber damit befassen wir uns, nachdem ich die Röntgenaufnahmen gesehen habe. Fürs Erste sollten Sie die Schulter drei- bis viermal am Tag für jeweils fünfzehn Minuten mit einem Eisbeutel massieren. Wichtig ist, dass Sie das Eis nur wenige Sekunden auf eine Stelle drücken, denn sonst holen Sie sich Erfrierungen am Muskel.“

„Statt eines Eisbeutels können Sie auch Wasser im Pappbecher gefrieren lassen und den über die Schulter rollen. Das fühlt sich auf jeden Fall besser an als die Würfel.“

Della warf ihm einen anerkennenden Blick zu. „Sprechen Sie aus Erfahrung?“

„Ich wollte mal Schriftsteller werden, aber leider la...

Autor

Josie Metcalfe
Als älteste Tochter einer großen Familie war Josie nie einsam, doch da ihr Vater bei der Armee war und häufig versetzt wurde, hatte sie selten Gelegenheiten, Freundschaften zu schließen. So wurden Bücher ihre Freunde und Fluchtmöglichkeit vor ihren lebhaften Geschwistern zugleich. Nach dem Schulabschluss wurde sie zur Lehrerin ausgebildet, mit...
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Dianne Drake
Diane, eine relative neue Erscheinung im Liebesromanbetrieb, ist am meisten für ihre Sachliteratur unter dem Namen JJ Despain bekannt. Sie hat mehr als sieben Sachbücher geschrieben, und ihre Magazin Artikel erschienen in zahlreichen Zeitschriften. Zusätzlich zu ihrer Schreibtätigkeit, unterrichtet Dianne jedes Jahr in dutzenden von Schreibkursen. Dianne`s offizieller Bildungshintergrund besteht...
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