Bianca Extra Band 158

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WIEDER IN DEINEN ARMEN von CHRISTINE RIMMER

Im dichten Schneetreiben steht Glorys Ex Bowie Bravo plötzlich vor ihrer Tür – ausgerechnet jetzt, wo sie frisch verwitwet ist und ein Baby hat! Unwillkürlich fühlt sie sich wieder zu ihm hingezogen. Bowie ist nicht mehr der Bad Boy von früher, aber darf sie ihm vertrauen?

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  • Erscheinungstag 07.02.2026
  • Bandnummer 158
  • ISBN / Artikelnummer 9783751538312
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Christine Rimmer, Stella Bagwell, Linda Turner, Marie Ferrarella

BIANCA EXTRA BAND 158

Christine Rimmer

1. KAPITEL

Er tauchte auf wie aus dem Nichts.

Es war ein Montagmorgen Mitte Januar. Draußen tobte ein Sturm. Glory Rossi stand am Wohnzimmerfenster und sah in das Schneetreiben hinaus. Der Wind trieb die dicken weißen Flocken zu einem dichten Strudel zusammen, die Welt da draußen war ein einziger rotierender weißer Nebel. Sie sah kaum weiter als bis zu dem kahlen Baum im Vorgarten, weder die Brücke, die über den Fluss führte, noch die Häuser auf der anderen Seite. Eigentlich kannte sie New Bethlehem Flat so gut wie ihr eigenes Spiegelbild, aber heute war die kleine kalifornische Stadt vom Schnee komplett eingepackt.

Auf einmal bemerkte sie eine winzige Bewegung inmitten von all dem Weiß. Sie kniff die Augen zusammen und drückte die Nase gegen die Scheibe. Kein Zweifel, da draußen war jemand. Eine große breitschultrige Gestalt, ein Mann, stapfte den Weg zum Eingang entlang und stieg die Stufen zur Haustür hoch. Er hatte den Kragen seiner Daunenjacke hochgeschlagen und das Haar unter einer Wollmütze versteckt, sodass sie sein Gesicht nicht erkennen konnte, so sehr sie sich auch den Hals verrenkte. Jetzt hob er die behandschuhte Hand. Es klingelte.

Und da wusste sie es.

Nur, es war unmöglich. Absolut ausgeschlossen. Trotzdem war sie hundertprozentig sicher: Es war Bowie.

Als hätte er ihren Blick gespürt, drehte er sich in ihre Richtung. Und sah sie am Fenster stehen, eine Hand auf die prall gewölbte Kugel ihres Bauches gepresst und ihn mit offenem Mund anstarren.

Warum ausgerechnet jetzt, nach so langer Zeit? Das macht doch keinen Sinn, dachte sie. Du träumst!

Er sah … anders aus. Die harten Konturen seines Gesichts waren noch schärfer geworden. Älter natürlich auch, klar, schließlich waren fast sieben Jahre vergangen. Älter und stocknüchtern! Die umwerfenden blauen Augen leuchteten so klar wie der Himmel über der Sierra an einem wolkenlosen Sommertag. Es musste ein Traum sein.

Sie schloss die Augen, zählte bis fünf, schlug die Augen wieder auf. Traum oder nicht, er stand immer noch an der Haustür und beobachtete sie. Vielleicht sollte sie nichts tun, stocksteif stehen bleiben und die Luft anhalten, egal wie oft er läutete. Vielleicht würde er irgendwann aufgeben und gehen.

Würde er nicht, das wusste sie, als sie die ruhige Entschlossenheit in seinen Augen sah. Er würde auf keinen Fall gehen. Ihr blieb keine andere Wahl, als ihm aufzumachen.

Im Windfang blieb Glory kurz stehen. Sie war sicher, dass sie, wenn sie jetzt gleich aufmachte, auf der anderen Seite der Tür nichts als Wind und Schnee vorfinden würde. Bowie würde sich zu dem Nichts aufgelöst haben, aus dem er gekommen war. Dann konnte sie zu ihren alltäglichen Pflichten zurückkehren wie Wäsche waschen und Spülmaschine einräumen und dabei versuchen, sich wieder einzukriegen.

Sie riss die Tür auf.

Eine Böe wirbelte Schnee herein, dessen eisige Nässe auf ihren Wangen brannte. Fröstelnd schlang sie die Arme um den Oberkörper.

Er stand immer noch da. Er war echt. Absolut und zweifelsfrei real.

Im letzten Moment unterdrückte sie einen Schrei, reckte stattdessen das Kinn in die Höhe. Er kam ihr nicht nur größer und breitschultriger vor als früher, sondern irgendwie auch … respekteinflößend.

„Hallo, Glory.“ Er musterte sie von Kopf bis Fuß. Seine Stimme klang genau wie früher, nur etwas tiefer und voller.

Glory überlief eine Gänsehaut. Die nicht von der Kälte kam. Das ist nicht richtig, schoss es ihr durch den Kopf, es ist nicht fair. Nach all diesen Jahren! Nach Matteo, diesem liebenswerten Mann, bei dem sie Glück und Frieden gefunden hatte. Es war nicht richtig! Aber anscheinend spielte das keine Rolle.

Sechseinhalb Jahre nachdem Bowie Bravo aus Glorys Leben verschwunden war, blickte sie zu ihm auf und merkte, dass sie immer noch etwas für ihn empfand. Selbst in ihrem Zustand, hochschwanger mit dem Kind ihres verstorbenen Ehemanns, löste Bowie noch etwas in ihr aus.

Sie hasste sich dafür. Sie hasste ihn.

„Kann ich reinkommen?“, fragte er ruhig, beinahe unterwürfig. Keine Spur von dem wilden Kerl, als den sie ihn gekannt hatte. Kurz spielte sie mit dem Gedanken, ihm die Tür vor der Nase zuzuknallen, aber was würde das bringen? Er war hier, also musste sie sich mit ihm befassen. Sie trat zur Seite.

Als er die Mütze abnahm, sah sie, dass er die lange blonde Mähne gestutzt hatte und das Haar jetzt raspelkurz trug. Er streifte die Handschuhe ab und schlüpfte aus der Daunenjacke. Darunter trug er ein verblichenes Flanellhemd mit hochgekrempelten Ärmeln, aus denen sehnige Unterarme ragten. Auch seine Jeans war ziemlich verschossen. „Wo ist Johnny?“, fragte er, während er die Handschuhe in die Jackentasche stopfte.

Glorys Puls sauste in die Höhe. Ein Kampf ums Sorgerecht – darauf lief dieser überraschende Besuch also hinaus? „In der Schule.“

„Bei dem Sturm?“

Auf einmal machte er sich Sorgen um Johnny? Das war dreist! „Der soll bis nachmittags abflauen.“

„Sieht nicht danach aus.“

„Die Schule meldet sich schon, falls sie schließen. Außerdem ist Trista heute mit Fahren dran.“ Trista war die Zweitälteste von Glorys acht Geschwistern. „Ihr Wagen hat Allradantrieb und gute Winterreifen.“ Glory nahm Bowie Mütze und Jacke ab und hängte sie an die Garderobe. „Kaffee?“

„Gern.“

Sie ging ihm in die Küche voraus und bedeutete ihm mit einer Geste, in der Frühstücksecke Platz zu nehmen. „Dauert einen Moment“, erklärte sie, während sie die Kaffeemaschine befüllte.

„Kein Problem.“

Schwerfällig ließ sie sich ihm gegenüber auf einen Stuhl nieder. Fett und aufgedunsen kam sie sich vor in der Umstandshose und dem weiten Oberteil – und zu allem Überdruss ärgerte sie sich, dass ihr ihr Aussehen nicht egal war. „Besuchst du deine Mom?“

Chastity Bravo gehörte das Sierra Star Bed and Breakfast ganz in der Nähe.

„Später. Ich wollte zuerst zu dir.“

Obwohl neben Bowies Mutter auch zwei seiner drei Brüder – einer war mit Glorys Schwester Angie verheiratet – in der Stadt wohnten, hatte Glory sich nie nach Bowie erkundigt. Im Gegenteil, nachdem sie sich endlich damit abgefunden hatte, dass er nicht zurückkommen würde, hatte sie allen klargemacht, dass sie seinen Namen nie wieder hören wollte.

Umgekehrt hatte seine Familie ihn anscheinend durchaus auf dem Laufenden gehalten. Er hatte herausgefunden, wo sie wohnte: Seit mehr als vier Jahren erhielt sie von ihm jeden Monat einen Scheck. Von einer Bank in Santa Cruz. Schecks über immer höhere Summen, die ihr, ehrlich gesagt, Angst machten. Woher hatte er das viele Geld? Ein Mann, der es im ganzen Leben noch nicht einmal geschafft hatte, einen Job zu behalten.

Sogar nachdem sie Matteo geheiratet hatte und zu ihm in dieses wunderschöne alte Haus gezogen war, trafen die Schecks pünktlich ein wie ein Uhrwerk. An die neue Adresse.

„Wie geht es dir, Glory?“, fragte er jetzt und unterbrach damit das lange, lastende Schweigen. Das Schweigen gebrochener Herzen. Das Schweigen verlorener Liebe. Das Schweigen zwischen zwei Menschen, die ohne einander besser dran waren.

Schlecht, seit ich meinen Ehemann verloren haben, dachte Glory, und noch schlechter, seit du plötzlich aufgetaucht bist. Aber wozu ihn vor den Kopf stoßen? „Ganz gut“, antwortete sie, auch wenn das nicht stimmte.

Sie war jetzt schon völlig erledigt, weil sie hier sitzen und vernünftig mit ihm reden musste, obwohl die alten Wunden mit einem Schlag wieder aufgerissen waren und die Tatsache, dass er sie sitzen gelassen hatte, wie ein schmutziger, grauer Vorhang zwischen ihnen hing.

Das Baby versetzte ihr einen Tritt. Stöhnend presste sie die Hand in die Seite.

Die blauen Augen unter den sonnengoldenen Brauen musterten sie besorgt. „Alles okay?“

„Babys strampeln nun mal ab und zu, aber das weißt du natürlich nicht.“

„Du hast mir noch nicht verziehen. Das überrascht mich nicht.“

„Was hast du denn erwartet?“

„Von dir? Nichts. Von mir? Deutlich mehr als früher.“

Was sollte das denn heißen? Am liebsten wäre sie aufgesprungen und hätte ihn rausgeworfen. Stattdessen wuchtete sie sich hoch und sah nach dem Kaffee. Er war noch nicht ganz durchgelaufen, aber für eine Tasse reichte es, also füllte sie einen Becher und knallte ihn vor Bowie auf den Tisch.

„Danke.“

Umständlich ließ sie sich wieder auf den Stuhl sinken. „Können wir uns mal wie normale Menschen unterhalten?“

Er begann, mit einem Finger die Holzmaserung der Tischplatte nachzuzeichnen. „Selbstverständlich.“ Sowohl seine Stimme als auch sein Blick blieben völlig gelassen, und das beunruhigte sie. Das war doch nicht der echte Bowie. Für den war „Gelassenheit“ ein Fremdwort!

„Was willst du hier?“, fragte sie.

Er trank einen Schluck, dann noch einen, setzte in aller Ruhe die Tasse wieder ab und fing wieder an, auf der Tischplatte herumzumalen. „Ich wollte langsam mal meinen Sohn kennenlernen.“

Dafür ist es eigentlich schon viel zu spät, dachte sie, sprach es aber nicht aus. Auch sie hatte gelernt, sich zu beherrschen. „Warum erst jetzt?“

„Ich“, er suchte nach Worten, „wollte den günstigsten Zeitpunkt abpassen. Bis ich gemerkt habe, dass es den nicht gibt.“ Zumindest da musste Glory ihm recht geben. „Ich habe gehört, dass dein Mann verunglückt ist. Das tut mir leid. Matteo Rossi war ein feiner Kerl.“

„Das war er. – Johnny kommt erst in ein paar Stunden aus der Schule.“ Und rechnet überhaupt nicht mit dir.

Was ging hier vor? Was hatte Bowie vor? Ihr Herz hämmerte wie verrückt, fast panisch. Wenn er ihr Johnny wegnehmen wollte … Würde er aber nicht. Ausgeschlossen. Kein Gericht der Welt würde ihm den Sohn anvertrauen, den er in den fast sieben Jahren seit seiner Geburt nicht ein einziges Mal besucht hatte. Allerdings musste sie Bowie recht geben: Es war wichtig, dass er seinen Sohn kennenlernte. Und umgekehrt.

„Wie lange wirst du bleiben?“, fragte sie.

Er beugte sich über den Tisch. „Das ist völlig offen.“

Sie lehnte sich zurück, damit der Abstand wieder stimmte. „Wohnst du bei deiner Mom?“

„Das weiß ich noch nicht.“

„Jetzt lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen!“ Sie drehte sich zum Fenster und versuchte, ihre Emotionen in den Griff zu kriegen. Es brachte nichts, ihn anzufauchen. Vergangenes war vergangen, und Bowie, auch wenn er nichts von sich preisgab, benahm sich untadelig. Im Gegensatz zu ihr.

„Schau mal, Glory, es tut mir wirklich leid. Alles, all die unzähligen Male, wo ich Mist gebaut habe.“

Er meinte es ehrlich, daran zweifelte sie keine Sekunde, trotzdem gönnte sie ihm keinen Blick. „Wenigstens schreiben hättest du können. Hin und wieder einen kurzen Brief. Es hätte ihm unendlich viel bedeutet. Aber nicht mal das hast du hingekriegt.“

„Der Anfang war echt hart. Der Entzug war die Hölle. Ich hatte mir vorgenommen, wenn ich das zwei Jahre durchhalte, melde ich mich. Aber dann hast du Matteo geheiratet …“

„Ach so ist das? Es ist meine Schuld, dass du Johnny nie getroffen hast? Weil ich geheiratet habe?“ Sie war so wütend, dass sie laut wurde.

„Das habe ich nicht gesagt.“

„Aber gemeint hast du es.“

„Nein, Glory, nein. Ich wusste immerhin so viel über Matteo Rossi, dass ich sicher sein konnte, dass er einen guten Ehemann abgeben würde. Er war freundlich, geduldig und liebenswert und stand finanziell gut da – das komplette Gegenteil von mir. Deshalb hielt ich es für das Beste, abzutauchen. Damit du ein anständiges Leben führen kannst. Um dir nicht ständig Ärger zu machen.“

„Ein Kind braucht seinen Vater.“ So ungern sie es aussprach, denn damit untermauerte sie nur Bowies Anspruch auf den Jungen, auch wenn er den reichlich spät anmeldete, es entsprach der Wahrheit. „Johnny gibt sich die Schuld daran, dass sein Dad weggegangen ist.“

„Das habe ich damals auch gedacht.“ Seine Miene hatte sich verfinstert, und seine Stimme klang nicht mehr so gefasst. „Ich habe mir so gewünscht, dass mein Vater zurückkommt. Erst als ich älter geworden bin und mehr über ihn erfahren habe, war ich froh, dass ich den Mistkerl nie kennengelernt habe.“

„Das war doch was ganz anderes. Du bist nicht wie dein Vater.“

„So, wie ich drauf war, als ich die Stadt verlassen habe, war Johnny besser dran ohne mich.“

„Blödsinn!“

Die blauen Augen blitzten. „Moment! Damals hast du gesagt, du verstehst mich. Du hast behauptet, es wäre okay, wenn ich gehe.“

„Ich habe dich auch verstanden. Flat ist eine kleine Stadt, und du warst der stadtbekannte Versager. Du konntest nichts richtig machen. Egal, was du angepackt hast, jeder ist davon ausgegangen, dass du es vergeigst, und du hast die Erwartungen nicht enttäuscht. Mir war klar, dass du da raus musstest, um herauszufinden, wer du wirklich bist. Aber ich habe nicht damit gerechnet, dass ich nie wieder von dir höre.“

„Du hast von mir gehört.“

„Ein Scheck ist nicht das Gleiche wie ein Brief.“

Er trank von seinem Kaffee und starrte versonnen in den Schneesturm hinaus. „Du hast nie auch nur einen Versuch gemacht, mich zu suchen oder mich wissen zu lassen, dass du mich brauchst“, sagte er schließlich.

„Wieso auch? Es wäre deine Pflicht gewesen, deinem Sohn ein Vater zu sein.“

Ein Muskel an seiner Schläfe zuckte, abgesehen davon blieb er ruhig. „Stur wie sonst was. Das warst du schon immer.“

„Geht ja nicht anders, schließlich muss ich ein Kind großziehen.“

„Autsch.“ Er schwieg einen Moment. „Dann freut es dich sicher, zu hören, dass ich meine Aufgabe jetzt kenne und bereit bin, sie zu übernehmen. Und diesmal lasse ich mich von dir nicht verjagen.“

Die Bemerkung brachte das Fass zum Überlaufen. „Willst du behaupten, ich hätte dich aus der Stadt gejagt?“, fauchte sie. „Das ist nicht wahr!“

„Wie oft hast du mir einen Korb gegeben, Glory? Hundertmal? Tausendmal?“

„Du glaubst doch nicht im Ernst, dass es gutgegangen wäre, wenn wir geheiratet hätten! Sei ehrlich!“

Er besaß den Anstand, den Blick zu senken, und fuhr sich mit den großen, rauen, aber herzzerreißend schönen Händen übers Gesicht. „Ich bin nicht hergekommen, um Schuldzuweisungen zu erteilen.“

„Dann lass es“, zischte sie, rutschte mit dem Stuhl zurück und stand auf. Weil ihr nichts Besseres einfiel, holte sie die Kaffeekanne und schenkte Bowie nach. Das war gar nicht so einfach, weil ihr ihr großer Bauch im Weg war, sie es aber nicht ertragen hätte, wenn dieser Bauch, wenn Matteos Baby Bowie Bravo berührt hätte.

Irgendwie gelang ihr das Kunststück, und sie stellte die Kanne in die Kaffeemaschine zurück und lehnte sich an die Arbeitsplatte. „Zu deiner Information: Johnny und Matteo haben sich sehr nahegestanden. Johnny hat seinen Stiefvater über alles geliebt.“

Bowie nickte. „Das ist gut. Gut für Johnny. Und nur er zählt.“

Glory stieß sich ab, um zum Tisch zurückzugehen – und da kam die erste Wehe, eine richtige, heftige Kontraktion, die in der Nabelgegend begann und wie eine riesige Faust ihren Unterleib von oben nach unten zusammenpresste. Überrascht und von der Wucht überwältigt, schrie sie auf.

„Um Himmels …“ Bowie sprang hoch. „Glory!“

Obwohl sie sich vor Schmerzen krümmte, wehrte sie ab. Er durfte sie auf keinen Fall berühren. „Es ist nichts. Alles oka…“ Sie konnte den Satz nicht beenden, denn die Wehe hörte einfach nicht auf. Der Schmerz war so brutal, dass sie sich mit dem Oberkörper auf die Arbeitsplatte legen musste, um nicht in die Knie zu gehen.

„Glory!“ Plötzlich stand er doch neben ihr, legte den Arm um sie und hielt sie, während sie gegen den Schmerz anatmete. Im ersten und auch im zweiten und im dritten Moment war es ihr völlig egal, dass Bowie Bravo sie wieder anfasste, so beschäftigt war sie damit, den Schmerz auszuhalten, durchzustehen.

Als es vorüber war, hing sie japsend und schweißgebadet an Bowie, aber auch das war ihr egal. Sie musste sich an jemandem festhalten, und außer ihm war niemand da.

„Besser?“, fragte er leise und strich ihr übers Haar – ein herrliches Gefühl.

„Im Augenblick ja.“ Sie hatte den Kopf an seine Schulter gedrückt und rührte sich nicht. Wie gut er duftete. Sauber. Nach Seife und Zedernholz, nach Kiefern im Frühling. So hatte er immer schon geduftet.

„Was war das denn?“, wollte er wissen. „Geht es dir wirklich gut?“

„Wie man’s nimmt.“ Sie hob den Kopf. Er hatte die Stirn gerunzelt, die blauen Augen musterten sie fragend. „Die Geburtswehen haben eingesetzt. Das Baby kommt. Jetzt!“

Bowies sonnengebräunte Wangen wurden kreidebleich, auch die Farbe seiner Augen veränderte sich. Unwillkürlich musste Glory an seinen Vater denken. Sie hatte Blake Bravo, den Kidnapper, Mörder und Polygamisten, nie persönlich kennengelernt, aber es hieß, dass man seine Augen nie wieder vergessen konnte. Blasse Augen. Wolfsaugen.

Bowie blinzelte wie jemand, der aus dem Schlaf gerissen wurde. „Darüber macht man keine Witze!“

„Es ist mein voller Ernst.“ Merkwürdigerweise spürte Glory den Drang, zu lachen. „Das Baby kommt. Bei Johnny war es genauso. Es ging ganz plötzlich los, ohne Warnung. Nach anderthalb Stunden war er auf der Welt. Die erste Wehe hat sich genauso angefühlt wie das da eben. Das Baby kommt. Und zwar flott.“

2. KAPITEL

„Jetzt?“ Besorgt blickte Bowie zum Fenster hinaus. Draußen herrschte Schneegestöber.

„Ja, jetzt.“ Fast tat er Glory leid. Damit hatte er garantiert nicht gerechnet, als er an ihre Tür geklopft hatte.

Er schluckte. „Ich bringe dich ins Krankenhaus.“

„Bei diesem Schneesturm? Das schaffen wir nicht rechtzeitig. Es ist genau wie bei Johnny: Auch dieses Baby will nicht warten.“

Sie sah, dass er sich erinnerte. Bei Johnnys Geburt war er dabei gewesen – mehr oder weniger. Sie hatte Johnny in ihrem Elternhaus zur Welt gebracht. Und während sie schwitzend und fluchend in den Wehen gelegen hatte, hatte Bowie um ihre Hand angehalten. Angefleht hatte er sie, gebettelt. Natürlich war er betrunken gewesen, damals sein normaler Zustand. Erst seinem Bruder Brett, dem Arzt am Ort, war es gelungen, ihn fortzuschicken.

Jetzt war er nicht betrunken. „Was ist mit dem Rettungshubschrauber?“

„Vergiss es!“ Sie deutete nach draußen.

„Brett …“ Verzweifelt flüsterte er den Namen seines Bruders, und auch Glory hätte den ruhigen, kompetenten Brett wirklich gerne an ihrer Seite gehabt, am liebsten auf der Stelle. Denn Brett käme natürlich in Begleitung ihrer Schwester Angie, die nicht nur seine Frau war, sondern auch seine Assistentin.

Glory löste sich aus der beunruhigend tröstlichen Sicherheit von Bowies Armen, schleppte sich zum Telefon und wählte die Nummer der Praxis. Sie kam sofort durch.

„Mina, Glory hier. Die Wehen haben eingesetzt. Das Kind ist unterwegs.“

„Ist das nicht ein bisschen zu früh?“

Glory verkniff sich eine bissige Entgegnung. „Zwei Wochen, ja, aber es kommt. Ich brauche Brett und Angie. Sofort.“

„Die sind auf Hausbesuch. Redonda Beals wollte trotz Sturm ihren Spaziergang nicht ausfallen lassen und ist bös gestürzt.“

„Können Sie sie anrufen und ihnen ausrichten, dass ich sie brauche? Und zwar schnell?“

„Sie sollten bald zurück sein.“

„Rufen. Sie. Sie. An.“

„Es gibt keinen Grund, laut …“, sagte Mina, aber da hatte Bowie Glory den Hörer schon aus der Hand gerissen.

„Sie hat Wehen, heftige Wehen. Schicken Sie Brett her. Sofort.“ Anscheinend hatte Mina etwas erwidert, denn er stieß eine Art Knurren aus. „Wer ich bin? Bowie, Bowie Bravo … Ja, ich bin wieder da, Überraschung, Überraschung. Und jetzt rufen Sie auf der Stelle meinen Bruder an und schicken ihn …“

Mehr bekam Glory nicht mit, denn eine neue Wehe hatte eingesetzt, und sie konnte sich auf nichts anderes konzentrieren. Normalerweise fluchte sie nicht, aber wenn sie in den Wehen lag, flossen ihr die Schimpfwörter – alle, die sie je gehört hatte, und sogar solche, von denen sie nicht einmal wusste, dass sie sie kannte – ungehindert über die Lippen. Als es vorüber war, hatte Bowie aufgelegt. „Mina gibt ihnen Bescheid. Sie melden sich.“

Schon jetzt war Glorys Haar schweißnass. Angewidert strich sie es sich aus der feuchten Stirn und richtete sich mühsam auf. Verflucht noch eins. Sie würde ihr Baby kriegen, und der einzige Mensch, der ihr dabei helfen würde, war Bowie. „Für deinen großen Auftritt hier hättest du dir mal besser einen anderen Tag ausgesucht.“

Er musterte sie lange. „Aber jetzt bin ich nun mal da“, meinte er schließlich. „Und ich werde tun, was ich kann. Soll ich dich ins Bett bringen?“

„Nö.“ Sie legte den Kopf auf die Arbeitsplatte. Die war kühl und glatt und fühlte sich gut an. „Ich warte hier auf Bretts Anruf, und wenn die nächste Wehe kommt, knalle ich einfach den Kopf auf die Platte.“

„Mach bitte keine Witze“, bat er betreten. „Soll ich deine Mom anrufen?“

Gute Idee. Rose Dellazola hatte neun Kinder geboren und allen ihren Enkeln auf die Welt geholfen. „Ja, bitte. Aber sag ihr, dass ich ihr den Hals umdrehe, wenn sie Tante Stella mitbringt.“ Glorys unverheiratete Tante war berüchtigt, weil sie in Stresssituationen – und nicht nur dann – lauthals den Rosenkranz betete und Bibelverse zitierte. „Nein, warte, das mach ich selbst.“

Es läutete dreimal, dann sprang der Anrufbeantworter an. „Hallo“, flötete die Stimme ihrer Mutter. „Die Dellazolas freuen sich über Ihren Anruf. Bitte hinterlassen Sie eine Nachricht, wir rufen so bald wie möglich zurück.“

Na super! Ausgerechnet heute waren alle ausgeflogen! Wo steckten die denn – bei diesem Wetter? Egal.

„Mom“, sprach sie aufs Band, „das Baby kommt. Jetzt. Komm bitte rüber, wenn du das hörst. Ich brauche dich. Aber bring auf keinen Fall Tante Stella mit, das meine ich ernst!“ Sie legte auf, und prompt rollte die nächste Wehe heran.

Zehn nach zehn, sagte die Wanduhr. Keuchend bat Glory Bowie, Papier, Bleistift und eine Armbanduhr mit Sekundenzeiger aus der Schreibecke zu holen und über Uhrzeit und Dauer der Kontraktionen Buch zu führen. „Stopp die Zeit, Bowie“, befahl sie, und dann konnte sie nicht mehr sprechen.

„Wie lang?“, fragte sie, als es vorbei war.

„Vierundfünfzig Sekunden.“

„Notier dir das. Jedes Mal! Kriegst du das hin?“

„Jep.“ Er legte die Uhr an und verstaute Papier und Bleistift in der rückwärtigen Hosentasche. „Kann ich deine Mom auf dem Handy erreichen? Oder Angie oder Brett?“

„Selbst wenn sie eins hätten, hier im Canyon bekommt man kein Netz.“

„Können wir sonst jemanden anrufen? Meine Mom zum Beispiel?“

Ja, warum nicht? Chastity war immer freundlich gewesen zu Glory. Unter den gegebenen Umständen war sie die beste Option. Aber auch sie ging nicht ans Telefon, deshalb hinterließ Bowie eine Nachricht.

Glory rutschte ein Wort heraus, bei dem Tante Stella auf der Stelle tot umgefallen wäre. „Wo sind denn alle? Ständig stehen sie einem im Weg rum, aber wenn man sie einmal braucht …“ Sie schloss die Augen. „Ruft an, bitte, bitte“, flüsterte sie verzweifelt.

Wie aufs Stichwort läutete das Telefon. „Guten Tag“, sagte eine Stimme, die eindeutig vom Band kam. „Sie sprechen mit Amy vom Kreditkartenservice. Ich rufe heute an, um Ih…“

Mit einem unterdrückten Fluch legte Glory auf. „Automatische Ansage“, erklärte sie Bowie. „Ruf Mina noch mal an und finde raus, wieso das so lange dauert.“

„Anscheinend sind die Leitungen tot“, meinte er, nachdem er mit Mina gesprochen hatte.

„Das gibt’s doch nicht.“

„Soll ich den Notruf probieren?“ Er begann, zu wählen, legte den Hörer aber sofort wieder auf. „Die Leitung ist tot. Hör selbst.“

Sie lauschte. Stille! Offenbar hatte der Sturm die Leitungen beschädigt. Mit einem wütenden Aufschrei stieß sie das nutzlose Gerät von sich und ließ den Kopf auf die Arbeitsplatte sinken. „Das darf doch nicht wahr sein.“

„Sieht ziemlich unbequem aus, wie du da liegst“, meinte Bowie. „Soll ich dich nicht doch lieber ins Schlafzimmer bringen? Und Wasser abkochen oder so?“

„Wasser abkochen?“ Glory stieß einen Laut aus, der ein Lachen sein sollte, aber wie ein Schluchzen klang. „Ich kriege ein Kind, und keiner ist da, der mir helfen kann.“

„Du musst nehmen, was du kriegen kannst, und das bin im Moment nun mal ich. Sag mir, was ich tun soll, dann klappt das schon.“

„Was soll ich dir denn sagen?“ Jetzt kreischte sie fast. „Ich weiß es doch selber nicht. Bei Johnnys Geburt hat Brett mir gesagt, wann ich pressen soll, und Angie hat meine Hand gehalten und mir durch die Wehen geholfen und …“

„Du kriegst das schon hin. Wir kriegen es hin.“

Glory hätte ihm gerne ein paar deftige Schimpfwörter an den Kopf geschmissen, aber er hatte leider recht. Sie mussten es hinkriegen, sie hatten keine andere Wahl. Zum Glück besaß sie ein paar Bücher über Schwangerschaft und Geburt. In einem davon würde sich hoffentlich ein Kapitel finden über Hausgeburten.

„Ich hasse dich, Bowie Bravo“, murmelte sie.

„Ich weiß.“ Er zog sie hoch. „Los geht’s.“

Eine zweite Chance, dachte Bowie, als er Glory die Treppe hinaufbegleitete, deswegen bin ich nach Hause gekommen. Er wollte seinen Sohn kennenlernen und zumindest versuchen, so was wie ein Vater für ihn zu werden, der Vater, den er selbst nie gehabt hatte. Er wollte sich, wenn möglich, mit Glory aussöhnen. Und ihr mit Johnny, dem neuen Baby und dem Geschäft helfen, dem Heimwerkerladen, den ihr Matteo Rossi hinterlassen hatte. Er hatte sich vorgenommen, alles zu tun, was nötig war, um wettzumachen, dass er so viele Jahre weder für seinen Sohn noch für dessen Mutter dagewesen war.

Besonders gut hatte sich die Sache leider nicht angelassen: Glorys Begrüßung war mäßig begeistert ausgefallen, dann hatte er es geschafft, sie noch mehr gegen sich aufzubringen, und plötzlich hatte sie sich den riesigen Bauch gehalten und geschrien, dass sie ihr Kind bekam. Jetzt!

Große Klasse, Bowie! Kaum angekommen, schon setzen die Wehen ein, niemand ist erreichbar, die Fahrt zum Krankenhaus unmöglich, die Telefonleitungen tot. Und das alles nur, weil du unbedingt bei Glory aufkreuzen musstest. So viel zum Thema zweite Chance. War sowieso eine hirnrissige Idee gewesen. Und jetzt völlig unwichtig, denn Glory bekam ihr Kind.

Auf halbem Weg die Treppe hoch kam die nächste Wehe. Glory krallte sich mit einer Hand ans Geländer, mit der anderen an Bowie. Für so eine zierliche Frau verfügte sie über erstaunliche Kraft. Sie biss die Zähne zusammen und keuchte. Und sie fluchte.

„Zeit?“, fragte sie hinterher und sah ihn herausfordernd an.

Doch er war gewappnet. Tatsächlich hatte er daran gedacht, den Abstand zur vorherigen Wehe zu notieren und die Dauer der Wehe zu stoppen. Er gab ihr die Info, dann brachte er sie nach oben.

Das Schlafzimmer war groß und geschmackvoll eingerichtet. Beim Anblick des riesigen Himmelbettes musste Bowie sich zwingen, sich nicht vorzustellen, dass Matteo und Glory es geteilt hatten. Sie war glücklich gewesen mit Matteo, nur das zählte. Matteo hatte sie glücklich gemacht, Johnny gut behandelt und Glory finanziell gut abgesichert zurückgelassen, als er mit seinem Auto von einem Erdrutsch mitgerissen wurde.

„Das wird eine unappetitliche Angelegenheit“, erklärte Glory. „Wir sollten eine undurchlässige Unterlage auf die Matratze legen.“

Bowie wusste nicht, ob er lachen oder flüchten sollte. „Einen Duschvorhang zum Beispiel?“

„Genau. Nimm den aus Johnnys Bad. Zur Tür raus, gleich gegenüber.“

Es kostete ihn einige Mühe, das verflixte Ding aus den Haken zu pfriemeln. Als er ins Schlafzimmer zurückkam, kniete Glory vor einem Sessel und hob stöhnend die Hand. Es war wieder so weit. Er sah auf die Uhr.

Eine Stunde später war noch immer keine Hilfe eingetroffen. In einem von Glorys Schwangerschaftsratgebern hatte Bowie ein Kapitel zum Thema Notgeburt gefunden. Wie empfohlen, hatte er die Matratze ihres Bettes mit dem Plastikvorhang abgedeckt und ein altes Laken darübergelegt. Während einer Wehenpause hatte er Glory geholfen, sich kurz abzuduschen und ein weites T-Shirt mit nichts darunter anzuziehen. Sie hatte alles anstandslos über sich ergehen lassen, denn es ging ja nur darum, dass sie und das Baby die Geburt wohlbehalten überstanden.

Danach hatte Bowie sich die Hände gründlich gewaschen, zwei Stapel Handtücher hergerichtet und aus dem Kinderzimmer eine Einschlagdecke geholt. Und Eiswürfel gegen den Durst der werdenden Mutter, wie es das Buch empfahl.

Sorgfältig führte er über jede Wehe Buch, nur für den Fall, dass doch noch ein Wunder geschah und Brett schneller eintraf als das Baby, und während der Kontraktionen, die in immer kürzeren Abständen stattfanden und immer länger anhielten, sprach er beruhigend auf Glory ein.

Sie dagegen schrie und fluchte, was das Zeug hielt. Außerdem quetschte sie seine Hand jedes Mal, bis es ihm das Blut in den Fingern abdrückte.

Zwischen den Wehen, wenn Glory ein wenig döste, machte er sich Vorwürfe, weil er bei Johnnys Geburt nicht genauso für sie da gewesen war. Er hatte so viel versäumt, so vieles falsch gemacht.

Und er dachte an Wily Dunn. Der alte Mann war vor zwei Monaten friedlich im Schlaf gestorben, aber Bowie wusste genau, was er in dieser Situation zu ihm gesagt hätte: „Alles Schnee von gestern, mein Junge. Du kannst es nicht ändern, also mach ’nen Haken dran.“

Eineinviertel Stunden nachdem er Glory nach oben gebracht hatte, saß sie, den Oberkörper mit Kissen gestützt, am Fußende des Bettes. Die Füße stemmte sie auf zwei Stühle, die Schenkel hatte sie weit gespreizt, und Bowie kniete dazwischen auf dem Boden. Nicht in seinen wildesten Träumen hätte er sich vorgestellt, dass er sich am Tag seiner Rückkehr in dieser Position befinden könnte.

Dann sah er den Kopf des Babys. „Jetzt hecheln, nicht pressen“, befahl er, wie es das Buch vorschrieb. „Sachte, ganz sachte!“

Glory stöhnte und keuchte, aber sie wirkte voll konzentriert. Vorsichtig drückte er gegen den Damm, damit, wie das Buch erklärte, der Kopf des Kindes nicht zu schnell austrat. Zum Glück lief alles ziemlich genau so ab, wie es im Buch beschrieben war, von daher ging er einfach davon aus, dass alles seine Richtigkeit hatte.

Jetzt war das Köpfchen draußen. Es war verformt und mit klebrigem weißem Zeug überzogen. Das Mündchen öffnete sich, aber es kam kein Laut. Sanft strich er über die winzigen Nasenflügel und die Wangen, dann in die Gegenrichtung, um Schleim und Reste von Fruchtwasser aus Mund und Nase zu drücken, und siehe da, es funktionierte.

Glory stöhnte. „Was ist denn? Ist das Baby …?“

„Sch!“ Behutsam legte er die Hände um den schmierigen Kopf des Kindes. „So, Glory, jetzt darfst du pressen.“

Sie gehorchte. Ganz vorsichtig drückte er das Köpfchen des Babys ein wenig nach unten, und dann geschah es. Genau wie es im Buch stand: Eine Schulter rutschte heraus, dann die zweite, und danach ging alles so schnell, dass er das Kind gerade noch zu fassen bekam, und schließlich machte das winzige Wesen den Mund auf und schrie. Lang, laut und zornig.

Bowie grinste. Ganz die Mutter: Diese Handvoll Mensch machte keinen Hehl aus ihren Gefühlen. „Es ist ein Mädchen, Glory, und sie ist einfach perfekt.“ Er wickelte das klebrige puterrote Menschlein in die Einschlagdecke, die er im Eifer des Gefechts vergessen hatte, und legte sie behutsam in die Arme ihrer Mutter.

„Sera“, schluchzte Glory, „sie heißt Serafina Teodora, nach Matteos Mom.“

In dem Moment, als Bowie das Baby loslassen wollte, bemerkte er, dass es ihn ansah. Ernste Augen in einem schrumpeligen Greisengesicht, der Mund zu einem großen O verzogen. Es war, als würde dieses winzige Wesen in ihm lesen wie in einem Buch. Und es akzeptierte ihn. Uneingeschränkt. Sofort. Bedingungslos, im Gegensatz zu seiner Mutter und praktisch allen anderen Einwohnern von Bowies Heimatstadt, denen er nie etwas recht machen konnte. Er, Bowie Bravo, hatte bestanden in den Augen von Sera Rossi.

Mit einem Schlag wurde ihm warm ums Herz, denn in diesem einen, viel zu kurzen Moment, als er in die Augen des Babys gesehen hatte, war er beinahe überzeugt, dass alles gut werden würde.

3. KAPITEL

Nachdem Bowie sich die Hände gewaschen hatte, ging er wieder ins Schlafzimmer und sah aus dem Fenster. Das Wetter hatte sich beruhigt. Der Himmel hing wie eine graue Decke über ihnen, die Straße war schneebedeckt. Der Wind hatte abgeflaut, man konnte das gegenüberliegende Ufer des Flusses ausmachen, den Rauch, der überall aus den Kaminen stieg. Die ersten Anwohner schaufelten bereits die Gehwege frei oder kratzten die Autoscheiben sauber. Nur das Telefon war immer noch tot.

Während Glory die Kleine stillte, machte Bowie sauber, so gut es möglich war, ohne die erschöpfte Mutter oder das Baby zu stören. Als er nach unten ging, um Glory etwas zu trinken zu holen, läutete es an der Tür. Das Geräusch ging ihm durch und durch, am liebsten hätte er nicht reagiert. Es widerstrebte ihm, die friedliche Stimmung zu ruinieren, und das würde geschehen, sobald die ersten Besucher eintrudelten und sich herumsprach, dass Bowie Bravo zurückgekehrt war.

Draußen standen sein Bruder Brett mit seiner Frau Angie, dick eingemummelt und mit Erste-Hilfe-Koffern bewaffnet. Nicht schon wieder, dachten beide bei seinem Anblick, das las er in ihren Augen. Er konnte es ihnen nicht verdenken. Sie hatten Glory bei Johnnys Geburt beigestanden, während der der sturzbetrunkene Bowie nichts als Ärger gemacht hatte.

„Ich bin stocknüchtern, und ich bin wirklich nur gekommen, um zu helfen“, versicherte er, als die beiden eintraten.

Angie flitzte sofort nach oben, während Brett sich erst aus der Winterkleidung schälte. „Wie geht es ihr?“, erkundigte er sich.

„Sie hat ihre Sache richtig gut gemacht.“

„Hat?“

In dem Moment rief Angie von oben: „Brett! Komm schnell. Du wirst es nicht glauben!“

Zehn Minuten später hatte Brett die Nabelschnur durchtrennt und Mutter und Kind offiziell für gesund und munter erklärt. „Gut gemacht, Bruderherz.“

„Ja“, meinte Glory matt, „danke“, und mit einem Mal wagte Bowie daran zu glauben, dass es vielleicht doch keine so bescheuerte Idee gewesen war, zurückzukommen.

Irgendwann funktionierte auch das Telefon wieder, und der Rest der Familie meldete sich oder kam vorbei. Glorys Eltern starrten Bowie an, als hätten sie ein Gespenst gesehen, aber nachdem sich Glorys Vater, Little Tony, vom anfänglichen Schrecken erholt hatte, klopfte er Bowie freundlich auf die Schulter.

Die Dellazolas hatten Bowie schon immer unterstützt, auch damals, nach Johnnys Geburt, als Bowie Glory monatelang bekniet hatte, ihn zu heiraten. Als gute Katholiken vertraten sie die Ansicht, dass man einem Mann die Chance geben musste, das Richtige zu tun und die Mutter seines Kindes zu heiraten.

Während die Frauen nach oben eilten, setzte sich Tony zu Brett und Bowie in die Küche. Brett kochte Kaffee, und sie plauderten übers Wetter, über Basketball, über alles Mögliche, nur nicht über das Offensichtliche, nämlich über die Frage, was Bowie hier zu suchen hatte und wo er sich so lange herumgetrieben hatte.

Bis Little Tony sich ein Herz fasste. „Wie ist es dir in all den Jahren denn so ergangen, Bowie?“, fragte er. „Hast du einen Job?“

„Ich lebe in der Nähe von Santa Cruz und arbeite als Schreiner.“

„Auf dem Bau?“

„Als Möbelschreiner.“

„Damit kann man Geld verdienen?“

„Schon.“

„Aha. Fein. Schön, dass du wieder da bist.“

Viel herzlicher würde Bowie in der Stadt nirgends willkommen geheißen werden, das war ihm klar. Immerhin, ein paar Leute schienen sich tatsächlich über seine Rückkehr zu freuen, den Respekt der übrigen würde er sich verdienen oder ohne sie auskommen, so hatte er es sein Leben lang gehalten.

Er blieb unten, nachdem Brett und Tony längst gegangen waren. Ziellos schlenderte er durchs Erdgeschoss. Wann war noch mal die Schule aus? Um zwei? Um drei? Oder vier?

Das Haus war wunderschön, weit über hundert Jahre alt, aber gut in Schuss. Überall gab es praktische Einbauelemente, zum Beispiel Glorys Schreibecke in der Küche, eine Vitrine für das feine Porzellan im Esszimmer und hüfthohe Bücherschränke neben dem offenen Kamin im Wohnzimmer, die, genau wie der Kaminsims, mit aufwendigen Schnitzereien verziert waren.

Nachdem er die maßgefertigten Möbel bewundert hatte, zog er die Jacke über und ging nach draußen. Der Sturm hatte fast zwanzig Zentimeter Neuschnee mitgebracht, der das ausgedehnte Gelände zwischen dem Haus und einem Kiefernwäldchen bedeckte. In eine Atemwolke eingehüllt, stand Bowie an der Rückseite des Hauses und bewunderte die schneebedeckten Berge, die die kleine Stadt ringsum begrenzten.

Seine Stadt. Seine Heimat. Er konnte immer noch nicht ganz glauben, dass er an den Ort seiner Kindheit zurückgekommen war. An den Ort, wo er aufgewachsen war und so vieles kaputt gemacht hatte.

Kopfschüttelnd stapfte er durch den frischen, pudrigen Schnee zu der großen grauen Scheune, die fünfzehn Meter hinter dem Haus emporragte, und wischte die Fensterscheiben frei, um einen Blick hineinzuwerfen. Das Gebäude war unterteilt in einen kleinen Geräteschuppen für den Aufsitzrasenmäher und andere Gartengeräte und eine deutlich größere Werkstatt mit langen Werkbänken, Lochbrettern an den Wänden, an denen Werkzeug aller Art hing, aber auch mit einem frei stehenden Holzofen und einer Art Feldbett.

Nicht schlecht! Groß genug, um darin zu arbeiten und zu wohnen. Seine Gedanken überschlugen sich. Er brauchte nicht viel: ein Bett zum Schlafen und einen Ofen, der ihn in den langen Winternächten wärmte. Nur eine Telefonleitung würde er legen lassen, denn anscheinend funktionierte das Handy hier nicht, aber das war keine große Sache. Das Schwierigste würde sein, Glory von der Idee zu überzeugen.

Wer nicht fragt, der nicht gewinnt, würde Wily sagen. Allerdings hatte der Glory nicht gekannt. Die würde sich nie auf Bowies Vorschlag einlassen, nicht einmal, wenn ihr Leben davon abhing. Fragen würde Bowie sie vermutlich trotzdem. Aber das würde sich erst herauskristallisieren, wenn ein bestimmter Sechsjähriger von der Schule heimkam.

Bowie ging zum Haus zurück, klopfte den Schnee von den Schuhen und trat ein. In der Küche traf er auf Angie und ihre Tante Stella. Von Angie bekam er einen Teller mit köstlich duftender Suppe und ein warmes Lächeln, und plötzlich war er heilfroh, dass er gekommen war, um einmal im Leben für Glory da zu sein, als sie Hilfe brauchte. Ihre Schwester empfand das offenbar genauso.

Weil er sich nicht traute, nach oben zu gehen und nach Glory und der kleinen Sera zu sehen, ging er ins Wohnzimmer und fachte das Feuer im Kamin wieder an. Plötzlich hörte er die Haustür. Schritte näherten sich. Stoppten. Er stand auf und wandte sich langsam um. In der Tür, noch in Jacke, Mütze und Gummistiefeln, den Rucksack auf dem Rücken, stand ein hübscher, gut gebauter Junge. Er hatte Glorys braunes Haar und ihre großen Augen, aber auch das Grübchen im Kinn, das ihn eindeutig als Bravo identifizierte. In aller Ruhe musterte er Bowie von oben bis unten.

Bowie starrte zurück. Man hörte nichts als das Knistern der Flammen, aber für Bowie verschob sich die Achse seiner Welt, seine gesamte Perspektive veränderte sich mit einem Schlag. Er sah, was er längst wusste, nur sah er es jetzt mit dem Herzen, mit der Seele oder mit was auch immer. In diesem Moment jedenfalls begriff er, dass er eine Aufgabe hatte. Eine Aufgabe, die er schon viel zu lange vor sich hergeschoben hatte. Er konnte die Stadt nicht verlassen. Jedenfalls nicht in absehbarer Zeit.

„Ich kenne dich“, sagte der Junge schließlich. Sein Mund war genauso geschnitten wie der Mund, den Bowie jeden Morgen im Spiegel sah. „In Granny Chastitys Haus hängen Fotos von dir. Sie sagt, du bist mein Dad. Bist du aber nicht. Mein Dad ist tot. Ich hasse dich.“

4. KAPITEL

Was sollte Bowie dazu sagen? Eine passende Erwiderung gab es nicht. Nicht, dass Johnny ihm viel Zeit ließ, sich eine zu überlegen.

„Wo ist meine Mom?“, fragte der Junge.

„Sie, äh, ruht sich aus.“

Johnny ließ den Rucksack von den Schultern gleiten. „In ihrem Zimmer?“

„Ja.“

Er packte den Ranzen und drehte sich um.

„Wart mal!“

Johnny wirbelte herum. „Von dir lass ich mir nix sagen.“

Bowie grinste innerlich. Viele Jahre lang war das sein Standardspruch gewesen, und nur seine Mom war stets ruhig und gelassen genug geblieben, um zu ihm durchzudringen. „Deine Schwester ist heute Vormittag zur Welt gekommen.“

Der Junge riss erstaunt die Augen auf. „Geht’s meiner Mom gut? Wie heißt das Baby?“

„Deiner Mom geht es gut, aber sie muss sich ausruhen. Das Baby heißt Serafina Teodora, Sera. Du kannst hochgehen, aber zieh erst deine Sachen aus und sei leise. Und klopf an.“

Zu Bowies Erstaunen gehorchte der Junge aufs Wort. Bowie setzte sich ans Feuer, starrte in die Flammen und wartete. Keine Viertelstunde später hörte er leichte Schritte auf der Treppe. Er rührte sich nicht vom Fleck. Der Junge musste schon freiwillig kommen.

Die Schritte kamen näher. „Mom sagt, dass ich freundlich sein soll.“ Johnny war zwei Meter von Bowie entfernt stehen geblieben.

Bowie schnürte es die Kehle zu, als er ihn betrachtete. „Hast du deine Schwester gesehen?“

Johnny nickte. „Sie ist schrumpelig und rot. Ziemlich hässlich, finde ich.“

„So sehen Neugeborene nun mal aus. Ich finde sie wunderschön.“

„Dann brauchst du vielleicht eine Brille.“ Johnny betrachtete ihn skeptisch. „Bist du der besoffene Irre?“

Bowie wusste nicht, ob er lachen oder sich schämen sollte. „Früher ja, jetzt nicht mehr.“

Der Junge schien über diese Antwort nachzudenken. „Mom sagt, ich darf Milch und zwei Vollkornkekse haben, bevor ich Hausaufgaben mache.“

„Brauchst du Hilfe?“

Johnny schnaubte. „Ich bin doch kein Baby.“

„Ich bin jedenfalls da, wenn du was brauchst.“

Mit einem empörten Blick wandte sich der Junge zum Gehen, und Bowie schlich nach oben, um Bescheid zu sagen, dass er zu seiner Mutter gehen wollte.

„Gut schaust du aus.“ So begrüßte ihn seine Mutter noch an der Tür. „Fit und gesund.“

Sie selbst sah aus wie immer: groß, schlank, in Hose, Bluse und Strickjacke gekleidet. Nur hatte das braune Haar ein paar graue Strähnen mehr bekommen, und die Falten um Mund und Augen waren tiefer geworden. Chastity Bowie stand mit beiden Füßen auf dem Boden, managte das Sierra Star Bed and Breakfast mit Umsicht und war das Herz der Familie.

Die Pension hatte sich kein bisschen verändert, sie war noch genauso gemütlich und familiär wie früher. Weil im Wohnzimmer ein paar Gäste in der Lokalzeitung blätterten, führte seine Mom ihn in die Küche, ihren ganz privaten Bereich.

„Serafina Teodora – ein großer Name für ein kleines Baby“, meinte sie, nachdem sie sich eine Tasse Kaffee eingeschenkt hatte.

„Sie heißt nach Matteos Mutter.“

„Ja“, brummte Chastity, „die fromme Serafina, die dafür gesorgt hat, dass sie zu ihren Lebzeiten die einzige Frau im Leben ihres Sohnes war.“

„Ach, komm schon, Ma, Matteo war ein feiner Kerl. Durch und durch anständig. Glory und Johnny haben ihn geliebt.“

„Ich sag ja auch nichts gegen ihn, nein, ich mochte ihn. Er hat mich oft besucht.“

„Besucht?“

Chastity nickte. „Ja, stell dir vor. Wir haben richtig gute Gespräche geführt.“

„Was für Gespräche?“

„Er hat sich mir anvertraut, aber das spielt jetzt keine Rolle mehr. Er hat Glory glücklich gemacht und war gut zu Johnny, das ist das Wichtigste. Er hätte den Jungen sogar adoptiert, wenn Glory das nicht immer wieder hinausgezögert hätte.“

„Das wusste ich gar nicht.“

„Tja, hättest halt doch ein bisschen Kontakt halten sollen.“

Matteo wollte Johnny adoptieren. Das überraschte Bowie nicht, aber es gefiel ihm auch nicht. „Bei einer Adoption hätte ich aber auch ein Wörtchen mitzureden gehabt.“

Seine Mom musterte ihn von der Seite. „Ich denke, Glory hätte es auch falsch gefunden, dich aus dem Leben des Jungen zu streichen.“

„Bitte? Sie hat ihm doch nicht mal meinen Namen gegeben!“ Auf Johnnys Geburtsurkunde war als Familienname Dellazola eingetragen.

„Aber sie hat dich offiziell als Vater angegeben.“

Mr. Lucky, Chastitys alter Kater, war auf Chastitys Schoss gesprungen. „Du hast ein hartes Stück Arbeit vor dir“, meinte sie, während sie die karamellfarbige Katze kraulte. „Nicht nur wegen Johnny, sondern vor allem, weil Glory nichts mehr mit dir zu tun haben will.“

„Ich weiß, dass es aus ist zwischen uns, aber ich will ihr in der jetzigen Situation helfen, das bin ich ihr schuldig. Schließlich ist sie die Mutter meines Sohnes.“

„Erwartest du, dass ich dir das glaube?“

„Sie hat ihren Mann geliebt“, widersprach Bowie, „ich bin nur ihr Ex.“

Seine Mutter starrte eine Zeit lang in ihre Tasse. „Wie lange bleibst du?“, fragte sie unvermittelt.

„So lange wie nötig. Ich will eine Beziehung zu meinem Sohn aufbauen und sichergehen, dass Glory mit dem Baby allein zurechtkommt.“

„Sie ist nicht allein. Ihre Familie ist über die ganze Stadt verteilt.“

„Du weißt schon, was ich meine, Mom.“

„O ja. Wahrscheinlich besser als du.“

Als Bowie zu Glorys Haus zurückkehrte, traf er in der Küche auf ihre Mutter Rose, die am Herd stand und in einem Topf mit Pastasoße rührte, während sie eine sehr unruhige Sera im Arm wiegte. „Könntest du umrühren?“, fragte sie Bowie. „Dann bringe ich die Kleine zu ihrer Mama.“

„Ich bringe sie hoch“, bot er an.

Rose musterte ihn skeptisch. „Nachdem du ihr auf die Welt geholfen hast, wirst du sie auch unbeschadet die Treppe hochkriegen“, beschloss sie schließlich und reichte ihm zögerlich das winzige, in eine rosa Decke gehüllte Bündel.

Das Baby war leicht wie eine Feder, aber der Krach, den es veranstaltete, war ohrenbetäubend … bis Bowie es in den Armen hielt. Sofort verstummte die Kleine, blinzelte, sah ihn an und verzog das Mündchen zu dem kleinen O, das er schon kannte.

„Sie mag dich“, behauptete Rose und legte ihm ein Spucktuch über die Schulter. Bowie lehnte das Köpfchen der Kleinen behutsam an seine Schulter. Sera gab einen wohligen Laut von sich … und rülpste.

Jemand hatte Glorys Bett frisch überzogen. Sie trug ein blaues Pyjamaoberteil – der Rest war unter der Bettdecke verborgen – und sah schon viel munterer aus. Neben dem Bett stand eine weiße Stubenwiege.

„Sera wird unruhig“, erklärte Bowie.

„Gib sie mir.“ Glory nahm ihm das Kind ab und begann, ihren Pyjama aufzuknöpfen. Das war Bowies Stichwort, um sich ans Fenster zu stellen und auf die dunkle Straße hinauszuschauen. Das Gestrüpp am Ende der Straße, wo er als Kind kleine staubige Brombeeren gepflückt hatte, existierte immer noch.

Als er das Gefühl hatte, Glory hätte genug Zeit gehabt, um das Baby anzulegen, drehte er sich herum. „Wie fühlst du dich?“

„Als hätte mich ein Achtzehntonner überrollt.“ Sie strich dem Baby liebevoll über die Wange, aber als sie sich an Bowie wandte, verhärteten sich ihre Züge. „Ist was?“

Jetzt oder nie. „In eurer Scheune, da steht ein Feldbett, und einen Ofen gibt’s auch. Kann ich da wohnen, solange ich in der Stadt bin?“

„Wieso ziehst du nicht zu deiner Mom?“

„Bei ihr kann ich nicht arbeiten.“

„Was arbeiten?“

„Ich bin Möbelschreiner.“

„Du willst in meiner Scheune Möbel bauen?“

„Ja.“

„Kannst du denn so einfach weg von deiner Arbeitsstelle?“

„Ich bin mein eigener Chef und habe in meiner Firma alles so weit organisiert, dass ich eine Weile fortbleiben kann.“

„Du hast eine eigene Schreinerei? In Santa Cruz?“

„Mehr oder weniger, ja.“

Sie schnaubte. „Eher mehr oder eher weniger?“

„Das ist eine lange Geschichte.“

„Ich bin ganz Ohr.“

Er musterte sie eine Zeit lang schweigend, dann begann er, zu erzählen. „Ein halbes Jahr nachdem ich abgehauen bin, war ich am absoluten Tiefpunkt angekommen.“

„Aber du warst doch seit über einem Monat trocken, als du weggegangen bist.“

„Ich habe bald wieder mit Trinken angefangen. Du weißt ja, wie das ist mit Alkoholikern: Auf den ersten Drink folgt der nächste und so weiter. Eines Tages bin ich auf einer ziemlich wilden Party in den Bergen bei Santa Cruz gelandet, wo ich mich total abgeschossen habe. Als ich zu mir gekommen bin, lag ich auf einer gottverlassenen Schotterstraße mitten in der Wildnis, keine Ahnung, wie ich da gestrandet bin. Dort hat mich Wily Dunn aufgelesen, der Mann, der mein Leben umgekrempelt hat. Er hat mich zu sich nach Hause gebracht, mir beim Entzug geholfen und dabei, mein Leben in den Griff zu kriegen. Nach einer Weile durfte ich für ihn arbeiten, und da hat sich rausgestellt, dass ich ein Händchen für den Umgang mit Holz habe.“

„Das heißt, du arbeitest für ihn?“

„Bis letzten November, ja. Da ist er gestorben und hat mir seine Firma hinterlassen, Dunn Woodworkers.“ Er schwieg, um Glory die Möglichkeit zu geben, etwas einzuwerfen, doch sie zuckte nur die Achseln. „Es wäre toll, wenn ich deine Werkstatt benutzen könnte, solange ich in der Stadt bin. Außerdem wäre es viel einfacher, eine Beziehung zu Johnny aufzubauen, wenn ich hier wohne anstatt im Sierra Star.“

„Auf die paar Meter kommt’s doch nicht an.“

„Ich möchte aber präsent sein. Ständig.“

„Das geht auch, wenn du bei deiner Mom wohnst.“

„Aber wenn ich in die Scheune ziehe, sieht er mich mehrmals am Tag. Ich würde im Haus ein- und ausgehen.“

Sie schloss die Augen und seufzte. „Heißt, du willst die Mahlzeiten mit uns einnehmen?“

„Wenn’s geht. Ich werde versuchen, euch möglichst wenig zu stören. Und ich könnte mich nützlich machen, mit Gartenarbeit, Reparaturen, gerne auch im Laden …“

„Das heißt, du willst dich auf unbestimmte Zeit in meinem Haus einquartieren?“

Ja, das wollte er. Und ja, er hatte keine Ahnung, für wie lange. „Schau mal“, versuchte er es noch einmal, „je mehr Zeit ich mit Johnny verbringe, desto schneller geht es.“

„Geht was?“

„Ihn kennenzulernen, ihm alles zu erklären, ihm klarzumachen, dass ich Teil seines Lebens bin und nicht wieder gehe.“

Sie musterte ihn eindringlich. „Falls du dir einbildest, du könntest ihn mir wegnehmen, da liegst du falsch.“

„Das ist nicht meine Absicht.“

„Aber du hast …“

„Ich werde nicht wieder abhauen, ich will für ihn da sein, wann immer er mich braucht.“

Sie schnaubte. „Hast du dir das gut überlegt? Du willst immer für ihn da sein, egal wie schlimm es wird?“

„Ja.“

„Wenn er dich ins Herz schließt und du ihn verlässt …“ Tränen glitzerten in ihren braunen Augen, und Bowie kam sich plötzlich wieder vor wie der letzte Loser, der er viele Jahre lang gewesen war.

„Das wird nicht passieren, Glory“, versprach er. „Ich werde nicht mehr weggehen. Nie mehr. Egal, was geschieht.“

Ihre Lippen bebten. „Damit wir uns verstehen: Kein Alkohol!“

Die Erleichterung fühlte sich an wie ein Bad in einer Bergquelle. Glory ließ sich darauf ein. Er durfte bleiben. „Kein Tropfen.“

„Und keine Prügeleien.“

„Versprochen.“

Die dunklen Augen schienen ihn zu durchbohren, und unwillkürlich musste er an ihre erste Nacht denken, damals, in seinem Zimmer im Sierra Star.

Sie hatte da als Zimmermädchen gearbeitet und hatte es vom ersten Tag an auf ihn abgesehen. Jedes Mal wenn er an ihr vorbeiging, ließ sie die berüchtigten Dellazola-Grübchen blitzen, und immer fand sie einen Grund, an seine Tür zu klopfen.

Er versuchte, sich korrekt zu verhalten, auch wenn das nicht gerade zu seinen Stärken zählte. Monatelang ging er ihr möglichst aus dem Weg, schließlich war sie erst neunzehn, fünf Jahre jünger als er. Er war zu alt für sie, fand er, trank zu viel, prügelte sich zu oft und war noch aus jedem Job, den er ergattert hatte, geflogen. Außerdem kannte er sie praktisch von Geburt an. Sie war das Nesthäkchen der Familie und hatte früh begriffen, dass sie ihre Wünsche klar und deutlich äußern musste. Mit der Zeit hatte sich das magere, aufbrausende Kind in eine forsche, temperamentvolle und kluge Frau verwandelt, zu der er sich definitiv hingezogen fühlte. Trotzdem schwor er sich, die Finger von ihr zu lassen. Was von vornherein zum Scheitern verurteilt war.

An einem kü...

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Stella Bagwell
<p>Eigentlich ist Stella Bagwell gelernte Friseurin, tragischerweise entwickelte sie aber eine Haarspray-Allergie. Schlecht für sie, gut für ihre Leserinnen. Denn so verfolgte Stella ihr kreatives Talent in eine andere Richtung weiter und begann mit viel Enthusiasmus, Romane zu schreiben. Was ganz bescheiden auf einer alten Schreibmaschine begann, entwickelte sich auch...
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<p>Linda Turner wurde in San Antonio, Texas geboren. Sie hatte eine Zwillingsschwester Brenda. Keiner außer ihren Eltern und ihr älterer Bruder konnten sie auseinanderhalten. Sie zogen sich gleich an, hatten die gleichen Frisuren und trugen sogar die gleichen Brillen. Und so war es nicht verwunderlich, dass sie überall, wo sie...
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