Romana Exklusiv Band 397

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VERLIEB DICH NIE IN DEINEN BESTEN FREUND! von FIONA HARPER

Liebe ist für Coreen gleichbedeutend mit Selbstaufgabe. Die Männer sollen ihr zu Füßen liegen! Ungefährlich ist nur die Nähe ihres besten Freundes Adam, den ihr Sex-Appeal unbeeindruckt lässt. Aber plötzlich weckt ausgerechnet er romantische Gefühle in ihr …

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  • Erscheinungstag 07.02.2026
  • Bandnummer 397
  • ISBN / Artikelnummer 9783751539135
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Fiona Harper, Michelle Douglas, Rachael Thomas

ROMANA EXKLUSIV BAND 397

Fiona Harper

1. KAPITEL

Coreens Bekenntnisse

Nummer 1:

Der kleine Finger einer Frau ist erst korrekt gekleidet, wenn ein Mann darum herumgewickelt ist. Ich lege Wert auf korrekte Kleidung.

Zornig starrte ich den Mann an, der gerade in den Coffeeshop gestürmt war. Seinetwegen hätte ich beinahe meinen Mochaccino über mein geliebtes Pünktchenkleid geschüttet. Und dann hielt er mir noch nicht einmal die Tür auf!

Vermutlich hatte er dem grässlichen Wetter entfliehen wollen. Dass er mich nicht bemerkte, weil meine Anziehungskraft möglicherweise nachgelassen hatte, war ausgeschlossen.

Mühsam versuchte ich, die Tür mit dem Ellbogen zu öffnen, ohne dabei Kaffee aus den Bechern in meinen Händen zu verschütten. Es funktionierte nicht. Seufzend wandte ich mich um und drückte sie mit dem Po auf.

Draußen herrschte kein der Jahreszeit entsprechendes laues Sommerwetter. Es sah vielmehr nach einem verregneten Dezemberabend aus. Zum Glück musste ich nicht weit gehen.

Der Rüpel von eben drehte sie noch nicht einmal nach mir um, als ich hoch erhobenen Hauptes und mit gekonntem Marilyn-Monroe-Hüftschwung die Straße entlangging. Ich hatte mir Manche mögen’s heiß bestimmt fünfzig Mal ansehen müssen, bis ich ihren Gang perfekt imitieren konnte.

Trotzig straffte ich die Schultern, hob das Kinn und stöckelte auf meinen roten Stilettos weiter, zumindest der Aufmerksamkeit männlicher Passanten und Insassen der vorüberfahrenden Autos gewiss.

Von der High Street bog ich in die Church Street ab, überquerte eine belebte Kreuzung und gelangte gleich darauf in die Nelson Street. Der Anblick der adretten, cremefarbenen georgianischen Häuser hob normalerweise meine Stimmung – nicht so an diesem Abend. Das erste Geschäft in der Straße, ein Biocafé und morgendlicher Treffpunkt trendiger junger Mütter mit Hightech-Kinderwagen, hatte bereits geschlossen. Der Secondhandshop für Bücher nebenan wurde hauptsächlich von Studenten der nahe gelegenen Universität genutzt. Es folgte Susies Bäckerei, in der es ausschließlich Cupcakes gab, bunt glasierte oder verlockend glitzernde Köstlichkeiten, die mir das Wasser im Mund zusammenlaufen ließen. Ein Thai-Restaurant, ein Zeitschriftenladen und ein Geschäft namens Petal, in dem so ziemlich alles verkauft wurde, solange es rosa war, schlossen sich an.

Schließlich gelangte ich zu Coreens Kommödchen, dem drittletzten Geschäft in der Reihe, meinem Laden für Vintagekleider, der den Vergleich mit den besten Boutiquen Londons nicht zu scheuen brauchte.

In noch schlechterer Laune als beim Verlassen des Cafés trat ich ein und drehte wütend das Schild an der Tür um, sodass es draußen „Geschlossen“ anzeigte.

Kein einziger Pfiff, kein anerkennendes Hupen auf dem gesamten Weg! Hatte mein Sex-Appeal doch gelitten?

„Welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen?“, begrüßte mich meine Geschäftspartnerin Alice, als ich den koffeinfreien Latte vor sie auf die Ladentheke stellte. Sie war eine zarte, geradezu ätherische Person mit blassem Teint, rotem Haar und gertenschlanker Figur – abgesehen von einem riesigen Babybauch, den sie, im siebten Monat schwanger, stolz vor sich hertrug. Damit sah sie aus wie eine Pythonschlange, die zum Frühstück einen VW-Käfer verschlungen hatte.

Energisch nahm ich den Deckel von meinem Mochaccino. „Irgendetwas stimmt nicht mit der männlichen Bevölkerung Londons.“

Alice, die mich viel zu gut kannte, kicherte, und ich musste lachen. Ich trank einen Schluck Kaffee und sah sie genauer an. Sie wirkte blass und müde, stützte sich mit beiden Händen schwer auf die Theke und ließ einen Fuß, dessen Knöchel geschwollen war, kreisen.

„Meine Güte, du bist ja zu Tode erschöpft!“ Ich stellte den Becher ab, ging ins Hinterzimmer, holte ihren Schirm und ihre Handtasche und kehrte zu ihr zurück. „Geh nach Hause. Oder ruf besser Cameron an. Die Inventur schaffe ich auch allein.“ Ich fischte ihr Handy aus der Handtasche, drückte die Kurzwahlnummer ihres Mannes und reichte es ihr.

Innerhalb von fünfzehn Minuten war er da und brachte sie nach Hause, wo er ihr ein heißes Bad einlassen und sie nach Strich und Faden verwöhnen würde. Dazu waren Männer schließlich da.

Nachdem Alice fort war, holte ich mein purpurfarbenes Klemmbrett aus dem Hinterzimmer, das uns als Aufenthaltsraum und Büro diente, und machte mich an die Arbeit. Ich liebte meinen Laden, meine kleine Schatztruhe voller Vintagekleider und Accessoires. Häufig fiel es mir schwer, Kunden mit den auf wenigen Quadratmetern ausgestellten Herrlichkeiten ziehen zu lassen, doch irgendwie musste ich meine Lippenstifte und Feinstrümpfe ja bezahlen können.

Während ich ein Kleid nach dem anderen von meiner Liste abhakte, wurde es draußen zusehends dunkler. Von der einen oder anderen Studentengruppe abgesehen, war die Straße menschenleer. Der Betrieb in den Bistros und Weinbars würde frühestens in einer Stunde beginnen. Dann erst würde ich die raffinierte indirekte Beleuchtung einschalten, die die perlenbesetzten Handtaschen und eleganten Abendkleider im Schaufenster perfekt in Szene setzte, damit ihnen die gebührende Beachtung zuteilwerden konnte.

Den Rock meines rot-weiß gepunkteten Kleids sorgfältig um mich herum ausgebreitet, setzte ich mich wenig später auf den Boden und schob eine Haarsträhne aus der Stirn, die sich, dem Haarspray trotzend, aus meiner Retrofrisur gelöst hatte. Nun kamen die Schuhe an die Reihe. Ich nahm ein Paar nach dem anderen in die Hand, begutachtete es und hakte es ebenfalls ab.

Die silbernen Plateaustiefel hätte ich am liebsten für mich behalten. Gelegentlich kleidete ich mich zum Vergnügen im Stil der Siebziger, ansonsten war ich jedoch den Fünfzigern treu. Die Ära passte besser zu mir und meiner Figur. Für den aktuellen Schlankheitswahn war ich zu füllig. Ich hatte weder definierte Muskeln noch war ich sonnengebräunt oder benutzte Bräunungsspray. Stattdessen war mein Körper wie geschaffen für die Zeit der verführerischen Sirenen mit rot glänzenden Lippen und Sanduhrfigur.

Mein untergeschlagenes Bein begann zu kribbeln. Ich schüttelte es, um es aufzuwecken. Das laute Rascheln meiner Petticoats übertönte das Prasseln des Regens gegen die Schaufensterscheiben.

Mit leisem Bedauern stellte ich die Stiefel zurück ins Regal, vergaß aber, sie auf der Liste abzuhaken. Ich schnappte mir anbetungswürdige Abendpumps mit gestärkter Schleife über den Zehen und bewunderte sie eine Zeit lang. Plötzlich fiel mir ein, dass ich die silbernen Stiefel nicht abgehakt hatte. Ich legte die Pumps in meinen Schoß und griff nach dem Stift.

Was war nur los mit mir? Das Stöbern in Samt und Seide, das Berühren zarter Dessous bereitete mir doch sonst so große Freude. Dank großzügiger Unterstützung durch Alice’ Ehemann musste ich meine Ware nicht länger bei Wind und Wetter in zugigen Marktbuden anbieten. Coreens Kommödchen war der neue Laden für Vintagekleider im Süden Londons. Neben früheren Stammkunden zählten mittlerweile trendige junge Damen der Bessergestellten zu meiner Kundschaft, die geradezu versessen auf Vintagekleider und fast jeden Preis für Modelle klassischer Designer zu zahlen bereit waren.

Ich hatte mein Ziel erreicht und hätte eigentlich vor Freude um die vollen Kleiderständer herumtanzen müssen, statt trübsinnig auf dem Boden zu sitzen.

Fehlte Alice mir so sehr? Es war still ohne sie und ihr Geplapper, ohne ihre Begeisterungsstürme, wenn wir gelegentlich einen tollen Rock oder eine kostbare Bluse wiederentdeckten, die wir ganz vergessen hatten. Ihre Abwesenheit war jedoch nur ein Symptom für zahllose Veränderungen, die derzeit in meinem Leben passierten.

Einst der Mittelpunkt einer Clique freier, ungebundener junger Frauen, war ich jetzt die Außenseiterin. Meine Freundinnen lebten allesamt in festen Beziehungen und diskutierten den Anstrich der Kinderzimmer statt den nächsten Sturm auf die Stadt. Ich fühlte mich … einsam. Zurückgelassen.

Nicht, dass ich neidisch gewesen wäre. Kein bisschen.

Die Vorstellung, jeden Abend in mein kleines, rotes Backsteinhäuschen zu demselben Partner zurückzukehren, zu kochen, zu essen, Rechnungen zu bezahlen … Nein, das reizte mich nicht. Es war mir zu bieder, zu gewöhnlich. In meinen Augen bedeutete es Stagnation, die nur auf zweierlei Weisen enden konnte: Entweder stumpften beide Partner ab und akzeptierten ihr Schicksal, oder einer von ihnen erwachte eines Morgens, und der andere war fort. Für immer.

Neidisch war ich gewiss nicht auf das, was meine Freundinnen hatten, und ich wollte es auch nicht schlechtreden. Für mich wünschte ich mir jedoch etwas anderes.

Was genau, das wusste ich allerdings nicht, genauso wenig, wie ich das innere Nagen in mir deuten konnte. Ich fühlte mich, als stünde ich vor einer Kuchenauslage und könnte unter den zahllosen Köstlichkeiten nicht diejenige entdecken, die meine Gelüste perfekt befriedigte. Ein unangenehmes Gefühl!

Ich sah an mir herab, auf den herzförmigen Ausschnitt meines Kleids, der meine vollen Brüste betonte. Rundungen hatte ich bereits in zartem Alter bekommen. Wenig später hatte ich herausgefunden, dass Männer simple Geschöpfe waren: Eine kleine Ermutigung, und sie erstarrten zu lüsternen Salzsäulen. Volle Brüste und ein gezielt eingesetzter Schmollmund konnten einem Mädchen alles verschaffen, was es sich nur wünschte.

Seit einiger Zeit hatte ich jedoch den Verdacht, dass meine Anziehungskraft nachließ. Die Ereignisse dieses Abends verstärkten meine Sorgen nur. Außerdem gab es offenbar einen bestimmten Mann, der immun gegen meine Reize zu sein schien.

Seufzend betrachtete ich die silberfarbenen Stiefel. Ich hatte sie noch immer nicht abgehakt. Auch die Haarsträhne hing mir schon wieder lose in die Stirn, wie um sich über mich lustig zu machen.

Sei nicht albern! sagte ich mir und schob sie energisch zurück. Alles war in bester Ordnung. Erst am Morgen hatte ein Passant sich heißen Kaffee übers Sakko gekippt, als ich mich bückte, um das Gitter vor der Ladentür hochzuschieben. Mein Sex-Appeal war sehr wohl noch intakt!

Beherzt hakte ich die Stiefel ab und checkte alle weiteren Schuhe, ehe ich mich den Hüten und Accessoires für die Haare zuwandte. Ich war zur Hälfte damit durch, als ich hörte, dass das Klopfen an der Tür, das ich für Regen gehalten hatte, lauter und drängender wurde. So hartnäckig war selbst Londoner Regen nicht.

Erst wollte ich es ignorieren. Es war bereits nach Ladenschluss. Schließlich stand ich doch auf und ging zur Tür, die Hände in die Hüften gestemmt. Über dem „Geschlossen“-Schild sah ich ein Augenpaar und ein Büschel braunes Haar, zu wenig, um den Besucher zu identifizieren. Obendrein schirmte er die Augen mit einer Hand ab, während er versuchte, in den Laden zu spähen.

War das einer meiner liebeskranken Verehrer, wie meine Freundin Jenny sie nannte?

Plötzlich bemerkte er mich. Er nahm die Hand von den Augen und wich einen Schritt zurück. Im Dämmerlicht erkannte ich sein Lächeln, die Grübchen in den Wangen …

„Adam!“ Schnell öffnete ich die Tür.

Eine weiße Tragetasche am Arm und mit einem breiten Grinsen stand er im strömenden Regen.

Ich zog ihn ins Trockene und umarmte ihn stürmisch. „Was tust du hier? Ich dachte, du bist im Dschungel?“

„Das war ich. Jetzt bin ich zurück.“ Er lächelte, sodass seine braunen Augen geradezu Funken sprühten. Dieses Lächeln veranlasste einen Teil meiner Freundinnen, mich um Vermittlung eines Dates zu bitten, während der andere Teil sich hingerissen seufzend Luft zufächelte.

Natürlich verschaffte ich keiner von ihnen ein Date – aus gesundem Selbsterhaltungstrieb. Es hätte alles nur unnötig kompliziert. Im Gegenzug warfen sie mir absurderweise vor, Adam gegenüber Besitzansprüche zu hegen.

Ich führte ihn ins Hinterzimmer. Unterwegs stieg mir würziger Duft in die Nase. „Hast du etwas vom Chinesen mitgebracht?“

„Ich habe Alice angerufen, nachdem ich dich zu Hause nicht erreichen konnte. Sie hat mir verraten, wo du steckst. Sie sagte, du machst Inventur, und da dachte ich, du könntest Hunger haben.“ Er stellte die Tüte auf den Couchtisch.

Adam Conrad ist mein Lieblingsmensch. Er kann es geradezu wittern, wenn ich etwas zu essen brauche, und bringt zuverlässig exakt das Richtige. Habe ich Appetit auf Pizza, bringt er mir nichts vom Inder, keinen Kebab, wenn ich mich nach thailändischem Essen verzehre. Es muss ein besonderes Talent sein.

Als ich einen pinkfarbenen Korb vom Regal zog, sah er mich entsetzt an.

„Vom Laden nebenan“, erklärte ich, während ich die Lederriemen aufschnallte und den Deckel öffnete. Im Korb befand sich ein pinkfarbenes Picknickset. „Gänseblümchen oder Rosen?“ Ich hob je einen geblümten Teller hoch.

Adam schnitt ein Gesicht, lachte gleich darauf aber wieder fröhlich – wie fast immer. Wie konnte man nur ständig lächeln? „Ich esse lieber direkt aus dem Karton.“

Als ich stumm den Kopf schüttelte, ließ er sich auf das uralte Chintzsofa sinken. „Gib mir, was meiner Männlichkeit am wenigsten schadet.“

„Also Gänseblümchen.“ Ich lächelte spöttisch.

Er zog die Augenbrauen hoch – und lächelte gleich darauf noch breiter.

So ist Adam: Er lässt sich durch nichts aus der Ruhe bringen. Wie sehr ich mich auch anstrenge, er bleibt gelassen und unerschütterlich. Anfangs war es mir unerträglich, dass ich ihn nicht auf die Palme bringen konnte. Ich habe es lange geradezu darauf angelegt. Jetzt bin ich froh darüber. Mir ist bewusst, dass ich anstrengend sein kann, und in Momenten innerer Einkehr erkenne ich, dass ein Mann, der sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen lässt, ein Geschenk des Himmels ist.

Mit rosafarbenen Löffeln häuften wir Essen auf unsere Teller und aßen mit pinkfarbenen Gabeln. Dabei tauschten wir Neuigkeiten der letzten zwei Monate aus. Üblicherweise sahen wir uns häufiger, doch er war lange beruflich unterwegs gewesen. Ich zog ihn gern damit auf, dass das, was er seinen Job nannte, so etwas war wie ein Abenteuerspielplatz für Jungs: auf Bäume klettern, mit Holz und Seilen spielen …

„Geht’s dir wirklich gut?“

Verwirrt sah ich auf. Erst jetzt bemerkte ich, dass ich zwar eine Krabbe aufgespießt, die Gabel dann aber auf meinem Teller abgelegt hatte. „Ja, klar. Wieso fragst du?“

„Du bist für deine Verhältnisse ungewöhnlich schweigsam. Das bedeutet, ich kann in ganzen Sätzen reden, ohne dass du mich unterbrichst. Außerdem seufzt du ständig.“

„Mache ich das?“ Hastig wechselte ich das Thema. Noch war ich nicht bereit, ihm von meinem großen Kummer zu berichten. „Granny hat kürzlich eine seltsame Bemerkung fallen lassen …“ Ich nahm meine Gabel wieder in die Hand und tunkte die Krabbe in die passende Sauce. „Sie sagte, meine biologische Uhr tickt.“

Wie erwartet, brach Adam in lautes Gelächter aus.

„Das ist natürlich Blödsinn.“ Ich verschränkte die Arme vor der Brust und tat empört. „Falls diese Uhr existiert, was ich bezweifle, kann ich sie nicht hören. Und das müsste ich doch, schließlich geht es um mich.“

Adam zog den Karton mit den süßsauren Schweinefleischbällchen zu sich heran und bediente sich. „Es könnte an den Ohrenschützern liegen“, murmelte er.

Verwirrt sah ich mich um. Was meinte er damit? Dann entdeckte ich den offen stehenden Karton voller Winterware unterm Schreibtisch. Obenauf lagen babyblaue Ohrenschützer.

„Etwa an diesen?“ Ich zog sie hervor und ließ sie am Zeigefinger baumeln.

Adam verspeiste ein knuspriges Fleischbällchen, dann das nächste, ehe er antwortete: „Ich meine es im übertragenen Sinn und spreche von den Ohrenschützern, die du ständig trägst, damit du nicht hören musst, was du nicht hören willst. Du besitzt auch noch die dazu passenden Scheuklappen, aus gepunkteter Seide natürlich …“

Ich warf die Ohrenschützer nach ihm, aber er duckte sich. Das bot mir die Gelegenheit, mir ein Fleischbällchen zu schnappen.

„Dass du die Uhr nicht hörst, bedeutet nicht, dass sie nicht existiert … und tickt“, fuhr er zu meinem Entsetzen fort.

„Meine biologische Uhr tickt nicht.“

„Wie du meinst …“ Gleichmütig griff Adam nach den Ohrenschützern, die neben ihm auf dem Sofa gelandet waren, und setzte sie sich auf den Kopf.

Ich erklärte ihm, dass er sich irrte und warum ich die nie langweilige, nie berechenbare Coreen war und bleiben wollte, doch er nickte nur grinsend und deutete auf die Ohrenschützer: „Ich kann dich nicht hören.“

Am liebsten hätte ich ihm die Dinger vom Kopf gerissen und in den Mund gestopft, ich wollte jedoch keine makellose Ware vernichten. Stattdessen schnappte ich mir das nächste Fleischbällchen.

Endlich zog er die Ohrenschützer ab und warf sie mir zu. „Das kaufe ich dir nicht ab.“ Plötzlich wirkte er todernst. „Mit dir stimmt etwas nicht, und dabei geht es nicht um tickende Uhren. Bei jeder anderen hätte ich angenommen, dass sie in Schwierigkeiten steckt. In deinem Fall … Ich weiß aus sicherer Quelle, dass es in London zahllose Männer gibt, die nichts lieber tun, als dir wie Welpen hinterherzulaufen, und die sich überschlagen, dir zu Willen zu sein, sobald du nur mit den Fingern schnippst.“

Ich warf ihm einen vernichtenden Blick zu. „Aus welcher sicheren Quelle?“ Hatte eine Neiderin schlecht über mich geredet? Das kam gelegentlich vor.

„Du bist die Quelle. Es muss fast zwei Jahre her sein, es war in der Nacht, in der Daves Lieferwagen die Panne hatte. Wir waren auf dem Rückweg von einer Modenschau und mussten zwei Stunden auf Hilfe warten.“

Zugegeben, in gehobener Stimmung nach einer erfolgreichen Modenschau hätte ich so etwas sagen können. Dass er es mir zwei Jahre später aufs Butterbrot strich, hätte ich jedoch niemals erwartet.

Andererseits hatte er recht. Ich brauchte nur mit den knallrot lackierten Fingern zu schnippen, und ein Rudel Männer kam angelaufen. Das fühlte sich so großartig an, dass ich es gelegentlich nur um des Vergnügens willen tat.

Adam hatte sich entspannt zurückgelehnt und die Hände hinterm Kopf verschränkt. Er beobachtete mich teils amüsiert, teils skeptisch.

„Was siehst du mich so an?“, fragte ich, dumm genug, nach seinem Köder zu schnappen.

„Ich glaube, ich verstehe …“

Wusste er tatsächlich Bescheid? Statt mich wie sonst aufzuziehen, wurde er jedoch gleich wieder unangenehm ernst. Mir wäre es lieber gewesen, er hätte mich geneckt wie sonst. Ich wollte sehen, wie er sich das Lachen verbiss, seine Antwort absichtlich hinauszögerte, bis ich vor Ungeduld auf den Boden aufstampfte. Diesmal tat er es nicht.

„Ja.“ Er nickte selbstzufrieden, und sein Blick wurde seltsam hart. „Du hast endlich einen Welpen gefunden, der sich nicht auf den komplizierten Hindernisparcours einlässt, den du dir für ihn ausgedacht hast.“

2. KAPITEL

Coreens Bekenntnisse

Nummer 2:

Meine Wirkung auf Männer langweilt mich nicht. Sollte es je so weit kommen, ziehe ich Velourshosen an und lasse mich gehen.

„Endlich weißt du, wie es uns Normalsterblichen ergeht.“ Adam blickte grimmig drein, dann lachte er plötzlich, trocken und bitter statt wie sonst immer herzerfrischend fröhlich.

Meine Stimmung sank auf einen Tiefpunkt. Gereizt funkelte ich ihn an. „Deswegen musst du nicht gleich so … onkelhaft tun.“

Sein nächster Heiterkeitsausbruch ließ mich förmlich in die Luft gehen. „Was ist? Das Wort gibt es!“

Es passierte häufig, dass im Verlauf eines Gesprächs einer von uns vor Zorn kochte, während der andere sich großartig amüsierte.

„Außerdem irrst du dich total.“ Ich nahm meine Gabel wieder in die Hand. Mit einem Welpen ließ sich Nicholas Chatterton-Jones beim besten Willen nicht vergleichen. Höchstens mit einem eleganten Jagdhund mit ellenlangem Stammbaum.

Beim Gedanken an ihn musste ich seufzen. Er war mein Traummann: reich, attraktiv, charmant. Ich konnte nicht aufhören, an ihn zu denken, googelte ihn fast stündlich …

„Da, du hast es schon wieder getan.“

„Was?“ Im selben Moment bemerkte ich, dass ich schon wieder geseufzt hatte. „Lass mich in Ruhe! Es geht dich nichts an.“

Adam war auch keiner meiner Welpen. Er ließ sich eher mit einer Promenadenmischung vergleichen: struppig und hinreißend, bei engerem Kontakt konnte man sich jedoch Flöhe einhandeln.

Und er hatte mit seiner Bemerkung ins Schwarze getroffen.

Nicholas’ Schwester Isabella, die auf dem Spitznamen Izzi bestand, gehörte zu den einflussreichen jungen Damen der Gesellschaft, die Coreens Kommödchen zu ihrem Lieblingsjagdrevier erkoren hatten. Seit ihrem Abschluss an der Uni vor einigen Jahren befand sie sich auf der Suche nach einer geeigneten Aufgabe. Das ließ ihr reichlich Zeit für Partys, Salonbesuche und ähnliche Vergnügungen. Für ihre zahlreichen gesellschaftlichen Termine benötigte sie ständig neue Kleidung und Accessoires. Obendrein empfahl sie ihren Freundinnen Coreens Kommödchen, was dem Geschäft guttat.

Im Lauf der Zeit waren Izzi und ich uns näher gekommen. Wir waren mehr als bloße Bekannte, jedoch keine echten Freundinnen.

Vor einiger Zeit hatte ich ihr ein umwerfendes smaragdgrünes Cocktailkleid besorgt, seither lud sie mich zu der einen oder anderen ihrer legendären Partys ein. Bei einer dieser Gelegenheiten war ich ihrem Bruder zum ersten Mal begegnet.

Beim Gedanken an den hochgewachsenen Nicholas mit dem rabenschwarzen Haar und den markanten Wangenknochen seufzte ich erneut. Er hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit Johnny Depp und dazu einen eleganten Privatschulakzent, den nachzuahmen mir einfach nicht gelingen wollte.

Nicholas lebte in einer anderen Welt, in die ich, wie ich fand, großartig passen würde. Schließlich kleidete ich mich seit meiner frühen Kindheit stets glamourös. Es wurde höchste Zeit, einen zu meinem Äußeren passenden Lebensstil aufzunehmen.

Sollte ich je eine dauerhafte Beziehung eingehen, dann mit einem Mann, der mich anbetete. Obendrein musste er spannend und aufregend sein. Er durfte mich niemals langweilen, und ich musste zu ihm aufsehen können. Nicholas erschien mir in jeder Hinsicht als geeigneter Kandidat.

Bislang war ich ihm dreimal begegnet. Die ersten beiden Male hatte ich mich cool und zurückhaltend gegeben, damit er mich aus der Ferne bewundern und sich bei Izzi nach mir erkundigen sollte. Vergangenes Wochenende dann hatte ich zur Tat schreiten wollen.

Ein Rascheln riss mich aus meinen Gedanken. Adam bemächtigte sich gerade meines Anteils an den Fleischbällchen. Meinen vorwurfsvollen Blick quittierte er mit einem frechen Grinsen.

Offenbar gab es im Universum sogar zwei Männer, die mir nicht anbetend zu Füßen lagen. Allerdings zählte Adam ohnehin nicht. Seine Mutter hatte mit meiner Granny Badminton gespielt, wir kannten uns, seit ich acht und er zwölf war.

Ich reckte mich, zog den Behälter zu mir, spießte den letzten saftigen Fleischball auf und tunkte ihn in die dazugehörige Sauce. Genüsslich leckte ich sie ab, ehe ich in ihn hineinbiss. Adam, immun gegen meine Reize, widmete sich währenddessen den Krabbentoasts.

Männer starren zuerst auf meine Brüste, der zweite faszinierte Blick gilt meinen Lippen. Aus diesem Grund schminke ich sie immer rot. Karmesinrot, um genau zu sein, die Farbe von Blut, von Leidenschaft. Genau wie die Filmstars der Fünfziger. Es funktioniert. Manche Männer verschlucken sich an ihrem eigenen Speichel geradezu, wenn sie mich essen sehen – nicht wegen der Speisen.

Adam blieb gänzlich unbeeindruckt. Er war mein allerbester Freund. Als wir uns kennenlernten, besaß ich weder Brüste noch Taille. Daher irritierte seine Haltung mich nicht.

In der Schule hatte er mir die Rüpel vom Hals gehalten. Ich durfte mich an seinen Schultern ausweinen, als meine bevorzugte Boygroup auseinanderbrach und als ich mit fünfzehn meinen Pony versehentlich viel zu kurz abschnitt. Als Alice und ich endlich die Schlüssel zu unserem Laden in Händen hielten, war er der Erste, der davon erfuhr. Er kam mit einer Flasche Champagner herüber, und wir prosteten uns auf dem Ladenboden sitzend mit Pappbechern zu. Er war mein Motivator, mein großer Bruder, mein Beschützer, alles in einer Person. Nur mein Welpe war er nicht.

Erneut musste ich an Nicholas denken. Wieso fuhr er eigentlich nicht auf mich ab?

Am vergangenen Samstag hatte ich im roten schulterfreien Kleid die Blicke sämtlicher Männer auf mich gezogen. Er als einziger sah geradewegs durch mich hindurch. Später hatte ich mich der Gruppe um ihn angeschlossen und ihm meinen äußerst aufreizenden Augenaufschlag geschenkt. Es hatte ihn nicht für eine Sekunde aus der Fassung gebracht. Was stimmte nicht mit ihm?

Fünf Minuten intensiver Zuwendung genügten üblicherweise, dass ein Mann mir aus der Hand fraß. Nicht bei ihm. Es war zum Verrücktwerden!

Wenn er nur nicht so wunderbar und perfekt wäre! Es war so ungerecht! Seit drei Wochen fühlte ich mich hundeelend. Wenn nicht rasch etwas geschah, wäre ich bald reif für die Velourshose.

„Wer ist dieser Ausbund an Männlichkeit?“, fragte Adam in diesem Moment. Er gab sich entspannt und locker, ich merkte ihm jedoch an, dass er sich um mich sorgte. Es tat gut, ihn als großen Bruder und Beschützer zu haben. An seinen Schultern ließ es sich wunderbar weinen, wenngleich sie nicht ganz so breit und perfekt geformt waren wie die von Nicholas.

Gerade schien er jedoch nicht gewillt, meine Tränen mit seinem Hemd zu trocknen. Er sah mich durchdringend an, als wollte er meine Gedanken lesen.

Mir fiel keine schlagfertige Erwiderung ein. Mein Vorrat an frechen Bemerkungen war vorübergehend aufgebraucht. Ich warf ihm einen flehenden Blick zu, so weit ich dazu überhaupt imstande war.

Es schien zu helfen. „Wer auch immer es ist, er ist ein Idiot.“ Tröstend tätschelte er mir den Arm, zog mich zu sich aufs Sofa und überließ mir sogar die Seite, auf der die Federn nicht drückten.

Ich seufzte. Das Versteckspiel war vorüber. „Er heißt Nicholas Chatterton-Jones und ist der Bruder einer meiner besten Kundinnen.“

Adam runzelte die Stirn. „Der mit der Investmentfirma? Eagle irgendwas?“

„Genau der.“

„Der nur wegen einer Verletzung nicht ins englische Rugby-Nationalteam aufgenommen wurde?“

Wieder nickte ich. Ich kannte jedes Detail seiner Biografie – und der von drei Generationen vor ihm.

Erwartungsvoll sah ich Adam an. Gleich würden das Spiel beginnen, das wir immer begannen, sobald einer von uns am Boden zerstört war: Freund A berichtete, was los war, Freund B nickte an den passenden Stellen und murmelte Kommentare, die übertrieben optimistisch oder sogar haarsträubende Lügen sein durften.

„Er mag mich nicht.“

„Der Kerl muss blind sein!“ Adam lächelte jungenhaft, und sofort fühlte ich mich besser. Er war ein viel besserer Freund B, als ich es war, wusste genau, wie er mich aufmuntern konnte, und das Glitzern in seinen Augen ließ mich unweigerlich lächeln. Wie heftig wir manchmal auch stritten, ich konnte seiner Unterstützung immer sicher sein. Er war mein bester Freund.

„Und dann habe ich mich grässlich blamiert.“

„Unmöglich!“ Den sarkastischen Ton hätte er sich sparen können, andererseits brachte er mich damit fast zum Lachen.

Eine Weile ging es in dem Stil weiter. Ich berichtete, was sich auf der Party zugetragen hatte, er machte tröstende und amüsante Anmerkungen. Dennoch fühlte ich mich immer elender. Die Aneinanderreihung peinlicher Details ließ irgendwann sogar Adam das Lachen vergehen. Nach einer Weile schwiegen wir. Es war sinnlos.

Erschöpft lehnte ich den Kopf an seine Schulter. Natürlich hoffte ich auf Erfolg, diesmal war ich mir dessen jedoch nicht sicher. Für einen Mann unsichtbar zu sein war neu für mich. Es rief unangenehme Gedanken bei mir hervor.

„Was mache ich nur falsch?“ Adam als Mann musste doch zumindest eine Ahnung davon haben, wie Nicholas tickte.

Das ist es! Abrupt setzte ich mich auf. „Wieso findest du mich eigentlich nicht attraktiv?“

Adam blickte mich verblüfft an. Die Geschlechterfrage war zwischen uns kein Thema, und ich sah ihm an, dass er lieber nicht darüber reden wollte. „Ich habe nie behauptet, dass ich dich nicht attraktiv finde.“

„Warum hast du dann nicht … Warum hatten wir nie …?“

„Warum wir nie etwas miteinander hatten?“

So formuliert, hörte es sich geschmacklos und billig an. Adam war kein Mann für eine flüchtige Affäre. Der Gedanke, eine Frau könnte ihn als leicht zu ersetzen ansehen, gefiel mir nicht.

„Ich weiß doch, wie du Männer behandelst, und habe nicht vor, jemals für dich durch den Reifen zu springen. Soll ich dir zeigen, wie du es machst?“ Erstaunlich gut imitierte er meinen Augenaufschlag und verlieh seiner Stimme ein rauchiges Timbre. „Adam, Darling, könntest du mich heute Abend zu einer Party begleiten? Ich bräuchte dringend moralische Unterstützung.“ Er tat, als schleuderte er langes Haar über die Schultern, und ich musste lachen.

Adam dagegen lächelte nur gequält. „Auf besagter Party stellte sich bald heraus, dass ich lediglich der Lockvogel war.“

„Das stimmt nicht!“, protestierte ich vehement.

Er sah mich, die Augenbrauen hochgezogen, an, und ich verstummte. Ich hatte den Vorfall längst verdrängt, genau wie andere unschöne Ereignisse aus jener Zeit. Jetzt stand alles wieder deutlich vor mir: Adams versteinerte Miene, wie er im Sturmschritt davonging …

Betreten biss ich mir auf die Lippe, was, wie mir bewusst war, auf Männer aufreizend wirkte. „Das ist schon ewig her. Wir waren Teenager, und die begehen Dummheiten.“

„Du meinst, sie küssen ihren besten Freund in aller Öffentlichkeit, weil der aktuelle Romeo nicht funktioniert, wie er soll?“

Verdammt, genau so war es gewesen! Danach hatte Adam einen Monat lang kein Wort mit mir gesprochen, so sehr ich ihn auch umschmeichelte, anflehte und mit allen mir bekannten Tricks bearbeitete. Als ich mir nicht mehr zu helfen wusste, ging ich zu ihm, ganz ohne Tricks, sogar ohne Make-up, und bat um eine neue Chance. Zum Glück lenkte er ein. Seither war das Thema Mann und Frau zwischen uns tabu.

„Es tut mir leid. Ich bin eine grässliche Person. Kein Wunder, dass Nicholas nichts mit mir zu tun haben will.“

Adam zog mich wieder an sich und stieß den Atem hörbar aus. „Du bist toll, das weißt du. Allerdings gestattest du den Männern in deinem Leben nur, Welpen zu sein. Ich weigere mich, an der Leine zu gehen. Deswegen und aus diversen anderen Gründen sind wir lediglich Freunde.“ Er küsste mich auf den Kopf, und ich lächelte halbherzig.

Er war jedoch noch nicht fertig. „So leid es mir für dich tut, ich fürchte, bei Nicholas hast du keine Chance.“ Bedauern klang anders.

Ich sah ihn scharf an. „Wie kommst du darauf?“

„Für Männer wie Chatterton-Sowieso ist weniger oft mehr.“

„Du glaubst, ich bin zu …?“ Was für ein Etikett mochte am besten zu mir passen? „Möglich.“

„So bin ich aber! Ich ändere mich für niemanden, nicht einmal für Nicholas Chatterton-Jones.“

„Das sollst du auch nicht. Unter all dem hier …“, er machte eine Geste, die meine mit Spray fixierte Frisur, die roten Lippen und das Pünktchenkleid umfasste, „… steckt eine wunderbare Frau. Vergiss das nie.“

Ich wusste genau, wie ich ungeschminkt und unfrisiert aussah. Mein Outfit reflektierte jedoch meine innere Einstellung, meine Gefühle. „Seit wann bist du Experte in Beziehungsfragen?“ Schmollend verschränkte ich die Arme vor der Brust und rückte ans entgegengesetzte Ende des Sofas. „Seit Hannah hattest du keine Freundin mehr, und das ist Jahre her.“

Adam imitierte meine Haltung. „Ich investiere viel Zeit in meine Firma. Das lässt keinen Raum für Beziehungen. Außerdem finde ich es unfair, mit Menschen zu spielen und sie fallen zu lassen, wann es mir passt.“

Verschwunden war der liebenswerte, freundliche Adam, den ich kannte. Vermutlich zeigte ich mich gerade selbst nicht von meiner charmantesten Seite. Klein beigeben wollte ich dennoch nicht.

„Du hast mir nie verraten, wieso Hannah dich verlassen hat. Hat sie es nicht länger ertragen, dass du deine gesamte Zeit im Gartenschuppen verbringst?“

Das war ein Schlag unter die Gürtellinie, wie ich wusste. Adam hatte ihn herausgefordert.

„Ich war nicht mit ganzem Herzen bei der Sache. Das war ihr gegenüber unfair“, murmelte er gequält. „Und ich kann es nicht ausstehen, wenn du meine Arbeit herabwürdigst. Ich bin stolz auf meinen Erfolg. Dich unterstütze ich schließlich auch nach Kräften.“

Das nahm mir den Wind aus den Segeln. Ich fühlte mich grässlich. Er hatte ja recht! Ich ging meinem besten Freund an die Kehle, weil ein anderer mir nicht zu Füßen fiel.

„Es tut mir leid“, entschuldigte ich mich. Mehr brachte ich nicht heraus, weil ich plötzlich das Gefühl hatte, einen dicken Kloß im Hals zu haben.

„Entschuldigung angenommen.“ Adam legte seine Linke auf meine Rechte und drückte sie leicht. „Du bist verknallt in diesen Nicholas, oder?“

Allmorgendlich trage ich mit viel Mühe flüssigen Eyeliner und drei Schichten Mascara auf. Um das Kunstwerk nicht zu zerstören, weine ich nie. Das Kribbeln an meiner Nasenwurzel bedeutete jedoch, dass ich kurz davorstand.

Wieso war Nicholas mir eigentlich so wichtig – abgesehen davon, dass er aussah wie ein griechischer Gott und Geld wie Krösus besaß? Etwas an ihm zog mich magisch an. Er erschien mir wie das Kuchenstück, das meinen nagenden Hunger und meine Gelüste perfekt befriedigen konnte.

Das Kribbeln an meiner Nasenwurzel wurde stärker. Blinzelnd blickte ich zu Boden. Ich trug wunderschöne Peep-Toes, natürlich in Rot. Selbst ihr Anblick machte mich traurig.

Adam rückte näher, neigte sich vor und sah mir in die Augen. „Coreen …?“

Trotzig schob ich die Unterlippe vor. „Vielleicht hast du ja recht, und ich bin zu viel für ihn. Jetzt ist es ohnehin zu spät. Es heißt, er könnte bald vom Markt sein. Er soll sich für eine andere interessieren.“

„Das hat dich doch noch nie gestört.“

Das trug ihm einen Klaps auf den Arm ein. „So schlimm bin ich nicht! Ich habe noch keiner Frau den Mann gestohlen. Wenn einer bei meinem Anblick beschließt, dass er ohne mich nicht leben kann, ist das schließlich nicht meine Schuld.“

„Das liebe ich so an dir: diese Bescheidenheit.“

Erneut schlug ich ihn, musste aber lächeln. Wie schaffte er das nur immer wieder?

Er wollte mir ebenfalls einen leichten Schlag auf die Schulter geben. „Wer ist diese Frau? Glaubst du, du kannst sie ausbooten?“

Als ich seine Hand abwehrte, begann er, gegen meinen Oberarm zu boxen.

„Ich schlage dich, wenn du nicht sofort damit aufhörst.“

„Leere Drohungen!“

„Es ist diese grässliche Louisa Fanshawe.“ Im Faustkampf wäre ich gegenüber der gertenschlanken Louisa klar im Vorteil. Allerdings würde ich ihretwegen keinen Fingernagel riskieren.

„Sie soll wirklich unangenehm sein! Es heißt, sie leistet viel Wohltätigkeitsarbeit, besucht kranke Kinder im Krankenhaus, setzt sich für Obdachlose ein … Ekelhaft!“

Unsanft stieß ich ihm den Ellbogen zwischen die Rippen. Adam sollte mich unterstützen, nicht sich auf ihre Seite schlagen! Und woher kam so plötzliche seine gute Laune? Ich beschloss, meine Wut an der Kontrahentin auszulassen.

„Sofern sie nicht gerade für irgendeinen Designer über den Laufsteg flaniert.“ Ich sah ihre dünnen Gliedmaßen vor mir, die riesigen Augen, den Schmollmund. Schön war das Fashionmodel nicht, jedoch eine auf zurückhaltende Art interessante Erscheinung. Die Verflossenen von Nicholas glichen sich erschreckend: klapperdürr mit Schmollmund.

Seufzend sah ich an mir herab. Davon hatte ich nicht gerade viel zu bieten. Ich war zum Scheitern verdammt!

Das wollte ich Adam erklären, doch er konzentrierte sich gerade ganz auf den letzten Krabbentoast. Ritterlich bot er ihn mir an. Ich lehnte dankend ab, woraufhin er ihn mit einem Happs verspeiste.

„Wie gesagt, der Kerl ist ein Idiot.“

Mir wurde warm ums Herz. „Ich liebe dich, mein bester Freund.“ Seufzend legte ich ihm die Arme um den Nacken und zog ihn an mich.

Eine Weile hielt er mich schweigend fest. Seine gleichmäßigen Atemzüge beruhigten mich. „Das lässt sich kaum vermeiden“, flüsterte er an meinem Nacken.

3. KAPITEL

Coreens Bekenntnisse:

Nummer 3:

So eitel ich auch bin, manchmal ertrage ich es nicht, mich im Spiegel anzusehen.

Während der nächsten Tage blies ich Trübsal. Ich fürchtete, dass Granny recht haben könnte und meine biologische Uhr tickte.

Beim nächsten Sonntagsbesuch bei ihr erwähnte ich nichts davon. Wie üblich ließen wir uns Braten schmecken und wollten uns später einen alten Film ansehen. Nach dem Essen ging ich, wie jeden Sonntag, ins Gästezimmer, öffnete den Schrank und betrachtete den Inhalt: Bühnenkostüme meiner Mutter, die vor zehn Jahren in einem schäbigen Gästehaus in Blackpool an einer Kohlenmonoxidvergiftung durch einen defekten Boiler gestorben war. Als sie abends nicht pünktlich zu ihrem Auftritt im Club erschien, wurde sie kurzerhand durch eine andere Sängerin ersetzt.

Wie fast jedes Mal zog ich eines der Kleider hervor, diesmal ein paillettenbesetztes mit dicken Schulterpolstern, das vermutlich aus der Zeit stammte, als Mum und Dad sich kennenlernten. Ich stellte mir vor, wie sie im Look von Joan Collins eine zarte Rockballade ins Mikrofon hauchte, gefühlvoll und mit geschlossenen Augen. Sie hatte eine großartige Stimme gehabt, voll und rauchig, und Menschen mit ihrem Gesang tief berührt. Zu einer großen Karriere hatte ihr die Energie gefehlt. Ihre ganze Kraft steckte sie in die Suche nach meinem Vater, der sie verlassen hatte.

So sehr ich die Kleider auch liebte, ich probierte sie nie an, aus Angst, im Spiegel meiner Mutter zu begegnen. Ihre Hoffnungslosigkeit in meinem Blick.

„Nimm sie mit, und mach sie zu Geld“, sagte Granny, die lautlos hinter mich getreten war.

Kopfschüttelnd hängte ich das Kleid in den Schrank zurück und schloss ihn.

Granny lächelte verständnisvoll. „Wie wär’s mit einer Tasse Tee? Der Dirk-Bogarde-Film fängt gleich an.“

„Gern.“ Meine unerschütterliche, bodenständige Granny hatte erstaunlicherweise zwei Generationen von Drama-Queens in die Welt gesetzt. Ich liebte sie sehr und hatte es genossen, bei ihr in ihrem Reihenhäuschen aufzuwachsen, in dem es immer Kekse und liebevolle Umarmungen gab. Wenn ich von der Schule erzählte, hörte sie mir konzentriert zu, ganz anders als Mum, die ständig geistesabwesend zu sein schien.

Auch körperlich war sie nur selten da. Als Sängerin trat sie in Clubs und Pubs im ganzen Land auf oder hatte Engagements auf Kreuzfahrtschiffen. Ihre große Hoffnung war, unterwegs Dad zu begegnen und dass er sich von Neuem in sie verliebte.

Es bedrückte mich, mir vorzustellen, wie sie einsam einem Mann nachtrauerte, der sie nie so innig geliebt hatte wie sie ihn. Umso glücklicher waren die Erinnerungen an ihre guten Phasen, wenn sie nach Hause zurückkehrte, in Grannys Gästezimmer wohnte, mir Geschenke mitbrachte und beim Einschlafen meine Hand hielt.

Am allerliebsten dachte ich an die Momente, wenn sie mich ihre Kleider anprobieren ließ, mir das Haar aufsteckte und meine Augenlider mit silbernem Lidschatten schminkte. Dann stolzierte ich in ihren Schuhen durchs Schlafzimmer, sang ihre Songs und imitierte ihre Tanzschritte, bis sie lachend auf dem Bett zusammenbrach.

„Keks?“ Granny hielt mir die alte Keksdose hin.

Gedankenverloren war ich ihr ins Wohnzimmer gefolgt und hatte mich in einen Sessel gesetzt. Gleich würde der Film beginnen. Ich nahm einige Kekse, legte sie auf die Armlehne und freute mich darauf, mich in eine Welt entführen zu lassen, in der es edle Männer gab und Frauen mit schmalen, geschwungenen Augenbrauen. Gefühle wurden durch dramatisch anschwellende Streichmusik ausgedrückt, die Schauspieler brauchten lediglich mit zu Fäusten geballten Händen und zusammengepressten Lippen herumzustehen.

Krisen durch elegantes Herumstehen zu bewältigen, während um mich her die Musik anschwoll, könnte mir gefallen!

Bevor der Vorspann abgelaufen war, klingelte mein Handy. Um Granny nicht zu stören, ging ich zum Telefonieren in die Küche.

„Wie gut, dass du dich meldest.“

Die Stimme und der Tonfall, der Nichtigkeiten eine dramatische Dringlichkeit verlieh, waren mir vertraut. „Hallo Izzi. Was kann …?“

„Ich habe eine geniale Idee, und du musst mir helfen, sie umzusetzen.“

Izzis Einfälle waren meist anstrengend und deren Umsetzung eilig, dafür wurde es mit ihr nie langweilig. Außerdem mochte sich mir die Chance bieten, Nicholas zu begegnen.

„Meine Eltern sind verreist, und ich darf am Wochenende ihr Landhaus für eine Party benutzen“, fuhr sie bereits fort. „Wie findest du das?“

Sie legte eine Pause ein, in der ich meiner Begeisterung Ausdruck verleihen sollte. Ich konnte mir jedoch nichts Faderes vorstellen, als ein Wochenende mit in Tweed gehüllten Menschen durch Wald und Flur zu streifen und womöglich auf Tiere zu schießen. Umso lieber würde ich Nicholas Gesellschaft leisten, der den Großteil seiner Zeit in seinem weißen Haus in Belgravia, London, verbrachte, wie es hieß.

„Toll. Was hat das mit mir zu tun?“

„Ich werde ein Krimi-Wochenende veranstalten.“

Sollte ich einen Einbruch für sie begehen? Jemanden umbringen? Dachte sie, ich würde mich in den entsprechenden Kreisen bewegen?

„Was muss ich mir darunter vorstellen?“

„Der Krimi spielt in den Dreißigern. Die Kleider und das ganze Drum und Dran sollen möglichst authentisch sein. Da kommst du ins Spiel. Ich kann Karnevalskostüme nicht ausstehen.“

Beim Gedanken an Izzi im Superman-Anzug mit künstlichem Sixpack und Bizeps hätte ich beinahe losgeprustet.

„… es wäre großartig, wenn du sie besorgen könntest.“

Mist! Wieder einmal war ich in Gedanken abgeschweift und hatte nichts mitbekommen. Glücklicherweise hielt ich etliche Phrasen für solche Fälle parat. „Was genau stellst du dir vor?“

Eine weitschweifige Erklärung folgte. Ich sollte für Izzis Gäste Originalkleidung aus den Dreißigern beschaffen, in denen sie im Stil einer Agatha Christie auf Mörderjagd gehen würden: Tageskleider, Anzüge, Abendgarderobe, Accessoires. Das Beste vom Besten für acht Personen. Plötzlich erschien mir die Zukunft rosig. Wenn es so weiterging, könnte ich in ein oder zwei Jahren eine Filiale im West End eröffnen.

„Es wird großartig“, versprach Izzi. „Jeder Gast verkörpert eine bestimmte Person. Ich schicke dir gleich eine E-Mail mit den Details, damit du dich auf die Suche nach geeigneten Outfits begeben kannst.“

„Welchen Preisrahmen stellst du dir vor?“

„Die Kosten spielen keine Rolle. Ich habe übrigens schon eine großartige Rolle für dich gefunden.“

Insgeheim hatte ich auf eine Einladung gehofft. Es hätte jedoch auch bei einer rein geschäftlichen Transaktion bleiben können. Nun jubelte ich innerlich.

Izzi beschrieb mir die einzelnen Personen: Lords und Ladys, Zimmermädchen und Debütantinnen. Dann verriet sie mir, wer mit von der Partie sein würde. Als sie Nicholas nannte, schien mein Herz einen Schlag lang auszusetzen.

„Ich kann es kaum erwarten!“ Endlich bot sich mir Gelegenheit, Nicholas abseits einer überfüllten Cocktailparty zu begegnen. Ich würde einen Gang zurückschalten, wie Adam es mir geraten hatte, und mich von meiner entspannten, witzigen Seite präsentieren. Schon sah ich vor meinem inneren Auge, wie wir vor dem Dinner einen Cocktail nahmen, mit Blick auf die in Morgendunst gehüllte Landschaft frühstückten …

„… und du musst einen Mann mitbringen“, beendete Izzy ihre Rede.

Im Geist malte ich mir gerade aus, wie ich mit Nicholas über eine von Glockenblumen überwucherte Lichtung schlenderte, dabei in ein Kaninchenloch trat und mir den Knöchel verrenkte. Mein Held Nicholas nahm mich umgehend auf seine starken Arme und trug mich zurück zum Haus, als wäre ich federleicht. Es war schließlich eine Fantasie. Ich legte den Kopf an seine Brust …

„Was?“, fragte ich entgeistert.

„Das ist unverhandelbar! Hugh hat sich beim Bungee-Jumping ein Bein gebrochen, und Jonathan will unbedingt an einem albernen Kricketmatch teilnehmen. Mir fehlt ein Mann, den musst du dir besorgen.“

Die Fantasien von Nicholas, den Glockenblumen und dem schönen Gefühl in seinen Armen platzten wie Seifenblasen. Nur gut, dass Izzi mich gerade nicht sehen konnte. Ich blickte drein, als hätte ich in eine Zitrone gebissen, und biss die Zähne aufeinander.

Ein Date zu Izzis Wochenende einzuladen kam nicht infrage. Das würde alles verderben! Ein liebeskranker Anbeter würde es mir unmöglich machen, Zeit allein mit Nicholas zu verbringen. Obendrein wäre es unfair, einen meiner Welpen zu ermutigen, wenn der einzige Mann, dem derzeit mein Interesse galt, Nicholas war.

„Ob ich das so schnell schaffe?“, murmelte ich, doch Izzi lachte nur.

„Es heißt, du hättest etliche Männer an der Hand, die alles für ein Wochenende mit dir täten. Du findest bestimmt einen.“

In dieser Hinsicht irrte Izzi. Es interessierten sich zwar zahlreiche Typen für mich, ich hingegen überlegte mir gut, wem ich ein Date schenkte. In meinem Leben gab es weniger Männer, als so mancher glaubte.

Was sollte ich nur tun? Ließ Izzi sich mit leeren Versprechungen abspeisen, oder bestand sie auf ihrer Bedingung? Zuzutrauen wäre es ihr. Sie war fast so unberechenbar und launisch wie ich. Erwischte ich sie auf dem falschen Fuß, könnte es passieren, dass sie mich wieder auslud. Ich jedenfalls würde es an ihrer Stelle tun.

Plötzlich kam mir eine Idee, so großartig wie simpel, bis auf die Tatsache, dass der infrage kommende Mann kaum bereitwillig zustimmen würde. Irgendwie musste es mir gelingen, ihn zu überreden.

„Kein Grund zur Sorge. Ich weiß genau den Richtigen.“

„Wieso habe ich das Gefühl, dass an der Sache ein Haken ist?“, fragte Adam, der mir gegenüber im Ruderboot saß. In seinen Augen glitzerte es, was ich als gutes Zeichen wertete. Es bedeutete in der Regel, er würde zustimmen, zuvor aber seinen Spaß mit mir haben wollen.

Ich rückte den Sonnenschirm zurecht, den ich zum Schutz vor der stechenden Junisonne aufgespannt hatte. „Ein Haken?“

„Du hast mich zwar zu einem gemütlichen, entspannten Ausflug in den Park eingeladen. Dennoch bin ich es, der die Arbeit tut, während du faul dasitzt und dir ein Eis schmecken lässt.“

„Du bekommst auch eins, wenn die Zeit rum ist, das habe ich dir versprochen“, erinnerte ich ihn. Warten hatte noch niemandem geschadet.

Er tauchte die Ruderblätter tief ins Wasser und zog sie dann kraftvoll durch. Mein Blick fiel auf die zarten Härchen auf seinen Unterarmen, die im Sonnenlicht glänzten, während seine Muskeln sich rhythmisch an- und entspannten. Der Anblick eines rudernden Mannes hatte einen besonderen Reiz. Ich nahm mir vor, beim Wochenende auf dem Land eine Bootsfahrt mit Nicholas zu unternehmen.

Zu Übungszwecken versuchte ich, eine möglichst vorteilhafte Position zu finden, die nicht allzu unbequem war und mich zugleich elegant und ätherisch wirken ließ.

„Jetzt übertreibst du“, murmelte Adam.

Ich ignorierte ihn, schloss die Lider und wandte mein Gesicht der Sonne zu. Das Glitzern in seinen Augen war immer noch da, ich meinte, es geradezu hören zu können.

„Lass mich auch mal probieren“, bettelte er.

Plötzlich merkte ich, dass wir nur noch dahintrieben, statt flott übers Wasser zu gleiten, doch es war bereits zu spät. Als ich die Augen aufmachte, war Adam schon fast bei mir. Seine Augen funkelten, was an der grellen Sonne liegen musste. Meine Wangen glühten ebenfalls, und ich rückte den Sonnenschirm zurecht.

Adam lächelte, und der Blick seiner schokoladenbraunen Augen zog mich in seinen Bann. Bald nahm ich nichts anderes mehr wahr. Mir wurde ganz seltsam zumute, als wäre ich seekrank, obwohl das Boot sich kaum bewegte. Zugleich hatte ich ein Gefühl, als wären wir die einzigen Menschen im gesamten Greenwich Park.

Inzwischen war Adam mir nahe genug, um an meinem Eis zu lecken. Stattdessen griff er nach dem Hörnchen und riss es mir aus der Hand. Gleich darauf gab es einen Platsch, das Boot schlingerte, und ich saß allein darin, während Adam durch das knietiefe Wasser ans Ufer watete und dabei genüsslich mein Eis verspeiste.

Vor Schreck hätte ich beinahe den Sonnenschirm fallen lassen, ein besonders schönes Exemplar. Dann hätte Adam ernsthaft Probleme bekommen! Gerade noch rechtzeitig fing ich ihn auf und klappte ihn zu. Missmutig wechselte ich auf den Platz meines Partners und schnappte mir die Ruder, Adams hämisches Lachen vom sicheren Ufer aus im Ohr.

Rudern konnte ich ausgezeichnet. Granny und ich hatten uns das preiswerte Vergnügen früher häufig gegönnt.

Innerlich kochte ich vor Zorn. Je näher ich Adam kam, desto lauter lachte er. Ich hätte ihn umbringen können! Andererseits brauchte ich ihn. Schließlich wollte ich, dass er mir einen Gefallen tat. Also unterdrückte ich Stolz und Wut.

Bis ich den Bootsanleger erreichte, hatte ich mich wieder unter Kontrolle. Ich warf dem Teenager vom Verleih eine Kusshand zu und schwebte elegant wie Grace Kelly mit hoch erhobenem Haupt auf Adam zu, fest entschlossen, mich durch ihn nicht aus der Ruhe bringen zu lassen.

Adam hatte mir bereits ein neues Eishörnchen besorgt. Ich nahm es entgegen, und wir gingen weiter. „Jetzt bist du mir etwas schuldig.“

Er protestierte nicht, jedenfalls nicht sofort. Eine Weile schlenderten wir nebeneinanderher und widmeten uns unseren Eishörnchen. „Ein halbes Eis gegen ein ganzes Wochenende auf dem Land in alberner Verkleidung?“

„Das Eis war köstlich!“ Ich fing einen Tropfen mit der Zunge auf.

Adam sagte nichts, schluckte aber heftig, wie ich aus den Augenwinkeln wahrnahm. Dabei blickte er seltsam drein, als wollte er etwas sagen, das mir gar nicht gefallen würde. Vorsichtshalber ging ich schneller.

Mit wenigen Schritten holte er mich ein. „Wenn du dir mein jüngstes Projekt ansiehst, sind wir quitt.“

„Ich sehe mir jede deiner Konstruktionen an!“

„Nicht in letzter Zeit. Du wärst überrascht, was ich heutzutage baue.“

Das wagte ich zu bezweifeln. Ein Schuppen glich dem anderen, ein Ferienhäuschen dem nächsten. Ich war durchaus stolz auf Adam, der sein Hobby zum Beruf gemacht hatte und seinen Lebensunterhalt damit verdiente. Glamourös war sein Job jedoch nicht. Wo Holz war, gab es Spinnen, und die konnte ich nicht ausstehen.

„Meinst du das Baumhaus in Kent?“

„Das ist schon seit Monaten fertig. Ich spreche von dem Hotelprojekt in Malaysia.“

Vor Schreck hätte ich mich beinahe verschluckt. „Den Flug dorthin kann ich mir nicht leisten. Ich spare für eine neue Filiale.“

„Du sollst nicht dafür bezahlen, ich lade dich ein.“ Diesmal ging er schneller, sodass ich auf meinen Stöckelschuhen kaum hinterherkam.

„Gut, einverstanden.“ Insgeheim schmiedete ich bereits Pläne, wie ich mir Tausende Flugkilometer ersparen konnte, nur um ein paar Baumhäuser im Dschungel anzusehen, ohne mein Wort direkt zu brechen. Ich mag den Dschungel nicht oder vielmehr das, was ich mir darunter vorstelle. Im Palmenhaus in Kew Gardens, meiner einzigen Erfahrung mit einer urwaldähnlichen Umgebung, war es unangenehm heiß und so schwül, dass mein Haar sich unweigerlich kräuselte.

Unvermittelt blieb Adam stehen und sah mich durchdringend an. Ich versuchte, nicht nervös zu zappeln. Er wusste, ich würde alles daransetzen, um zu kneifen. Außerdem war ihm klar, dass ich wusste, dass er es wusste. Es war anstrengend. Und peinlich.

Ich wollte Adam nicht versetzen, aber eine Reise in den Dschungel im Austausch gegen ein Wochenende auf einem idyllischen englischen Landsitz …?

„Wenn ich mitkomme, würde ich dir nicht helfen, diesen Nicholas einzufangen. Mir gefällt nicht, was ich über ihn weiß.“

Dass er wieder einmal den großen Bruder herauskehrte, war unangenehm. Ich war jedoch bereit, es zu akzeptieren, wenn ich im Gegenzug bekam, was ich wollte.

„Dabei brauche ich keine Hilfe. Du sollst Izzi bei Laune halten. Das Wochenende ist für mich geschäftlich wichtig. Wenn Izzi nicht mit mir zufrieden ist, kann ich meine Expansionspläne begraben. In ihren Kreisen hört man auf sie. Ich will ihren Einfluss zu meinen Gunsten nutzen.“

„Warum soll ausgerechnet ich dich begleiten? Lade doch einen deiner Welpen ein.“

„Du kommst mit allen Menschen gut zurecht und fügst dich überall perfekt ein. Außerdem brauche ich jemanden, der weiß – nicht nur denkt –, dass ich toll bin.“

Da war es wieder, sein Lachen. Wieso nahm er mich eigentlich nie ernst?

Ich räusperte mich und sah ihn an. „Tust du es?“

Adam wandte sich um und ließ den Blick durch den Park schweifen, bis hin zur Themse, den eleganten georgianischen Gebäuden und den silbernen Wolkenkratzern am anderen Ufer.

„Ich denke darüber nach.“

4. KAPITEL

Coreens Bekennt...

Autor

Michelle Douglas
<p>Das Erfinden von Geschichten war schon immer eine Leidenschaft von Michelle Douglas. Obwohl sie in ihrer Heimat Australien bereits mit acht Jahren das erste Mal die Enttäuschung eines abgelehnten Manuskripts verkraften musste, hörte sie nie auf, daran zu arbeiten, Schriftstellerin zu werden. Ihr Literaturstudium war der erste Schritt dahin, der...
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Rachael Thomas
<p>Vor über zwanzig Jahren wählte Rachael Thomas Wales als ihre Heimat. Sie heiratete in eine Familie mit landwirtschaftlichem Betrieb ein und konnte in ihrem neuen Zuhause endlich Wurzeln schlagen. Sie wollte schon immer schreiben; noch heute erinnert sie sich an die Aufregung, die sie im Alter von neun Jahren empfand,...
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Fiona Harper
<p>Als Kind wurde Fiona dauernd dafür gehänselt, ihre Nase ständig in Bücher zu stecken und in einer Traumwelt zu leben. Dies hat sich seitdem kaum geändert, aber immerhin hat sie durch das Schreiben ein Ventil für ihre unbändige Vorstellungskraft gefunden. Fiona lebt in London, doch sie ist auch gern im...
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<p>Das Erfinden von Geschichten war schon immer eine Leidenschaft von Michelle Douglas. Obwohl sie in ihrer Heimat Australien bereits mit acht Jahren das erste Mal die Enttäuschung eines abgelehnten Manuskripts verkraften musste, hörte sie nie auf, daran zu arbeiten, Schriftstellerin zu werden. Ihr Literaturstudium war der erste Schritt dahin, der...
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Rachael Thomas
<p>Vor über zwanzig Jahren wählte Rachael Thomas Wales als ihre Heimat. Sie heiratete in eine Familie mit landwirtschaftlichem Betrieb ein und konnte in ihrem neuen Zuhause endlich Wurzeln schlagen. Sie wollte schon immer schreiben; noch heute erinnert sie sich an die Aufregung, die sie im Alter von neun Jahren empfand,...
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